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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Vom Rudern und Schwimmen.

Das Schönste in der Seeweid war natürlich das kleine Schiff, das in der Bucht an der Gartenmauer lag. Jeden Tag wurde mindestens eine Fahrt unternommen. Marianne und Lotti hatten allerdings recht gehabt: Hans konnte noch nicht so gut rudern wie Papa; immerhin wusste er schon ordentlich mit dem Schiff umzugehen, so dass Papa gleich am Anfang erklärt hatte, Hans dürfe dieses Jahr allein hinausfahren.

»Und wir mit, Papa!« hatten Marianne und Lotti gebeten.

»Ja, ihr mit. Es muss nur alles vernünftig geschehen.«

»Und«, sagte Mama, »an ein paar Gesetze werdet ihr euch zu halten haben. Einmal wirst du nicht denken, Hans, man lasse dich gleich über den ganzen See fahren. Ich will euch, wenn ich vom Garten hinaussehe, im Auge haben.«

»Natürlich«, stimmte Papa bei. »Ihr fahrt nicht weiter hinaus als – sagen wir einmal: als dreissig Ruderschläge vom Lande weggezählt.«

»Papa, das ist furchtbar wenig«, wendete Hans ein.

»Dreissig Ruderschläge vom Lande weg. Dann seeaufwärts bis –«

»Bis zum Färberschiff, Papa!« schlug Marianne vor.

»Gut, bis zum Färberschiff. Und abwärts bis zum Rittmergut. Verstanden, Hans?«

»Ja, Papa.«

»Selbstverständlich fahrt ihr nur bei ganz ruhigem See hinaus. Steigt ein Wind auf, während ihr draussen seid, so kommt ihr sofort herein und wartet nicht, bis man euch erst ruft.«

»Dürfen wir durch den Schilf fahren, wo er recht dicht ist?« fragte Lotti.

»Jawohl!«, antwortete Mama. »Da kann nichts geschehen, als dass ihr stecken bleibt.«

»Dann steigen wir aus«, sagte Lotti. »Da wo der Schilf steht, geht mir das Wasser nie höher als bis ans Knie. Und dann stossen wir das Schiff los und steigen schnell wieder ein; gelt, Hans?«

Lotti sah dieses Abenteuer schon vor sich.

Das Wassergebiet zwischen dem Färberschiff und dem Rittmergarten, das Papa den Kindern zugewiesen hatte, war allerdings nicht sehr gross für Hansens Tatenlust. Aber die Schiffahrten gestalteten sich doch äusserst abwechslungsreich.

Schon allein das Wegrudern –! Das Schiff war meistens auf das Land heraufgezogen und mit der Kette an einen Pflock befestigt. Hans machte es los und schob es etwas ins Wasser; Marianne und Lotti stiegen ein; Hans fasste den Kiel und stiess das Schiff mit aller Kraft hinaus; im letzten Moment schwang er sich platt auf das Sitzbrett der Spitze.

Es begegnete oft, dass Hans ein bisschen mit dem Schiff ins Wasser hineinlief. Aber das schadete nichts.

»Ein Seebub hat bald trockene Füsse, bald nasse, wie's grade kommt«, sagte Jakob.

Die zweite Schwierigkeit war, aus der schmalen, auf beiden Seiten mit Mauern eingefassten Bucht herauszukommen. Hans musste mit den Stehrudern rückwärts fahren. Bald kam er zu stark links, bald zu weit rechts.

»Ui!« rief Marianne, »wir bekommen alle Augenblicke einen Puff!«

»Das ist lustig; das macht nichts!« meinte Lotti.

»Euch nicht, aber dem Schiff!« sagte Hans. »Ich kann nicht recht rückwärts sehen; sagt mir die Richtung ein wenig!«

»Links – rechts! rückwärts! stopp –«, kommandierten die Schwestern.

»Stopp« hatten sie vom Kapitän des Neptun gelernt, als sie mit Grossmama einmal eine Dampfschiffahrt hatten machen dürfen.

Zuletzt kam man glücklich hinaus auf den freien See. Dann nahm Marianne die Sitzruder, die am Boden lagen, und hängte sie ein. Sie ruderte schon ganz schön mit Hans im Takte. Manchmal versuchte es auch Lotti, obgleich Hans nicht viel hielt auf ihr Geruder, wie er es nannte.

Eine besondere Freude hatten die Kinder, wenn Mama mit dem Schwesterlein und mit Werner an der Gartenmauer stand und zusah, wie die drei vorbeiruderten. Für Werner was es zwar zuerst immer ein Schmerz gewesen, nicht dabei zu sein. Er durfte nur mit, wenn ein Erwachsenes im Schiffe war. Nach und nach hatte er sich aber drein gefügt und schrie jedesmal lustig: »Hurra, hurra! ich darf dann mit Papa fahren!«

Er hatte eine kleine Trompete, auf der man ihn blasen liess, wenn die Kinder hereinkommen sollten. Dieses Mittel machte er sich bald zunutz und rief die Geschwister mit seinen Trompetenstössen heim, so oft es ihm einfiel. Natürlich zankten sie deswegen mit ihm.

»Also, siehst du, Werner«, erklärte ihm Hans, »wenn du wieder bläst, ohne dass man dich heisst, dann trauen wir dir nicht mehr und kommen auch nicht, wenn es gilt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.«

»Ich hab' nicht gelügt«, verteidigte sich Werner. »Wenn ich im Garten spaziere und Trompete blase, weil es mir langweilig ist, dann hab' ich nicht gelügt!«

Die Kinder lachten über das possierliche »gelügt« und weil Wernerlein sich so schlau herauszureden versuchte.

Die Turnachkinder richteten ihre Fahrten womöglich auf die Zeit, da ein Dampfschiff vorbeifuhr. Hans wendete dann mit ein paar starken Ruderschlägen, so dass der Kiel die daherziehenden Wellen schnitt. Es war prächtig, wenn man so auf und ab geschaukelt wurde.

»Eigentlich fein ist's erst, wenn man recht nah beim Dampfschiff ist«, sagte Hans. »Da geht's hoch hinauf und dann hinunter, dass man fast meint, man versinke. Nächstes Jahr darf ich hoffentlich weiter hinaus. – Jetzt wollen wir zu den Steinen rudern, wo die jungen Fische sind.«

Die Steine waren grosse Blöcke, die überall längs den Ufermauern aufgeschüttet waren, damit die anschlagenden Wellen die Mauer nicht zerstörten. An der Ecke des Rittmergutes waren jetzt, am Anfang des Sommers, eine Unmenge von ganz kleinen Fischen zu sehen. Zu Hunderten und Hunderten schwammen sie da, so dicht ineinander, dass sie das Wasser verdunkelten. Fuhr man in sie hinein, so flohen sie nach allen Seiten, konnten aber in ihrem eigenen Gewimmel gar nicht schnell genug entkommen. Da schossen denn die einen sogar aus dem Wasser auf und in weitem Sprunge darüber hin. Es war, als ob kleine silberne Blitze aus dem grünblauen Wasser aufsprühten, um im nächsten Augenblick wieder zu versinken.

Am lustigsten aber war es, wenn man irgendwo an einer seichten Stelle auffuhr.

»Kann man da noch drüber oder nicht?« war jedesmal die wichtige Frage. Um sie zu lösen, fuhr man frisch drauf los, bis das Schiff auf den Kieseln des Grundes knirschte und man feststeckte. Dann griff Hans nach einem Sitzruder und begann zu stacheln, während Marianne mit dem andern hantierte. Lotti sass auf der Mittelbank und schrie: »Fest, Hans, fest –! Marianne, du tust falsch –! links – links –!«

Einmal wurden sie gar nicht mehr flott. Da hiess Hans Marianne und Lotti aussteigen, damit das Schiff leichter werde. Als sie die Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatten und im Wasser standen, das ihnen nicht viel über die Knöchel ging, kam wirklich Hans mit einem tüchtigen Stosse los.

»Halt, halt!« riefen die Mädchen; »nimm uns doch auch mit!«

Aber Hans fuhr im Übermut davon, ganz weit weg. Da erhoben die Mädchen ein Geschrei. Ans Land konten sie nicht waten, weil dorthin der Grund wieder tiefer wurde.

Balbine, die eben im Gemüsegarten nach dem Erbsenbeete sah, kam ans Ufer gelaufen. Sie war nicht an einem See aufgewachsen und deshalb sehr misstrauisch gegen alles Schiffen und Rudern.

»Kinder, Kinder!« jammerte sie; »du liebe Güte! wie kommt ihr da hinaus! Ich rufe Sophie oder Jakob –«

Sie eilte zum Hause, ohne in der Bestürzung zu sehen, dass Hans in einem schönen Bogen eben wieder zu den ausgesetzten Schwestern zurückkehrte. Aber die Kinder schrien ihr nach: »Balbine, Balbine! Es war nur ein Spass. Er holt uns wieder!«

Balbine blieb stehen.

»Wartet ihr –!« brummte sie und drohte mit dem Finger. »Es wird noch gehen wie beim Werner und seiner Trompete: Wenn ihr einmal recht in der Klemme seid, hilft man euch auch nicht.«

»Ach, Balbine«, sagte Hans, der nahe herfuhr. »Wir kommen nicht in die Klemme! Willst du vielleicht ein wenig mitfahren?«

»Ich danke, ich danke höflich! Was mich betrifft, ich bleibe auf dem Lande und bewege mich auf meinen zwei Füssen; da weiss ich doch, woran ich bin. Dieses Wassergeschwampel ist mir höchst verdächtig.«

Damit ging Balbine zurück zu ihrem Erbsenbeet.

Einen wirklich grossartigen Charakter aber nahmen die Schiffahrten an, wenn Onkel Alfred oder Fritz Völklein dabei waren. Fritz Völklein war der Grossneffe von Frau Völklein. Er wohnte in der Nähe der Seeweid und kam sehr oft zu seiner Tante. Er war schon fünfzehn Jahre alt, stark und gewandt und ruderte ausgezeichnet. Auch hatte er etwas Vorsichtiges, Besonnenes. Mit ihm liess Frau Turnach die Kinder überall hinfahren, seeauf, seeab und querüber. Wenn sie noch so lange nicht heimkamen, sie ängstigte sich nicht.

Die Kinder kannten auch nichts Schöneres als mit Fritz Völklein zu fahren.

»Zuerst zum Färberschiff!« hiess es dann meistens. Das Färberschiff war ein plumper, viereckiger Kahn mit einem grossen Tisch in der Mitte und einem festen Dach. Das Schiff lag draussen auf dem See und war durch eine eiserne Kette gehalten, die am Grund befestigt war. Meistens sah das Wasser ringsum dunkelrot oder violett aus von den Garnstrangen, die hier ausgewaschen wurden. Wenn die Färber nicht da waren, konnte man in das komische Schiff hinübersteigen. Das war ein Hauptspass. Aber man durfte es nur tun, wenn Fritz Völklein oder Onkel Alfred dabei waren.

Manchmal brachte Onkel Alfred ein eigenes kleines Boot aus der Stadt mit. Dann wurde ein wundervolles Spiel gespielt. Das Färberschiff war Sankt Helena, weil es da draussen lag wie eine Insel im Meere. Hans war Kaiser Napoleon der Erste, den man auf die Insel Sankt Helena verbannt hatte mit seinem Gefolge, das aus Marianne und Lotti bestand. Fritz Völklein war der englische Feind und fuhr bewachend um die Insel. Wenn er ihr aber einmal den Rücken drehte und weiter hinausfuhr, kam Onkel Alfred als Anhänger Napoleons mit seinem Schoner daher, um Napoleon zu befreien. Es war sehr aufregend, bis der Kaiser und sein Gefolge in dem französischen Schoner geborgen waren. Denn der Kapitän der englischen Brigg nahm die Einschiffung wahr und schoss in grosser Eile herbei, um den Fluchtversuch zu vereiteln. Nun entstand eine wilde Jagd auf dem See. Napoleon selbst musste mitrudern. Die englische Brigg bemühte sich, zuvorzukommen und den Hafen zu versperren. Manchmal gelang es trotzdem, den Kaiser und sein Gefolge auf Frankreichs Boden zu setzen. Oft aber kam die englische Brigg dem französischen Schoner so nahe, dass der Kapitän die Kette hinüberwerfen konnte; das war das Zeichen, dass Napoleon gefangen war und mit seinem Gefolge wieder nach Sankt Helena zurück musste.

Schade war es, wenn mitten im Spiel Werner mit seiner Trompete auf der Gartenmauer erschien, und neben ihm Sophie, zum Zeichen, dass es ernst gelte und dass die Trompetenstösse als Ruf zum Abendessen zu nehmen seien.

Der Mai war dieses Jahr schön und warm gewesen. Am 27. nachmittags hatte das Seewasser schon 16 Grad gehabt, und so konnte jetzt mit dem Baden begonnen werden. An der Mauer des Obstgartens stand, in den See hinausgebaut, das nette alte Badhaus. Hans machte immer den Anfang und war schon im Wasser, wenn die Mädchen in ihren roten Anzügen auf der Treppe erschienen.

»Es ist prachtvoll!« schrie er. »Ganz warm! Kommt nur!«

Ganz warm –? nein – Lotti, die mit der Fusspitze hineintippte, fand es eher kalt. Sie blieb ein Weilchen auf der Stufe stehen; dann stieg sie langsam zur folgenden hinunter.

»Au –!« Sie zog die Achseln in die Höhe.

Nun kam aber Hans: »Wart, Lotti; ich will dir helfen. Ich weiss ein Mittel, da bist du im Augenblick im Wasser –«

Damit fing er an zu spritzen, dass Lotti über und über nass wurde und gar nicht mehr wusste, ob das Wasser warm oder kalt sei. Schreiend und pustend sprang sie hinunter und fand es alsbald auch prachtvoll. Sie lief auf Marianne zu, um sie zu fangen. Es war so komisch, wie man im Wasser gar nicht rasch gehen konnte. Die Kinder versuchten zu tauchen und übten sich im Schwimmen.

»Seekinder müssen schwimmen können wie die Enten!« sagte Papa immer.

Hans schwamm schon ziemlich gut. Marianne machte fünf oder sechs Züge; dann fing sie an zu zappeln, bis sie mit den Füssen an den Boden kam. Das war noch nicht das Richtige. Lotti wagte gar nicht recht, sich auf das Wasser zu legen.

»Ich hab' immer Angst, ich komme mit dem Kopf hinunter und könne dann nicht mehr atmen!« sagte sie.

Hans erinnerte Mama daran, dass er letztes Jahr eine Schwummel gehabt habe, mit der er ganz leicht schwimmen gelernt.

»Ja, Mama, bitte, mach' uns Schwummeln!« riefen Marianne und Lotti, und Werner, der das Wasser gar nicht liebte und immer mörderlich schrie, wenn Sophie ihn eintauchte, bettelte natürlich mit: »Mir auch eine Schwummel! ich will auch schwimmen!«

Zu einer Schwummel brauchte man von den Binsen, die da und dort im See wuchsen, wo er nicht tief war. Man band die leichten Stengel mit Bindfaden zu einem langen, geraden, stark armdicken Bündel zusammen, den man dann in der Mitte knickte und an beiden Enden durch eine Schnur verband. Zum Schwimmen legte man sich in das Dreieck hinein. Eine frische Schwummel trug einen so sicher, dass man damit hätte über den See schwimmen können. Nach und nach wurde sie gelb und welk und trug mit jedem Tage weniger gut. Aber während der Zeit hatte man gelernt, sich selber über Wasser zu halten und vorwärts zu kommen. Und wenn die Schwummel gar nichts mehr taugte, ging das Schwimmen ohne sie.

In der Nähe der Seeweid gab es nicht viele und keine grossen Binsen. Man musste sie weiter seeaufwärts holen. Mama versprach aber, dass die Kinder Schwummeln bekommen sollten.

»Nur müsst ihr noch eine Weile warten, bis sie hoch und dick gewachsen sind«, sagte sie. »Dann fährt Fritz Völklein oder Sophie einmal mit euch hinaus. Bis dahin zappeln Marianne und Lotti halt noch eine Weile im Wasser herum, so gut es geht.«

Der böse Mann

Der Schulweg, den die drei Turnachkinder zu machen hatten, war eine ganze kleine Reise, und sie erlebten da alles mögliche. Am Morgen freilich musste es schnell gehen. Hans, dessen Klasse viermal um sieben Uhr begann, hatte also meistens schon vor sechs aufzustehen. Das tat er auch pünktlich. Nicht ein einziges Mal war er von der Seeweid zu spät in die Schule gekommen. Marianne und Lotti mussten erst eine Stunde später fertig sein. Doch weil die zu zweit waren, ging das viel schwerer. Man lachte und schwatzte zusammen, und oft konnte man die Frühstücksmilch nur schnell noch stehend hinuntertrinken, was Mama nicht gut fand. Marianne war die Vernünftigere. Sie mahnte zuletzt immer:

»Vorwärts, Lotti! Wo hast du deinen Schultornister? So! und das Rechenbüchlein willst du gewiss da lassen! Nimm dein Neunuhrbrot! Du machst doch immer so langsam! Jetzt lauf' ich – ohne dich –!«

In die Nachmittagsschule kamen die Kinder meistens auf eine ganz feine und bequeme Art: Wenn es heiss war, liess sich Papa durch den Schiffmann Steppinger vom Kornplatz in die Seeweid zum Essen fahren, und der Steppinger nahm dann in seinem Schiff, das ein breites Verdeck hatte, die Kinder um halb zwei in die Stadt zurück. Auf dem See draussen wehte immer ein wenig frische Luft, Und es war herrlich, so im ruhigen, festen Takte der Ruder dahinzufahren. Man konnte, wenn man wollte, da auch noch schnell die Aufgaben überlesen; Marianne versuchte es hin und wieder. Aber Lotti, die an der Seite sass und die Hand in das helle Wasser tauchte, neckte die Schwester und spritzte sie ins Gesicht.

»Das erfrischt dich!« sagte sie das eine Mal, und das andere Mal: »Es ist nur, damit du nicht einschläfst!«

Wenn es aber regnete, war der Schulweg auch wieder lustig. Schon das gab einen Spass, dass man den grossen Regenkragen überhing und die Kapuze über den Kopf sog.

»Nun sind wir zwei von den sieben Zwergen im Schneewittchen!« lachte dann Lotti und hüpfte herum wie ein übermütiges Bergmännchen. Aber Marianne war schon in ihren Überschuhen; die waren prächtig; man konnte mit ihnen durch alle Pfützen patschen und blieb doch trocken. So ging es munter unter den triefenden Birnbäumen hinauf und die nassen Wege entlang bis in die Stadt zum Hause der Grossmama, das an der Kronengasse ganz nah beim Schulhaus stand. Da wurde fest angeläutet, und alsbald streckte Friederike, Grossmamas Köchin, den Kopf zum Fenster hinaus.

»Guten Tag, Friederike, guten Tag!« riefen die Kinder hinauf. »Mama lässt Grossmama grüssen, und ob wir alle drei statt heimzugehen zu ihr zum Mittagessen kommen dürften, weil es so regne?«

»Ja wohl, ja wohl!« sagte Friederike, die wusste, dass Grossmama nie nein sagte. »Was befehlen denn die Herrschaften zu Mittag?«

Dann riefen die Kinder alles hinauf, was sie gerne assen, und es gab einen ellenlangen Speisezettel, wie Friederike sagte.

»Behüte, behüte!« wehrte sie zuletzt. »Da dürft ihr gar nicht in die Schule, sondern müsst beide heraufkommen und mir helfen, sonst werd' ich bis zwölf Uhr nicht fertig!«

Marianne und Lotti aber liefen vergnügt die Kronengasse hinauf. Friederike kochte wahrscheinlich nicht gerade das Bestellte; aber etwas Gutes gab es bei Grossmama immer.

Wenn man auf dem Hinweg zur Schule immer etwas eilen musste, so ging es auf der Heimkehr um so gemütlicher. Zuerst, durch die Gassen der Stadt, war man immer noch mit einer ganzen Reihe von Schulkindern zusammen; dann sagte eines an dieser Ecke Adieu, ein anderes an jener, und schliesslich blieben die Turnachkinder allein übrig in der breiten Strasse, die zur Stadt hinaus führte. Es standen da wenig Häuser mehr; zwischen ihnen lagen weite Gärten und unbebaute Plätze. Bei einem grossen Hofe blieb Lotti regelmässig stehen; es waren da eine Menge Hühner, gewöhnliche und ausländische mit seltsamen Büscheln auf dem Kopfe und Federgamaschen an den Beinen. Dazwischen stolzierte ein grosser Truthahn, der einen langen blutroten Lappen über dem Schnabel hin und her schwenkte und mit seinen weiss und bräunlichen Schwanzfedern ein Rad schlagen konnte. Lotti fürchtete sich ein wenig vor dem Truthahn und behauptete, er möge sie in ihrem buntkarrierten Kleid nicht ausstehen. Aber sie fand es doch sehr lustig, jedesmal ein paar Schritte in den Hof hineinzugehen, bis das Tier steif und mit ärgerlich aufgepusteten Federn auf sie zukam. Dann lief sie eilig davon.

Marianne hatte in der Nähe auch einen Bekannten, mit dem sie aber auf freundlicherem Fusse stand als Lotti mit ihrem Truthahn. Jeden tag hielt vor einer kleinen Wirtschaft ein Milchwagen mit einem alten Schimmel. Der Milchmann ass und trank in der Wirtschaft, und der Schimmel musste draussen warten. Er sah sehr müde aus und hängte traurig den Kopf. Einmal strich ihm Marianne behutsam über die Nase und zog den Rest von ihrem Neunuhrbrot aus der Tasche. Sie streckte es dem Pferde etwas ungeschickt hin; denn sie fürchtete sich vor den langen Zähnen. Da kam ein Dienstmädchen vorbei und zeigte ihr, wie sie das Brot auf die flache Hans legen müsse.

Als Marianne weiterging, sah der Schimmel ihr nach. Am nächsten Morgen dachte Marianne schon in der Schule an ihren neuen Freund und sparte fast das ganze Brot für ihn. Und nun bekam der Schimmel jeden Tag sein Frühstück, ein paarmal sogar einige Stücke Zucker, die Mama für ihn spendete. Er kannte Marianne und schnupperte nach ihrer Hand, wenn sie zu ihm kam.

Einmal war es zwischen elf und zwölf Uhr sehr heiss. Der arme Schimmel stand in der hellen Sonne am Gartenzaun angebunden; den Kopf hatte er tief zur Erde gesenkt. Marianne hatte grosses Mitleid mit ihrem Freund. Papa hatte kürzlich erzählt, dass die Pferde auch leiden unter der grossen Hitze.

»Wenn ich nur einen Schirm hätte!« dachte sie und zog ihre Schürze aus und hielt sie über den Kopf des Schimmels, damit er ein wenig Schatten habe. Zehn Schritte weiter hing eine prächtige dichte Linde aus einem Garten über die Strasse. Aber Marianne konnte doch nicht das Pferd mit dem Wagen bis dahin führen.

»Hoho –! was hat denn die kleine Jungfer mit meinem Schimmel zu schaffen?« rief plötzlich ein Mann aus dem offenen Fenster der Wirtschaft heraus.

Marianne erschrak; aber dann fasste sie sich ein Herz.

»Herr Bodenweiler«, sagte sie höflich – sie hatte hinten an dem Milchwagen gelesen, dass der Milchmann Samuel Bodenweiler heisse und von Walkhofen war – »Herr Bodenweiler, wollten Sie nicht so gut sein und das Pferd an den Schatten dort stellen? Die Sonne brennt ihm so auf den Kopf.«

Der Wirt sah nun auch heraus, lachte und sagte etwas zu dem Milchmann, was Marianne nicht verstand. Der schaute zuerst ärgerlich drein; aber dann kam er doch, um sein Pferd am Zaum zu nehmen.

»Meinetwegen!« sagte er und führte es unter die Linde.

Marianne hatte grosse Freude, als sie am nächsten heissen Tag ihren alten weissen Freund wieder unter dem Baume traf.

Wenn sich Lotti von ihrem Truthahn und Marianne von dem Schimmel getrennt hatten, fanden sie etwas weiter draussen den Hans gewöhnlich vor der Schmiede an der Neugasse oder sehr oft drinnen, wo das Feuer aufloderte und der Blasbalg brauste, wo das glühende Eisen im Wasser zischte und die Hammerschläge dröhnten. Das war alles so wild und schön anzusehen. Wenn Hans nur einmal hätte einen Hammer in die Hand nehmen dürfen, um zu versuchen, wie stark sein Arm sei! Er dachte an den Heldenknaben Siegfried, der in der Höhle des Zwerges sich sein Schwert selbst schmiedete. Wenn er nicht so ganz fest im Sinn gehabt hätte, Arzt zu werden wie Onkel Doktor, so wäre er am liebsten ein Schmied geworden. Lotti und Marianne standen meistens auch noch ein Weilchen vor dem sprühenden Feuer, bis es von dem nahen Kirchturm halb zwölf schlug oder gar drei Viertel. Dann fingen alle drei an zu laufen und kamen rasch hinaus, wo ein schmaler Fussweg abzweigte und an Kornfeldern vorbei zur Seeweid führte. »Die Kornfelder«, sagte Hans einmal, »sind unsere Uhr, nicht für den Tag, aber fürs Jahr. Sie zeigen genau, welche Zeit es ist.«

Er hatte recht. Im Frühling, wenn die Familie Turnach in die Seeweid zog, sahen die Kornäcker aus wie schöner, dichter Rasen. Dann wuchsen die Halme hoch und höher, und man sah die Ähren daran. Bald waren diese ganz lang und um und um mit graugrünen Staubbeuteln behängt. Zuerst standen die Ähren gerade auf; wenn sie aber anfingen sich zu neigen und gelber zu werden, dann wussten die Kinder, dass die Sommerferien kamen. War das Korn geschnitten, so dass man nur mehr Stoppeln und bald darauf die gepflügte braune Erde sah, so ging's wieder in die Schule. Dann eines Tages waren da auf einmal in langen Reihen Rüben gepflanzt. Die wuchsen auch rasch und sahen rötlich weiss hervor. Das hiess: Nun kommen die langen Abende, wo es kühl wird und man früher ins Zimmer muss. Und wenn die Rüben so gross waren, dass man sie zu Lampen aushöhlen konnte, dann gab es Herbstferien, und man zog aus der Seeweid zurück in die Stadt.

Auch die Wiesen wechselten mit jedem Monat ihr Aussehen. Am listigsten war's, wenn sie gemäht waren und das Heu in grossen Haufen lag. Dann konnte man quer über die untere Wiese laufen und auf die kürzeste Weise nach Hause kommen. Am Abend zwar eilte es den Kindern gar nicht so sehr. Sie warfen ihre Schultornister hin und rannten über die Heuhaufen weg. Sie machten Nester, Höhlen und Wälle und begruben einander in dem raschelnden Heu, das so schön nach Sommer roch. Der Knecht Jakob zankte manchmal, wenn die Kinder die schönen Haufen zerstörten. Dann holten sie Rechen und machten alles wieder in Ordnung, bis Sophie mit dem Schwesterlein im Wagen vor dem Hause erschien und hinüber rief: »Die drei Heuer sollen nun endlich heimkommen und ihre Milch trinken!«

Letztes Jahr waren die Turnachkinder wie alle Leute manchmal von der Landstrasse ab schräg über einen mit Unkraut bewachsenen Platz gegangen, um auf den unteren Wer zur Seeweid zu kommen. Jetzt war der Platz umzäunt, und man musste einen Umweg machen, der die Turnachkinder ärgerte. An dem Platze stand eine kleine alte Scheune, vor welcher oft ein Mann mit einem gelben strengen Gesicht und grauschwarzem Bart arbeitete. Hans hatte gesehen, dass er einmal einen Knaben, der über den Lattenzaun gestiegen war, böse geschüttelt und gezankt hatte. Seither hassten ihn die Turnachkinder und nannten ihn den bösen Mann.

An einem Abend standen Hans und Lotti an dem Zaun; der böse Mann war nicht zu sehen. Sie hatten grosse Lust, über den Platz zu laufen; aber sie wagten es doch nicht.

»Es würde ihm und seiner wüsten Wiese da gar nichts schaden«, brummte Hans; »aber er mag andern Leuten nur nichts gönnen.«

»Wenn ich ihn wieder sehe, so rufe ich: ›Sie sind ein böser Mann!‹ und springe fort!« sagte Lotti, die manchmal ein wenig unartig war.

Da nahm Hans aus seiner Heftmappe ein weisses Blatt und schrieb mit grosser Schrift darauf: »Sie sind ein böser Mann, weil Sie einen nicht mehr über den Platz gehen lassen.«

Er schob das Blatt, so weit er konnte, unter dem Lattenzaune durch und beschwerte es mit einem Stein; wenn der böse Mann aus der Scheune kam, konnte er das Blatt sehen.

Dann gingen Hans und Lotti heim. Als sie Marianne am Abend erzählten, was sie getan hatten, fand diese es nicht sehr nett. Hans hatte denn auch immer ein etwas schlechtes Gewissen, so oft er in den nächsten Tagen an das Blatt dachte.

Am Dienstag darauf war es schon in der letzten Schulstunde zwischen drei und vier Uhr ganz dunkel geworden; die Schüler in Hansens Klasse, die an der Wand sassen, konnten kaum mehr lesen. Als Hans auf die Strasse kam, sah er, dass ein Gewitter heranzog; man hörte schon ein fernes dumpfes Donnerrollen. Hans ging an Mariannens und Lottis Schulhaus vorbei und trieb die beiden Schwestern an, so rasch als möglich mit ihm nach Haus zu gehen. Die drei liefen und liefen und waren schon ziemlich weit draussen, als sie die ersten Tropfen spürten.

In der Nähe der Schmiede war ein kleiner Bäckerladen. Die Bäckersfrau stand eben vor der Türe, um an den Himmel zu sehen.

»Kinder, Kinder!« rief sie; »ihr kommt nimmer heim! Wartet lieber bei mir das Wetter ab!«

Lotti wäre gerne hinein zu der freundlichen Frau. Es roch da so gemütlich mach frischem Brot, und die Bäckerin hatte ihr einmal eine kleine Salzbretzel geschenkt. Aber Hans lief zu, und Lotti rannte hinterdrein, so schnell sie konnte in dem starken Wind, der zu blasen anfing.

Da fuhr ein greller Blitzstrahl über den schwarzen Himmel hin, und fast zu gleicher Zeit krachte der Donner ganz furchtbar. Lotti schrieb, und Hans fasste sie an der Hand, damit sie besser vorwärts komme; denn jetzt begann es auch zu regnen. Nein, das war mehr als Regen; das war, wie wenn es in Strömen vom Himmel heruntergösse! Und dazu Blitz auf Blitz und Donnerschlag auf Donnerschlag. Die Kinder waren wie betäubt und mussten gar nicht mehr, wohin sie liefen. Da – vor ihnen war etwas wie ein Haus und ein Dach. Schnell drauf zu! Sie drückten sich alle drei an die Wand. Es war kein rechter Schutz vor dem Regen; aber sie konnten doch wieder Atem schöpfen.

»Marianne, Lotti –!« sagte Hans, der sich den Regen aus den Augen gewischt und umhergesehen hatte, »wisst ihr, wo wir sind –? Das ist die Scheune des bösen Mannes! Wir können nicht da bleiben!«

Aber Lotti fing an zu weinen; sie wollte nicht wieder in den Gewittersturm hinaus.

»Lotti!« mahnte Hans, »denk' doch an das mit dem Blatt Papier. Der böse Mann weiss jedenfalls, dass wir es geschrieben haben. Wenn er uns jetzt da findet –«

Im selben Augenblick ging die Türe auf, an die die Kinder sich angelehnt hatten. Der böse Mann sah heraus und zog, ohne ein Wort zu sagen, die drei zur Türe herein und machte zu, ehe sie wussten, was ihnen geschah. Es war, wie wenn ein Riese sie in einen dunkeln Sack geschoben hätte. Lotti zitterte vor Angst und fasste Marianne am Arm. Dem Hans war auch gar nicht gut zu Mute.

»Wenn ich nur das nicht geschrieben hätte!« dachte er. Natürlich hatte der böse Mann sie da hereingeholt, um sie zu strafen. Vielleicht würde er sie schlagen, vielleicht einsperren bis in die Nacht ...

Neben dem bösen Manne stand noch ein anderer mit einer Axt auf der Schulter. Die beiden Männer sprachen halblaut miteinander, und das war sehr unheimlich. Nach einer Weile machte der mit der Axt die Türe ein wenig auf; aber er hielt sie in der Hand; es war an kein Fliehen zu denken.

Jetzt ging der böse Mann nach hinten; es war so dunkel dort, dass man nicht sehen konnte, was er tat.

»Er holt gewiss einen Stock«, sagte sich Hans, und sein Herz klopfte stark.

Als aber der Mann auf Marianne und Lotti zuging, da trat Hans einen Schritt heraus und stellte sich vor die Schwestern.

»Ich will ihm sagen«, dachte er, »dass ich allein das Blatt geschrieben habe, und dass er Marianne und Lotti nichts tun darf. Lotti hat zwar auch unartig von ihm geredet; aber sie ist noch klein. Er soll mich allein schlagen –«

Doch der böse Mann hatte keinen Stock in der Hand.

»Mach' nur die Türe wieder auf, Göhringer!« rief er zu dem mit der Axt, und die Kinder sahen, dass er beide Hände voll Haselnüsse hatte.

»Da!« sagte er, indem er jedem einen Teil gab, »und nun lauft heim, der Regen hat fast aufgehört. Ihr seid ja tropfnass!«

Die Kinder waren so verwirrt, dass sie zu grüssen und zu danken vergassen. Ohne zu sprechen gingen sie auf dem Weg hintereinander her. Dann fing Lotti an:

»Siehst du, Hans! Nun war das ganz falsch! Er ist gar nicht böse. Mir hat er elf Haselnüsse gegeben. Wie viel hast du, Marianne? Und ich hab' solche Angst gehabt. Und du hast dich auch gefürchtet, Hans! Ich hab's ganz gut gemerkt!«

»Hans«, sagte Marianne, »wenn er nur den Zettel nicht gefunden hat! Das ist gewiss schrecklich, wenn man so etwas liest. Einmal hat Klara Wienig in der Schule der Rosa Schurmann geschrieben, sie möge mich nicht leiden, und das Briefchen habe ich gefunden, weil die Rosa Schurmann neben mir sitzt. Da war ich den ganzen Tag traurig.«

Hans gab keine Antwort; er schämte sich zu sehr. Am Abend aber erzählte er der Mama die ganze Geschichte. Wenn man etwas Dummes oder Böses gemacht hatte, war es doch immer am besten, mit Mama darüber zu sprechen. Sie tadelte einen manchmal streng und strafte auch etwa; aber nachher war einem wieder leichter.

»Unartig und auch recht dumm!« sagte Mama, als sie alles gehört hatte. »Es ist gut, dass du die Angst in der Scheune ausgestanden hast. Das hat dir gehört und auch dem Lotti. Natürlich war es nur das böse Gewissen, das dich quälte; das hat dir eingeflüstert, der Mann werde euch einsperren und schlagen. Sonst wärest du gar nicht auf den Gedanken gekommen, sondern hättest gleich gemerkt, das der Mann euch bloss herein holte wegen dem Unwetter. Was du auf das Papier geschrieben hast, war sehr ungezogen. Wie könnt ihr so schnell bereit sein, von einem Menschen zu sagen – er ist böse! oder: Ich hasse ihn! Jedenfalls habt ihr dem Manne Unrecht getan.«

»Aber es war nicht nett, dass er einen nicht mehr über den Platz gehen liess«, meinte Lotti.

»Dafür wird er seine Gründe haben, Lotti. Und wer weiss, wie manchmal der Bube, den er jenesmal schüttelte, ihn geärgert hat!«

»Mama, wenn du wüsstest, was für ein böses Gesicht der Mann immer gemacht hat!« sagte Lotti.

»Er ist vielleicht krank oder hat irgend eine Sorge. Nicht alle Leute haben es so gut wie ihr und mögen den ganzen Tag lachen. Ihr könnt nicht immer verstehen, warum einer ein ernsthaftes oder finsteres Gesicht macht; seid nur stets selber freundlich gegen jedermann und denkt freundlich von ihm.«

Am andern Abend und am darauf folgenden warteten die Turnachkinder lange vor der Scheune, um den Mann zu sehen. Am dritten stand er wirklich vor seiner Türe.

Hans ging auf ihn zu, etwas zaghaft; aber er hatte sich's fest vorgenommen.

»Guten Abend, Herr –!« Hans hustete ein wenig, weil er den Namen nicht wusste. »Guten Abend. Wir haben am Dienstag ganz vergessen zu danken für die Haselnüsse und auch, dass Sie uns haben unterstehen lassen.«

»Schon recht, schon recht!« sagte der Mann. »Das ist ja nicht der Rede wert.«

Hans war aber noch nicht fertig: »Und es tut mir sehr leid, wenn Sie etwa das Blatt gefunden haben, wo ich das – es war – ich –« Hans wurde sehr verlegen und kam nicht mehr weiter.

Der Mann verstand ihn auch offenbar nicht.

»Was willst du? Ein Blatt? Hast du eins verloren? Ich habe keins gefunden.« Damit nickte er den Kindern zu und wendete sich zur Scheune zurück.

Wie war Hans froh! Das fatale Blatt hatte ihm immer noch im Sinn gelegen.

»Nie, nie mehr tu' ich so etwas!« sagte er zu den Schwestern.

Als sie aber ein Dutzend Schritte gegangen waren, drehte sich das kecke, kleine Lotti noch einmal um und rief: »Die Haselnüsse waren sehr gut! Ich hatte gar keine taube und Hans auch nicht und Marianne bloss eine einzige!«

Da lachte der Mann ein wenig. Alle drei Kinder hatten deutlich gesehen, dass er gelacht hatte.

Er hiess nun bei den Turnachkindern der Haselnussmann, und jedesmal, wenn sie ihn bei der Scheune sahen, nickten die Mädchen, und Hans zog höflich seinen Hut ab.

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