Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.
Delila

Haines beugte sich zu Kate vor:

»Das ist der Mann. Und seid hübsch mutig«, murmelte er. Und in derselben verstohlenen Weise fuhr er fort: »Vorläufig gefällt ihm die Sache durchaus nicht, aber wenn er erfährt, weshalb Ihr gekommen seid, wird er schon zufrieden sein, so gut wie wir alle.«

In diesem Augenblick winkte Silent ihn zu sich heran. Er gehorchte.

»Was ist mit dem Mädel?« fragte Silent kurz angebunden.

»Hat Rhinehart dir nicht Bescheid gesagt?«

»Rhinehart ist ein Narr, wie die ganze übrige Bande. Hast du denn auch Tollkraut gefressen, Haines, einen Weiberrock ins Lager zu lassen.«

»Was ist schon Schlimmes dabei?«

»Schlimmes?! Der Teufel soll's holen! Sie hat schon jeden einzelnen von den Kerlen in der Schlinge.«

»Ich habe sie hereingelassen, weil sie hinter dem Pfeifenden Dan her ist.«

»Mann, ich sag' dir, bild' dir nicht ein, daß ein blödes Mädel es fertigbringt, den Kerl von unserer Fährte abzubringen. Da gibt's nur ein Mittel – ein tüchtiges Stück Blei.«

»Aber Dan und das Mädel sind ineinander verliebt«, sagte Haines. »Das mußt du beachten. Ich habe die beiden in Morgans Kneipe beobachtet. Das Mädel kann Dan um den Finger wickeln.«

Der Anflug eines Lächelns zeigte sich auf Silents düsterem Gesicht.

»Gelbes Haar und blaue Augen. Die können viel ausrichten. Kann sein, du hast recht. Was ist jetzt wieder los?« Seine Stimme war plötzlich heiser.

Ein rötlicher Mond schob sich langsam über die Wipfel der Bäume empor. In dem schwachen Licht sah man die Rauchsäule vom Lagerfeuer kerzengerade aufsteigen und in der Höhe der Wipfel zerflattern. Ferne in den Hügeln heulte ein Koyote, und ehe der klagende Ruf dahinstarb, trieb ein anderer Laut unter den flüsternden Weiden daher, ein melancholisches Pfeifen, dünn, aus weiter Ferne kommend.

Haines drehte sich zu Kate: »Wollen sehen, ob das der Mann ist, nach dem Ihr sucht«, sagte er.

»Ich geh' mit!« erklärte Shorty Rhinehart.

»Ich auch!« sagte ein Dritter.

Die ganze Bande hätte die beiden begleitet, aber Jim Silents grobe Stimme fuhr dazwischen: »Ihr bleibt gefälligst hier, alle miteinander, außer dem Mädel und Lee.«

Sie kehrten knurrend um. Kate verschwand mit Haines unter den Weiden.

»Well?« knurrte Bill Kilduff.

»Ich möchte doch gern wissen«, unterbrach ihn Terry Jordan.

»Geht zum Teufel mit euern Fragen,« sagte Silent, »aber solang ihr noch nicht abfahrt, werdet ihr gefälligst tun, was ich sage. Verstanden?«

»Hör' mal, Jim,« sagte Hal Purvis, »kann sein, du bist 'ne Art von König und wir nichts weiter als dreckiges Sklavenpack, was?«

»Du nimmst dir wirklich ein bißchen zuviel heraus, Jim«, sagte Shorty Rhinehart. All das in zornigem Ton. Sie warfen Jim Silent wütende Blicke zu. Ihre Hände irrten in der Gegend der Hüften umher, und die Finger krümmten sich unwillkürlich, als suchten sie nach dem Abzug einer Waffe. Silent lehnte seine breiten Schultern gegen sein Pferd und kreuzte die Arme auf der Brust und blickte ihnen in die Augen.

Es dauerte nicht lange, dann wandten sie den Blick ab, rückten verlegen den Hut oder das Halstuch zurecht. Silent lächelte.

»Eine feine Sippschaft seid ihr!« sagte er sarkastisch. »Wie Stahl und Eisen. Eine gloriose Gesellschaft von Langreitern, die sich von einer kleinen Rotznase mit blondem Haar am Gängelband führen läßt. Du da – du Shorty Rhinehart! Du würdest jetzt jedem den Hals abschneiden, der scheel auf dem Cumberland sein Gänschen blickt. Nicht wahr? Und du, Purvis, dir juckt's in den Fingern, mir an den Hals zu gehen, nicht wahr? Und du kannst ihre blauen Augen nicht vergessen, Jordan?«

Ehe einer den Mund öffnen konnte, ging eine neue Salve über sie nieder. »Eine kleine Rotznase von Mädel macht mit fünf ›Langreitern‹, was sie will? ›Langreiter‹, du lieber Himmel! 'n Steckenpferd ist zu gut für euch.«

»Was willst du von uns?« knurrte Bill Kilduff.

»Daß du das Maul hältst, wenn ich rede, sonst nichts.«

Eine teuflische Wut saß in seinen Augen. Seine gekreuzten Arme zuckten nervös. Wenn er seinen Händen den Willen ließ, knallten im nächsten Augenblick die Revolver. Die vier Männer wichen langsam zurück. Das beruhigte ihn etwas.

»Nun sollt ihr hören, was geschieht«, sagte er. »Wir gehen jetzt Haines und dem Mädel nach. Und wenn sie wirklich den Pfeifenden Dan treffen, werden wir ihm den Weg verlegen und ihn voll Blei pumpen.«

   

Der große Wolfshund glitt geräuschlos vor Dan durch das Dunkel zwischen den Bäumen. Sie waren schon eine Stunde unterwegs, und Dan war drauf und dran, die Suche aufzugeben, als Black Bart, der bald im Zickzack, bald in Kreisen vor ihm herlief, plötzlich zu ihm zurückkam, sich vor ihn hinstellte und leise winselte. Dan lockerte den Revolver im Halfter. Wieder lief der Hund voraus. Hinter ihm her glitt Barry durch die Dunkelheit, die hier und da ein Streifen Mondlicht ein wenig erhellte. Wieder hielt der Hund und hob den Kopf. Im selben Augenblick sah Dan eine Frau und einen Mann durch die Weiden daherkommen. Jetzt fiel das Mondlicht auf das Gesicht der Frau. Dan erkannte Kate – und Lee Haines ging vor ihr her.

»Bleibt stehen, wo Ihr steht!« sagte er laut.

Haines sprang zur Seite. In seiner Hand glitzerte ein Revolver. Dan trat aus dem Schatten des Gebüsches. Black Bart folgte dicht an seinen Fersen. Er knurrte leise.

Dan schien sich nicht im geringsten um den Revolver zu kümmern, den Haines in der Hand hielt. Er behandelte ihn wie ein Sieger einen Geächteten.

»Ihr trollt Euch da hinüber an den Waldrand«, sagte er.

»Dan!« rief Kate und lief ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen.

Er machte eine Bewegung und sie blieb stehen. Seine Augen folgten Haines, der gehorsam ein paar Schritte zur Seite gegangen war.

»Bart, paß auf ihn auf!« rief Dan.

Der Wolf rannte zu Haines hinüber und ließ sich knurrend vor ihm nieder. Der Bandit steckte den Revolver in den Halfter zurück. Er kreuzte die Arme über der Brust und kehrte den anderen den Rücken zu. Jetzt erst gönnte Dan Kate einen Blick. Sie zuckte zusammen. Sie hatte nicht gehofft, ihn mit dem ersten Wort zur Heimkehr zu überreden. Aber sie hatte auch nicht erwartet, daß er ihr mit so eisiger Kühle gegenübertrat. Es war ihr mit einemmal zumute, als wäre sie ihm völlig fremd.

»Wie kommst du hierher – und mit dem da?«

»Er ist mein Freund!«

»Du suchst dir weiß Gott drollige Plätze aus, um mit ihm spazierenzugehen.«

»Still, Dan, er hat mir geholfen, dich zu finden.«

»Er hat dich hierhergebracht?«

»Verstehst du das nicht?«

»Wenn ich einen Freund von der Sorte brauche, werd' ich mir selbst einen suchen, und ich werde nicht vergessen, 'nen Revolver mitzunehmen.« Das unstete gelbe Licht flackerte in Dans Augen. »Ich hab' ihm ins Gesicht gesehen – und er hat den Kopf wegwenden müssen.«

Sie machte eine flehende Bewegung, aber er blieb ungerührt stehen, die Hände auf die Hüften gestützt. Auch seine Stimme wurde nicht sanfter.

»Warum treibst du dich hier herum?«

Jedes Wort traf sie wie ein Faustschlag, der sie von ihm wegtrieb.

»Bist du stumm, Kate? Warum treibst du dich hier herum?«

»Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen.«

»Nach Hause? Ich bin daheim!«

»Was soll das heißen?«

»Das ist mein Dach –« er deutete nach dem Himmel.

»Nein! Nein! Wir warten alle auf dich auf der Ranch.«

Er zuckte mit den Achseln.

»Dan, mit dieser Fährte nimmt's kein gutes Ende.«

»Kann sein. Aber ich weiß, der Kerl da kann mir den Weg zu Jim Silent zeigen, und nun ...«

Er drehte sich nach Haines um. In diesem Augenblick stieß Black Bart ein kurzes, giftiges Knurren aus. Dan hielt inne. Kate sah, wie er plötzlich erstarrte – seine Lippen teilten sich, ein dünnes Lächeln rann darüber hin – er warf den Kopf in den Nacken, als horche er gespannt. Sie vermochte aber nichts zu hören. Er stand kaum einen Meter von ihr entfernt, aber es kam ihr vor, als lägen tausend Meilen zwischen ihnen. Jetzt drehte er ihr den Kopf zu. Noch lange nachher konnte sie das gelbe Funkeln in seinen Augen nicht vergessen.

»Dan!« schrie sie. Aber sie dämpfte ihre Stimme, daß es kaum so laut war wie ein Flüstern.

»Delila!« sagte er und tauchte mit einem Sprung in den Schatten des Weidengebüsches.

Sie sah, wie er im Sprung den Revolver aus dem Halfter riß, das Metall blitzte kalt im Mondlicht, dann schoß zweimal ein Feuerstrahl aus der Mündung. Ein Schmerzensschrei folgte, man hörte wie eine Kugel auf Eisen traf, dann knatterte ein Dutzend Schüsse aus den Büschen hinter ihr.

Das Wort »Delila« dröhnte in ihrem Hirn. Die Außenwelt existierte kaum noch, so furchtbar war das Dröhnen. Wie durch einen dicken Vorhang hörte sie Stimmen und Geschrei – sie drehte sich ein wenig, sie sah, wie Haines mit dem Revolver in der Hand in ihrer Nähe stand. Der Wolfshund saß zähnefletschend vor ihm und erlaubte ihm nicht, einen Fuß zu rühren. Jetzt stürzten Männer aus den Schatten der Weiden auf die Lichtung hinaus. Weit, weit hinten im Dickicht ertönte ein scharfer Pfiff. Augenblicklich ließ der Wolf seine Gefangenen im Stich, um Dans Fährte zu folgen.

   

Tex Calder war stolz auf seinen leichten Schlaf. Er hatte jahraus, jahrein inmitten von Gefahren aller Art gelebt und dabei gelernt, die Ohren selbst im Schlaf offenzuhalten. Niemand hatte ihn je im Schlafe überrascht, und er rühmte sich dessen. Deshalb fuhr er mit einem Fluch aus seinen Decken und griff nach seiner Waffe, als eine Hand unvermutet leicht auf seine Schulter fiel. Eine eiserne Faust packte sein Handgelenk. Seine Finger waren gelähmt. Der Pfeifende Dan beugte sich über ihn.

»Wacht auf!« sagte er.

»Was in Dreiteufels ...« schnaufte der Konstabler. »Ihr seid leiser wie ein Wolkenschatten, Dan.«

»Wacht auf, ich hab' mit Euch zu reden!«

»Ich bin schon wach, was ist los?«

Schweigen. Dan schien nach Worten zu ringen.

Auf der anderen Seite der Lichtung reckte Black Bart seine spitze Schnauze zum Mond hinauf und heulte kläglich.

Statt zu reden, sprang Dan plötzlich auf und lief ziellos hin und her. Hinter ihm her trottete der Wolf, mit hängendem Kopf und gesenktem Schwanz. Calder sah, daß sein seltsamer Genosse irgendwie in Not war. Es war für ihn ein prickelndes Gefühl. Der Mann der Wildnis erwartete Hilfe in seiner Not von Tex Calder. Aber Tex wollte keine Fragen stellen.

In zweifelhaften Situationen rollt sich der Mann des Westens zunächst einmal eine Zigarette. Auch Calder nahm zu diesem Mittel seine Zuflucht. Er blies den Rauch von sich und wartete. Es kam, wie es kommen mußte.

»Wie alt seid Ihr, Tex?«

»Vierundvierzig.«

»Das ist ein ziemliches Alter. Ihr müßt etwas vom Leben wissen.«

»Kann sein.«

»Und von den Frauenzimmern.«

»Ah!« sagte Calder.

»Mustangs,« fuhr Dan fort, »Mustangs sind alle nach einem Muster gemacht, im großen und ganzen. Sie bestehen im großen und ganzen aus nichts anderem als aus lauter Niederträchtigkeit. Ist es mit den Frauenzimmern gerade so? Sind die auch alle nach einem Muster geschnitten?«

»Nach was für einem Muster, Dan?«

»Delila! Man kann ihnen nicht vertrauen.«

»Das hat so mancher schon gefunden.«

»Ich dachte, eine Frau wär' anders.«

»So denken wir alle. Eine Frau im besonderen, die ist immer just aus dem Paradies gekommen. Frauenzimmer im allgemeinen – das ist die Hölle!«

»Ach ja! Aber die Eine ...« er brach ab und knirschte mit den Zähnen.

»Was hat sie getan?«

»Sie –« er stockte. Als er weitersprach, zitterte seine Stimme nicht mehr, aber tiefes Erstaunen und unendliche Wehmut sprachen daraus: »Sie hat falsches Spiel mit mir getrieben.«

»Wann denn? Habt Ihr vielleicht heute nacht hier draußen eine Frau getroffen – wo? – wie?«

»Tex!«

»Ja, Dan.«

»Es ist – es ist die Hölle!«

»Jetzt noch! Aber Ihr werdet sie vergessen. Die Berge, die Einöde, und die Zeit vor allem werden die Wunden heilen, mein Junge!«

»Nicht in hundert Jahren, Tex!«

Calder wartete gespannt, was noch kommen würde. Es kam:

»Und da ist noch was.«

»Schieß los, mein Junge.«

»Heut abend habe ich Euch gesagt, ich haßte keinen von der Bande, außer Jim Silent.«

»Jawohl.«

»Und jetzt ist noch ein anderer dazugekommen. Eines Tages – aber sie muß dabei sein – werd' ich den Kerl bei der Gurgel fassen, bis er keine Luft mehr kriegt. Und ich werde ihn ihr vor die Füße werfen. Soll sie sehen, ob ihre Küsse ihn wieder zum Leben bringen.«

Calder zitterte vor Aufregung, aber er war klug genug, den Mund zu halten.

»Tex!«

»Ja, mein Jung!«

»Aber wenn ich ihm seine dreckige Seele ausgequetscht habe ...«

»Ja?«

»Dann sind immer noch fünf am Leben, die mit dabeigewesen sind, wie sie mir die größte Schande angetan hat. Tex – es ist, als wenn in mir die Hölle los wär'.«

Calder musterte ihn, aber nicht lange. Er konnte den kalten Haß in Dans Augen nicht ertragen und drehte den Kopf weg.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.