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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die Befreiung

Sofort bildete sich ein leerer Raum um Dan. Die Menge wich zurück, als wäre ein Raubtier unter ihnen erschienen. Dan blickte uneingeschüchtert in die wütenden Gesichter, die ihn umgaben. Er lächelte freundschaftlich.

»Hör' mal, Barry,« rief eine Stimme aus dem Hintergrund, »warum bist du darauf aus, Haines von hier wegzuschleppen. Mach' mit uns gemeinsame Sache, wir können dich brauchen.«

»Wenn du gar so sehr auf Keilerei versessen bist,« rief ein Spaßvogel, »dann komm nur mit zum Gefängnis – Lewis und Patterson werden dir alles verschaffen, was du brauchst.«

»Ich bin nie auf Streit aus«, sagte Dan.

»Entscheid' dich – und 'n bißchen fix«, sagte ein anderer. »Wir haben keine Zeit zu verlieren, auch wenn sich's um Dan Barry handelt. Heraus mit der Sprache, Dan! Hier ist 'n Haufen braver Burschen zusammengekommen, die Lee Haines aus dem Gefängnis holen wollen und ihm heimzahlen wollen, was wir ihm schuldig sind – nichts weiter. Machst du mit?«

»Nein.«

»Ist das dein letztes Wort?«

»Ja.«

»All right. Bindet ihn, Boys! 's bleibt nichts anderes übrig!«

»Vorsehn da!« brüllte ein Dutzend Stimmen, denn in Dans Hand blitzte der Stahl eines Revolvers auf.

Aber er hatte auf keinen Menschen gezielt. Seine Kugel traf die Lampe, die in tausend Scherben zerschellte. Der Raum war sofort in pechschwarze Finsternis gehüllt. Man hörte einen Schlag, ein Ächzen, jemand stürzte zu Boden. Verworrenes Geschrei.

»Hier ist er!«

»Gib den Revolver her, verdammter Kerl!«

»Ihr seid an den Falschen geraten.«

»Ich bin Bill Flynn.«

»Bewacht die Tür!«

»Licht um Gottes willen!«

»Hilfe!«

Eine schlanke Gestalt sprang am Fenster hoch. Ihre Konturen zeichneten sich verschwommen gegen die sternenhelle Nacht draußen ab. Man hörte das Krachen und Klirren von Glas. Zwei oder drei Revolver krachten. Die Gestalt verschwand.

»Lauft ihm nach!«

»Wer war das?«

»Macht doch Licht! Hat keiner ein Streichholz?«

Die Hälfte der Anwesenden stürmte aus dem Haus, um die fliehende Gestalt zu verfolgen. Die andere Hälfte blieb zurück. Sie wollten wissen, was sich zugetragen hatte. Es war unmöglich, daß der Pfeifende Dan, der mitten unter ihnen gewesen war, entwischt war. Hier und da, an sechs Stellen zugleich, zuckte das schwefelblaue Flämmchen eines Zündholzes auf. Bei dieser ungewissen Beleuchtung entdeckte man, daß vier Leute auf dem Boden lagen. Sie japsten nach Luft. Es war auf ihnen herumgetrampelt worden, aber sonst war ihnen kein Schaden geschehen. Einer davon war der Sheriff.

Er lag mit den Schultern gegen die Wand. Sein Mund war ein großer Blutfleck.

»Wer hat Euch das ausgewischt, Rogers?«

»Wo ist Barry?«

»Nach dem Gefängnis, nach dem Gefängnis«, stöhnte Rogers. »Barry ist nach dem Gefängnis hinüber.«

Draußen prasselten Revolverschüsse.

»Er ist Haines holen gegangen«, kreischte der Sheriff. »Faßt ihn, Boys!«

»Wie kann er Haines holen? Er hat doch keine Schlüssel!«

»Er hat sie, ihr Idioten! Er hat die Lampe heruntergeschossen und ist über mich hergefallen. Er hat mich vom Stuhl gehauen. Er hat mir die Taschen durchsucht und mir die Schlüssel weggenommen. Macht, daß ihr hinkommt! Fix!«

Die Lyncher strömten bereits, heulend vor Wut, aus dem Haus.

Dan stand vor dem Gefängnis. Er trommelte mit dem Schlüsselbund gegen die Tür.

»Was ist denn los? Wer ist denn da?« rief es von drinnen.

»Hab' was von Rogers auszurichten. Der Teufel ist los! Er hat mich mit den Schlüsseln herübergeschickt.«

Die Tür fuhr auf. Ein hochgewachsener Mann, die Flinte schußbereit unter dem Arm, stand in der Öffnung, die er völlig versperrte.

»Was habt Ihr auszurichten?« fragte er.

»Das!« sagte Dan und schlug ihm mit der Faust mitten ins Gesicht.

Der Wächter fiel ohne einen Laut in sich zusammen und blieb, nach Atem ringend, auf dem Boden liegen. Dan zerrte ihn in die Höhe, schob ihn durch die Tür hinein und verriegelte sie hinter sich. Er befand sich in einem schmalen Gang, der durch das ganze Gebäude führte. Er warf einen Blick in den Raum auf der einen Seite des Gangs. Es war die Küche. Er stürzte nach der Tür auf der anderen Seite. In diesem Raum saßen zwei Männer. Der eine war Haines. Seine Hände steckten in Handschellen. Der zweite war der andere Wächter. Er sprang sofort auf, riß die Flinte an die Schulter. Eine Flamme fuhr aus der Mündung. Dan duckte sich und umschlang die Knie seines Gegners. Der fiel krachend zu Boden. Dan sprang auf und beugte sich über den Gestürzten, der mit weit ausgebreiteten Armen dalag und sich nicht rührte. Er war im Fallen mit der Stirn auf den Boden geschlagen und für den Augenblick betäubt. Dan rannte zu Haines hinüber. Der stand mit hocherhobenen Händen an der Wand. In der Ferne hörte man das Schreien der heranrasenden Menge.

»Schießt – und hol' Euch der Teufel!« sagte Haines giftig.

Dan antwortete nicht. Er riß die Hände des Gefangenen herunter und probierte seine Schlüssel an den Handschellen. Es hingen vier Schlüssel am Bund. Erst der vierte schloß. Haines stieß einen wilden Ruf aus, als er spürte, daß seine Hände frei waren.

»Mir nach!« schrie Dan und raste nach dem Stall.

Als sie vor dem Schuppen sich in die Sättel schwangen, bogen die ersten Verfolger zu Pferde um die Gefängnisecke.

»Schnurstracks geradeaus!« rief Dan. »Zwischen den Pappeln durch und den Weg hinunter. Immer mir nach! Satan!«

Der Rappe sprang an und raste im Galopp auf die Gruppe hochragender Pappeln zu. Dahinter, auf beiden Seiten mit Stacheldraht eingezäunt, lief ein Weg. Fünf oder sechs der Verfolger hatten die Möglichkeit, hier den Flüchtlingen den Rückzug abzuschneiden. Sie brausten in der Richtung der Pappeln und riefen den anderen zu, ihnen zu folgen. Gleich darauf fielen die ersten Schüsse. Wie riesige Leuchtkäfer zuckten bald da, bald dort die Flämmchen aus den Mündungen der Läufe auf.

»Sie haben uns den Weg verlegt«, ächzte Haines.

Drei Männer hatten die Gruppe der Pappeln vor ihnen erreicht. Während ihre Pferde gleitend und stolpernd zum Halten kamen, krachten ihre Revolver schon Dan und Haines entgegen. Die letzte Möglichkeit, zu entrinnen, war vereitelt. Dan hob den Revolver und drückte zweimal ab. Er zielte tief. Beim Gegner bäumten sich zwei Pferde und stürzten zu Boden. Der dritte Reiter saß mit dem Gewehr im Anschlag im Sattel. Er hatte seinen Schuß gespart und zielte sorgfältig. Jetzt schoß ein Feuerstrahl aus seinem Lauf. Dan bückte sich weit über den Sattelbug, als habe er einen Schlag von hinten her erhalten.

Ehe der Schütze sein Gewehr neu laden konnte, schnellte Black Bart mit einem gewaltigen Sprung an ihm in die Höhe. Seine Zähne schnappten über der Schulter des Lynchers zusammen. Der Mann schoß mit dem Kopf voran aus dem Sattel und plumpste zu Boden. Dan und Haines galoppierten zwischen den Stämmen hindurch – das Gebrüll des Gestürzten gellte ihnen in die Ohren – und fegten den Weg hinunter.

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