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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Achtzehntes Kapitel.
Und Kain erschlug Abel ...

Kaum ein paar Dutzend Meilen von den beiden entfernt, galoppierte Jim Silent mit seinen sechs Gefährten auf einen Hügelkamm hinauf. Er hob die Hand, und die Kavalkade zügelte ihre Pferde. Kate Cumberland änderte ihre Stellung im Sattel, um ein wenig auszuruhen, und blickte ins Tal, das sich zu ihren Füßen entrollte. Eine Meile weiter drüben zog ein silberner Strich flimmernd durch das versengte Braun: Die Eisenbahnlinie. Gerade vor ihnen hockte ein niedriges Gebäude unter seinem roten Ziegeldach. Das mußte die Station sein. Vor dem Haus wurde der silberne Strich ein wenig breiter, das war das Abstellgeleise. Sie blickte nach den Banditen hinüber. Die drängten sich um ihren Führer, um die letzten Weisungen entgegenzunehmen. Ihre braunen, düster erregten Gesichter sprachen ihre eigene, unmißverständliche Sprache. Unterwegs hatte sie genügend zufällige Äußerungen aufgefangen, um zu wissen, daß man an dem Schauplatz des geplanten Überfalls auf den Zug angekommen war. Sie haßte diese Leute aus mancherlei Gründen, sie fürchtete sie aus vielen anderen. Aber sie hatte Joe Cumberlands altes Kämpferblut in den Adern. Die Gefahr, der man im nächsten Augenblick entgegenging, hatte für sie auch ihren Reiz.

Schließlich war der Schlachtplan geordnet. Die Männer banden sich schwarze Masken vor. Haines knüpfte Kate ebenfalls eine Maske um. Dann ging es in weitausgreifendem Galopp den Hang hinunter.

Vor dem Stationshaus hielten sie an. Alle blieben bei ihrem Pferd, nur Lee Haines schwang sich aus dem Sattel und klopfte energisch an die Tür. Ein graubärtiger Mann öffnete, die Pfeife zwischen den Zähnen. Haines hielt ihm den Revolver vor die Brust. Augenblicklich fuhren seine Hände in die Höhe. Die Pfeife fiel auf den Boden.

»Wer ist noch im Haus?« fragte Haines.

»Keine Menschenseele«, stotterte der Mann. »Wenn Ihr auf Geld aus seid, Ihr könnt alles durchsuchen, Ihr werdet nichts finden, was der Mühe wert ist.«

»Ich will kein Geld. Aber Ihr werdet gebraucht, mein Lieber!« sagte Haines. »Es wird Euch kein Haar gekrümmt werden, aber Ihr werdet so freundlich sein, die Weiche umzulegen und, wenn jetzt der Zug kommt, das Signal mit der roten Flagge zu geben. Das übrige ist unsere Sache. Braucht Eure Hände nicht mehr hoch zu halten, Mann.«

Langsam ließ der andere die Hände sinken. Er gönnte sich einen Augenblick, um Haines und die Bande maskierter Reiter prüfend zu mustern, dann griff er ohne ein Wort hinter die Tür und holte seine rote Flagge heraus. Von da an hörte niemand mehr auch nur ein Wort von seinen Lippen. Haines ging mit ihm zusammen die Strecke hinauf bis zu der Stelle, wo das Abstellgeleise abzweigte. Er überzeugte sich, daß die Weiche so umgelegt wurde, wie er angeordnet hatte, und begleitete seinen Gefangenen dann wieder zum Stationshaus zurück, um ein Auge darauf zu haben, daß das Haltesignal in korrekter Weise gegeben wurde. Zwei andere Reiter waren inzwischen in das Telegraphenzimmer eingedrungen, hatten den Telegraphisten gebunden und geknebelt und die Instrumente in tausend Stücke geschlagen. Purvis und Jordan überschritten die Schienen und suchten sich einen Platz an der Böschung. Sie hatten Befehl, auf die Fenster zu schießen, sobald der Zug zum Halten kam. Shorty Rhinehart und Bill Kilduff stellten sich in der Nähe des Stationshauses auf. Sie sollten verhindern, daß die Passagiere einen Ausfall aus den Wagen unternahmen und die Räuber von der Flanke her angriffen. Haines sollte dafür sorgen, daß die Feuerbuchse der Lokomotive unter Wasser gesetzt wurde. Silent hatte es sich selbst vorbehalten, den gepanzerten Geldschrank im Gepäckwagen zu sprengen. Er hatte einige Dynamitpatronen bei sich.

Und nun begann ein langes Warten. Klare Sommermorgen in freier Natur haben etwas vom Traum an sich. Alles, was Kate sah, schien ihr irgendwie unwirklich. Es war undenkbar, daß diese im Morgenlicht strahlende Szene der Schauplatz einer düsteren Tragödie werden sollte. Langsam verrann Augenblick um Augenblick. Sie sah, wie Silent zweimal auf die Uhr blickte und die Stirn runzelte. Anscheinend hatte der Zug Verspätung. Vielleicht wurde der ganze Anschlag aufgegeben. Da drang ein fernes summendes Geräusch an ihr Ohr.

Sie hielt den Atem an und lauschte. Es war nicht mißzuverkennen – ein dünner Laut – ein Vibrieren, das man beinah mehr spürte als hörte. Sie sah, wie Haines die Hand über die Augen legte und die Strecke entlangspähte. Sie folgte der Richtung seines Blickes. Ein dünner, nebelhafter Fleck zeichnete sich am Horizont ab. Das zarte Rauchwölkchen wurde größer, das Geräusch lauter. Der Stationsbeamte nahm seinen vorschriftsmäßigen Platz ein.

Nun wurde der Zug jeden Augenblick größer, war schon eine mächtige Masse, die über die Schienen heranschoß. Man sah, wie die Maschine infolge der Unebenheiten der holprigen Geleise schlingerte. Die rote Flagge des Stationsbeamten hob sich. Kate schloß die Augen und biß die Zähne aufeinander. Der Zug polterte vorbei, zischend und puffend strömte Dampf aus, heulend bissen die Bremsen in die Räder – ein lautes Brüllen – das Rattern einer Pistolensalve irgendwo – sie wagte es, die Augen zu öffnen, und sah, wie unmittelbar vor ihr der Zug auf das Abstellgeleise rollte und zum Halten kam. Kilduff und Shorty Rhinehart lagen auf dem Bauch an der Böschung und feuerten. Jeder ihrer sicher gezielten Schüsse zersplitterte eines der Zugfenster. Die Gepäckwagen waren weiter vorne, als Silent berechnet hatte. Jetzt lief er mit Haines zusammen am Geleise entlang in der Richtung der Maschine.

Der Lokomotivführer und der Heizer sprangen schleunigst vom Führerstand. Sie hielten die Arme steif über den Kopf gestreckt. Haines ging mit vorgehaltenem Revolver auf sie zu und zwang sie, das Feuer herauszureißen und die Feuerbuchse unter Wasser zu setzen. Dies war eine Vorsichtsmaßregel. Der Zug durfte seine Fahrt nicht sofort fortsetzen und die Behörden alarmieren, ehe die Banditen außer Reichweite aller Verfolgung waren. Silent hatte den ersten Gepäckwagen beinahe erreicht, als die Schiebetür zur Seite glitt. Zwei Männer, das Gewehr im Anschlag, erschienen in der Öffnung. Schüsse knallten. Silent stürzte zu Boden. Kate biß die Zähne zusammen und zwang sich, die Augen nicht abzuwenden.

Noch im Fallen knallte Silents Revolver. Einer der Leute im Gepäckwagen warf mit einem wilden Schrei die Hände hoch und stürzte kopfüber auf die Strecke. Sein Gefährte harrte noch immer auf seinem Posten aus, und sein Gewehr sandte Schuß auf Schuß dahin, wo Jim Silent gestürzt war. Zweimal noch fuhr Silents Revolverlauf mit einem jähen Ruck hoch, und der zweite Mann sackte auf dem Boden des Gepäckwagens in sich zusammen.

Ein gewaltiges Zischen und eine jäh hochprallende Dampfwolke zeigten an, daß es Haines gelungen war, das Feuer unter dem Kessel zu löschen. Silent trat achtlos auf die Leiche des Niedergeschossenen, der auf die Strecke gestürzt war, und schwang sich in den Wagen. Eine Sekunde später warf er den leblosen Körper des anderen Expreßbeamten aus der Tür. Der Mann fiel mit dem Gesicht nach unten wie ein Sack zu Boden, dann – es war die fürchterlichste Szene des Schauspiels – raffte er sich auf und kroch auf Händen und Knien mühselig davon. Kate lief hin und warf sich neben ihm auf die Knie.

»Seid Ihr schwer verwundet?« fragte sie aufgeregt. »Wo denn? Wo denn?«

Er sank hilflos zu Boden. Er lag auf der linken Seite und kämpfte um Luft.

»Wo ist die Wunde?« wiederholte Kate.

Er versuchte zu sprechen, aber er brachte kein Wort heraus. Blutiger Schaum trat ihm auf die Lippen. Sie wußte jetzt, daß er durch die Lungen geschossen war.

Eine mächtige Hand packte Kate bei der Schulter und riß sie mit einem Ruck hoch.

»Gleich geht die Sprengladung los! Nehmt die Beine in die Hand!« brüllte ihr Silent ins Ohr.

Sie sprang auf. Im selben Augenblick kam ein schweres Dröhnen aus dem Innern des Gepäckwagens. Die Seitenwand blähte sich auf, ein Stück des Daches klappte in die Höhe und fiel krachend zurück – Silent rannte in den Rauch der Explosion hinein, Haines, Purvis und Kilduff standen augenblicklich am Wagen. Sie nahmen die kleinen schweren Geldsäcke entgegen, die ihr Führer ihnen herausreichte.

Zwei Minuten nach der Explosion war die Beute sicher in den Satteltaschen verstaut. Ein Pfiff Silents rief Terry Jordan und Shorty Rhinehart von ihren Posten zurück – ein scharfer Befehl zwang Kate, in den Sattel ihres Pferdes zu klettern – und in rasendem Galopp jagten die Eisenbahnräuber den Hang, den sie heruntergekommen waren, wieder hinauf.

Wirres Geschrei hallte ihnen nach. Hier und da krachte ein Gewehrschuß und bewies, daß einer der Passagiere sich der Büchse des toten Wächters bemächtigt hatte, aber die Kugeln verfehlten ihr Ziel, und bald war die kleine Kavalkade völlig außer Schußweite.

»Bleibt dichtgeschlossen hinter mir!« rief Silent. »Wir reiten nach Saltons altem Haus – wir können uns jetzt eine Weile Ruhe gönnen.«

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