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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Ferien.

»Seht ihr, wie gut unsere Jahruhr geht? Das Korn wird gelb, und in acht Tagen haben wir Ferien!« sagte Marianne an einem Montag auf dem Schulweg.

»Ferien, Hans, Ferien!« rief Lotti. »Ich freu' mich schrecklich! So freu' ich mich, Marianne –« und Lotti fasste die Schwester so fest um den Hals, dass Marianne kaum mehr atmen konnte.

Die Turnachkinder lernten gut in der Schule und hatten Lehrer und Lehrerin gern. Manchmal stritten sie sogar: Hans meinte, sein Herr Altschmid wisse und mache alles am besten, während Marianne Fräulein Heller lobte und Lotti behauptete, ihre Lehrerin sei die allernetteste.

»Gestern«, erzählte Lotti, »in der zweiten Stunde hab' ich auf einmal lachen müssen. Das ist schrecklich! Man weiss gar nicht warum, und man muss immer weiter lachen! Hihihi! immer weiter, wenn man gar nicht will! Also dann wurde Fräulein Matthias zuerst ein wenig böse und sagte streng: ›Lotti Turnach, kannst du nicht aufhören zu lachen?‹ ›Nein, Fräulein Matthias‹, hab' ich gesagt, ›ich will schon immer; aber ich kann nicht!‹ Da hat Fräulein Matthias auch ein wenig lachen müssen, nur so in einer Ecke vom Mund, aber man hat's doch gesehen, und hat gesagt, ›Also, nun darf Lotti Turnach lachen, bis sie zu Ende ist!‹ Da sahen mich alle Kinder an und lachten auch. ›So‹, sagte dann Fräulein Matthias, ›nun bist du, glaub' ich, fertig! Nun geh schnell an die Wandtafel und schreib' den folgenden Satz: Der Wald ist grün.‹ Da musst' ich auf einmal gar nicht mehr lachen, sondern immer denken, ob Wald ein t hat oder ein d.«

»Natürlich hast du ein t gemacht!« neckte Hans.

»Nein, eben nicht! Gar keinen Fehler hab' ich gemacht. Fräulein Matthias hat gesagt: ›Gut, Lotti Turnach! Siehst du, du bist ja ein ganz vernünftiges Kind; manchmal würde man es zwar fast nicht glauben‹ und hat mich freundlich angesehen. Da hab' ich fleissig weiter geschrieben in meinem Heft, bis die Stunde aus gewesen ist.«

»Bei uns geht's nicht so fein zu!« sagte Hans. »Manchmal lässt uns Herr Altschmid auch ein bisschen laut tun. Aber wenn er an sein Pult kommt und ruft: ›Ihr Wetterskerle, wollt ihr augenblicklich still sein!‹ dann lacht keiner mehr. er hat eine Stimme und kann Augen machen –! Aber das mögen wir gern.«

»Wetterskerle – das ist fast ein wenig grob«, sagte Marianne.

»O, bewahre! Das passt gerade für uns, hat Onkel Alfred gesagt.«

Also die Turnachkinder gingen gerne in die Schule. Aber die Ferien waren noch schöner, über alle Massen schön! Fast schien es, als wolle die letzte Woche kein Ende nehmen; schliesslich wurde es doch Freitag nachmittag.

»Herr Steppinger«, sagte Lotti, als die Kinder um halb zwei in das Schiff stiegen, »nun fahren wir zum letztenmal mit Ihnen in die Stadt, und dann vier Wochen nicht mehr. Vier Wochen sind eine ganze Ewigkeit, nicht?«

»Wenn man jung ist, meint man es«, sagte der alte Steppinger gutmütig und griff in seiner ruhigen Weise nach den Rudern.

Am Montag morgen begann denn also die Ewigkeit, die nun mit lauter schönen und lustigen Dingen ausgefüllt werden konnte. Es war schon so behaglich, länger im Bett zu bleiben und mit halbgeschlossenen Augen durch das offene Fenster hinauszublinzeln in die grünen Zweige, die im frischen Winde schwankten.

»Tiu, tiu«, sang die Amsel auf der Silberpappel.

»Ruf du nur«, dachte Marianne. »Du weisst natürlich nicht, dass wir Ferien haben und liegen bleiben können.«

Aber nach einer Weile sprang sie doch aus dem Bette und trippelte zu Lotti hinüber.

Lotti schlief noch fest. Ja, wenn man recht zuhörte, schnarchte sie ein wenig.

»Schnurr, schnurr, schnurr«, machte Marianne leise und dann immer lauter, bis Lotti sich drehte und versuchte, die Augen aufzutun.

»Lotti, Lotti! Es ist höchste Zeit, in die Schule zu gehen.«

Lotti fuhr in die Höhe; aber dann fiel's ihr ein: »Es ist gar nicht wahr, du –! Wir haben ja Ferien!« und sie steckte sich wohlig noch einmal unter die Decke.

»Faulpelz, Faulpelz!« sagte Marianne. Sie wusch sich, zog sich an und lief dann hinüber ins hintere Zimmer:

»Sophie, nun helf' ich dir bei den Kleinen!«

»Gut«, sagte Sophie, »wasch mir einmal da den Werner und kämme ihn schön!«

Das war ein ziemliches Stück Arbeit; denn Werner liebte weder Wasser noch Kamm. Er sträubte sich beim Wasche und machte Grimassen, und man merkte, jetzt ging gleich das Weinen an.

Aber dann begann Marianne selber.

»Huhu – o, das schreckliche kalte Wasser! Der arme Werner! Huhu – jetzt wird die Nase ganz nass, und jetzt geht der böse Schwamm rings um den Hals und nun noch über die Arme – huhu –«

Werner schnitt ein arges Gesicht; aber er weinte nicht; er musste doch hören, was Marianne alles sagte und wie sie »Huhu« machte.

Und weil Werner nun kein Heulpeter gewesen war, erzählte ihm Marianne die lustige Geschichte von den fünf Fingern. Erst bekamen die Finger Gesichter mit Mariannes Blaustift: Zwei Punkte, in die Mitte ein Häkchen und unten einen Strich – so, das waren Augen, Nase und Mund. Nein, wie Werner lachte, wenn die bläulichen Gesichter sich beugten und auf einander losredeten! Der Daumen war eine dicke Bäuerin. Sie hatte vier Knechte, die wollten nicht mehr so früh melken und so viel mähen und so spät noch Holz hacken, sondern lieber Speck essen und Most trinken. Zuletzt nahm der Zeigfinger, der Joggel, eine grosse Wurst und lief davon und die andern Knechte und die Bäuerin hintendrein. O, wie die Finger zappelten und sich streckten, um vorwärts zu kommen, und wie die Bäuerin, weil sie so kurz und dick war, immer die letzte blieb! Nun ging es einen hohen Berg hinauf über Werners Bett und plumps! hinten hinunter. Da lagen sie alle in einem tiefen Graben.

»Hans!« schrie Werner, als der grosse Bruder hineintrat. »Nun sind sie ertrunken!«

»Guten Morgen, Wernermann! Wer denn ist ertrunken?« »Der Joggel, der Käpper, der Melcher, der Dieter und die alte Frau Vrene«, erzählte Werner, stolz, dass er die Namen alle im Sinn hatte.

»Was für eine nette Gesellschaft! Schade, dass sie ertrunken sind, sonst hätten sie mit zum Frühstück kommen können.«

»Sie kommen doch, sie kommen doch! Siehst du, dort laufen sie!« rief Werner, als Marianne hinausging. Er fand es prächtig, nun auch einmal dem grossen Bruder, der ihn so oft neckte, etwas vorzumachen.

Nach einer Weile sassen alle Kinder beisammen zum Frühstück unter dem grossen, alten Birnbaum. Der runde Tisch ging rings um den dicken Stamm. Wer einem gerade gegenüber sass, den sah man nicht; das war immer ein Spass. Und heute hatte man so schön Zeit, zu schwatzen und zu lachen und den Vögeln zuzusehen, die umherflatterten. Der alte Birnbaum wollte auch mittun: Patsch, warf er eine seiner kleinen, grünen Birnen dem Hans in die Tasse, dass die Milch weit aufspritzte, und gleich nachher prallte dem Lotti ein Birnchen auf den Kopf.

»Au!« schrie sie zu dem Birnbaum hinauf. »Du bist aber ein Grober!«

Alle guckten erwartungsvoll, ob der Birnbaum noch weiteres im Sinn habe. Dann fingen sie an, die unreifen kleinen Birnen vom Boden aufzulesen, und eröffneten ein lustiges Bombardement gegen einander. Sophie hatte nur zu tun, die Tassen und den Milchtopf in Sicherheit zu bringen.

»Was habt ihr nun eigentlich für den Vormittag im Sinn?« fragte Mama, als das Kampfspiel zu Ende war.

»Mama«, sagte Lotti, »wir haben ausgemacht, dass wir einmal gar nichts tun wollen. Wir setzten uns bloss an den See und freuen uns, dass wir Ferien haben.«

»So; dann nehmt aber den Werner mit. Beim Nichtstun kann er ja helfen.«

Die vier Kinder liefen zur Seemauer und setzten sich neben einander auf den sonnigen Stein.

»Jetzt sind wir Lazzaroni«, sagte Hans und steckte sich ein Stöckchen zwischen die Zähne, als ob er rauche.

»Was ist das?« fragte Lotti.

»Das sind Italiener. Sie liegen bloss herum und gähnen und essen Makkaroni.«

»Müssen sie nicht in die Schule?«

»Nein. Es sind grosse Leute. In ihrem Lande ist es heiss, und da arbeitet man nicht so.«

»Bekommen sie die Makkaroni umsonst?«

Das wusste Hans selber nicht recht.

»Ach, Lotti«, sagte er, »du frägst immer noch etwas und noch etwas!« Er legte sich der Länge nach hin, mit den Händen unter dem Kopf.

»Fische, ganz viel Fische –« rief Werner, der so weit an den Rand hinausrutschte, als Marianne ihn liess.

Marianne hatte ein Stück Brot in der Tasche und fing an, grosse Brocken hinunterzuwerfen. Die Fische schossen von allen Seiten darauf zu und stiessen an dem Brot herum, wohl dreissig oder vierzig, nicht viel länger als ein Finger, mit blaugrünem Rücken und silberschimmernder Seite.

»Das sind bloss Bläulinge«, sagte Marianne.

Aber unter den schwänzelnden Bläulingen schwamm langsam ein etwas grösserer Fisch mit dunkeln Strichen hin und her. Wenn das Brot sank, tat er einen Schnapp und verschluckte das ganze Stück. Dann schossen die kleinen Fische erschrocken davon. Es war ein Rechling. Aber der kleine Werner war anderer Meinung.

»Das ist ein – Hecht!« erklärte er. Kürzlich hatte er beim alten Lienhard einen Hecht gesehen.

»Nein, Werner –«, Hans machte ein ganz ernsthaftes Gesicht, »das ist ein Walfisch. Wenn der heraufkommt und mit seiner Nase anfängt zu blasen, dann geht ein grosser Wasserstrom über uns weg und schwemmt uns in den See hinaus.«

»O!« sagte Werner und machte grosse Augen. Er konnte nicht recht begreifen, das der Fisch da so etwas Schreckliches anstelle; aber es gab viel Dinge, die sein kleiner Kopf noch nicht begreifen konnte.

Hans und Lotti lachten. Marianne legte den Arm um den Kleinen.

»Nein, nein!« sagte sie. »Hans, warum gibst du ihm doch solche Sachen an!«

»Ja, er sollte nun nach und nach klüger werden und nicht alles glauben«, meinte Hans.

Der kleine Werner war übrigens nicht gekränkt. Es war gar zu schön, dass die Grossen einmal nicht in die Schule liefen, sondern bei ihm blieben.

»Dort ist ein Dampfschiff!« sagte er nach einer Weile und deutete hinaus.

Diesmal war nichts dagegen einzuwenden. Es war wirklich ein Dampfschiff, das daher kam in stolzem, geradem Zuge und mit einem langen Rauchstreifen, der wie ein dunkles Band nachflatterte.

»Das ist das Halbzehnuhrschiff!« sagte Marianne. »Jetzt hätten wir eine Singstunde gehabt und wären mitten in der Rechnenstunde.«

Lotti machte ein nachdenkliches Gesicht.

»So, jetzt sind bereits anderthalb Stunden von unsern Ferien herum –«

Die Kinder sahen einander an und standen wie auf ein Zeichen auf, um zum Haus zurückzulaufen. Werner zottelte hintendrein.

»Mama, Mama!« riefen sie. »Nun sind anderthalb Stunden von unsern Ferien herum, und wir haben noch nichts angefangen!«

»Ich dachte schon«, sagte Mama, »das es euch bald entleiden werde, bloss so zu faulenzen –«

»Wie die Lazzaroni!« fiel Lotti ein. »Wenn wir bis zum Mittagessen nichts tun, bekommen wir dann Makkaroni –?« Lotti sah Mama schelmisch an.

»Nein, mein Kind. Bei uns bekommen Leute, die gar nichts tun, auch nichts zu essen!« sagte Mama.

Hans und Marianne aber fingen an, ernsthaft zu beraten, was man jetzt Schönes unternehmen könnte.

»Ich weiss –« sagte Hans. »Wir gehen in den Stall hinauf! Jakob will schon lang den Verschlag für die Kaninchen ausbessern. – Ich helf' ihm, und ihr nehmt die Kaninchen hinaus und lasst sie grasen. Aber ihr müsst acht geben, dass sie euch nicht fortspringen.«

»Ja, ja!« riefen Marianne und Lotti, »das ist lustig!«

Alle drei rannten zum Gartentor hinaus gerade auf Frau Völkleins Grite los.

»Hui –!« machte diese. »Es ist gut, wenn man fest auf den Füssen steht, sonst rennen einen die Turnachkinder um! Zum Jakob wollt ihr –? Ja, der ist heut' den ganzen Tag in den Kartoffeln.«

Damit ging Grite ins Haus.

»Hans! jetzt fällt mir etwas Nettes ein!« sagte Lotti. »Wir fahren mit dem Wagen zu Mischa. Mama hat Schuhe zum Sohlen, und den Werner nehmen wir mit. Frau Zritschek hat schon immer gesagt, sie möchte gern einmal unsern kleinen Bruder sehen.«

»Zu Mischa fahren! Zu Mischa fahren!« rief Werner. »Sophie, ich muss die schöne rote Schürze anziehen!« Der kleine Mann lief eifrig hinein.

Aber da hatte Mama auch noch ein Wort zu sagen.

»Halt, nicht so hitzig, mein Bub! Zu Mischa könnt ihr morgen und gleich Lottis Stiefel holen, die er heute flickt.«

Nun machte Marianne einen Vorschlag:

»Lotti, hinter der Scheune zwischen den Steinen haben wir doch so feines Moos gesehen und gesagt, wir wollten einen Puppengarten machen auf dem grossen Gläserbrett, weisst du, mit Sandwegen und kleinen Bäumen.«

»Wie fein!« rief Lotti und hüpfte auf einem Bein vor Vergnügen.

»Ja, und ich schnitze Gartenbänke und vielleicht eine Schaukel«, stimmte Hans bei. »Aber das geht doch am besten auf dem langen Tisch neben der Türe. Das können wir machen, wenn es einmal regnet.«

Derweil stand die liebe Sonne am klaren Himmel und lachte die Kinder aus und dachte: wenn sie nun nicht bald sich entschliessen, so wird der schöne Vormittag noch herumgehen, ohne dass etwas geschieht. Warten kann ich nicht; ich muss meinen Weg machen.

Da kam Sophie mit einem Bündel in der Hand.

»Wie wär's, wenn ihr heut' gleich mit einer rechten und nützlichen Arbeit anfangen würdet? Da – euere Puppenwäsche wollt ihr doch im Herbst nicht schmutzig wieder in die Stadt nehmen –? Heut' würde sie schön trocknen an der Sonne.«

Lotti sprang auf Sophie zu:

»Ja, ja! Sophie wir halten grosse Wäsche! Das wird furchtbar nett! Ich hab' mich den ganzen Winter darauf gefreut. Sophie, du weisst doch immer die gescheitesten Sachen!«

Marianne klatschte auch in die Hände.

»Komm, Lotti, zu Frau Völklein hinauf! Sie leiht uns vielleicht wie letztes Jahr die zwei Kübelchen und den kleinen Zuber.«

»Guten Morgen, ihr Jüngferlein!« sagte Frau Völklein, als die beiden Mädchen höflich ihre Bitte vorbrachten. »Natürlich sollt ihr die Sachen haben. Es wird alles ein wenig rinnen, weil es lang im Trocknen gestanden hat. Aber das macht im Sande draussen nichts.«

Die freundliche alte Frau holte aus der Kammer, wo sie allerlei Gerät und Spielzeug aus früherer Zeit aufbewahrte, die Holzgefässe, dazu einen kleinen Wasserschöpfer und ein niedriges Bänkchen, auf das man den Zuber stellen konnte. Dann fand sich noch ein Seifenschüsselchen.

»Die kleinen Bügeleisen und das Brettchen braucht ihr heut' noch nicht«, sagte Frau Völklein.

Lotti stiess Marianne vor Vergnügen in die Seite.

Sie schleppten alles hinunter und stellten es an den See.

»Hans«, sagte Marianne etwas gnädig; denn bei einer Wäsche waren doch die Mädchen die Hauptpersonen, »du kannst schon auch mitmachen. Du kannst Wasser schöpfen und nachher die Schnur anbinden, wenn wir aufhängen, und Stützen stecken.«

Hans besann sich, ob das nicht doch unter seiner Würde sei. Da tönte ein lustiges Pfeifen den Weg herunter. Es war Fritz Völklein, der auch Ferien hatte.

»Das ist ein Tag, Kinder! Das ist ein erster Ferientag –!« Er schwenkte die Mütze zum blauen Himmel hinauf und ging dann stracks zum See:

»Rasch ins Schiff und die Ruder eingehängt! Es treibt einen mit alter Macht aufs Wasser.«

»Fritz«, sagte Lotti, »wir haben grosse Wäsche; wir können nicht mitfahren.«

»So! dann müssen wir halt sehen, wie es ohne euch geht. Es ist zwar fatal, Lotti. Wenn du nicht mitruderst, kommt man nicht vom Fleck –«

Fritz hatte höchste Zeit, mit einem Seitensprung sich zu retten; denn Lotti ging mit dem vollen Schöpfer auf den Spötter zu.

»Du, Fritz –«, sagte Hans; ihm ging etwas durch den Kopf; »wenn wir – wenn Mama uns – weisst du, seit dem Sturm –«

»Wo ich euch arme Tröpfe habe holen müssen!« Fritz schlenkerte den Arm, als ob sein Ärmel jetzt noch nass wäre.

»Ja, seither haben wir von den Schwummeln gar nicht mehr gesprochen. Aber heut – geh du einmal in den Garten und frag' unsere Mama, ob wir Binsen holen dürfen und ob sie uns dann Schwummeln mache.«

»Zu deiner Mama geh' ich schon; ich will ihr auch guten Tag sagen. Aber du begleitest mich und frägst selber. Was hast du denn auf einmal, dass du deine Mama fürchtest? Mit ihr kann man doch über alles reden. Sie ist so freundlich.«

Fritz selbst hatte keine Mutter mehr.

Es war auch nicht eigentlich, dass Hans sich fürchtete. Er schämte sich bloss noch immer, dass er ungehorsam gewesen war, und mochte nicht gerne Mama an jenen schlimmen Nachmittag erinnern. Nun ging er aber doch mit Fritz in den Garten.

Währenddessen waren Marianne und Lotti schon in voller Tätigkeit. Marianne hatte in der Küche ein Stückchen Seife gekommen und zwei Tücher zum Vorbinden über die Kleider. Lotti schöpfte eifrig die Kübel voll Wasser und legte die Bettücher und Kissenüberzüge hinein.

»Wir müssen sortieren, Marianne!« rief sie voll Vergnügen. »Wir müssen die grossen Stücke in den Zuber tun und die feinern Sachen extra. Es gibt furchtbar viel Arbeit«

Nun erschien auch der kleine Werner strahlend. Sophie hatte ihm eine lange Wachstuchschürze umgebunden.

»Sophie hat gesagt, ich dürfe auch waschen!« rief er.

»Ja, ja, du sollst uns helfen«, sagte Marianne. »Du musst das Waschknechtlein sein. Waschknechtlein, geh einmal hinein: Ich glaube, die Ella hat noch eine ganz schmutzige Schürze an. Oder bring' die Ella und das Julchen gleich mit; sie können beim Einseifen ein wenig helfen.«

Werner lief und holte die Puppenkinder. Es setzte sie an den kleinen Kübel und ermahnte sie, sich nicht nass zu machen. Er selbst war allerdings schon nach fünf Minuten triefend.

Hans hatte seine Bitte im Garten, wo Mama mit einer Näharbeit beim Schwesterlein lag, vorgebracht, und Mama hatte Ja gesagt. Nur eine kleine Ermahnung hatte sie gegeben.

»Du hast doch sehr gut gewusst, Hans, dass es nicht recht war, so weit hinauszufahren. Dein Gewissen hat dir's gesagt; aber du hast getan, als ob du's nicht hörtest. Wir könnten euch ja das Rudern und auch anderes einfach verbieten; aber wir möchten euch so viel Freiheit als möglich lassen. Wir möchten, dass ihr lernt, euch selbst gebieten und gehorchen. Wer das nicht kann, aus dem wird nie im Leben etwas Tüchtiges. – Geh jetzt mit Fritz, und seid vergnügt an dem schönen Morgen!«

Bald darauf ruderten die beiden an der Gartenmauer vorbei.

»Auf Wiedersehen, Frau Turnach! auf Wiedersehen, Mama!« riefen sie hinauf.

Der See schimmerte in hellem Blau. Ein leichter Ostwind strich drüber hin. Der Himmel war wolkenlos, und fern im Duft standen die Schneeberge.

Fritz hatte den Hans an die Stehruder gelassen und gab ihm guten Rat, wie er das Schiff ohne starke Stösse und doch rasch vorwärts bringen könne.

»Komm«, sagte er, »jetzt fahren wir einmal durch den Schilf. Wir nehmen uns fest vor, nicht stecken zu bleiben! Hast du dir's vorgenommen –? Dann los –! Eins, zwei – eins, zwei –«

Er lenkte das Schiff auf die dichteste Stelle. Hui! wie die Halme knackten und rauschten.

»Eins, zwei – fest dran, Hans!« schrie Fritz und griff mächtig aus mit seinem Ruder. Hans arbeitete, dass ihm der Schweiss auf die Stirne trat. Die Ruder schlugen auf den Schilf und erreichten kaum mehr das Wasser –

»Stramm, Hans! wir haben's uns vorgenommen –«

Noch drei, vier gewaltige Schläge, und mit einem Schuss flog das Schiff wieder ins freie Wasser hinaus.

Die beiden verschnauften einen Augenblick.

»Siehst du, das ist hübsch«, sagte Fritz, »wenn man etwas durchsetzt, was einem zuerst fast nicht möglich schien. Manchmal bei einer besonders schweren Mathematikaufgabe geht's mir so. Ich denke: Jetzt grad –! und zwing' und zwinge, bis ich durchkomme.«

»Durch den dichten Schilf rudern tu' ich lieber, als eine schwere Rechnung machen«, meinte Hans.

»Ja, du bist nicht dumm! Das andere muss aber auch sein, wenigstens, wenn man aufs Polytechnikum will.«

Fritz griff wieder zum Ruder, und jetzt fuhren sie gemächlich zum Klaregg und dort nahe ans Ufer. Es war ganz still da draussen; man hörte bloss einen Buchfinken schlagen. Die Sonne schien durch die alten Weidenbüsche; die Kiesel am Ufer waren blank wie frisch gewaschen. Da sahen die beiden Knaben etwas Schönes. Im Grase, nah am Wasser, lag zusammengeringelt eine glänzende Schlange. Sie sonnte sich da, und als sie ein Geräusch hörte, hob sie bloss ein wenig den Kopf und sah nach den Anfahrenden.

»Es ist eine Ringelnatter!« flüsterte Fritz. Hans wurde ganz aufgeregt.

»O! eine Ringelnatter! So nah hab' ich noch keine gesehen! Fritz, wenn wir sie bekämen –«

Doch als die beiden Miene machten, aus dem Schiff zu springen, schoss die Schlange auf und geradenwegs ins Wasser hinein. In schönen, grossen Wellenlinien, den Kopf bald hochhebend, bald senkend, schwamm sie dahin. Man sah deutlich die schwarzen Flecken auf dem Rücken. Auf einmal bog sie seitwärts, und bevor die Knaben ihr Schiff wenden konnten, war die Schlange verschwunden.

»Wie schade!« rief Hans. »Wir hätten sie vielleicht fangen können. Giftig sind die Ringelnattern ja nicht. Man kann sie ruhig anfassen.«

»Wenn sie stillhalten!« lachte Fritz. »Weisst du, am schönsten sind die Tiere doch in der Freiheit. Wie rasch und stolz ist sie geschwommen! Dies Frühjahr war ich in einer Menagerie; da lagen die Schlangen so lahm und langweilig herum; man wusste die längste Zeit nicht, ob sie tot oder lebendig seien.«

Fritz zog seine Uhr heraus.

»Jetzt muss gleich der ›Schwan‹ kommen. Ich will dir einmal zeigen, wie ich in die Rückwellen fahre. Aber das machst du mir dann erst in zwei oder drei Jahren nach!«

In der Tat sah man von ferne das Dampfschiff herkommen. Fritz stellte sich an die Stehruder und fuhr zu, immer auf das Dampfschiff los.

»Es sieht gerade aus, als wollte er in den ›Schwan‹ hineinfahren!« dachte Hans.

Nun kamen sie ganz hart vor das Dampfschiff. Der Kapitän in der Spitze des Schiffes sah nach den beiden.

»Die fahren nah heran!« sagte ein Mann, der hinzu trat.

Aber der Kapitän nickte gemütlich.

»Da ist keine Gefahr. Der am Stehruder weiss, was er tut. Das sind zwei wackere Seebuben.« Er lachte und legte die Hand an die Mütze.

Jetzt brauste das Rad an den beiden vorbei. Wie das stampfte und toste und spritzte! Fest hielt Fritz sein Ruder, und mit einem gut berechneten Schlag lenkte er scharf hinter den »Schwan« in die brausenden, schaumweissen Rückwellen. Hoch auf tanzte das kleine Schiff und senkte sich. Aber Fritz hatte es in der Gewalt, so dass der Kiel die Wellen schnitt.

Einige Fremde, die auf dem Hinterdeck sassen, riefen einander zu und hatten ihre Freude an den kühnen jungen Ruderern. Ein alter Herr mit weissem Haar warf ihnen einen Strauss zu. Als sie ihn aus dem aufgeregten, wirbelnden Wasser auffischten, war es ein Büschel Alpenrosen.

»Das ist aber nett von dem Herrn!« sagte Hans. »Die hälfte der Blumen bringen wir der Mama und die andern deiner Tante. Heute erleben wir lauter hübsche Sachen!«

»Ja, und die Hauptsache vergessen wir noch! Wir haben höchste Zeit, jetzt zu den Binsen zu fahren!«

Als Fritz und Hans mit einer schweren Ladung langer, dicker Binsen heimkehrten, war es gerade Mittag. Mariannes und Lottis Wäsche flatterte lustig im Ostwind.

Beim Essen bekam Papa wieder eine Menge Geschichten zu hören, von der Wäsche und wie Werner in den Zuber gefallen sei, und von der Ringelnatter, dem Dampfschiff und den Alpenrosen. Sophie trug ab, und die Kinder wussten immer noch etwas und noch etwas, bis Papa sie lachend hinausschickte, weil er doch seine Mittagsruhe haben wollte.

»Ja, Papa, wir gehen«, sagte Lotti. »Wir wissen auch schon wieder etwas Nettes. Wir machen Seifenblasen von unserer übrigen Seife. Jakob hat uns vorhin aus Stohhalmen Röhrchen zurechtgeschnitten.«

Die Kinder setzten sich mit ihren Strohpfeifen und dem Schüsselchen voll Seifenschaum an den See und bliesen grosse grün, rot und blau schillernde Seifenblasen in die Luft. Manche platzten gleich; manche stiegen in die Höhe und trieben als glänzende Kugeln über den See hinaus.

Der Seifenschaum war noch nicht aufgebraucht, als die Kinder unterbrochen wurden durch einen sehr possierlichen Auftritt.

Vom Hühnerhofe her kam langsam die schwarz und weiss gesprenkelte Henne geschritten mit ihrer Kinderschar. Es waren eigentlich nur Pflegekinder. Weil die schwarz-weisse Henne gut brütete, hatte ihr Frau Völklein sieben Enteneier ins Nest gelegt, und über denen hatte die Henne treulich und geduldig gesessen, bis vor ein paar Tagen sieben allerliebste winzige Entlein ausgeschlüpft waren, gelbflaumig, mit grossen Köpfen und breiten Patschfüsschen. Heute machte die schwarz-weisse Henne den ersten Ausgang mit ihren Kleinen. Vergnügt wuselten und stolperten die Entlein um die Pflegemutter herum mit einem komischen Gepip; schnattern konnten sie noch nicht recht.

Als die schwarz-weisse Henne die Turnachkinder sah, lenkte sie zu ihnen hin. Sie sollten auch sehen, wie nett und sauber die Kleinen waren. Aber der Stolz der Henne verwandelte sich unversehens in Angst und Schrecken.

Das vorderste, keckste Entlein streckte seinen Kopf, als ob es etwas schnupperte; dann fing es an, gegen den See zu laufen, so rasch es nur konnte, und seine sechs Geschwister watschelten ihm nach. Die zwei hintersten purzelten in der Hans über die grossen Ufersteine; aber sie erhoben sich wieder und liefen zu, immer zu. Es war gerade, als ob sie alle müssten. Jetzt stand das erste am Wasser. Es reckte sich und hob die winzigen Flügel, die noch nichts waren als zwei gelbwollene Zipfelchen, und plumps! war das Entlein im Wasser!

Die schwarz-weisse Henne war mit gesträubten Federn nachgelaufen, um die Kleinen aufzuhalten. Aber es half nichts; schon plumpste das zweite und jetzt das dritte ins Wasser. Mit entsetztem Gegacker rannte die Henne am Ufer hin und her. Das war ja grässlich! Die tollkühnen Kleinen mussten ja ertrinken! In der Verzweiflung tat die schwarz-weisse Henne einen kleinen Schritt ins Wasser; aber sie zuckte wieder zurück. Die kalte Nässe war ihr zu schrecklich.

Nun platschte vor den Augen der unglücklichen Pflegemutter auch das siebente und letzte Entlein hinein.

Die Turnachkinder waren alle herzugesprungen, um das lustige Schauspiel in der Nähe zu sehen.

»Nein, Hans –« rief Marianne. »Sie können wahrhaftig alle schon schwimmen. Sieh, wie sie artig und fest rudern mit ihren kurzen Beinchen!«

»Ja, Lotti«, sagte Hans, »die sind anders dran hingegangen als du!«

»O, o! Jetzt schwimmen sie zum Schilf!« rief Werner und klatschte vor Entzücken und Erstaunen in die Hände.

Die schwarz-weisse Henne lief mit klagendem Gegacker um die Turnachkinder herum. Sie hatte vielleicht gemeint, nun komme Hülfe. Aber die Kinder lachten bloss.

»Ach, du«, sagte Hans zu der bekümmerten Henne. »Tu du nicht so dumm! Du siehst ja, dass ihnen nichts geschieht. Könntest eher stolz sein, dass die so famos schwimmen.«

»Ohne Schwummeln –!« fügte Lotti hinzu. »Du, Hans, wir könnten die schwarz-weisse Henne Balbine heissen, weil Balbine auch nichts vom Schwimmen und Rudern wissen will.«

»Oder Tante Ängstlich!« schlug Marianne vor. »Dann wird Balbine nicht böse.«

»Ja, Tante Ängstlich passt gut«, stimmte Hans bei. »Also hörst du«, wandte er sich wieder zu der Henne, »du heissest jetzt Tante Ängstlich.«

Die Henne schlug aufgeregt mit den Flügeln. Sie machte sich nichts aus dem Namen; wenn nur die Kleinen wieder auf dem Trockenen gewesen wären.

»Aber Balbine muss wenigstens kommen und sehen«, erklärte Lotti. »Für sie ist das gerade sehr merkwürdig.«

Sie rannte in die Küche und ruhte nicht, bis Balbine vom Abspülen weg zum See kam, um die geschickten Entlein und die Tante Ängstlich zu sehen, die am Ufer warten musste, ob es ihren waghalsigen Pfleglingen endlich beliebe, aus dem greulichen Wasser herauszukommen.

Nachmittags gab es eine fröhliche Schwummelfabrikation; alle Kinder halfen mit. Um fünf Uhr konnte man die Schwummeln schon beim Baden benützen, und Lotti schwamm darauf so mutig wie eine junge Ente.

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