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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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NOCH EINMAL AUF DEM DACH

Marianne und Lotti holten Obst in der Apfelkammer. Hans turnte währenddessen draussen an einem Dachbalken, bald den Kopf, bald die Füsse nach unten hängend. Werner rannte auf und ab und versuchte, wie weit er gegen den Wolfswinkel vordringen könne, ohne sich zu fürchten.

Als die zwei Körbe gefüllt waren, trugen Hans und Marianne sie hinunter. Lotti jagte noch mit Werner umher, hinein in die Apfelkammer und wieder heraus. Einen Augenblick schloss Lotti Werner in die Kammer ein; er erhob aber ein solches Geschrei, dass sie sofort wieder aufmachte.

»Sei doch still«, sagte sie. »Wart, jetzt darfst du mich einschliessen.«

Sie lief vor bis zum Fenster; wie aber Werner den Riegel schieben wollte, schoss sie daher und drängte sich durch. Werner krähte vor Eifer, Lotti einzusperren; zuletzt gelang es ihm wirklich.

»So, jetzt lass ich dich nicht mehr heraus, gar nicht mehr!« rief er triumphierend und horchte an der Türe.

Lotti blieb ganz still; hingegen hörte der Kleine von unten Stimmen – Onkel Alfred! Da musste Werner dabei sein. Er trabte die Treppen hinunter.

»Ein Papagei, Onkel? Der reden kann? Was sagt er? Gibt er Antwort, wenn man ihn etwas frägt?« bestürmten Hans und Marianne den Onkel.

Werner verstand nicht ganz, um was es sich handelte; aber für jeden Fall schrie er sein: »Ich auch, ich auch!« hinein.

»Vor allem macht rasch, wenn ihr den gelehrten Vogel sehen wollt!« sagte der Onkel. »Es ist weit zu meinem Freund, und nach sechs müssen wir beide im Kolleg sein!«

»Ich auch, Onkel!« bettelte Werner.

»Nein, mein teurer Neffe. Dich können wir nicht brauchen. Draussen regnet und stürmt es und wird bald dunkel. Wir müssen furchtbar laufen; sieh, so –« Onkel Alfred tat ein paar ungeheuerliche Schritte im Korridor.

Aber Werner wollte die Schritte nicht sehen; er fing so jämmerlich an zu weinen, dass Sophie erschien und den kleinen Buben in das hintere Zimmer zog.

Hans und Marianne kamen eilig mit Mantel und Mütze aus dem Wohnzimmer.

»Nehmt alle drei die Schirme!« rief Mama ihnen nach.

Der Onkel wandte sich zur Treppe.

»Vorwärts, ihr Spatzen! Wo ist denn der dritte?«

Ja, wo war der dritte Spatz?

»Lotti, Lotti!« riefen Hans und Marianne. »So komm doch –!«

War sie vielleicht noch droben? Manchmal turnte sie auch am Balken. Oder war sie bei Sophie?

Marianne rief hinauf und hinüber. Aber der Onkel zog seine Uhr heraus.

»Komm, Marianne!« sagte er. »Ich nehme Lotti und Werner ein anderes Mal mit. Heute eilt es.«

Die drei verliessen das Haus. Der kleine Werner aber sass schluchzend an seinem Tischchen. Dorthin zog er sich jedesmal zurück, wenn er unglücklich war. An Lotti und an die zugeriegelte Türe dachte er nicht mehr. Auch dann nicht, als Mama hereinkam und zu ihm sagte:

»So, mein armes Wernerlein, sind dir Hans, Marianne und Lotti wieder einmal davongelaufen?«

Vielleicht meinte er, die beiden Grossen hätten Lotti geholt. Wahrscheinlich aber dachte er überhaupt nichts; denn er war noch ein recht törichter kleiner Bub.

Lotti hatte in ihrer Apfelkammer von all dem keinen Ton gehört. Die Kammer lag drei Stockwerke höher, und die oberste Treppe hatte eine Türe, die hinter Werner zugeschlagen war. Dass der Kleine sich wegbegeben, hatte Lotti gemerkt; aber was schadete das? Drunten erzählte er natürlich seine Heldentat, und dann kamen Hans und Marianne und liessen Lotti nach einigem Necken heraus. Vielleicht waren sie schon vor der Türe. Um zu zeigen, dass sie sich aus der Gefangenschaft gar nichts mache, fing Lotti an zu singen:

»Als unser Mops ein Möpschen war,
Da konnt' er freundlich sein ...«

Dann spazierte sie in der Weinlaube auf und ab und schaute nach gefallenen Beeren. Sie zupfte auch ein wenig an der äussersten Traube. Wenn man da so eingesperrt war, durfte man das schon ...

Der dumme Werner. Warum kam denn keins? Lotti trat an die Türe. Dann ging sie zurück und las eine schöne Reinette aus, setzte sich auf eine Kiste und ass den Apfel, während sie mit den Füssen schlenkerte. Als sie den Apfel verzehrt hatte, stand sie wieder auf. Es war langweilig da oben so allein, und es fing an zu dunkeln. Lotti wollte hinaus. Sie rief an der Türe, so laut sie konnte:

»Hans, Marianne! macht doch auf!«

Oder vielleicht hörte Mama sie. Lotti rief und rief; dann rüttelte sie am Schlosse und horchte wieder; aber es blieb draussen alles still. Lotti sah ringsum und fand es auf einmal unheimlich in der grossen tiefen Kammer, besonders dort hinten, wo man die Dinge schon nicht mehr recht erkennen konnte. Das Gestell mit dem Tuch drüber sah so seltsam aus, fast zum Fürchten. Lotti ging vor zum Fenster; da war es heller. Wenn sie aufmachen würde, um zu rufen? Unten waren die Fenster vom Wohnzimmer, unten waren Mama und die andern – Lotti stieg auf den Stuhl und öffnete das Fenster.

»Mama, Mama –!« rief sie. Aber niemand hörte sie, und sie sah nichts als die Dächer drüben über dem Kornplatz.

Sie stieg vom Stuhl hinunter und begann leise zu weinen. Aber nein, das half nichts! Sie musste sehen, dass sie etwas recht Festes fand, um an die Tür zu klopfen. Dort hinter dem Gestell war ein Stock, das wusste sie. Aber sie traute sich nicht hin. Wenn es – wenn es doch so etwas Schreckliches gäbe wie den Werwolf –? Er konnte gerade so gut hier sein wie drüben beim Holzverschlag! Vorhin hatte sich etwas bewegt hinter dem Tuche. Wenn er nun auf einmal hervorschaute mit glühenden Augen –! Lotti drückte die Hände an die Brust ... Doch Hans sagte immer, man solle mutig sein. Sie tat rasch ein paar Schritte vorwärts. Da fasste etwas sie am Kleide. Sie stiess einen Schrei aus. Es war nur ein Nagel der Kiste gewesen. Aber Lotti kam ganz ausser sich vor Entsetzen und weinte laut auf:

»Mama, Mama! ich will hinaus –!«

Plötzlich kam ihr ein rettender Gedanke. Von dem grauen Türmchen kürzlich hatten sie auf alle Dächer ringsum gesehen. »Dort, wenn man von unserer Zinne rechts hinaufstiege zum First«, hatte Hans gesagt, »so käme man auf der andern Seite hinunter zur Apfelkammer.« Also musste es umgekehrt auch gehen, und die Zinnentüre liess sich vielleicht schieben, wenn Lotti alle Kraft zusammennahm, und dann war sie befreit! Mama wollte zwar nicht, dass man noch einmal aufs Dach hinausgehe. Aber jetzt musste Lotti. Das würde Mama schon einsehen.

Schnell stieg Lotti auf den Stuhl und reckte sich zum Fenster hinaus. Im Sommer hatte man doch das Klettern ordentlich gelernt. Nun war sie draussen auf dem Dache. Sie erkannte die Richtung, die sie nehmen musste, um den First zu erreichen. Aber es war ein steiler, böser Weg. Zitternd vor Angst und Schrecken kroch Lotti aufwärts. Jetzt konnte sie den Blitzableiter sehen. Halt – ins Rutschen durfte man nicht kommen! Hinter sich hörte Lotti von tief unten das Wagengerassel auf dem Kornplatz. Frau Vellacker kam ihr in den Sinn. »Tot und zerschlagen –« hatte sie gesagt –! Lotti griff mit den Händen aus. Wieder kam sie ein Stück vorwärts und noch eins. Jetzt hatte sie den Blitzableiter erreicht!

O, das war gut, sich fest an etwas halten zu können! Lotti war ausser Atem; der Regen schlug ihr ins Gesicht; die Hände brannten sie. Auf dem First sitzend, die Arme um den Blitzableiter geschlungen, spähte Lotti nun hinunter nach der Zinne. Undeutlich konnte sie schräg dort unten etwas vom Geländer erkennen; aber grade vor ihr ging es in eine unheimliche dunkle Tiefe.

Lotti hatte aufgeatmet, wie der Blitzableiter erreicht war. Nun fing ihr Herz von neuem an angstvoll zu klopfen. Wenn nur Hans da wäre, um ihr zu zeigen, wie man hinabkletterte! Vielleicht war er unten im Hof.

»Hans! Hans!« schrie sie.

Aber der Wind heulte; es rasselte und knarrte auf den alten Dächern. Lottis Stimme, die ganz heiser geworden vor Weinen, reichte nicht weit.

Lotti versuchte, sich zusammenzunehmen und es zu wagen. Sie liess mit einer Hand den Blitzableiter los und machte einen Schritt. Doch erschien ihr, als ob das Dach hier noch steiler sei als drüben. Erschrocken zog sie sich wieder hinauf. Nach einer Weile machte sie einen zweiten Versuch. Aber nein, es war unmöglich. Sie weinte laut auf und klammerte sich an den Blitzableiter. Wenn sie in die dunkle Tiefe sah, schüttelte es sie vor Grauen ...

Daniel, der Hausknecht vom Goldenen Degen, trat an das Fenster seiner Kammer, die im obersten Stockwerk nach dem Hofe lag. Er hatte in seinem alten Lehnstuhl etwas geschlafen. Morgens musste er immer um halb vier Uhr aufstehen, um vor den Türen der Fremden die Stiefel zu holen und sie zu putzen. Er schaute in den Regensturm hinaus.

»Das ist ja ein greuliches Wetter!« sagte er vor sich hin.

Auf einmal machte er das Fenster auf und sah starr über den Hof hinweg hinauf nach einer Stelle.

»Ist das eine Katze dort –? Eine grosse müsste es sein – eine seltsame –«

Er rieb sich die Augen und sah wieder hin. Plötzlich schlug er das Fenster zu, nahm die Mütze und ging hinaus.

Im Flur des Turnachhauses stand Ulrich und klopfte Nägel aus einem Kistendeckel. Da trat Daniel zu ihm.

»Ulrich«, sagte er rasch und leise, »ich möchte wissen, was das ist auf euerm Dache. Zuerst hab' ich an eine Katze gedacht. Dann aber hat sich's in die Höhe gestreckt. Da kam's mir wahrhaftig vor wie ein Kind! Ulrich, die euern machen ja so Geschichten! Zwar im Dunkeln und an der abschüssigen Stelle – Jedenfalls muss man sehen!«

Ulrich sah Daniel bestürzt an; dann griff er nach seiner Laterne. Im Vorbeigehen nahm er ein Seil.

»Ich gehe mit«, sagte Daniel.

»Ja. Es wäre am besten, sie merkten droben nichts. Sonst gibt es ein Wesen und eine Angst – vielleicht umsonst. Denn du hast dich am Ende doch getäuscht, Daniel.«

»Nein, es ist ein Kind. So etwa in der Grösse von euerm Dritten – wie heisst's? Das immer lacht –«

Die beiden Männer stiegen leise die Treppen hinauf. Da trat ihnen Balbine entgegen.

»Was wollen Sie denn miteinander?« fragte sie verwundert.

»Wir – der Ulrich will mir etwas zeigen«, antwortet Daniel. »Das muss etwas Wichtiges sein, dass man nicht warten kann bis zum Feierabend«, sagte Balbine ein wenig spöttisch und ging weiter.

»Balbine«, fragte Ulrich, wie so nebenbei, »ist Lotti im Zimmer? Sie hat ihre Puppe in der Garnkammer liegen lassen.«

»Nein, sie ist fort mit Herrn Alfred und den zwei Grossen.«

»So«, sagte Ulrich nur; aber er ging rascher. Herrn Alfred hatte er mit Hans und Marianne gesehen; Lotti war nicht dabei gewesen.

Als die beiden Männer zur Zinnentüre kamen, hörten sie den Wind heulen und den Regen auf die Ziegel klatschen. Schnauzel, der Ulrich nachgelaufen war, sprang als erster auf die Zinne.

Ulrich und Daniel traten zum Geländer und sahen hinauf. Es war nun fast vollständig dunkel geworden. Grade konnte man noch erkennen, dass da oben beim Blitzableiter eine Gestalt kauerte. Schwache, vom Wind verwehte Jammerlaute tönten herunter.

»Lotti –!« rief Ulrich entsetzt. »Wie bist du da hinaufgeraten!« wollte er hinzufügen; aber es war jetzt keine Zeit für unnötige Fragen. »Lotti!« rief er nur. »Halt noch ein paar Augenblicke fest!«

Er band sich die kleine Laterne vor die Brust und hängte die Seilschlinge an den Arm.

Schnauzel winselte und versuchte, an dem Dach emporzuspringen. Doch das ging nicht für Hundepfoten. Helfen konnte Schnauzel nicht; aber er konnte laut hinaufbellen und damit Lotti sagen:

»Sei nur getrost! Wein' nicht mehr! Sie holen dich! sie bringen dich herunter!«

»Du hast gut bellen«, sagte Daniel. »So einfach ist die Sache nicht! Ulrich, ich fürchte, es sei zu steil und zu schlüpfrig – Wär es nicht besser, ich holte schnell den Dachdecker –«

»Nein, so lang darf mir die Kleine nicht mehr da oben in der Angst bleiben«, antwortete Ulrich. »Ich bring es schon zustand.«

»Lass mich hinauf«, fing Daniel noch einmal an. »Ich bin neun Jahre jünger als du und gehe in den Turnverein –«

»Dafür aber ist es das Kind von meinem Herrn«, sagte Ulrich und zog die Schuhe aus.

Er trat auf das Dach. Die Laterne warf ihren Schein auf die nassen Ziegel. Es waren etwa fünfzehn Schritte gefährlichen Weges; denn über das niedrigere Dach des Hinterhauses hinauf bis zum vordern First gab es keinen Halt.

»Langsam, langsam!« rief Daniel. »Halt mehr rechts, Ulrich – Es geht nicht! Lass mich's versuchen –!«

Ulrich kam indessen doch vorwärts. Er hatte sich auf die Knie niedergelassen. Das lange Seil, dessen Ende Daniel hielt, zog er hinter sich drein. Das Dach wurde nach oben steiler. Aber nur noch eine kurze Strecke, eine kurze Strecke der äussersten Anstrengung und Vorsicht, und Ulrich konnte mit der einen Hand den First erreichen. Jetzt – er tat einen starken Atemzug und hielt einen Augenblick an.

»Was ist –?« rief Daniel ängstlich von unten.

»Droben bin ich!« antwortete Ulrich und setzte sich wieder in Bewegung. Rasch ging es nun dem First entlang.

»Jetzt gib acht, Lotti!« rief er, als er bei dem Kinde ankam.

Aber Lotti war ganz erschöpft vor Angst und Weinen und Kälte. Sie wusste nicht recht, was vorging. Sie fürchtete sich, den Blitzableiter loszulassen, und schrie laut auf, als Ulrich sie anfasste. Dann aber klammerte sie sich fest um seinen Hals.

»So, Lotti, so – schnaufen musst mich noch lassen«, sagte er zu dem bebenden Kind. Das Seil hatte er von sich losgelöst und um den Blitzableiter geschlungen.

»Er wird doch halten«, sagte er für sich und rief dann Daniel zu, straff zu ziehen. Lotti im einen Arm, mit der andern Hand am Seil sich haltend, begann Ulrich nun sitzend, rutschend, sich stemmend den Rückweg. Jeden Augenblick glitt er aus auf dem nassen Dach; aber nun hatte er ja das Seil, und der Blitzableiter, der schon Lottis Zuflucht gewesen, hielt sich noch einmal wacker. Glücklich kam Ulrich am Zinnengeländer an.

»Gut ist's gegangen!« rief Daniel fröhlich und streckte die Hände aus, um Lotti herüberzuheben, was einige Mühe kostete; denn die hielt sich zitternd an Ulrich fest. Sie vermochte noch nicht zu fassen, dass nun alle Gefahr und Not vorüber war, sondern schluchzte fort und fort.

»Jetzt bringen wir dich der Mama, Lotti, der Mama! Die tröstet dich dann«, sprach Ulrich auf das Kind ein. »Sieh, der Schnauzel freut sich auch, dass wir dich heruntergeholt haben.«

Der Schnauzel war aber gar nicht zur Stelle, sondern stand heulend auf dem Dach draussen. In seinem Eifer hatte er Ulrich entgegenspringen wollen und wagte sich nun nicht mehr zurück auf dem abschüssigen Weg.

»Du Tropf!« sagte Daniel und stieg über das Geländer. »Gelt, damit ich mir an dir meine Rettungsmedaille verdiene –«

Er zog den Hund herab und beförderte ihn etwas unsanft auf die Zinne. Dann ging's die Treppen hinunter.

»Frau Turnach«, sagte Ulrich, indem er die Wohnzimmertüre öffnete. »Erschrecken Sie nicht. Es ist ihr nichts geschehen. Sie ist bloss ein wenig nass und kalt geworden auf dem Dach. Wie sie hinaufgekommen ist, wissen wir nicht; aber wir haben sie Glücklich heruntergebracht.«

Das klang so ungefährlich als möglich. Aber Frau Turnach wurde doch blass vor Schrecken, als sie das krampfhaft weinende, vom Regen triefende Kind in Empfang nahm. Vom Dache geholt? Lotti war ja doch mit Marianne und Hans weggegangen –!

Und es dauerte eine lange Zeit, bis man zu dem Ende der Geschichte, die Daniel und Ulrich erzählten, von Lotti endlich auch den Anfang vernahm.

»Es – es war ganz steil und so d – dunkel und nass –« war alles, was Lotti immer wieder hervorschluchzte.

Erst als Werner hereinkam und Lotti ihn erblickte, klärte sich die Sache nach und nach auf.

»Er braucht einen nicht einschliessen –« weinte Lotti, »und dann f – fortlaufen –«

Mama zog Werner her, dem jetzt das Spiel droben an der Türe wieder aufdämmerte. Aber es war schwer, ihn zu überzeugen, dass er etwas sehr Schlimmes angestellt habe. Als Papa hereinkam, lief Werner wichtig auf ihn zu:

»Papa, Lotti hat auf dem Dach ganz nasse Haare bekommen!«

Papa hatte unten von Ulrich und Daniel die Sache vernommen. Er war auch heftig erschrocken.

»Mein Gott!« sagte er, »da sitzt man bei seiner Lampe und rechnet und schreibt, und währenddessen geschehen über unserm Kopf solche Dinge!«

Er schüttelte den beiden Männern immer wieder die Hände.

»Herr Turnach, Ulrich hat's allein getan«, wies Daniel den Dank zurück.

»Ich musste doch auch einmal eine Dachpartie machen«, sagte Ulrich. »Wetter und Aussicht waren zwar nicht besonders!«

Bald kehrten Hans und Marianne heim. Sie waren ganz erfüllt von den Sprechkünsten des Papageis, der »Guten Abend« sagte und: »Ich wollt, es wäre Nacht und die Preussen wären da!« und sogar etwas Lateinisches: »O jemine, o jerum, o quae mutatio rerum!« Aber sie kamen nicht zum Erzählen. Lotti lag zitternd und mit verweintem Gesicht im Bett und hatte Furchtbares erlebt.

Hans regte die Geschichte sehr auf. »Lotti allein – diesen gefährlichen Weg! In der Dunkelheit!«

»Lotti«, wollte er anfangen. »Vielleicht wenn man mehr links –«

»Lass, Hans!« sagte aber Mama. »Du siehst, wie Lotti mitgenommen ist. Sprich nicht mehr von dem schrecklichen Dach!«

Lotti fing indessen selbst immer wieder an. Sie schilderte, wie sie ausgerutscht sei und wie sie vom Blitzableiter hinunter in die dunkle Tiefe gesehen. Es war entsetzlich für Mama zu hören.

»Kind, Kind«, sagte sie, »sei jetzt ruhig! Versuche zu schlafen!« Sie strich Lotti das Haar aus der Stirne.

»Mama, es war aber doch gut, dass Hans etwas von dem Weg gesagt hat. Sonst wäre ich nicht aus der Apfelkammer gekommen!«

»Zuletzt hätten wir dich doch dort gesucht, Lotti.«

»Aber vorher wäre ich ganz gewiss gestorben aus Angst!«

Lotti besann sich und seufzte.

»Mama«, begann sie noch einmal. »Und droben am Blitzableiter wäre ich auch fast gestorben aus Angst!«

»Ja, Kind, und nun hat's der liebe Gott gnädig gefügt, dass du da unten sicher und warm in deinem Bett liegst.«

Lotti nickte.

»Mama«, sagte sie dann, »ich hab noch nicht gebetet«, und setzte sich auf, um ihr kleines Nachtgebet zu sprechen.

Endlich wurde sie ruhiger; nur noch einmal drehte sie sich:

»Mama, ich stricke dem Ulrich Pulswärmer. Und dem Daniel näh ich ein Buchzeichen.«

»Ja, Lotti.«

Als nach einer Weile Papa, der immer noch im Wohnzimmer auf und ab gegangen war, leise hereinkam, um nach seinem Lotti zu sehen, war das Kind fest eingeschlafen.

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