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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Elftes Kapitel.
Silent blufft

Elkhead, das einst nicht viel mehr gewesen war als eine Wegkreuzung, hatte, seit die Eisenbahn gekommen war, eine nicht unbeträchtliche Bedeutung gewonnen. Es war einer der Hauptplätze, an dem Vieh nach dem Osten verladen wurde. Einmal im Jahr waren seine zwei Straßen von großstädtischem Treiben und Jagen erfüllt. Es wimmelte von Viehzüchtern, die die Taschen voll Geld hatten und bestrebt waren, es möglichst rasch wieder loszuwerden. Wenn diese Zeit vorbei war, verfiel Elkhead wieder in einen bleiernen Schlaf.

Unter den Bewohnern von Elkhead war Lee Hardy, der Agent der Express-Gesellschaft, einer der angesehensten. Es gibt in den Bergen wenig Posten, die mit Bürotätigkeit verknüpft sind, und derjenige, der ein solches Amt erlangt, flößt seinen Mitbürgern Achtung ein. Der Mann, der auf einem Bürostuhl thront, gilt mehr als der Besitzer von fünftausend Stück Vieh. Lee Hardy war Besitzer eines solchen Bürostuhls. Außerdem brachte die Abwicklung des Viehgeschäfts es mit sich, daß die Express Company häufig große Geldbeträge aus dem Osten an ihren Agenten in Elkhead zu senden hatte. Infolgedessen war tatsächlich Hardys Position bedeutungsvoller, als sich nach dem Umfang des Städtchens, in dem er seinen Sitz hatte, annehmen ließ. Dem allen setzte aber die Krone auf, daß er sogar über einen Angestellten zu verfügen hatte, der im Vorderzimmer seines Hauses die gewöhnlicheren Geschäfte erledigte, während Hardy persönlich in einem der hinten gelegenen kleinen Privatbüros seine Audienzen erteilte. Die Wände dieses Allerheiligsten waren mit zwei, in schreienden Farben gedruckten Kalendern und dem Bilde einer blonden Schönheit, die für eine Toilettenseife Reklame machte, geziert.

In dieses Heiligtum trat eines schönen Morgens ein Mann, der aus lauter rechten Winkeln zusammengesetzt schien, viereckiges Gesicht, breite, wuchtige, eckige Schultern – ja sogar die Fingerspitzen waren viereckig. Auf Hardy, der ihn verschwommen anlächelte, fiel ein funkelnder Blick aus den scharfen schwarzen Augen des Fremden, wie der jäh aufzuckende Strahl einer elektrischen Laterne. Er war angezogen wie ein Cowboy, aber in seinem ganzen Benehmen war nichts von der Lässigkeit zu merken, die den Westen kennzeichnet. Alles an ihm war scharf abgezirkelt, knapp und genau. Nach jedem Satz knallten seine Zähne mit einem kurzen Ruck zusammen. Mit einem Wort: sein Erscheinen auf der Schwelle genügte, um Lee Hardy aus seinem gewohnten Dämmerschlaf zu wecken, und ehe der Fremde noch ein Dutzend Worte geäußert hatte, saß der Agent gierig vorgebeugt, als wolle er sich keine einzige Silbe entgehen lassen.

»Ihr seid Lee Hardy? Nicht wahr?« sagte der, und seine Augen deuteten ein Lächeln an, obwohl seine Lippen sich nicht mehr rührten, nachdem sie sich hinter dem letzten Wort geschlossen hatten.

»Ich bin's«, sagte der Agent.

»Dann seid Ihr der Mann, mit dem ich zu reden habe. Ihr habt doch nichts dagegen? ...«

Er schloß die Tür, zog einen Stuhl so, daß er mit dem Rücken gegen sie saß, und kreuzte die Arme. Man sah auf den ersten Blick, daß es ihm nicht lediglich um eine Unterhaltung zu tun war. Hardy änderte verstohlen seine Stellung so, daß der Stuhl ihn nicht hinderte, im Notfall nach der Waffe zu greifen, die an seiner Rechten hing.

»Well,« sagte er gemütlich, »ich warte!«

»Gut,« sagte der Fremde, »werde Eure Zeit nicht länger in Anspruch nehmen, als unbedingt nötig ist. Zunächst einmal: mein Name ist Tex Calder.«

Hardys Gesichtsfarbe veränderte sich. Eine leichte graue Staubschicht schien plötzlich sich über sein Antlitz verbreitet zu haben. Er streckte die Hand aus.

»Feine Sache, Euch mal zu Gesicht zu bekommen, Calder«, sagte er. »Natürlich habe ich schon eine Menge über Euch gehört. Wer hätt's nicht, hier bei uns? Ich will nach einem Schluck Whisky schicken. Ihr habt doch Durst?«

Er sprang auf, aber Calder bedeutete ihm mit einer Handbewegung, seinen Platz auf dem Bürostuhl wieder einzunehmen.

»Nicht ein bißchen durstig«, sagte er jovial. »Erst vor fünf Minuten habe ich einen herzhaften Schluck – Wasser getrunken.«

»Allright«, sagte Hardy und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

»Hardy, hier herum sind allerlei faule Sachen vorgegangen.«

»Was in Dreiteufels ...«

»Nehmt die Hand vom Revolver, Freundchen!«

»Was, zum Teufel, hat das alles zu bedeuten?«

»Gut gespielt! Ausgezeichnet!« sagte Calder. »Aber wir spielen hier nicht Theater. Werden wir jetzt eine kleine gemütliche Unterhaltung unter Geschäftsfreunden haben können oder nicht?«

»Ich hab' nichts gegen Euch vor«, sagte Hardy giftig. Seine Augen folgten wie hypnotisiert jeder Bewegung, die des anderen rechte Hand machte. »Was habt Ihr vorzubringen? Ich hör' gern zu. Ich hab' nicht viel zu tun.«

»Das ist's ja gerade«, lächelte Tex Calder. »Ich möchte, daß Ihr Euch ein bißchen mehr zu tun macht.«

»Danke!«

»Zu allernächst will ich einmal ganz offen sein. Ich bin nicht von Eurer Express Company zu Euch geschickt worden.«

»Von wem also?«

»Von meiner Gewissenspflicht.«

»Weiß nicht, wo Ihr hinauswollt, Mann.«

Tex Calder musterte schweigend sein Gegenüber.

»Scheint, Ihr seid seit einiger Zeit mächtig bei Geld«, sagte er schließlich.

»Kann nicht sagen, daß ich am Hungertuch nage.«

»'s gibt verschiedene Wege, auf denen Ihr sehr leicht ein Stück Geld extra verdienen könnt.«

»Ja?«

»Zum Beispiel wißt Ihr genau, mit welchen Zügen die Express Company ihre Geldtransporte versendet, und hier herum gibt's Leute, die Euch Eure Wissenschaft recht gut bezahlen würden.«

Hardys vorspringender Adamsapfel geriet in zuckende Bewegung.

»Ihr macht gern mal 'nen Witz, Calder. Nicht wahr? Wer käme da zum Beispiel in Betracht?«

»Jim Silent.«

»Das hört sich ja an wie ein Roman«, grinste Hardy. »Macht weiter! Denke, 's wird darauf hinauslaufen, daß ich mich von Jim Silent habe bestechen lassen.«

Die Antwort kam rasch wie das Knacken eines gespannten Hahns.

»Das habt Ihr auch!«

»Bei Gott, Calder ...«

»Ruhig Blut! Ich habe allerlei interessantes Beweismaterial, Kamerad, wollt Ihr etwas davon hören?«

»Wir sind hier mit den größten Lügnern der Welt gesegnet«, sagte Hardy. »Es ist mir recht gleichgültig, was Euch zu Ohren gekommen sein mag.«

»Das spart mir Zeit. Ihr müßt Euch darüber klar sein, Mann, ich kann Euch ohne weiteres hinter Schloß und Riegel setzen und dann einiges von dem Beweismaterial, das ich gegen Euch gesammelt habe, zum Vorschein bringen. Ich habe nicht die Absicht, das zu tun. Ich will Euch als Mittel zum Zweck benutzen, um ein paar von den schlimmsten Strauchdieben, die wir hier je gehabt haben, zur Strecke zu bringen.«

»'s gibt nichts Besseres, als die Karten offen auf den Tisch zu legen.«

»Nein, gewiß nicht! Es gibt nichts Besseres. Jetzt werd' ich Euch sagen, was Ihr zu tun habt.«

»Danke!«

Der Distriktskonstabler marschierte geradeswegs auf sein Ziel los.

»Ich habe vier tüchtige Leute hier im Ort. Zwei davon werden sich immer in der Nähe von Euerm Büro herumdrücken. Kann sein, Ihr hättet hier Beschäftigung für sie, was? Das Gehalt will ich zahlen. Ihr braucht nichts zu tun. Ihr braucht ihnen lediglich einen kleinen Wink zu geben, wenn unter Euern Besuchern einer von den ›Langreitern‹ ist, die die Regierung in die Hand bekommen möchte. Ihr braucht nicht den Finger zu rühren. Ihr tut nichts weiter, als Euern Besucher an die Tür zu begleiten. Wenn alles mit ihm in Ordnung ist, so sagt Ihr einfach: ›Adjüs, denke, wir sehen uns bald wieder.‹ Aber wenn's einer von denen ist, die ich haben möchte, dann sagt Ihr nichts weiter als ›Lebt wohl.‹ Das ist das Ganze. Meine vier Burschen werden schon dann dafür sorgen, daß sie wirklich wohl leben!«

»Macht weiter!« sagte der Agent. »Erzählt den Rest Eurer Geschichte. Der Anfang ist gut.«

»Nicht wahr?« stimmte Calder zu. »Und wißt Ihr, wie die Geschichte schließt? Indem Ihr Eure Pfote über den Tisch streckt und mir die Hand drauf gebt und ja sagt.«

Er beugte sich vor. Das gemütliche Blinzeln war aus seinen Augen verschwunden. Er streckte Hardy die Hand hin. Hardy griff fieberhaft danach, drückte sie, ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und brach in ein hysterisches Lachen aus.

»Wer zuletzt lacht, lacht am besten«, sagte Calder, der ihn scharf beobachtete. »Und die Kosten des Vergnügens – werden die Strauchdiebe tragen.«

»Tex,« sagte der Agent, »denke, Ihr seid auf der richtigen Fährte. Ich kann nur sagen, ich bin verdammt froh, daß ich auf die Art aus der faulen Geschichte herauskomme. Wie ich einmal angefangen hatte, war kein Aufhalten mehr. Ich hab' diesen Teufeln in Menschengestalt einmal einen ›Gefallen‹ erwiesen, und seitdem war ich in ihrer Macht. Heut nacht werde ich schlafen, wie seit Monaten nicht mehr.«

Er trocknete sich mit bebender Hand das Gesicht ab.

»Vor 'ner Woche«, fuhr er fort, »hab' ich erfahren, daß Ihr mit der Aufklärung dieser Angelegenheit betraut worden seid. Seitdem bin ich den Angstschweiß nicht mehr los geworden. Jetzt seid Ihr hergekommen – na, ich bin ordentlich froh darüber.«

Ein leiser Zug der Verachtung zeigte sich um Calders Mundwinkel und war ebenso rasch wieder verschwunden.

»Ich habe noch mehr zu sagen. Für Jim Silent zahlt die Regierung zehntausend Dollar, tot oder lebend. Für jeden der drei anderen fünftausend. Die Auslobung ist noch nicht 'raus, aber sie wird in ein paar Tagen erscheinen. Hardy, wenn Ihr mir helft, die vier Kerle zur Strecke zu bringen, geb' ich Euch fünfzig Prozent vom Nutzen ab. Macht Ihr mit?«

Hardys zögernde Zustimmung verwandelte sich in warme Begeisterung.

»Leicht verdientes Geld, Tex. Ich bin Euer mit Haut und Haaren.«

»Nicht zu optimistisch, mein Lieber! Die Partie ist noch nicht zu Ende gespielt.«

Calder hatte schon die Türklinke in der Hand. Er zögerte noch.

»Noch eins, Hardy. Ich hab' heut morgen komisches Zeug erzählen hören. Es war von einer Keilerei in einer Schenke die Rede. Der Besitzer soll Morgan heißen. Wißt Ihr was davon?«

»Nein.«

»Man hat mir von einem Burschen erzählt, der vier Dollar auf einmal mit Revolverschüssen durchlöchert hat.«

»Das muß erstunken und erlogen sein.«

»Der Mann, der mir's erzählt hat, zeigte mir zum Beweis einen Dollar mit 'nem Schußloch.«

»Ich will gehenkt sein ...«

»Und später hat derselbe, der die Schüsse getan hat, mit einem riesigen Kerl Streit gekriegt, mit einem Kerl, der zweimal so groß war wie er, und hat mit ihm die Stube aufgewischt, sozusagen. Man hat mir erzählt, es wär' gruslig gewesen, die Sache mit anzusehen. Ein schmächtiger Kerl soll's gewesen sein. Aber der reine Tiger im Kampf.«

»Wollte, ich wär' dabei gewesen.«

»Und auf den Großen, den er verdroschen hat, paßt Jim Silents Steckbrief wie angemessen.«

»Da seid Ihr auf dem Holzweg. Ich weiß, was Silent mit den Fäusten ausrichtet. Den hat noch keiner verdroschen. Wie soll der andere geheißen haben?«

»Barry. Der Pfeifende Dan.«

Keine Antwort.

Calder zögerte noch.

»So oder so, auf alle Fälle hätte ich diesen Barry gerne als Begleiter gehabt. Laßt's Euch gut gehen!«

Ein Nicken, ein letzter scharfer Blick, und er war gegangen. Lee Hardy starrte die Tür an, die hinter ihm ins Schloß gefallen war. Dann raffte er sich auf und trat vors Haus. Der warme Sonnenschein war ihm niemals willkommener gewesen. Unter seinem aufmunternden und belebenden Einfluß wurde es ihm zumute, als ob er, solange Tex Calder hinter ihm stand, der ganzen Welt furchtlos trotzen könne.

Diese Zuversicht erlitt noch am selben Nachmittag einen bedenklichen Stoß. Schwere Tritte ertönten im Vorraum. Ohne anzuklopfen öffnete jemand die Tür, und Hardy fand, als er aufblickte, Jim Silents Augen mit einem unheilverkündenden Ausdruck auf sich gerichtet. Hardy bot dem Banditen einen Stuhl an, aber der schüttelte den Kopf.

»Was haben die zwei neuen Leute im vorderen Büro zu bedeuten, Lee?« erkundigte er sich.

»Zwei Cowboys, die gerade nichts zu brechen und zu beißen hatten. Ich muß den Leuten hier und da mal gefällig sein!«

»So so? ... Shorty Rhinehart ist hiergewesen, Lee?«

»Tja.«

»Ihr habt ihm erzählt, daß der Boden hier allmählich zu heiß würde.«

»Das stimmt.«

»Und Ihr habt auch gesagt, Ihr hättet keine Ahnung, wann der Geldtransport, der verschoben worden ist, hier durchkommt.«

Hardy überlegte blitzschnell und kam zu dem Schluß, daß er mit einer Halbwahrheit am ehesten aus der Klemme finden würde.

»Heut morgen hab' ich endlich erfahren, was wir wissen wollen.«

Silent beugte sich interessiert über den Tisch.

»Die Sache steigt am neunzehnten. Zug Nummer neunundachtzig. Kapiert? Trifft um sieben Uhr in Elkhead ein.«

»Wieviel?«

»Fünfzigtausend.«

»Das sind zehntausend mehr als früher.«

»Jawoll. 'ne neue Sendung, die zu der alten dazugekommen ist. Ihr habt doch nichts dagegen?«

Silent grinste.

»Sonst was Neues, Lee?«

»Shorty hat Euch von Tex Calder erzählt?«

»Jawohl. Tex hier aufgetaucht?«

Hardy brauchte den Bruchteil einer Sekunde zum Überlegen: »Nein.«

»Stimmt das, was Ihr Shorty gesteckt habt?«

»Und ob! Das weiß der Teufel! Sie fangen hier an, die Köpfe zusammenzustecken. Kann aber sein, ich hatt' 'ne Art von Panik, wie ich mit Shorty gesprochen habe.«

»Tex Calder ...«

»Ja, was ist mit dem?« mit einer Spur von Besorgnis.

»Er hat schon viele auf dem Kerbholz.«

»Wie Ihr, Jim.«

Wieder antwortete ihm das wölfische Grinsen ohne Lustigkeit:

»Gehabt Euch wohl, Lee. Werd' das Geschäft wahrnehmen, verlaßt Euch drauf.«

Er wandte sich der Tür zu. Hardy folgte. Noch einen Augenblick – ein Wort genügte –, und die Sache war geschehen. Fünftausend Dollar für ein Wort. Lee Hardy wurde es warm und wohl ums Herz.

Silent schritt ungewöhnlich nachdenklich vor ihm her. Er starrte auf den Boden. An der Tür stockte sein Schritt. Plötzlich fuhr er herum und hielt Hardy einen Revolver unter die Nase. Der machte einen Sprung zurück. Seine Arme schossen hoch. Er streckte sie, so hoch es irgend ging.

»Großer Gott, Jim!«

»Du bist ein räudiger, verlogener Hund!«

Hardys Zunge klebte am Gaumen.

»Verdammt noch mal! Hast du keine Ohren?« »Ja doch! Um's Himmels willen, Jim! Schießt nicht!«

»Dein Leben ist keinen roten Heller wert!«

»Gebt mir 'ne Chance, und ich will ehrliches Spiel mit Euch treiben!«

Jim Silents Gesicht wechselte blitzschnell den Ausdruck. Hardy überlief es heiß vor Schreck und Ärger. Der Gauner hatte nicht das geringste gewußt. Die Sache mit dem Revolver war nichts gewesen, als ein leerer Bluff. Aber er – er war auf Silents Spiel hereingefallen, und jetzt war sein Leben tatsächlich nichts mehr wert.

»Du armseliger Narr!« fuhr Silent fort. Er schnurrte wie ein Raubtier in verhaltener Wut. »Du armseliger, blinder Narr! Denkst du, du kannst mich zum Narren halten und mit heiler Haut davonkommen?«

»Gib mir 'ne Chance, Jim! Bloß eine Chance, bloß eine Chance!«

Trotz seiner fliegenden Angst dachte Hardy daran, seine Stimme vorsichtig zu dämpfen, damit im Vorderzimmer niemand aufmerksam wurde.

»Heraus mit der Sprache, wenn dir das Leben lieb ist!«

»Ich – ich kann nicht reden, wenn Ihr mir den Revolver unter die Nase haltet.«

Silent ließ den Revolver nicht nur sinken, er steckte ihn sogar in den Halfter zurück. Nichts konnte deutlicher zeigen, wie sehr er seinen Gegner verachtete. Und Hardy lief trotz seiner Furcht vor Scham purpurrot an.

»Tex Calder war bei mir«, sagte er schließlich. Silent zuckte zusammen. Seine Augen verengerten sich zu Schlitzen.

»Was ist mit Tex Calder?«

»Er kam vor 'ner Weile zu mir und versuchte, mit mir ein Geschäft abzuschließen!«

»Und hat's abgeschlossen!« sagte Silent mit unheilverkündender Stimme.

Diesmal war kein Revolver auf Hardy gerichtet. Trotzdem schossen seine Hände wieder in die Luft, und er taumelte gegen die Wand.

»So wahr Gott mir helfe, es ist nicht wahr, Jim!«

»Nimm die Hände runter!«

Hardy ließ langsam die Arme sinken.

»Ich habe ihm gesagt, ich wüßte gar nichts von Euch.«

»Und wie steht's mit dem Zug? Mit dem Geldtransport?«

»Es ist alles so, wie ich's gesagt habe. Bloß, der Transport kommt schon am achtzehnten und nicht am neunzehnten.«

»Ich werd' es Euch glauben. Wenn Ihr mir einen Streich gespielt habt, werdet Ihr lebendig geschunden, Freundchen. Kann sein, ich werde erwischt, aber es werden noch genügend von meinen Kerlen übrig sein, daß auch Ihr erwischt werdet. Darauf könnt Ihr Gift nehmen! Wieviel hat man Euch geboten, Lee? Wieviel bin ich in Onkel Sams Augen wert?«

»Ich – ich – es war nicht das Geld. Ich hatte bloß Angst davor, noch länger mit Euch unter einer Decke zu stecken.«

Der Andere hatte sich bereits der Tür zugewandt. Er schien keinen Wert darauf zu legen, den Agenten unter der Kontrolle seiner Augen zu behalten. Hardy stieg das Blut erneut zu Kopf. Seine Hand fuhr nach der Hüfte. Aber er hielt inne. Jim Silents letzte Drohung hatte etwas tief Überzeugendes. Er wußte, wie treu das Raubgesindel zusammenhielt. Und so folgte er gehorsam seinem Besucher in das äußere Zimmer.

»Adjüs, alter Knabe,« rief er und gab Silent einen herzhaften Klaps auf die Schulter, »denke, wir sehen uns bald wieder!«

Calders zwei Untergebene musterten Jim Silent mit neugierigen Augen. Hardy wartete, bis Silent sich auf seinen Gaul geschwungen hatte und die Straße hinuntergaloppierte, dann hastete er in sein Privatbüro zurück. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, als er in seinen Stuhl sank, den Kopf auf die Arme legte und losheulte wie ein Kind.

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