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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 26
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Ein allzulanger Ritt

Hinter den Fliehenden schallte Triumphgeheul. Sie waren noch keine fünfzig Meter weiter, als sie den Grund erkannten. Ein hohes Gatter aus schweren Rundhölzern sperrte vor ihnen den Weg. Dan zügelte sein Pferd und drängte an Haines heran.

»Kann der Braune es schaffen?« fragte er.

»Nein. Ich bin geliefert.«

Dan packte wortlos den Zügel von Lees Pferd dicht hinter dem Gebiß. Sie hatten das Gatter schon beinah erreicht. Vor ihnen glitt ein dunkler Schatten daran in die Höhe und darüber. Es war Black Bart. Im Sprung drehte er den Kopf und blickte nach ihnen zurück, als wolle er ihnen ein anfeuerndes Beispiel geben. Entmutigend hoch ragte jetzt der balkengefügte Zaun gerade vor ihnen auf.

»Jetzt!« brüllte Dan dem Braunen zu und riß am Gebiß.

Satan hob sich wie eine Schwalbe in die Luft. Der Braune tat es ihm tapfer nach. Sekundenlang schwebten sie in der Luft, dann schnellte Satan elastisch zu Boden. Er landete sicher und federleicht wie eine Katze. Hinter sich hörte Dan ein Klirren, ein Rasseln – der Braune war auch hinübergekommen, aber seine Hinterhufe hatten den obersten Balken losgebrochen. Das Tier wankte, taumelte nach einer Seite, aber dann gewann es das Gleichgewicht wieder und fegte hinter Satan und Dan her. Hinter ihnen gellte ein vielstimmiger Schrei der Enttäuschung.

Haines warf einen Blick über die Achsel zurück. Der vorderste ihrer Verfolger versuchte das Wagestück der Flüchtlinge nachzuahmen. Aber obwohl der oberste Balken losgebrochen war, mißlang es. Roß und Reiter überschlugen sich auf dem Boden.

Der Weg, auf dem sie ritten, lief beinahe eine Meile weit schnurstracks geradeaus. Dann waren sie im offenen Land draußen, und ehe die Verfolger das Hindernis umritten hatten, ritten Dan und Haines bereits in den schützenden Bergen. Nach einer halben Stunde erstarb hinter ihnen jeder Laut der Verfolgung. Dan mäßigte das Tempo seines Pferdes zu einem schlanken Galopp. Haines folgte seinem Beispiel. Der Buschklepper beobachtete Dan in schweigendem Erstaunen. Ritt so ein guter Reiter? Dan pendelte schwerfällig im Sattel hin und her. Sein Kopf hing tief herab. Mehrmals öffnete Haines den Mund zu einer Frage. Aber er sprach sie nicht aus. Auf dem Bergkamm zog Dan die Zügel an. Satan blieb mit einem Ruck stehen. Sein Reiter wankte haltlos im Sattel, wäre fast gestürzt. War es Täuschung? Ein so erprobter Reiter? Haines schrieb das Benehmen seines Gefährten irgendeiner sonderbaren Laune zu.

»Dampf ab!« sagte Dan. Sein Atem ging in kurzen, ringenden Stößen. »Troll dich zu ihr!«

»Zu wem?« fragte Haines, vollkommen verständnislos.

»Delila!«

»Was?«

»Verdammt, sie wartet nur auf dich!«

»Um aller Heiligen willen, Barry. Eben habt Ihr mich aus des Teufels Klauen gerettet – warum redet Ihr plötzlich in dieser Art mit mir?«

Er streckte Dan in überquellender Dankbarkeit die Hand hin, aber der riß sein Pferd zurück.

»Laß die Hand weg! Du bist mir verhaßter, als die Hölle! Für uns beide zugleich ist kein Platz auf der Welt. Dankbar willst du dich erweisen? Dann lauf mir nicht wieder über'n Weg. Denn wenn wir uns wieder treffen sollten, Haines, hat deine Stunde geschlagen. Jetzt gib deinem Gaul die Sporen und lauf deiner Kate Cumberland nach. Aber merk' dir das – ich werde dich erwischen, wenn ich kann.«

»Kate ...« begann Haines. »Hat sie Euch geschickt, um mich zu holen?«

Nur das gelbe Flackern in Dans Augen gab ihm Antwort. Fern in den nachtverhangenen Bergen heulte ein Koyote.

»Kate!« rief Haines wieder. Aber tausend neue Erkenntnisse verrieten sich in seiner Stimme. Er riß sein Pferd herum, gab ihm die Sporen und stob den Hang hinunter.

Auf dem nächsten Hügelkamm drehte er sich im Sattel. Da drüben, bewegungslos, scharf abgezeichnet gegen den Nachthimmel, hielt immer noch der andere. Haines zügelte den Braunen. Er war verblüfft und verwirrt. Dan hatte zu seinen Gunsten auf Kate Cumberland verzichtet! Warum? Warum nur? Der Grund blieb geheimnisvoll, und er war unfähig, den Schleier zu lüften.

»Und trotzdem liebt er sie noch immer,« murmelte Haines vor sich hin, »er liebt sie, und ich bin verworfen genug, sie ihm wegzunehmen, nachdem er mich eben von Gott weiß was errettet hat.«

Er warf sein Pferd herum und wollte zurückreiten. Da horchte er auf. Ein Pfeifen, gespenstisch, nicht der Erde zugehörig, drang an sein Ohr. Das war Dan. Schwermütig klang es und doch frohlockend, düster und triumphierend. So singt der Sturmwind, der über die Berge pfeift und inmitten der Schrecknisse frohlockt, die sich unter den Schatten der Nacht verbergen.

Haines haderte mit sich selbst. »Wenn er ein Mensch wäre, würde ich's tun. Aber ist er ein Mensch? Er ist ein Teufel! Er hat nicht mehr Herz als der Wolf, der ihm gehorcht. Und diesem Tier der Wildnis, diesem Panther, soll ich Kate Cumberland ausliefern? Mir gehört sie – nur mir!« Wieder warf er sein Pferd herum. Diesmal hielt er nicht mehr an, sondern galoppierte weiter und weiter durch die Nacht.

Als Haines außer Sicht kam, brach Dans Pfeifen ab. Er blickte hinauf, wo die Sterne erbarmungslos zu ihm herunterglitzerten. Er blickte hinunter, wo sich Bergrücken um Bergrücken düster in die Nacht hob. Der Wind war wie eine Stimme, die wieder und wieder ihm in die Ohren sang: »Bankrott – bankrott!«

Alles war verloren.

Er glitt aus dem Sattel und zog den Rock aus. Aus seiner linken Schulter floß das Blut in einem gleichmäßigen unablässigen Strom. Er riß einen Streifen von seinem Hemd ab und versuchte sich einen Verband zu machen, aber es war unmöglich, ihn mit einer Hand zu knüpfen.

Die Welt schien voll von feindlichen Gewalten, die auf seinen Tod erpicht waren. Er brauchte jetzt seine ganze Kraft, und dabei zerrann sie Tropfen um Tropfen, aus einer Wunde, die ein Kind hätte stillen können. Aber wo hätte er auch nur ein Kind, das ihm freundlich gesinnt war, finden sollen? Wahrhaftig, alles war verloren!

Der Rappe wieherte sanft.

Mit einemmal erinnerte sich Dan an Buck Daniels Haus. Es war wie ein Lichtstrahl in der Finsternis. Dort wenigstens konnte man ihm Hilfe nicht versagen. Er zog seinen Rock wieder an, obwohl es eine Qual war, die ihm den Angstschweiß auf die Stirne trieb, schob mühsam den Fuß in den Steigbügel und hißte sich schwerfällig in den Sattel. Satan fiel in einen raschen Galopp.

»Schneller, Satan! Schneller, Kamerad!«

Und wie das Tier dem Ruf gehorchte! Der stählerne Körper streckte sich, bis er dicht über den Boden dahinzugleiten schien, die Hufe griffen mehr Raum bei jedem neuen Ausholen. Der Rhythmus wurde rascher, die Bewegung weniger stoßend. Und voraus, dicht vor den eiligen Hufen, so dicht, daß sie ihn jedesmal im Niederfallen mit unmittelbarem Tode zu bedrohen schienen, schoß Black Bart dahin, den Kopf zu seinem Herrn zurückgewandt, als sei er der Wächter und Führer des Flüchtigen.

Dan rief ihm zu, und Black Bart bellte eine Antwort zurück. Satan warf den Kopf hoch und wieherte, während er dahineilte. Die Antwort der beiden Tiere war wie ein tröstender Zuspruch. Er schien zu künden, daß es immer noch Hilfe gab.

Der stetige Blutverlust machte sich jetzt mehr und mehr geltend. Dan krallte sich am Sattelknopf fest und biß die Zähne zusammen. Langsam und unerbittlich stahl sich Dunkelheit in sein Hirn. Vor sich noch zehn Meilen entfernt sah er undeutlich die nächste dunkle Bergkette in den Himmel ragen. Dann verließ ihn die Besinnung.

Langsam glitt er aus dem Sattel. Eben noch rechtzeitig wurde er wach. Mit Aufbietung aller Kräfte klammerte er sich am Sattelbug fest und zog sich wieder in den Sitz hinauf. Aber es war eine Warnung gewesen. Er zergrübelte sein benommenes Hirn nach einem Mittel, um sich auf dem Rücken des Pferdes zu halten. Daß er nur eine Hand gebrauchen konnte, machte ihn hilflos. Schließlich gelang es ihm, den Halsriemen des Geschirrs zu lösen und seinen linken Arm damit an den Sattel zu schnallen. Wenn das Ende kam, wollte er wenigstens auf dem Rücken seines Pferdes sterben. Als er das nächstemal aus der Betäubung erwachte und mit bleiernen Augen um sich blickte, kam es ihm verschwommen zum Bewußtsein, daß die Bergkette nicht mehr in der Ferne vor ihm aufragte. Er ritt schon zwischen ihren Wänden. Noch immer flog Satan dahin. Aber sein Atem ging mühsamer und mühsamer. Selbst Dan, betäubt wie er war, merkte, daß die stählerne Kraft des wundervollen Tieres allmählich nachzulassen begann. Aber er wußte, daß Satans Schritt nicht stocken würde, solange er noch atmen konnte. Wieder legte sich das Dunkel eines neuen Schwächeanfalls auf sein Hirn. Er ließ sich nach vorn fallen und verkrampfte seine Finger, so fest es nur gehen wollte, in die dichte Mähne. Sein festgeschnallter linker Arm schmerzte ihn bei den Stößen des Ritts wie brennendes Feuer.

Nur sein eisernes Herz befähigte Satan auf der letzten Strecke dieses unendlich langen Rittes noch, sein Tempo durchzuhalten. Seine Ohren lagen flach am Kopf und spitzten sich nur noch hier und da, wenn sein Herr in seinen Fieberphantasien murmelte und tobte. Schaum saß in dicken Flocken auf Hals und Bug. Der Atem ging in kürzeren und kürzeren, röchelnden Stößen, aber die Stimme des im Fieber schnatternden Reiters auf seinem Rücken trieb ihn rascher und rascher weiter. Sie kamen auf den Gipfel eines niedrigen Hügels hinauf. Ein wenig zur Linken – es mochte noch eine Meile bis dorthin sein – hob sich ein Gehölz von Pappeln. Dan, der für einen Augenblick wieder zur Besinnung kam, erkannte Buck Daniels Haus, aber er wußte auch, daß dies sein letztes Erwachen war. Welle um Welle brandete schlaftrunkene Ohnmacht durch sein Hirn. Niemals, niemals würde er fähig sein, Satan bis zu dem Haus zu lenken.

»Bart!« rief er mit schwacher Stimme.

Der Wolf gab winselnd Antwort, blieb ein wenig zurück und lief neben ihm her. Dan deutete mühsam nach vorne. Bart machte einen Luftsprung, sein schrilles Gebell zeigte an, daß er das Haus und die Bäume gesehen hatte.

Dan raffte den letzten Rest von Kraft zusammen und streifte dem Pferd die Zügel über den Kopf.

»Führ' uns hin, Bart«, sagte er, vergrub seine Finger in Satans Mähne und brach auf dem Sattelbug in sich zusammen.

Satan machte auf der Stelle halt. Daß man ihm die Zügel über den Kopf warf, war ein Befehl, den er nicht anders verstehen konnte. Der Körper des leblosen Reiters auf seinem Rücken sackte bei dem plötzlichen Ruck schwerfällig zur Seite. Black Bart packte die Zügel mit den Zähnen. Sie waren bitter und salzig vom Blute seines Herrn.

Er zerrte an den Zügeln. Satan wieherte zweifelnd. Black Bart antwortete mit einem Knurren, das schon beinahe eine Drohung war. Gleich darauf suchten sie sich, Black Bart voran, durch das Unterholz einen Weg nach dem Hause von Buck Daniels.

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