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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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HANSENS HELDENTUM BEKOMMT EINEN RISS

Wenn es keine Schlittbahn und kein Eis gab, waren die Kinder am Sonntagnachmittag sehr oft bei Grossmama, und jedes durfte aus seiner Klasse ein paar Freunde oder Freundinnen mitbringen. Es wurden alle möglichen Spiele gespielt. Jedesmal aber hiess es nach einer Weile:

»Jetzt machen wir Scharaden!«

In Grossmamas Kammer fand man alles, was man dazu brauchte. Es gab da Schleier und lange Tücher in allen Farben, einen Helm, eine Krone und einen Schlapphut, zwei lange Bärte und einen roten Backenbart. Damit konnte man Könige, Damen, Räuber, Feen, Engländer, Hexen und vieles andere darstellen. Man musste nur Wörter finden, die sich zu einer Scharade eigneten. Ein Teil der Kinder spielte, der andere sah zu und sollte das Wort erraten. Oft aber war der Eifer so gross, dass alle mitmachten, und als Zuschauer blieben bloss Grossmama mit Friederike und auf dem dritten Sessel Aristoteles, der die Scharaden auch liebte.

Eine der Scharaden, die heute aufgeführt wurden, war »Dornröschen«. Hans und Marianne hatten sie ausgedacht.

»Dorn –« sagte Hans, als die Kinder beratend zusammenstanden, »da ist doch eine Geschichte von einem Löwen, dem ein entsprungener Sklave einen Dorn aus der Tatze zieht –«

»Ja«, stimmte Rudolf Lorez bei – die kleine Sylvia, deren Brandwunden zwar gut heilten, hatte heute noch nicht mit dürfen – »ja! Später wurde der Mann wieder gefangen genommen und im Zirkus einem Löwen vorgeworfen. Aber es war der gleiche Löwe; er erkannte den Mann und tat ihm nichts.«

»Also, wir brauchen den Anfang mit der Tatze«, sagte Marianne. »Dann »Röschen« das geht leicht: da machen wir einen Blumenladen. Und fürs Ganze nehmen wir ein Stück aus dem Märchen.«»Die Aufführung gelang sehr gut: Hans trat als entsprungener Sklave auf und spähte rechts und links nach einem Weg. Da ertönte plötzlich ein Gebrüll; hinter dem Ofen hervor kroch Walter Schürmann. Über dem Rücken hatte er ein Fell und auf dem Kopfe als Mähne ein gelbes Tuch mit Fransen. Der Löwe hinkte stark und kam auf den Sklaven zu, der erst etwas zurückwich. Da aber der Löwe immer kläglicher brüllte, kniete der Jäger nieder, nahm die Tatze des Tieres und untersuchte sie. Der Löwe stöhnte ein paarmal laut auf; dann aber begann er fröhlich herumzuhüpfen. Da er keinen Schwanz hatte zum Wedeln, leckte er dem guten Manne die Hand; der klopfte ihm auf den Rücken, und beide gingen miteinander davon.

Das Publikum hatte sehr gespannt zugesehen. Was für ein Wort das wohl bedeutete?

Aus dem zweiten Teile merkte man, dass es sich um eine Blume handelte. Ein paar Buben und Mädchen kauerten als Blumentöpfe am Boden, und Marianne, die Gärtnerin, pries sie dem Käufer Rudolf Lorez an, indem sie einen Topf um den andern herzog. Der Käufer hatte indessen allerlei an den Pflanzen auszusetzen.

»Au – das kleine da sticht!« rief er, als er auf einen der Köpfe tupfte.

»Ja, aber es riecht herrlich und blüht sehr lang«, sagte die Gärtnerin. »Sehen Sie die vielen Knospen ...«

»Du, Grossmama«, überlegte Lotti, als der Akt zu Ende war, »gibt es Löwenrosen? Oder hat das erste ›Tatze‹?« Aber Grossmama wusste nichts von Löwenrosen und noch weniger von Tatzenrosen.

Dann kam das Ganze: Auf erhöhtem Sitz sassen, umgeben von den Hofleuten, Karl Binder und Lily Rabus als Königspaar. Vor ihnen hatte man aus zwei Sesseln eine Wiege gemacht, in der, mit einem weissen Tuche bedeckt, der kleine Werner lag. Nun huschte in grau gehüllt Berta Strobel als böse Fee herbei und streckte mit finsterem Gesicht den Arm gegen die Wiege aus. Geredet wurde nicht, damit die Zuschauer das Wort nicht zu leicht erraten. Das Königspaar zeigte heftigen Schrecken; dann aber trat von der andern Seite Marianne, die gute Fee, hinzu und breitete ihre Hand über die kleine Prinzessin aus.

Es war sehr hübsch. Nur machte Werner, dem es unbehaglich wurde, der Vorstellung einen etwas zu raschen Schluss.

»Grossmama, ich bin das Dornröschen; aber ich rutsche hinunter«, rief er und kam, seine weisse Decke hinter sich herziehend, auf Grossmama zugelaufen, so dass alle laut auflachten.

»So, mein kleiner Dummerling!« sagte Grossmama. »Nun müssen wir uns doch den Kopf nicht mehr zerbrechen. Du bist wirklich ein niedliches Dornröschen!«

Die folgende Scharade wurde dadurch zu einem besonderen Vergnügen, dass Onkel Alfred mitmachte.

»Er ist hinten in seinem Zimmer!« rief Hans. »Wir holen ihn! Letztes Jahr hat er auch einmal mitgespielt. Er war Kolumbus und wir waren die unzufriedenen Matrosen und packten ihn an, und dann mussten wir auf einmal alle gegen die Kommode deuten und ›Land! Land!‹ Onkel Alfred sass an seinem Schreibtisch und streckte, als die Schar bei ihm eindrang, zur Abwehr ein langes Lineal vor.«

»Nein, Kinder, nein! ich kann euch heute nicht helfen! Wer hilft denn mir beim Studieren! Den Aristoteles habt ihr auch vorn!«

»Onkel, wir wissen eine so nette Scharade!« drängte Lotti. »Wir wollen alle zusammen ›Seeweid‹ Weid« »Sehr ehrenvoll, Lotti!«

Die Kinder nahmen das als Zusage und zogen den Onkel mit ins Wohnzimmer, wo er sich vorläufig neben Aristoteles setzte; er sagte, er müsse erst wieder lernen, wie so eine Scharade gehe.

Der See wurde äusserst lebendig dargestellt. Einige Kinder legten sich auf den Boden und fochten mit Armen und Beinen, als ob sie schwämmen. Zwei andere ruderten auf einem Brett mit Spazierstock und Regenschirm. Hans stellte einen Fisch dar und schnappte nach den Brocken, die man ihm zuwarf. Lotti und Hedwig Zohner sassen auf dem Tisch mit Angelruten.

Die zweite Silbe begann schon vor der Türe mit lautem Muh und Mäh. Voran zog der Onkel mit einem alten Strohhut und sang:

»Des Morgens in der Frühe,
Trallallah, trallallah,
Da treiben wir die Kühe,
Trallallah, trallallah!«

Und hinter ihm kam die Herde, alles auf vier Füssen daherstapfend und nach Gras schnuppernd. Die Kühe taten ungebärdig und stiessen mit den Hörnern; die Ziegen machten wunderliche Sprünge und verstiegen sich auf den Felsen, das heisst auf den Stühlen und der Kommode, wo der Hirte sie herunterholen musste. Aristoteles erhob sich von seinem Sitz und krümmte den Rücken. Zu viel Lärm hatte er ungern; auch war er nicht gewöhnt, dass hier im Hause noch andere Leute als er auf vier Füssen gingen.

Es war gut, dass der folgende Akt wieder gesitteter verlief.

»Wie machen wir doch das Ganze, Onkel?« fragte Marianne.

»Ja, das werdet ihr gleich sehen!« sagte der Onkel. »Richtet euch einmal als Fremde her und klopft da an.«

Die Kinder stellten sich mit Mützen, Schirmen und Plaids vor die Türe. Der Onkel trat heraus.

»Ah, Sie wünschen die Sehenswürdigkeiten dieses Ortes zu betrachten? Sofort – .« Er machte eine tiefe Verbeugung und nahm ein Stöckchen. »Hier, meine Herrschaften«, sagte er mit einem Seitenblick zu Hans hinüber und wies nach einem gewöhnlichen weissen Teller auf den Nebentisch, »hier ein ungemein wertvolles uraltes Götzenbild –«

»Ach, Onkel!« rief Hans lachend, der die Neckerei gleich merkte.

»Ssst – ein uraltes Götzenbild der Pfahlbauer. Heute ist es noch da zu sehen. Morgen kommt es ins Museum mit den Namen der Entdecker –«

Das uralte Götzenbild erregte grosse Heiterkeit.

»Weiter betrachten Sie sich, bitte, diesen Molch –«, der Onkel hielt eine schwarze Quaste in die Höhe. »Er sieht ganz harmlos aus, kann aber, wenn er aus der Gefangenschaft entkommt, schreckliche Verheerungen anrichten –«

»Ja, Fräulein Fanny hat furchtbar geschrien!« rief Marianne höchlich belustigt.

»Da –«, Onkel Alfred sah sich um und packte den Aristoteles, »da haben Sie die Hauswurz – .« Onkel Alfred hob den Kater, der ärgerlich miaute, in die Höhe. »Eine sehr merkwürdige Pflanze; man kann sie nach Belieben vom Dache aufheben, spazierentragen und wieder hinlegen – .« Damit liess er den Kater zum grossen Spass der Kinder auf Friederikes Schoss plumpsen.

»Hier aber, meine Herrschaften« – der Onkel streckte ein vollgespicktes Stecknadelkissen hin – »hier zeige ich Ihnen den verhängnisvollen Igel, der sich boshafterweise im Zimmer zweier jungen Damen versteckte –«

Alles brach in lauten Jubel aus. Die Geschichte mit dem Igel war jedem bekannt.

»Mitten in der Nacht«, so fuhr der Onkel fort, »versuchte der Igel einen Angriff, und ohne den Mut und die Entschlossenheit der beiden jungen Damen weiss man nicht, wie es gegangen wäre –«

»Noch mehr, noch mehr, Onkel!« schrie der kleine Werner, wenn er schon nicht alles verstanden hatte.

Da packte der Onkel ihn selbst und schwang ihn auf die Schulter.

»Zum Schlusse stelle ich Ihnen hier den Frosch Alexius vor. Er kann hübsch quaken und frisst Fliegen, so viel man ihm gibt – .« Damit schob der Onkel dem vor Vergnügen kreischenden Werner ein paar Weinbeeren vom Kuchenteller in den Mund und setzte ihn dann unter allgemeinem Hurra auf den Boden.

Grossmama und Friederike erklärten, sie hätten die Scharade erraten. Der Ort, der alle diese Merkwürdigkeiten auszuweisen habe, könne nur die Seeweid sein.

»Was für eine Scharade spielen wir jetzt, Hans?« rief Lotti. »Du wirst doch noch eine wissen?«

Ja, was für ein Wort konnte man nehmen? Die Buben und Mädchen besannen sich. Nach der lustigen Seeweid dünkte sie nichts mehr gut genug. Die einen liefen hinüber in die Kammer; vor den Sachen zum Verkleiden kam einem vielleicht ein Gedanke. Lotti und ein paar andere versuchten, noch einmal zu Onkel Alfred einzudringen; der aber hatte die Türe abgeschlossen.

Da fiel Hans etwas ein. Hinten in der kleinen Stube hatte Grossmama ein Rätsel- und Scharadenbuch. Er lief hinüber; das Buch musste in dem kleinen Schränkchen sein. Er machte auf und suchte eilig in den verschiedenen Fächern. Das Buch fand sich nicht. Vielleicht in der Schublade? Er zog. Sie tat nur einen kleinen Ruck und ging nicht weiter. Ungeduldig zog Hans stärker. Da kam das Schränkchen ins Wanken. Hans hielt es mit beiden Händen; aber über seine Schulter stürzte etwas hinunter. Die Teekanne! dachte er erschrocken.

Es war eine besonders feine chinesische Kanne mit Landschaften und goldenen Vögeln bemalt; Grossmama hatte sie vor Jahren als Andenken geschenkt bekommen.

Als Hans die Teekanne aufhob, lag der Schnabel zerbrochen daneben. Hans biss sich auf die Lippen. Zu arg, dass ihm das begegnet war! Jetzt musste er gehen und es Grossmama sagen. Nun fiel ihm auch ein, dass er das Schränkchen nicht hätte öffnen sollen, ohne Grossmama zu fragen. Natürlich wurde er gescholten. Wenn man etwas angestellt hatte, zankte Grossmama gehörig. Und alle andern hörten es dann! Für Werner oder Lotti wäre das ja nichts so Schlimmes. Aber er – der Älteste, den man in den letzten Tagen immer gelobt hatte – . Diese Schande! Nein – vor der ganzen Kindergesellschaft mochte er es nicht sagen!

Hans stellte die Teekanne hin und legte den Schnabel daneben. Das Buch liess er.

Als er ins Wohnzimmer zurückkam, war von Scharaden nicht mehr die Rede. Die Kinder umstanden die Grossmama; sie hatte vom Boden das Schnappspiel heruntergeholt, das alte Schnappspiel mit der lächerlichen hölzernen Fratze, in deren aufgesperrten Rachen man die kleinen Bälle werfen musste.

»Hans!« rief Walter Schürmann – Hansens Abwesenheit hatte niemand bemerkt – »du darfst der Aufschreiber sein!«

»Du kannst ja diesmal aufschreiben«, sagte Hans und blieb an der Seite stehen.

Alle Augenblicke gab es ein fröhliches Gelächter; denn wenn der Ball in den Rachen traf, so rollte die Fratze die Augen und schnappte den Rachen zu. Das war sehr komisch. Hans war der einzige, der nicht mitlachte.

»Hans, es ist an dir!« rief Rudolf Lorez und gab Hans einen kleinen Stoss. »Was hast du denn?«

Die Kinder wurden immer eifriger und ausgelassener. Aber Grossmama sah auf die Uhr.

»Hört, nun müssen wir allmählig ans Aufräumen denken! Das Schnappspiel könnt ihr ja ein anderes Mal wieder spielen.«

Mit bedauerndem O! und Ach! klappten die Kinder nach ein paar letzten Würfen zu und suchten dann die im Nebenzimmer verstreuten Scharadensachen zusammen. Schwatzend liefen sie hin und her.

Hans überlegte. Jetzt gab es vielleicht einen Augenblick. Eben ging Grossmama hinaus – schnell ihr nach und frisch dran! Hans kam bis zur Türe; dann blieb er wieder stehen. Es war etwas so Unangenehmes. Und natürlich kam es da draussen doch vor die andern. Nein, es war nun eben so gut, zu warten bis morgen oder übermorgen und dann zu Grossmama zu gehen. Vorher sah sie den Schaden jedenfalls nicht; sie war selten in der kleinen Stube. Die dumme Teekanne! Das ganze Schnappspiel hatte sie Hans verdorben –

»Kinder, kommt her! ich möchte etwas wissen«, sagte Grossmama, wieder eintretend. Sie hielt in der Hand die Kanne mit den goldenen Vögeln.

Hans erschrak.

»Wer von euch war in der kleinen Stube? Ich wollte das Fransentuch in die Kommode legen und sehe meine Teekanne zerbrochen.«

Die Kinder kamen alle herzu und sahen die Teekanne an und dann einander.

»Wer es getan hat, hätte es gleich ehrlich sagen sollen, statt zu warten, bis ich frage!« fuhr Grossmama fort.

Hans stand Qualen aus. Etwas in ihm trieb immer: Sag es doch! red' doch! und etwas war, was ihn nicht sprechen liess.

»Mir tut die Teekanne leid; aber viel schlimmer fände ich, wenn eins unter euch wäre, das die Wahrheit nicht sagen will.« Grossmama sah im Kreise herum. Ihr Blick ging jedoch rasch über die Grössern weg. Die waren doch schon vernünftig und wussten, was recht ist. Auch dachte sie weniger an die fremden Kinder, denen es wohl kaum eingefallen wäre, in die kleine Stube zu dringen. Grossmama hatte Lotti ein wenig in Verdacht und dann den kleinen Werner.

Aber Lotti sagte fest und frisch:

»Grossmama, ich hab' es nicht getan!«

»Ich auch nicht!« rief Werner, und Marianne und Lily Rabus versicherten, dass er den ganzen Nachmittag nicht von ihnen weggegangen sei.

Grossmama schüttelte den Kopf. Jemand musste es doch getan haben.

Hans wurde es immer unmöglicher, zu reden. Er, an den man gar nicht dachte! Jetzt so hinten drein! Neben ihm standen Karl Binder, Walter Schürmann und Rudolf Lorez – nein, er konnte nicht, jetzt nicht!

Plötzlich fiel Grossmama etwas ein.

»Kinder«, sagte sie, »es kann Hulda gewesen sein, Frau Pflachers Hulda – die hat schon allerlei angerichtet –«

Frau Pflacher wohnte im Hinterhause; sie half Friederike am Samstag beim Putzen und war auch jetzt gerade in der Küche. Hulda kam oft herüber mit der Mutter.

»Ich war gestern nicht zu Hause«, fuhr Grossmama fort. »Aber ich will Frau Pflacher fragen, ob Hulda da war – .« Grossmama ging hinaus und alle gingen mit.

Hans blieb am Fenster stehen. Aber es wurde ihm schnell klar, dass er jetzt gestehen müsse. Er und die beiden Schwestern mochten diese Hulda nicht besonders leiden. Sie war ein bisschen frech. Aber deswegen durfte man doch nicht den Verdacht auf sie kommen lassen. Das wäre ja furchtbar schlecht. Nein, jetzt gab es kein Hin und Her mehr. Jetzt war er gezwungen, herauszurücken, und das war gerade recht –

Aber schon kamen sie wieder zurück und Lotti sprang auf Hans zu:

»Hans, denk', sie hat's nicht getan! Sie hat Zahnweh gehabt und ist gar nicht dagewesen! Jetzt muss man sich von neuem besinnen!«

Lotti stellte sich neben den Bruder. Aber Hans schaute weg. Nun kam es wieder anders! War das ein Wink, dass Hans nichts zu sagen brauche –?

Bevor er mit dem Gedanken fertig war, trat Friederike ins Zimmer:

»Dass ich nicht gleich darauf gekommen bin –! Der Glaser war's natürlich am Freitag. Seither ist niemand in der kleinen Stube gewesen. Ich liess ihn bloss einen Augenblick allein. Da muss ihn, so alt er war, die Neugierde geplagt haben, dass er die Kanne angefasst und zerbrochen hat. Ich hab' ihm, weil er so erfroren aussah, noch einen Teller Suppe gegeben, und keinen Mux hat er getan von der Kanne. Das nächstemal kann er dann warten! Aber der kommt nicht mehr. Der ist längst über alle Berge. Er hat gesagt, er gehe ins Österreichische!«

Wie sich das seltsam fügte für Hans! Er hatte ja gestehen wollen. Aber nun war dieser Glaser dazwischen gekommen und nahm gleichsam Hansens Schuld, ohne es im mindesten zu spüren, »über alle Berge, fort ins Österreichische!«

Jetzt nur nicht immer dran denken! Es war ja doch, im Grund genommen, eine Kleinigkeit, dieser abgebrochene Schnabel. Friederike hatte gesagt, er liesse sich wieder ankitten ...

Zu Hause setzte sich Hans gleich hin, und machte seine Geographiezeichnung, obgleich er sie erst für den Mittwoch aufhatte.

Als Hans am Montag morgen erwachte, war das erste, was ihn begrüsste, der Gedanke an die Teekanne. Es war, als ob er die ganze Nacht da am Bette auf Hans gewartet hätte: So, guten Morgen! jetzt gehen wir zusammen in die Schule! Hans versuchte den Gedanken zu verscheuchen. Er horchte auf den Lärm draussen. Ein Bäckerbursche pfiff lustig in den Morgen hinaus:

»O Tannenbaum, O Tannenbaum,
Wie grün sind deine Blätter ...«

Der hatte jedenfalls nichts Unangenehmes im Kopfe. Es erfasste Hans ein Zorn gegen die Teekanne. Warum war sie so weit aussen gestanden! Hätte er's doch lieber gleich gesagt! Sollte er am Ende doch heute –? Nein, es war zu spät. Er müsste sich zu arg schämen vor Grossmama. Er wollte sich's gewiss merken und nie mehr so handeln. Er nahm sich auch vor, nun ganz besonders fleissig und freundlich zu sein, Marianne den Bilderbogen zu schenken, um den sie gebeten hatte, und mit Werner zu bauen ...

Tagsüber schien es Hans wirklich, als ob er die Sache vergessen könnte. Oft dachte er lange nicht daran. Aber ganz los wurde er sie nicht. Und es war gerade, als ob man sich verbündet hätte, ihn immer wieder daran zu erinnern:

Am Dienstag, als Hans aus der Schule heimkehrte, hörte er den kleinen Werner mit lauter Stimme: »Glasö – r, Glasö – r!« rufen.

»Ich bin der Glaser«, erklärte der Kleine dem Bruder, »und Lotte ist Friederike, und dann muss ich die Scheibe machen und die Teekanne zerbrechen, und dann tut mich Lotti mit dem Besen fortjagen!«

Als Hans am Mittwoch nach der Zehnuhrpause vom Hofe ins Klassenzimmer zurückkam, fand er den Kolb, neben dem er sass, ganz aufgebracht.

»Der Beschel ist ein miserabler Kerl!« sagte er. »Ich komme herein, und auf meinem Heft ist ein grosser Tintenfleck. Ich frage, wer ihn gemacht habe, und der Beschel tut, als ob er nichts wüsste, bis endlich der Villeiner mir sagt, dass es der Beschel gewesen ist. Ich sage nichts wegen dem Flecken; aber dass er nicht gesteht, wenn ich ihn ins Gesicht hinein frage, das ist gemein, nicht wahr, Turnach?«

Hans sagte nichts. Er setzte sich an seinen Platz und sah in sein Buch.

Ein paar Tage nachher standen die Knaben in der Pause vorn bei Herrn Altschmid. Er brachte oft Zeitschriften mit. Heute zeigte er den Knaben eine mächtige eiserne Brücke, die über einen breiten Meeresarm führte. Als er umblätterte, sah man auf der andern Seite einen grossen seltsamen Frauenkopf.

»Ui!« riefen die Buben. »Die hat Schlangen auf dem Kopf statt Haare!«

»Das ist eine Erinnye«, sagte Herr Altschmid. »Die alten Griechen glaubten, die Erinnyen verfolgen die Mörder und Missetäter, so dass diese keinen Frieden mehr finden, bis sie ihre Tat eingestanden und gebüsst haben.«

»Aber in Wirklichkeit gab es doch keine Erinnyen«, wendete Karl Binder ein. »Also hatten die Mörder und Missetäter nie eine gesehen.«

»O«, sagte Herr Altschmid, »wenn sie fest daran glaubten und in der Seele unruhig und gequält waren, so konnten sie wohl etwa nachts auf einsamem Wege meinen, die Erinnyen zu sehen oder hinter sich zu hören –«

Es läutete zum Stundenanfang. Herr Altschmid heftete das Bild an die Wandtafel, damit die Klasse etwas darüber schreibe. Hansens Aufsatz wurde nicht gut. Seine Gedanken zogen ihn immer von der Brücke weg auf die Rückseite des Blattes. Er versuchte, sich selber auszulachen: Was hatte er denn mit den Erinnyen zu tun? Er war doch kein Mörder! Um etwas so Geringes wie eine zerbrochene Teekanne würden sich die Erinnyen jedenfalls nicht kümmern, selbst wenn es welche gäbe!

Aber das Bild kam ihm immer wieder in den Sinn, auch am Nachmittag und Abend. Er verstand sehr gut, dass mit diesen unheimlichen Göttinnen nichts anderes als das böse Gewissen gemeint war – das ihn seit dem Sonntag bei Grossmama plagte. Ganz wohl war ihm eigentlich seitdem nicht mehr gewesen. Drum wollte es ihm auch nicht recht glücken mit dem Freundlichsein.

»Du bist jetzt immer so langweilig!« hatte Lotti ihm gestern zugerufen, als sie mit Marianne das Rutschbrett hinuntersauste, und Hans umsonst aufforderte mitzutun.

Und heute abend hatte Papa ihm auf die Schulter geklopft:

»Warum so ernsthaft, Hans?«

In der Nacht schlief Hans unruhig. Er erwachte und hörte vom Kirchturm vier Uhr schlagen. Noch nie hatte er früh vier Uhr schlagen hören. Er blieb eine Weile wach. Die greuliche Kanne – . Er drehte sich gegen die Wand. Und wirklich schlief er wieder ein. Aber die Kanne schlich sich in seinen Traum hinein: er war ein Glaser; statt dem Kasten mit den Scheiben trug er jedoch auf dem Rücken die Teekanne; sie war sehr schwer. Er musste mit ihr über alle Berge; aber er kam gar nicht vorwärts. Neben ihm ging eine grosse Katze, der Schlangen vom Kopf herunterhingen. Hans wollte laut »Glasö – r!« rufen, damit die Katze verschwinde; aber er brachte keinen Ton heraus. Da erwachte er. Was für ein widerwärtiger Traum –! Bevor er sich recht besinnen konnte, schlief er wieder ein, und gleich war auch die Katze da. Hans sollte hinter ihr über eine eiserne Brücke gehen; die wurde immer länger und schmaler. Die Katze schritt ganz sicher, und eines ihrer Schlangenhaare streckte sich zurück gegen Hans; jetzt war es aber keine Schlange mehr, sondern der abgebrochene Kannenschnabel. Hans wollte ihn wegstossen; da schwindelte ihm und er stürzte in die Tiefe –

Hans fuhr auf. Nun wollte er lieber wach bleiben. Er behielt die Augen offen, und in der Morgenstille ging er nun endlich der Sache auf den Grund. Ganz schlecht hatte er sich seit dem Sonntag aufgeführt – gemein, Kolb hatte letzthin das rechte Wort gebraucht! Wie hatte Hans nur all die Zeit Grossmama, Mama und Papa und die andern ansehen können und tun als ob nichts wäre, während doch diese Lüge in ihm steckte; denn nicht gestehen war grade wie lügen. Nein, das war nicht mehr auszuhalten; das musste ein Ende nehmen –

Von draussen hörte Hans den Bäckerburschen sein frisches »O, Tannenbaum, o, Tannenbaum!« pfeifen. Hans wollte auch wieder so fröhlich pfeifen können. Er sprang aus dem Bett. Es war noch sehr früh; aber heute, am Samstag, war Mama gewiss schon auf. Rasch wusch sich Hans und kleidete sich an.

Mama stand am Tische, um Milch für das Schwesterlein zu wärmen. Es war noch dämmerig im Zimmer; die blaue Flamme des Spiritusbrenners warf bloss einen schwachen Schein.

»Mama«, sagte Hans, »ich muss dir etwas sagen – etwas Schlechtes von mir –«

Mama erschrak, und als Hans nun die ganze Geschichte erzählte von dem Scharadenbuch und der Teekanne und wie es gekommen war, dass er nicht gestanden hatte, da machte sie ein betrübtes Gesicht.

»Hans, Hans, wie ist das möglich –! Bei dem Brande drüben so tapfer und nun in dieser Sache so feig –!«

Kein Wort hätte Hans schärfer treffen können.

»Vor deinen Freunden und vor den andern Kindern hast du dich geschämt, den Fehler zu bekennen; aber vor dir selber schämtest du dich nicht, unwahr zu sein! Ist denn dein Gewissen, das Gott in dich gelegt hat, nicht auch etwas, vor dem du in Ehren bestehen möchtest?«

Hans drückte die Hände ineinander und hielt die Augen niedergeschlagen.

»Mama«, begann er dann. »Wenn du wüsstest – immer habe ich es sagen wollen – es war gerade, als ob ich nicht könnte! Das mit der Sylvia und dem Feuer ging viel leichter; da konnte ich mich nicht lang besinnen, sondern ich hab sie gleich gepackt und in den Schnee gedrückt, und dann haben alle gerufen: Brav, brav –!«

Nun ging ein kleines Lächeln über Mamas Gesicht.

»Es war brav, Hans. Aber es gibt noch eine andere Bravheit und Tapferkeit, so eine inwendige, eine gegen die eigenen Fehler. Da heisst's auch furchtlos dran gehen und fest angreifen! Und lieber einmal von aussen Spott und Schande ertragen, als in sich innen nicht ganz in Ordnung sein.«

»Heut abend geh ich zu Grossmama und sag ihr alles.«

»Natürlich, Hans –« Mama sah Hans an, als ob sie noch einen Gedanken hätte.

»Mama, meinst du –« Hans zögerte, »meinst du, ich müsse es morgen nachmittag bei Grossmama auch den andern sagen?«

»Ja, Hans, wenn du das über dich bringst –«

Hans seufzte.

»Mama, sagst du dann nicht mehr, ich sei feig? Weisst du, das gilt bei uns in der Klasse als das Ärgste!«

»Feigheit ist auch etwas Arges. Wie hat sie dir die letzten Tage verdorben! nicht wahr? Wie hast du bereuen müssen, dass du nicht im rechten Augenblick mutig warst!«

Das Schwesterlein im Korbwagen fing an zu weinen. Es wollte seine Milch haben.

Mama gab Hans die Hand und schaute ihm noch einmal ernst ins Gesicht; aber er fühlte, dass sie ihm verziehen hatte.

Der Gang am Abend zu Grossmama wurde Hans nicht leicht, und der Gedanke an das Geständnis am Sonntag in der Kindergesellschaft war ihm noch schwerer. Aber Grossmama erleichterte es ihm, so viel sie nur konnte.

»Hört einen Augenblick«, sagte sie, als die Grössern ihr halfen den Tisch zurückstellen und die Stühle ins Wohnzimmer tragen, während die Kleinern mit Werner draussen herumtollten; die brauchten ja nicht dabei zu sein. »Hört, Hans will euch etwas sagen. Es wäre besser gewesen, er hätte es gleich am letzten Sonntag, da wir beisammen waren, gesagt. Die Sache hat ihn die ganze Zeit gedrückt; jetzt aber will er sie los werden.«

Einen Moment blieben die Kinder ganz still, als Hans sein Geständnis vorgebracht hatte. Sie konnten sich vorstellen, wie unangenehm das war. Dann aber fiel Karl Binder ein, dass er auch einmal um die Wahrheit hatte herumgehen wollen. Er erzählte es, und Lily Rabus und Walter Schürmann wussten ebenfalls so etwas zu berichten. Ja, es war vielleicht keins unter den Kindern, das nicht schon Ähnliches erlebt hatte.

»Grossmama«, sagte dann aber Marianne, »das ist nett für den Glaser, dass er es nicht getan hat. Gelt, nun ruft ihn Friederike doch wieder herauf, wenn er später vielleicht aus dem Österreichischen zurückkommt.«

»Ja, Marianne«, antwortete lächelnd die Grossmama. »Und wir müssen sehen, dass dann wieder eine zerbrochene Scheibe und ein Teller Suppe für ihn bereit ist!«

Hans fühlte sich sehr froh und erleichtert in seinem Herzen. In den nächsten Tagen aber, als er einmal in die Küche kam, blätterte Balbine in ihrem Kalender, und der Zeitungsausschnitt, den sie sich hineingeklebt hatte, fiel heraus und flog gegen das offene Fenster.

»O, o!« rief sie, darnach haschend. »Der darf nicht verloren gehen!«

»Ach«, sagte Hans im Hinausgehen. »Das war eigentlich nichts Besonderes. Weisst du, Balbine, es gibt noch ganz andere schwerere Sachen.«

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