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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Zwanzigstes Kapitel.
Eine Fährte endet

Niemand wurde durch diese Ausrede getäuscht. Sandy hatte sich demütigen lassen, und alle wußten es. Ein unbehagliches Schweigen folgte. Sandy starrte bleichen Gesichts vor sich auf den Tisch. Er wagte niemand in die Augen zu sehen. Aber so rauh der Westen auch sein mag, man besitzt auch dort die Anfangsgründe des guten Tons. Jacqueline überbrückte die Situation mit einem Witz. Er war zwar reichlich alt, aber jedermann wußte in diesem Augenblick seinen Wert zu schätzen, und das Lachen, das folgte, war lang genug, um Sandy die Möglichkeit zu geben, sich wieder ein wenig zu fassen. Ein allgemeines lebhaftes Gespräch kam glücklich in Gang.

»Wie habt Ihr das zuwege gebracht?« erkundigte sich Calder halblaut bei Dan. »Ich dachte, jeden Augenblick geht die Schießerei los.«

»Lieber Gott, ich hab' nicht das geringste getan, Ihr habt's ja selbst gesehn.«

»Und warum ist dann Sandy in dem Augenblick, wo er zum Revolver greifen wollte, zur Salzsäule erstarrt?«

»Ich weiß es nicht«, seufzte Dan. »Aber wie ich seine Hand zucken sah, war mir's zumut, als müßt' ich sein Blut sehn – ich wollte, daß er seine Absicht ausführt und schießt – kann sein, er hat's in meinen Augen gesehen, und das hat ihn dazu gebracht, sich die Sache 'n bißchen zu überlegen.«

»Daran zweifle ich nicht im geringsten«, sagte Calder grimmig.

Am anderen Ende des Tisches fragte Jacquelines Nachbar zur Rechten: »Was war eigentlich los, Jac?«

»Fragt mich nicht!« antwortete sie. »Ich kann bloß das eine sagen: ich halte von Sandy um keinen Deut weniger, weil er zurückgewichen ist. Ich hab' selbst gesehen, was für ein Gesicht der Fremde machte, und es ist mir immer noch ganz schwach davon.«

»Wieso? Wie sah er aus?«

»Ich weiß nicht. So ... so ... blutgierig, – verstanden?«

Sie schwieg lange. Aber man konnte es an ihrem Gesicht sehen, daß sie eifrig nachdachte.

Nach einer Weile hob sie die Augen und blickte Dan lange Zeit an. Gegen Ende der Mahlzeit stand sie auf und ging in die Küche. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Dan blickte gerade in seinen Teller, aber er fühlte sofort, daß jemand ihn beobachtete. Er blickte auf. Als ihre Augen sich begegneten, machte Jacqueline eine leichtverständliche Handbewegung. Er zauderte, dann aber schob er entschlossen seinen Stuhl zurück. Calder war mit einem anderen Tischgast in ein Gespräch vertieft; deshalb ging Dan hinaus, ohne seinem Gefährten etwas davon zu sagen. Wie er erwartet hatte, wartete Jacqueline draußen hinter dem Haus.

»Bubi,« sagte sie hastig, »der Bursche, der neben Euch saß – ist er Euer Kamerad?«

»Ich weiß nicht«, sagte Dan ausweichend. »Warum fragt Ihr?«

Sie war erregt. Ihr Atem ging hörbar.

»Habt Ihr ein rasches Pferd?«

»Rascher als alle anderen.«

»Glaubt mir, kein Pferd ist heute rasch genug für Euch. Vielleicht sind sie auch hinter Euch her.«

»Wer?«

»Ich kann's nicht sagen. Hör' zu, du Bubi mit deinen braunen Augen. Zieh' deinen Gaul aus dem Stand und gib ihm die Sporen, bis du hundert Meilen weit weg bist, und mach' selbst dann nicht halt.«

Dan starrte sie nur neugierig an.

Sie stampfte mit dem Fuß auf.

»Redet nicht noch lang herum, wenn sie hinter ihm her sind und Ihr sein Kamerad seid, kann's leicht sein, daß sie auch hinter Euch her sind.«

»Ich denke, ich bleibe. Wenn sie gern meinen Namen wissen möchten, den können sie von mir erfahren. Ich buchstabier' ihn gerne. Wer ist das: ›sie‹?«

»Sie sind die wahren Teufel.«

»Wird mir Spaß machen, sie zu Gesicht zu kriegen. Vielleicht sind das richtige Männer.«

»Eingefleischte Teufel sind's. Wenn ich Euch sagen wollte, wie sie heißen, würde Euch der Atem wegbleiben.«

»Ich will's drauf ankommen lassen. Sagt, wer's ist.«

»Ich trau' mich nicht, es Euch zu verraten.« Sie zögerte.

»Aber ich werd' dir's doch sagen, Bubi! Mit deinen großen Kinderaugen kannst du einem den Kopf verdrehn. Jim Silent ist hier im Haus.«

Dan drehte sich blitzschnell herum und rannte davon. Aber nicht nach dem Stall, sondern schnurstracks auf die offene Haustür zu.

   

Zwei der Tischgäste hatten sich bereits verabschiedet, aber der Rest saß noch im Zimmer, hatte sich die Kaffeetassen noch einmal füllen lassen, und es wurden allerlei Anekdoten erzählt. Auch Tex Calder saß noch dort. Eben hatte er sich entschlossen, seinen Stuhl zurückzuschieben, als das summende Gespräch um ihn herum auf einen Schlag verstummte. Die Männer ihm gegenüber starrten mit weit aufgerissenen Augen nach der Tür hinter seinem Rücken. Eine Stimme dröhnte hinter ihm: »Tex Calder, steh auf! Die Fährte ist zu Ende!«

Er sprang auf und schnellte herum. Sein Stuhl fiel krachend zu Boden. Vor ihm stand Jim Silent. Der Bandit hatte die Brauen mit unheilverkündendem Ausdruck zusammengezogen, aber sein Revolver steckte noch im Halfter. Er hatte die Hände leicht in die Seiten gestemmt. Jedermann sollte sehen, daß er keinen Mord begehen, daß er einen ehrlichen Kampf ausfechten wollte. Hinter ihm sah man undeutlich Lee Haines' mächtige Gestalt ragen.

Die Welt schien stille zu stehen und auf den Augenblick zu warten, wo einer der beiden zur Waffe griff. Keiner atmete. Gestikulierende Hände erstarrten mitten in der Bewegung. Lippen, die sich zum Sprechen geöffnet hatten, schlossen sich nicht wieder. Nur das Ticken der großen Wanduhr war vernehmbar, und zwischen jeder Sekunde, die ihr Pendelschlag verkündete, schien eine ganze Ewigkeit zu liegen. Zum zweitenmal in seinem Leben wußte Tex Calder, was Furcht war.

Vor ihm stand nicht ein Mann, sondern sein Schicksal. Noch ein Blick in diese grimmigen Augen, und ihm ging es, wie es eben Sandy gegangen war: er wurde zu einem bebenden Feigling. Er schämte sich des Gedankens, und das gab ihm Kraft.

»Silent,« sagte er, »auch die längste Fährte findet unvermutet mal ihr Ende, denn ...«

Seine Hand schoß zum Gürtel, so blitzschnell, daß niemand der Bewegung zu folgen vermochte, und trotzdem war Jim Silent um den Bruchteil einer Sekunde schneller gewesen. Zwei Schüsse jagten sich. Sie klangen fast wie ein einziger. Über dem Kopf des Banditen zersplitterte ein Balken. Tex Calder schien zu lachen, aber kein Laut kam von seinen geöffneten Lippen. Er wankte und fiel aufs Gesicht.

Silent war mit einem Sprung durch die Tür.

»Halt' sie mir nur eine Minute vom Leibe, Lee, und komm' dann nach!« sagte er im Laufen. Haines stand mit über der Brust gekreuzten Armen im Türrahmen. Er wußte, daß keiner wagen würde, sich zu rühren.

Zu gleicher Zeit fielen zwei Türen krachend ins Schloß. Die Vordertür hinter Silent, der in das schützende Dunkel der Nacht entrann. Die Hintertür hinter Dan, der ins Haus gestürzt kam. Jetzt stand Dan gebückt in der Türöffnung, die von der Küche in das Eßzimmer führte, er schwankte von der Heftigkeit, mit der er im vollen Lauf plötzlich gebremst hatte. Er sah Tex Calder auf den Boden hingestreckt und Lee Haines aufrecht, gerade ihm gegenüber in der Tür stehen.

»Um Himmels willen,« schrie Gus Morris, »schieß' nicht, Haines. Er hat nichts getan. Laß ihn laufen!«

»Mein Leben oder seins!« sagte Haines mit wilder Entschlossenheit. »Er ist kein Mensch, er ist ein Teufel!«

Dan stieß ein leises Lachen aus – ein leises Knurren der Zufriedenheit.

»Tex,« sagte er, »paß auf, ich fang' ihn dir lebend!«

Der Sterbende machte eine Bewegung, als gäbe er Antwort. Haines fuhr nach dem Revolver. Aber es war zu spät. Viel zu spät. Seine Waffe war noch nicht aus dem Halfter, als Dans Revolver knallte. Haines griff mit einem Fluch nach seinem verwundeten rechten Arm, dann bückte er sich nach seiner Waffe, die auf den Boden geprasselt war. Dan schleuderte seinen eigenen Revolver mit einem wölfischen Knurren in die Ecke, war mit einem Sprung über den Tisch gesetzt und an Haines Kehle. Ein kurzes Ringen. Körper gegen Körper. Sie wankten hin und her. Im nächsten Augenblick wurde Haines hochgehoben und auf die Planken geschleudert. Er zuckte und schlug um sich, aber er war hilflos, Dans Hände fesselten ihn wie mit eisernen Klammern.

Den Sheriff an der Spitze, kamen die anderen auf die Gruppe losgestürzt, aber Dan gebot ihnen halt.

»Ich brauch' nichts als ein Endchen Strick«, sagte er.

Jacqueline kam mit einer dünnen, aber zähen Hanfschnur angelaufen, mit der Dan Haines' Handgelenke zusammenschnürte. Dann riß er ihn mit einem Ruck in die Höhe und deutete mit ausgestreckter Hand auf Tex Calder: »Wenn er stirbt,« sagte er, »werdet Ihr bei lebendigem Leib verbrannt!«

Der Sheriff und zwei andere drehten Calder auf den Rücken. Sie rissen ihm das Hemd herunter. Jacqueline beugte sich mit einem Becken voll Wasser zu ihm herab und versuchte, das Blut wegzuwischen, das unaufhaltsam aus der Brust quoll. Dan schob alle heftig zur Seite und schlang die Arme um den Kopf seines Gefährten:

»Tex,« stöhnte er, »Tex! Mach' die Augen auf, Kamerad! Ich hab' Euch den Kerl gefangen. Ich hab' ihn lebendig gefangen, damit Ihr ihn Euch ansehn könnt! Wacht auf!«

Und wirklich schlug Calder die Augen weit auf. Er blinzelte mit den Lidern, wie um besser sehen zu können, aber es half nichts, sein Blick blieb verschleiert. Ein vielsagender Schatten kroch darüber hin.

»Dan – Pfeifender Dan,« sagte er, »Ihr seid so weit weg, Kamerad. – Mit mir ist's zu Ende.«

Dan fuhr auf:

»Zu Ende? Tex, das kann nicht sein. Vor fünf Minuten habt Ihr noch hier am Tisch gesessen und gelacht und geplaudert.«

»Es dauert keine fünf Minuten, wenn's sein muß! Eine halbe Sekunde genügt, um zur Hölle zu fahren.«

»Tex – Tex, einen Trost wenigstens sollst du haben! Ich habe den Kerl erwischt, der dich auf dem Gewissen hat! – Her mit dir!«

Er zerrte den Banditen heran und zwang ihn, neben dem sterbenden Konstabler niederzuknien. Calders Gesicht war von einem wundervollen Licht übergossen. Mit der letzten Kraft seines brechenden Blicks versuchte er, den Gefangenen zu erkennen. Dann wandte er den Kopf ab.

»Der Mann, der mich getötet hat, war Jim Silent.«

Dan stöhnte auf und beugte sich über den Sterbenden.

»Dann will ich ihm folgen –« fing er an.

Calders erlöschende Stimme unterbrach ihn:

»Nicht so, nicht so, komm dichter heran, Kamerad! Ich kann kaum noch meine eigene Stimme hören.«

Dan beugte sich zu seinen Lippen herab. Ein Flüstern folgte, nur hier und da unterbrochen, wenn Dan mit dem Kopfe nickte und »Jawohl« sagte.

»Dann hebt die Hand, die rechte Hand«, sagte Calder zuletzt. Diesmal konnten es alle hören. Dan gehorchte.

»Ihr schwört es?«

»So wahr Gott mir helfe!«

»Dann nehmt das – das ist das Zeichen.«

Calder suchte mit zitternden Fingern etwas, was unter seinem Hemd verborgen war. Jetzt schien er es gefunden zu haben. Er zog die Hand heraus und legte etwas in Dans Finger, die sich sofort darüber schlossen. Calders Atem stöhnte und rasselte. Er rang um Luft.

»Kamerad,« sagte er, »ich bin am Auslöschen. Wünscht mir Glück für drüben!«

»Tex – Kamerad – viel Glück!«

Der Wunsch schien erhört worden zu sein, denn Tex starb mit einem Lächeln.

Dan erhob sich langsam. Sheriff Gus Morris trat heran und legte ihm die Hand auf den Arm:

»Hört mal, Fremder, braucht Euch um Tex Calder nicht die Augen auszuweinen. Menschen um die Ecke zu bringen war sein Geschäft, und sein eigenes Stündlein hatte eigentlich längst geschlagen.«

Dan antwortete mit einem Blick, der Morris zusammenzucken ließ. Aber der Sheriff versuchte mit künstlicher Jovialität darüber hinwegzukommen: »Ist Euch denn die ganze Menschheit verhaßt, Mann, bloß weil ein einziger hat sterben müssen? Ich mach' Euch einen Vorschlag. Ich leih' Euch einen Wagen und zwei Gäule, damit Ihr Tex nach Elkhead schaffen könnt. Um den Haines hier braucht Ihr Euch nicht zu kümmern. Den werd' ich schon in Obhut nehmen.«

»Gewiß, ich brauch' 'nen Wagen«, sagte Dan langsam. »Aber ich werde mir ihn von einem Menschen leihen, der saubere Hände hat.« Er drehte dem Sheriff den Rücken und fragte die anderen, ob jemand ihm einen Wagen überlassen wolle. Einer der Anwesenden war nach Elkhead unterwegs gewesen und hatte bei Morris nur eine kurze Rast gemacht. Er schlug sofort vor, die Fahrt mit Dan zusammen zu machen.

»Allright«, sagte Morris kühl. »Ich werd' mit einem, der nicht bei Sinnen ist, keinen Streit anfangen. Kommt mit, Haines!« Damit wandte er sich der Tür zu.

»Halt!« rief Dan.

Haines blieb stehen, als hätte ihn jemand bei der Schulter gepackt.

»Was, zum Teufel, ist jetzt wieder los?« fragte Morris wütend. »Fremder, meint Ihr, die ganze Welt tanzt nach Eurer Pfeife? Vorwärts, Haines, jetzt mitgekommen!«

»Der Mann bleibt hier bei mir!« sagte Dan.

»Bei Gott,« fing Morris an, »wenn ich denken müßte ...«

»Das Denken könnt Ihr ruhig bleiben lassen«, sagte der Mann, der Dan seinen Wagen zur Verfügung gestellt hatte. »Der Mann hier hat den Kerl gefangen, und wenn er ihn nach Elkhead schaffen will, dann ist es sein gutes Recht. Auf Lee Haines Kopf ist eine Belohnung ausgeschrieben.«

»Die Verhaftung ist in meinem Amtsbezirk erfolgt«, sagte Morris hartnäckig, »und ich hab' ein Wort mitzureden, wenn sich's darum handelt, was mit einem Gefangenen geschieht.«

»Morris,« sagte Haines mit Nachdruck, »wenn ich nach Elkhead geschafft werde, dann bin ich schon so gut wie gelyncht. Ihr kennt die Leute dort.«

»Sehr richtig – sehr richtig«, sagte Morris eifrig. »Es läuft glatt auf einen Lynchmord hinaus ...«

Dan unterbrach ihn: »Haines, kommt hier 'rüber, hinter mich!«

Haines zögerte eine Sekunde lang, dann gehorchte er schweigend.

»Das ist Widerstand gegen die Staatsgewalt und Beamtenbeleidigung,« sagte Morris, »und ich werde dafür sorgen, daß Ihr eine Geldstrafe aufgebrummt ...«

»Ich glaube, Sheriff, es ist besser, Ihr haltet den Mund«, sagte einer der Umstehenden. »Ich glaub', 's ist gesünder für Euch, wenn die Leute nicht erfahren, daß Jim Silent in Euer Haus gestiefelt ist, als wär's sein eigenes, und sich aus dem Staub gemacht hat, ohne daß Ihr auch nur den Finger gerührt habt! Beamtenbeleidigung hin, Beamtenbeleidigung her, ich halt' zu dem Fremden!«

»Ich auch!« sagte ein anderer.

Der Sheriff sah, daß ein Meinungsumschwung zu seinen Ungunsten eingetreten war und gab, wenn nicht gutwillig, so doch mit bemerkenswerter Geschwindigkeit seinen Standpunkt auf. Dan verließ das Haus. Haines mußte auf seinen Befehl vor ihm hergehen. Draußen, im schwachen Schein des Mondlichts, blickten sie sich in die Augen.

»Ich hätte just eine Frage an Euch«, sagte Dan.

»Macht's kurz«, sagte Haines ruhig. »Ich hab' noch Atem nötig, um dem Lynchpöbel meine Sterberede zu halten.«

»Die Antwort kostet Euch nur ein Wort. Kate Cumberland – was bedeutet Kate Cumberland für Euch?«

Lee Haines knirschte mit den Zähnen.

»Was sie für mich bedeutet? Die ganze Welt!« sagte er.

So trüb auch das Mondlicht war, er konnte deutlich den gelben Funken sehen, der in Dans Augen aufsprühte. Es war ihm genau so zumute, als ducke sich der Wolf, um ihm an die Kehle zu springen.

»Und was bedeutet Ihr für sie?«

»Nicht mehr, als der Schmutz unter ihren Füßen.«

»Haines, Ihr lügt!«

»Mann, wenn sie nur so viel für mich übrig hätte wie für das Pferd, auf dem sie reitet, ich würd' es der ganzen Welt ins Gesicht sagen, und wenn ich dafür im nächsten Augenblick sterben müßte.«

Wahrheit hat ihren eigenen Klang.

»Haines, wenn ich das von Kates eigenen Lippen hören würde, würde ich Euch freilassen. Wenn Ihr mir sagt, wo ich Kate finden kann, ich geb' Euch frei, sobald sie mir zu Gesicht kommt.«

»Ich kann's nicht. Ich bin Silent und meinen Kameraden Treue schuldig. Und Kate ist da, wo Silent ist.«

»Haines, das ist Euer Todesurteil.«

»Ich weiß es.«

Aber Dan hatte inzwischen einen anderen Plan gefaßt. Er schickte Haines wieder hinein und pfiff nach Bart. Wie herbeigezaubert tauchte der Wolf aus dem Dunkel auf. Dan nahm Kates Handschuh aus dem Gürtel, den Handschuh, den ihm der Wolf in jener Nacht unter den Weiden am Fluß gebracht hatte, und gab ihn dem Hund zum Beriechen. Bart winselte eifrig. Wenn man ihm den Handschuh gab, dann durfte man sicher sein, daß das Tier nicht ruhte und rastete, bis es die Frau gefunden hatte, der der Handschuh gehörte. Wenn Kate ihn noch liebte, dann war der Handschuh eine beredtere Botschaft als tausend Worte. Und wenn es ihr gelang zu flüchten, konnte ihr der Wolf als Führer dienen, der sie zu Dan zurückbrachte.

Dan hockte sich nieder, packte den zottigen Kopf Black Barts und starrte in die funkelnden grüngelben Augen hinein. Es war, als ob er mit dem Wolf Zwiesprache halte.

Schließlich erhob er sich wieder, als habe er jetzt Gewißheit erhalten, tat einen tiefen Atemzug und warf den Handschuh auf den Boden. Black Barts schimmernde Zähne schnappten danach und packten ihn. Er starrte seinem Herrn winselnd ins Gesicht, dann machte er plötzlich kehrt und stob in die Nacht hinaus.

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