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Die Turnachkinder im Winter

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Winter - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Winter
senderhille@abc.de, noname@abc.de
created20010614
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DAS ALTE JAHR GEHT ZU ENDE

Am folgenden Morgen wurde im Tageslicht alles aufs neue mit Jubel begrüsst und bewundert, probiert und ringsum gezeigt. Dann aber begannen Marianne und Lotti gleich mit der Puppenstube zu spielen. Die Familie wurde zum Frühstück an den Tisch gesetzt. Die Puppenmama aber hörte nebenan schreien und ging, um das Kleinste aus dem Schlafzimmer zu holen. Dann kam Besuch: Die drei Badepuppen, die im Winter Kleider trugen wie andere Leute, erschienen, um die neue Wohnung zu betrachten.

»Einen Garten haben Sie wohl nicht?« fragte die Älteste der Badepuppen.

»Nein«, antwortete der Familienvater. »Im Sommer ziehen wir immer aufs Land –«

»Lotti«, unterbrach Marianne das Spiel, »wir könnten das wirklich machen! Wir machen den Umzug in die Seeweid – .« Sie lief zu Haus. »Hans, wir brauchen das Schiff! Es muss alles aufgeladen werden!«

Hans sass auf seinem Schlitten, vertieft in »Sigismund Rüstig«»»Stör' mich nicht immer!« sagte er und las die Stelle fertig, wo der treue Steuermann von dem Wilden tödlich verwundet wurde, als er für die belagerte Familie Seagrave Wasser holte. Dann aber sah Hans hinüber zu der Puppenstube und klappte das Buch zu.

»Ihr müsst es richtig machen«, sagte er. »Ihr braucht den langen blauen Teppich, der den See vorstellt, und dann sollte eine Treppe gebaut werden –«

Marianne brachte den Teppich, während Hans eine breite Treppe herstellte, die vom Fenstertritt herunterführte. Hier landete das Schiff, das einen flachen Boden hatte, und nun wurde der sämtliche Hausrat die Treppe hinunter auf das Schiff geschafft. Als alles hochgetürmt aufgeladen war, setzte sich die Familie oben auf das Sofa und den quergelegten Schrank, und das Schiff fuhr, von Hans an einer Schnur gezogen, ab. Zuerst ging es friedlich und in gerader Linie nach dem Moosgärtchen unter dem Christbaum, das die Seeweid vorstellte. Dann aber geschah, was noch nie begegnet war, so oft man in Wirklichkeit schon zur Seeweid gezogen war: Es erhob sich ein starker Sturm und Wellenschlag, verursacht durch Marianne und Lotti, welche anfingen, an dem Teppich zu ziehen und zu schütteln. Hans liess die Schnur los, so dass das Schiff nicht mehr vorwärts kam, sondern, ganz den Wellen preisgegeben, immer stärker hin- und herschwankte.

»Jetzt kommt eine furchtbare –!« rief Marianne, indem sie den Teppich aufwarf.

»O!« schrie Werner, der auch dabei stand, und im selben Augenblick schlug das Schiff auf die Seite. Alle Habe und, was noch schlimmer war, die ganze Familie stürzte ins Wasser. Es gab ein lautes Jammergeschrei.

Der Puppenvater benahm sich heldenhaft. Er rettete die drei kleinen Mädchen, während die Mutter, obgleich sie in ihrem langen Kleid nicht so gut schwimmen konnte, das jüngste Kind ans Land brachte. Die zwei Ältesten mussten sich selber heraushelfen. Endlich war die ganze Familie auf dem Trockenen und konnte daran denken, die Möbel zu retten. Unter Hallo und mit langen Stangen – Hans und Marianne holten ihre Lineale – wurde alles aufgefischt und wieder aufgeladen. Der See hatte sich beruhigt, so dass die Fahrt fortgesetzt werden konnte.

Da klopfte es: Rudolf und Sylvia traten ein.

»Ah – ein Schiff!« rief Rudolf. »Famos, der Schlitten! Zeig, was für Bücher – ich habe Gullivers Reisen bekommen! Ha – der feine Baukasten!«

Sylvia geriet in Entzücken über das Wickelkind. Die ausgeräumte Puppenstube nahm sich gerade nicht sehr vorteilhaft aus, der Kaufladen um so mehr. Bei ihm blieben die Mädchen stecken. Marianne war die Verkäuferin; Lotti und Sylvia verlangten Zuckerstöcke, getrocknete Kirschen und Butter, der durch kleine Marzipanstücke dargestellt war.

Erst ging es ganz hübsch und vernünftig zu. Marianne fragte mit höflicher hoher Stimme nach den Wünschen von Frau Lorez und Frau Turnach und gab jedesmal für die Kinder zu Hause ein paar Zuckererbsen mit. Dann aber, als die Herren Hans und Rudolf auch kamen, wurde es sehr lebhaft. Lotti musste als Ladenfräulein mithelfen, um so mehr, als es sich herausstellte, dass der kleine Gehilfe Werner schrecklich stahl. Marianne und Lotti hatten alle Hände voll zu tun; das Ladenglöcklein schellte beständig. Nach und nach wurden die beiden Herren immer unbescheidener; sie zogen selber die Rosinenschublade auf und nahmen Schokoladezigarren von den Gestellen, so dass Marianne sich zuletzt breit vor den Laden stellte und rief:

»Jetzt kriegt überhaupt niemand mehr etwas! Es ist zwölf Uhr und der Laden wird geschlossen!«

»Ja, und wir müssen eigentlich heim«, erwiderte Rudolf. »Wir wollten nur abreden für den Nachmittag. Also um zwei Uhr, Hans, am Breitenbergweg! Da saust's nur so!«

Als Hans, Marianne und Lotti nach dem Essen mit dem neuen Schlitten und dem kleinen alten auszogen und zum Breitenberg kamen, tönte ihnen schon von weitem der laute, langgezogene Ruf: »Aa – b!« entgegen, ohne den keiner den Weg herunterfuhr.

Eine Menge bekannter Buben und Mädchen waren da. Hansens Freunde liefen auf ihn zu. Die neuen Schlitten wurden besichtigt und verglichen, und rasch ging's den Berg hinauf.

Die Mädchen folgten mit Sylvia, Lily Rabus und andern. Man hatte sich schrecklich viel zu erzählen und zu zeigen.

»Aa – b! aa – b!« schrie es beständig. Nur mit Mühe kam man vorbei an den Dahersausenden.

Aber dann setzte man sich selber auf den Schlitten. Hui! wie das schoss! wie das flog –!

»Aa – b!« schrie Lotti aus vollem Halse, während Hans lenkte.

Der ängstlichen kleinen Sylvia ging es fast zu wild.

»Nicht so schnell, Rudolf!« rief sie, als sie sich hinter den Bruder setzte.

»Das ist grade gut für dich. Jetzt kannst du lernen, ein wenig mutig sein!« entgegnete aber der Bruder und steuerte drauflos.

Sowie man unten war, ging's von neuem hinauf und wieder in einem Schuss talwärts – oder auch einmal auf die Seite in den tiefen Schnee, oder gar in einen andern Schlitten hinein, worauf gewöhnlich eine von beiden Parteien den Rain hinunterkollerte.

Ein paarmal wäre aus solch einem Zusammenstoss fast Streit entstanden.

»Heh da! gebt doch acht, wo ihr hinfahrt!« riefen ein paar Buben, die mit Lotti und mit Hedwig Zohner zusammengeprallt waren.

»Gebt ihr selber acht!« erwiderte Lotti, indem sie aus dem Schnee herauskroch. Wenn sie im Recht war, liess sie nichts auf sich sitzen.

Aber als sie den einen der Buben ansah, lachte sie. Das war ja der Haubinger aus Hansens Klasse, dem sie im Herbst die Rübenlaterne geschnitzt hatte.

»Ja so!« sagte Haubinger und lachte auch, und nach einer Weile, als Lotti grade weder auf Hansens noch auf Mariannes Schlitten Platz fand, lud er sie ein, einmal mit ihm links den noch steileren Rotackerweg hinunterzufahren.

»Aber du heulst dann nicht, wenn es uns an der Ecke über den Wegrand hinausnimmt«, machte Haubinger zur Bedingung.

»Nein, ich heul' nicht!« versicherte Lotti. »Aber wenn es recht rasch geht, so schrei ich, weil's so lustig ist!« womit Haubinger einverstanden war.

An gewöhnlichen Tagen kostete es immer eine Überwindung, sich, wie Mama es wollte, um halb fünf Uhr von der Schlittbahn zu trennen. Heute aber, als es auf dem Kirchturm halb schlug, fiel den Turnachkindern die ganze Herrlichkeit zu Hause ein, und eilig kehrten sie zu ihren Weihnachtstischen zurück. –

Diesem ersten schönen Feiertage folgte eine ganze schöne Woche. Es gab so viel zu spielen, zu hantieren, zu lesen, dass man gar nicht zu allem Zeit fand. Am zweiten Feiertag liess Papa sich erbitten, mit den Kindern zu bauen. Papa baute prachtvoll. Zu dem grossen Baukasten, den die Kinder schon besassen, war dies Jahr ein neuer hinzugekommen mit einer Menge Hölzer, vom längsten zehnteiligen bis hinunter zum Einerwürfel. Dann waren auch Bogen da, abgeschrägte Stücke und sogar einige Säulen.

Papa nahm ein Buch, blätterte eine kurze Weile darin und sagte dann entschlossen:

»Heute bauen wir das Grabmal des Theodorich!«

»Ja, Papa! das Grabmal des Theodorich!« stimmten die Kinder zu, überzeugt, dass das etwas sehr Schönes werde. Das Bild zeigte ein grosses tempelartiges Gebäude.

Und nun ging die Arbeit an. Es wurden acht Grundpfeiler erstellt.

»Sorgfältig, Hans! Fest gefügt, damit nichts einstürzt!« sagte Papa, während er die Rundbogen auswählte.

Marianne und Lotti mussten die Bauhölzer zutragen.

»Einen Zehner –! zwei Achter –! drei Vierer –! vorwärts!« befahlen Papa und Hans. »Einen Siebener, Lotti! Soll das ein Siebener sein –!«

Die Mädchen kamen kaum nach mit Zählen und Herbringen. Werner rannte auch hin und her als Maurerbub und trug dem Papa immer grade die Hölzer zu, die er nicht brauchte.

Der Bau wuchs indessen stolz heran. Ringsum über den Rundbogen gab es einen Umgang.

»Da konnte Theodorich spazieren«, sagte Lotti.

»Ach, Lotti«, entgegnete Hans, »als König Theodorich in das Grabmal kam, war er doch tot.«

»Schade!« sagte Lotti.

»Ist er eigentlich schon lange tot, Papa? Hatte er ein grosses Reich? Führte er viele Kriege?« fing nun Hans an zu tragen.

»War er ein guter König? Hatte er auch Kinder? Wie hiessen sie?« wollte Marianne wissen.

»Halt, halt!« rief Papa und griff sich an den Kopf; denn das waren etwas viel Fragen auf einmal.

Aber dann erzählte Papa, während er weiterbaute, was für ein weiser und mächtiger König dieser Theodorich gewesen sei.

»Und auch ein guter König war er, Marianne, wenngleich es zu seiner Zeit nicht ohne Gewalt und Grausamkeit abging ...«

Jetzt kam das Dach. Das war die grösste Schwierigkeit; aber Papa brachte alles zustande. Statt der Kuppel, die mit den eckigen Hölzern nicht zu bauen war, liess Papa das Dach in flachen Stufen auslaufen. Oben errichtete Hans ein Kreuz. Das vollendete Gebäude, das auf der grossen umgestürzten Kiste wie auf einem Felsen stand, sah prächtig aus.

»Hans«, rief Marianne, als die drei immer wieder durch die Bogen in das dunkle Innere guckten, »wir müssen einen wirklichen König Theodorich hineinlegen!«

Sie lief zur Puppenstube und holte den Puppenvater, der mit seiner winzigen Zeitung friedlich auf dem Sofa sass. In seiner braunen Joppe konnte er zwar natürlich nicht den König Theodorich vorstellen. Aber Marianne besass in ihrem Kommödchen, das Grossmama mit allerlei Stoffen für Puppenkleider angefüllt hatte, ein Stückchen dunkelroten Samt. Das gab den Königsmantel. Aus einem Goldbörtchen machte Marianne eine kleine Krone, und so wurde der Puppenvater seiner Familie entrissen und in die Gruft gelegt auf das Totenlager, das Hans aus vier Bauhölzern hergestellt hatte.

»Wie feierlich!« riefen die Kinder.

»Jetzt sollten wir es noch von innen beleuchten!« sagte Hans. »Mama, wenn wir das Nachtlicht haben könnten mit dem blauen Glas!«

Das Nachtlicht wurde geholt und in die Gruft gestellt, wo es die Nacht hindurch brennen sollte. Damit man aber wisse, wie das in der Dunkelheit aussehe, musste die gute Mama auf ein Weilchen die Lampe löschen. Es war geheimnisvoll wie ein schönes Märchen, wenn man in das Grabgewölbe schaute: Das bläuliche Licht fiel auf die Pfeiler der Gruft und auf die Krone des Theodorich, der still dalag, bedeckt von seinem langen roten Königsmantel.

»Mama, ich wollte, der Tag hätte hundert Stunden!« rief Marianne. »Wir haben gar nicht gewusst, wie nett das ist, das Kneten –«

Auf Mariannes Tisch war eine Schachtel mit Modellierwachs gestanden, und heute hatten die Kinder sich darüber gemacht. Sie kneteten Wecken, Hörnchen, Bretzeln, ganze Bäckerauslagen, dann Pilze, Äpfel und Zwetschgen. Hans wurde unternehmend und ging an ein Pferd; aber das war nicht leicht. Immer wenn er zur Probe die Schwestern fragte, erklärte Lotti:

»Das ist eine Ziege!« oder »ein Tiger!« oder »ein Hase!« Fast wäre Hans ärgerlich geworden.

»Aber dass das ein Elefant ist, siehst du vielleicht!« sagte er nach einer Weile neuer Bemühung und zeigte eine Gestalt, die man. an dem langen Rüssel, an den mächtigen Beinen und den Schlappohren sofort erkannte, und die Lotti denn auch geziemend bewunderte.

Marianne hielt sich an die niedrigern Tiere und brachte eine Schlange zustande mit gehobenem Kopf und aufgesperrtem Rachen, auch einen Molch und eine nette Schildkröte.

Lotti vertiefte sich nun ebenfalls in die Arbeit.

»Ich will euch etwas sagen«, erklärte sie. »Ich mache Menschen; das geht am leichtesten.«

Und kühn nudelte sie Arme und Beine zurecht; eine dickere Nudel gab den Leib, eine Kugel den Kopf –

»Haha, er steht!« lachte Lotti zufrieden, bog dem Burschen den Arm und gab ihm einen Schneeball in die Hand.

»Greulich!« sagten Hans und Marianne.

Aber dann bekamen sie auf einmal auch Lust, solche Buben zu kneten. Eine ganze Schar entstand allmählich. Marianne formte einen, der sich weit vorlegte mit gebeugtem Knie; er hatte kurze Hosen und eine Mütze. Hans fabrizierte zwei, die sich in die Haare kamen. Daneben brachte Lotti einen an, der auf dem Boden lag und die Beine in die Höhe streckte. Es ging immer hitziger:

»Ich mach einen auf einem Schlitten – so – er muss recht nach hinten liegen. – Und ich einen, der einen grossen Schneeball rollt – zu einem Schneemann –!«

Marianne verlegte sich auf Mädchen, die zwar wegen der Röckchen etwas beschwerlicher waren. Am liebsten hätten die Kinder den ganzen Tag geknetet. Aber anderes lockte auch wieder. Darum hatte Marianne ausgerufen:

»Mama, ich wollte, der Tag hätte hundert Stunden!«

Doch die schöne Zeit flog unaufhaltsam dahin. Nicht einmal mehr das Jahr hatte hundert Stunden. Übermorgen war schon Silvester.

Der Silvester war ein ganz besonderer Tag bei den Turnachkindern. Da musste man sehr früh aufstehen, noch bei stockdunkler Nacht. Wer zuletzt war, hiess Silvester und bekam eine Musik vor seiner Türe. Die Kinder flehten am Abend, dass man sie doch ja wecke. Keins wollte Silvester sein. Diese Rolle übernahm auch dies Jahr wieder Papa, der sonst so früh aufstand.

»Ssst – ssst!« flüsterte Hans, als die Schwestern die Treppe heraufkamen. Man verständigte sich durch Gebärden. Werner zwar, der auch dabei war, wollte alle Augenblicke etwas sagen, so dass Marianne ihm den Mund zuhalten musste. Sie stellten sich vor Papas Türe auf.

»Jetzt!« flüsterte Hans, und nun hub ein ganz schreckliches Konzert an:

Hans hatte Theodor Hahns Posthorn: »Tetteretäng! tetteretäng!« schmetterte er drauflos. Marianne benutzte zwei blecherne Pfannendeckel als Cinellen: »Ratatschin, ratatschin!« Lotti schlug die Trommel, so fest sie nur konnte, und Werner blies auf einer kleinen Pfeife, die in den höchsten Tönen quiekte. Es war ein Spektakel, der bis in den Hof hinausdrang.

»Wie geht's denn bei euch zu?« rief der Koch vom Goldenen Degen herüber.

»Unsere Kinder machen Silvester!« gab Ulrich zurück, indem er vor sich hinlachte.

Die fürchterliche Musik dauerte ein gutes Weilchen. Dann hielten die Kinder inne und sahen einander sehr befriedigt an.

»Jetzt aber noch etwas Nettes!« schlug Marianne vor. »Jetzt singen wir das Guggulied!«

Das Guggulied hatte Mama den Kindern gelehrt, und das Besondere daran war, dass eines nach dem andern einsetzen musste. Marianne begann:

»Erwacht ihr Schläfer drinnen!
Der Kuckuck rufet laut
Hoch von den Bergeszinnen
Die helle Sonne schaut ...«

Dann kam Lotti, und als Marianne nur noch »Guggu, Guggu ...« zu singen hatte, fing Hans an. Es klang sehr hübsch ineinander und ging immer wieder von vorn an, bis Papa herauskam und in die Hände seiner wilden Kinder fiel, die ihn unter lautem: »Silvester! Silvester!« die Treppe hinunterzogen.

Auf dem Frühstückstische lagen viele Glückwunschkarten und Briefe, auch einer von Otto aus Larstetten.

»Lieber Freund und Vetter«, schrieb Otto. »Ich habe ein Vergrösserungsglas bekommen und ein Tivolispiel und einen prachtvollen Werkzeugkasten und einen Wettermantel und noch vieles. Wenn ich die Farbenstifte aus dem Etui einzeln zähle, so sind es neunzehn Sachen. Edith gibt dem Peter Stunden. Er soll lernen sagen: Guten Morgen Turmsette. Aber er kann es nicht. Er sagt bloss: Korokikoh. Am letzten Dienstag ist es ihm ganz verleidet, und er hat Edith in die Nase gebissen. Jetzt trägt Edith ein Stückchen Heiltaffet auf der Nase, extra ein schwarzes. Sie hat gesagt, damit man es besser sehe. Die Turmsette geht vielleicht im Frühling nach Amerika. Es grüsst dich freundlich Dein Dich liebender Vetter Otto.

Mama hat gesagt, ich hätte gratulieren sollen. Also, ich wünsche euch allen viel Glück zum neuen Jahr.«

Hans setzte sich sofort zur Antwort hin, während Marianne und Lotti auf Mamas Geheiss die Weihnachtssachen aufräumten. Nur der Christbaum, an dem allerdings kein einziges Zuckerherz, kein Quittenring oder Schokoladestern mehr hing, blieb da; er war noch so schön grün und duftete so gut.

Und das Grabmal des Theodorich, das nebenan stand, musste nun wirklich abgetragen werden? Mama sagte, es nehme zu viel Platz weg. Aber Marianne und Lotti konnten sich gar nicht entschliessen, den prächtigen Bau zu zerstören. Vielleicht doch bis zum Abend durfte er bleiben; oder bis morgen –?

Da führten Werner und Schnauzel zusammen unversehens die Entscheidung herbei. Schnauzel war ein gutmütiger Hund; er konnte jedoch nicht leiden, wenn man ihm eine lange Nase machte, wie es eben jetzt der kleine Werner tat, der hinter dem Grabmal stand. Ärgerlich schoss Schnauzel heran, stellte die Vorderfüsse auf die Galerie – und im selben Augenblick stürzte das ganze Gebäude mit grossem Gepolter zusammen, Dach, Rundbogen, Säulen und alles!

»Hallo!« schrie Hans und fuhr von seinem Briefe auf.

Schnauzel schaute sehr bestürzt drein und bewegte reumütig seinen Schwanz. Plötzlich aber erblickte er den kleinen König zwischen den Trümmern, packte ihn am Sammetmantel und brachte ihn Hans. Wenn er apportierte, wurde er immer gelobt. Die Kinder lachten.

»Eigentlich hat der Schnauzel es ganz richtig gemacht!« rief Hans. »Papa hat ja gesagt, es sei damals sehr wild und gewalttätig zugegangen. Wo hast denn du Geschichte studiert, Schnauzel?«

Marianne aber nahm den Puppenvater und brachte ihn wieder in seinen Familienkreis zurück, wo er erschöpft auf dem Sofa liegen blieb. Was hatte er nicht alles erlebt in der kurzen Zeit! Erst das Schiffsunglück, dann die einsamen Nächte in der Gruft, jetzt den fürchterlichen Zusammensturz und schliesslich den Schrecken, als das Riesentier ihn packte!

Am Abend durften die Kinder mit Grossmama in die Kirche. Als man eintrat, sassen schon viele Leute rechts und links in den Bänken. Es war so still und ernst, dass die Kinder auf den Fussspitzen hinter Grossmama hergingen. Die Säulen der Kirche waren mit Tannengirlanden umwunden; überall brannten Lichter, aber so hoch war die Kirche, dass der Schein nicht bis zur Decke drang; die mächtigen Säulen verloren sich oben im Dunkel.

Marianne sass andächtig da und versuchte zu verstehen, was der Herr Pfarrer sagte. Er sprach von den Leiden des Lebens. Marianne hörte hinter sich eine Frau leise schluchzen, und als sie zur Seite sah, bemerkte sie eine andere, der auch die Tränen herunterliefen. Da wurde es Marianne fast bang. Sie dachte, ob sie wohl auch einmal, wenn sie gross und alt sei, so in der Kirche weinen müsse über die Leiden des Lebens.

Hans sass drüben bei den Männern in einem Stuhl mit sehr hoher Lehne. Auch er sah unverwandt hinauf zur Kanzel und fragte sich, ob es nicht schön wäre, statt einem Doktor ein Pfarrer zu werden und in schwarzem Talar mit so ernster tiefer Stimme den Leuten zu predigen, die aufmerksam zuhörten. Da fiel ihm aber ein, dass er selber jetzt ja nicht acht gebe. Er rückte zurecht und horchte, wie der Herr Pfarrer mahnte, man solle auf Gott vertrauen und tapfer, furchtlos und fröhlich sein. Das gefiel Hans gut.

Lotti hatte etwas Mühe, so ganz still zu sitzen. Noch viel stiller als in der Schule sass man da. Aber auf einmal, als der Herr Pfarrer aufhörte zu sprechen, erklang von hoch oben, wo die Orgel war, ein wunderschöner Gesang, tiefe Stimmen und hohe Stimmen, die ineinander jubelten, dann leise wurden und plötzlich wieder laut und mächtig erschallten. Lotti lauschte.

»Gelt, Grossmama, das gefällt dem lieben Gott auch?« flüsterte sie und Grossmama nickte.

»Was ist Kinder! Ihr wolltet mir doch punkt zwölf Uhr ein gutes neues Jahr wünschen –!« rief Onkel Alfred ins hintere Zimmer, wo Marianne und Lotti im Schlafe lagen.

Mama hatte ihn abhalten wollen, die Kinder zu wecken. Aber sie hatten alle drei dem Onkel das Versprechen abgenommen.

»Und dann, Luise«, sagte der Onkel lachend, »sind deine Kinder nicht so zimperlich! Sie schlafen und springen heraus und schlafen wieder weiter – wie's eben grad am Platz ist!«

Der Onkel hatte recht. Die Kinder kamen in Kleider und Decken eingehüllt vergnügt ans Fenster gelaufen, um das Neujahrläuten zu hören, das eben begann. Alle Glocken der Stadt schlugen in brausendem Klange zusammen. Die ganze Luft war erfüllt von den gewaltigen Tönen. Hell hallte es vom Münster her über den Fluss; dumpf dröhnte die tiefe Glocke von der Kirche hinter dem Kornplatz. In allen Häusern brannten Lichter, und auf dem Kornplatz war eine Menge fröhlicher Menschen, die einander zuriefen.

Lotti sah immer zum Himmel auf; sie dachte, in dem Augenblick, wo das Jahr zu Ende sei, müsste da oben irgend etwas vorgehen. Doch die Sterne standen hoch und ruhig wie sonst an dem dunkeln Himmel. Da begannen aber plötzlich von unten Lichtkugeln aufzusteigen; wie Blitze fuhren sie empor und fielen in blauen, roten und grünen Sternen oder in einem prächtigen Funkenregen herab.

Jetzt schlug es zwölf Uhr.

»Viel Glück! viel Glück!« riefen die Kinder und die Erwachsenen und stiessen mit den Punschgläsern an, in die Mama den Kindern warme Limonade gegossen hatte.

Werner in der Hinterstube war auch wach geworden.

»Wernermann«, rief Hans ihm zu. »Nun ist das alte Jahr fort und davon! Was tun wir jetzt?«

Wernermann sah mit verwunderten Augen drein und besann sich.

»Aber es kommt wieder ein anderes, gelt, Mama?« fragte er.

»Ja, mein Wernermännchen, es kommt ein anderes, hoffentlich ein recht gutes, gesegnetes!« sagte Mama, worauf der Kleine befriedigt sich wieder zum Schlafen hinlegte.

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