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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Dreizehntes Kapitel.
Bei den Strauchdieben zu Gast

Als Lee Haines an diesem Abend in Silents Lager einritt, wurden keine Fragen an ihn gerichtet. Fragen waren unter den Langreitern nicht populär. Nur ein Grunzen hier und da begrüßte ihn. Trotzdem war er bei weitem das beliebteste Mitglied der Bande. Selbst Jim Silent, der Mann mit den ewig düsteren Augen, war dem stattlichen Burschen besonders geneigt.

»Habt ihr's heut pfeifen hören?« fragte er.

Purvis schüttelte den Kopf und Terry Jordan stellte fest, es sei ein ungemein glücklicher Umstand, daß der Kerl, der Barry, sein verdammtes Gedudel heute unterlassen habe. Dann setzte sich Haines zu einem schweigsamen Mahl nieder. Dabei horchte er eifrig in die Ferne. Er wollte der erste sein, der Kates Pferd seinen Weg durch die Büsche bahnen hörte. Trotzdem war es Shorty Rhinehart, der zuerst aufsprang.

»Ich hör' ein Pferd durch das Dickicht brechen«, erklärte er.

»Kann sein, 's ist Silent«, meinte Haines mit gespielter Gleichgültigkeit.

»Der Chef macht keinen solchen Krach. Der sieht sich vor«, antwortete Hal Purvis.

Das Geräusch war jetzt deutlich hörbar.

»Da ist etwas faul«, sagte Rhinehart erregt. »Irgend jemand hat dem Sheriff einen Wink gegeben, wo unser Lager ist.«

»Allright,« sagte Haines gelassen, »wir beide wollen miteinander nachsehen gehn.«

Sie tauchten in den Schatten der Büsche. Rhinehart fluchte leise vor sich hin.

»Seid nicht zu schnell mit dem Revolver voran«, mahnte Haines.

»Lieber zu früh als zu spät!«

»Kann sein, es ist kein Konstabler. Wenn ein Mann hinter uns her wäre, wär' er ein schöner Narr, wenn er solchen Radau machte.«

Er hatte kaum ausgesprochen, als Kate vor ihnen auftauchte.

»Großer Gott, ein Mädel!« sagte Rhinehart. Zum Teil schien er erleichtert, zum Teil schien ihm die Sache wider den Strich zu gehen.

»Scheint, daß du recht hast«, stimmte Haines zu.

»Wollen uns wieder ins Lager verdrücken.«

»Da mach dir keine Hoffnung! Sie reitet ja gerade aufs Lager los. Das beste ist, wir machen uns an sie heran. Wir können ihr erzählen, wir gehörten zur Y-X-Ranch und wären nach Norden unterwegs. Sie wird schon nichts merken.«

»Gute Idee«, sagte Rhinehart. »'s ist bald drei Monate her, daß ich keinen Weiberrock gesehen habe«, fügte er kichernd hinzu.

»He da!« rief Haines und trat aus dem Gebüsch. Rhinehart packte gleichzeitig das Pferd am Zügel.

»Oh!« rief Kate und hielt ihr Pferd an. »Wer seid ihr?«

»Jesses, eine Schönheit!« murmelte Rhinehart in ehrfürchtiger Bewunderung.

»Wir sind Leute von der Y-X-Ranch«, erklärte Haines mit großer Geläufigkeit, »und haben hier für die Nacht Lager gemacht. Habt Ihr Euren Weg verloren, Lady?«

»Denke, es ist so. Ich hatte mir eingebildet, ich komme durch die Weiden, noch ehe es Nacht wird. Ich suche nach einem Mann, der in dieser Richtung geritten ist.«

»Kommt mit ins Lager«, schlug Haines vor. »Kann sein, einer von den Boys kann Euch auf den richtigen Weg weisen. Wie sieht der Mann ungefähr aus?«

»Er reitet einen Rappen und pfeift oft und viel. Barry ist sein Name. Den Pfeifenden Dan nennen sie ihn.«

»Großer Gott!« flüsterte Rhinehart Haines ins Ohr.

»Halt den Mund!« antwortete Haines ebenso leise. »Hast du Angst vor 'nem Mädel?«

»Ich bin seiner Spur gefolgt bis hier in die Nähe«, fuhr Kate fort. »Dann hab' ich sie plötzlich verloren. Ich glaube sicher, er ist durch die Weiden geritten.«

»Hab' ihn nicht gesehen,« sagte Rhinehart liebenswürdig, »aber kommt mit ins Lager, Lady. Kann sein, ein anderer hat ihn unterwegs bemerkt. Wie heißt Ihr?«

»Kate Cumberland«, antwortete sie.

Er zog mit einem breiten Grinsen den Hut ab und reichte ihr die Hand hinauf.

»Mächtig froh, Euch kennenzulernen, Lady. Mein Name ist Shorty. Der da ist Lee. Kommt Ihr mit?«

»Vielen Dank. Ich bin ein bißchen besorgt.«

»Alles in Ordnung. Braucht nicht besorgt zu sein. Wir werden Euch schon auf den richtigen Weg bringen. Kommt nur mit.«

Sie gingen vor ihr her durch das Gebüsch. Kate ritt ein paar Meter hinterher.

»Nun hör' mal, Shorty«, sagte Haines mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Hast du ihren Namen gehört?«

»Na und ob!«

»Well, das ist die Tochter von dem Mann, der den Pfeifenden Dan großgezogen hat. Ich habe sie in Morgans Kneipe gesehn. Vielleicht hat's ihr einer gesteckt, daß Dan hinter Silent her ist, aber sie hat natürlich keine Ahnung, wer wir eigentlich sind.«

»Natürlich weiß sie's nicht. Großartig sieht sie aus, was, Lee?«

»Nicht so übel, das stimmt schon. Nun, paß auf, daß du das richtig verstehst: Das Mädel ist hinter dem Pfeifenden Dan her, und wenn sie ihn trifft, wird sie ihn überreden, daß er mit ihr auf die Ranch zurückkehrt. Auf die Art werden wir ihn von unserer Fährte los, und ich denke, keinem von uns wird's leid sein, wenn er abzieht, was?«

»Ich fang an und verstehe, wo du hinauswillst, Lee. Du hast immer 'n tüchtigen Kopf auf den Schultern gehabt.«

Es wickelte sich alles glatter ab, als Haines gedacht hatte. Keiner von den Leuten in Silents Lager schöpfte den geringsten Verdacht. Kate brauchte keine große Verstellungskunst aufzubieten, um sie in Sicherheit zu wiegen. Ihr Freimut, ihr Lachen und ihre Schönheit unterwarfen sie alle. Höfliche Worte, etwas verrostet vom langen Nichtgebrauch wurden ihr zu Ehren aus den Tiefen des Gedächtnisses heraufbeschworen. Erschreckend lange Phrasen wurden ihr zu Ehren gedrechselt. Jeder schob heimlich sein Halstuch zurecht und maß seinen Nachbar mit kühlen Blicken. Nur Haines schien dem Zauber, dem sie alle unterlagen, zu trotzen.

Im Westen erlosch langsam das letzte Abendrot. Nur das flackernde Lagerfeuer erhellte die Dunkelheit, warf seinen Schein auf Kates lächelndes Gesicht, auf ihr golden schimmerndes Haar und hob bei einem gelegentlichen Aufflackern eines der harten, gebräunten Männergesichter rings um sie her aus der Dunkelheit.

Tief in der Nacht ritt Jim Silent in die Lichtung. Shorty Rhinehart und Hal Purvis kamen ihm rasch entgegen, um ihn über die Anwesenheit des Mädchens und zugleich über die Tatsache aufzuklären, daß sie alle mit einemmal Mitglieder der Y-X-Ranch geworden seien. Er antwortete mit einem kurzen Nicken. Seine düsteren Augen waren unverwandt auf Kate gerichtet. Sie stellten ihn ihr als Jim, den Vorarbeiter, vor, und er antwortete auf ihren freundlichen Gruß mit einem Laut, der aus einem Grunzen und einem Knurren absonderlich gemischt war.

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