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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Siebzehntes Kapitel.
Die Panthertatze

Der Abend kam, und noch immer hatten sie die Bande nicht zu Gesicht bekommen. Als es dunkel wurde, kam, unter dichten Bäumen halb verborgen, ein Haus in Sicht. Calders Gaul war nahe am Zusammenbrechen. Sie entschlossen sich deshalb, hier über Nacht zu bleiben. Auf ihren Ruf kam ein Mann von rund fünfzig Jahren aus dem Haus und zeigte ihnen den Weg zum Schuppen. Während sie absattelten, berichtete er, daß er sich Sam Daniels nannte. Er legte aber anscheinend keinen Wert darauf, zu erfahren, wer seine Gäste seien, und die beiden sahen keinen Anlaß, ihm ungefragt Auskunft zu geben. Sam Daniels konnte anscheinend die Augen von Satans wundervollen Formen nicht losreißen. Von hinten, von vorn, von der Seite musterte er den Rappen, während Dan damit beschäftigt war, ihm mit einer Sorgfalt, die sonst im Westen unbekannt ist, die Beine und Schenkel zu massieren. Schließlich streckte der Alte die Hand nach dem glatten Bug des Tieres aus.

Zufällig stand Calder in seiner Nähe. Dem gelang es noch rechtzeitig, den ausgestreckten Arm wegzuschlagen und den Mann aus der Zone der Gefahr zurückzureißen.

»Was zum Teufel ist denn los?« rief Daniels.

»Der Gaul da heißt Satan«, sagte Calder, »und wenn ihn jemand, außer seinem Herrn, anfaßt, dann wird er auch einer und fährt mit dem Betreffenden zur Hölle.«

Daniels Frau bereitete den beiden Gästen, als sie gleich darauf das Haus betraten, einen weniger kühlen Empfang. Ihr Sohn, Buck, sollte zum Essen nach Hause kommen. Aber er war lange über die Zeit ausgeblieben, und man wollte nicht mehr auf ihn warten. Dementsprechend setzte man sich sogleich zu Tisch. Die Mahlzeit war schon beinah vorbei, als Buck, der sich von draußen durch einen lauten Indianerschrei angekündigt hatte, ins Zimmer trat und die Tür geräuschvoll hinter sich ins Schloß warf. Er begrüßte die fremden Gäste mit einer gleichgültigen Handbewegung und ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Seine Mutter schob ihm schweigend einen gefüllten Teller zu. Niemand fragte ihn nach dem Grund seines Zuspätkommens, und er äußerte sich nicht darüber. Aus dem Benehmen seines Vaters war ohne weiteres zu schließen, daß der Junge das Mitglied der Familie war, das für die anderen den Lebensunterhalt verdiente. Er war ein mächtiger Kerl mit breiten, festen Handgelenken und kecken, schwarzen Augen. Als er gegessen hatte, ließ er sich herab, die Tafelrunde zu unterhalten, wobei insbesondere ein bösartiger Mustang eine Rolle spielte, den er am Tag zuvor infolge einer Wette geritten hatte.

»Da du gerade von Pferden redest, Buck«, sagte sein Vater. »Draußen im Schuppen steht just jetzt ein Rappe. Wenn du den sehen würdest, würden dir die Augen aus dem Kopf fallen vor Verwunderung. Keine fünfzehn Hand hoch, aber ein Bild von einem Gaul. Muß schnell sein wie ein geölter Blitz.«

»Hab' schon manchen Gaul 'nen geölten Blitz nennen hören«, sagte Buck mit einem Anflug von Großspurigkeit. »Aber ich trau' mich ihnen mit unserem alten Mike noch immer die Spitze zu bieten.«

»Und bei dem Pferd liegt ein Hund – der sieht einem Wolf so ähnlich wie 'n Bruder. So was hast du noch nicht gesehen.«

Mit Buck war plötzlich eine Wandlung vorgegangen – man konnte sie nicht sehen, aber man konnte sie spüren. Er hielt sich straffer – er schien mit einem Male wach und auf der Hut, gab sich aber Mühe, es nicht merken zu lassen. Mit einem Male fing er an, leise vor sich hin zu pfeifen. Es schien nichts als müßige Unterhaltung. Er schaukelte auf seinem Stuhl und ließ die Augen scheinbar gleichgültig über Wände und Decken schweifen. Dans Hand schloß sich unmerklich über den Kolben seines Revolvers. Sofort flog Bucks Blick zu ihm hinüber. Er betrachtete Dan lange und forschend. Eins war gewiß: Die Erwähnung des Pferdes und des Hundes hatte Buck auf ganz neue und merkwürdige Gedanken gebracht.

Als die beiden auf ihrem Zimmer waren – ein Bett war nicht vorhanden, und sie mußten sich mit ihren eigenen Decken begnügen – öffnete Dan das Fenster und pfiff eine seiner eigentümlichen wilden Melodien. Gleich darauf schoß ein Schatten durchs Fenster herein. Black Bart landete auf federnden Pfoten auf dem Fußboden.

Calder fuhr zusammen und fluchte leise vor sich hin.

»Was ist Euch durch den Kopf geschossen?«

Dan machte ihm ein Zeichen, leiser zu sprechen.

»Nichts Besonderes«, antwortete er. »Aber diese Leute hier – Daniels und sein Sohn – habt Ihr was über sie gehört?«

»Nein. Warum?«

»Sie interessieren mich. Sonst nichts.«

»Stimmt irgend was nicht?«

»Ich weiß nicht.«

»Warum habt Ihr den verdammten Wolf herbeigepfiffen? Das Vieh macht mich nervös. Scher' dich raus, Bart!«

Der Wolf warf ihm einen gelangweilten Blick zu.

»Laßt ihn in Ruh'«, sagte Dan. »Ich fühl' mich nicht recht wohl in meiner Haut, wenn ich nicht Bart bei mir hab'.«

Calder machte keine weiteren Einwendungen, rollte sich in seine Decken und war fast im selben Moment schnaufend in Schlaf gesunken.

Als Dan die regelmäßigen Atemzüge hörte, richtete er sich leise wieder auf. Augenblicklich war Bart neben ihm. Er klopfte ihm liebkosend auf den zottigen Kopf und deutete nach der Tür.

»Paß auf!« flüsterte er.

Dann legte er sich wieder hin und war gleich darauf eingeschlafen. Bart lag ihm zu Füßen, den Kopf nach der Tür gerichtet.

In den anderen Räumen hörte man die Familie Daniels zu Bett gehen. Das Haus war dünn und schlecht gebaut und jedes Geräusch deutlich zu unterscheiden. Dann wurde es totenstill. Stunde um Stunde verging. Aber in der Zeit kurz vor der Morgendämmerung, wo die Finsternis am dichtesten ist, entstand ein leises knisterndes Geräusch draußen auf dem Gang. Es war kaum merklich, und es lagen lange Pausen dazwischen, aber sofort hob Black Bart den Kopf und starrte mit seinen grünfunkelnden Augen, für die es keine Dunkelheit gab, nach der Tür. Jetzt wurde ein anderes Geräusch hörbar. Auch ganz leise, regelmäßig. Die Tür bewegte sich unmerklich. In der pechschwarzen Dunkelheit hätte ein Menschenauge es nicht zu sehen vermocht, aber der Wolf sah es. Er sah auch deutlich den Umriß einer menschlichen Gestalt, die im Türrahmen stand. In einer Hand hielt die Gestalt eine Laterne, die dicht mit Stoff umwickelt war, trotzdem stahl sich ein feiner Lichtstrahl durch die Falten und glänzte auf dem Lauf eines Revolvers. Der Eindringling machte einen Schritt vorwärts. Sein Fuß machte nicht mehr Geräusch als das Niederfallen einer Feder, aber ebenso geräuschlos glitt Black Bart der Tür zu. Wieder machte die Gestalt einen Schritt. Da plötzlich schoß ein dunkler Schatten aus der Finsternis des Zimmers auf ihn los. Weiße Raubtierzähne blitzten dicht vor seinem Gesicht auf. Er hob die Hand, um seine Kehle zu schützen. Die Zähne schlugen sich in seinen Arm, ein schwerer Körper prallte gegen ihn, warf ihn gegen die Wand, daß er zu Boden taumelte. Prasselnd fielen Revolver und Laterne auf die Erde. Das Tuch, das um die Laterne war, löste sich, und plötzlich war der Raum von blendendem Licht erfüllt. Weder der Mann noch der Wolf hatten bei alledem einen Laut von sich gegeben.

Calder stand schon aufrecht, den Revolver in der Hand, aber er war zu verblüfft, um zu handeln. Dan dagegen, als spiele er eine Rolle in einem oftmals durchprobierten Stück, stand bereits über dem auf dem Boden ausgestreckten Buck Daniels und hielt ihn mit dem Revolver in Schach.

»Laß aus, Bart!« befahl er.

Der Wolf drückte sich widerwillig einen Schritt zur Seite. Er winselte gierig. Er hatte Blut geleckt. In der Ferne schrie jemand auf. Das mußte der alte Daniels sein. Dan ließ den Revolver sinken.

»Steht auf!« kommandierte er.

Sein mächtiger Gegner sammelte sich langsam vom Boden auf und stellte sich glatt an die Wand. Das Blut lief in Strömen an seinem verwundeten Arm hinunter. Noch immer hatte er kein Wort geäußert. Seine scharfen Augen schossen zwischen Calder und Dan hin und her.

»Calder, seid so gut und reißt einen Fetzen von dem alten Hemd da drüben ab. Und haltet den Kerl mit dem Revolver in Schach, solang ich ihn verbinde.«

Aber ehe Calder noch einen Finger rühren konnte, erschien der alte Daniels in der Tür. Er hielt einen schweren Colt in der Hand. Maßlose Verblüffung malte sich auf seinem Gesicht, aber dann riß er mit einem Schrei die Waffe hoch. Er war schnell, aber Dan war schneller. Dans Handknöchel trafen das Handgelenk des Alten mit einem kräftigen Hieb. Der Colt rasselte auf den Boden. Sam Daniels bückte sich danach, aber Buck rief ihm zu:

»Das Spiel ist ausgespielt, Dad! Der alte Kerl ist Tex Calder.«

Sam Daniels fuhr zusammen wie von einer Kugel getroffen. Er schnellte in die Höhe, seine Augen blinzelten unsicher, er war weiß wie ein Leintuch. Der Pfeifende Dan drehte ihm ohne weiteres den Rücken zu und bemühte sich, Bucks zerfleischten Arm zu verbinden.

»Um's Himmels willen, Buck,« ächzte Sam, »was hattest du in dem Zimmer zu suchen? Was hattest du vor?«

»Was du selbst getan hättest, wenn du Schneid gehabt hättest. Das ist Tex Calder hier, und das ist Dan Barry. Sie sind hinter Jim Silent her, und ich wollte ihnen die Fährte ein wenig versalzen.«

»Hört mal, Mann«, sagte Calder. »Woher kommt's, daß Ihr uns kennt?«

»Ich hab' mein Sprüchlein gesagt«, erwiderte Buck verdrossen. »Ihr könnt anstell'n mit mir, was Ihr wollt, aus mir werdet Ihr nichts weiter herausbringen.«

»Er hat Bescheid gewußt,« sagte Dan zu Calder, »weil sein Vater über Satan und Black Bart gesprochen hat. Kann sein, er gehört zu Silents Leuten.«

»Buck! Um's Himmels willen, sag' ihnen, daß du nichts von Silent weißt!« rief der Alte. »Junge, Junge, wenn sie dich unter dieser Anklage nach Elkhead schaffen, dann machst du mit einem Strick um den Hals Bekanntschaft.«

»Dad, du bist ein Narr!« sagte Buck. »Meinst du, ich werde vor den beiden auf den Knien rutschen? Da kannst du dir einen anderen suchen!«

Calder zog Dan ein wenig zur Seite. Sein Revolver blieb aber auf Buck gerichtet.

»Was sollen wir mit dem Kerl anstellen, Dan? Sollen wir die Verfolgung aufgeben, damit wir ihn nach Elkhead bringen können?«

»Nach Elkhead bringen – und dem Alten das Herz brechen?«

»Aber Buck gehört zu der Bande, das ist totsicher!«

»Wenn Ihr Silent erwischt, bleibt von der Bande nichts mehr übrig.«

»Aber wir haben den Burschen doch auf frischer Tat ...«

»Er ist nicht alt, Tex. Kann sein, er kann sich noch bessern. Ich glaube nicht, daß er schon lange mit Silent unter einer Decke steckt.«

»Wir können ihn doch nicht einfach laufen lassen? Das ist doch wider alle Vernunft.«

»Ich rede nicht von Vernunft. Ich denke an den alten Sam und seine Frau.«

»Und wenn wir ihn dann loslassen?«

»Ist er unser bis zum letzten Blutstropfen!«

Calder zog die Brauen zusammen: »Die ganze Gegend hier steckt voll von Leuten, die heimlich Silents Bande Vorschub leisten – trotzdem – kann sein, daß Ihr recht habt, Dan. Seht mal die beiden jetzt!«

Der Vater hatte sich dicht an seinen Sohn herangedrängt und strömte von leidenschaftlicher Beredsamkeit über. Er sprach leise, aber man konnte erraten, daß er seinen Sohn beschwor, jede Kenntnis von Silent und den anderen zu leugnen. Buck aber schüttelte verdrossen den Kopf. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben. Calder trat heran.

»Buck,« sagte er, »Ihr wißt wohl selbst, daß die Sache von heute nacht genügt, Euch an den Galgen zu bringen. Wenn der Richter Euch auch laufen läßt, es wäre bald ein Lynchkommando zusammen, das Euch trotzdem hängt. Und kein Gefängnis in der weiten Gotteswelt wäre fest genug, Euch vor den Lynchern zu bewahren.«

Buck verharrte in trotzigem Schweigen.

»Aber wie wär's, wenn wir Euch frei ausgehen ließen?«

Buck fuhr zusammen. Das Blut schoß ihm ins Gesicht.

»Ich tu's auf Dan Barrys Rat«, sagte Calder. »Barry meint, Ihr wäret fähig, auf dem geraden Weg zu bleiben. Nun sagt mir, Mann zu Mann, wenn ich Euch eine letzte Chance gebe, werdet Ihr Euch von Jim Silent und seiner Bande lossagen?«

Eben noch hatte Buck in Erwartung des Schlimmsten sich mit allem seinem Stolz gewappnet, aber der plötzliche Umschlag seines Geschickes ließ seinen Trotz wie Eis in der Sonne zerschmelzen. Er stotterte, seine Stimme versagte: Calder drehte sich auf dem Absatz herum.

»Dan,« sagte er, »es dämmert schon. Zeit, daß wir im Sattel sitzen.«

Sie rollten hastig ihre Decken zusammen und rissen sich mühsam von dem alten Sam los, der von Dankbarkeit überströmte. Als sie schon im Sattel saßen, trat Buck an Dan heran. Scham, Stolz und Dankbarkeit machten seine Stimme unsicher.

»Ich bin nicht groß im Reden,« sagte er, »aber ich dank' Euch. Versteht Ihr? Euch!«

Zögernd reichte er die Hand hinauf. Dan packte sie mit festem Griff.

»Na,« sagte er freundlich, »sogar mein Satan hier stolpert hier und da. Das ist doch kein Grund, ihn zum Teufel zu schicken? Viel Glück für die Zukunft, Kamerad!«

Eine Zügelbewegung setzte Satan in Galopp. Calder war schon auf seinem Pferd vorausgetrabt. Buck Daniels starrte unbeweglich den beiden nach. Seine Augen waren feucht.

Die Sonne war schon über den Bergen. Die beiden waren über eine Stunde unterwegs. Calder hielt sein Tier an, um einen Blick nach dem Gestirn zu werfen.

»Dan«, sagte er schließlich. »Ich dachte immer, es gibt nur zwei Arten, wie man Leute anfaßt. Entweder mit Samthandschuhen oder mit der eisernen Faust. Für mein Teil hab' ich die eiserne Faust immer vorgezogen, aber 's beginnt mir zu dämmern, daß es noch 'ne dritte Art gibt. Mit dem Sammetpfötchen, das die stählernen Klauen wohl zu verbergen weiß – Panther haben solche Pfoten – das scheint mir Eure Art. Und kommt mir fast so vor, als wär's die beste. Ich glaube, Buck Daniels würde jetzt mit Freuden für Euch sterben.«

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