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Die Unbezähmbaren

Max Brand: Die Unbezähmbaren - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDie Unbezähmbaren
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorHellmuth Wetzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectid32f6fa5d
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Neuntes Kapitel.
Der Gespensterreiter

Der weite, ebene Talgrund am Fluß entlang war dicht mit Weiden bewachsen. Daß ihr gelbgrünes Laub wuchs und gedieh, wenn alles andere Grün in der Gebirgswildnis verdorrte und einschrumpfte, gab ihnen sogar am Tage etwas Unnatürliches, Gespenstisches. Nach Einbruch der Nacht war dieser Eindruck stärker und melancholischer. Selbst wenn sich sonst kein Lüftchen regte, schien irgendein geisterhafter Wind sich durch ihre Kronen zu stehlen, die langen, zähen, tief herabhängenden Äste bewegten sich und rieben sich aneinander und brachten ein Geräusch hervor, das einem verstohlenen Flüstern glich.

In einer kleinen Lichtung mitten in diesem Weidendickicht saß Silent mit seinen Gefährten. Ein fünftes Mitglied der Bande war eben zu ihnen gestoßen, hatte ihren gelassenen Gruß mit einer Handbewegung beantwortet und war jetzt dabei, sein Pferd zu versorgen. Bill Kilduff, der ein natürliches Talent als Koch besaß, schürte die niedergebrannte Glut des Feuers auf, an dem er die Abendmahlzeit für die anderen gekocht hatte, und begab sich daran, gerösteten Speck und Kaffee für den neuen Ankömmling zurechtzumachen. Sein Gast ließ sich gleich darauf neben dem Feuer nieder und beobachtete gespannten Auges, was vorging. Seine äußere Erscheinung stand in einem scharfen Gegensatz zu der der vier anderen. Auf einer Seite wies sein Gesicht die Züge eines gutmütigen Burschen auf, aber wenn er den Kopf wandte, zuckte der Feuerschein über die Ränder einer furchtbaren gezackten Narbe, die im Halbkreis von seiner rechten Augenbraue zum Mundwinkel lief. Diese ganze Seite des Gesichts war durch den Schnitt entstellt und der Mund zu einer hämischen Fratze verzogen. Wenn er sprach, so gab ihm das, gleichgültig, was er sagte, den Anschein eines heimlich raunenden Verschwörers. Die vier anderen warteten geduldig, bis er mit seiner Mahlzeit zu Ende war. Dann erst fragte Silent:

»Was gibt's Neues, Jordan?«

Jordan warf zunächst noch seinem leeren Kaffeebecher einen bedauernden Blick zu.

»'s gibt nicht viel zu berichten«, antwortete er schließlich. »Ich denke, Ihr habt schon gehört, was aus dem Burschen geworden ist, den Ihr neulich bei Morgan niedergeschlagen habt.«

»Woher wißt Ihr, daß ich ihn niedergeschlagen habe?« fragte Silent scharf.

»Von niemand,« sagte Jordan, »aber als ich mir den Mann beschreiben ließ, der dem Pfeifenden Dan eins mit dem Stuhl über den Schädel gegeben hat, da wußt' ich gleich, 's ist Jim Silent.«

»Was ist mit Barry?« fragte Haines. Aber Jordans Augen waren noch immer unverwandt auf seinen Chef gerichtet.

»So ziemlich allgemein hieß es,« fuhr er fort, »daß Ihr den Stuhl recht nötig gehabt habt, um mit ihm fertig zu werden, Jim. Stimmt das?«

Die anderen drei warfen sich verstohlene Blicke zu. Silents Hand ballte sich zu einer gewaltigen Faust.

»Der Kerl war verrückt. Ich mußte ihn zu Boden schlagen. Ist er schwer verwundet?«

»Die offene Wunde am Kopf war nicht gerade was Besonderes, aber sie haben ihn die Nacht über in der Kneipe liegen lassen. Am anderen Tag kommt der alte Cumberland, der keine Ahnung hatte, daß der Pfeifende Dan dort war, und hält ein Streichholz an die alte Bude. Sie ist in Rauch aufgegangen, und Dan mit.«

Zunächst sagte keiner ein Wort. Dann rief Silent aus: »Was war dann bloß das verdammte Pfeifen, das ich den ganzen Tag lang hinter uns gehört habe?«

Bill Kilduff lachte in dröhnendem Baß, Hal Purvis' quietschender Tenor stimmte mit ein.

»Wir haben dir doch den ganzen Weg lang schon gesagt, Jim,« sagte Purvis, als er wieder Herr seiner Stimme war, »daß niemand hinter uns gepfiffen hat. Wir alle wissen, Jim, daß du ein ausgezeichnet scharfes Gehör hast, aber wir denken auch, daß du dir was eingebildet hast, was nicht existierte. Hab' ich recht, Boys?«

»Und ob du recht hast,« sagte Kilduff, »ich habe nicht das geringste gehört.«

Silents Augen schweiften zornig über die vier Männer hin.

»Bin einigermaßen betrübt darüber, daß der Schlingel vom Feuer seinen Teil abgekriegt hat. Ich hab' immer gehofft, wir würden noch einmal zusammentreffen. Ich wüßt' mir nichts Schöneres, als noch mal fünf Minuten mit dem Pfeifenden Dan zusammen zu sein.«

Seine Augen suchten drohend nach einem Lächeln auf den Gesichtern ringsumher. Die Leute tauschten nur einen Blick. Aber als er ihnen den Rücken kehrte, grinsten sie breit heraus. Hal Purvis packte Bill Kilduff an der Schulter:

»Bill,« sagte er aufgeregt, »wenn der Pfeifende Dan tot ist, dann hat der Hund keinen Herrn mehr.«

Kilduff grunzte:

»Laß den verdammten Wolf in Ruhe, ich sag' dir, du kannst ihn haben, wenn du Lust hast. Woran ich denk', das ist der Gaul, Hal. Erinnerst du dich noch, wie er sich in die Zügel gelegt hat, um den Roten Peter einzuholen?«

Purvis zuckte die Achseln.

»Du bist ein Narr, Bill. Du könntest auch wissen, daß kein Mensch außer Barry jemals den Gaul hat reiten können. Ich hab' dem Vieh in die Augen gesehen. Der ist prima im Bocken, der würd' mit dir kämpfen wie ein Mensch.«

Kilduff seufzte. Ein sehnsüchtiger Ausdruck lag in seinen Augen.

»Hal,« sagte er leise, »es gibt Leute, die ziehen jahrelang in der Welt rum, weil sie sich irgendein Mädel in den Schädel gesetzt haben, von dem sie so oder so mal 'n Bild zu Gesicht gekriegt haben, und wenn sie das Mädel sehen, dann werden sie glattweg verdreht. Hal, das Weibervolk kann mir gestohlen bleiben, aber ich hab' mir seit langem in den Kopf gesetzt, wie mein Pferd aussehen sollte, und hab' das Bild mit mir rumgeschleppt – und Satan ist das Pferd.«

Er schloß verzückt die Augen.

»Ich kann den Gaul jetzt noch vor mir sehen.« Lee Haines hörte die beiden, aber er sagte nichts. Sein Herz hatte ebenfalls sehr heftig geklopft, als er vom Tode Dan Barrys hörte. Nicht an das Pferd dachte er, nicht an den Hund, er sah vor seinem inneren Auge das goldfarbene Haar und die blauen Augen Kate Cumberlands. Er kam näher heran und ließ sich neben Jordan nieder.

»Erzähle ein bißchen mehr davon, Terry«, sagte er.

»Von was?«

»Von Dans Tod – von dem Brand der Kneipe.«

»Donnerwetter, daran denkst du immer noch?«

»Und ob!«

»Dann will ich dir ein Tauschgeschäft vorschlagen«, sagte Terry Jordan, die Stimme senkend. Jim Silents argwöhnisch gespitzte Ohren sollten nichts hören. »Ich will dir mehr von dem Brand erzählen, wenn du mir etwas von der Balgerei zwischen Dan und Jim Silent erzählst.«

»Das Geschäft ist gemacht«, antwortete Haines.

»Allright. Scheint mir, der alte Cumberland hatte sich's in seinen närrischen Schädel gesetzt, die Landschaft von einem Schandfleck zu reinigen, wie er immer sagte, der alte Idiot. So fährt er in aller Herrgottsfrühe aus den Federn, reitet hinüber, ohne jemandem ein Wort zu sagen, und hält ein Streichholz an die alte Bude. Wie er zurückkommt, erzählt er's seinem Mädel, der Kate, was er angestellt hat. Wie sie's hört, kreischt sie auf und schlägt ohnmächtig hin.«

Haines murmelte etwas zwischen den Zähnen.

»Was ist los?« fragte Terry ein bißchen besorgt.

»Nichts! – Ohnmächtig geworden ist sie, sagst du? Well, mach' weiter!«

»Jawoll, ohnmächtig ist sie geworden, und wie sie wieder zu sich kommt, erzählt sie Cumberland, daß Dan in der Kneipe lag und wahrscheinlich zu schwach war, um sich in Sicherheit zu bringen. Die beiden laufen wie wahnsinnig nach der Brandstätte hinunter. Aber was nützt das? Wie sie hinkommen, finden sie nichts als einen Haufen noch glimmender Kohle und Asche. Deshalb denkt jedermann, daß Dan mitverbrannt ist. Das ist alles, was ich weiß. Und wie war das mit der Rauferei?«

Lee Haines starrte wie geistesabwesend vor sich hin.

»Die Rauferei? Ach, darüber ist nicht viel zu sagen.«

»Da sollen doch gleich drei Millionen Donnerwetter ... nicht viel zu sagen?« höhnte Terry Jordan. »Nach allem, was ich gehört hab', ist der Pfeifende Dan glatt Amok gelaufen und hat wilder gewirtschaftet wie ein Dutzend Bullen unter einer Herde Kälber.«

»Amok gelaufen? Da hast du recht«, sagte Haines. »Es war kein hübscher Anblick. Erst sah das Bürschchen ungefähr ebenso gefährlich aus, wie ein achtzehnjähriges Mädel. Und in der Sekunde drauf stellte er sich an wie ein Panther, der zum erstenmal Blut geleckt hat. Und das ist so ziemlich alles, Terry. Wie einmal der erste Schlag gefallen war, da ist Dan einfach abgefahren mit unserm Chef. Und dabei weißt du, daß kein Gras wächst, wo Silents Fäuste hinschlagen.«

»Denke, wir alle wissen's«, meinte Jordan mit einem vielsagenden Lächeln.

»Well,« sagte Haines, »und trotzdem war er Dan gegenüber hilflos wie ein Wickelkind. Ich sprech' nicht gern darüber – keiner von uns spricht gerne darüber. Man kriegt eine Gänsehaut, bloß wenn man dran denkt.«

Es krachte im Gebüsch. Das Geräusch mochte ungefähr hundert Meter entfernt sein. Es kam näher und näher.

»Setz' dein Restaurant wieder in Betrieb, Bill«, rief Silent. »Da kommt Shorty Rhinehart. Und, weiß Gott, er ist überfällig.«

Gleich darauf schwang sich Shorty aus dem Sattel und gesellte sich der Gruppe zu. Sein Spitzname »Shorty« war eine gewollte Ironie, denn in Wirklichkeit war er durchaus kein kurzer Stumpen, sondern im Gegenteil ein Mensch von ungewöhnlicher Länge, der Jim Silent höchstens ein oder zwei Zoll nachgab. Nur fehlte Shorty Rhinehart, was er an Höhe hatte, in der Breite. Sogar sein Gesicht war ungeheuerlich in die Länge gezogen, und solche Falten der Wehmut waren ihm aufgeprägt, daß in freundschaftlicheren Momenten seine Genossen ihn mit »Essiggesicht« und »Unglücksrabe« titulierten, statt mit seinem gewohnten Spitznamen. Silent gesellte sich sofort der Gruppe zu:

»Hast du Hardy gesehen?« fragte er.

»Und ob!« sagte Rhinehart. »Und es ist das letztemal, daß ich mich dazu hergegeben habe, zu ihm zu reiten. Da kannst du Gift drauf nehmen!«

»Hat er dich hereingelegt?«

»Nein.«

»Was willst du eigentlich?«

»Was ich will? Ich will bloß sagen, daß dies das letztemal war, daß ich nach Elkhead geritten bin.«

»Warum?«

»Dreimal bin ich unterwegs einem Distriktskonstabler begegnet, und alle drei waren Bekannte von mir. Befreundet bin ich mit ihnen gewesen – früher. Einer von ihnen war ...«

»Na, und? Was war los?«

»Ich winke ihnen zu, so recht freundschaftlich und vergnügt. Was tun sie? Sie grunzen bloß. Einer von ihnen sieht die Straße hinauf und hinunter, und wie er sicher ist, daß niemand in Sicht ist, kommt er an mich 'ran und sagt, ohne mir die Hand zu geben: ›Bin mächtig überrascht,‹ sagt er, ›Euch in Elkhead zu treffen, Shorty.‹ Sage ich: ›Na, was denn?‹ sage ich. ›Stimmt doch alles mit dem Städtchen?‹ – ›Stimmt soweit alles,‹ sagte er, ›aber Ihr werdet bald heraus haben, daß die Luft draußen im Freien gesünder ist als in der Stadt.‹«

»Was in Dreiteufelsnamen soll das heißen?« knurrte Silent.

»Er wollte bloß sagen, daß die Leute in Elkhead anfangen, sich 'n bißchen zuviel mit uns zu beschäftigen. Und kein Wunder ist's. Im letzten halben Jahr haben wir hier zuviel Dinger gedreht.«

»So was Ähnliches hast du mir schon einmal gesagt, Shorty. Ich sag' dir, das ist meine Angelegenheit. Erzähl' lieber, was mit Hardy los war.«

»Ich bin schon dabei. Also, ich komme nach der Eisenbahn hinunter und gehe ins Büro von der Express Company. Der Schreiberjüngling sagt mir, Hardy wär' im Hinterzimmer, wo er immer ist. Wie er mich sieht, wechselt Hardy die Farbe. Ich schieb' bloß den Kopf durch den Türspalt und rufe: ›Hallo, Hardy‹, ruf' ich. ›Wie geht's dir, alter Junge?‹ Er saust von seinem Tisch in die Höhe. ›Wie geht's, altes Haus?‹ brüllt er, daß ihn der Schreiber im Vorzimmer hören kann. Und dann zerrt er mich rasch über die Schwelle und riegelt die Tür hinter mir zu. Sagt er: ›Nun 'raus mit der Sprache!‹ sagt er. ›Wozu in aller Heiligen Namen bist du nach Elkhead gekommen?‹ Sag' ich und zuck' nicht mit der Wimper: ›Zu 'nem guten Schluck.‹ Sagt er: ›Da hast du dir aber 'nen verdammt langen Weg gemacht.‹ Sag' ich: ›Das will ich meinen‹, sag' ich. ›Und das ist ein Grund dafür, daß ich so 'ne trockene Kehle habe. Wie wär's mit einem Tropfen, Kamerad?‹ Und ich kann Euch sagen, der Kerl sah aus, als ob er selber 'nen Schluck bitter nötig hätte. Er fängt an und knöpft sich den Hemdkragen auf. Sagt er: ›Danke, ich nichts. Hör' mal, Shorty,‹ sagt er, ›hast du Tollkraut gefressen, daß du am hellen Tage nach Elkhead hereinspazierst?‹ – ›Wahrhaftig, es sieht mir selbst so aus, als ob ich Tollkraut gefressen hätte‹, sage ich. ›Shorty,‹ flüstert er, ›sie sind hier drauf und dran, euch auf die Schliche zu kommen. Dir und der ganzen Bande, mich mit einbegriffen.‹ – ›Halt' den Kopf steif, Hardy,‹ sag' ich, ›sie können dir nicht das geringste nachweisen, Hardy.‹ – ›Nachweisen?‹ sagt er. ›Das hindert sie nicht, 'ne verdammte Masse Zeug über mich zusammenzudenken, und ich will dir nur das Eine sagen, für mich ist jetzt vollständig Schluß mit dem ganzen Betrieb. Die Sache ist's nicht wert – nicht, wenn eine Million dabei zu holen wäre. Jeder Mann hier herum fängt an, Bescheid zu wissen, was mit Silent und der übrigen Gesellschaft los ist. 's wird nicht mehr lange dauern, dann ist der Teufel los –‹ Sag' ich ihm: ›Seit zwei Jahren‹, sag' ich, ›quatschst du immer dasselbe.‹ Er bleibt stehen und starrt mich an, mächtig nachdenklich und mitleidig glotzt er mich an. Dann rückt er mir auf den Leib und flüstert: ›Weißt du denn, wer hier Silent auf der Fährte ist? Hm?‹ Sag' ich: ›Nein, und ich geb' keinen Pfifferling dafür‹, so recht großspurig sag' ich's. ›Tex Calder!‹ sagt er.«

Silent fuhr heftig zusammen. Unwillkürlich griff seine Hand nach dem Revolver.

»Hat er wirklich gesagt, Tex Calder?«

»Tex Calder und nichts anderes«, erklärte Shorty Rhinehart und wartete, um die Wirkung zu genießen, die seine Mitteilung auslöste. Silent hatte den Kopf gesenkt. Seine Stirne hatte sich verfinstert.

»Tex Calder ist ein Narr!« sagte er schließlich. »Der sollte auch klüger sein, als hinter mir her zu schnüffeln.«

»Sehr schnell mit dem Revolver bei der Hand, der Tex Calder«, meinte Shorty.

»Als ob ich das nicht selbst wüßte«, sagte Silent. »Wenn Alvares und Bradley und Hunter und Gott weiß wieviel andere noch aus dem Grab wieder auferstehen würden, dann könnten sie dafür Zeugnis ablegen, wie fix Tex Calder mit dem Revolver ist. Aber ich bin der einzige Mann weit und breit, der fixer ist.«

Shorty schwieg. Sein Schweigen sprach Bände.

Jim Silent wandte sich ihm wieder zu: »Nun sag' mir, was Hardy über das Geld gesagt hat.«

»Hardy sagt, der Geldtransport ist aufgeschoben. Für wie lange, das weiß er nicht.«

»Wieso ist's verschoben worden?«

»Er meint, bei der Express Company haben sie's gewittert, daß Jim Silent dem Zug auflauern will, mit dem das Geld befördert werden sollte.«

»Wird Hardy uns denn sagen, wenn das Geld wirklich kommt?«

»Ich hab' ihn danach gefragt, aber er retirierte. Der will uns aufsitzen lassen!«

»Ich war ein Narr, daß ich dich geschickt habe, Shorty. Ich werd' selbst hinreiten, und wenn Hardy nicht Order pariert ...«

Er brach ab und teilte auch den übrigen Mitgliedern der Bande mit, daß er beabsichtige, nach Elkhead zu reiten. Haines, der in solchen Fällen als sein Leutnant tätig war, erhielt den Befehl über das Lager. Dann machte sich Silent daran, sein Pferd zu satteln. Er war eben dabei, den Sattelgurt anzuziehen, als er plötzlich aufhörte, sich umdrehte und, Schweigen gebietend, die Hand hob. Die übrigen Mitglieder der Bande waren augenblicklich still. Hal Purvis näherte sein verwittertes Gesicht dem Boden. Es war manchmal möglich, auf diese Art aus der Ferne kommende Geräusche aufzufangen, die für einen Aufrechtstehenden unhörbar waren. Aber nachdem er einen Augenblick in seiner gebückten Stellung verharrt hatte, richtete er sich auf und schüttelte den Kopf.

»Was ist los?« flüsterte Haines.

»Halt' den Mund!« flüsterte Silent. Er sprach so unhörbar, daß man beinahe nur aus den Mundbewegungen die Worte erraten konnte. »Das verdammte Pfeifen! Schon wieder!«

Alle Gesichter veränderten den Ausdruck. In einer Weide in der Nähe raschelte es. Terry Jordan fuhr zusammen und fluchte dann leise vor sich hin. Dies brach die Verzauberung.

»Es sind bloß die Weiden, die so flüstern«, sagte Purvis.

»Das lügst du in deinen Hals,« sagte Silent heiser, »ich hör', wie's immer näher kommt.«

»Dan Barry ist tot«, sagte Haines.

Silent riß den Revolver aus dem Halfter und ließ ihn dann wieder zurückfallen.

»Laßt mich nicht allein, Boys«, flehte er. »Das ist sein Geist, der mich verfolgt. Ihr könnt's nicht hören, weil er von euch nichts will.«

Sie starrten ihn an. Die Wandlung, die mit ihm vorgegangen war, hypnotisierte sie vor Schreck.

Das Pfeifen begann wieder, diesmal viel lauter und näher. Jetzt mußten es auch die anderen hören, oder es war wirklich ein Geist. Die Männer saßen mit entsetzt aufgerissenen Augen da. Schließlich rief Hal Purvis: »Ich hab's auch gehört, Chef! Wenn das ein Geist ist, dann verfolgt er mich auch.«

Silent machte dem Gefühl der Erleichterung in einem mächtigen Fluche Luft.

»Es ist kein Geist! Das ist der Pfeifende Dan selbst! Und Terry Jordan hat uns lauter Lügen hinterbracht. Was, in Dreiteufelsnamen, soll das heißen, Terry?«

»Ich hab' euch keine Lügen hinterbracht«, sagte Jordan hitzig. »Ich habe einfach berichtet, was ich gehört habe. Mir ist es nie eingefallen zu sagen, ich hätte ihn selbst mit meinen eigenen Augen tot daliegen sehen.«

Das Pfeifen starb dahin. Vermutungen und Erklärungen machten sich im Lager in wildem Wirrwarr Luft. Aber Jim Silent schwang sich in den Sattel. Sein Gesicht zeigte noch immer eine bedenkliche Blässe um den Mund herum.

»Den Pfeifenden Dan überlaß ich dir, Haines«, rief er. »Ich habe ihm schon einmal Blut abgezapft. Wenn er mir wieder über den Weg läuft, werd' ich 'ne neue Kerbe an meinem Revolver anbringen müssen.«

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