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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Zehntes Kapitel.
Wie stark Frauen sind

Jim Silent ritt eilig in das Dunkel zwischen den Weiden hinein. Als er verschwunden war, hörte man keinen Laut mehr. Er mußte sich seinen Weg zwischen den tief niederhängenden Ästen mit großer Sorgfalt gewählt haben.

»Möcht' nichts Übles andeuten,« sagte Terry Jordan, »aber scheint mir, der Chef hat es merkwürdig eilig gehabt, aus dem Lager zu kommen.«

»Kann stimmen«, sagte Hal Purvis. »Und wenn du miterlebt hättest, was sich bei Morgan abgespielt hat, würdest du dich nicht wundern. Wenn ich der Chef wär', würd' ich's nicht anders machen.«

»Wenn ich mir 'ne Bemerkung erlauben darf,« meinte Shorty Rhinehart, »ich hab's nie drauf angelegt, für 'nen Menschenfresser zu gelten, wie der Chef, aber ich hab' den Mann noch nicht gesehen, der mich veranlassen könnte, mich auf die Art, wie der Chef eben, seitwärts in die Büsche zu schlagen. Ich glaub' auch nicht, daß es einen gibt, der mich dazu veranlassen könnte.«

»Shorty,« sagte Haines ruhig, »wir alle wissen, daß du ein Kerl bist. Aber du und Terry seid die einzigen, die darüber überrascht sind, daß Silent sich gedrückt hat. Wir anderen haben den Pfeifenden Dan bei der Arbeit gesehen. Wir wundern uns nicht im geringsten. Stell' du dir mal vor, du gerätst hier zwischen den Weiden mit einem schwarzen Panther zusammen.«

»Ich würde mich keinen Pfifferling drum scheren, wenn ich meine Winchester bei mir hätte!«

»Allright, Terry. Aber stell' dir mal vor, der Panther kann mit dem Schießeisen ebenso gut hantieren wie du«, mischte sich Hal Purvis ein. »Denke, das würde dir dann ein besonderer Jux sein, Terry.«

»So was ist nicht möglich«, sagte Terry.

»Gewiß nicht,« grinste Purvis freundschaftlich, »dieser Kerl, der Dan Barry ist auch menschenunmöglich. Wo willst du hin, Lee?«

Haines, der beschäftigt war, sein Pferd zu satteln, drehte sich nach ihm um.

»Privatangelegenheiten! Kilduff, du kannst mich vertreten, solang ich weg bin. Denke, ich werd' morgen abend zurück sein. Daß der Chef so bald zurückkommt, ist wohl ausgeschlossen.«

Kurze Zeit darauf verließ Haines im Galopp das Weidengebüsch und schlug, quer durch die Berge reitend, die Richtung nach Cumberlands Ranch ein. Er erinnerte sich daran, daß er Kate versprochen hatte, Dan vor jeder Gefahr zu bewahren. Er hatte sein Versprechen bereits einmal nicht erfüllen können, aber das hieß nicht, daß er es vergessen hatte. Er blickte zu den golden schimmernden Sternen über den Bergen auf. Sie lächelten auf ihn nieder wie sanfte Frauenaugen. Er hatte erraten, daß Kate Barry liebte. Wenn er Kate zu Dan brachte, hatte sie sicher genügend Einfluß, um ihn dazu zu bringen, von Jim Silents Fährte abzulassen. Der einsame Reiter wußte gut genug, daß es seine eigenen flüchtigen Hoffnungen zum Opfer bringen hieß, wenn er Dan und Kate zusammenbrachte, aber die goldenen Augen am Himmel gaben ihm Kraft, seinem Gefühl zu folgen.

Haines hatte es sein ganzes Leben nicht verstanden, dem zu folgen, was andere den goldenen Mittelweg zu nennen pflegen. Er war frischen und freien Schritts durchs Leben gestürmt, und das Ergebnis war gewesen, daß er mit den Rechten anderer in Konflikt geriet. Er war kein roher und gewalttätiger Mensch. Wenn das Schicksal es nicht anders gewollt hätte, hätte er ein Leben innerhalb der Grenzen von Recht und Ordnung geführt. Ein unglücklicher Zufall hatte ihn außerhalb des Gesetzes gestellt. Er hatte geduldig sich allem gefügt, bis er vor Gericht stand. Aber als dann der Prozeß begann und fälschlich beschworene Zeugenaussagen ihn hinter die Gitter des Zuchthauses brachten, hatte er sich aufgelehnt. Zwei Tage nach Antritt seiner Strafe war er bereits ausgebrochen und in die Wildnis geflüchtet. Dort war er mit Jim Silent zusammengetroffen, und der Liste der Verbannten und Geächteten, deren Taten die Wildnis mit Schrecken und Staunen erfüllten, war ein neuer Namen hinzugefügt worden.

Es wurde Morgen, ehe er in die Nähe der Cumberland-Ranch gelangte. Die trüben Erinnerungen, denen er sich hingegeben hatte, wurden plötzlich unterbrochen – an einer Wegbiegung stieß er unvermutet auf Kate, die in raschem Galopp daherkam. Er zog die Zügel an und hob die Hand. Auch sie hielt an. Sie beide saßen regungslos im Sattel und starrten sich an. Wenn Kate ihn an sein gebrochenes Versprechen erinnert, wenn sie ihm Vorwürfe gemacht hätte, hätte er vielleicht Worte gefunden. Aber er las nichts als Trauer in ihren großen Augen. Wortlos streckte er ihr die Hand hin. Sie zögerte, ihre Augen waren stumm und fragend auf ihn gerichtet. Schließlich huschte ein leises, gespenstisches Lächeln über ihr Gesicht, und sie reichte ihm die Fingerspitzen.

»Ich bin gekommen, um alles zu erklären«, sagte er heiser.

»Was?«

»Ihr wißt doch, ich habe Euch mein Wort gegeben, daß Dan Barry kein Haar gekrümmt wird!«

»Kein Mensch hätte ihm helfen können.«

»Ihr tragt mir also nichts nach?«

Eine Pause. Ein stöhnender Windstoß strich um sie her.

»Ich habe Neuigkeiten für Euch«, sagte Haines schließlich widerstrebend.

Sie blieb unbewegt.

»Von Dan Barry.«

Ah! Jetzt ging plötzlich eine Veränderung mit ihr vor! Er vermochte ihren Blick nicht zu ertragen, so viel fragende Angst lag darin. Er blickte weg, dorthin, wo sich der äußerste Rand der Sonnenscheibe rot und golden über die Berge hob. Purpurnes Morgenlicht ergoß sich über Kate Cumberlands weißen Hals, über die Stirn unter dem wehenden, goldenen Haar.

Lee Haines zerrte mit einem ungeduldigen Griff die Hutkrempe tiefer in die Stirn. Ein Fluch kam ihm auf die Zunge, er preßte die Zähne zusammen, um ihn zurückzuhalten.

»Ich habe Dan pfeifen hören.«

Ihre Lippen bewegten sich, aber kein Laut kam.

»Fünf andere Leute haben ihn auch gehört!«

Sie schrie auf, als habe er ihr weh getan. Aber es war nur überströmende Glückseligkeit. Er erriet es und zuckte zusammen. Ihr Liebreiz in diesem Augenblick ging über alles Maß.

»Die Stelle ist zwanzig Meilen von hier nach Süden zu, in dem Weidendickicht am Fluß«, sagte er schließlich. »Wenn Ihr wollt, zeig' ich Euch den Weg.«

Er beobachtete sie. Er sah, wie ihre Augen sich zweifelnd erweiterten.

»Könnt Ihr mir vertrauen?« fragte er. »Ich habe einmal versagt. Könnt Ihr mir trotzdem vertrauen?«

Sie streckte ihm die Hand hin.

»Aus tiefstem Herzen«, sagte sie. »Wir wollen uns auf den Weg machen.«

»Mein Pferd hat einen harten Ritt hinter sich. Es muß eine Weile Ruhe haben.«

Sie stieß einen leisen Seufzer der Ungeduld aus: »Wir wollen zurück nach der Ranch reiten, da könnt Ihr Euern Gaul einstellen, bis wir aufbrechen. Dad wird mitkommen.«

»Euer Vater kann nicht mitkommen«, sagte er kurz.

»Er kann nicht?«

»Wir wollen nach der Ranch reiten. Unterwegs will ich Euch etwas darüber erzählen.« Und nachdem sie ihre Pferde gewendet hatten, fuhr er fort: »Wenn Ihr den Pfeifenden Dan finden wollt, dann werdet Ihr erst mit ein paar Männern zusammentreffen müssen, die da unten in den Weiden ihr Lager haben.«

Er brach ab. Er fand es entsetzlich schwer, fortzufahren.

»Ich gehöre zu diesen Männern«, sagte er. »Und einer von ihnen ist der Mann, den Dan verfolgt.«

Sie tat einen hastigen Atemzug und drehte sich plötzlich nach ihm um.

»Was seid Ihr eigentlich, Mr. Lee?«

Er zwang sich, ihr ins Gesicht zu sehen. Er brachte nur langsam die Augen hoch. Er antwortete ihr zwar, aber indirekt:

»In diesem Lager wäre Euer Vater nicht sicher.«

Jetzt war es endlich heraus.

»Dann seid Ihr also ...«

»Euer Freund!«

»Verzeiht mir. Ihr seid gewiß mein Freund!«

»Der Mann, den Dan verfolgt,« fuhr er fort, »ist unser Führer. Wenn er einen Befehl gibt, stürzen sich vier kampfgewohnte Männer auf Barry.«

»Das wäre Mord!«

»Ihr könnt es hindern«, sagte er. »Sie wissen alle, daß Barry ihrer Fährte folgt, aber ich glaube, sie werden nichts gegen ihn unternehmen, solang' er sie nicht dazu zwingt. Aber er wird sie dazu zwingen, wenn es Euch nicht gelingt, ihn davon abzubringen. Und kein anderes menschliches Wesen könnte ihn von unserer Fährte bringen.«

»Ich weiß es! Ich weiß es!« murmelte sie. »Aber ich habe schon versucht, was in meiner Macht stand, er will auf mich nicht hören.«

Aber Haines beharrte: »Er wird auf Euch hören, wenn Ihr ihm sagt, daß er nicht gegen einen Mann zu kämpfen hat, sondern gegen sechs.«

»Und wenn er nicht auf mich hört?«

Haines zuckte die Achseln.

»Was habe ich also zu tun?«

»Wenn wir bei den Weiden angekommen sind, werde ich Euch zeigen, wo das Lager liegt, und werde dann vorausreiten. Eine Stunde, nachdem ich im Lager eingetroffen bin, werdet Ihr mir nachreiten, denn man darf nicht wissen, daß ich Euch geholt habe. Ihr müßt behaupten, daß Ihr Euern Weg verloren habt und auf unser Feuer losgeritten seid. Und hütet Euch, Fragen zu stellen, solange Ihr im Lager seid. Wenn Ihr das tut, will ich mich dafür verbürgen, daß Ihr unbehelligt wieder davonkommt. Wollt Ihr's versuchen?«

»Ich will!« sagte sie nach einer langen Pause.

»Habt Ihr keine Angst?«

Sie lächelte.

»Habt Ihr wirklich so viel Vertrauen zu mir?«

Sie blickte ihm gerade in die Augen, und mit einer Wärme, die ihm den Atem verschlug, antwortete sie:

»Ich traue Euch voll und ganz, Mr. Lee.«

»Mein Name«, sagte er mit einer ganz neuen und fremden Stimme, »ist Lee Haines.«

Sie hielten beide die Pferde an. Ihre Hände fanden sich.

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