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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Black Bart als Krankenpfleger

Buck Daniels Mutter erwachte. Ein Kratzen und Knurren an der Tür hatte sie geweckt. Sie alarmierte ihren Gatten und ihren Sohn. Gemeinsam gingen sie zur Haustür, Buck mit schußbereitem Revolver an der Spitze. Als er den Wolf erblickte, fuhr er zurück und hob die Waffe, aber Black Bart wedelte gunstheischend um seine Füße.

»Schieß nicht – das ist ein Hund, und da haben wir auch seinen Herrn!« rief der alte Sam. »Bei Gott, man hat einen Toten auf den Gaul gebunden.«

Dan saß nicht mehr auf seinem Rappen, er lag darauf. Sein Kopf hing tief nach unten. Einzig der Riemen, mit dem er sich festgeschnallt hatte, bewahrte ihn vor dem Fallen. Satan war völlig am Ende seiner Kraft. Er stand mit weit auseinandergespreizten Beinen, sein Kopf hing herunter, und sein Atem kam in kurzen, keuchenden Zügen. Sam durchschnitt den Riemen, und Buck ließ den schlaffen Körper in seine Arme gleiten.

»Buck, ist er tot?« flüsterte Mrs. Daniels.

»Ich kann keinen Herzschlag spüren«, sagte Buck. »Hilf mir ihn ins Haus schaffen, Dad.«

»Achtung! Der Gaul!« rief Sam.

Buck machte, seine Last auf den Armen, gerade noch rechtzeitig einen Sprung nach rückwärts. Satan wankte, seiner Erschöpfung nachgebend, fiel wie ein Sack zu Boden und lag, alle Viere von sich streckend, eher wie ein toller Hund als wie ein Pferd.

»Laß den Gaul in Ruh'«, sagte Buck. »Hilf mir lieber mit dem Mann. Er hat einen bösen Schuß abgekriegt.«

Mrs. Daniels rannte voraus und steckte eine Lampe an. Mit größter Sorgfalt legten sie den leblosen Körper auf ein Bett. Dan bot einen erschreckenden Anblick. Das schwarze Haar war in wirren Strähnen in das vollständig blutlose Gesicht gefallen, der Mund stand kraftlos offen, und die Lippen waren von Staub geschwärzt.

»Dad«, sagte Buck. »Mir ist, als hätte ich den Menschen schon einmal gesehen. Weiß der Himmel, ob er lebt oder tot ist.«

Er ließ sich auf die Knie nieder und drückte das Ohr auf Dans Brust über dem Herzen.

»Ich höre sein Herz nicht klopfen. Ma, gib mal den Handspiegel her.«

Sie hatte ihn schon in der Hand und hielt ihn jetzt dicht vor Dans Lippen. Nach einer Weile nahm sie ihn weg, und drei Köpfe beugten sich eifrig darüber.

»'s ist just ein Hauch drauf! Er lebt!« rief Buck.

»Es ist nichts«, sagte Sam. »Das Glas ist nicht ganz klar, das ist alles.«

Mrs. Daniels fuhr mit dem Finger über das Glas. Er hinterließ eine Spur, die nicht zu verkennen war.

Jetzt verloren sie keinen Augenblick weiter. Heißes und kaltes Wasser wurde gebracht. Die Wunde wurde gewaschen, das geronnene Blut ringsherum entfernt, und während Frau Daniels und ihr Mann den Verband anlegten, rieb und knetete Buck den schlaffen Körper, um das stockende Blut wieder in Umlauf zu bringen. Seine Bemühungen wurden belohnt. Nach ein paar Minuten stieß Dan einen tiefen Seufzer aus.

Buck stieß einen Triumphschrei aus. Dann plötzlich sagte er:

»Weiß Gott, jetzt erkenn' ich ihn, es ist Dan Barry.«

»Du hast recht«, sagte Sam. »Buck, heut nacht war irgendeine Teufelei im Gang. Das ist sicher, es hat mehr als einer dazu gehört, um ihm so übel mitzuspielen.«

Sie arbeiteten gemeinsam wie besessen. Jetzt war der Pulsschlag wieder deutlich spürbar. Der Atem ging in regelmäßigen Zügen, wenn auch schwach. Ein leiser Anflug von Farbe stieg unmerklich ins Gesicht.

»Der Arm wird in wenigen Tagen schon wieder einigermaßen im Lot sein,« sagte Frau Daniels, »aber 's ist sehr leicht möglich, daß er Wundfieber bekommt. Sieh dir an, wie er den Kopf auf dem Kissen hin und her wirft und vor sich hin murmelt.«

Dan schlug einen Augenblick die Augen auf, aber sein Blick war fremd und verständnislos.

»Wir wollen jetzt hinunter und uns um den Gaul kümmern«, sagte Buck.

Das war keineswegs eine leichte Aufgabe. Als sie herantraten, arbeitete sich Satan schnaubend in die Höhe und blieb mit krampfhaft ausgestreckten, zitternden Beinen stehen. Sein Kopf hing schwer und bleiern herab. Sogar in dem verglasten Ausdruck der Augen verriet sich die Erschöpfung, und trotzdem funkelte darin ein ungezähmter Haß gegen die Fremden, die Hand an ihn legen wollten. Trotzdem wäre das Tier fähig gewesen, Widerstand zu leisten. Da mischte sich Black Bart ein. Plötzlich stand er mit gesträubtem Rückenhaar und gefletschten Zähnen vor den beiden Männern.

»Mach die Haustür auf, damit er Dans Stimme hören kann«, schlug Sam vor.

Es geschah. Ein schwaches, fiebriges Gestammel drang aus dem Haus. Es war Dans Stimme. Der Wolf drehte den Kopf und winselte fragend zu Satan hinauf. Es war, als mache er ihm Vorwürfe, daß er noch immer am selben Fleck verharrte, wo doch die Stimme des Herrn in der Ferne zu hören war. Dann raste er auf die offene Tür zu und verschwand im Haus.

»Mach, daß du reinkommst, Buck,« rief Sam, »er wird Ma zu Tod erschrecken.«

Sie rannten hinein. Black Bart stand mit allen Vieren über dem auf dem Bett ausgestreckten Körper seines Herrn und knurrte zu der bemitleidenswerten Frau Daniels hinüber, die angstvoll in einer Ecke zusammengekrochen war. Es erforderte viel Mühe und Geduld, bis es gelungen war, dem Wolf die Überzeugung beizubringen, daß man seinem Herrn nichts Übles wollte.

»Was hat der verdammte Köter bloß?« erkundigte sich Sam hilflos. »Er hat doch vorhin ohne weiteres zugelassen, daß wir Dan aus dem Sattel hoben.«

»Schön, das stimmt schon,« meinte Buck, »aber er mißtraut mir noch. Ich kann dir sagen, jedesmal, wenn er mir in die Nähe kommt, läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken.«

Black Bart hatte sich zu der Ansicht durchgerungen, daß man ohne besondere Befürchtungen den drei fremden Menschen erlauben durfte, Dan anzufassen, er trottete im Zimmer umher und beschnüffelte alle drei eingehend, immer noch mit gesträubtem Rückenhaar und einem grollenden Knurren in der Kehle. Schließlich – man konnte es ihm ansehen – beschloß er, die drei einstweilen zu dulden, aber gleichzeitig ein scharfes Auge auf sie zu haben. Er ließ sich neben dem Bett auf die Hinterschenkel nieder. Sein Blick folgte jeder Bewegung, die Frau Daniels machte. Die Männer gingen wieder hinunter, um sich um den Rappen zu kümmern. Das Tier stand noch immer, wie es gestanden hatte, mit tief gesenktem Kopf. Wenn der furchtbare Nachtritt noch eine Meile länger gedauert hätte, wäre Satan unter seinem Herrn tot zusammengebrochen.

Trotzdem versuchte er, als sie sich näherten, den Kopf hochzuwerfen und davonzulaufen. Buck faßte die baumelnden Zügel dicht am Gebiß. Satan versuchte ihm einen Schlag mit dem Vorderhuf zu versetzen. Ungeschickt und schwerfällig war die Bewegung, wie wenn ein Kind versucht, einen Erwachsenen zu schlagen. Buck wich ohne alle Mühe aus. Satan stieß ein herzbrechendes Wiehern aus. Er hatte seine Hilflosigkeit eingesehen, jetzt rief er nach seinem Freund Black Bart. Aus dem Innern des Hauses antwortete das wehmütige Heulen des Wolfes.

»Großer Gott!« stöhnte Buck. »Jetzt wird uns der schwarze Teufel wieder über den Hals kommen.«

Sam feixte: »Nee, da sei mal ruhig, der trennt sich jetzt nicht von seinem Herrn. Komm her, altes Roß!«

Aber es erforderte harte Arbeit, mit Zerren und Schieben den Rappen in den Stall zu bringen. Schließlich waren sie so weit, daß das Tier abgesattelt vor einer Krippe voll Futter stand. Die beiden Männer kehrten ins Haus zurück. Es war ihnen beiden zumute, als hätten sie ein ganzes Tagewerk hinter sich.

Sie fanden Dan in einen schweren Schlaf der Betäubung versunken. Sein Atem ging in unregelmäßigen Stößen. Frau Daniels erklärte, das Fieber, dessen Kommen sie befürchtet hatte, sei eingetreten. Sie erbot sich, die Nacht über bei dem Kranken Wache zu halten. Aber Buck hob sie einfach vom Stuhl und nahm ihren Platz neben dem Bett ein.

»Um den Pfeifenden Dan werd' ich mich kümmern und niemand anders«, erklärte er.

Und so begann Buck Daniels seine Nachtwache, während der Wolf ihn argwöhnisch und beunruhigt musterte und bereit schien, ihm bei der ersten verdächtigen Bewegung an die Kehle zu fahren.

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