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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Ein schwerer Gang

Einen Tag später, morgens früh, klopfte es an Kates Tür. Sie öffnete. Jim Silent trat ein. Er klopfte sich den Staub eines langen Rittes von den Kleidern.

»Guten Morgen, Miss Cumberland!« Er streckte ihr die Hand hin. Sie übersah es.

»Habt Ihr immer noch nichts Besseres zu tun, als mich zu hassen?«

»Ich bin – überrascht, daß Ihr die Stirn habt, hereinzukommen und mit mir zu reden.«

»Ihr seht aus, als ob Ihr was Besonderes in meinem Gesicht bemerktet«, meinte er argwöhnisch. »Was ist's? Schmutz?«

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mag es sein, was es will,« antwortete sie, »abwischen könnt Ihr es nicht!«

»Ich trag' mich mit dem Gedanken, Euch einen Urlaub zu gewähren unter der Voraussetzung, daß Ihr zurückkommt.«

»Wollt Ihr vielleicht Euch auf mein Ehrenwort verlassen?«

»Wenn's so drauf ankommt wie jetzt,« sagte er liebenswürdig, »selbstverständlich! Aber damit Ihr wißt, worum sich's handelt: Lee Haines steckt in Elkhead im Gefängnis. Der, der ihn ins Loch gebracht hat, ist der Pfeifende Dan, und der ist auch der einzige, der ihn wieder herausholen kann. Und der einzige Mensch, der den Pfeifenden Dan dazu bringen kann, seid Ihr. Kapiert? Seid Ihr bereit, Dan aufzusuchen und mit ihm zu reden? Das Wolfsvieh da wird Euch schon den Weg zu Dan zeigen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?« rief Silent. Seine Stimme war schärfer geworden.

»Das letztemal, als Dan mich gesehen hat,« sagte sie, »hatte er Anlaß, anzunehmen, daß ich ihn um Lee Haines willen verraten wollte. Wenn ich jetzt zu ihm komme, um mich für Haines zu verwenden, dann würde er unwiderruflich glauben, daß ich das bin, was er mich genannt hat – Delila.«

»Ist das Euer letztes Wort?«

»Mein allerletztes.«

»Nun sperrt mal die Ohren auf. Das ganze Viehtreibergesindel aus der Umgebung sammelt sich in Elkhead, und heut oder morgen werden sie zahlreich genug sein, um die Justiz in ihre eigenen Hände zu nehmen und 'nen hübschen kleinen Lynchmord zu inszenieren. Kapiert?«

Sie zuckte schaudernd zusammen.

»Keine erfreuliche Vorstellung – was? –, wenn der breitschultrige hübsche Bursche – der Lee Haines, in der Schlinge baumelt und das Gesindel ringsherum ihn als Zielscheibe für seine Schießübungen benutzt? Ne, weiß Gott nicht – und deshalb werdet Ihr so freundlich sein, die Sache zu verhindern. Binnen fünfzehn Minuten sitzt Ihr im Sattel und trabt von hier ab, mit dem Wolf! Aber erst gebt Ihr mir das Versprechen, zurückzukommen, wenn Ihr mit dem Pfeifenden Dan gesprochen habt. Und Ihr werdet Dan dazu bringen, daß er Lee in Freiheit setzt.«

Ein hohnvolles Lächeln war die Antwort: »Wenn Dan sich das erlaubte, würde er selbst zum Geächteten.«

»Ihr wollt also keine Hand rühren?«

»Nicht einen Finger.«

»Well, mein Schäfchen, für alles, was Haines zu leiden hat, wird ein gewisser Jemand im Nebenzimmer hier doppelt und dreifach leiden. Kann sein, es interessiert Euch, wer dieser Jemand ist?«

Er öffnete die Tür, und sie trat auf die Schwelle. Unmittelbar vor ihr saß Joe Cumberland. Seine Hände waren fest auf dem Rücken zusammengeschnürt. Als er sie sah, fuhr er auf und stieß einen gedämpften Schrei aus. Sie fuhr herum und riß Silent den Revolver aus dem Halfter. Es gelang ihm erst im allerletzten Augenblick, ihr Handgelenk zu fassen und die schwere Waffe, die direkt auf ihn gerichtet war, aus der Schußlinie zu bringen.

»Du kleiner Teufel!« knirschte er. »Laß das Schießeisen fallen, oder ich dreh' dir den Hals um!«

»Ich hab' keine Angst vor Euch«, sagte sie, und obwohl er ihre Handgelenke in seinem eisernen Griff beinah zermalmte, zuckte sie nicht mit der Wimper.

»Mörder, der Ihr seid!«

Er nahm gelassen seinen Revolver wieder an sich und sagte: »Nun seht Euch Euren Herrn Papa noch einmal genau an und dann wiederholt mir, was Ihr eben gesagt habt.«

Hilflos starrte sie ihren Vater an. Der alte Joe hatte sich trotz seiner gefesselten Hände auf Silent stürzen wollen, als er sah, wie der Bandit seine Tochter an den Handgelenken packte. Aber Kilduff und Rhinehart hielten ihn fest.

»Was ist das, Kate?« rief er. »Was hat das zu bedeuten?«

Sie antwortete kurz: »Das ist Jim Silent!«

Er starrte sie offenen Mundes an. Sein Hirn schien nicht glauben zu wollen, was sein Ohr vernahm.

»Hat keinen Zweck, lang zu fragen, wieso und warum Eure Tochter hier ist«, sagte Silent. »Ich sag' Euch, worauf's ankommt. Lee Haines sitzt in Elkhead hinter Schloß und Riegel. Der Pfeifende Dan hat ihn dorthin gebracht, und vielleicht kann Eure Tochter Dan dazu bewegen, ihn auch wieder herauszuholen. Wenn sie sich weigert, dann geschieht mit Euch, was die Lyncher mit Haines anstellen. Macht Eure alten, steifen Knie krumm, Cumberland, und beschwört Eure Tochter, daß sie Eure alte Haut rettet.«

Kates Haupt sank auf die Brust.

»Bindet ihm die Hände los,« sagte sie, »ich bin bereit, mit Dan zu reden.«

»Hab's gewußt, daß ich Euch noch Vernunft beibringen würde«, grinste Silent.

»Just 'nen Augenblick!« sagte Cumberland. »Kate, gehört dieser Lee Haines zu Silents Bande?«

»Ja.«

»Und Dan hat ihn ins Gefängnis gebracht?«

»Ja.«

»Und wenn Dan ihn wieder herausholt, dann steht der Jung' selbst außerhalb des Gesetzes, Kate.«

»Cumberland,« fuhr Kilduff dazwischen, »denke, 's wär' an der Zeit, Ihr verschwendet Eure kostbaren Gedanken nicht an den Pfeifenden Dan, sondern denkt mal nach, was aus Euch selbst wird.«

»Siehst du denn nicht,« sagte Kate, »daß diese feigen Schurken deinen Tod beschlossen haben?«

Cumberland schien ein paar Zoll größer zu werden. Steif und hochmütig, mit entschlossen vorgestrecktem Kinn stand er da, wie ein alter Soldat:

»Nicht einen Schritt tust du, Kate, um mit Dan zu sprechen.«

»Verstehst du denn nicht, daß dir der Tod droht?« rief sie.

»Ich versteh' sehr wohl«, sagte er mit gelassener Stimme. »Ich bin zu alt. Ich will nicht, daß ein junger Mensch um meinetwillen verdammt wird.«

»Stopft ihm das Maul!« befahl Silent. »Der alte Idiot!«

Terry Jordan preßte dem Alten seine schwere Hand auf den Mund und brachte ihn damit zum Schweigen. Cumberland kämpfte vergebens, um noch einmal den Mund zu öffnen. Kate konnte es nicht mit ansehn. Sie wandte sich zu Silent:

»Befehlt, daß man ihn losläßt. Ich bin bereit, zu tun, was Ihr wollt.«

»Endlich redet Ihr vernünftig«, sagte Silent. »Kommt mit 'raus, und ich sattle Euren Gaul. Ruft den Wolf.«

Er öffnete die Tür. Kate pfiff, und Black Bart trabte den beiden zum Stall nach. Der Bandit sattelte Kates Pferd.

Er sagte: »Ich bin gewiß, daß Dan hierher unterwegs ist, denn er hat sich wohl in den Kopf gesetzt, daß ich irgendwo hierherum mich aufhalte. Bart wird ihn schon ausfindig machen.«

Silent hatte recht. Am selben Morgen hatte Dan sich von Elkhead auf den Rückweg nach Gus Morris' Kneipe gemacht, denn er hatte die Überzeugung, daß Jim Silent irgendwo in der Nähe des Platzes, wo Calder getötet worden war, sein Lager haben mußte. Kurz vor Mittag war Dan vom Wege abgebogen. Eine halbe Meile zur Rechten entsprang eine Quelle aus dem Berghang. Ein kleines Weidengehölz umgab die Stelle. Als er das Wasser erreicht hatte, trank er, ließ Satan saufen, nahm ihm den Sattel ab und streckte sich zu einer kurzen Rast ins Gras. Aus seinem Halbschlummer weckte ihn ein gewaltiges Schnaufen und Knurren. Er richtete sich auf und erblickte Black Bart, der mit Satan spielte. Es war eine große Begrüßung nach langem Getrenntsein, und die beiden schossen wie die Besessenen unter den Weiden umher. Dan stieß einen einzigen kurzen Pfiff aus, und beide standen still wie angewurzelt. Dann lief er hinaus an den Rand des Gehölzes. Kate kam in raschem Galopp den Berghang hinunter. Jetzt sah sie ihn, winkte mit der Hand und rief seinen Namen. Jetzt glitt sie aus dem Sattel und kam auf ihn zugelaufen. Er packte ihre beiden Hände und hielt sie weit von sich ab, wie einer, der einen köstlichen Augenblick des Glücks länger hinausziehen will. Beide waren unfähig zu sprechen.

Schließlich: »Ich habe gewußt, daß du Mittel und Wege finden würdest, zu kommen.«

»Sie haben mich losgelassen, Dan.«

Er runzelte die Stirn. Ihre Augen wichen seinem Blick aus.

»Sie haben mich hierher geschickt. Ich soll dich auffordern – Lee Haines in Freiheit zu setzen.«

Er ließ ihre Hände fallen. Sie stand hilflos. Sie suchte nach Worten, mit denen sie alles erklären konnte, und fand keine.

»Haines in Freiheit zu setzen?« wiederholte er langsam.

»Es geht um Dad!« rief sie. »Sie haben ihn gefangengenommen und halten ihn als Geißel für Haines fest.«

»Wenn ich Haines befreie, werde ich selbst geächtet. Weißt du das, Kate?«

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, aber er wich ihr aus.

»Was soll ich tun?« rief sie verzweifelt und flehend. »Um meines Vaters willen ...«

Sein Gesicht hellte sich auf. Er hatte eine neue Hoffnung gefunden.

»Zeig' mir, wo Silent sich versteckt hält, dann kann ich deinen Vater befreien, und meine Jagd geht dann zur selben Zeit zu Ende, Kate.«

Sie wurde weiß wie ein Laken. Es war ein erbarmungswürdiger Anblick. Sie wußte, es war hoffnungslos, alles zu erklären.

»Dan – Lieber – ich kann doch nicht!«

Sie sah ihn mit tief hilflosen Augen an.

»Ich habe ihnen mein Wort gegeben, daß ich allein zurückkomme.«

Dan beugte den Kopf. Aus den Weiden trabte Satan, gefolgt von Black Bart, heran und machten neben ihm halt. Der Rappe rieb liebkosend die Schnauze an der Schulter seines Herrn.

»Dan, lieber Dan, willst du mir nicht ein Wort gönnen? Willst du mir nicht sagen, daß du versuchst, alles zu verstehen?«

Nach langer Zeit kam die Antwort: »Ja. Ich will Lee Haines befreien.«

Seine Finger strichen langsam über Black Barts zottigen Kopf. Seine Augen glitten an ihr vorbei, hinüber zu den geschwungenen Linien der Berge, zum dunstverschleierten Horizont.

»Kate ...«

»Dan, du mußt doch verstehen!«

»Nie hätt' ich gedacht, daß ein Weib einen Mann so lieben kann, wie du den Lee Haines liebst. Wenn ich ihn dir zurückschicke, dann schärfe ihm ein, daß er sich vor mir in acht nimmt. Ich muß jetzt dein Spiel spielen. Aber wenn er mir später über den Weg läuft, dann spiel' ich mein eigenes Spiel.«

»Willst du mir nicht zuhören, Dan?« Mehr konnte sie nicht herauswürgen.

»Hier sagen wir uns Lebewohl!«

Er ergriff ihre Hand. Seine Augen waren unergründlich wie der mitternächtige Himmel. Sie ging hilflos zu ihrem Pferd zurück. Er hob sie in den Sattel. Seine Hände bebten nicht.

Und dann war's vorbei. Er schlenderte nach den Weiden zurück und schlang den Arm um Satans glänzenden Bug, wie um die Schulter eines Freundes. Als Kate den Berggipfel erreichte, hörte sie sein Pfeifen unten im Weidengebüsch, eine wehe Klage, die ihr Tränen in die Augen brachte. Sie gab ihrem ermüdeten Gaul die Sporen. Sie flüchtete vor dem, was sie hörte.

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