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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Lotti und die Rosenkäfer.

Lotti stand am Tisch in der Gartenlaube. Die Laube, deren Wände von lauter glatt geschnittenem Buchengebüsch gebildet waren, sah aus wie ein schönes, luftiges Zimmer. Eine Decke hatte das grüne Gemach nicht; oben schaute der blaue Himmel herein.

Es war ganz still in der Laube; nur von dem Wege, der zwischen den Johannisbeerbüschen zum hinteren Teil des Gartens führte, hörte man sprechen. Da ging Mama mit ihrer Freundin, Fräulein Striebert. Die Kinder hatten Fräulein Striebert sehr gern. Sie brachte jedesmal ein Päckchen Biskuit mit, die sie selbst gebacken hatte. Weil es Abend war und die Bäume schon breite Schatten warfen, hatte Fräulein Striebert ihren Hut auf den Tisch gelegt.

Lotti war zuerst damit beschäftigt gewesen, aus Buchenblättern, die sie mit Tannennadeln zusammensteckte, einen Kranz zu machen. Aber die Blätter rissen immer wieder aus. Sie schob den halbfertigen Kranz zurück und betrachtete Fräulein Strieberts Hut, der mit fünf blassroten Rosen geschmückt war. Lotti fuhr behutsam mit dem Finger über die feinen Blätter; dann drückte sie ihre Nase in eine der Blumen. Sie rochen gar nicht – und so schön wie die wirklichen Rosen waren sie auch nicht. Ringsum im Garten blühten die jetzt an Bäumchen und Büschen, weiss, gelblich, hell- und dunkelrot. Und in vielen sassen zwischen den Blumenblättern zwei, drei oder mehr goldgrün schimmernde Rosenkäferchen. Das sah sehr hübsch aus.

Plötzlich fiel Lotti etwas ein. Die Rosen von Fräulein Striebert sollten auch solche hübschen Käferchen haben. Lotti lief zum nächsten Rosenstrauch, der über und über voll von weissen duftenden Rosen stand, und sammelte von den niedlichen goldgrünen Tierchen, so viel sie erwischen konnte. Dann versuchte sie, die Rosen des Hutes damit zu besetzen. Aber den Käfern gefiel es nicht in den künstlichen Blumen; immer wieder krabbelten sie heraus; drei oder vier flogen sogar fort. Da wurde Lotti ärgerlich und hitzig, und es kam ihr wieder ein Gedanke – diesmal ein ganz schlimmer. Sie sprang ins Haus. In der Schublade der Kommode war ein Leimfläschchen; das nahm sie heraus, strich an jeden der kleinen Käfer etwas von der klebrigen Flüssigkeit und drückte ihn zwischen die Rosenkäfer. So, nun hielten sie fest.

Lotti war kein böses Kind. Ihr kleines Herz war sonst schnell gerührt, wenn sie jemand traurig sah, oder wenn man sie um etwas bat. Und die Tiere mochte sie ja so gern. Jetzt aber dachte sie gar nicht daran, dass diese kleinen, stummen Käfer, die nicht viel anders aussahen als sehr grosse Stecknadelköpfe, auch Geschöpfe seien, und dass man ihnen eine grosse Qual bereite, wenn man sie da festklebe.

So –! unter dieses Blatt auch noch eins! Nun waren alle angebracht.

»Lotti, Lotti!« schrie es von weitem. »Lotti, wo bist du denn!« Hansens Stimme tönte näher: »Lotti, ein ganz grosser Fisch ist hergeschwemmt worden! Wir werfen mit Harpunen nach ihm; wir machen eine Walfischjagd ...«

Lotti rannte Hans entgegen und mit ihm zum See hinunter. Das war prachtvoll. Der Fisch war so lang wie ein Arm; er lag auf dem Rücken und bewegte sich mit dem Wasser her und wieder zurück. Hans und Marianne hatten von einer früheren Jagd her grosse eiserne Haken, die ihnen Jakob wie Angeln gebogen hatte.

»Lotti, da – deine Harpune!« rief Hans. »Sieh dass du gut zielst! Wenn er hinter den Schilf treibt, bekommen wir ihn nicht mehr, ausser wir nehmen das Schiff!«

»Das Schiff ist gar nicht da!« gab Marianne zurück. »Jakob ist über den See gefahren damit.«

»Jetzt –!« schrie sie und meinte schon, den Fisch angehakt zu haben. Aber es war nichts; die Wellen, die heute abend ziemlich stark waren, nahmen den Fisch wieder hinaus.

Hans rannte zur Scheune, um dort eine Stange zu holen. Marianne und Lotti zogen währenddessen Schuhe und Strümpfe aus, um ins Wasser zu waten; denn um jeden Preis musste man den Fisch bekommen.

Aber plötzlich machte Sophie der Jagd ein Ende, indem sie zum Abendessen rief.

»Sophie«, gab Hans zurück, »es ist jetzt gar nicht möglich, dass wir kommen! Man kann nicht so mitten drin aufhören!«

Doch Sophie hatte keinen Respekt vor diesem schwierigen Walfischfang.

»Ach, ihr habt jeden Abend etwas anderes. Da kann man nicht drauf achten! Kommt jetzt!«

Hans brummte ein wenig; aber dann packte er doch die Harpunen zusammen. Mama wollte, dass man Sophie folge.

»Du, es gibt Apfelreis!« sagte Lotti vergnügt zu Marianne, und die drei setzten sich an den Tisch unterm Birnbaum, wo Werner schon mit dem Löffel in der Hand wartete. Alle Kinder machten sich mit grossem Appetit über den Reis her.

»Hu, hu –!« jammerte Werner auf einmal und drückte seinen Kopf an Mariannes Schulter. »Ein Tier, ein Tier –! ich mag die bösen Fliegtiere nicht! Sie tun stechen –«

Es war ein kleiner brauner Nachtfalter, der um Werners Kopf schwirrte.

»O, Werner ist doch noch schrecklich dumm! Er fürchtet sich vor Schmetterlingen!«

Hans haschte nach dem Tier und hielt es Werner hin.

»Totmachen!« rief Werner und schlug mit dem Löffel nach dem Falter.

»Nein, nicht totmachen!« wehrte Marianne. »Warum denn? Wir lassen ihn wieder fliegen. Sieh, wie er sich freut, dass er frei ist. Flieg', flieg', ade, ade!«

»Ade, ade!« wiederholte Werner und klatschte in die Hände.

»Lotti, warum issest du denn deinen Reis nicht auf?« fragte Sophie, die herauskam.

Lotti hatte auf einmal, als Marianne von dem Schmetterling sprach, zu essen aufgehört. Sie sass unbeweglich vor ihrem Teller. Plötzlich schob sie ihn zurück.

»Ich kann nicht mehr, Sophie. Ich muss in den Garten hinüber und nach etwas sehen.«

»Wahrscheinlich hat sie ihre Puppe dort liegen lassen«, sagte Sophie, während sie abräumte.

Lotti rannte zur Buchenlaube und kam in einem Augenblick dieser zurück.

»Sophie, Sophie! ist Fräulein Striebert nicht mehr da?« fragte sie hastig.

»Ja, Kind, was willst du denn noch mit Fräulein Striebert? Längst ist sie fort. Sie war sogar etwas eilig. Ich hab' ihr noch die Tasche und die Jacke in die Droschke hinausgebracht.«

»Und ihren Hut? Hat sie ihn nicht angesehen, Sophie?«

»Angesehen? was wird sie ihn angesehen haben? Ich denke, sie kennt ihren Hut. Schnell aufgesetzt hat sie ihn und ist dann mit Mama zum Bahnhof gefahren.«

»Kommt Mama bald wieder?«

»Nein; ihr werdet längst im Bett sein und schlafen, wenn Mama wieder kommt.«

Das Schwesterlein auf Sophies Arm fing an zu weinen, und Sophie nahm Werner an der Hand, um die beiden Kleinen zu Bett zu bringen.

»Kommt«, schlug Hans den Schwestern vor, »wir gehen noch ein wenig auf der Seemauer hin und her.«

Marianne folgte ihm; Lotti blieb allein unter dem Birnbaum vor dem Hause stehen.

Es war dunkle Nacht. Marianne schlief fest; man konnte gut ihre regelmässigen Atemzüge hören. Lotti wachte noch. Von Zeit zu Zeit drehte sie sich und suchte eine kühle Stelle auf dem Kissen. Ihr Kopf war heiss; sie meinte eine ganze Ewigkeit da zu liegen. Öfter schon hatte sie nicht einschlafen können, z. B. in der ersten Nacht hier in der Seeweid und dann am Abend vor Weihnachten. Das war vor lauter Freude gewesen. Aber jetzt –! Immer musste Lotti an die Rosenkäfer denken. Ob das wohl sehr weh tat, so festgeklebt zu sein? Ob sie wohl gar nicht loskamen und dort auf Fräulein Strieberts Hut sterben mussten?

»Warum hab' ich es doch getan!« dachte Lotti und drückte, wie wenn sie selber Schmerz empfände, ihre kleine Faust an den Mund.

»Ich will die Augen fest zumachen; vielleicht kann ich dann doch einschlafen«, sagte sie sich und lag still, ohne sich zu drehen. Aber es war sonderbar. Die Augenlider machten gar nicht recht dunkel. Lotti sah lauter gelbe, grüne und rote Punkte; die kamen aus der Zimmerecke heraus, viele, viele und immer mehr, wie ein ganzer Wirbel von Punkten; sie drehten sich im Kreis, erst in der einen Richtung, dann in der andern; jetzt rückte der Kreis näher – Lotti fuhr sich über die Augen; da verschwanden die Punkte.

Nun blieb es eine Weile ruhig und dunkel. Plötzlich tauchte wieder ein Funke auf und wurde immer grösser, und Lotti erkannte mit Entsetzen, dass es ein Rosenkäfer war, ein riesengrosser Rosenkäfer mit langen Fühlhörnern und bösen Augen. Und hinter ihm kam noch einer hervor und wieder einer und jetzt ganz viele. Sie begannen alle mit den Flügeln zu surren und zu schwirren; es gab ein starkes Getöse. Mitten hinein aber hörte man eine Stimme. Es war der ganz grosse mit den langen Fühlhörnern, der mit einer schrecklichen, schnurrenden Stimme rief:

»Lotti Turnach, wir kommen, um die andern zu holen! Wo hast du sie? Es waren doch neun, die du weggetragen hast! Wo sind sie, Lotti Turnach –?«

Lotti war in einer Todesangst. Sie wollte rufen: »Ich will's nicht mehr tun! ich will's nicht mehr tun!« doch sie konnte sich nicht rühren und kein Wort sprechen. Der Hals war ihr wie zugeschnürt.

Der grösste Käfer mit den bösen Augen kam immer näher ... Lotti tat einen lauten Schrei und erwachte. Die Käfer waren verschwunden; Mama beugte sich über Lotti. Mama war, wie sie es oft tat, vor dem Schlafengehen noch einmal in das Zimmer der Kinder gekommen.

»Hat dir schwer geträumt, Kind?« fragte sie und strich über Lottis Stirn. »Du hast ja schrecklich gestöhnt.«

Lotti tat einen tiefen Atemzug. Wie gut das war, Mama neben sich zu haben!

»O, Mama! die Käfer –!«

»Von Käfern hat dir geträumt? War das so arg? Nun sind sie ja aber weg, und du schläfst schnell wieder ein.«

»Nein, Mama, wenn ich schlafen will, dann kommen sie wieder!« Lotti setzte sich in ihrem Bett auf. »Ich muss dir etwas sagen, Mama.«

»Ja, Kind, wollen wir wirklich mitten in der Nacht da zusammen plaudern? Es ist nur gut, dass Marianne einen sehr festen Schlaf hat.«

»Mama, ich hab' heut' abend in der Laube – weisst du, auf dem Hut von Fräulein Striebert sind Rosen, und da hab' ich gedacht, es wäre hübsch, wenn da auch so Rosenkäfer drauf sässen, und da hab' ich – Mama, glaubst du, dass es für die Käfer arg ist, wenn man sie irgendwo festklebt?«

»Ja, Lotti, das glaub' ich sicher. Du hast das doch nicht getan!«

Lotti nickte kläglich mit dem Kopfe, und unter Schluchzen erzählte sie Mama die ganze Geschichte von den Rosenkäfern und das sie erst wieder an die Tierchen gedacht habe, als der braune Schmetterling um Werner herumgeschwirrt sei.

»Da bin ich in die Laube gegangen, Mama, um sie loszumachen; aber ihr wart schon fort –«

»Die armen, armen Käfer!« sagte Mama bekümmert. »Wie konntest du die Tierchen so plagen, Lotti! Ist dir denn nicht in den Sinn gekommen, wie grausam das ist? Nun quälen sie sich ab und können sich doch nicht losmachen! Woher hast du überhaupt ein Recht, so mit Gottes Geschöpfen umzugehen? Die Käfer wollen leben und sich freuen, und nun kommst du und bringst sie in solche Not!«

Lotti sah Mama flehentlich an.

»Ich will es nie, nie mehr tun!« sagte sie.

»Das hoff' ich, Kind!« antwortete Mama. »Es ist schlimm, dass du es einmal getan hast.«

»Wenn ich nur jetzt nicht mehr daran denken müsste und nicht wieder so schrecklich träume, Mama!«

»Ja, siehst du, weil du vorher nicht an die Käfer und ihre Qual, sondern nur an deinen Spass gedacht hast, musst du jetzt an sie denken. Und das ist gut; du wirft dann nicht so leicht wieder etwas Ähnliches tun.«

Als Mama hinausgegangen war, legte sich Lotti hin. Sie fühlte jetzt nicht mehr solche Angst und Unruhe, weil sie mit Mama hatte sprechen können. Aber noch lange hielten Reue und Betrübnis sie wach.

Am andern Abend erhielt Mama einen kleinen Brief von Fräulein Striebert.

»Ich bin gut zu Hause angekommen«, hiess es darin, »besser als die kleinen Reisegefährten auf meinem Hut! Das war wohl ein Einfall von einem der Kinder? Der kleine Missetäter hat meine Rosen schmücken wollen, und die armen Käfer mussten dabei herhalten! Eine Dame im Eisenbahnwagen hat mich aufmerksam gemacht, dass etwas auf meinem Hute herumkrieche. Eines der Tierchen hatte sich losgerissen, und da es unversehrt war, liessen wir es zum Waggonfenster hinausfliegen. Aber die andern hat der zähe Leim übel zugerichtet, und es war wohl das Beste, sie rasch zu töten. – Eigentlich nehme ich sicher an, es sei das Werk des kleinen Werner gewesen. Die andern Kinder wären ja doch zu vernünftig ...«

Lotti wurde dunkelrot im Gesicht, als Mama die Stelle aus dem Briefe vorlas.

Es kommt Besuch in die Seeweid und führt sich schlecht auf.

Die Turnachkinder waren aus der Nachmittagschule heimgekommen und sassen im Kirschbaum an der Seemauer, Hans hoch oben rittlings, Marianne und Lotti nebeneinander auf einem der untern dicken Äste. Es war nicht leicht gewesen, hinaufzukommen. Hans allerdings war im Hui auf seinem Platze angelangt; aber Marianne und Lotti konnten nicht recht klettern.

»Es ist wirklich eine Schande!« hatte Hans hinunter gerufen. »Ihr müsst es jetzt dann ordentlich lernen. Man kann ja gar nichts anfangen mit euch.«

Lotti hatte den Stamm mit ihren kleinen Armen umschlungen und versucht, sich hinaufzuziehen; aber sie war mit den Füssen immer auf dem Boden geblieben.

»Steigt auf die Mauer und von da auf das Gartentor«, hatte Hans geraten. »Dann geht es am Ende; aber es ist keine rechte Art, um auf einen Baum zu kommen!«

Von dem hohen gemauerten Pfosten des Tores waren Marianne und Lotti denn auch glücklich auf den untersten Ast gelangt und von da auf den zweiten. Nun sassen sie vergnügt im Grünen; ringsum und über ihnen hingen die prächtigsten dunkelroten Kirschen. Herr Turnach hatte diesen Kirschbaum und den hintersten in der Allee von Frau Völklein, der die Seeweid gehörte, gemietet, so wie auch ein paar Birn- und Apfelbäume, eine Reihe Johannisbeerbüsche und den Haselstrauch in der Gartenecke. Heute durften die Kinder zum erstenmal Kirschen pflücken und essen nach Herzenslust.

»Hat's bei euch auch so viele?« rief Hans hinunter. »Ich mache die Augen zu, greife hinauf und habe gleich ein halbes Dutzend in der Hand.«

Lotti streckte ihren Kopf durch die Blätter.

»Da sieh!« Sie hatte an jeder Seite zwei oder drei Ohrhänger, so viel als ihre kleinen Ohren nur halten konnten, prachtvolle, dunkelrote Doppelkirschen.

Plötzlich rief Hans, der von seinem Aste auf einen noch höheren geklettert war:

»Marianne, Lotti! seht ihr nichts? dort oben an der Strasse –?«

Die beiden guckten um; aber sie konnten nicht so weit sehen.

»Hans, du solltest fragen: ›Schwester, siehst du nichts?‹ Dann rufe ich zurück: ›Eine Staubwolke – aber ach, es sind nur Schafe.‹ Dann ist es gerade wie im Blaubart«, sagte Lotti, die immer ihre Märchen im Kopfe hatte.

»Ach, Lotti«, erwiderte Marianne, »das passt aber jetzt gar nicht. Die Frau vom Blaubart war ja in Todesangst, weil der böse Mann sie umbringen wollte, und hoffte immer, dass ihre Brüder kommen und sie retten würden. Wir hier sind ganz zufrieden und wollen niemand.«

»Es ist ein Wagen!« rief Hans. »Er kommt zu uns herunter!«

»Hört«, sagte Marianne, »wir bleiben ruhig auf unserm Baum sitzen. Vielleicht kommt bloss Besuch zu Mama.«

Nun vernahm man vom Wege her schon ein lautes Rollen und Traben.

»Nein, nein, es ist nicht bloss Besuch für Mama!« meldete Hans wieder. »Es sind Kinder drin – Buben, glaub' ich.«

Er glitt rasch am Stamm herab, an den Schwestern vorbei. Im Nu war er auf dem Boden und rannte davon.

»Wir wollen doch auch gehen!« meinte Lotti und hängte sich an den untersten Ast. Die Füsse waren noch ein gutes Stück über der Erde; aber mutig liess sie los und – plumps! lag sie unten. Es tat nicht gerade wohl; doch sie stand rasch auf und lief Hans nach. Sie war zu neugierig, zu sehen, was alles aus dem Wagen steigen werde. Marianne liess nun die Kirschen auch, und die beiden kamen eben im rechten Moment auf den Platz vor dem Hause.

Zuerst stieg aus dem Wagen, der kribbelkrabbelvoll war, eine Dame in hellfarbigem Kleid, die auf Frau Turnach zueilte, um sie zu umarmen und zu küssen. Ihr folgte eine andere Dame, ebenfalls sehr schön angezogen. Hinterdrein aber kletterten mit grossem Geschrei ein, zwei, drei, vier kleine Buben heraus mit schwarzen Haaren und bräunlichen Gesichtern. Sie hatten weisse Kleider an und brennrote Halsschleifen und rannten wie kleine Ziegen, die man aus dem Stall gelassen, nach allen Seiten, bis vom Bock herunter ein seltsames Frauenwesen stieg, das die vier Bübchen zusammenzuholen versuchte.

Eine Negerin war das, eine wirkliche Negerin mit ganz schwarzem Gesicht, aus dem die Zähne und das Weisse der Augen wunderlich herausblitzten. Ihr schwarzes Haar war kraus wie Wolle und ihre Nase sehr breit. Sie trug ein gelb und weiss gestreiftes Kleid und in den Ohren grosse rote Ringe.

Die Turnachkinder standen starr. So etwas hatten sie noch nie gesehen.

»Sie ist aus Afrika«, flüsterte Hans, der in der Völkerkunde gut Bescheid wusste, den Schwestern zu, »oder aus Amerika, wo auch viele Neger leben. Die Neger sind ein sehr wildes Volk. Manche Stämme schlachten Menschen –«

»Und essen sie auf –?« fragte Lotti leise, als sie plötzlich einen Stoss bekam von einem der kleinen Buben. Offenbar wollte er auf diese Weise die Bekanntschaft einleiten. Lotti streckte ihm freundlich die Hans hin; da schossen auch die andern Buben auf die Turnachkinder ein, zupften sie und schrien durcheinander in einer fremden Sprache.

Marianne sah Mama an; aber diese war ganz in Anspruch genommen von den beiden Damen, die dem Hause zugingen. Nur schnell konnte sie den Kindern zurufen:

»Seid recht artig und vernünftig! Es ist die Frau von Papas Vetter Hermann aus Martinique mit ihren Buben und ihrer Schwester. Nehmt die vier ein wenig mit. Verstehen könnt ihr euch nicht, denn sie sprechen nur französisch; aber zeigt ihnen etwas, vielleicht die Kaninchen, bis Sophie den Tee gerichtet hat.«

Hans nahm an jede Hand einen der kleinen Vettern, und Marianne suchte die andern zwei einzufangen.

»Kommt, kommt!« rief sie.

»Ggommt, ggommmt!« machten die Bürschchen nach, liefen herzu und entwischten nach rechts und links in die Wiese, die schon wieder so hoch stand, dass man eigentlich nicht mehr hinein durfte.

Aber die kleinen Kobolde fuhren unbekümmert in dem Gras herum, warfen sich zu Boden und rissen lange Stengel aus, mit denen sie einander schlugen.

»Nicht, nicht –!« wehrte Hans.

»Niggt, niggt!« lachten die wilden Vetterchen, und die Negerin lachte auch, dass man alle ihre zweiunddreissig Zähne sah. Dann redete sie laut auf die kleinen Buben ein.

»Wie man nur eine so fremde Sprache so schnell sprechen kann!« dachten die Turnachkinder. Aus all dem Gerede verstanden sie nur, dass der grösste der Vettern Tatschi hiess, der zweite Muschi und die kleinen, welche Zwillinge waren, Tutu und Gogo.

»Haben wohl alle Leute auf Martinique solch komische Namen?« sagte Marianne.

Übrigens konnte die Negerin rufen, so viel sie wollte; Tatschi, Muschi, Tutu und Gogo hörten nicht auf sie.

»Kommt, wir rennen drauf los; dann laufen sie uns gewiss nach!« schlug Hans vor.

Und richtig, hinter den drei Turnachkindern, die den Weg zur Scheune nahmen, sprangen auch die vier Vetterchen mit grossem Hallo.

Jakob stand mit der Heugabel im Futtergang, als die Horde hereinbrach, gefolgt von der Negerin.

»Herrschaft!« sagte er und liess vor Überraschung die Heugabel fallen. »Die ist ja schwarz wie –« er schluckte und sah unverwandt auf die Fremde.

»Du, Jakob«, sagte Lotti leise, »sie ist ganz freundlich; aber vielleicht ist sie doch eine Menschenfresserin!«

»Wir wollen's nicht hoffen!« meinte Jakob. »Zähne genug hätte sie allerdings! Herrschaft – was ist das für eine! Und woher kommen denn die vier Panduren da –?«

»Es sind unsere Vetterchen; aber wir können nicht mit ihnen reden«, erklärte Lotti.

Inzwischen hatte Marianne die kleinen Gäste zu den Kaninchen geführt. Sie nahm ihren weissen Liebling mit dem blauen Band heraus und gab ihn dem Tutu auf den Arm. Der aber riss das Tier an den Ohren und packte es so fest um den Hals, dass es kaum mehr schnaufen konnte. Marianne wollte es dem Tutu wegnehmen; da rannte er schreiend davon und in die Hände seines Bruders Tatschi, der das arme Kaninchen so heftig in den Verschlag zurückwarf, dass Marianne aufschrie. Nun kam auch noch Muschi mit einem Stecken und stiess damit zwischen die Kaninchen. Tatschi aber klatschte in die Hände, indem er immer etwas wie »Schassee, schassee!«, rief.

Hans war empört. »Seid freundlich!« hatte Mama gesagt. Aber es war wirklich fast nicht möglich. Und die Negerin stand immer bloss da und lachte –!

Da legte sich Jakob ins Mittel.

»Halt, Musjeh, nix schassee hier!« sagte er, packte den bösen Muschi mit einem festen Griff und stellte ihn unter die Türe.

Der kleine Bub ballte die Fäuste; aber Jakob sah ihn gemütlich an, wie wenn er sagen wollte. »Du Tröpflein, du!«

Muschi lief hinaus; Tatschi, Tutu und Gogo liefen ihm nach, und das Vergnügen begann nun nebenan. Die kleinen Bursche entdeckten die Leiter, die, an der Mauer festgemacht, zum Heuboden führte. Einer hinter dem andern kletterte hinauf, und die Turnachkinder kamen auch nach. Nun ging da oben ein wilder Tumult an: man bewarf sich gegenseitig mit Heu und begrub einander darin. Die Turnachkinder machten mit, und es wäre so weit ganz lustig gewesen, wenn nicht die Vetterchen aus Martinique alle Augenblicke angefangen hätten, sich zu prügeln und zu stossen.

Auf einmal schienen sie genug von dem Heuboden zu haben, und man kletterte wieder die Leiter hinunter.

»Wir könnten ihnen jetzt noch den Hühnerhof zeigen«, sagte Hans zu Marianne. »Aber natürlich nur von aussen. Hinein lassen darf man die nicht.«

Als jedoch alle miteinander die Scheune verlassen wollten, ertönte vom Heuboden her ein entsetzliches Geschrei. Gogo war noch oben; er stand neben der Leiter und getraute sich offenbar nicht, sie wieder zu betreten. Ein paarmal fasste er die oberste Sprosse und streckte den Fuss aus, zog ihn aber immer wieder weinend zurück. Je mehr die Negerin und Muschi ihm zuredeten, desto lauter weinte er.

Hans kletterte hinauf, um zu helfen; aber der dumme Kleine war nun schon so ausser sich, dass er heulend weglief, sich ins Heu warf und mit den Füssen nach Hans schlug.

Es hätte noch wer weiss wie lang gehen können, wenn nicht Jakob hinter Hans heraufgekommen wäre und unversehens den zappelnden Gogo unter den Arm genommen hätte, um ihn hinunterzubringen.

»So«, sagte Jakob zu Hans, »jetzt macht aber, dass ihr mir zum Stall hinauskommt. Es wird einem ja ganz wirblig im Kopf.«

»Ja, sie sind grässlich«, erwiderte Hans. »Und man kann gar nichts zu ihnen sagen. Weisst du nicht vielleicht, wie das heisst: Seid nicht so unartig! Du hast doch gesagt, deine Schwester sei ein Jahr in Frankreich gewesen.«

»Ja«, sagte Jakob, »das ist schon sehr lange her. Du musst sehen, wie du mit ihnen zurecht kommst. Wenn sie's zu arg treiben, so hau' dem Grössten einmal eins auf. Das wird ungefähr in allen Sprachen das gleiche bedeuten. Die schwarze Person mit der wollenen Perücke ist scheint's nur zum Ansehen da. Die müsste mir anders hinter die Bürschlein her, potz Wetter!«

Als die ganze Schar gegen das Haus hinunter lief, stand Sophie da und rief zum Tee.

Die beiden Damen sassen schon bei Mama an dem grossen Tisch im Garten. Alle Kinder, die fremden wie die eigenen, wurden von den Damen gestreichelt und geküsst.

»So, Hans«, flüsterte Lotti schnell, die wusste, dass Hans die Zärtlichkeiten nicht liebte, »jetzt hast du auch einen Kuss bekommen.«

Hans konnte ihr in der Eile nur einen kleinen Puff geben.

Auf dem Tische stand neben dem Tee Butterbrot, Zwieback, Eingemachtes und der Rest von dem Hefekuchen, den Grossmama gestern gebracht hatte; Sophie hatte ihn schön in Scheiben geschnitten.

Nun war es ganz schrecklich zu sehen, wie die vier kleinen Buben sich benahmen, nicht viel besser als vorhin im Stall. Der eine wollte keinen Tee, der andere kein Butterbrot. Gogo goss sofort seine Tasse auf das Tischtuch aus. Tatschi langte über den ganzen Tisch nach dem Zwieback, nahm gleich drei Stücke und fing an mit den Brocken nach Marianne zu werfen. Tutu aber riss beständig die Serviette weg, die ihm die hinten stehende Negerin umbinden wollte, und beschmierte sich ganz mit dem Eingemachten.

»Mama«, fragte Marianne, die der Mutter eine leere Teetasse reichte, »heisst ›mong scheri‹ unartiger Bub?«

Sie hatte von dem, was Frau Hermann zu Tutu sagte, zwei Worte aufgeschnappt.

»Nein, das heisst ›mein Liebling‹«, antwortete Mama und lächelte ein wenig.

Marianne wunderte sich sehr. Aber Mama hatte weiter keine Zeit für sie. Es war gut, dass man sich mit Hans und Lotti durch allerlei Zeichen mit Mund und Augen etwas verständigen konnte über das Betragen der kleinen Vettern.

Werner war bei Balbine und dem Schwesterlein in der Buchenlaube geblieben. Man hätte am Teetisch nicht auch noch auf ihn acht geben können. Es ging sowieso zu wie im Kriege.

Endlich, nachdem der Zwieback, das Eingemachte und der Hefenkuchen aufgegessen waren, stürmten die vier kleinen Wilden wieder hinaus.

»Sophie, komm du mit«, sagte Hans an der Türe. »Wir können sie kaum im Zaum halten, und die Negerin tut gar nichts.«

Es war doppelt nötig, dass die Schutzmannschaft jetzt verstärkt wurde; denn Tatschi und Muschi waren zum See hinuntergerannt und hatten das Schiff entdeckt. Mit einem Jubelgeschrei sprangen sie hinein und griffen nach den Rudern.

»Man kann ihnen ja das Vergnügen machen und ein paar Züge hin- und herfahren hier, wo's nicht tief ist«, sagte Sophie.

Sie ordnete an, dass Marianne sich mit den Zwillingen auf die Bank setze, und bedeutete den Kleinen mit möglichst strengem Gesicht und aufgehobenem Finger, sie müssten sich ganz still halten.

Die Negerin blieb auf der Mauer zurück; sie schien kein Verlangen nach einer Kahnfahrt zu haben, und Lotti stand auch bei ihr. Es waren gerade genug Leute im Schiff.

Hans versuchte auf der zweiten Bank, den Tatschi zu bezähmen. Mit Muschi aber hatte Sophie einen schweren Stand; wie sie ihn auch zwingen wollte, sich zu setzen, immer wieder wollte er ihr das Ruder entreissen und sah sie mit seinen wilden Augen an. Sophie sagte gar nichts; aber sie war offenbar der Meinung Jakobs: Als es ihr zu arg wurde, gab sie dem Tatschi einen tüchtigen Klaps auf die Hand. Der stiess ein paar wütende Worte aus und riss dem Muschi den Stecken, den dieser aus der Scheune mitgenommen, weg. Sophie hatte sich gebückt, um das Ruder aufzunehmen, und sah also nicht, dass der schlimme Bursche zum Schlage gegen sie ausholte. Hans aber fuhr blitzschnell dazwischen und streckte den Arm aus, so dass der Stecken ihn traf. Au – es tat gehörig weh. Hans biss die Zähne zusammen; bevor er sich jedoch besinnen konnte, ob er diesen Tatschi nicht recht gehörig durchhauen wolle, war Marianne, die sonst so gutmütige Marianne, über die Bank gesprungen, um Tatschi zu packen und mit böser Stimme auf ihn einzureden:

»Du böser, unartiger Bub du! Warum hast du meinen Bruder so geschlagen? Und die Sophie hättest du beinahe an den Kopf getroffen!«

In ihrer Erregung vergass sie ganz, dass der kleine Vetter ja nichts verstand. Tatschi, der doch etwas erschrocken war über seine Missetat, sah Marianne verblüfft an und wand sich, um loszukommen. Aber Marianne hielt fest und schüttelte ihn wacker.

»Wart' nur, wir sagen es der Mama, dass sie es deiner Mama erzähle. Ihr seid überhaupt schrecklich; man sollte euch –«

Sie verstummte, weil von der Spitze des Schiffes ein fürchterlicher Schrei kam.

Gogo und Tutu, kaum dass Marianne sie gelassen, waren beide auf die Schiffkette losgefahren, die sie schon immer im Auge gehabt hatten. Jeder riss an der Kette; Gogo erklomm den Brettersitz in der Spitze des Schiffes; da vorn war ja die Kette angemacht; Tutu stieg nach, stiess ihn, und – kopfüber schossen die beiden ins Wasser.

Die Negerin brach in ein gellendes Jammergeschrei aus und lief herbei, Lotti ihr voraus geraden Wegs ins Wasser hinein. Aber schon hatte Sophie den Tutu erwischt, während Marianne den Gogo gefasst hatte und hielt, bis Hans half, ihn völlig herauszuziehen.

Die beiden kleinen Wichte schnappten, pusteten und spuckten, dass es fürchterlich war. Dann fingen sie wie auf Kommando zu brüllen an.

»Nun, Gottlob! sie haben den Atem wieder!« sagte Sophie. »Aber jetzt muss man sehen, wie man euch trocken bringt. Aussehen tut ihr schauderhaft.«

Ja, tropfnass waren die beiden Bübchen. Das Wasser lief ihnen aus den Haaren übers Gesicht, und bis weissen Kleidchen, die schon vorher im Stall und durch das Eingemachte ziemlich gelitten hatten, waren jetzt wie durch den Schmutz gezogen; denn das Wasser hatte so nah am Lande wenig Tiefe gehabt; die beiden waren schön auf den schlammigen Grund gekommen.

Die Negerin nahm den heulenden Gogo auf den Arm; Sophie zog den ebenfalls heulenden Tutu an der Hand hinter sich her. So ging's unter Gefolge der andern Kinder dem Hause zu.

Nun musste sich's gerade fügen, dass Frau Turnach mit den fremden Damen aus der Türe trat. Madame Hermann schrie laut auf und ihre Schwester auch. Frau Turnach wendete sich erschrocken zu Sophie.

»Frau Turnach«, sagte diese, »sie sind ein bisschen ins Wasser gefallen; aber es hat ihnen nichts getan. Wir ziehen sie schnell aus und reiben sie trocken.«

Unter vielem französischem und deutschem Reden und Wehklagen ging's dann in die Schlafstube. Tatschi, Muschi und die Turnachkinder liess man draussen.

Die fünf standen und schauten einander ziemlich feindselig an.

»Ich will das unzerreissbare Bilderbuch von Werner für sie holen«, sagte Marianne. »Herumführen tun wir sie nicht mehr; sonst gibt es wieder etwas.«

Tatschi und Muschi blätterten in dem Buche; die Turnachkinder sahen schweigend zu.

Nach einer Weile erhob sich drinnen ein neuer Lärm. Die Türe ging auf, und Tutu und Gogo wurden von Sophie, gegen die sie sich mit aller Kraft sträubten, hinausgeschoben.

Tatschi und Muschi lachten laut auf und klatschten in die Hände, als sie die kleinen Brüder sahen. Diese waren nämlich ganz verwandelt. Statt ihrer Höschen und Jacken hatten sie Röckchen an, die dem kleinen Werner gehörten, der eine das blaue, der andere das rote mit den weissen Punkten. Gogo trug zudem Werners neue Schuhe, während Tutu in Lottis braunen wie in kleinen Schiffen ging.

Die kleinen Bursche zerrten an den Röckchen und schrien auf die Negerin ein, während die Grossen lachten.

»Was sagen sie denn immer, Mama?« fragte Marianne.

»Sie wollen ihre Höschen wieder haben. Sie sagen, sie seien keine kleinen Mädchen und wollen keine Röckchen tragen.«

Das fanden nun auch die Turnachkinder sehr komisch, und Tatschi und Muschi tanzten wie zwei Wilde um die »kleinen Mädchen«.

»Mama, Mama!« rief während dessen immer eine Stimme aus der hintern Stube. Es war Werner, den Balbine die ganze Zeit bei sich behalten hatte, der nun aber den Lärm hörte und sich nicht mehr halten liess. Mama öffnete die Türe.

Werners erster Blick fiel auf die zwei fremden kleinen Buben in dem blauen und dem roten Kleid. Das waren ja seine Röckchen! Er lief auf die beiden zu.

»Das – das gehört mir!« rief er böse und riss nun seinerseits an Tutus und Gogos Ärmel. So waren die drei Kerlchen ja eigentlich einer Meinung, nämlich dass die Kleider herunter sollten. Trotzdem schlug Tutu dem Werner auf die Hand, und dieser schlug wieder und traf auch den Gogo. Alle drei packten einander zeternd, und man hatte die grösste Mühe, sie aus einander zu lösen.

»Sie sollen nicht meine Röckchen haben!« schluchzte Werner. »Hu, hu –! ausziehen, ausziehen – die gehören mir!«

»O, was für einen unfreundlichen kleinen Buben hab' ich, der den Vetterchen nicht einmal seine Kleidchen leihen will!« mahnte Mama. »Sieh, die armen Bursche sind ins Wasser gefallen; so mussten wir ihnen etwas Trockenes anziehen. Morgen schicken sie dir alles wieder.«

Aber Werner liess sich nicht beruhigen, und Tutu mit Gogo schrien ebenfalls weiter. Es war ein solches Getümmel, dass einem Hören und Sehen verging und man es als eine wirkliche Erlösung empfand, als vom Wege her Räderrollen hörbar wurde.

»Der Wagen, der Wagen!«

Die Kinder liefen hinaus. Es ging an ein Suchen der Hüte, Tücher und Schirme, und eine gute Weile verstrich, bis endlich gross und klein eingepackt war. Tatschi und Muschi prügelten sich noch ein wenig um den Platz neben dem Kutscher.

Die Familie Turnach stand an dem Wagen; nur den kleinen Werner hatte Mama an der Haustüre hingestellt; dort konnte er weiter weinen, was er auch redlich tat, besonders als er sah, dass die kleinen Buben nun gar mit seinem blauen und seinem roten Röcklein davonfuhren.

»So! das wäre überstanden!« sagte Sophie. Mama lächelte und ging dann mit ihr ins Haus zurück; denn da gab es gehörig aufzuräumen.

»Holla, Hans!« tönte die frische Stimme von Fritz Völklein herunter. »Was war denn heute bei euch los? Das ging zu wie während der Zerstörung von Troja, Schlachtgetöse und Gebrüll ohne Ende!«

»Ja, es war ganz greulich!« rief Hans hinauf. »Komm noch ein wenig mit uns auf die Seemauer; dann erzählen wir dir.«

»Ja, Fritz, komm!« riefen auch die Mädchen. »Wenn du wüsstest, wie die getan haben! Ganz wie Wilde! Es sind eine Art Vetterchen von uns, und Mama sagt, sie seien eigentlich Weisse wie wir. Nur die Negerin stamme aus Afrika. Die hatte Zähne, Fritz! und Haar wie Wolle ...«

Fritz Völklein setzte sich mit den Turnachkindern auf die Seemauer und hörte ihnen zu. Alle Augenblicke brach er in ein lautet Lachen aus.

»Nein, das war wirklich arg!« rief er. »Da seid ihr ja die reinsten Tugendhelden daneben! Nicht wahr, Lotti?«

Es war gut, dass man heute wegen der Unordnung, die die Gäste verursacht hatten, später zu Abend ass. Die Kinder hatten zu erzählen und zu erzählen, die das Halbachtuhr-Dampfschiff aus der Stadt daherrauschte.

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