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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Hans macht eine neue Bekanntschaft und sammelt alte Schuhe.

Bald darauf erlebte Hans wieder eine seltsame Geschichte auf dem Schulweg. Gegenüber der Schmiede standen an der Seitengasse eine Reihe aneinander gebauter Häuser. Eigentlich waren sie neu; aber sie sahen öde und unschön aus. Ringsum war kein Baum und kein Blumengärtlein. Aus den Fenstern hing unordentliche Wäsche, und die Frauen und Kinder, die zum Vorschein kamen, waren auch nicht sauber und nett anzusehen. Seit einer Woche bemerkte Hans vor dem zweiten Hause immer eine Anzahl Buben, die einander herumstiessen, bis einer die Türe aufriss und etwas hineinrief. Dann rannten alle schreiend und lachend davon.

»Da ist gewiss jemand drin, den sie ärgern wollen!« dachte Hans und war im Begriff, das seht ungezogen zu finden, als ihm der Haselnussmann einfiel. So arg wie diese Buben hatten er und Lotti es ja nicht gemacht; aber artig war es auch nicht gewesen.

Hans blieb stehen. Ob sie wohl gar nicht aufhören wollten? Da fuhren sie plötzlich zurück. Jemand tat von innen die Türe auf und kam heraus. Es war eine alte Frau mit einem Stocke, den sie böse gegen die Buben streckte. Die grauen Haare hingen ihr um das magere kleine Gesicht, das mit seiner langen gebogenen Nase ein wenig an einen Vogelkopf erinnerte. Es sah grade aus, als ob die Frau einen picken könnte. Sie hielt sich schlecht auf den Füssen und brauchte den Stock sonst jedenfalls, um sich darauf zu stützen. Hastig humpelte sie die Stufen vor der Türe hinunter, um den Buben nachzulaufen, die aber längst hinter der Hausecke verschwunden waren.

»Nun fällt sie –!« dachte Hans, und in demselben Augenblick war es auch geschehen. Die alte Frau lag auf der Erde.

Hans hielt einen Augenblick an, ob sie nicht von selber wieder aufstehe; sie sah gar so böse und hässlich aus. Aber dann sprang er hinzu. Man konnte sie doch nicht so liegen lassen. Er versuchte ihr aufzuhelfen; doch es ging gar nicht leicht. Er sah um sich; nein, so schlechte Buben, wie das waren! Dort an der Ecke guckten sie hervor und lachten, und keinem fiel es ein, zu kommen! Endlich brachte Hans die Frau doch auf die Füsse. Sie keuchte und hustete und schien gar nicht recht zu wissen, was vorging.

»Hat es Ihnen weh getan?« fragte Hans, indem er sich bemühte, freundlich in das Vogelgesicht zu sehen. Die Alte hinkte ohne Antwort schnaufend die Stufen hinauf und hielt sich fest an Hans; er musste mit in den engen Hausflur. Aber an der Stubentüre gab er der Frau den Stock, damit sie nun wieder allein gehen könne. Die Alte, als ob sie sich plötzlich besinne, sah Hans mit ihren schwarzen Äuglein, die in hundert Falten steckten, zornig an und hob den Stock, um ihn zu schlagen.

»Wart', du miserabler Kerl, nun haben wir dich!« rief sie.

Hans konnte ausweichen. Aber er wurde sehr böse. Das war doch zu arg, wenn man jemand half und dafür noch Schläge und Schimpfworte bekommen sollte.

»Grossmutter, Grossmutter, was ist –?« rief drinnen eine Stimme, und ein blasser junger Mann mit struppigem Kopf und ohne Halskragen sah aus der Türe.

»Ich habe ihr nichts getan!« sagte Hans und sah dem jungen Mann grade ins Gesicht; denn er hatte ein gutes Gewissen. »Die Buben draussen haben sie ausgelacht, und da ist sie gefallen, und ich habe ihr geholfen aufstehen, und –«

Hans wollte noch hinzufügen: »Und sie brauchte mich eigentlich nicht zu schimpfen.« Aber der junge Mann wandte sich erschrocken zu seiner Grossmutter und fragte sie mit vielen guten Worten, ob sie sich doch nicht verletzt habe. Er sprach sehr laut; die alte Frau schien schlecht zu hören.

Ein Schaden war ihr offenbar nicht geschehen. Sie schüttelte den Kopf und setzte sich in der Stube auf einen Stuhl. Da schalt sie vor sich hin, während sie ihre Schürze abrieb, die schmutzig geworden war.

Der junge Mann aber streckte Hans die Hand hin.

»Ich danke Ihnen recht viel mal, mein kleiner Herr, und verzeihen Sie doch! Das hat vorhin ja nicht Ihnen gegolten, sondern den Buben, die meine Grossmutter immer so plagen! Wollen Sie nicht eintreten und einen Augenblick Platz nehmen?«

Der junge Mann sprach mit einer fremdländischen Betonung. Er ging eilig zu einer Bank und schob einen Teller und allerlei Zeug auf die Seite. Am Fenster war ein Tritt; davor lagen auf einem niedrigen Tisch einige alte Schuhe und allerlei Werkzeug. Es sah unordentlich aus in der Stube und roch sehr schlecht nach angebrannten Kartoffeln, Leder und alten Kleidern. Hans wäre lieber nicht hereingekommen; aber der junge Mann war so höflich und hatte so traurige Augen und eingefallene Backen. Hans setzte sich etwas verlegen und drehte an seinem Hut.

»Wenn die Grossmutter nur nicht so wäre!« sagte der junge Mann leise. »Wir wohnen erst seit sechs Wochen hier, und schon sind alle Leute in der Nachbarschaft gegen die Grossmutter; sie wird gleich so zornig und zankt. Die Buben rufen ihr ›Hexe‹ nach –«

»Sie sieht auch so aus!« dachte Hans; aber dann fiel ihm ein, was Mama neulich vom Haselnussmann gesagt hatte.

»Vielleicht ist Ihre Grossmutter ein wenig krank«, sagte er zu dem jungen Mann, »oder sie hat Kummer!«

Der junge Mann sah Hans freundlich an.

»Das ist es eben! Viel Kummer und Unglück hat sie im Leben gehabt, und ein paarmal waren böse Menschen daran schuld. Jetzt will sie gar nimmer glauben, dass es auch noch gute Leute gibt – und wir hätten sie doch sehr nötig, die guten Leute, mein kleiner Herr. Ich bin Schuhmacher, und letzten Winter bin ich lang krank gewesen. Jetzt haben wir diese Wohnung genommen, weil sie billiger war. Aber ich bekomme fast keine Arbeit. Meine Grossmutter müsste eben freundlicher sein mit den Leuten. Keiner aus der Nachbarschaft bringt mir seine Schuhe. Und doch kann ich sagen, dass ich gut flicke und billig. – Das Leben ist sehr schwer, mein kleiner Herr. Sie wissen noch nicht wie schwer.«

Hans hatte grosses Mitleid. Vielleicht bekam der junge Mann nicht einmal genug zu essen. Und es war doch gewiss schrecklich, wenn man Geld verdienen wollte und die Leute gaben einem keine Arbeit.

Hans stand auf. Es trieb ihn heim, dass er das alles erzählen könne, und es ging ihm ein Gedanke im Kopf herum.

Er gab dem jungen Mann die Hand und ging auch zu der alten Frau hin, um Adieu zu sagen.

»Grossmutter!« sagte der junge Mann laut. »Der freundliche kleine Herr, der dir geholfen hat, will wieder gehen.«

Die alte Frau sah Hans an.

»So, so, der freundliche kleine Herr, der mir geholfen hat«, wiederholte sie.

»Mischa«, sagte sie dann, und ihre schwarzen Augen schauten nicht mehr böse drein, »Mischa, nimm mein Gebetbuch im Schrank unter dem gelben Halstuch. Es liegt ein Bild drin. Gib das dem kleinen Herrn.«

Mischa fand das Bild. Es war eine Frau darauf in blauem Kleid mit einem roten Mantel und starken Goldstrahlen um den Kopf. Ihre Hand hielt sie auf einem grossen Rad. Hans fand es nett, dass die Frau ihm etwas schenkte; er schüttelte ihr dankend die Hand, legte das Bild in seine Heftmappe und verliess dann den jungen Schuhmacher und seine Grossmutter.

Aber das Abenteuer dieses Vormittags war noch nicht zu Ende. Als Hans die Stufen vor der Haustüre hinuntersprang, pfiff und schrie es von der Strassenecke her, und zwei, drei – ein halbes Dutzend Buben schauten hervor.

»Etsch! etsch! hoho!« riefen sie durcheinander. »Seht mal den! das ist der Freund von der alten Zritschek, von der alten Hexe! das ist der Hexenfreund! Hoho, der Hexenfreund oder der Hexenlehrbub ...«

Hans fand es entsetzlich, so verhöhnt zu werden, wo er doch den Buben gar nichts getan hatte. Sein Herz klopfte vor Zorn. Da flog ihm gar noch etwas an die Achsel. Es tat nicht weh; es war ein Grasbüschel mit Erde daran. Aber diese Schmach musste gerächt werden. Hans warf den Schulsack an einen Zaun und rannte zurück nach den Buben. Doch mit Hallo fuhren diese auseinander und verschwanden hinter den Häusern.

»Feig' sind sie auch noch!« dachte Hans ergrimmt. Er hatte keine Lust, einen zweiten Angriff abzuwarten, sondern nahm seinen Schulsack und lief heim.

Gerade kam er noch recht zum Mittagessen. Aber er wurde mit seiner Suppe gar nicht fertig, so viel hatte er zu erzählen. Marianne, Lotti und der kleine Werner horchten erstaunt, und auch Papa und Mama nahmen lebhaften Anteil.

»Weisst du, Papa«, unterbrach Hans sich selbst. »Das war eigentlich greulich. Dafür, dass ich der alten Frau aufgeholfen habe, hat sie mich geschimpft und mit dem Stock schlagen wollen. Nachher hat sie mir ja das Bild gegeben; aber dann kamen noch die Buben, die mich ausspotteten!«

»Ja, ja«, sagte Papa lachend. »In den Erzählungen, die ihr lest, werden die kleinen Wohltäter meistens gelobt und belohnt. Im Leben geht es aber oft anders. Daran muss man sich gewöhnen, Hans.«

Nach dem Essen hatten Marianne und Lotti hundert Fragen und wollten die ganze Geschichte noch einmal hören.

»Wie heisst er?« frug Lotti. »Mischa? Das ist aber ein komischer Name. Möchtest du Mischa heissen, Hans? Und die Frau mit den bösen Augen –! Sieh, Werner, so hat sie dreingesehen –« Lotti machte eine solch schreckliche Grimasse, dass der kleine Bruder sich fürchtete.

»Ach, Lotti!« sagte Hans, »du willst immer nur lachen. Wir haben jetzt anderes zu denken. Wir müssen zerrissene Schuhe und Stiefel sammeln, damit Mischa Arbeit bekommt. Mama erlaubt es; ich habe sie schon gefragt.«

»Ja, und dann nehmen wir unseren Wagen«, rief Lotti, »und fahren die Schuhe zu Frau Zri – wie heisst's? Zritschek! Du, Marianne, das klingt gerade, wie wenn man niesen muss!«

Die Kinder liefen mit einander zu Sophie, dass sie nach schadhaftem Schuhwerk sehe. Es war aber nicht viel vorhanden. Bloss Mariannes Sonntagstiefelchen konnten neue Absätze brauchen, und Papas Hausschuhe mussten geflickt werden.

»Wir wollen aber Mischa mehr bringen«, sagte Hans und ging mit den Schwestern zu Balbine in die Küche.

»Bitte, Balbine«, fragte Marianne, »sind nicht vielleicht deine Pantoffeln zerrissen?«

»Du liebe Güte! warum sollen denn jetzt meine Pantoffeln zerrissen sein!« wehrte sich Balbine. »Ich hab' nie zerrissene Pantoffeln!« und um das zu beweisen, zog sie den einen Hausschuh vom Fusse und zeigte die Sohle.

»O, o, ein Loch, ein Loch!« schrie Lotti, »Hier an der Seite ist ein Loch!«

»Ein Loch –?« erwiderte Balbine beleidigt. »Wo doch bloss das Leder etwas abgetreten ist? Da geh' ich noch mindestens zwei Wochen drauf.«

Aber die Kinder erklärten Balbine, warum sie durchaus Schuhe mit Löchern haben mussten, und liessen nicht nach mit Betteln. Hans erklärte sich bereit, einen Zehner an Balbines Ausgabe beizusteuern, und Marianne und Lotti wollten jede einen Fünfer geben.

»Meinetwegen also«, sagte Balbine. »Aber er soll vorläufig bloss einen Fleck draufsetzen und vernähen.«

Schliesslich bekamen sie von Frau Völklein noch ein Paar warme Schuhe, die neue Sohlen brauchten.

»Anziehen tu' ich die erst im Winter«, sagte die gute Frau. »Aber wenn's euch freut und wenn damit dem armen Schuhmacher ein wenig geholfen wird, dann nehmt sie nur mit.«

Am Nachmittag war keine Schule; so rückten denn Hans und Lotti gleich nach drei Uhr aus. Marianne wollte das nächste Mal mitgehen. Sie hatte für Grossmamas Geburtstag eine kleine Tasche fertig zu sticken.

Hans zog den Wagen, und Lotti ging eifrig plaudernd nebenher. Als sie von der Strasse in die Gasse einbogen, wo Mischa Zritschek wohnte, hielt Hans plötzlich an und sah aufmerksam nach den neuen Häusern.

»Lotti«, sagte er leise, »jetzt kannst du dann sehen, wie das heut' vormittag war. Dort stehen sie wieder! Aber wir gehen doch. Es wäre eine Schande, deswegen Mischa die Schuhe nicht zu bringen.«

»Ich fürchte mich nicht«, versicherte Lotti.

»Hätten wir lieber den Wagen nicht mitgenommen«, sagte Hans. »Eines von uns muss jetzt draussen bleiben und ihn bewachen. Die Buben könnten ihn sonst nehmen.«

Lotti wollte nicht allein zu den Zritscheks hinein und übernahm es, den Wagen zu hüten.

»Ich bin schnell wieder da«, sagte Hans. »Wenn sie zu nah kommen, dann ruf' du.«

»Geh nur«, erwiderte Lotti und stellte sich mit der Wagendeichsel in der Hand tapfer an die Treppenstufen.

Aber die Buben, die sich wieder versteckt hatten, kamen näher, als Hans hineingegangen war. Sie fingen an hässlich zu lachen und zu rufen:

»Oho, das wird lustig! die will auch zur alten Zritschek, zur alten Hexe. Eine junge Hexe, haha! die kann gewiss noch nicht recht hexen!«

Nein, Hans hatte recht. Es war grässlich, so ausgespottet zu werden. Lotti bereute, dass nicht sie mit den Schuhen hineingegangen war. Nun entdeckten die Buben den Wagen und traten ganz nah hinzu. In einem Kreis stellten sie sich um Lotti herum. Lotti stand unbeweglich und sah die Buben an. Wenn nur einer von ihnen ein freundliches Gesicht gemacht hätte! Lotti war ein fröhliches Kind, das am liebsten lachte; sie konnte es nicht leiden, wenn jemand sie böse ansah. Da kam ihr plötzlich ein Gedanke. Sie fuhr mit der Hand in die Tasche. »Willst du den Bleistift?« fragte sie den grössten der Buben.

Er hatte rotbraunes Haar und eine zerrissene Jacke. Lotti hielt ihm einen Bleistift hin. Er war nicht mehr sehr lang, aber schön blau, und hatte hinten einen Metallknopf.

Der Bube drehte sich halb weg und machte ein verächtliches Gesicht; aber dann streckte er doch die Hand nach dem Bleistift aus:

»Gib her!«

Die andern Buben drängten sich noch näher, und ein ganz frecher gab Lottis Wagen einen Stoss:

»Eh, wie die gross tut! Was hast du denn weiter in deiner Tasche?«

»Sei du nicht so grob!« sagte der mit dem Bleistift und riss den Kameraden am Arm.

Derweil hatte Lotti noch etwas gefunden. Sie trug immer eine Sammlung von allerlei Dingen mit sich herum, die sie da und dort aufgehoben oder zusammengebettelt hatte und dann etwa wieder verschenkte.

»Da –« es war ein aus grünen Samtbändern geflochtenes Zöpfchen mit einer kleinen Schnalle, das sie einem der Buben hinstreckte, nicht dem ganz frechen, der vorhin dem Wagen einen Stoss gegeben hatte, sondern einem jüngern mit einer verschabten Lederschürze.

»Da! wenn du's nicht selber brauchst, kannst du's vielleicht deiner Schwester geben. Sie kann es als Armband tragen. Hast du eine Schwester?«

Der Kleine nickte.

»Ich auch; sie heisst Marianne; sie geht in die dritte Klasse und ich in die zweite. Hans ist schon gross; er geht in die fünfte. Jetzt ist er bei den Zritscheks drin. Ihr müsst aber die Frau nicht auslachen. Man darf alte Leute nicht verspotten und ihnen nachlaufen. Die Frau hat Hans ein Bild geschenkt mit einem Goldschein. Und er hat gesagt, wenn man länger bei ihr sei, so sei sie gar nicht so böse. Herr Mischa war krank, und jetzt möchte er Schuhe flicken ...«

Lottis flinkes Mäulchen ging so fort, und die Buben standen um sie herum und hörten ihr zu.

Jetzt trat Hans aus dem Hause.

»Wollt ihr machen, dass ihr von meiner Schwester wegkommt!« rief er zornig und sprang die Stufen herunter.

Aber Lotti fasste ihn am Arm.

»Hans«, flüsterte sie rasch, »du musst keinen Streit anfangen. Sie sind nicht mehr so unartig. Sie haben mir nichts getan, und ich habe ihnen gesagt, sie sollen die alte Frau Zritschek nicht immer so plagen.«

»Also dann komm«, sagte Hans und nahm die Wagendeichsel in die Hand.

Aber die Buben gaben nicht recht Raum, sondern sprachen eifrig untereinander.

»Wir wollen der alten Zritschek morgen und übermorgen nicht nachrufen, wenn wir dreimal von da bis zur Kirche und wieder zurück mit euerem Wagen fahren dürfen«, erklärte der mit dem rotbraunen Haar und der zerrissenen Jacke.

Hans besann sich. Er gab seinen schönen neuen Wagen nicht gern diesen groben Buben. Aber Lotti drängte: »Ach, lass sie, Hans! Lass sie, bitte, fahren! Dann ist es doch morgen und übermorgen so nett für Frau Zritschek!«

Hans gab nach. Der kleinste von den Buben durfte aufsitzen. Der Grosse zog unter Hurrageschrei; Hans lief zur Sicherheit neben dem Wagen her, und hinterdrein rannten die andern. Lotti konnte natürlich nicht widerstehen, sondern galoppierte an der Seite des Buben, dem sie das grüne Armband geschenkt, ebenfalls zur Kirche hinüber. Hans gab noch ein paar Fahrten hinzu, so dass jeder Bub an die Reihe kam.

Die ganze Schar begleitete dann den Hans und das Lotti bis über den Bäckerladen hinaus.

»Also, nicht wahr, ihr haltet Wort?« sagte Hans zum Schlusse. »Bei uns in der Klasse sagen wir immer ›Auf Ehre‹ und dann gilt es für gemein, wenn einer das Wort nicht hält.«

»O, bei uns auch! was meinst du!« erwiderte der Rotbraune. »Erst letzthin haben wir einen durchgeprügelt; er hat versprochen, uns nicht zu verklagen, und hat dann in der Turnstunde dem Lehrer doch alles gesagt.«

Er sah sich in seiner Schar um.

»Ihr hört's jetzt: Wer nicht Wort hält, wird durchgehauen.«

Lotti gab jedem die Hand zum Abschied.

»Das ist noch gut gegangen!« sagte sie vergnügt, als sie mit Hans allein war. »Aber die Frau Zritschek und den Mischa hab' ich nun gar nicht gesehen.«

»Ja, das nächste Mal musst du mit hineinkommen. Der Mischa hat mir immer die Hand gedrückt und in einemfort gesagt: ›Ich werde es aufs allerbeste machen, mein kleiner Herr, aufs allerbeste‹. Und an dem Schuh von Papa hat er schon gleich die Stiche losgemacht, als ob er gar nicht warten könnte mit Anfangen. Weisst du, Lotti, Mama hat gesagt, wenn er ordentlich flicke, dann wolle sie ihm alles geben, weil der Schuhmacher Metzel so viel Arbeit habe und einen immer warten lasse. Sie will es auch Grossmama und anderen Leuten sagen.«

»Du«, sagte Lotti, »wir nehmen am Samstag, wenn wir die Schuhe abholen, den Wagen auch mit und lassen die Buben noch einmal fahren; dann sind sie vielleicht wieder ein paar Tage artig.«

Hans und Lotti taten so. Und es fügte sich weiter alles aufs beste. Nachdem die Buben die alte Frau Zritschek vier oder fünf Tage nicht mehr geplagt hatten, schämten sie sich doch, wieder anzufangen.

»Wir machen jetzt überhaupt ein neues Spiel«, erklärte der Rotbraune, »Räuber und Landjäger, oben beim Gerberwinkel mit den Buben aus der Hochgasse; da gehen wir nach der Schule immer gleich hinauf.«

So hatte die alte Frau Ruhe bekommen und sah weniger böse und zornig aus, besonders auch, weil Mischa jetzt arbeiten und Geld verdienen konnte. Lotti und Marianne machten natürlich auch Bekanntschaft mit den Zritscheks. Mischa nannte sie »die kleinen Fräulein« und war immer ungemein höflich gegen sie, was den beiden grossen Spass machte.

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