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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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MARIANNE UND LOTTI GEHEN AUF DIE UNIVERSITÄT

»Heute hab ich's gut«, sagte Marianne und streckte sich nach dem Frühstück behaglich auf ihrem Stuhl. »Ich muss statt um acht Uhr erst um halb zehn in der Schule sein. Fräulein Heller ist verreist; wir haben bloss zwei Stunden mit der andern dritten Klasse.«

»Dann gehen wir zusammen«, erklärte Lotti, deren Unterricht um neun Uhr begann.

»Und jetzt tut ihr noch mit mir Schule spielen!« rief Werner und klatschte in die Hände.

Er liebte dieses Spiel sehr. Sofort schleppte er einen Stuhl in die Mitte des Zimmers und einen Schemel davor. Das war Schulbank und Tisch. Er brachte auch eine alte Schiefertafel und einen langen Stock. Weder Fräulein Heller noch Fräulein Matthias brauchten einen solchen in ihrer Klasse; aber ohne Stock hätten Marianne, Lotti und Werner das Schulspiel lange nicht so nett gefunden.

»Zuerst rechnen wir!« sagte Marianne mit strengem Gesicht, indem sie sich vor Werner stellte, der hinter dem Stuhl auf dem Schemel sass und erwartungsvoll mit den Beinen strampelte.

»Nicht strampeln!« rief Marianne und gab dem Schüler einen kleinen Klaps, so dass er hellauf lachte, wofür er einen zweiten Klaps bekam.

Lotti sass, ebenfalls ernst dreinsehend, als Vorsteherin der Klasse gegenüber. Sie hatte auf den Kopf ein schwarzes Täschchen gebunden, das einen Damenhut vorstellte.

»Achtung, Werner Turnach!« begann die Lehrerin. »Wieviel ist vier und vier?«

»Drei«, sagte der Kleine, ohne sich zu besinnen.

»Falsch!« rief Marianne und bemühte sich, dem dummen Wernerlein zu zeigen, wie man an den Fingern zusammenzähle.

»Das ist der Dieter und das der Käpper!« sagte Werner voll Übermut. Die Finger erinnerten ihn an die lustige Geschichte von der Frau Vrene und ihren vier faulen Knechten.

Für diese Zerstreutheit erhielt er viele Schläge von der Lehrerin, so dass er aus dem Lachen gar nicht herauskam.

»Aber das ist ja ein schrecklich unartiger und ungeschickter Schüler«, sagte die Vorsteherin mit gerunzelter Stirne.

Endlich waren die acht Finger in der Höhe.

»Also wieviel ist nun vier und vier?«

»Fünfundsiebzig«, sagte Werner stolz. Er hatte die Zahl gestern gehört, als er mit Sophie im Butterladen gewesen war.

Die Lehrerin und die Vorsteherin schlugen entsetzt die Hände zusammen.

»Nein, rechnen kann er gar nicht. Wir wollen es jetzt mit dem Schreiben versuchen.«

Nun kritzelte Werner auf seine Tafel ein paar Reihen wilder Zacken und streckte das Geschriebene Marianne hin, dass sie lese. Er war immer sehr gespannt zu hören, was er geschrieben hatte. Die Vorsteherin besichtigte die Tafel ebenfalls und sagte, die Sätze seien nicht so übel. Marianne aber las langsam:

»Ich heisse Werner Turnach. Ich bin ein dummer kleiner Bub. Ich kann nicht einmal vier und vier zusammenzählen. Aber ich kann viel essen und tüchtig schreien ...«

Dann kam eine Turnstunde. Werner sollte im Takte gehen und das Rumpfbeugen üben und auf einem Bein stehen. Es war sehr schwierig. Die Lehrerin musste vorn halten und die Vorsteherin hinten. Aber der Schüler tat so ungebärdig, dass zuletzt alle drei am Boden lagen.

Grade als man wieder nach dem Stocke greifen wollte, läutete die Hausglocke. Es waren Karoline Rupprecht und Hedwig Zohner, die Lotti abholten. Den Wernermann aber, der ein Mäulchen machen wollte, rief Mama, um ihm die Schürze, die sie für ihn nähte, anzuprobieren, und voll Eifer, dass doch ja eine Tasche hinkomme, vergass er die unterbrochene Turnstunde.

Es war noch nicht halb neun; die vier Mädchen schlenderten über die Brücke die Gassen hinauf und machten einen Umweg durch die Baumstrasse.

»Soll ich euch etwas zeigen?« sagte Karoline, als man oben an den Gärten und kleinen Häusern vorbeikam. »Dort vorn wohnt eine Hippenbäckerin; wir können durchs Fenster zusehen.«

Karoline ging voraus und machte ein Hoftor auf. Die andern fanden es etwas keck, so einzudringen, besonders da eine Frau im Hofe stand und Wäsche aufhängte.

Die Küche der Hippenbäckerin war zu ebener Erde. Ein helles Feuer loderte im Herd, und davor sass eine ältere Frau mit einem grossen schwarzen Schirm über den Augen. Neben ihr stand ein Korb mit den fertigen Hippen. Ein süsser Duft von Zucker und gebrannten Mandeln drang oben durch eine runde Öffnung heraus. Die Kinder drängten sich aneinander, um recht zu sehen.

»Rück doch ein wenig, Karoline!« sagte Hedwig Zohner, und weil Karoline nicht hörte, gab sie ihr einen kleinen Puff. Karoline stiess an Lotti, die aber auch nicht nachgab. Da, in diesem Drängen und Stemmen, brach plötzlich mit lautem Klirren eine Scheibe. Hatte Karoline sie eingedrückt oder die feste Kante von Lottis Schultasche oder Hedwigs Lineal? Die vier Mädchen sahen einander erschrocken an. Aber schon kam die Frau mit dem grossen Augenschirm daher gelaufen.

»Ich will euch! Was habt ihr da zu tun? Die Scheibe müsst ihr bezahlen. hört ihr's!«

»Wir rennen davon!« flüsterte Karoline.

»Das ist nicht recht«, sagte Marianne, die am wenigsten schuld war. Lotti fand es auch. Aber die Frau sah sehr zornig aus mit ihrem langen Eisen. So fingen denn die Mädchen doch an wegzulaufen, eins hinter dem andern. Man konnte es ja zu Hause erzählen; dann gab Mama –

Aber bevor Marianne ausgedacht hatte, wurden sie angehalten durch die andere Frau im Hofe. Sie hatte das Tor zugeschlagen, so dass keines der Mädchen entweichen konnte.

»Was habt ihr dahinten angestellt? Dem Geklirr nach eine Scheibe zerbrochen? Frau Hamberger wird eine Freude haben! Wartet jetzt nur, bis sie kommt. Man rennt nicht bloss so weg!«

Und fest hielt sie das Tor zu, trotz den unglücklichen Gesichtern der Kinder. Von hinten aber kam die Hippenbäckerin mit ihrem grossen Augenschirm.

»Ihr unverschämten Kinder!« rief sie. »Auf der Stelle zahlt ihr mir die Scheibe! Unter 95 Rappen macht mir der Glaser sie nicht. Hättet ihr wenigstens die linke eingeschlagen, wo schon ein Sprung ist!«

Die Kinder waren in der schrecklichsten Verlegenheit.

»Wir haben kein Geld«, sagte Marianne, während Lotti in die Tasche fuhr und ausser dem Taschentuch einen Tannzapfen, ein paar Nüsse, ein Knäulchen Bindfaden, einen Permutterknopf und ein zusammengefaltetes blaues Seidenpapier herauszog. Darin waren Geldstücke eingewickelt. Sie streckte sie der Frau hin.

»Es sind zwölf Rappen«, sagte sie.

»Die kannst du behalten«, erwiderte die Frau. »Ich will nicht mehr und nicht weniger als 95.«

»Heute abend kommen wir und bringen Ihnen das Geld«, versprach Marianne.

»Das kann wahr sein oder nicht. Wenn man immer glauben wollte, was so Kinder schwatzen!« erwiderte die Frau.

Nun wurde Marianne ganz aufgebracht.

»Ich lüge nicht!« sagte sie.

»Nein, wir lügen nicht«, bestätigte Lotti. »Wenn wir etwas versprechen, so halten wir es. Unsere Mama sagt immer, das müsse man tun, und Hans auch. Wir geben Ihnen unser Ehrenwort –«

Aber die Frau schüttelte den Kopf.

»Weisst du was«, sagte sie zu Lotti. »Wenn du so gut laufen kannst wie reden, dann geh heim und hol das Geld. Eins kann mit, und die andern bleiben bei mir, bis ihr wieder kommt.« Damit packte sie aufs Geratewohl mit der einen Hand Karoline, mit der andern Hedwig Zohner. Beide Mädchen fingen an zu weinen. Es war aber auch schlimm.

»Wir haben so weit nach Hause«, versuchte Lotti noch einmal einzuwenden. »Und wenn die Neunuhrpause vorbei ist, müssen wir in der Arbeitsstunde sein, sonst straft uns Fräulein Lips –«

»Da hat sie recht«, sagte ungerührt die böse Hippenbäckerin. »Verliert also keine Zeit! Bevor ihr wieder da seid, lasse ich die zwei nicht fort.«

Sie zog die laut weinenden Kinder mit sich in ihre Küche.

»Das ist grässlich!« sagte Lotti, als sie mit Marianne zum Tore hinausging. »Hättest du geglaubt, dass es auf der Welt eine so böse Frau geben könne wie diese!«

»Nein«, sagte Marianne. »Es ist wie ein Hexenmärchen. Oder wie in einer Geschichte von Seeräubern. Die nahmen die Leute gefangen, und dann musste man Lösegeld bezahlen.«

»Was tun wir jetzt?« überlegte Lotti. »Wenn wir heimgehen, kommen wir viel zu spät, und Fräulein Lips ist so streng –« Lotti sah sich um. Ja, wenn Grossmama noch in der Kronengasse wohnen würde!

»Marianne«, rief Lotti. »Mir fällt etwas ein. Wir gehen in die Universität. Das ist ja grad dort um die Ecke. Wir sagen Onkel Alfred, er solle uns die 95 Rappen geben!«

»Wenn wir ihn nur gleich finden!« entgegnete Marianne.

»O, einmal hat er uns doch sein Schulzimmer gezeigt. Weisst du noch? Er hat gesagt: ›Hier Lotti, habe ich heute morgen auf die Finger bekommen!‹ Das war nur ein Spass von ihm; aber das Zimmer weiss ich gut. Die Treppe hinauf und dann gleich die erste Türe. Wenn es neun Uhr schlägt, kommt er natürlich heraus.«

Dass es in der Universität verschiedene Treppen gebe und dass Onkel Alfred nicht wie eine Zweitklässlerin immer im selben Zimmer sitze, konnte Lotti nicht wissen und Marianne ebensowenig.

So stiegen denn die beiden vertrauensvoll die breiten Stufen hinauf, die zu dem grossen Universitätsgebäude führten. Zufällig war der Pedell, der sonst ein Auge hatte auf alles, was aus- und einging, nicht in seiner Stube, und die zwei Mädchen konnten ungehindert vorbeihuschen. Es war still und fast feierlich in dem hohen weiten Vorplatz. Zu beiden Seiten sah man schöne steinerne Treppen. Auf welcher aber ging es zu Onkel Alfreds Zimmer? Marianne meinte auf der linken, Lotti auf der rechten.

»Es ist am besten, wir warten da«, entschied Marianne. »Gleich ist es neun Uhr; dann kommt Onkel Alfred herab und spaziert unter den Bäumen.«

Sie blieben vor einer hohen Glastüre stehen.

»Da sind Totengerippe drin«, flüsterten sie geheimnisvoll und sahen sich an, ob dem andern nicht graue.

Sie guckten hinein. Der grüne Vorhang war etwas verschoben; man konnte grade vorn auf dem ersten Gestell ein Gürteltier sehen das eine kleine dünne Schnauze aus seinem Panzer herausstreckte. Daneben hing an einem Aste etwas wie ein Affe, aber mit langen gebogenen Klauen. Weiter links ragte ein kühn geschwungener buschiger Schwanz hervor. Wenn man nur hätte entdecken können, zu was für einem Tier der schöne Schwanz gehörte! Marianne und Lotti vergassen einen Augenblick die böse Hippenbäckerin und den Onkel Alfred und streckten sich vor der Türe; es hätte grade gefehlt, dass sie diese Scheibe auch noch eindrückten.

Da fuhren sie erschrocken zusammen. Eine laute, schrille Glocke fing an zu klingeln, und fast gleichzeitig mit diesem gellenden Ton wurde es in dem grossen Hause lebendig: Türen öffneten sich, Schritte erschallten, Stimmen erklangen.

Marianne wurde es bang. Sie hätte gute Lust gehabt, wegzulaufen. Aber man konnte die zwei doch nicht im Stiche lassen bei der bösen Frau. Da stiess Lotti die Schwester an.

»Marianne! jene Treppe ist's! Dort kommen ein paar mit weissen Mützen; die sind aus Onkel Alfreds Klasse –!«

Aber wie die beiden Mädchen tapfer die Treppe hinaufstiegen, begegneten ihnen ganze Scharen junger Männer. Die einen der Herren sprangen in grossen Sätzen über die Stufen hinunter. Die andern blieben stehen, sprachen miteinander und schwangen ihre Stöcke. Alle machten sie einen tüchtigen Lärm. Indessen kamen Marianne und Lotti ziemlich unbehelligt hindurch. Einige von den Studenten sahen ihnen verwundert lachend ins Gesicht, zogen Marianne am Zopf oder klopften mit dem Stock auf Lottis Schultasche.

Oben standen die Kinder still. Welches war nun die Türe, die Lotti so gut zu kennen meinte? Eine von jenen beiden oder die dort gegenüber? Und immer mehr und mehr Studenten! Auch Lotti entsank jetzt der Mut. Sie fasste Marianne am Kleid.

Da kam langsam ein alter Herr daher mit vielen Büchern unter dem Arm. Die Studenten machten ihm grüssend Platz, und er nickte so freundlich, dass Marianne dachte, das sei gewiss ein guter Herr, den dürfe man schon anreden. Eben als sie sich ein Herz fassen wollte, glitten zwei der Bücher unter dem Arm des alten Herrn heraus und fielen zu Boden. Der alte Herr wollte sich bücken.

Aber Marianne hatte die Bücher schon aufgehoben und reichte sie dem Herrn.

»Ei!« sagte er, indem er die Brille zurechtrückte und die beiden Kinder ansah. »Was wünscht ihr hier?«

Das klang sehr höflich.

»Wir suchen unsern Onkel, den Onkel Alfred.« In der Aufregung vergass Marianne den vollen Namen des Onkels zu nennen.

»Onkel Alfred?« sagte der Herr Professor und sah herum. »Hm – also wir suchen einen Onkel, der Alfred heisst, oder wenn wir den Fall umdrehen, einen Alfred, der zugleich Onkel ist –«

Lotti sah erwartungsvoll zu dem alten Herrn auf. Marianne aber bückte sich noch einmal, um ein gelbes Zeichen aufzuheben, das aus einem Buche gefallen war.

»O, o!« sagte der Herr Professor bekümmert, indem er das Zeichen nahm und eines der Bücher öffnete. »Fatal! Wartet einen Augenblick –«

Er legte die Bücher auf das Fenstersims und fing an zu blättern und zu blättern.

Da räusperte Lotti sich. Es war schrecklich, so zu warten. Gewiss kam man zu spät in die Schule!

Der Herr Professor sah sich um und fuhr über die Stirne.

»Aha«, sagte er und wendete sich zu zwei vorbeigehenden Studenten. »Meine Herren, möchten Sie nicht die Güte haben, sich dieser Sache anzunehmen? Die Kinder suchen – wen sucht ihr –?«

»Unsern Onkel, den Onkel Alfred«, erklärte Lotti, sich an die Studenten wendend. »Wir brauchen Geld.«

»So! wir auch!« lachten die jungen Herren, zu denen sich noch ein paar andere gesellten. Keiner wusste etwas von einem Onkel Alfred. Aber alle fingen sie an mit absichtlich ganz hohen Kinderstimmen durch den langen Korridor zu rufen:

»Onkel Alfred!«

Und von allen Seiten tönte es jetzt:

»Onkel Alfred! Onkel Alfred!«

Jedem, der es hörte, machte es Vergnügen, mitzurufen, ohne zu wissen warum. Die beiden Studenten hatten die Kinder an die Hand genommen und schritten an den Türen vorbei und um die Ecke, wo ein neuer Korridor begann.

»Onkel Alfred!« krähten die übermütigen jungen Herren. »Wo bist du –?«

Einige taten, als ob sie weinten:

»Onkel Alfred! wir brauchen Geld!«

Marianne schämte sich so, dass sie gar nicht mehr aufzusehen wagte. Und Lotti, die sonst Freude hatte, wenn die Dinge recht drunter und drüber gingen, fand das nun doch zu arg. So hatte sie sich Onkel Alfreds Schulhaus nicht vorgestellt.

Auf einmal erblickte sie unter einer offenen Türe Onkel Alfred, wirklich Onkel Alfred! Sie machte sich los:

»Onkel, Onkel!« schrie sie und rannte auf ihn zu.

Onkel Alfred erkannte sie.

»Lotti – Marianne – nein, das ist zu toll! Wir haben doch keine Kinderbewahranstalt hier oben –« Er machte ein unwilliges Gesicht.

Aber Lotti fasste den glücklich entdeckten Onkel an der Hand.

»Onkel«, bat sie. »Wir brauchen 95 Rappen! Es eilt schrecklich. Karoline und Hedwig warten schon lang; sie lässt sie nicht los –«

»Wer, wen, was, warum –?« fragte der Onkel, schon wieder halb belustigt. »Bevor ich mein gutes Geld hergebe, muss ich wissen, wofür!«

»Also Onkel, wir haben bloss wollen zusehen, wie sie Hippen macht. Weisst du, sie hat so einen Schirm vorn am Kopf, und auf einmal ist die Scheibe zerbrochen –« erzählte Lotti und zog den Onkel zur Treppe.

Onkel Alfred folgte rasch, um aus dem Bereich der lachenden Herren zu kommen. Marianne trabte nebenher und ergänzte Lottis Bericht.

»Das ist allerdings schauderhaft«, sagte der Onkel. »Wenn wir die zwei nur noch lebend finden. Ich soll also wieder so eine Art Drachentöter sein, Marianne? Wollen wir die Hippenbäckerin aufspiessen?« Er machte mit seinem Stocke eine Bewegung.

Marianne lachte.

»Nein, aber du musst ihr sagen, dass ich nicht lüge!«

Schon waren sie bei dem Hause angelangt. Die Hippenbäckerin machte ein sehr überraschtes Gesicht, als sie die beiden Mädchen in Begleitung des jungen Herrn erblickte. Karoline stand trotzig in der einen Ecke der Küche, Hedwig weinend in der andern.

»Ach, Sie kommen vielleicht wegen der Scheibe?« sagte die Hippenbäckerin mit freundlichster Stimme. »Ja, so Kinder – unversehens schlagen sie etwas zusammen. Ich sass vor meinem Feuer und dachte an nichts. Auf einmal –«

»Hier«, unterbrach sie Onkel Alfred, indem er Geld aus seinem Beutel nahm. »Aber etwas scharf haben Sie's gemacht! Eigentlich könnten wir Sie verklagen wegen Freiheitsentziehung, nach Paragraph so und so des Gesetzbuches. Jawohl.« Onkel Alfred verbiss das Lachen; aber wie er so aufrecht dastand mit dem Stöckchen, sah er doch aus, als ob er auch einmal ernst machen könnte.

»So, jetzt kann sie sich fürchten!« dachte Lotti und stellte sich neben den Onkel.

»Und meine Nichte haben Sie schwer in ihrer Ehre gekränkt –« Onkel Alfred gab sich Mühe, ein strenges Gesicht zu machen. »Bereuen Sie! sonst – sonst lasse ich Ihnen von diesen Kindern und ihren Kameraden eine Katzenmusik bringen.«

»Ja, Onkel! Gelt mit Pfanndeckeln und Ratschen«, rief Lotti. »Ein Posthorn hätten wir auch!«

Die Frau rieb verlegen die Hände. Sie wurde nicht recht klug aus dem jungen Herrn.

»Ich zweifle keinen Augenblick an deinem guten Willen, Lotti«, lachte der Onkel. »Jetzt aber macht, dass ihr in euere Schule kommt! Sagt der Lehrerin einen schönen Gruss von Onkel Alfred und sie solle heut eine Ausnahme machen. Straft sie euch jedoch, so ertragt's als Philosophen. Da –«

Er nahm aus dem Korbe für jedes der Mädchen eine Handvoll Hippen und griff noch einmal in die Tasche.

Die vier machten sich davon; aber als sie ins Schulhaus kamen, hatte der Unterricht in allen Klassen, die von Marianne ausgenommen, längst begonnen. Fräulein Lips empfing die drei Verspäteten sehr ungehalten.

»Und auch noch mit Hippen in den Händen! Schickt sich das –? Ihr werdet um elf Uhr da bleiben! Nehmt sofort euer Strickzeug und seid fleissig und mäuschenstill!«

Das hielt aber Lotti nicht aus. Sie streckte und streckte die Hand, bis Fräulein Lips ein Einsehen hatte und Lotti die ganze merkwürdige Geschichte erzählen liess. Die Klasse hörte mit Verwunderung und Vergnügen zu, und als Lotti zum Schlusse den Gruss von Onkel Alfred ausrichtete, da machte Fräulein Lips wirklich eine Ausnahme: Sie lachte und erliess den drei kleinen Abenteurerinnen die Strafe.

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