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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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EINE THEATERVORSTELLUNG

Nach dem Jahrmarkt wurde das Wetter schlecht. Der Wind trieb einen Regenguss um den andern daher. In der Hauptgasse von Larstetten, wo am Freitag solch ein Getümmel geherrscht hatte, war es jetzt still und leer. Drinnen im Doktorhaus ging es um so lebhafter zu.

Die Kinder standen alle in dem weiten, weiss getünchten Hausgang an dem alten Guckkasten, den schon Tante Doktor und Mama Turnach besessen hatten, als sie klein waren. Wenn man vorn durch das runde Glas sah, so erschienen die Bilder, die man hineinstellte, stark vergrössert. Es waren prächtige Sachen da: Eine Eisbärenjagd mit glutroter Mitternachtssonne; der Turmbau von Babel; eine Überschwemmung, bei der das Meer über einen Damm hereinstürzte; ein Negertanz; ein feuerspeiender Berg; Attila, der furchtbare Hunnenkönig mit seinen Reiterscharen dahersausend, und viel andere gewaltige Dinge.

»Halt, Hans! Noch einmal den Wald mit den Elefanten –! Nein, die Jungfrau von Orleans –!« Jedes der Kinder wollte selbst ein Bild hineinstecken.

»Bitte, meine Herrschaften«, rief Hans mit schnarrender Stimme, »immer der Reihe nach –«

»Ja«, lachte Lotti, »grade so hat gestern der Herr mit den goldenen Borten geredet vor der Bude, wo wir nicht haben hinein dürfen. Wenn ich gross bin, gehe ich der Reihe nach in alle Schaubuden. Hans, gib doch den Negertanz her!«

Aber Hans legte das Blatt weg. Er überlegte etwas.

»Hört«, sagte er. »Wir könnten eigentlich selber eine Bude einrichten da mit dem Guckkasten! Natürlich kostet es Eintrittsgeld –«

»Ja«, rief Otto. »Wir machen eine Kasse! Ein Tischchen mit einem roten Tuch und einem Teller –«

»Aber, Hans, Eintrittsgeld und dann bloss den Guckkasten!« wandte Marianne ein.

»Wir hätten ja noch das Lebensrad!« schlug Otto vor. »Trudi, hol das Lebensrad!«

Trudi brachte das Lebensrad. Es sah aus wie eine runde Pappschachtel ohne Deckel, die sich auf einem Gestell drehte; sie besass viele Einschnitte zum Hineinsehen. Die Bilder da drinnen vergrösserten sich nicht; aber was noch merkwürdiger war, sie fingen an, sich zu bewegen, wenn man rasch drehte, und trieben allerlei komisches Zeug: Ein Mann warf grüne Kugeln auf und fing sie wieder; ein kleines Mädchen sprang Seil; ein Schuster wollte seinem Lehrbuben eine Ohrfeige geben; aber jedesmal, wenn er ausholte, bog der Bub den Kopf weg; es war sehr spasshaft. Ebenso ein Pudel, dem eine Brummfliege um die Nase summte. Er tat einen Schnapp – und die Fliege flog davon.

Also hatte man schon die zweite Nummer für die Aufführung. Aber in Hansens Sinn wurde die Sache immer grossartiger.

»Otto, du hast doch einmal so Taschenspielerkünste gehabt!«

»Das Zauber-Ei meinst du und die Schnur, die man zerschneidet und mit dem Spruch wieder ganz macht? Und die geheimnisvollen Münzen, die bald in der kleinen und bald in der grossen Büchse sind –«

Otto lief die Treppe hinauf; die andern folgten ihm. Glücklich fanden sich die Sachen. Der Zauber-Eierbecher hatte verschiedene ineinander steckende Deckel. Wenn man die Sache rasch und gut machte, so konnte man das weisse Ei in ein rotes verwandeln, dann in ein blaues, und schliesslich das ganze Ei verschwinden lassen.

»Das wären also drei Zauberkünste«, sagte Hans.

»Otto – und die sterbenden Schweinchen!« rief Marianne. »Nimm die sterbenden Schweinchen dazu!«

Otto hatte die sterbenden Schweinchen vor kurzem von einem Freunde seines Papas geschenkt bekommen.

»Du hast sie doch noch keinem gezeigt?« fragte Hans.

Nein, zum Glück waren die sterbenden Schweinchen etwas durchaus Neues für Larstetten.

Otto sah in der halbdunkeln Kammer umher, ob sich vielleicht noch etwas finde. In den Ecken standen allerlei Kisten und altes Spielzeug, ein Schaukelpferd ohne Kopf, auf dem Lotti und Trudi zu reiten begannen.

»Was ist da drin, Otto?«, fragte Marianne und zog eine grosse Schachtel hervor.

»Ach, das ist ein Theater – Papas Theater, wie er noch ein Bub war.«

»Ein Theater –?« rief Hans. »Und das sagst du einem erst jetzt!«

»Es ist ja gar nichts Rechtes mehr da«, antwortete Otto und machte auf.

Man sah einige Drähte mit abgerissenen Köpfen und verschiedene Kartonstücke, auf denen man Teile eines gemalten Waldes und einer Säulenhalle erkennen konnte.

»Das waren die Kulissen«, erklärte Otto. »Papa hatte mehr als zwanzig Puppen; aber später sind seine kleinen Vettern darüber gekommen.«

Hans hatte indessen unter den Trümmern zwei noch ziemlich guterhaltene Figuren entdeckt. Die eine stellte einen Hirtenjüngling dar mit blonden Locken, die andere einen ältern Mann in braunem Rock und grauen Strümpfen.

Hans betrachtete die zwei Drahtpuppen um und um. Dann sah er auf.

»Ich will euch etwas sagen! Mit den zweien da können wir ein feines Stück aufführen!«

»O!« riefen Otto und Marianne.

»Ja, wir führen Siegfrieds Kampf mit dem Drachen auf! Onkel Alfred hat das auf dem Theater gesehen. Er hat mir alles erzählt. Der da –« Hans deutete auf die Figur mit den Locken, »der da ist Siegfried, und der –« Hans nahm den Mann im bräunen Rock und knickte ihn zusammen.

»Au! Du zerbrichst ihn ja!« schrien Otto und Marianne.

»Nein, ich richte ihn zu einem Zwerg her. Jetzt brauchen wir nur noch einen Drachen, eine Höhle, Goldschätze und einen Wald.«

»Zu was brauchst du einen Drachen?« fragte Trudi und stieg von ihrem Schaukelpferd herunter.

»Ach, Trudi, du wirst wohl keinen haben«, sagte Hans etwas geringschätzig.

Aber Trudi zeigte sich wider Erwarten von grossem Nutzen.

»Mama hat einen Drachen in einem Buch. Er hat einen grünen geringelten Schwanz, und aus dem Maule haucht er Feuer –«

Zu fünft ging's hinunter ins Wohnzimmer, wo Tante Doktor nähte.

»Mama! Tante! wir sollten einen Drachen haben! Bitte zeig uns das alte Buch mit dem Drachen!«

Die Tante vernahm, was im Plane war, und holte das Buch, in welchem die Kinder das Ungeheuer alsbald fanden.

»Mama«, rief Otto. »Wenn wir doch den Drachen herausschneiden dürften! Das Buch ist ja schon ein wenig zerrissen.«

»Ja, Tante!« bettelte Lotti. »Es wäre doch nett für den Drachen, wenn er mitmachen dürfte!«

Da lachte die Tante:

»Also, Lotti; er soll mitmachen!« Und sie gab Marianne das Blatt, dass sie den Drachen für die Vorstellung herrichte Er wurde auf steifes Papier geklebt, ausgeschnitten und auf der Rückseite bemalt, damit er da ebenso natürlich aussehe wie vorn. Dann versah ihn Hans mit einer Holzleiste und einem Draht. Siegfried erhielt ein Fell über die Schulter aus einem Stückchen Katzenpelz; Tantes Trennmesserchen bildete sein Schwert. Es gab alle Hände voll zu tun. Als Goldschätze konnten einige Vorhangringe, ein Messingkettchen und ein Schlüsselschildchen dienen.

Jetzt der Wald. Hans und Otto schleppten Geranien- und Laurusstöcke und ein Gummibäumchen herbei und stellten sie in Form eines Hufeisens auf eine breite Kiste in den Hausgang. Dann wurden Brettchen zurechtgesägt und über die Topfränder gelegt. Das gab den Boden für die Drahtpuppen und den Drachen. Es sah sehr hübsch aus, wie ein freier Platz unter Bäumen.

»Zur Drachenhöhle nehmen wir ein paar Tuffsteine aus dem Garten«, ordnete Hans an und setzte sich dann in eine Ecke, um die Gespräche aufzuschreiben, die Siegfried, der Zwerg und der Drache halten sollten. Das war auch noch ein Stück Arbeit.

»Wir müssen tüchtig einüben«, sagte Hans. »Während man spricht, rückt man die Figur immer ein wenig hin und her, wie wenn sie sich bewegte. Ich nehme den Siegfried, Marianne hat den Zwerg –«

»Wenn ich ihn nur kann!« sagte Marianne.

»Vielleicht kann ich ihn?« schlug Lotti vor.

»Nein, Lotti, dazu passest du nicht!« erwiderte Hans. »Du darfst die Dame an der Kasse sein.«

»Und ich?« fragte nun auch Trudi.

»Du ziehst die Billette ein an der Türe. Otto, du nimmst natürlich den Drachen.«

»Ja, ich muss aber auch noch meine Zauberkünste probieren.«

In diesem Augenblicke trat Edith zur Haustüre herein mit einem Korb Birnen aus dem Pfarrgarten. Mit grossem Interesse vernahm sie, was im Tun war, und besichtigte die Figuren, besonders den Drachen.

»O, ich weiss«, rief sie. »Das ist ein europäische wilde Tier, welchen es nicht gibt! Otto, lass mich das Drache spielen!«

Otto willigte ein; Hans war etwas bedenklich.

»Du musst aber ganz ohne Fehler sprechen und sehr ernst!« sagte er. »Es ist nämlich kein Stück zum Lachen.«

»Ich werde lern, bis ich kann, und ich will so ein ernste Drache machen, dass alle werden zitter!« versprach Edith und lief dann schnell zurück, um dem Onkel Pfarrer zu sagen, dass sie heute eine Deutschstunde im Doktorhaus habe.

Lotti und Trudi wurden indessen ausgeschickt, um den Freunden und Freundinnen im Städtchen die Vorstellung anzukündigen.

An die Haustüre aber befestigte man einen grossen Zettel, auf dem folgendes geschrieben stand:

Theatervorstellung.

1. Der Guckkasten mit elf Bildern aus verschiedenen Ländern und Völkern.

2. Das Lebensrad, wo sich alles bewegt.

3. Der wunderbare Eierbecher, die Zauberschnur, die geheimnisvollen Münzen und die sterbenden Schweinchen.

4. Siegfrieds Kampf mit dem Drachen. (Es kommt ein Zwerg vor; der Drache und der Zwerg werden umgebracht.)

Beginn um drei Uhr. Erster Platz zehn Rappen, zweiter Platz fünf Rappen.

Es war kein Wunder, dass auf diese verlockende Anzeige hin eine Menge Kinder sich gegen drei Uhr im Doktorhaus einfanden. Lotti sass an der Türe und verkaufte mit wichtigem Gesicht die Billette. Der zweite Platz wurde stark bevorzugt. Spenglers Klara brachte zwar einen Zehner, aber zugleich drei kleine Geschwister und sagte, die Mutter lasse grüssen, und für zehn Rappen werden wohl vier zusehen dürfen. Einige hatten nur einen Zweier, und Felix Scharrelbach kam mit einer Tüte voll Sonnenblumenkörner und behauptete, die seien gut einen Fünfer wert.

Die grosse Zuschauerzahl machte allerdings einige Schwierigkeiten, als die Vorstellung mit dem Guckkasten eröffnet wurde. Hans rief umsonst:

»Bitte, meine Herrschaften, immer der Reihe nach!«

Alles drückte herzu, und die Hintern schrien, sie sehen nichts. Als jedoch Hans mit lauter Stimme die Bilder zu erklären begann, horchte man gespannt zu, und wer vorn keinen Platz fand, guckte von der Seite hinein.

Auch das Lebensrad mit dem bösen Schuster und der Brummfliege gefiel sehr.

Dann erschien Otto als Zauberer; er hatte eine spitze gelbe Mütze auf und einen schwarzen Mantel um. Er machte seine Künste geschickt. Nur als er das rote Ei unter »Hokus pokus tamalachtuggtugg« in ein blaues verwandeln wollte, kam es noch einmal rot zum Vorschein.

»Oha!« rief Felix Scharrelbach. »Das könnte ich auch!«

Als aber Hans einen drohenden Blick hinüberwarf und Klara, die ein handfestes Mädchen war, dem vorlauten Felix einen Puff gab, schwieg er, umsomehr, als Otto ihm das jetzt blaue Ei unter die Nase hielt.

Am meisten Beifall fanden Ottos Schweinchen. Dick und vergnügt standen sie da mit ihren langen Ohren und RingelSchwänzchen. Aber ihr Wohlbefinden dauerte nur kurz. Unter kläglichem Geschrei magerten sie zusehends ab; das Schwänzchen senkte sich trübselig; sie schrumpften ganz ein, sanken zusammen, erst das eine, dann die zwei andern und legten mit einem letzten Quiek den Kopf auf den Boden. Als Otto sie aufhob, bestanden sie nur noch aus Haut, Ohren und Schwanz.

»Noch einmal, noch einmal!« riefen die Kinder.

Immer wieder musste Otto die Schweinchen rund werden und sterben lassen.

Dann kam die Pause. Die Zuschauer wurden aufgefordert, in der Holzkammer zu warten, wo Otto sie einsperrte. Als er sie nach einer Weile herausholte, war das vorgespannte Leintuch im hintern Teil des Hausganges weggenommen, und man erblickte das Puppentheater. Links auf der Bühne neben dem zweiten Geranienbusch stand Siegfried, sein Tierfell über den Schultern; neben ihm war im braunen Kittel der bucklige Zwerg zu sehen.

Still vor Erwartung nahm das Publikum auf den bereitgestellten Bänken und Stühlen Platz. In der Höhe quer über dem Walde und zu beiden Seiten waren Vorhänge angebracht. Dahinter hörte man leise flüstern; das machte die Sache noch geheimnisvoller.

»Zwerg!« begann jetzt Siegfried laut. »Du hast gesagt, du wollest mich das Fürchten lehren!« Hans, rückte, während er sprach, den Siegfried am Drahte gegen die Mitte vor.

Der Zwerg rutschte an Siegfrieds Seite und fragte ihn, ob er sich denn wirklich noch nie gefürchtet habe im dunkeln Wald, wo die reissenden Tiere herumschleichen. Marianne, die für den Zwerg sprach, nahm eine sehr hohe Stimme an, wie es zu der kleinen Gestalt passte. Siegfried aber lachte:

»Hahaha! Die wilden Tiere! Erst gestern habe ich einen Bären bezwungen und ihn festgebunden, so dass er mir nachfolgen musste wie ein Hündchen!«

»Siegfried«, erwiderte der Zwerg, »wenn du so tapfer bist, so suche doch den Drachen auf, der hier haust, und erschlage ihn! Dann wärst du der grösste Held der Welt und würdest die Schätze gewinnen, die er bewacht.«

Der Zwerg beschrieb dem Siegfried die Pracht der Goldgeschmeide.

»Dort hinten wohnt er in der Felsenhöhle. Ich muss jetzt gehen. Lebe wohl.«

Arglistig kichernd zog sich der Zwerg gegen die Laurusstöcke zurück, indem er leise für sich sagte:

»Wenn es nur so käme, dass sie sich beide umbrächten, dann würde ich der Besitzer des Schatzes werden!«

Damit verschwand er.

Siegfried aber eilte kampflustig der Felshöhle zu, die unter dem Gummibaum sichtbar war. Da begegnete ihm etwas Fatales: Er verfing sich in einem Zweige und fiel der Länge nach hin.

»Hoppla!« rief Felix Scharrelbach. »So geht's, wenn man nicht acht gibt!«

»Still!« riefen die andern, die in höchster Spannung auf den Kampf mit dem Drachen warteten.

»He, man wird wohl noch etwas sagen dürfen!«

»Nein! Still! wenn's jetzt grad so schön wird!«

Felix bekam von links und rechts Püffe und Vorwürfe.

Siegfried hatte sich rasch wieder erhoben und versuchte, weiterzusprechen. Doch der Tumult unter den Zuschauern wuchs. Felix setzte sich lärmend zur Wehr:

»Mach du, dass du aufhörst!« schrie er seinem Nachbarn zu.

»Hör du zuerst auf! Du, mit deinen Sonnenblumenkernen!«

»Und du mit deinem Zweier –«

Felix stiess an die Bank, so dass die Spenglerkinder fast herunterfielen und zu weinen begannen. Es gab ein allgemeines Geschrei und Gepolter.

Hans, Otto und Marianne waren empört. Hans liess den Siegfried neben dem Gummibaum stehen und trat hervor.

»Wenn ihr nicht sogleich Ruhe gebt, so hören wir ganz auf und jagen euch alle fort!«

»Man braucht bloss den Felix hinauszutun, Hans!« rief Lehrers Bernhard. »Sollen wir –?« Ein halbes Dutzend Hände packten bereitwillig an.

Das half denn doch. Felix setzte sich und knurrte bloss noch ein wenig. Nach verschiedenen Ssst –! Ssst –! wurde es ruhig, und alle Augen wandten sich wieder dem Theater zu, wo das Schauspiel nun seinen Fortgang nahm.

Siegfried stand furchtlos unter dem Baume; aber in der Drachenhöhle begann es sich zu regen, und plötzlich ertönte von ihr her ein furchtbares Gähnen:

»U-ah!«

Edith hatte das zuhause besonders geübt; denn Hans hatte gesagt, es gehöre dazu. Es klang ungemein natürlich. Bernhards kleiner Bruder wurde sogar angesteckt und gähnte laut nach, was man aber weiter nicht beachtete; denn jetzt streckte der Drache den Kopf zwischen den Steinen hervor.

Siegfried näherte sich und rief:

»Was ist denn das für ein seltsames Tier?«

»Komm nur her!« antwortete der Drache. Edith machte ihre Sache sehr gut. Sie sprach mit einer so unheimlich dumpfen Stimme, dass die Spenglerskinder näher an die Schwester hinrückten und mit ängstlichen Augen guckten, was nun begegne.

»Komm nur her, damit ich dich verschlinge!«

Siegfried aber lachte:

»Wir wollen sehen, ob dir das gelingt, oder ob du nicht vielmehr von mir getötet wirst!«

Drohend fuhr der Drache zwischen den Felsen hin und her und schoss dann gegen Siegfried. Aber dieser wusste ihm auszuweichen, indem er in weitem Sprung über ihn wegsetzte. Dann drang er plötzlich auf das Untier ein und traf ihn mit einem offenbar tödlichen Stich; denn der Drache brüllte laut auf und legte sich mit einem Ruck auf die Seite.

»Ich sterbe!« stöhnte er. »Aber ich verzeihe dir und gebe dir noch einen Rat: Traue dem Zwerge nicht! Er ist falsch!«

Siegfried betrachtete den toten Lindwurm; dann trat er hinter den Felsen, um die Schätze zu holen.

Vorsichtig kam nun der Zwerg wieder hinter dem Laurus hervor.

»Aha!« sagte er leise. »Es scheint, dass Siegfried den Drachen getötet hat; aber er selbst ist am Leben geblieben. Jetzt muss ich versuchen, ihn zu vergiften.«

Siegfried erschien mit den Ringen und Ketten behängt. Sowie er jedoch den Zwerg erblickte, rief er:

»Ha! Zwerg! ich kenne jetzt deine Gedanken. Du hast Böses gegen mich im Sinn! Da nimm deinen Lohn!«

Er drang auf den Zwerg ein, und alsbald stürzte dieser erschlagen hin, womit das Stück schloss. Siegfried stand stolz mit seinem Schwert und seinem Gold zwischen dem toten Drachen und dem toten Zwerg, und der Vorhang fiel herunter.

Das war aber schön gewesen! Lehrers Bernhard, den sein Vater einmal ins Theater mitgenommen hatte, wusste, was Brauch war. Er fing an zu klatschen, und alle klatschten mit, so stark sie konnten, und die vorn auf der Kiste sassen, trommelten mit den Füssen.

In diesem Augenblick traten Ottos und Trudis Papa zur Haustüre herein.

»Papa! Onkel! grade ist es aus! Aber wir spielen es dir und Mama heut abend noch einmal!«

»Gut!« sagte Onkel Doktor. Dann jedoch fiel sein Blick auf den Teller mit dem Geld.

»Was soll denn das sein? Ihr habt doch den Kindern nicht in, Ernst Geld abgenommen? Was fällt euch ein? Das geht nicht!«

Die fünf machten verlegene Gesichter. Das war grade so nett gewesen, das Eintrittsgeld! Mit dem Zwanziger, den Edith hinzulegte, machte es fast einen Franken.

»Oder seht wenigstens, dass ihr das Geld gemeinnützig verwendet!« sagte der Onkel, indem er rasch die Treppe hinaufging.

»Papa, was ist das, gemeinnützig –?« rief Trudi. Doch Papa schritt schon durch den Korridor seinem Zimmer zu.

Im Hausgange aber entspann sich eine lebhafte Beratung, an der die Zuschauer ebenfalls teilnahmen.

Gemeinnützig, das hiess natürlich das Geld so verbrauchen, dass jedes etwas davon hatte. Das war nett.

»Ja, so machen wir's!« riefen alle, auch die Turnach- und die Doktorskinder.

»Wir könnten bei Frau Schlumpf Marbeln kaufen und sie verteilen!« schlug eines vor.

»Sie hat auch Schokoladebonbons«, sagte Trudi. »Man bekommt fünf für einen Fünfer.«

»Wenn nur noch Jahrmarkt wäre!« meinte Spenglers Klara. »Dann würden wir das Geld dem Karussellmann geben, dass er uns alle recht lang reiten liesse –«

»Hört!« rief einer hinten hervor. »Wir machen miteinander eine kleine Reise. Wir fahren nach Schiebeldorf. Das halbe Billet kostet bloss fünf Rappen, und zurück können wir zu Fuss gehen.«

Edith, die den Verhandlungen folgte, lachte unbändig über diesen Vorschlag.

»Ja, wir reisen allen nach dieses Schiebeldorf. Ich will gehen und packen mein Reisetasche!«

»Wenn wir es ganz fein machen wollen«, sagte jetzt aber Hans, »so wüsste ich etwas! Otto, der Onkel hat doch heute vorgelesen, dass der Larstetter Gesangverein nach seinem Konzert das Geld geschenkt hat für die Anlagen am –«

»Am Weissberg!« fielen die Larstetter Buben und Mädchen ein. »Es gibt einen Aussichtsturm und Bänke und junge Bäume –«

»Also, wir machen es auch so. Wir schenken unser Geld für die Anlagen –«

»Ja, ja!« riefen Otto, Bernhard, Marianne und verschiedene andere. »Hans hat recht! Das wäre am allernobelsten!«

Lotti, Trudi und die Kleineren dachten vielleicht einen Augenblick noch an die Schokolade und die Reise nach Schiebeldorf; aber dann rannten sie wichtig mit zu Bernhards Vater, der die Gelder für die Anlagen einkassierte.

Herr Fink sass am Tisch und ordnete seine Pflanzensammlung. Er lachte, als die Kinder von dem Theater erzählten und ihr Geld brachten. Edith hatte die 86 Rappen zu einem Franken aufgerundet.

»Schön, schön!« sagte er, indem er ein langes blaues Heft herholte. »Ein Franken ist immer ein Franken –«

Er schlug das Heft auf und lachte noch einmal ein wenig, während er die Feder ergriff.

»Jetzt wird's eingeschrieben! jetzt wird's eingeschrieben!« riefen die Kinder sich zu, und dann durfte jedes in das Heft gucken, wo mit schöner Schrift geschrieben stand: »Am 17. Oktober Ertrag der Theatervorstellung im Doktorhaus: Ein Franken.«

»Herr Fink«, fragte Trudi. »Könnte man eine Bank machen lassen aus dem Franken?«

»Ach, Trudi!« rief Otto. »Für einen Franken bekommt man keine Bank!«

»Nein«, sagte Herr Fink; »aber wir wollen sehen, dass es ein junges Ahorn- oder Lindenbäumchen gibt. Das habt ihr dann gestiftet –«

»Und da sitzen wir jedesmal drunter!« riefen die Kinder.

»Und wir auch, wenn wir in Larstetten sind!« stimmten Hans, Marianne und Lotti ein.

»Wenn es nur recht bald gross und schattig wird! Ja, wir müssen es manchmal begiessen! Ihr schreibt uns dann, wie es wächst! Wir heissen es das Theaterbäumchen! Oder die Siegfriedlinde! Ja, ja! die Siegfriedlinde!« So ging es durcheinander unter den Buben und Mädchen, bis man sehr befriedigt sich trennte.

Als Onkel Doktor von der Schenkung und von der Siegfriedlinde hörte, lachte er auch.

»Das habt ihr ja ausgezeichnet gemacht!« sagte er.

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