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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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IM WINTERHAUS AM KORNPLATZ

Es ging mit den Larstetter Ferien, wie es mit denen in der Seeweid gegangen war: Ehe man sich's versah, kam der letzte Tag, und es kam sogar die Abendstunde, wo die Turnachkinder wieder daheim anlangten. Papa hatte sie am Bahnhof abgeholt. Es war ganz seltsam gewesen, nun nicht den Weg zur Seeweid einzuschlagen, sondern rechts abzubiegen zum Kornplatz. Lotti behauptete, sie könne sich die obere Treppe und das Wohnzimmer gar nicht mehr vorstellen.

Als sie aber ins Haus traten, sprang ihnen als traulicher Empfang Ulrichs guter alter Schnauzel entgegen. Er umtanzte die Kinder und hüpfte an ihnen empor; er heulte und bellte. Das hiess in seiner Hundesprache: »Endlich, endlich!« Dann schoss er die Treppe hinauf zu Ulrich, um ihm zu sagen: »Sie sind wieder da! die Kinder sind wieder da!«

Ulrich stand in der Arbeitsschürze zwischen seinen Garnballen. Er sagte nicht viel: aber man sah, er freute sich auch, dass nach dem stillen Sommer nun Leben ins Haus kam. Hans schlug auf einen der Ballen und atmete den Geruch des Hanftuches ein.

»Jetzt fängt der Winter an«, sagte er. »Jetzt sind wir wieder am Kornplatz daheim!«

Von droben aber ertönte Werners ungeduldige Stimme:

»Kommt doch ganz herauf –! Kommt doch!«

Da standen Mama und Wernermann und Sophie mit dem Schwesterlein, das den drei Ankommenden entgegenlachte und ihnen mit seinen Händchen ins Gesicht patschte. Marianne wollte das Schwesterlein auf den Arm nehmen; doch Werner liess ihr keine Zeit:

»Zuerst mich anschauen! Bitte, mich anschauen!« rief er und stellte sich dann, so breit er konnte, vor die Geschwister hin.

Ja, das war eine Überraschung: Werner in den ersten Hosen! Werner nicht mehr ein kleines Kind, sondern ein grosser Bub!

Er stand ganz still mit stolzem Gesicht und liess sich bewundern. Jetzt war endlich der glückliche Moment da! Hundertmal hatte er in den letzten zwei Tagen gefragt:

»Mama, wann kommen sie? Mama, wissen sie noch nicht, dass ich Hosen hab? Mama, was sagen sie dann?«

»Prachtvoll stehen sie dir!« rief Hans und streckte Werner die Hand hin. »Nun hab ich also einen rechten Bruder! Heulen tust du jetzt natürlich nie mehr?«

Werner lachte, sah aber schnell zu Mama hinüber. Heute morgen hatte er noch ganz wacker geheult.

Das Begrüssen und Wiedersehen, das sich von den Personen auch auf die Räume und Dinge ausdehnte, nahm kein Ende. Alles schien vertraut und neu zugleich. Marianne und Lotti liefen zum Schrank, um ihre Puppen zu umarmen. Hans sah seine Bücher an; jetzt konnte man sie der Reihe nach von neuem durchlesen. Allerdings unten im Schrank lagen auch die Schulsachen der Kinder. Dieses Wiedersehen stimmte Lotti etwas ernsthaft. Den ganzen Vormittag musste man nun wieder stillsitzen und am Nachmittag meistens noch einmal, und das ging so die lange Woche hindurch –!

Aber am Montag fand Lotti es dann doch sehr nett in der Schule. Viele Kinder hatten andere Kleider an, und einige, die vorher offene Haare gehabt, kamen mit Zöpfen. Auch waren die Winterfenster eingehängt, und die Wandtafel war schön schwarz und hatte frische rote Linien. In der vordersten Bank aber sass gar ein ganz neues Kind mit schwarzen Augen, das Nina hiess. Lotti beschloss, eine von ihren Puppen Nina zu taufen.

»Das war natürlich die Hauptsache, Lotti«, sagte Hans, als beim Mittagessen vom ersten Schulmorgen gesprochen wurde. »Dieses neue Kind und die roten Linien und der Zopf von der Hedwig Zohner!«

»Nein gar nicht!« wehrte sich Lotti. »Wir haben schon stark gerechnet, und zweimal habe ich die Hand zuerst aufgestreckt!«

»Uns hat Fräulein Heller eine Rede gehalten«, erzählte Marianne. »Sie hat gesagt, jetzt beginne die Arbeitszeit wieder, und wir sollen uns alle recht zusammennehmen. Es sei auch eine Freude, jeden Tag zu versuchen, wie weit die Kraft reiche.«

»Fast das gleiche hat Herr Altschmid gesagt«, rief Hans. »Und er hat uns noch erklärt, dass es mit dem Zusammennehmen und mit dem Rechttun sei wie beim Turnen. Man könne sich üben, und dann gehe es immer leichter. Man werde überhaupt nur ein tüchtiger Mensch, wenn man tapfer an das hingehe, was schwer und mühsam sei.«

»Schön«, stimmte Papa zu. »Wir wollen sehen, wie ihr dieses Kopf- und Herzturnen nun betreibt den Winter!« Das klang wie ein Spass; aber die Kinder verstanden, dass Papa es ernst meinte. Sie gaben sich denn auch Mühe, fleissig und brav zu sein in der Schule und zu Hause.

Am Abend jedoch nach der Arbeit fand sich immer wieder Zeit zu Spiel und Vergnügen. Schon durch das Fenster auf den Kornplatz hinauszusehen war eine sehr hübsche Unterhaltung. Es dunkelte jetzt früh. Der Laternenanzünder kam, und die Lichter brannten in den Schaufenstern. Drüben beim Pelzhändler hing ein grosses braunes Bärenfell zwischen Müffen und Krägen. Das sah schon sehr winterlich aus. Oben im ersten Stockwerk war ein Kaffeesaal. Die Herren sassen mit Zeitungen bei ihren Tassen. Andere spielten Billard auf grossen grünen Tischen. Man sah, wie sie sich über den Tisch legten, scharf zielten und wie die Kugeln flogen. In dem hohen Hause am Eingang der Schwalbengasse wohnte die Schneiderin Weissenhorn.

Die Lehrmädchen nähten fleissig, und Frau Weissenhorn schnitt mit einer langen Schere zu.

Unten auf dem Platze eilten die Leute aneinander vorbei, als hätten sie vor der Nacht noch viel zu verrichten. Zwei Herren mit Handkoffern gingen auf eine Droschke zu; der Kutscher nahm schnell die Decke vom Pferd und fuhr mit den Herren davon. Zu dem Kastanienbrater kam eine Dame und kaufte einen grossen Sack Kastanien. Der Kastanienjunge machte ein vergnügtes Gesicht und zählte ihr beim Schein der kleinen Lampe das Geld heraus. Ein Lastwagen hielt vor der Apotheke. Zwei Männer sprangen vom Wagen, um eine schwere Kiste abzuladen.

»Das ist fast so lustig wie das Kaleidoskop oder wie das Lebensrad!« sagten die Kinder. »Immer bewegt es sich, und immer gibt's etwas Neues!«

In der Seeweid, wenn man abends zum Fenster hinaussah, war alles still und dunkel, und in Larstetten lag das Wohnzimmer gegen den Garten.

Oft gingen die Kinder auch hinunter und setzten sich zu Ulrich in die Garnkammer. Plaudern konnte man zwar mit Ulrich nicht viel. Wenn man ihn bat, etwas zu erzählen, so sagte er, es falle ihm auf der Welt nichts ein. Dafür aber wusste er eine Menge Lieder, besonders traurige Soldatenlieder. Es war sehr schön, wenn er mit seiner tiefen Stimme begann:

»Zu Strassburg auf der langen Brück,
Da stand ich eines Tags ...«

oder:

»Morgenrot, Morgenrot,
Leuchtest mir zum frühen Tod ...«

Oder wenn er das Lied vom alten Feldherrn sang:

»Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka ...«

Ulrich konnte sämtliche Strophen, und die Kinder warteten immer mit Spannung auf die prächtige Stelle:

»Denkst du daran, dass in des Kampfes Wettern
Mein Säbel blitzte stets in deiner Näh,
Als du, verlassen von des Sieges Göttern,
Noch sinkend riefst: Finis Poloniae! ...«

Dieses Lied hatte Marianne am liebsten. Es war ihr so seltsam dabei zu Mut, traurig und doch wohl. Einmal stiess Lotti leise Hans an:

»Du, die Marianne weint!«

»Ach nein«, sagte Marianne und fuhr sich schnell über die Augen.

Ulrich aber griff nach seiner Harmonika, die hinten auf dem Gestell lag, und fing unversehens eine rasche lustige Weise an zu spielen, bei der man die Füsse nicht mehr ruhig halten konnte. Lotti wenigstens rutschte von der Kiste, auf der sie sass, herunter und begann in der Garnkammer umher zu hopsen.

Es war auch sonst unterhaltend bei Ulrich zu sein und ihm zuzusehen, wenn er auf dem Vorplatz arbeitete. Er schichtete die Garnpakete zusammen in das Hanftuch, nähte dieses zu und schnürte die grossen Ballen dann mit einem starken Seile fest. Das ging alles so flink und ruhig.

»Achtung!« oder »Hand vom Zeug!« rief Ulrich bloss von Zeit zu Zeit, wenn er einen Ballen wälzte, oder wenn eins der Kinder Lust bekam, mit der grossen Nadel, in die der Bindfaden eingefädelt war, seine Kunst zu versuchen.

Noch mehr als die Packnadel lockte der Farbtopf und der Pinsel, mit dem Ulrich die Buchstaben fest und schön auf die Ballen malte.

»F R T 8«, buchstabierte Hans. »Ich möcht's auch einmal probieren.«

»Wollt's dir nicht raten«, sagte Ulrich und sah zu Marianne hinüber.

Marianne schüttelte lachend den Kopf. Sie hatte letzten Winter eine Erfahrung gemacht. Der Farbtopf und der Pinsel waren dagestanden und kein Ulrich dabei. Da hatte Marianne angefangen, ein F und ein R zu malen; die Buchstaben gerieten gar nicht schön, und eben als ihr noch ein grosser Klecks auf das Hanftuch floss, trat Ulrich hinter sie.

»Verdirbst mir den ganzen Ballen!« sagte er ärgerlich, und ehe sie sich's versah. hatte er ihr ein dickes Kreuz auf die Hand gemalt.

»So, jetzt bist du auch gezeichnet!«

Marianne versuchte, die Farbe wegzureiben; aber diese wich nicht, und es war zehn Minuten vor neun Uhr. Also musste Marianne mit der schwarzen Hand in die Schule laufen, wo alles sie auslachte. –

Waren eine Anzahl Ballen fertig, so kam das Rutschbrett. Das Rutschbrett lehnte an der Wand der langen graden Treppe. Wenn man es hinlegte, gab es eine prächtige Rutschbahn, für die Ballen zuerst und dann auch für die Kinder. Das Brett war spiegelglatt von dem vielen Gebrauch. In einem Augenblick sauste man hinunter und stieg an der Seite, wo etwas Raum blieb, wieder die Treppe hinauf, um von neuem hinunterzufahren. Den kleinen Werner nahm Marianne auf den Schoss. Er schrie immer laut auf vor Entzücken.

Die grossen Leute allerdings, die auf- und abgehen wollten, fanden die Sache nicht sehr bequem und zankten manchmal ein wenig. Nur Onkel Alfred liess sich zum Ergötzen der Kinder etwa erbitten, ein paar Partien mitzumachen. Er hatte zwar allerlei Einwände.

»Kinder, nein! Was mutet ihr mir zu! Es ist unter meiner Würde. Und dann mein Anzug –! Einer Rutschbahn steht der Glanz gut, aber meinen Beinkleidern nicht –!«

»Meine glänzen auch schon ein wenig!« rief Hans.

»Quod licet Jovi, non licet bovi«, antwortete der Onkel.

»Was heisst das?« fragten die Kinder.

»Das heisst ungefähr: Was dem Neffen Hans ziemt, das ziemt nicht immer dem Onkel Alfred.«

Aber dann gab der Onkel doch nach und rutschte mit den Kindern das Brett hinunter, bis Papa kam und lachend nun etwas Französisches sagte, was aber Onkel Alfred nicht übersetzte.

WARUM DER KLEINE DIEB NICHT BESTRAFT WIRD

Im Hintergrunde des grossen Hausflurs standen hoch aufgetürmt kleine und grosse in Hanftuch gepackte Baumwollballen, auf denen man herumklettern konnte. Schon letztes Jahr hatten die Kinder da ihre Burg gehabt, und auch heuer waren die Ballen wieder sehr günstig gelagert. Vorn stand ein schon ziemlich hoher Block, den man nur mit Mühe erstieg. Das war der Zwinger; von ihm führte die aus einem Brett bestehende Brücke zu der noch höheren eigentlichen Burg. Zwischen den Ballen und der Wand ging es tief hinunter. Dieses Loch diente als Burgverlies.

Die Nachbarskinder Rudolf und Sylvia Lorez machten auch wieder mit. Rudolf war etwas jünger als Hans, und Sylvia ging in die erste Klasse.

Wenn Rudolf und Sylvia vor die Burg kamen, war zuerst immer die Zugbrücke aufgezogen.

»Freund oder Feind?« rief dann Hans hinunter.

»Freund!« antwortete Rudolf.

»Das Wort?« fragte Hans.

Dann rief Rudolf, zum Beweis, dass er ein Vertrauter der Burg war, das Wort hinauf, das man tags zuvor ausgemacht hatte. Es war irgend etwas Kühnes: Falkenhorst! oder: Rache! oder: Ritterehre!

Hierauf wurde die Zugbrücke hinuntergelassen, und der Ritter Rudolf erklomm mit dem Edelfräulein Sylvia den Zwinger und von da die Burg.

Oft unternahmen die Ritter und die Frauen von der Burg aus eine Jagdpartie und kehrten mit Beute heim. Der gute Schnauzel musste abwechselnd ein Wildschwein oder einen Hirsch darstellen. Er liebte das gar nicht, und zog sich jedesmal im Hofe hinter eine Kiste zurück, wenn die Jagd sich näherte. Aber die Kinder drangen mit Hussa! auf ihn ein und schleppten ihn unter grossen Schwierigkeiten auf den Zwinger und über die Zugbrücke.

An einem Samstag nachmittag nach der Rückkehr von der Jagd sahen die Kinder an der Haustüre einen Buben stehen. Er schaute ihnen eine Weile zu und trat dann näher.

Hans und Rudolf zogen die Zugbrücke auf.

»Das Wort?« rief Lotti von der stolzen Höhe herab.

Der Bub wusste kein Wort.

»Kann ich auch mitmachen?« fragte er und sah verlangend hinauf. Er war etwa im Alter von Rudolf, sah aber etwas struppig aus. Er sagte, er heisse Theodor Hahn.

Die Kinder überlegten.

»Hans, ich weiss etwas«, flüsterte Rudolf. »Er könnte ein Gefangener sein. Es wäre fein, einen gefesselten Feind im Burgverlies zu haben! Wir würden ihn bewachen –«

»Und ihm Speise und Trank hinunterlassen!« rief Marianne, die eben Brot und Äpfel zur Vesper geholt hatte.

»Ja, ja!« stimmten alle zu.

Man machte dem Buben den Vorschlag, und er kletterte vergnügt zur Burg hinauf, um allerdings an der andern Seite wieder hinunterbefördert zu werden in den Kerker.

»Da unten, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen, wirst du büssen für deine Missetaten!« rief ihm Rudolf nach, der eben ganz in einem Rittergeschichtenbuch lebte.

»Ich glaube, ich würde mich fürchten«, flüsterte die ängstliche Sylvia und sah in das Verlies hinunter.

»Du musst von Zeit zu Zeit stöhnen und über Hunger und Durst klagen!« ermahnte Hans den Gefangenen.

Dieser liess ein undeutliches Gebrumm vernehmen.

Währenddessen hatte Marianne einen kleinen Korb und eine grosse Medizinflasche gebracht. Diese wurde im Hofe mit Wasser gefüllt und samt einem Stück Brot und einem grossen Apfel in dem Körbchen zu dem Gefangenen hinuntergelassen. Der Gefangene griff nach dem Brot und dem Apfel und hatte beides in wenig Augenblicken aufgegessen.

»Das Wasser brauche ich nicht«, sagte er und goss es ohne weiteres auf das Steinpflaster aus.

»Das gilt nicht!« riefen die Kinder; sie waren empört.

»Wenn du nicht recht spielst, so darfst du nicht mehr mitmachen!« erklärte Hans. »Grade an Durst litten sie im Kerker manchmal sehr.«

»Ja«, bestätigte Rudolf. »In meinem Buche sagt der Gefangene einmal: ›Mich quält der Hunger, und ich verschmachte vor Durst!‹«

Eine Weile blieb es still unten; der Gefangene schien zu überlegen. Dann rief er mit richtig jämmerlicher Stimme:

»Mich quält der Hunger, und ich verschmachte vor Durst!«

»Also, wenn du das Wasser trinkst, bekommst du noch einmal Brot und einen Apfel!« riefen Hans und Rudolf.

Theodor Hahn versprach es, und der Korb wurde aufs neue mit Speise und Trank hinuntergelassen. Theodor hielt sein Wort; ja er sagte, für einen dritten Apfel mit Brot trinke er die ganze Flasche noch zweimal aus.

Das ging nun nicht; denn die Kinder hatten das Vesperbrot selber aufgegessen. Hingegen begannen sie ein anderes Spiel mit ihrem Gefangenen. Er musste entwischen durch eine Spalte des Kerkers und versteckte sich im Hofe oder suchte über den Kornplatz zu fliehen. Dann wurde er verfolgt von den Rittern und wieder eingebracht. Er wehrte sich dabei so natürlich, dass man ihn kaum bewältigen konnte.

Als es dunkel wurde, trennte man sich. Theodor war sehr vergnügt, dass Hans und Rudolf ihm sagten, er solle am nächsten freien Nachmittag wieder kommen.

Das Ritterspiel gestaltete sich jetzt noch in anderer Weise besonders hübsch. Hans und Rudolf erinnerten sich, wie in alten Zeiten die Burgen manchmal belagert wurden und wie dann die Ritter und ihre Leute anfingen Mangel zu leiden, wenn sie nicht, bevor der Feind kam, Nahrungsmittel, Vieh und Mehl auf die Burg gebracht hatten. Die Kinder beschlossen, neben dem Zwinger an der Mauer ebenfalls einen Vorratskeller einzurichten. Und am folgenden Tage brachte jedes, was es an Lebensmitteln hatte auftreiben können. Rudolf kam mit einer Schokoladetafel und Sylvia mit einer Stange Süssholzsaft aus der Apotheke. Lotti hatte ihre Schürze voll gedörrter Langbirnen, und Marianne besass noch einen Lebkuchen vom Larstetter Markt. Hans aber zeigte triumphierend eine kleine geräucherte Wurst; Grossmama, der er von der Burg erzählt, hatte sie ihm geschenkt.

Alle rochen an der Wurst. Dann wurde sie mit den andern Nahrungsmitteln in eine Schachtel gelegt und diese in der Nische hinter dem Zwinger versteckt. Fast jeden Tag wurde nachgesehen, ob im Vorratskeller alles in Ordnung sei. Genascht wurde nicht; man hatte sich das Ehrenwort gegeben.

Um so grösser war die Bestürzung, als man eines Mittags nach der Schule die Schachtel leer fand –! Halb offen stand sie in der Ecke, gänzlich ausgeplündert. Die schönen Lebensmittel alle fort!

Die Kinder waren sprachlos. Wer konnte das getan haben! Rudolf und Sylvia standen auch dabei; man ass bei ihnen wie bei Turnachs erst um ein Uhr. Alle sahen sich gegenseitig an; aber jedes schaute dem andern fest ins Gesicht, weil es ein gutes Gewissen hatte.

»Ist's am Ende der Schnauzel –?« meinte Marianne. »Letzthin hat er der Balbine ein Stück Fleisch gestohlen –«

Die Kinder liefen in den Hof, wo der Schnauzel unter dem Vordach lag, jetzt aber schleunigst hinter den Brunnen schlüpfte; denn er meinte, man wolle ihn wieder als Wildschwein auf die Burg schleppen.

»Halt, mein Freund!« rief Hans und zog ihn hervor. »Bist du über unsere Sachen gekommen? Du –!« Er schüttelte ihn drohend.

Schnauzel wedelte mit dem kurzen Schwanz und gab Hans die Pfote, um zu sagen, dass er diesmal wirklich unschuldig sei.

»Nein«, rief Lotti. »Er hat's nicht getan. Langbirnen und Süssholzsaft frisst er nicht!«

Der kluge Schnauzel sprang dankbar an ihr auf.

Wer aber war der Dieb –?

»Hans«, sagte Rudolf Lorez. »Es wäre zu arg; aber es könnte sein, dass der Theodor uns die Sachen gestohlen hat!«

»O! Der –!« riefen die andern entrüstet.

»Wir werden es bald herauskriegen. Ich weiss, wo er wohnt.« Rudolf lief hinaus, und die andern folgten ihm über den Kornplatz in die Schwalbengasse und dann um die Ecke in das Wintergässchen. Es ging durch einen engen Hausgang vier steile Treppen hinauf. Schneller als die Kinder gedacht hatten, fanden sie den Gesuchten. Er stand mit der Mütze und der Schultasche oben. Als die Schar heranstürmte, erschrak er sichtlich und drückte sich in die Ecke.

»Aha! da bist du! Komm mit uns hinüber! wir wollen dir etwas zeigen! Ja – und dich etwas fragen! Komm nur –«

Damit zogen Hans und Rudolf den Buben die Treppe hinunter. Er leistete übrigens jetzt, da es Ernst galt, lange nicht so viel Widerstand als sonst im Spiele auf seinen Fluchtversuchen.

Man langte bei der Burg an, und Hans hielt Theodor die leere Schachtel vors Gesicht. Theodor drehte den Kopf weg. Aber Rudolf liess ihn nicht los.

»Hast du unsern Vorrat gestohlen? Die Wurst und die Schokolade und das andere –? Bekenne!«

Theodor gab keine Antwort. In der Verlegenheit griff er nach seinem Taschentuch; dabei fiel eine kurze Schnur mit einem Endchen Haut auf den Boden.

»O«, riefen alle und bückten sich darnach. »Das ist von der Wurst! Von unserer Wurst! Jetzt weiss man, dass du es gewesen bist! Wo hast du die Sachen hingetan? Sag!«

Theodor drückte die Hand vor die Augen.

»Du hast doch nicht etwa alles aufgegessen?« fragte Marianne.

Theodor nickte und fing an zu weinen.

»Alles –?« drangen die Kinder in ihn. »Man kann doch eine Stange Süssholzsaft nicht auf einmal essen!«

»Doch«, schluchzte Theodor und versteckte sein Gesicht schnell wieder hinter dem Ellbogen.

»Und die ganze Wurst –?« fragte Lotti schmerzlich.

»Das ist gemein –!« rief Rudolf. »Dass du's nur weisst, Theodor: du bist ein Dieb!«

»Ja, ein Dieb!« wiederholten die andern und sahen ihn böse an.

Marianne hatte wohl einen Augenblick Mitleid mit Theodor, wie er gar so jämmerlich dastand. Aber Stehlen war doch etwas sehr Hässliches. Und Theodor hatte ja auch sein Ehrenwort gegeben.

In diesem Augenblick kam Mama vom Keller herauf.

»Was habt ihr denn?« fragte sie.

»Mama, er hat alles genommen, was in der Schachtel war! Das ist doch schlecht! Man hatte ausgemacht, dass keines etwas anrühre. Später hätten wir dann einmal ein Festessen gehalten auf der Burg –«

Mama betrachtete den unglückseligen Theodor, dem die Tränen über das Gesicht liefen. Sie hatte von dem neuen Spielkameraden der Kinder gehört und sich vorgenommen, ihn einmal heraufkommen zu lassen.

»Führt ihn in die Stube!« sagte sie nach kurzem Besinnen. »Rudolf und Sylvia, ihr müsst wohl jetzt heim.«

Droben in der hellen Stube fiel es erst recht auf, wie ärmlich Theodor aussah. Seine Kleidung war für das rauhe Herbstwetter viel zu dünn; die zerrissenen Zeugschuhe schienen durchnässt. Und was für ein blasses, mageres Gesicht hatte Theodor!

»Was ist dein Vater?« fragte Frau Turnach den Buben.

»Er ist gestorben, schon lang«, antwortete Theodor.

»Und die Mutter?«

Da fing der kleine Tropf an stärker zu schluchzen und wühlte in der Hosentasche, bis er sein sehr schmutziges Taschentuch erwischte.

Frau Turnach musste dreimal fragen; endlich verstand man, dass Theodors Mutter seit sechs Wochen im Krankenhaus liege, und mit vieler Mühe brachte Frau Turnach aus dem kleinen Sünder weiter heraus, dass jetzt niemand für ihn sorge als eine alte Frau, die im gleichen Hause wohne, aber jeden Tag zum Putzen gehe. Am Morgen hatte er oft nichts zum Frühstück, gestern auch nicht –

»Und da ist dir die Schachtel mit den Esswaren eingefallen?« fragte Frau Turnach.

Theodor schluchzte und warf einen kläglichen Blick auf die drei Kinder. Eine Weile konnte er gar nicht mehr reden; dann erfuhr man, dass er gestern um elf Uhr in den Hausflur geschlichen sei und die Sachen genommen habe. Ulrich sei gekommen; da habe er ihm gesagt, er suche sein Lineal –

Frau Turnach schüttelte den Kopf.

»Und das war gar nicht wahr. Siehst du, zum ersten Schlimmen kommt meist schnell das zweite.«

Theodor sah zerknirscht zu Boden, gewärtig, was für eine Strafe nun über ihn verhängt werde.

»Marianne«, sagte Mama. »Geh in die Küche und lass dir einen Teller Suppe geben.«

Marianne sah Mama überrascht an, brachte dann aber rasch einen vollen Teller Erbsensuppe mit Reis.

»So«, sagte Mama, während sie ein grosses Stück Brot herunterschnitt. »Nachher reden wir noch weiter miteinander. Iss einmal die Suppe!«

Theodor sah mit grossen Augen auf. Was sagte die Frau? Suppe sollte er bekommen, wo er gemeint hatte, es gebe Schläge? So schöne goldgelbe Suppe?

Ein Ausdruck grössten Behagens breitete sich über Theodors verweintes Gesicht, als Frau Turnach ihm den Stuhl zurecht rückte und er darauf den Löffel in die Suppe tauchte. Er vergass alle seine Not und versenkte sich ganz in das Essen.

Mama winkte den Kindern, dass sie vom Tische wegtreten.

»Mama«, fing Hans nach einer Weile flüsternd an. »Du hast aber doch immer gesagt, du findest es sehr unartig, wenn wir heimlich etwas nehmen. Letzthin, als Lotti von dem Eingemachten naschte –«

»Ja, da ist sie tüchtig gezankt worden und hat ohne Abendessen zu Bett gehen müssen. Wenn sie wieder so etwas tut, wird sie noch stärker bestraft.«

Lotti war es unangenehm, dass Hans mit der Geschichte kam. Sie lief sehr bereitwillig, als Mama sie in die Küche schickte, für Theodor ein Stück Fleisch und Gemüse zu holen.

»Aber Mama«, fuhr Hans fort, »was Theodor getan hat, ist doch viel ärger: So ins Haus schleichen und Ulrich anlügen und alles wegstehlen –«

»Hans«, antwortete Mama. »Eigentlich meine ich, es wäre nicht nötig, viel über die Sache zu sprechen. Denk selber nach! Dann siehst du hoffentlich ein, warum man den armen kleinen Burschen nicht so strafen kann. Ist das etwa ein Verdienst, wenn ihr nichts nehmt? Jeden Tag könnt ihr euch an den gedeckten Tisch setzen und sattessen. Dieser Theodor aber hat niemand im Hause, der für ihn sorgt. Er hat vielleicht seit ein paar Wochen nicht mehr so recht gehörig gegessen. Da ist die Schachtel für ihn eine grosse Versuchung gewesen. Er wird schon einsehen, dass er nicht recht getan hat. Wir aber wollen ihm verzeihen, nicht wahr?«

»Ja, Mama, natürlich!« riefen Marianne und Lotti, und Hans stimmte auch ein; er sah jetzt die Sache auf einmal ganz anders an.

Theodor hatte auf das Gespräch nicht acht gegeben. Als er mit seiner Mahlzeit fertig war, stand er auf. Sein Gesicht trübte sich plötzlich. Es fiel ihm wieder ein, dass er ein Dieb sei und jedenfalls doch noch bestraft werden müsse.

Scheu sah er von einem zum andern, als Frau Turnach ihn herrief. Aber sie redete ihm freundlich zu, dass er nie mehr etwas nehme, was ihm nicht gehöre, und sagte, sie werde seine Mutter besuchen und auch sorgen, dass er ordentlich zu essen bekomme.

Theodor horchte und begriff nach und nach, dass es wirklich keine Strafe gebe. Da tat er einen starken Atemzug wie zu einer Anstrengung.

»Ich will's nicht mehr tun!« sagte er laut und sah Frau Turnach ehrlich an.

Frau Turnach gab ihm die Hand.

»Also, du hast mir's versprochen, Theodor. Und jetzt lauf ins Krankenhaus zu deiner Mutter! Um ein Uhr dürfest du sie sehen, hast du gesagt.«

Theodor aber blieb stehen. Er hatte das Bedürfnis, sich mit Hans, Marianne und Lotti auszusöhnen.

»Darf ich doch wieder der Gefangene sein?« fragte er zögernd. »Ich mache es dann ohne Brot und Äpfel«, fügte er hinzu.

»Ja, darüber wollte ich auch noch ein Wort sagen«, wendete Mama sich zu den Kindern. »Was ist das für eine Art zu spielen! Heute morgen erzählte mir Lotti davon. Warum soll Theodor beständig in dem Loche sitzen? Bei so etwas wechselt man doch ab!«

Hans schämte sich sehr. Nun wurde man noch gezankt vor Theodor und musste sich sagen, dass Mama recht hatte.

»Mama«, warf Lotti ein. »Er hat's immer gern getan, weil wir ihm den Nahrungskorb hinunterliessen.«

»Euer Vesperbrot konntet ihr auch so mit ihm teilen. Gewiss hätte Theodor einmal etwas anderes sein wollen als immer nur Gefangener.«

Theodor, der nach und nach zutraulicher wurde, nickte:

»Der Rudolf Lorez hat vorgestern gesagt, wir sollten einen Torwächter haben. Ich wüsste ein Horn. Es gehört der Frau Kroller. Sie gibt mir's manchmal, wenn ich ihr Wasser und Holz trage.«

»Also«, sagte Hans, froh, dass durch das Horn das Gespräch eine Wendung nahm. »Dann bist du der Torwächter und gibst jedesmal ein Zeichen, wenn jemand zur Burg kommt!«

Schon am Nachmittag stellte sich Theodor mit dem Blasinstrument ein. Es war ein altes Posthorn, an dem eine weiss und rote Troddel hing. Wenn man fest hineinblies, gab es gewaltige Töne von sich, die im ganzen Hause widerhallten. Papa und hinter ihm die beiden Herren aus dem Bureau, sowie Ulrich kamen herbei, um zu sehen, was denn los sei.

Mama aber besuchte am nächsten Tage Frau Hahn im Krankenhause und wählte unter dem Schuhwerk der Kinder ein paar feste Stiefel aus für Theodor; auch eine warme Bluse von Hans legte sie dazu. Sie sprach mit Frau Kroller, dass diese besser für Theodors Frühstück und Abendessen sorge. Zum Mittagsmahl kam Theodor nun jeden Tag ins Turnachhaus.

Das beste für ihn war aber, dass seine Mutter bald gesund wurde und selbst wieder zum Rechten sehen konnte.

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