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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 28
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.
... und niemand lacht

In dieser Nacht stand der Mann, der Dan nach Elkhead gesandt hatte, Jim Silent, an der Einmündung der engen Schlucht unterhalb von Saltons altem Haus. Er hatte die Wache. Oben im Haus saßen Terry Jordan, Rhinehart und Hal Purvis zusammen und spielten Poker. Bill Kilduff entlockte seiner Mundharmonika allerlei einschläfernde Melodien. Seine Musik ging schließlich den anderen drei auf die Nerven, besonders Jordan und Rhinehart, weniger Purvis, der unentwegt gewann.

»Laß jetzt endlich das verdammte Gedudel sein!« platzte Jordan schließlich heraus. Er schlug mit der Faust auf den Tisch. »Dein Gewimmer geht mir gegen den Strich. Kein Mensch kann vernünftig nachdenken, wenn du mit dem Ding loslegst. Meinst du denn, wir wären auf einer Versammlung der Heilsarmee, Bill?«

Kilduff setzte das Instrument ab, pumpte sich die Lungen voll Luft, blinzelte mit seinen kleinen Augen und begann von neuem in einer noch höheren Tonart.

»Nimm dich in acht, Terry«, mahnte Rhinehart halblaut. »Mit Kilduff ist heut abend nicht gut Kirschen essen.«

»Was ist ihm denn wieder über die Leber gelaufen?« knurrte Jordan. Er schien keineswegs Wert darauf zu legen, mit einem berüchtigten Kampfhahn wie Kilduff Händel zu bekommen.

Rhinehart deutete mit dem Daumen über die Schulter.

»Das Mädel da drin! Kilduff ist dem Chef nicht grün, weil er sie so rauh angefaßt hat.«

»'s paßt mir auch nicht,« sagte Purvis, »aber ich hätte mir gern noch was Schlimmeres geleistet, als der Chef, um Lee Haines zu befreien.«

»Haines zu befreien,« sagte Kilduff mit Grabesstimme, »das bild' dir nur nicht ein, daß dafür Aussicht ist. Wenn das möglich wäre, wär' ich auch dem Chef nicht aufsässig Kates wegen.«

»Vielleicht ist doch 'ne Art von Aussicht«, meinte Rhinehart.

»Den Teufel was!« rief Kilduff. »'ne Aussicht – ein Mann gegen 'n ganzes Nest voll? Ich will dir was sagen, das einzige, was der Chef zuwege gebracht hat, ist, daß Dan Barry mit Kugeln gespickt worden ist.«

»Well,« sagte Purvis, »und wenn's so wär' – dann wär' das Spielchen doch schon der Mühe wert?«

Alle feixten, selbst Kilduff lächelte.

»Der alte Joe Cumberland, der nimmt freilich die Sache schwer«, sagte Rhinehart. »Den ganzen Tag hat er auf das arme Mädel losgewettert.«

»Ja, und was so komisch ist,« sagte Purvis nachdenklich, »ist, daß der alte Knabe es wirklich ernst meint. Ich glaub', der hätte sich auch die rechte Hand abgehackt, damit sie nicht zu Dan geht.«

»Und jetzt sitzt sie da mit einem Gesicht wie ein Leichentuch und starrt ins Nichts. Und dann versucht sie noch den Alten zu trösten«, rumpelte Kilduff. Die ungewohnte Gemütserregung zwang ihn von seinem Sitz hoch. »Du lieber Gott, das arme Mädel hat sich noch für das, was sie getan hat, entschuldigt und versucht, ihm gut zuzureden – und dabei war die ganze Zeit ihr eigenes Herz voll zum Bersten.«

Er zerrte ein seidenes Tuch in schreienden Farben aus der Tasche und trocknete sich damit die Stirn.

»Wer ist das? Da singt einer unten in der Schlucht«, sagte Jordan. »Es hört sich an, wie ...«

Er beendete seinen Satz nicht, als fürchte er, falsch zu prophezeien. Sie sprangen gleichzeitig auf und starrten einander hilflos an.

»Haines!« platzte Rhinehart schließlich heraus.

»Das ist doch gar nicht möglich,« sagte Kilduff, »und doch – bei Gott – er ist's!«

Sie stürzten nach der Tür. Im Dunkel waren undeutlich zwei Gestalten zu erkennen, die sich näherten. Der eine zu Fuß, der andere zu Pferd.

»Haines!« schrie Purvis. Seine schrille Stimme überschlug sich in der Erregung.

»Ja, ich bin's!« antwortete der angenehme Bariton des mächtigen Buschkleppers. Gleich darauf trat er mit Jim Silent zusammen über die Schwelle.

Alle drängten sich mit strahlenden Gesichtern um ihn. Sie schüttelten ihm endlos die Hand und klopften ihm begeistert auf den Rücken. Kilduff und Rhinehart drängten ihn rücklings in einen Stuhl. Jordan lief eilig nach Whisky. Aber Haines schob die Flasche von sich weg.

»Keinen Alkohol jetzt für mich! Ich muß meinen Atem sauber halten«, sagte er. »Ich habe mit einem Frauenzimmer zu sprechen. Wo ist Kate?«

Die anderen warfen sich unbehagliche Blicke zu.

»Mach' dir keine Sorgen, sie ist hier«, sagte Silent hastig. »Jetzt erzähl' uns, wie du losgekommen bist.«

»Nachher,« sagte Haines, »erst muß ich Kate sprechen.«

»Was hast du bloß für 'ne Eile, das Mädel zu sehen?« sagte Kilduff. Haines lachte triumphierend. »Du bist eifersüchtig, Bill. Mann, verstehst du denn nicht, sie hat nach mir geschickt! Sie selbst hat den Pfeifenden Dan nach mir geschickt!«

»Das mag schon sein,« sagte Kilduff, »aber ich weiß nicht, was das mit meiner angeblichen Eifersucht zu tun hat. Erzähl' uns von dem Spektakel in Elkhead.«

»Jawohl, jawohl,« sagte Jordan, »wir können nicht warten, Lee.«

»Ein Wort genügt, um alles zu erklären: Barry!« sagte Haines.

»Was hat er gemacht?« Diesmal fragten alle auf einmal.

»Er kam ins Gefängnis gestürzt, während ganz Elkhead mit dem Revolver in der Faust hinter ihm her war – schlug meine Wächter nieder – schloß meine Handschellen auf – weiß der Himmel, wo er die Schlüssel her hatte – packte mich auf meinen Gaul – jagte mit mir davon – zwei Mann hat er niedergeschossen, den dritten hat sein Wolf vom Pferd gerissen – meinen Gaul hat er dazu gebracht, über einen Holzzaun zu springen, der beinah doppelt so hoch war wie ich – und hier bin ich!«

Alle fuhren sich mit dem Finger zwischen Haut und Halstuch. Es schien ihnen plötzlich zu eng um die Kehle geworden zu sein. Jim Silents Augen glänzten.

»Und ganz Elkhead weiß, daß er's gewesen ist, der dich aus dem Gefängnis befreit hat?« fragte er gierig.

»Und ob! Er hat ihnen einen Denkzettel hinterlassen«, antwortete Haines. »Aber wo ist das Mädel, Jim?«

»Großer Gott!« sagte Silent begeistert. »Jetzt hab' ich den Burschen erwischt. Die ganze Welt steht jetzt gegen ihn – Gerechte und Ungerechte – der ist geliefert ...«

Er brach ab.

»Oder fühlst du dich vielleicht so ungewöhnlich dankbar, Lee, daß du meinst, du mußt zu ihm halten?«

»Er hat mir ins Gesicht gesagt, ich sei ihm verhaßt wie Pech und Schwefel«, sagte Haines. »Dankbar? Da wär' ich eher einem Panther dankbar, der mir zufällig einen Gefallen getan hat. Und jetzt, wo ist Kate?«

»Laßt ihn erst mit dem Mädel sprechen«, sagte Silent. »Das ist noch der rascheste Weg, wenn wir was von ihm erfahren wollen. Ruf' sie heraus, Haines. Wir anderen machen einen kleinen Spaziergang, solang du mit ihr zu reden hast.«

Kaum waren sie zur Tür hinaus, als Haines zu Kates Zimmer hinüberlief und laut anklopfte. Augenblicklich flog die Tür auf, und Kate stand vor ihm. Als sie ihn sah, fuhr sie zusammen.

»Ich bin's, Kate«, rief er fröhlich. »Ich bin von den Toten wieder auferstanden.«

Sie trat über die Schwelle und schloß die Tür wieder hinter sich.

»Was ist mit Dan geschehen? Sagt's! Ist er – ist er verwundet worden?«

»Dan?« wiederholte er mit einem Lächeln der Ungeduld. »Nein, verwundet ist er nicht. Er hat mir aus der Patsche geholfen, hat mich aus dem Gefängnis befreit. Es ist nicht abgegangen, ohne daß er zwei oder drei von den Burschen auf den Rücken gelegt hat.«

Ihr Kopf sank ein wenig in den Nacken. Das Licht war düster. Zum erstenmal konnte er ihr Gesicht deutlich sehen und die geisterhafte Blässe bemerken, die es überzog.

»Kate, liebste Kate, was ist denn los?« fragte er besorgt.

»Was ist mit Dan geschehen?« fragte sie mit schwacher Stimme.

»Ich weiß es nicht. Er ist geächtet. Jetzt ist er geliefert. Das ganze Land hat er jetzt zum Feind. Aber warum zerbrecht Ihr Euch bloß den Kopf über ihn, Kate – er selbst hat mir doch erzählt, daß du mich liebst ...«

Sie raffte sich zusammen.

»Lieben? Euch?«

Sein Gesicht zog sich zu beinah lächerlicher Länge.

»Aber wieso – Dan kam, um mich zu holen – er sagte selbst, Ihr habt ihn geschickt – er –« er stotterte, war unfähig, weiterzusprechen, aus allen Himmeln gefallen.

»Wißt Ihr, warum ich ihn geschickt habe? Dann seht hierher!« antwortete sie, öffnete ihre Tür und machte ihm ein Zeichen, einzutreten.

Er folgte ihr und erblickte Joe Cumberlands hagere Gestalt. Der alte Rancher lag auf einer Decke, die längs der Wand auf den Fußboden gebreitet war, und schlief.

»Da habt Ihr den Grund«, flüsterte sie.

»Wie kommt er hierher?«

»Fragt doch den Teufel in Menschengestalt danach! Fragt doch Euren teuren Freund, Jim Silent!«

Gebeugten Kopfes kehrte Haines in das große Zimmer zurück. Seine Gefährten waren bereits wieder zurück. So sehr sie sich auch beherrschten, gelang es ihnen nicht, ein Grinsen zu unterdrücken, das Bände sprach.

»Wo ist Silent«, fragte er mit düsterer Stimme.

»Silent? Silent ist weg«, sagte Jordan.

Hal Purvis zog Haines zur Seite.

»Ruhig Blut!« sagte er mahnend.

»Sie haßt mich, Hal«, sagte der mächtige Kerl melancholisch. »Bei allem, was heilig ist, habt Ihr wirklich kein anderes Mittel gewußt, um mich zu befreien?«

»Nicht das geringste! Rappel dich zusammen, Lee! Du hast keinen Grund, irgendeinem von uns etwas krumm zu nehmen. Wär's dir lieber, jetzt in Elkhead an einem Strick zu baumeln?«

»Scheint, es war 'ne Art von – Jux –« sagte Haines.

»Stimmt. Aber 'n Jux von der Art, über die man nicht lacht.«

»Und der Pfeifende Dan?«

»Der ist geliefert. Er hat uns alle zu Feinden, und jetzt wird die ganze Gegend uns helfen, ihn zur Strecke zu bringen.«

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