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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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IM KALTEN MONAT JANUAR

Gleich nach Neujahr wurde es sehr kalt. Es fiel kein Schnee. Jeden Tag stand die Sonne am klaren Himmel; aber mit allem Scheinen brachte sie keine Wärme zustande.

»Brrr –! Frisch, frisch!« sagten die Leute auf der Strasse zu einander statt des Morgengrusses und eilten rasch weiter. Die Gemüsefrauen auf der Brücke steckten bis über die Nase in Mänteln und Tüchern; sie hatten ihre Füsse auf Kästchen, in denen Kohlen glühten, und rieben die Hände, die kalt wurden trotz der dicken Handschuhe.

Es war gar nicht angenehm, am Morgen aufzustehen. Lotti streckte dreimal den Fuss heraus und zog ihn wieder zurück. Marianne wollte tapfer sein und war schon bis zum Waschtisch gekommen. Aber da fand sie es so schrecklich kalt, dass sie noch einmal ins Bett zurückschlüpfte –

»Nur ein bisschen mich noch einmal anwärmen –!«

Lotti hauchte, um zuzusehen, wie ihr Atem als weisse Dampfwolke durch die Luft ging.

»Sophie, wir können nicht aufstehen! Es ist zu grässlich kalt!« rief sie, als Sophie warmes Wasser brachte. Gestern hatte Lottis und Mariannes Krug eine dünne Eisschicht gehabt.

»Das ist noch gar nichts«, sagte Sophie. »Bei mir zu Hause war das Wasser in der Waschschüssel oft ein einziger Eisklumpen, und am Morgen, wenn ich erwachte, war mir die Bettdecke an den Mund gefroren. Und einmal bin ich auf dem weiten Schulweg abends hingesessen und eingeschlafen; grad dass der Vater mich noch gefunden hat mit der Laterne. Er hat schon gemeint, ich sei erfroren, so steif war ich. Ich weiss noch gut, ich habe immer geträumt von drei braunen Enten, die um einen Ofen herumliefen –«

»Um einen geheizten?« fragte Lotti, die während dieser interessanten Erzählung in die Strümpfe gekommen war.

»Hattest du auch Frostbeulen, Sophie?« fragte Marianne, indem sie einen Fuss an dem andern rieb.

Am ärgsten war es mit den Frostbeulen in der Schule, wo man stillsitzen sollte.

»Ist ein Rösslein dort hinten, das scharrt, oder ist's die Marianne Turnach?« hatte gestern Fräulein Heller gerufen.

Es war noch ein Trost, dass Lily Rabus und Berta Strobel auch Frostbeulen hatten, und dass man einander, indem man die Augen einkniff und mit den Zähnen in die Lippen biss, andeuten konnte, was man auszustehen habe.

Aber der Januar brachte neben den Frostbeulen und dem zugefrorenen Waschwasser auch sehr Hübsches.

»Sie sind da! Heut sind sie gekommen!« sagte Grossmama eines Abends, als die Kinder von der Schule heimgekehrt waren.

»O! sind's recht viele? Können wir sie morgen sehen?« riefen die Kinder. Sie wussten alle, dass es die Bergfinken und die Grünfinken waren, die sich bei Grossmama eingestellt hatten.

Grossmamas Wohnzimmer ging auch jetzt, wie früher an der Kronengasse, gegen lauter Gärten, und so wie der Dezember gekommen war, hatte sie aussen am Fenster ein Futterbrettchen festgemacht mit einem kleinen Tännchen in der Mitte. Kaum war das Brettchen da, so flog wie jedes Jahr als erster Gast eine Spechtmeise herbei. Mit ihrem langen Schnabel, ihrem grauen Rücken und rostroten Bäuchlein, das vom reichlichen Herbstfutter noch artig rund war, hüpfte sie auf dem Brettchen hin und her: Aha, das scheint für unsereinen eingerichtet! Zutraulich guckte sie zum Fenster herein: Guten Nachmittag! Der Sommer ist schön gewesen. Wir wollen hoffen, dass der Winter es nicht zu bös mache!

Sehr possierlich war die Spechtmeise wenn sie frass. Wie ein kleiner Holzhacker klopfte sie mit dem spitzen Schnabel auf den Hanf los, den sie in den Krallen hielt, verschluckte den öligen Inhalt und drehte sich blitzschnell um nach einem neuen Korn.

Ihre Vettern, die Spiegelmeisen, kamen auch, fein angezogen in grünem Frack, gelber Weste und langer schwarzer Krawatte. Die niedlichsten aber waren die Blaumeisen. Es war wundernett, wenn die winzigen blauschillernden Vögel sich mit dem Rücken nach unten an die Nussäckchen der kleinen Tanne hängten und sorglos hin- und herwiegend die Körner herauspickten. Die Spechtmeise guckte dann erstaunt hinauf; so sich anhängen, das konnte sie nicht.

Wild und laut aber wurde es auf dem Vogelbrettchen, wenn im Januar das ungebärdige, trotzige Volk der Bergfinken und Grünfinken anlangte. In ganzen Scharen kamen sie dahergeschwirrt. Fast war das Brettchen zu klein.

»Grossmama, jetzt sind siebzehn da –! Nein, zwanzig!« riefen die Kinder, die entzückt dem Getümmel unter dem Bäumchen zusahen. »Wie sie streiten und sich stossen und übereinander hüpfen! Und wie sie piepen und schreien! O – jetzt hat ein Spatz kommen wollen; aber sie lassen ihn nicht! Nur die Spechtmeise traut sich von der Seite her und holt schnell ein Korn – . Es ist zu lustig, Grossmama!«

Die Kinder standen, so oft sie konnten, an Grossmamas Fenster. Man musste behutsam herankommen. Der kleine Werner vergass das immer und drückte im Eifer seine kleine runde Nase an die Scheibe, so dass die Vögel – uitt –! davonflogen. Da war Grossmamas Kater fast vernünftiger. Grossmamas Kater hatte ein weisses Fell, einen dicken Kopf und ein sehr ernsthaftes Gesicht. Er hiess Aristoteles nach einem alten griechischen Gelehrten. Tagsüber war er bei Grossmama und nach dem Nachtessen hinten bei Onkel Alfred auf dem Schreibtisch; Onkel Alfred behauptete, er helfe ihm studieren.

Aristoteles sass stundenlang regungslos am Fenster und sah dem Treiben der Vögel zu. Nur manchmal krümmte er begehrlich seinen langen Schwanz, als ob er dächte: Wenn die widerwärtige Scheibe nicht wäre, wollt ich mir schnell genug den Fettesten von euch geholt haben!

Bald nachdem Grossmamas Finken angelangt waren, kamen die Kinder mit einer neuen fröhlichen Kunde nach Haus.

»Er ist zu, Mama!« meldeten sie. »Er hat furchtbar lang gebraucht; aber jetzt ist er fest!«

Der so furchtbar lang gebraucht hatte, war der Stadtgraben. Ungeduldig hatte man darauf gewartet, dass er zufriere, und dann ging es noch einmal mehrere Tage, bis der Polizeidiener die Buben nicht mehr fortjagte, die hinauswollten, um die Dicke des Eises zu erproben.

Die Turnachkinder liefen am Mittwoch gleich nach dem Essen zum Stadtgraben. Lotti hatte auch ein Paar Schlittschuhe erbeutet und bemühte sich, sie recht laut klappern zu lassen, als sie mit Hans und Marianne durch die Schwalbengasse ging.

Hans hatte im Nu seine Schlittschuhe an.

»Ich will sehen, ob ich noch holländern kann«, sagte er. Holländern nannten es die Buben in Hansens Klasse, wenn einer den andern an der Achsel hielt und den Fuss nach jedem Zuge so kühn als möglich vornüber schlenkerte.

»Wer gut holländert, kann schon fast Bogen fahren«, erklärte Hans, indem er vor Marianne und Lotti einen Halbkreis versuchte, wobei er allerdings in einen Herrn hineinschoss, der ihn ärgerlich wegschob.

»Die Buben –! alle Augenblicke hat man einen zwischen den Füssen –«

Ja, überall schossen die Buben herum, kreuz und quer wie Bremsen. Und die Mädchen nicht minder. Beständig kamen neue Scharen die Treppe herunter, und das lustige Gewimmel wurde immer grösser.

Marianne und Lotti hatten ihre Schlittschuhe endlich auch angeschraubt.

»So, Hans«, rief Lotti, als der Bruder an ihnen vorbeifuhr. »Jetzt hilf uns nur aufstehen. Lernen können wir's dann allein.«

»Ja, ja, Lotti, du wirst schon sehen –« sagte Hans, indem er den Schwestern half. »So – da hast du's –«

Lotti hatte sich kaum von der Bank erhoben, als sie zu ihrem Erstaunen schon wieder sass, diesmal aber auf dem Boden. Hans stellte sie mit einiger Mühe auf. Marianne tat mutig einen Zug und fiel ebenfalls hin. Hans nahm auf jede Seite eine der Schwestern und zog sie vorwärts.

»Jetzt geht es schon ein wenig!« sagte Lotti vergnügt. Aber Hans entdeckte, dass Lotti und Marianne gar nicht auf dem Eisen des Schlittschuhs standen, sondern bloss auf dem umgekippten Stiefel.

»Das ist nichts«, sagte er und liess sie los. »Seht einmal, so steht man –«

»Ich glaube, meine Schlittschuhe sind schlecht; sie halten gar nicht«, erklärte Lotti.

»Das sagt jeder am Anfang«, belehrte sie Hans. »Ihr müsst versuchen, das Gleichgewicht zu halten und dann einen festen Anlauf nehmen.«

Marianne und Lotti versuchten das Gleichgewicht zu halten und nahmen einen festen Anlauf, worauf sie nach links hinausfielen. Sie nahmen einen zweiten Anlauf der sie sofort wieder zu Fall brachte, aber auf die rechte Seite. Sie krabbelten auf, und Lotti schaute umher.

»Das ist merkwürdig«, sagte sie. »Man fällt hin und weiss gar nicht warum!«

Und nun ging es fort mit Fallen und Aufstehen und wieder Hinfallen. Bald zog Hans von vorn, bald schob er von hinten.

»So! haltet euch jetzt ein wenig aneinander und zählt im Takt! Ich komm dann wieder«, sagte Hans und verliess sie, um für ein Weilchen seinen eigenen Weg zu fahren, was man ihm nicht übelnehmen konnte.

Marianne und Lotti befolgten Hansens Rat. Das Halten bestand allerdings bloss darin, dass immer die eine die andere wieder umriss, wenn sie sich gerade erhoben hatte. Manchmal konnten beide vor Lachen gar nicht mehr aufstehen.

So – jetzt – das ging ja fein: links, rechts, links – wie Hans gesagt hatte. Plumps – da lag man wieder! Aha, eine Spalte! Vor denen musste man sich in acht nehmen. Dort drüben hatte es eine schöne, glatte Stelle – plumps –! Nein, so ganz glatt, das war auch nichts!

»Jetzt probieren wir es einmal jedes für sich allein!« sagte Marianne und steuerte mit ausgestreckten Armen drauf los. Lotti wackelte hinterdrein. Die beiden waren gefährlich, wenn sie einem nahe kamen; denn sie hielten sich, wo sie nur gerade konnten – Marianne hier an zwei Mädchen, die paarweise vorbeifuhren, – Lotti dort an einer Reihe Buben, die sie aber bloss abschüttelten und liegen liessen. Hierauf fasste Marianne in der Not einen Herrn am Pelzrock und dann einen andern, der sich zu einem kunstvollen Bogen schief hinüberlegte, am Ellbogen. Die Mütze flog dem Herrn ab, und als Marianne sie aufheben wollte, kam sie unversehens darauf zu sitzen.

Lotti ergriff den Muff einer Dame, und zwar so kräftig, dass die Dame ein Stock weit ohne Muff davonfuhr und sich erstaunt umsah. Gleich darauf packte Lotti im Stolpern den Besenstiel eines Eiskehrers; beinahe wäre dieser hingefallen.

»Das sind doch Manieren!« brummte er.

Nun versuchten die Schwestern ihr Glück wieder zusammen. Plötzlich aber stiessen sie einen Freudenschrei aus. Sie hatten Onkel Alfred entdeckt.

»Onkel Alfred!« riefen sie. »Wir sind auch da! Wir können es schon ziemlich!« Und der Länge nach fielen die beiden vor den Onkel hin.

»Ihr seid auch da! Natürlich! wo seid ihr nicht!« rief der Onkel, indem er Marianne und Lotti in die Höhe zog. »Schrecklich – solche Nichten!« wendete er sich zu der jungen Dame und dem Herrn, mit denen er gelaufen war. »Haben Sie auch welche?«

Die beiden schüttelten lachend den Kopf.

»Dann danken Sie dem Schicksal und haben Sie Mitleid mit mir!«

»Sollen wir Sie in Ihren Onkelpflichten etwas unterstützen?« sagte die junge Dame und nahm an jede Hand eines der Kinder. Die beiden Herren machten links und rechts den Abschloss.

Und nun ging es zu fünft schön im Takte, einen Schwung links, einen Schwung rechts, unter den Brücken durch, den ganzen Graben hinauf und wieder hinunter. Es war unmöglich zu stolpern, unmöglich zu fallen; wie getragen ging's, wie im Fluge ...

»Mama, das Schlittschuhlaufen ist prachtvoll!« rief Lotti die Treppe hinauf. »Ich bin etwa siebenundzwanzigmal hingefallen und Marianne auch. Aber zuletzt haben wir noch mit Onkel Alfred Bogen gefahren!«

In den nächsten zwei Wochen waren die Turnachkinder jeden Tag auf dem Eise und sprachen von nichts als vom Schlittschuhlaufen. Und damit Balbine, die nicht gern in der Kälte an den Stadtgraben spazieren ging, auch einen Begriff bekomme, nahmen Marianne und Lotti den Werner zwischen sich und zeigten Balbine in der Küche das Holländern, das sie nun schon loshatten. Hans aber machte ihr vor, wie man vorwärts und rückwärts kreisle, bis es Balbine angst und bang wurde und die Teller und Schüsseln zu klirren begannen.

Das erste am Morgen war immer, dass man nach dem Thermometer sah und am Barometer klopfte.

»Wenn es nur noch recht lang kalt bliebe!« war der sehnlichste Wunsch der Turnachkinder.

Und alle Buben und Mädchen in der Stadt wünschten dasselbe. Aber die armen und die alten Leute und die Gemüsefrauen, die Droschkenkutscher und die Weichenwärter an der Eisenbahn, die den ganzen Tag oder gar die ganze Nacht draussen sein mussten, dachten jeden Morgen: Wenn doch nur der Wind sich bald drehen wollte! Und da die Kinder ja sonst viel Vergnügen hatten, nahm das Wetter diesmal die Partei der andern Leute: In der letzten Januarwoche schlug es um; der Westwind wehte und es fing an zu schneien. Die Oberfläche des Eises verwandelte sich in eine weiche Sulze, und eines Nachmittags stand wieder ein Polizeidiener an der Treppe des Stadtgrabens, und die ganze Herrlichkeit hatte für einmal ein Ende.

HANS ZEIGT SICH ALS HELD

Lotti machte eine schreckliche Grimasse und zog den Fuss in die Höhe. Der heisse Siegellack, von dem ihr ein Tropfen auf den Finger gefallen war, brannte tüchtig; aber schreien durfte man nicht, sonst wurde man aus dem Bureau weggeschickt. Man gehörte da eigentlich überhaupt nicht hin. Doch wenn die Kinder für Mama Briefe zu Papa hinuntergetragen hatten, blieben sie womöglich noch ein wenig im äussern Zimmer, wo Herr Oberauer und Herr Frei sassen. Man konnte da zusehen, wie Herr Frei mit der Kopierpresse die Briefe kopierte. Das ging im Hui: Es wurde ein Blatt in dem grossen Buche mit dem Pinsel feucht gemacht; dann kam der Brief unter das Blatt und das Buch unter die Presse. Herr Frei schraubte zu, wieder auf und wenn er das Buch herausnahm, stand der Brief darin, Wort für Wort.

Manchmal bemächtigte man sich auch des Kerzenstockes, in dem Siegellack und Petschaft lagen. Die Herren am Schreibtisch sagten nichts; ja, Herr Oberauer gab einem sogar, wenn man ihn bat, einen Bogen Papier; darauf konnte man den brennenden Siegellack tropfen lassen und das Petschaft hindrücken, das mit den drei Buchstaben oder das schöne mit dem Türmchen und den Sternen; das war Papas Wappen.

Aber eben acht geben musste man. Lotti steckte den Finger in die Wasserschale, worin der Pinsel lag. Da klopfte es leise an die Türe, so leise, dass nur Lotti es hörte, die neben der Türe stand. Lotti machte auf. Es war Sylvia, der Ulrich gesagt hatte, dass Lotti da drinnen sei. Die schüchterne Sylvia war sehr froh, als Lotti heraustrat und nicht einer von den Herren.

»Lotti, du sollst zur Schneeburg kommen. Marianne und Hans sind schon da. Wir machen ein Fest, ein Einweihungsfest. Wir haben Kissen und Tee und Gläser, und Zwieback hat uns die Tante auch gegeben.« Rudolf und Sylvia hatten keine Mutter mehr.

Lotti lief mit Sylvia hinüber in den Hof der Apotheke, wo eine stattliche Schneeburg stand, an der die Lorez- und die Turnachkinder die letzten Tage gearbeitet hatten. Es hatte sehr stark geschneit und der Schnee war weich und liess sich gut ballen und formen. Die Schneeburg hatte einen Eingang, zwei Fenster und ein gewölbtes Dach; das war der Hauptstolz.

Herr Lorez kam auch einen Augenblick heraus, um den Bau zu bewundern und nannte ihn eine ganz famose Eskimohütte.

»Dann sind wir also jetzt Eskimos!« rief Lotti und tanzte mit Sylvia um das Schneehaus, während Hans zum Schlusse noch ein kunstvolles Schneehorn über dem Eingange anbrachte.

Rudolf kam mit zwei rot und grünen Papierlaternen.

»Die zünden wir nachher an. Ihr werdet sehen, wie das fein aussieht!« sagte er vergnügt. Seine Tante allerdings, die sich eben zum Ausgehen richtete, wusste nichts von den Laternen.

Der kleine Werner durfte, weil es gar nicht kalt war, auch an dem Einweihungsfeste teilnehmen. Marianne bekam den Teekessel zur Verwaltung, in den Fräulein Lorez leichten Tee mit Milch und Zucker gegossen hatte.

In der Mitte des Schneehauses stand ein Tisch, aus einem Schneepfosten und einem darübergelegten Brett hergestellt. Ringsum ging eine Schneebank, auf der die Kissen lagen. Es war gerade Platz für sechs Personen, wenn man sich recht zusammendrückte. Das taten die Kinder und trommelten mit ihren Teegläsern auf den Tisch. Den Zwieback nannten sie Kerzen; denn Hans erzählte, die Eskimos ässen Talglichter; er nannte Marianne, die austeilte, die alte Eskimomutter; Schnauzel war ein Seehund und bekam auch von den Kerzen.

»Entweder muss jetzt jedes eine Rede halten«, sagte Hans, »oder ein lustiges Lied aufsagen!«

Die Mehrzahl der Eskimos war für lustige Lieder.

»Ich weiss ein furchtbar lustiges!« rief Lotti, »und es passt zu jedem Namen: Sylvia, Widilvia«, hob sie an, indem sie Sylvia hin- und herzog:

»Sylvia, Widilvia,
Widewitzundkatilvia,
Widehops und Katops,
Widewanischer Mops.«

»Nein Lotti«, wehrte Hans, »das ist zu dumm! So ganz dumme wollen wir nicht!«

»Also, dann weiss ich ein anderes; das ist auch zum Lachen«, rief Lotti. »Jedes der Reihe nach muss eine Strophe sagen!« Und Lotti begann den Reim von der Gans:

»Was trägt die Gans auf ihrem Schnabel
Einen Kriegsmann mit dem Sabel
Trägt die Gans auf ihrem Schnabel.
Da seht ihr sie, die brave Gans!
Reden tut sie gickelgackel,
Gehen tut sie wickelwackel,
Fliegen tut sie fliflaflederwisch ...«

Das ging so weiter. Auf ihrem Kopfe trug die Gans einen Koch mit samt dem Topfe, auf den Flügeln einen Reiter mit den Bügeln, auf dem Rücken einen Greis mit seinen Krücken, auf dem Schwanze eine Jungfer mit dem Kranze. Und nach jeder Strophe kam wieder:

»Da seht ihr sie, die brave Gans
Reden tut sie gickelgackel,
Gehen tut sie wickelwackel,
Fliegen tut sie fliflaflederwisch ...«

was die ganze Gesellschaft im Schneehaus unter Jubel mitsprach. Werner, der sich in dem Fliflaflederwisch allemal verwickelte, goss vor lauter Vergnügen sein ganzes Teeglas um.

»Jetzt der Werner! der Werner muss etwas aufsagen!« riefen alle.

Marianne rückte zu ihm hinüber, um ihm zu helfen. Aber Werner sah stolz im Kreise herum und sagte:

»Ich – ich kann: Adam hatte sieben Söhne –«

Weiter wusste er nicht; aber es war auch nicht nötig.

»Ja, ja! Werner hat recht! Wir machen, ›Adam hatte sieben Söhne‹! Wer fängt an? Ich –« riefen die fünf durcheinander.

»Wartet! zuerst kommt noch etwas –« sagte Rudolf und stieg auf die Bank, um die Papierlaternen anzuzünden, obgleich es noch nicht dunkel war.

»Und die Mützen, Rudolf, die Mützen!« rief Sylvia.

Sie nahm aus dem Korbe sechs bunte Papiermützen, die an Neujahr in den Knallbonbons gesteckt hatten.

»O, Sylvia«, schrie Lotti, »bitte, mir die weisse Haube!« Sie setzte rasch eine Altfrauenhaube auf, an deren Seiten lange lila Bänder flatterten.

Marianne bekam eine rote Jakobinermütze, Hans einen Zweispitz, den er quer auf den Kopf setzte wie Napoleon. Rudolf hatte ein gelbes Chinesenhütchen, und dem Werner setzte man ein viereckiges englisches Doktorbarett auf. Sylvia aber prangte in einer weissen Narrenkappe. Um den Hals hatte sie sich noch eine breite papierne Krause gebunden. Die Kinder lachten hell auf, als sie einander ansahen.

Dann begannen sie alle recht laut und übermütig:

»Adam hatte sieben Söhne,
Sieben Söhne hatt' Adam.
Die assen nicht und tranken nicht
Und machten all ein schief Gesicht
Und machte alle so –«

Bei dem So –! musste jedes der Reihe nach irgendeine Gebärde oder Hantierung vormachen, die von der ganzen Gesellschaft nachgeahmt wurde, so lange das wiederbegonnene Lied dauerte.

Marianne, die zuerst dran kam, hielt Arme und Hand, als ob sie Geige spielte. Mit der Rechten musste man auf und niederfahren, mit der Linken fingern und dazu den Kopf auf die Seite legen.

Als die Reihe an Hans war, drückte er beide Fäuste in die Augen wie ein kleines Kind und fing mit weinender Stimme den Adam an, und alle schluchzten das Lied mit.

Immer übermütiger wurden die Kinder. Rudolf stieg auf die Schneebank und fing an, in gebückter Stellung auf und abzuhüpfen, wie ein Kobold, und die andern hüpften lachend mit. Bei Lotti aber musste man tun, als ob man schliefe; eins lehnte sich ans andere und nickte mit dem Kopf.

Keines merkte, dass es auf einmal heller wurde in der Schneehütte. Die eine der Lampen, die an der Decke befestigt waren, hatte einen Stoss bekommen. Sie hing schief, und das Papier fing an zu brennen. Schnauzel als einziger Vernünftiger sah, dass da oben etwas nicht in Ordnung war. Er hatte sich aus dem Tumult heraus an den Eingang der Hütte geflüchtet und bellte jetzt heftig gegen die Flamme hinauf; aber die Kinder in ihrer Ausgelassenheit achteten nicht auf Schnauzel.

Plötzlich fiel die ganze brennende Lampe herunter. Sie fiel gerade auf Sylvias Kappe und von da auf ihren breiten Kragen; beides loderte hell empor. Die Kinder schrien laut auf; Lotti, die neben Sylvia sass, stiess die brennende Lampe weg, die nun aber gegen Werner flog, so dass sein Barett ebenfalls zu brennen anfing. Ausser sich vor Entsetzen drängten die Kinder hinaus aus der Hütte.

Marianne hatte so viel Besinnung, dass sie Werner das Barett herunterriss und ihn mitzog. Rudolf hatte Sylvias Kappe fortgeschleudert; aber schon brannten ihre Haare und das Tuch, das sie um die Schultern geschlungen hatte.

Wie wahnsinnig stürzte Rudolf gegen das Haus:

»Sylvia brennt! Sylvia brennt!«

Überall um den Hof öffneten sich Fenster:

»Was ist! Um Gotteswillen, ein Kind – ein Kind brennt! Hilfe, Hilfe!«

Hans rannte rechts hinüber:

»Ulrich! Ulrich!« Vielleicht war Ulrich in der Nähe.

Aber hinter Hans gellte das Geschrei Sylvias. So entsetzlich hatte Hans noch nie schreien hören. Plötzlich fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Sinn: Nein! so fortrennen und um Hilfe rufen, das ist nichts! ich muss Sylvia selber helfen –

Schon hatte er sich umgewendet. Mit ausgestreckten Armen, ganz in Flammen lief Sylvia auf ihn zu. In den Schnee – in den Schnee werfen! Hans wusste nicht, hatte ihm das jemand zugerufen oder kam's ihm von innen: er stürzte sich auf Sylvia, so dass sie hinfiel und Hans mit ihr. Die Flamme schlug ihm entgegen; es war ihm als ob sein ganzes Gesicht zu lodern beginne. Eine Todesangst überkam ihn: Jetzt verbrenne ich auch – beide müssen wir verbrennen –! Aber er liess nicht los. Er warf sich mit seinem ganzen Körper über Sylvia und versuchte mit den Händen die Flammen zu zerdrücken ...

Jetzt hörte er eine Männerstimme hinter sich. Er fühlte, dass man eine nasse Decke auf ihn und Sylvia warf. Dann half ihm jemand in die Höhe. Herr Zurbuchen vom Goldenen Degen kniete zu der wimmernden Sylvia nieder, um die Funken zu ersticken, die überall in den Kleidern glimmten.

Das Dienstmädchen von Herrn Lorez kam herzugestürzt: »Mein Gott! mein Gott!«

Der ganze Hof füllte sich mit Menschen; denn das Schreckensgeschrei der Kinder war bis auf den Kornplatz hinausgedrungen. Alles rief und fragte durcheinander:

»Was ist geschehen? Was –? Ein Kind verbrannt –?«

»Nein, nein! keine Rede davon!« rief Herr Zurbuchen laut; denn jetzt sah er Herrn Lorez herbeieilen.

Herr Lorez konnte nicht sprechen. Er schlug die Hände zusammen. Dann streckte er sie nach seiner Sylvia aus.

Herr Zurbuchen legte ihm das Kind behutsam auf die Arme. Sylvia hielt stöhnend den Kopf zurückgebeugt, als ob sie immer noch im Entsetzen vor den Flammen wäre.

»Fassen sie sich, Herr Lorez«, sagte der alte Herr. »Es ist gnädig abgelaufen! Die langen blonden Haare zwar sind fort, und Brandwunden tun weh –« Er streichelte mitleidig die Achsel des Kindes, von der ein Stück des verbrannten Ärmels herunterhing. »Es hätte schlimm gehen können. Wenn der da nicht gewesen wäre – wir andern wären vielleicht zu spät gekommen –«

Die Blicke aller Umstehenden wandten sich zu Hans Turnach, der mit versengtem Haar dastand und die Zähne zusammenbiss vor Schmerzen an Gesicht und Händen.

»Hat er das Kind gerettet? Wem gehört er? Turnachs! In den Schnee hat er es gedrückt! Dass ihm das eingefallen ist –! Ja und dass er den Mut hatte! Es will etwas heissen, so grad ins Feuer hineinzugreifen –! Ein wackerer Bursch –« So ging es durcheinander unter den Leuten, die Hans umringten, während man Sylvia ins Haus trug.

Herr Turnach, der auch herbeigekommen war, wollte die Kinder heimnehmen. Aber Hans kam fast nicht fort von den Leuten. Er sollte sagen, wie alles zugegangen; man besah seine Hände und seine verbrannte Bluse und klopfte ihm auf die Schulter.

Und zu Hause, wo Mama grade durch die Mägde von dem Unglück gehört hatte, ging das Erzählen erst recht an.

»Mama, es war entsetzlich«, riefen Marianne und Lotti. »Und Hans hat sich gar nicht gefürchtet! Er ist auf Sylvia losgerannt und hat sie an den Boden geworfen! Und alle haben gesagt, das sei sehr klug gewesen –! Mama, hätte Sylvia sterben müssen, wenn Hans sie nicht gelöscht hätte –?«

Mama schauderte bei dem Gedanken, in welcher Gefahr alle sechs Kinder gestanden. Aber Werner lief auf sie zu:

»Ich bin auch ein wenig angebrannt, Mama! Riech meine Haare! Aber dann bin ich schnell fortgesprungen! Marianne, ist die Doktorkappe ganz verbrannt –?«

Mama gab dem törichten kleinen Buben einen Kuss und holte dann rasch Öl und Watte, um Hansens Hände zu verbinden. Die verbrannten Stellen schmerzten Hans immer stärker; aber im Herzen war ihm sehr wohl zumut. Papa war auch mit heraufgekommen und lobte ihn. Und Papa lobte einen nicht oft. Hans sass auf dem Sofa und trank das Himbeerwasser, das Balbine brachte. Balbine blieb im Zimmer stehen und erzählte eine schreckliche Geschichte aus ihrem Dorfe, wo ein kleiner Bub verbrannt sei, weil die andern Kinder alle weggelaufen waren.

Als Hans den andern Morgen mit seinen verbundenen Händen zur Schule ging, rannten ihm schon auf der Brücke Schürmann, Binder, Villeiner und noch ein paar andere aus seiner Klasse nach.

»Ist's wahr, Turnach –? Die Schwester von Rudolf Lorez sei fast verbrannt und du habest sie gerettet –? Herrschaft! wie du aussiehst –! Vorn alle Haare weg und gar keine Augenbrauen mehr! Tut dir die Hand arg weh –? Jetzt musst du heut nicht schreiben in der Aufsatzstunde! Ist deine Bluse auch angebrannt?«

So stürmten sie auf ihn los, und die Schar von Neugierigen und Bewundernden, die sich um Hans drängten, wurde immer grösser, je näher man dem Schulhause kam.

»Ich wollte, ich wäre dabei gewesen, Hans!« sagte Karl Binder. »Ich hätte dir geholfen. Es ist fein, so etwas zu tun!«

»Ich bin nur froh, dass es einer aus unserer Klasse gewesen ist und nicht einer aus dem B«, rief Kolb, der Hans die Schulmappe trug. »Die sind sonst schon immer so hochmütig!

Dort kommt Herr Altschmid! vielleicht weiss er es noch nicht –« Kolb sprang Herrn Altschmid entgegen.

Herr Altschmid vernahm erstaunt und erfreut die Geschichte. Er nickte Hans zu.

»Das ist schön, Turnach. Das hast du brav gemacht.«

Als Hans in der Pause mit den andern durch den Korridor ging, sah er die Lehrer beisammen stehen und merkte, dass sie von ihm sprachen. Herr Altschmid zeigte auf ihn.

Abends kam Herr Lorez ins Turnachhaus herüber. Er erzählte, dass der Arzt Sylvias Zustand nicht schlimm gefunden hatte. Und in seiner Freude und Dankbarkeit überreichte er Hans zur Erinnerung eine schöne silberne Uhr. Hans war ganz betreten vor Überraschung und Glück.

Am nächsten Tage aber trat Papa mit der offenen Zeitung in die Stube.

»Da –« sagte er halb lachend, halb unmutig. »Das geht nun fast zu weit –«

In dem Blatt stand auf der dritten Seite folgendes zu lesen:

»Beinahe wäre vorgestern abend ein junges Menschenleben dem Feuer zum Opfer gefallen. Durch die Unvorsichtigkeit spielender Kinder geriet eine Papierlaterne in Brand und entzündete die Kleider eines kleinen Mädchens. Ein elfjähriger Knabe aus der Nachbarschaft aber warf sich beherzt und mit grosser Geistesgegenwart auf die brennende Kleine, und es gelang ihm, die Flammen im Schnee zu ersticken. Diese unerschrockene Tat verdient Anerkennung.«

Marianne und Lotti waren fast ebenso stolz wie Hans. Sie zogen sich gegenseitig die Zeitung aus den Händen und lasen die Notiz so lange, bis sie sie auswendig konnten. Sophie, Balbine und Ulrich nahmen auch Anteil. Balbine kaufte sich eigens die Nummer des Blattes und schnitt die Stelle heraus, um sie vorn in ihren Kalender zu kleben.

»Werd' mir nur nicht eingebildet, gelt, Hans?« sagte Mama.

Hans versprach es. Aber ein wenig des Ruhmes sich freuen durfte man schon.

Hans hatte keine Ahnung, dass er bald darauf recht beschämt und gedemütigt vor seiner Mama stehen würde.

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