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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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EINE DACHPARTIE

»Hier im Winterhaus ist es gerade umgekehrt als in der Seeweid«, sagte Marianne, als sie mit Hans und Lotti die Treppen hinauf zur Zinne stieg. »Dort geht alles in die Breite und hier in die Höhe.«

Das Haus am Kornplatz war sehr schmal; aber eingeengt fühlten sich die Kinder doch nicht. Sie waren in jedem der fünf Stockwerke heimisch und trieben ihr Wesen droben auf dem Dachboden so gut wie unten bei den Baumwollballen. Über der vierten Treppe waren die Kammern. Ein kleiner dunkler Seitengang führte zum Holz- und Torfverschlag, und diese Ecke hiess unter den Kindern »Beim Werwolf«. Schon als Grosspapa Turnach ein Knabe gewesen war, hatte der Winkel den Namen getragen, und er und seine Geschwister hatten sich, so lange sie klein waren, vor dem Ungeheuer gefürchtet, von dem man sagte, es sehe halb wie ein Wolf aus, halb wie ein Mensch. Diese Spukgeschichte blieb an dem Winkel hängen, man wusste nicht wie. Hans und Marianne glaubten zwar nicht mehr an den Werwolf, auch Lotti nicht.

»In Häusern wohnen keine Wölfe«, erklärte sie weise dem kleinen Werner, der sich nie allein auf den obern Boden wagte. »Und Werwölfe gibt es überhaupt nicht.«

Aber es war doch ein angenehm gruseliges Spiel, an dem sogar Hans noch teilnahm, auf den Zehen in die Nähe des Wolfswinkels zu schleichen und auf einmal zu schreien:

»Er kommt, er kommt!« worauf man dann die Treppe hinunter schoss, als ob einem das Ungetüm schon im Rücken wäre.

Auf demselben Boden gab es noch etwas. Da war die Apfelkammer; auf breiten Laden in Stroh gebettet lagen die Winteräpfel schön gesondert, die sossen und die sauren, die grossen gelben Reinetten, die dunkelroten Stromer, die bräunlichen Lederäpfel, daneben die kleinen Kugelbirnen und in Säcken die Nüsse und die getrockneten Zwetschgen. Das Vornehmste aber in der Kammer war die Weinlaube. Sie bestand aus zwei langen weiss und blau geringelten Fahnenstangen, die quer von einer Wand zur andern gingen. Hier hingen an Bindfaden befestigt die Trauben. Prächtig goldene lockere Markgräfler Trauben, die Mama jedes Jahr geschickt bekam und die bis gegen Weihnacht sich hielten. Es war nun zwar nicht erlaubt, da Trauben zu pflücken wie in einem Weinberg. Aber am Boden fanden sich immer Beeren, und wenn man zufällig an eine Stange stiess, so fielen noch ein paar mehr herunter. Die Beeren schmeckten zuckersüss.

Heute gingen die Kinder an der Apfelkammer und dem Werwolf vorbei und erklommen vom Dachboden aus die letzten Stufen des Hauses, die zur Zinne führten. Schnell noch vor dem Mittagessen hatten sie da hinauf müssen. Am Morgen war nämlich der erste Schnee gefallen.

»Es schneit!« hatte Mama gerufen, und die Kinder waren schnell aus den Betten ans Fenster gesprungen.

Da wirbelten und tanzten die Flocken; alles war weiss bedeckt, der Kornplatz, die Flussmauer und die Wagen, die vorbeifahren.

»O, Mama!« jauchzten die Kinder. »Wie lustig! wie schön! Nun kommt bald Weihnacht, Mama! Und heut nachmittag nehmen wir den Schlitten heraus –«

In der Schule konnte man fast nicht aufmerken, sogar Marianne nicht, die doch sonst sehr fleissig war. Sie hielt die Hand auf und schaute hinaus in das fröhliche Schneien, und als Fräulein Heller sie rief, wusste sie nicht einmal mehr, was gefragt war. Die andern Mädchen waren ebenso zerstreut, bis Fräulein Heller sagte:

»Jetzt geht alle zum Fenster und seht euch fünf Minuten den Schnee recht an! Vielleicht bringen wir dann nachher unsere Sätze vernünftig zu Ende.«

Doch in der zweiten Stunde hörte es zu schneien auf, und beim Heimgehen war aller Schnee weggeschmolzen.

»Er kommt schon wieder, der Schnee, noch früh genug«, tröstete Ulrich.

Aber Lotti hatte einen grossen Jammer. Da war dem Hans eingefallen, dass droben auf dem Hause der Schnee jedenfalls noch liege. Und richtig, wie die Kinder auf die Zinne hinaustraten, war sie mit einer blendend weissen Schneeschicht bedeckt. Die Kinder traten behutsam auf und betrachteten die Fussspuren. Dann guckten sie sich um; überall sah man beschneite Dächer. Die Mittagssonne schien hell. Aus der Lucke eines Nachbarhauses stieg eine Katze und spazierte, als ob das nichts wäre, über die steilen Dächer weg, hart an die Kante; sie sah zu den Kindern hinüber und gähnte.

»Du«, rief Marianne, »gib du acht auf deinen Weg!«

»Katzen fallen fast nie, hat Ulrich gesagt, und wenn sie fallen, so tut es ihnen nicht weh«, erwiderte Hans.

»Das ist bequem«, meinte Lotti.

»Eigentlich könnten wir auch einmal probieren über die Dächer zu steigen. Dort hinüber –« Hans zeigte nach der grossen Zinne des Gasthofs zum Goldenen Degen.

Diese war durch mehrere andere Zinnen und durch ein breites Dach vom Turnachhause getrennt.

»Du meinst doch nicht, dass wir da hinüber könnten?« fragten Marianne und Lotti ungläubig, aber gelockt durch den Gedanken.

»Doch. Man muss es nur recht anstellen. Ich wollte auch schon lange einmal auf das graue Türmchen.«

Das »graue Türmchen« ragte über dem Dache des drittnächsten Hauses auf. Es war ein aus Steinen gemauertes Bauwerklein. Fünf oder sechs hohe schmale Stufen führten von aussen zur Plattform des Türmchens, auf der zur Not Platz war für drei Personen. Zu den Stufen konnte man nur über das Dach gelangen. Im Hause selbst wohnten ältere Leute, die nie auch nur auf dem Dachboden, geschweige denn auf das Türmchen kamen. Man hatte überhaupt noch nie gehört, dass jemand da oben gewesen sei.

Um so ruhmvoller schien es Hans, das graue Türmchen einmal zu besteigen. Er setzte sich rittlings auf das Geländer, das die Zinne von der benachbarten trennte und sah prüfend hinüber.

»Es wird fein! Es wird wie eine Bergtour! Wir brauchen ein Seil, um das Dach vom Goldenen Degen zu queren –«

»Queren?« fragte Lotti.

»So sagen die Bergsteiger, wenn sie über einen Gletscher gehen. Wir müssen uns mit allem Nötigen ausrüsten. Mein Fernrohr nehme ich auch mit –«

Gleich nach Tisch begann die Vorbereitung zu der Berg- oder vielmehr Dachpartie, von der Papa und Mama vorläufig nichts vernahmen, weil Grossmama sie zum Essen eingeladen hatte.

Hans suchte bei Ulrich ein starkes langes Seil, das er aufwand und über die Schulter legte. Marianne beschaffte eine Stange mit Flagge, die auf das Türmchen gepflanzt werden sollte zum Zeichen, dass es bestiegen worden war.

»Lotti, du darfst die Feldflasche umhängen. Wir brauchen etwas Stärkung –«

Lotti hüpfte von einem Fuss auf den andern vor Vergnügen, als Hans eine grosse in Leder genähte Feldflasche brachte, die früher Papa gehört hatte. Sie ging mit der Flasche in die Küche.

»Balbine, wir sollten schwarzen Kaffee haben.«

»Du liebe Güte! Wo doch Mama nicht will, dass ihr Kaffee trinkt!«

»Nur ein wenig! Wir machen eine Bergtour.«

»So. Wohl hier im Hause?« brummte Balbine, tat dann aber doch etwas verdünnten Kaffee und gestossenen Zucker in die Flasche.

Lotti stieg, ihre Feldflasche schüttelnd, hinter den andern die Treppen hinauf.

Die drei überkletterten das Lattengeländer und kamen auf die Nachbarzinne, deren Blechboden klirrte, als die Kinder rasch weiter schritten zur zweiten Zinne, die Herrn Lorez gehörte; da fühlte man sich schon eher heimisch.

»Sylvia, Rudolf!« rief Lotti zum Spass im Vorbeigehen und guckte durch das Dachfenster, hinter dem aufgeschichtete weisse Seifenstücke und eine Menge leerer Medizinflaschen zu sehen waren.

Von der Apothekerzinne nun ging es zum Dach hinauf. Etwas Schlimmes konnte nicht begegnen; höchstens rutschte man wieder auf die Zinne zurück. Immerhin war es ein steiler und mühsamer Weg – .

»Eben gerade wie in den Bergen!« sagte Hans, der voran ging und den Schwestern die besten Stellen zeigte.

Drüben sass die schwarze Katze vom Vormittag wieder und sah aufmerksam her, als ob sie dächte: Jetzt will ich doch sehen, wie die Turnachkinder das Dach hinaufkommen! So gut wie die Katze konnten sie es nicht; aber sie gelangten doch glücklich zu den Stufen, indem sie, wenn es nicht anders ging, auf Händen und Füssen krochen. Die Stufen waren etwas wackelig; ein paar Eisenstäbe dienten als Halt. Das ganze Türmchen war wie in die Luft gebaut. Aber die Turnachkinder kannten keinen Schwindel. Und als sie zusammengedrängt auf der kleinen Plattform standen, fanden sie es prachtvoll.

»Juhu!« schrien sie in die helle Luft hinaus.

Der Blick war weit und frei nach allen Seiten. Man sah den Kreuzberg, ganz beschneit, und die Höhen des Buchenberges mit seinen vielen Häusern, die in der Sonne lagen. Über dem See wallte ein weisser Dunst. Hans zog sein Fernrohr heraus, das aus der Hälfte eines alten Feldstechers bestand. Ob man wohl die Seeweid sehen konnte –? Hans fuhr dem Ufer entlang; doch schon beim Neugut verlor es sich im Nebel. Lotti wollte auch durchs Fernrohr gucken; zuerst behauptete sie, das Glas sei trüb; dann aber schrie sie plötzlich:

»Ich sehe die Seeweid – eine Pappel von der Seeweid – ganz gross –!«

Da lachten Hans und Marianne sie tüchtig aus. Denn die Pappel war Hansens Zeigfinger, den er, um Lotti zu necken, vor das Fernrohr gehalten hatte.

Hierauf wurde die Flaggenstange auf dem Türmchen befestigt. Marianne hauchte in die Hände.

»Ja, auf den Höhen ist es immer kalt«, sagte Hans.

»Also wollen wir uns jetzt stärken«, schlug Lotti vor und griff zur Feldflasche.

Der süsse Kaffee mundete sehr gut und machte die Runde, bis die Flasche leer war.

Dann trat man den Abstieg an. Ohne Unfall gelangte man wieder zur Apothekerzinne. Von da aus sollte nun der wichtigste Teil der Partie beginnen, die Querung des breiten Daches vom Goldenen Degen. Hans knüpfte das Ende seines Seiles drei-, viermal fest um das Gitter und trat dann hinaus, das Seil auf der Schulter. Der Weg war gerade so, dass ein gewandter Bub wie Hans ihn ohne Gefahr machen konnte. Die Schwestern sahen ihm nach. Er glitt nicht ein einziges Mal aus.

»Bravo!« riefen sie. Hans sah stolz zufrieden zurück. Dann zog er das Seil an und band es am Geländer fest.

»So, jetzt habt ihr einen sichern Übergang.«

Marianne meinte zuerst, es wäre verdienstlicher, wie Hans ohne Halt hinüberzugehen. Aber Hans, der bei allem Wagemut doch vorsichtig war, wollte nichts davon wissen.

»Nächstes Jahr machst du's dann frei«, sagte er.

Lotti natürlich ging so sorglos an die Sache, dass sie mitten auf dem Dach ausrutschte. Es war wirklich gut, dass sie an dem Seil einen festen Halt hatte. So, noch einmal –

Da ertönte plötzlich ein lauter Schrei:

»Um Gotteswillen – um Gotteswillen –!«

Lotti, die wieder aufgestanden war, sah sich um und erblickte drüben am Dachfenster, wo die schwarze Katze gewesen war, eine Frau mit einem violetten, gestrickten Tuch um. Sie hielt die Hände in die Höhe.

»Ein Kind auf dem Dach –! Eins von den Turnachkindern auf dem Dach –! Um Gotteswillen –!«

Lotti erkannte jetzt die Frau. Sie hatte einen Wolladen in der Märzengasse, gleich um die Ecke vom Kornplatz. Sie hiess Frau Vellacker und war sonst freundlich.

»Frau Vellacker«, schrie Lotti hinüber, »ich halte mich ja am Seil!« Mit drei Schritten war sie auf der Zinne vom Goldenen Degen.

»Frau Vellacker, es sieht nur so aus! Aber es ist nicht gefährlich!« riefen nun auch Hans und Marianne.

Doch Frau Vellacker beruhigte sich nicht.

»Nein, Kinder!« jammerte sie und schlug ein über das anderemal die Hände zusammen. »Das kann man nicht mit ansehen! Auf dem hohen steilen Dach! Das Seil hätte reissen können, und dann läge das Kind im Hofe unten – mein Gott!«

»Aber es ist ein ganz starkes Seil. Ich habe es vorher probiert!« rief Hans wieder hinüber, und als jetzt Frau Vellacker sich einen Augenblick zurückwandte zu ihrer Magd, die im Dachboden Wäsche abnahm, hielten die Kinder die Sache für erledigt und liefen rasch der ängstlichen Frau Vellacker aus den Augen.

Wie gross die Zinne war! Wohl viermal so gross als die eigene. Die Kinder schauten über das schöne eiserne Gitter hinunter. Man sah grade auf die Brücke, wo die Obstfrauen vor ihren Körben sassen. Sie schienen wie aus einer Spielzeugschachtel aufgestellt, so klein. In einer Ecke der Zinne stand ein kleiner runder Pavillon. Die Kinder traten hinein und entdeckten etwas Wundervolles. Lotti schrie laut auf: Das Glas der Fenster war bunt, hier rot, dort gelb und das dritte blau. Durch das rote sah die Stadt mit der Brücke und den Obstfrauen wie in einer Feuersbrunst aus, durch das gelbe, als ob die Sonne nach einem Gewitter hellstrahlend unterginge; durch das blaue aber entstand eine ganz zauberhafte Mondbeleuchtung. Die Kinder konnten nicht fertig werden mit Gucken.

»Hans, dass es so schön da oben sei, hast du auch nicht gewusst! Wir machen die Partie noch einmal, und Onkel Alfred muss mitkommen!« sagte Marianne, als man endlich den Rückweg antrat. Sie schwang sich als Erste über das Gitter.

An Frau Vellacker dachten die Kinder längst nicht mehr. Aber o weh! da stand sie an ihrem Dachfenster und erhob, als sie der Kinder wieder ansichtig wurde, aufs neue ihr Jammergeschrei.

»Was –! Noch einmal –? Seid ihr von Sinnen? Nein, das tut ihr mir nicht!«

»Wir müssen doch wieder auf unsere Zinne!« rief Hans.

Aber Frau Vellacker war so erregt, dass sich nicht mit ihr reden liess.

»Ihr dürft in keinem Fall noch einmal auf das Dach hinaus! Halt! Zurück, sage ich euch! Wenn das euere Mama wüsste und euer Papa –! Regine, Regine!« rief sie hinter sich in den Dachboden.

Da und dort in den Nachbarhäusern wurden Fenster geöffnet. Die Leute schauten heraus, zeigten sich die Kinder und riefen einander zu. Dieses Aufsehen war den dreien höchst unangenehm.

»Wir müssen warten, bis sie wieder von den Fenstern weg sind«, sagte Hans und trat mit den Schwestern zurück.

Doch Frau Vellacker blieb auf ihrem Posten. Da sah Hans sich auf der Zinne um und entdeckte eine Falltüre. Sie liess sich heben. Irgend jemand hatte vielleicht beim Teppichklopfen zu schliessen vergessen.

»Kommt!« rief Hans entschlossen. »Wir müssen da hinunter!«

»Hans – durch das fremde Haus!« warf Marianne ein. »Mama will nicht, dass wir in fremde Häuser gehen –«

»Wenn wir aber nun schon da sind und keinen andern Weg haben –! Hilf doch –«

Sie hoben zusammen die Türe und schlüpften hinein. Von dem weiten Bodenraum huschten sie ohne zu sprechen die nächsten zwei Treppen hinunter. Da sah es sehr vornehm aus: Am Boden des grossen Korridors lagen rote Teppiche; die Türen waren weiss bemalt, und in den Ecken standen dunkelgrüne Bäumchen. Auf der folgenden Treppe lag ebenfalls ein Teppich; man ging völlig geräuschlos.

»Hans, wenn wir nur hinauskommen, ohne dass man uns sieht«, flüsterte Marianne.

In dem Augenblick erschien ein Stubenmädchen mit kleiner weisser Haube.

»Was wollt ihr?« fragte sie; aber da klingelte es; sie lief zurück und verschwand in einem Zimmer.

Ohne Hindernis gelangten die Turnachkinder wieder ein Stockwerk tiefer; denn die zwei Damen, die ihnen auf der Treppe begegneten, kümmerten sich nicht um sie.

»Jetzt sind wir gewiss bald unten«, sagte Lotti, indem sie sich umsah.

An den Wänden standen grüngepolsterte Sofas, und in der Mitte war eine hohe Doppeltüre mit Vergoldung. Aber aus dieser prächtigen Doppeltüre trat ein grosser, breitschultriger Herr mit rötlichem Gesicht und weissen Haaren. Die Turnachkinder standen bestürzt still. Es war der Besitzer des Goldenen Degens, Herr Zurbuchen; die Kinder kannten ihn nur vom Sehen.

»Oho, oho!« rief Herr Zurbuchen mit lauter Stimme. »Was wollt ihr da? Woher kommt ihr? Von oben, wie mir scheint? Das Haus besichtigt? Wie, meine Herrschaften?« Herr Zurbuchen sprach so rasch nacheinander fort, dass man nicht zu einer Antwort kam, besonders wenn man ein etwas schlechtes Gewissen hatte.

»Heh, redet! Wer führt das Wort? Wie kommt ihr zum Portal herein, ohne dass euch ein Mensch sieht?«

»Wir sind nicht hineingekommen; wir wollen nur hinaus«, begann endlich Lotti.

»Wa – was?« machte Herr Zurbuchen. »Nicht hereingekommen –? Also vom Himmel geschneit –? Heut morgen, natürlich! Sonderbare Schneeflocken!« Herr Zurbuchen setzte sich lachend auf die grüne Polsterbank und zog Hans am Arm her.

»Ja, was!« rief er. »Das sind ja die Nachbarsleute von drüben, die Turnachs! Also, wie seid ihr in den Goldenen Degen gekommen? Geflogen?«

»Nein, nicht geflogen«, antwortete Lotti. »Es war ziemlich schwer. Aber wir hatten ein Seil. Wir konnten nicht wieder über das Dach zurück wegen Frau Vellacker –«

»Lotti, erzähl doch der Reihe nach!« unterbrach Hans die Schwester und fing nun von vorn an mit den Zinnen und dem grauen Türmchen –

»Auf dem grauen Türmchen –? Da seid ihr gewesen? Famos, famos! Ihr seid Prachtskerle –! Eine kühne Tour! Und was sagst du, Bürschlein? Es sei noch niemand droben gewesen? Lang ist's allerdings her, so gut 55 Jahre – da stand der Kaspar Zurbuchen an einem Sommerabend auf dem grauen Türmchen mit Pfarrers Arnold und mit Fritz Turnach, euerem Grossonkel. Die beiden sind längst tot, und der Kaspar Zurbuchen steigt auch nicht mehr auf die Dächer; damals war er jung und behend; jetzt ist er alt und lässt andere klettern. – Ja, Kinder, es lebe die Jugend –!« Herr Zurbuchen sah einen Augenblick grade aus wie in die Weite. Dann stand er auf.

»Ich lasse euern Papa grüssen. Er habe da eine wackere kleine Schar! Sapperment!« Herr Zurbuchen klopfte den Kindern auf die Achsel und begleitete sie bis vors Haus.

»Das ist ein artiger Herr!« rühmten sie. »Und ein gescheiter! Der versteht es besser als Frau Vellacker! Steht sie wohl noch droben –?«

Aber vor der Stubentüre hielt Hans plötzlich an.

»Marianne, Lotti«, flüsterte er. »Da ist sie! Sie ist drin bei Mama –«

Die Türe ging auf, und Frau Vellackers klagende Stimme tönte jetzt deutlich heraus.

»Wie gesagt, Frau Turnach, es war fürchterlich, schauderhaft! Mir ist schwarz vor den Augen geworden. Die Kleine ist zweimal ausgerutscht und bei einem Haar –«

»Nein, gar nicht bei einem Haar! Ich hab mich am Seil gehalten, Mama!« rief Lotti in die Stube hinein.

»Gott! da sind sie ja! Danken Sie dem Himmel, Frau Turnach, dass Sie sie wieder haben. Ich sah sie im Geiste schon mit zerschmetterten Gliedern liegen! So leichtsinnig –«

»Mama, es war nicht leichtsinnig«, entgegnete Hans. »Ich habe alles genau –«

»Hans, sei ruhig!« verwies ihn Mama. »Man redet nicht drein, wenn grosse Leute sprechen. Frau Vellacker meint es gut mit ihrer Warnung.«

»Aber wenn doch –« versuchte Lotti noch einmal.

»Lotti!« rief Mama streng.

Lotti drückte die Faust an den Mund und machte mit den Augen Zeichen. Das tat sie immer, wenn sie schweigen musste.

»Und ob ich's gut meine!« fuhr Frau Vellacker fort. »Die längste Zeit stand ich in der Kälte am Fenster, bis mir der Schneider Moosbach zurief, die Kinder seien durch die Zinnentüre vom Goldenen Degen hinunter –«

»Ja, und Herr Zurbuchen war sehr nett«, wollte Lotti hinzufügen; aber man durfte ja nicht reden.

»Ich danke Ihnen, Frau Vellacker«, sagte Mama, »dass Sie sich herbemüht haben. Die Kinder haben Ihnen einen rechten Schrecken gemacht; das tut mir leid.«

»Es sind ja sonst liebe Kinder. Aber diesmal gehörte ihnen fast etwas Strafe. So sich in Gefahr begeben –! Von meiner Angst nicht zu reden! Adieu, Frau Turnach! adieu, Kinder!«

Als Frau Vellacker fort war, atmeten die Kinder auf.

»Mama – also hör', Mama –« fingen alle drei an.

Aber Mama hatte. auch etwas zu sagen.

»Hans, ihr treibt es wirklich toll! Im Sommer denke ich immer, es ist eben der See und der weite Garten und die Scheune mit dem Heuboden; aber hier geht es ja kein bisschen besser! Auf das Dach steigen, dass die Nachbarn kommen, einen zu warnen –«

»Mama, Herr Zurbuchen war aber auch schon droben! Vor 55 Jahren, und er hat gelacht und uns gelobt, und unser Grossonkel sei mit gewesen! Hast du ihn gekannt, den Grossonkel Fritz –?«

Mama wusste nicht, was sie sagen sollte. Wer hatte recht, Frau Vellacker oder Herr Zurbuchen –? Aber als sie auf das Betteln der Kinder mit auf die Zinne ging, um den interessanten Weg in Augenschein zu nehmen, schüttelte sie denn doch den Kopf.

»Hans, Hans«, sagte sie, »strafen will ich euch nicht; aber ebensowenig will ich, dass ihr die Tour noch einmal macht!«

Und Papa schüttelte am Abend auch den Kopf:

»Furchtlosigkeit und Unternehmungslust sind gute Dinge, und wer nicht wagt, gewinnt nicht. Aber im ganzen merkt euch: Tollkühn darf man nicht sein. Etwas anderes ist's, wenn es sich um grosse Dinge handelt, etwa um die Rettung eines Menschen oder um eine sehr wichtige Entdeckung.«

An der Erzählung jedoch, wie die Kinder Herrn Zurbuchen in die Hände gelaufen waren, hatte Papa seinen Spass.

»Papa«, berichtete Werner, der die Geschichte nun schon viermal gehört hatte, »er hat gesagt: ›Famos, famos!‹«

»Ja«, bestätigte Marianne, »und zuletzt hat er noch gesagt: ›Es lebe die Jugend!‹«

»So!« schloss Papa und sah Mama und die Kinder lachend an. »Er hat recht: sie lebe!«

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