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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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AUF DER FÄHRE

Am nächsten Nachmittag kamen Marianne, Lotti und Trudi schon wieder ins Pfarrhaus gerannt, Edith solle mitkommen, sie gehen alle zum Eschenweiher hinunter.

Der Eschenweiher war ein stilles, langgestrecktes Wasser an der Sägenwiese.

Lehrers Bernhard, Hans und Otto waren nach dem Mittagessen daran vorbeispaziert.

»Schrecklich schmal!« hatte Hans gesagt.

»Aber ziemlich lang!« hatte Bernhard erwidert. »Wenn man von der Bank aus hinuntersieht und den Kopf nicht rechts und links dreht, meint man fast, es sei ein kleiner See.«

Hans wollte Bernhard nicht kränken; sonst hätte er laut herausgelacht. Ein See –! Bernhard hatte jedenfalls in seinem Leben noch nie einen See gesehen. Otto guckte Hans von der Seite an; er wusste wohl, was er dachte.

»Nein, Bernhard, von einem See kann man da nicht reden. Denk nur, wie tief ein See ist! In unserm Eschenweiher geht einem das Wasser höchstens bis daher –« Otto zeigte an seinen Gürtel.

»Da kann man also nicht einmal recht nass werden!« sagte Hans.

»Und dann müssten doch Schiffe da sein!« fuhr Otto fort.

»Im Sommer bin ich einmal auf einem Brett drauf herumgefahren«, erzählte Bernhard.

»Das ist etwas! Auf einem Brett, wo gerade zur Not einer stehen kann!« Hans musste sich Luft machen. »In unserm kleinen Schiff haben sechs Personen Platz. Und in einem ordentlichen Steinschiff etwa dreissig. Und auf einem Dampfschiff – aber natürlich von einem Dampfschiff habt ihr in Larstetten keinen Begriff!«

Bernhard schwieg besiegt, und die Knaben trennten sich bald. Bernhard ging den Eschenweiher entlang bis zur Säge, die seinem Vetter gehörte. Man baute da die Scheune um, und das grosse Tor stand angelehnt an der Mauer. Bernhard kam ein Gedanke.

Er ging auf des Vetters Sohn zu, der da arbeitete.

»Du, Gustav, könnte ich nicht das Tor haben für heut nachmittag?«

»Was willst?« rief Gustav, der meinte, nicht recht gehört zu haben.

»Das Tor.«

»Das Tor? Brauchst du nicht vielleicht noch das Rathausdach und den Kirchturm dazu?«

»Ich meine es im Ernst. Es ist nicht wegen mir, sondern wegen Larstetten –«

Und Bernhard erzählte von dem Gespräch vorhin und was er nun im Sinn habe.

»Ein Schiff soll unser Scheunentor in seinen alten Tagen noch werden –?« sagte Gustav belustigt. »Ja, wenn die Ehre von Larstetten auf dem Spiel steht, so wird es halt sein müssen.«

»Was man nicht erlebt!« sagten die zwei Arbeiter, die zugehört hatten. »Jetzt gibt's aus unserer Säge einen Seehafen!«

Mit vereinten Kräften schafften die drei Männer das Scheunentor auf den Eschenweiher hinaus, nachdem man auf beiden Seiten noch zwei breite Bretter festgenagelt hatte. Denn je mehr Leute Platz hatten, desto besser war es für Larstetten.

Dann rannte Bernhard ins Städtchen hinauf, um Otto und Hans zu holen. Die beiden folgten neugierig. Die Mädchen schlossen sich auch an.

»Es ist natürlich kein Dampfschiff!« sagte Bernhard, als man am Eschenweiher anlangte.

»Famos ist es! Prachtvoll!« schrien Hans und Otto.

Alle sprangen auf das Scheunentor, das breit auf dem Wasser lag. Es schaukelte angenehm und machte kleine Wellen.

»In Larstetten schiffahren!« rief Lotti entzückt.

»Gelt!« sagte Otto. Er war fast so stolz wie Bernhard.

In der Mitte des Schiffes stand ein Schemel, und drei Stangen lagen bereit.

»Das ist nun unsere Fähre«, erklärte Hans, indem er eine der Stangen ergriff.

»Ja!« rief Marianne. »Wir warten am Ufer und rufen ›Hoiho! Hol über!‹ Wir können auch grosse Leute hinüberfahren, wenn sie vom Stampfenweg kommen oder vom Städtchen herab. Die sind gewiss froh. Es ist eine ziemliche Abkürzung.« Hans stemmte die Stange ein und lehnte sich über den Rand des Fahrzeugs hinaus.

»Gib acht, dass du nicht hineinfällst!« warnte Bernhard.

»O«, machte Hans. »Das geht nicht so schnell!« Er legte sich noch etwas weiter hinüber. »Den ganzen Sommer sind wir nicht ins Wasser gefallen, keins von uns.«

Er lenkte das Schiff in gerader Linie über den Weiher. Die Mädchen standen in der Mitte und spähten zum Stampfenweg hinauf und zurück zum Eschensteig. Niemand wollte sich zeigen, den man hätte können die Annehmlichkeit der Fähre geniessen lassen.

Endlich tauchte auf der Stampfenhöhe etwas wie eine Mütze auf.

»Dort kommt einer!«

»Es ist der Polizeidiener! Der Drehbaum!«

Die Mädchen sprangen hinaus.

»Herr Drehbaum, wollen Sie sich nicht hinüberfahren lassen zum Eschensteig?« lud Marianne ein.

»Sie brauchen nicht machen das weite Umweg!« rief Edith.

»Wir tun es umsonst!« fügte Lotti hinzu.

»Aber ich tue es nicht umsonst«, sagte Drehbaum schlecht gelaunt. »Und für Geld auch nicht. Das fehlte mir gerade. Überhaupt – wem gehört das Tor?«

»Dem Vetter in der Säge!« schrie Bernhard. »Der Gustav hat's uns selber auf den Weiher herausgetan.«

»Das war etwas Gescheites!« brummte Drehbaum, indem er sich zum Wege zurückwandte und missbilligend mit seinem Stocke fuchtelte. Im Weitergehen zankte er noch vor sich hin; man hörte etwas von Narreteien und von Verbieten.

Die Kinder sahen ihm nach.

»Sie sind keine besonders nette Polizeimann!« rief Edith.

Der Ärger verging indessen bald. Denn jetzt kam vom Städtchen her langsamen Schrittes mit dem Tragkorb auf dem Rücken die Botenfrau von Rollingen.

»Schnell, Hans! schnell –!« Hans, Otto und Bernhard stachelten mit aller Kraft, um rasch das jenseitige Ufer zu erreichen.

Die Botenfrau blieb erstaunt stehen, als das Fahrzeug auf sie lossteuerte.

»Frau Enzenstein«, riefen sie alle sieben. »Warten Sie, warten Sie! wir fahren Sie hinüber! Sie können sogar sitzen!«

Die Botenfrau trat entsetzt zwei Schritte zurück.

»Ich da drauf –?«

»Es ist ganz fest; sehen Sie –«, ermunterte Lotti und sprang mit beiden Füssen auf und nieder.

»Nein, nein, aufs Wasser bringt man mich nicht, Kinder, nicht mit zehn Pferden! Ich hab das von meinem Grossvater. Der hat einmal nach Amerika auswandern wollen, und wie er in Bremen sich das Wasser ansieht, auf dem er hätte hinüber sollen, fällt er hinein; man hat nie recht erfahren wie. Zwei Schiffleute haben ihn gerade noch am Fuss erwischt. Da hat er genug gehabt und ist wieder nach Larstetten zurück. Seither will keines von uns mit Wasser und Schiffahrt zu tun haben.«

Die Kinder sahen das ein und liessen die Botenfrau ziehen. Neben ihr aber hatte sich ein kleiner, etwa fünfjähriger Bub hingestellt, um sich das grosse Brett auf dem Weiher zu besehen.

»Wo musst du hin, Eduard?« fragte Otto.

»Nach Rollingen in die Mühle.«

»So, dann darfst du mit uns hinüberfahren zum Stampfenweg.«

Der Bub rührte sich nicht. Marianne sprang hinaus, um ihn zu holen.

»Nein!« schrie er jetzt und rannte über die Wiese hinauf.

»Fang ihn, Marianne«, rief Hans, »und bring ihn! Wenn er auf dem Schiff ist, findet er es dann gewiss nett.«

Marianne fasste den kleinen Eduard. Aber der fing an so fürchterlich zu brüllen und sich zu wehren, dass sie ihn wieder losliess. Heulend entfloh er gegen das Städtchen.

»Wie man so dumm sein kann!« sagte Hans und stiess das Schiff hinaus.

Da bewegte sich drüben hinter den Büschen des Stampfenweges wieder etwas.

»Ein Mann!« Man hörte meckern. »Ein Mann mit vier Ziegen – und einem grossen Hund!«

Diesmal kam die ganze Schiffsgesellschaft heran, umringte den Mann – es war Bieland, der manchmal im Doktorgarten arbeitete – und redete auf ihn ein, um ihm die Vorteile der Fähre klarzumachen.

Bieland schüttelte den Kopf.

»Sie tun doch nicht vielleicht dem Wasser fürchten wie der Familie von Frau Enzenstein?« fragte Edith.

»Das nicht gerade. Aber mein besseres Gewand hab ich an, und euere Geschichte da kommt mir etwas wacklig vor. Nein, ich danke.«

»Aber die Ziegen doch? Die Ziegen? Wir möchten so schrecklich gern jemand hinüberführen!« riefen die Buben und Mädchen.

Bieland überlegte und lachte.

»So nehmt sie! Sie können meinetwegen ja zur Abwechslung einmal eine Schiffahrt machen. Da – aber gebt acht!«

Mit Freudengeschrei bemächtigten die Kinder sich der Ziegen. Es war ein schweres Stück Arbeit, sie auf das Schiff zu bringen. Glücklicherweise hatte jede einen Strick um. Der Hund Zangger blieb bei seinem Herrn.

»Vier Ziegen! das ist doch etwa so viel wie zwei Menschen, gelt, Hans!« rief Trudi und versuchte, eine der Ziegen an sich zu ziehen.

Die Tiere aber, besonders als das Schiff nun hinausgestossen wurde, stolperten und drängten sich zusammen. Es gefiel ihnen gar nicht auf dem Wasser; sie hätten viel lieber den Weg um den Eschenweiher herum gemacht; aber es hatte sie niemand gefragt.

Mit sechs oder acht Stössen war das Schiff dem andern Ufer nahe. Hans sah nach einer guten Landungsstelle aus für die Ziegen. Derweil kam der Hund Zangger vom untern Ende des Weihers dahergerannt und stellte sich bellend ans Ufer. War es nun, dass ihn reute, nicht mitgefahren zu sein, oder meinte er, er müsse nach den Ziegen sehen, kurz, er tat einen Sprung und schoss auf das Schiff.

»Ui –!« Das Schiff schwankte heftig. Die Ziegen fuhren erschreckt zurück und stiessen Trudi um. Die andern Kinder wollten sie in die Höhe ziehen –

»Halt!« schrie Hans. »Nicht – nicht alle auf eine Seite –« Er verstummte; denn plötzlich schnappte das Schiff auf, und im Bogen flog Hans in den Weiher. Auf der andern Seite aber rutschte die ganze Gesellschaft in das Wasser, Ziegen und Hund, Buben und Mädchen in einem Knäuel.

»Wetter noch einmal! Was ist denn! –« rief Bieland und eilte zur Stelle des Schiffbruches, von wo ihm ein schreckliches Geschrei, Gebell und Gemecker entgegentönte.

Der erste, der aus dem Wasser kroch, war Bernhard, triefend und schnaubend wie ein Walross. Otto plätscherte mit seiner Stange herum, die er nicht losgelassen hatte. Edith und Marianne wurden, als sie sich auf die Füsse geholfen, von neuem umgeworfen durch die Ziegen, die einfach über sie hinwegstrampelten. Hans war kopfüber ins Wasser gefallen; als er sich aufrichten wollte, hielt ihn Lotti am Ärmel fest, und er musste sehen, wie er samt der zappelnden Schwester ans Land kam. Der Hund Zangger, der eigentlich schuld an allem war, gab sich die grösste Mühe, den Schemel zu retten, als ob das die Hauptsache wäre. Zuletzt zog Bieland trotz seinem »besseren Gewand« noch Trudi heraus, die hart am Ufer im Wasser sass und sich am Bein einer Ziege hielt; die Ziege und Trudi schrien, wie wenn sie am Spiess stäken.

Endlich waren alle sieben Kinder glücklich auf dem Lande. Das Wasser floss in Strömen an ihnen herunter.

»Heul doch nicht so grässlich, Trudi!« sagte Otto, als er so weit war, dass er wieder reden konnte.

»Ich-h-heule nicht«, weinte Trudi. »Aber ich frier-rrr-re.« Sie schlotterte am ganzen Leib.

»Rrr –« zitterten und schnatterten auch die andern. Es war nicht mehr Sommer; das Wasser war kalt gewesen, und es blies ein rauher Wind.

»Hört«, sagte Bieland, »das beste ist, ihr rennt heim, so schnell ihr nur könnt. Und ihr da –« er wandte sich zu seinen Ziegen, die kläglich meckerten, »ihr lauft auch, damit ihr mir nicht den Husten bekommt.«

»Den Husten!« lachte Lotti, so gut es ging neben dem Zähneklappern, und rannte mit den andern den Eschensteig hinauf. Eine lange Wasserstrasse zog sich hinter ihnen durch das ganze Städtchen, und eine kleinere zweigte zum Pfarrhaus ab.

Entsetzt schlug die Tante die Hände zusammen, als die triefenden Kinder ankamen. Wenn sich nun eins erkältet hatte! Und die Kleider –! Sie wusste sich nicht anders zu helfen, als die ganze Mannschaft ins Bett zu schicken.

Erst waren die fünf etwas verdutzt, so unversehens am hellen Tag im Bett zu stecken. Aber dann ging bald durch die offene Tür eine lebhafte Unterhaltung an. Jedes schilderte, auf welche besondere Weise es hineingefallen und wieder herausgekommen war; dann gab man sich Rätsel auf, und als Tante Doktor nach einer Weile hereinkam, rief Otto:

»Mama, ist es zur Strafe oder nur zur Wärme, dass wir ins Bett mussten? Wir finden es nämlich furchtbar lustig!«

Lehrers Bernhard aber war nicht minder vergnügt. Er hatte für gut gefunden, sich zum Trocknen in die Säge zu begeben; seine Mutter verstand in solchen Sachen keinen Spass. Er sass während seine Kleider am Herd hingen, in der Küche der guten Base, eingehüllt in den Winterüberzieher des Vetters.

Da kam Gustav herein:

»Oha –!«

»Ja, wir sind hineingefallen, alle sieben. Und der Hans hat grade vorher erzählt, sie seien den ganzen Sommer nie in ihren See gefallen, in ihren grossen. Und er hat gesagt, im Eschenweiher könne man nicht einmal recht nass werden. Aber du hättest sehen sollen, wie uns das Wasser übers Gesicht und die Haare gelaufen ist, dem Hans auch!«

»So? Mehr kann man nicht verlangen«, sagte der Vetter. »Dann hat also der Eschenweiher seine Sache recht gemacht, und die Ehre von Larstetten wäre gerettet.«

EINE KAFFEEGESELLSCHAFT

Ganz Larstetten bestand bloss aus der langen Hauptgasse und etwa acht oder zehn Nebengassen. Der einen Seite des Städtchens entlang lief eine alte graue Mauer; sie war zerfallen und mit Gras und Holunderbüschen bewachsen. An der Mauer stand ein Turm mit schwerem rotbraunem Dach. Er hiess der Rosenturm. Hier wohnte die Turmsette mit ihrem Raben Peter oben in einer grossen Stube, an deren Fenster vier Kallastöcke mit weissen, tütenförmigen Blüten standen. Die Turmsette bügelte die feine Wäsche für die Leute. Hans, Marianne und Lotti stiegen mit den Doktorskindern oft zur Turmsette hinauf und zu dem Vogel Peter.

Der Vogel Peter gehörte zu der Art der Dohlen, war also ein kleiner, netter Rabe mit schwärzlichem Gefieder, schelmischen runden Augen und einem festen Schnabel. Sprechen konnte der Peter nicht. Man habe es ihm nicht gelehrt, wie er jung gewesen sei, erklärte die Turmsette. Er sagte bloss »Kräh!« oder »Kräkräh!« Die Turmsette und der Rabe verstanden sich aber doch sehr gut.

»Kräh!« rief Peter begrüssend, als die fünf Kinder eintraten, und ging ihnen höflich entgegen.

Die Turmsette stand an ihrem Bügelbrett und gab eben einer blendend weissen Hemdenbrust den letzten Druck. Dann sah sie nach dem Feuer des kleinen Ofens, aus dem die rote Glut herausstrahlte. Der Rabe schlug aufgeregt mit den Flügeln und hüpfte ein paar Schritte zurück. Er war früher einmal mit dem Fuss auf eine brennende Kohle geraten.

»Kochen Sie jetzt zu Mittag?« fragte Trudi die Turmsette.

Bei der Bereitung des Essens zeigte sich Peter nämlich im vollen Lichte seiner Klugheit.

Grade begann es elf Uhr zu läuten. Peter eilte mit freudigem Gekrächz auf die Turmsette zu.

»Nun sagt er, es sei Zeit zum Kochen!« riefen die Kinder. »Wie gescheit er ist –!«

In der Küche standen die geschnittenen Kartoffeln schon bereit. Peter stellte sich auf den Tisch und verfolgte mit Aufmerksamkeit, wie sie in die heisse Butter kamen und da zu zischen begannen. Dann aber, als sie allmählig gelb wurden, kam er mit einem schnellen Hupf zur Pfanne und erhaschte eine Kartoffelscheibe. Aber er verschluckte sie nicht, sondern flatterte damit zum offenen Fenster und legte sie neben das Schnittlauchglas. Dann kehrte er zurück, um ein neues Stück zu holen. Die Turmsette drohte mit dem Schäufelchen; aber Peter blinzelte mit seinen schelmischen Augen. Das hiess:

»Ach was! du meinst es doch nicht ernst!«

Auf dem Gesimse entstand eine Reihe von Kartoffelstücken. Und wie nun anzunehmen war, dass das erste erkaltet sei, machte sich der kluge Peter unter vergnügtem Krächzen daran, es zu verzehren.

Das war so possierlich, dass es sich wohl lohnte, gegen elf Uhr die fünf Treppen zur Turmsette hinaufzusteigen.

Ein wenig musste man den Peter necken. Als er am dritten Stück war, nahm ihm Otto rasch das fünfte weg. Peter wendete sich mit einem Satze und wiegte den Kopf hin und her:

»Gibst du es wieder oder nicht –?«

Aber Otto steckte es in den Mund. Da wurde Peter sehr zornig. Er zankte: »Kräh, kräh!« und ging mit dem Schnabel auf Otto los, der lachend in die Ofenecke flüchtete.

»Er wird doch auch mitkommen morgen?« rief Lotti entzückt.

»Wohin?« fragte die Turmsette.

»Ja, das hätten wir fast vergessen«, sagten die Kinder. »Wir sollen Sie einladen zu Frau Schnezler; sie gibt eine Kaffeegesellschaft.«

»Eine Kaffeegesellschaft?«

»Ja, morgen um drei Uhr. Und also der Peter auch! Auf Wiedersehen, Peter!« Die Kinder stiegen polternd die Treppe hinunter.

Die Turmsette blieb kopfschüttelnd an der Türe stehen: Eine Kaffeegesellschaft –? Was fällt ihr denn ein!

Es war auch der Frau Schnezler gar nicht eingefallen. Diese Kaffeegesellschaft war das Werk der übermütigen Edith.

Frau Schnezler wohnte in einem netten kleinen Hause am andern Ende des Städtchens und nähte Weisszeug. Edith hatte zweimal in der Woche bei ihr Unterricht; denn im Handarbeiten war es bei dem Mädchen jämmerlich bestellt, sagte Frau Pfarrer. Wenn Edith bei Frau Schnezler sass und sich in Saum- und Steppstichen übte, so plauderte sie gern.

»Es ist viel zu still in Ihrer Stube, Frau Schnezler«, sagte sie eines Nachmittags. »Sie müssen haben eine Hund oder Katze.«

»Nimm den Faden nicht so lang!« mahnte Frau Schnezler. »Behüte, nein, so ein Tier, das immer fressen will und meine Sachen herunterwirft.«

»Oder Sie können geben einigen Mal Gesellschaft«, schlug Edith vor. »Sie müssen einladen die Turmsette mit ihres fröhliche Vogel oder die Kinder von Doktorhaus.«

»Was denkst du! Das ist etwas für reiche Leute, nicht für mich!«

»Ich glauben, Sie gar nicht sind arm, Frau Schnezler. Sie haben eine hübsche Sofa und viele Tassen in Ihre Schrank und zwei Zuckerbüchs. Damit Sie können sehr gut geben eine Gesellschaft. Sie nur müssen kochen Kaffee und holen viel Kuchen.«

»Lass jetzt die Geschichten und gib acht auf deinen Saum!« sagte Frau Schnezler. »Nein, was sind das für Stiche – greulich!« Sie nahm Edith die Arbeit aus der Hand und begann aufzutrennen.

Edith aber setzte sich in den Kopf, Frau Schnezler solle einmal eine Kaffeegesellschaft geben. Man musste ihr nur die Leute einladen; dann würde sie schon sehen, wie nett das sei. So bestellte sie denn die Turnach- und Doktorskinder auf Dienstag zu Frau Schnezler und trug ihnen auf, auch die Turmsette einzuladen. Tante Doktor wunderte sich über die Einladung; aber die Kinder waren sehr dafür, sie anzunehmen. Bei einer Kaffeegesellschaft gab es doch immer etwas Gutes, und dann kamen der Peter und die Edith.

Punkt drei Uhr läuteten die Kinder bei Frau Schnezler an.

»Ei«, sagte diese, »was kommt denn da für Besuch? Habt ihr die Schuhe abgestreift?«

»Einen freundlichen Gruss von Mama«, sagte Otto, »und sie sei so frei und schicke uns.«

»Schön«, versetzte Frau Schnezler. »Man putzt wohl bei euch heut und kann euch drum nicht brauchen?«

»Nein«, antwortete Trudi. »Wir putzen erst nächste Woche.«

»Nun, setzt euch jedenfalls ein wenig!« sagte Frau Schnezler und rückte Stühle zurecht.

Die Kinder fanden die Rede sonderbar, wo sie doch zum Kaffee eingeladen waren. Sie setzten sich und sahen einander an. Da überkam sie auf einmal, ohne dass sie recht wussten, warum, ein Lachen. Bei Trudi und Lotti begann es. Sie zogen die Achseln herauf und drehten sich gegen die Wand. Aber je mehr sie sich wehrten, desto stärker kam das Lachen. Natürlich wurden die andern angesteckt. Es war schrecklich. Man konnte gar nicht mehr aufsehen. Hans und Otto drückten die Faust an den Mund; doch das half nichts; immer wieder ging es los:

»Dh – dh –!« Marianne wurde rot vor Anstrengung, und es wäre ihr fast gelungen, aufzuhören, wenn nicht Lotti gegenüber solche Grimassen gemacht hätte.

Frau Schnezler nahm einen Stoss fertig genähter Bettanzüge vom Tisch.

»Ja, ja«, sagte sie. »Wenn man jung ist und es einem gut geht, kann man wohl lachen.«

»Dhi – dhi –« kicherte es wieder von links und rechts.

»Übrigens weiss ich nicht, was euch hier so lächerlich dünkt«, fuhr Frau Schnezler fort.

Die Kinder merkten, dass sie das Lachen nicht sehr nett fand. Aber was konnte man tun? Es wurde immer ärger.

Endlich kam Rettung. Es läutete wieder, und die Turmsette trat herein.

»Guten Nachmittag, Sette«, sagte Frau Schnezler erstaunt. »Sieht man dich auch wieder einmal?«

Die Turmsette hatte am Arm eine Tasche, aus welcher Peter seinen Schnabel herausstreckte.

»Wenn du erlaubst – ich habe den mitgebracht«, sagte sie und zog den Vogel aus der Tasche.

Die Kinder liefen alle fünf auf den Peter zu. Jetzt konnte man endlich loslachen! Sie nahmen den Vogel zum Fenster und trieben, während die beiden Frauen auf dem Sofa zu plaudern anfingen, ihre Spässe mit ihm. Sie setzten ihm das rote Türkenkäppchen von Frau Schnezlers Lampenzylinder auf und banden es fest. Peter schüttelte den Kopf, so dass die Trottel hin- und herflog. Sie zeigten ihm einen Fingerhut – Peter liebte alles Glänzende – und versteckten diesen dann, damit der Vogel suche.

So vergassen sie fast, dass sie zum Kaffee eingeladen waren. Nur einmal sagte Otto, indem er mit der Nase schnupperte:

»Ich will sehen, wann es eigentlich angeht. Man riecht gar nichts.«

Die Turmsette schien dasselbe zu denken. Sie sah an die Wanduhr:

»Schon zwanzig Minuten vor vier Uhr!«

»Ja, eher etwas mehr«, sagte Frau Schnezler und dachte, die Turmsette gehe nun wieder und nehme die Kinder vielleicht mit.

»Es ist nur wegen dem Kaffee«, fuhr die Turmsette fort. »Ich kann ja mit dir in die Küche gehen und dir ein wenig helfen.«

Frau Schnezler sah sie verwundert an.

»Mein Kaffee? Der ist nachher schnell gemacht.«

»Schnell gemacht? Ein Kaffee und was dazu gehört für sieben Personen? Das ist keine Kleinigkeit. Ich war wirklich erstaunt über die Einladung. Respekt vor dir!«

Frau Schnezler sah ganz verständnislos drein.

»Was sagst du, Sette –? Ich eine Einladung? Eine Kaffeegesellschaft?«

»Treib jetzt keine Spässe, sondern mach vorwärts! Die Kinder möchten gewiss schon lange gern etwas haben.«

Frau Schnezler sank entsetzt in ihr Sofa zurück.

»Du wirst doch nicht sagen wollen, ich habe dich – ich habe die Kinder eingeladen –!«

Nun wurde die Turmsette böse.

»Kommt daher, Otto und ihr andern – sind wir zu Frau Schnezler eingeladen oder nicht –?«

»Ja«, meldete Otto, »auf heute punkt drei Uhr zum Kaffee, hat Edith gesagt.«

»Edith –? diese Edith –? Es – es ist kein Wort wahr – kein Wort! Das ist ja ein grässliches Kind –«

Vor Empörung konnte Frau Schnezler nicht weiter sprechen. Die Turmsette und die Kinder waren ebenfalls starr und stumm. Nur der Rabe Peter sagte: »Kräh!« aber weiter wusste er auch nichts.

Da läutete die Hausglocke.

»Vielleicht noch ein paar Kaffeegäste?« sagte Frau Schnezler grimmig.

Als sie jedoch aufmachte, erblickte man den Albert vom Obertorbäcker mit einem Brett, auf dem ein gewaltiger goldbrauner Butterkranz lag. Die Butterkränze vom Obertorbäcker waren berühmt. Am Arm trug Albert einen Korb voll weissgezuckerter Rosinen- und Mandelstengel. Im Nu war Frau Schnezlers Gang und Stube von dem herrlichen Duft durchzogen, den Otto vorhin vermisst hatte.

Frau Schnezler aber streckte abwehrend die Hand aus.

»Was willst denn du? Du bist nicht am rechten Ort. Ich habe keinen Butterkranz bestellt – behüte!«

»O weh!« dachten die Kinder. »Den schönen Butterkranz und die Stengel wieder fortschicken –!«

»Der Vater hat gesagt, das gehöre zur Frau Schnezler«, entgegnete Albert und blieb hartnäckig stehen.

»Ja, ja, dieses Knabe ist an den rechte Ort!« rief jetzt eine helle Stimme, und durch die offene Haustüre trat Edith herein.

»So, da kommt sie noch selber, das unartige, naseweise Kind!« sagte Frau Schnezler. »Wart nur, das will ich deiner Tante erzählen –! Einer rechtschaffenen Frau so etwas anzustellen –!«

»Nicht bös sein, Frau Schnezler! Jetzt der Anfang von Gesellschaft ist gemacht. Alle sind da, Frau Turmsette und die Kinder und das Vogel –«

Aber Frau Schnezler schüttelte mit der Hand.

»Mach dass du gehst! Ich will dich gar nicht mehr sehen! Und die Kinder können grade mit. Und du, Sette, wirst ja wohl so viel Vernunft haben –«

»Hör«, sagte die Turmsette. »Es wäre am besten, du nähmest selber Vernunft an. Der Butterkranz und die Stengel sind jetzt einmal da – ich weiss zwar nicht, wie sie herkamen –«

»Habe ich bestellt und bezahlt von meines neue Taschengeld«, erklärte Edith.

»Siehst du«, nahm Sette wieder das Wort, »nun wird es dir schon wohler. Komm, wir werden doch einen Kaffee zu stand bringen. Die Kinder helfen.«

»Ja, ja, wir helfen!« riefen die Kinder.

Frau Schnezler sagte nichts. Ihr Zorn hatte sich noch nicht ganz gelegt; aber sie folgte der Turmsette in die Küche.

»Zucker und Kaffee hast du gewiss«, fuhr die Turmsette fort. »Die Milch übernehme ich, damit ich auch meinen Teil habe an dieser merkwürdigen Gesellschaft. Trudi und Edith geht hinüber in den Hirschen. Dort haben sie immer Milch.«

Trudi und Edith liefen mit zwei grossen Töpfen. Hans und Otto mahlten Kaffee, dass die Bohnen flogen. Marianne deckte mit Lotti den Tisch. Es ging, wie wenn die Heinzelmännchen lebendig geworden wären im Haus, und nach kurzer Zeit sass gross und klein beim Kaffee. Der Rabe Peter thronte auf Turmsettes Schulter; er bekam von links und rechts Kuchenbrocken und krähte vergnügt mit, wenn die Kinder, die durch die Verwirrung noch übermütiger geworden, lachten und durcheinander schwatzten.

»Jetzt machen wir Spiele!« rief Lotti, nachdem alle dem Kaffee, dem Butterkranz und den Stengeln gehörig zugesprochen hatten.

»Ja, Kinder! und wir sehen zu«, sagte die Turmsette.

Aber bald wurden die beiden Frauen mit hineingezogen; denn es stellte sich heraus, dass die Spiele der Kinder dieselben waren, die man schon vor vierzig Jahren in Larstetten gespielt hatte: Das Tellerspiel, das Kompliment- und das Handwerkerspiel; dann »Wie gefällt dir dein Nachbar?« und »Alle Apothekerbüchsen rühren sich!« Es ging sehr laut und lustig zu in Frau Schnezlers sonst so stiller Stube. Der Rabe, der zuerst munter um den rollenden Teller und zwischen den Komplimenten der Kinder herumgehüpft war, flüchtete auf die Kommode und sah erstaunt auf das Treiben hinunter.

Als schöner Schluss kam noch das Nachtwächterspiel. Alle setzten sich auf die in eine Reihe gestellten Stühle; die Lampe wurde ausgelöscht, und Hans ging mit einer Kappe des verstorbenen Herrn Schnezler, einem Laternchen und einem Stock ringsum, indem er mit lauter Stimme verkündete:

»Seht die Nachtwach kommt heran
Mit einem langen Stocke.

Haltet fest und haltet fest,
Haltet fest am Rocke!«

Die Person, vor der er dreimal mit dem Stocke klopfte, musste hinter ihm herziehen durch den Hausgang oder die Küche. Es war sehr spannend, wenn der Nachtwächter alsbald wieder erschien, um eines zu holen. Je mehr der Schwanz wuchs, desto grösser wurde die Wanderung. Es ging zum Dachboden hinauf und durch das nächtliche Gärtchen, und schliesslich, als die ganze Gesellschaft anhing, hinaus in die Seilergasse.

»Kinder, Kinder«, wehrte die Turmsette. »Das geht nicht. Was werden sie im Städtchen sagen!«

»Nicht loslassen!« riefen aber die Kinder. »Bitte, nur durch die Seilergasse! Das ist grad das Netteste!«

Sie trieben und zogen und fuhren im Chore fort:

»Haltet fest und haltet fest,
Haltet fest am Rocke!«

»Wie das doch in letzter Zeit bei uns zugeht!« sagten die Nachbarn, als die Nachtwache beim Schein des Laternchens daherkam. »Kürzlich der Zusammenlauf an dem Lebkuchenstand, dann bei Doktors das Theater, und die Geschichte mit dem Scheunentor auf dem Eschenweiher. Und jetzt noch ein Umzug – nein, die Turmsette –! Seid ihr beide nicht bei Trost?«

»Doch, doch! wir machen ein Spiel. Die Frau Schnezler hat eine Einladung gegeben.«

»Potz!« sagten die Nachbarn.

Wieder vor dem Hause angelangt, trennte man sich. Die übermütige Edith schüttelte ihrer Nählehrerin die Hand.

»Nun Sie sehen, Frau Schnezler, dass ich habe gesagt wahr, Kaffeegesellschaft ist eine sehr hübsche Sache!«

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