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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Es wird Herbst.

Man merkte deutlich, dass der Sommer zu Ende ging. Auf den Äckern waren die weissen Rüben schon ganz gross. Die Birnen und Äpfel an den Bäumen leuchteten gelb und rot, und die blauen Zwetschgen hingen schwer herunter. Wo man ging und stand, gab es reifes Obst aufzulesen. Die Turnachkinder hatten immer die Taschen voll und konnten die Schulkameraden beschenken.

Es wurden allerlei Früchte eingekocht, und eines Tages, nachdem die Kinder immer gebettelt hatten, man möchte dich den Besuch im »Finkenbaum« machen, sagte Mama:

»Gut! Ziehen wir heut' nachmittag aus! Jedes nimmt ein Körbchen mit; zuerst geht's in die Brombeeren und dann in den ›Finkenbaum‹. Am Montag bringt mir zwar eine Frau einen grossen Korb Beeren. Wenn ich aber an meine Schleckmäuler denke, so scheint mir das nicht genug. Auch finde ich es nett für euch, die Beeren selbst zu pflücken. Im Winter, wenn es schneit, wenn im Ofen das Feuer brennt und ihr zum Abendbrot das Eingemachte esst, denkt ihr dann an den Waldhang, wo die dunkelgrünen Brombeerranken in schönen Bogen übereinander wucherten, wo es so herrlich nach Harz duftete und die lustigen Meisen in den Tannen auf und ab flatterten.«

Die Kinder klatschten freudig in die Hände. Am Nachmittag brach man beizeiten auf. Balbine übernahm das Schwesterlein, so dass Sophie auch mitkonnte. Den kleinen Werner wollte man erst zu Hause lassen, weil der Weg weit war. Aber er bat und bat:

»Mama, mich auch mitnehmen –! Ich möchte auch Brombeeren pflücken; bitte, bitte, Mama –!«

Er kam sich sehr wichtig vor, als er neben Marianne ging und sie ihm alle Orte zeigte, wo sie ihn gesucht hatte. Die lahme Christine war heute nicht zu sehen, wohl aber die gesprächige Frau; diese begrüsste mit vielen Worten Marianne und die ganze Gesellschaft und ging den Weg hinauf mit, bis sie Mariannes Geschichte vollständig vernommen hatte. Als man beim Wirtshaus am Walde ankam, war Werner sehr enttäuscht, den Mann mit dem Äffchen nicht zu sehen.

»Dann gehen wir jetzt zum bösen Hund, Marianne«, erklärte er und zog die Schwester erwartungsvoll vorwärts.

»Ach, du Dummerlein«, sagte Sophie. »Der Hund ist längst nicht mehr da, und es wird auch besser sein. Du würdest schön schreien, wenn er käme!«

Marianne hielt sich, als jetzt der Fussweg am Waldsaum begann, zu Mama. Es war so gut, im hellen Sonnenschein neben ihr denselben Weg zu gehen, den sie an jenem trüben Abend allein in Angst und Schrecken gegangen war. Da hingen wieder die roten und schwarzen Beeren büschelweise an den Sträuchern, und in der Wiese standen fein und schön die blassvioletten Herbstzeitlosen. Sogar der kleine Weiher war heute hell und spiegelte den blauen Himmel wieder.

Bei der Waldwiese, wo damals die zwei Männer gewesen waren, bog man rechts zum Brombeerschlag ab. Sophie kannte sich aus; denn sie hatte früher am Berge gewohnt.

»Wenn es an der Schleifhalde noch aussieht wie vor ein paar Jahren und man nicht etwa neu angepflanzt hat«, sagte sie, »so werdet ihr bald euere Körbe voll haben.«

Und richtig, die sonnige Schleifhalde war weithin überwachsen mit Brombeerstauden, die prächtige reife Beeren trugen. Ringsum aber stand der Wald, wie Mama ihn geschildert hatte.

Die Kinder fingen an zu pflücken, vergnügt und so eifrig, dass keines ans Naschen dachte. Nur Werner kam, als Mama ihn herrief, ein bisschen verlegen. In seinem Körbchen war kaum eine Handvoll Beeren. Sein Gesicht hingegen war schwarz gefärbt. »Ich habe gar nicht so viele gefunden –« versuchte der kleine Schelm sich herauszureden.

»So, so«, sagte Mama. »Ich glaubt eher, die Beeren, die du gepflückt hast, haben nicht den rechten Weg gefunden. Statt ins Körbchen sind sie ins Mäulchen gegangen.« Mama lachte; sie mochte Werner wohl gönnen, dass er nach Herzenslust ass.

Als dann die Grossen herbeikamen, neckten sie Werner allerdings ein wenig.

»Schade, dass du nicht Jakobs Graskorb entlehnt hast; deine Brombeeren hätten dann besser Platz gehabt«, meinte Hans. »Wieviel Töpfe Eingemachtes gibt das wohl, Sophie, was Werner gesammelt hat?«

Mama aber trieb, dass man weiter wandere, wenn man noch in den »Finkenbaum« wolle. Die Kinder waren fast nicht wegzubringen. Immer entdeckte eines wieder einen Zweig mit besonders grossen schwarzen Beeren.

Endlich kam man zum »Finkenbaum«. Die alte Frau, die vor dem Hause Äpfel auflas, stand auf.

»Nein, was wär' jetzt doch das« rief sie. »Unser Stadtjüngferlein! So, so! Zeig, wie siehst du aus am hellen Tag –? An jenem Abend hat man fast nichts gesehen vor lauter Tränen. Und das ist allem Anschein nach das verlorene Brüderlein –?« Die alte Frau strich über Werners blonden Kopf.

Mama hatte zwei schöne buntseidene Taschentücher mitgebracht für den alten Mann, und für die Frau ein mürbes Kaffeebrot, das Balbine gebacken hatte.

»Ja, was denkt ihr auch!« rief die Frau. »Warum nicht gar! Das wäre nicht nötig gewesen! He nun, so will ich es nehmen und vielmal danken! Der Vater ist über Land gegangen. Er wird sagen, die Tücher seien viel zu schön für ihn. Aber wenn er am Sonntag eines nimmt, wird er allemal an das Kind denken, wie es da unten im Fuchstobel gesessen ist ...«

Die Frau hiess die ganze Gesellschaft in die Stube treten und begann dann, Frau Turnach zu erzählen von ihren Kindern, die längst erwachsen und in der Welt draussen waren.

Die Turnachkinder sahen sich in der Stube um, die so niedrig war, dass Mama leicht mit der Hand hätte an die Decke reichen können. Die Wände waren von braunem Holz; ihnen entlang liefen schmale Bänke. In der Ecke stand ein grüner Kachelofen mit einem Aufsatz. Hans dachte, es wäre nett, da herumzuklettern. An den kleinen Fenstern brühten rote Geranien.

»Stand der Teller mit den gerösteten Kartoffeln und der Kaffee dort auf dem grossen Tisch?« fragte Lotti, die alles genau wissen musste.

Marianne nickte. Halb kam ihr die Stube bekannt vor und doch wieder so anders als an jenem Abend.

»Bitte, dürfen wir jetzt noch den Bless sehen und den Wagen und die Vrene?« fragte Lotti, indem sie vor die alte Frau trat.

Diese nickte lachend, und die Kinder liefen mit Sophie zum Stall, wo der Bless neben zwei Kühen stand und vergnügt das Brot nahm, das die Kinder für ihn mitgebracht hatten.

Vrene stand dabei und fragte, ob die Kinder den Hühnerstall oder vielleicht die jungen Schweinchen sehen wollten.

»Ja, ja! bitte, die jungen Schweinchen! Schweinchen haben wir nicht zu Hause!«

Die Schweinchen lagen zu acht dicht bei ihrer Mutter; acht allerliebste Schweinchen, rosig und fett, mit kleinen Augen und niedlichen geringelten Schwänzchen. Werner geriet in lautes Entzücken.

»Nu, regt euch ein wenig, wenn ihr Besuch bekommt!« sagte Vrene und schlug mit einem Rütlein leicht auf die runden Tierchen.

Da fuhren sie schreiend und quieksend nach allen Seiten ihres engen Stalles und stiessen mit den komischen Nasen im Stroh herum. Es war zu lustig.

Werner wollte durchaus eines der Schweinchen auf den Arm nehmen, um es in die Stube zu Mama zu tragen.

»Du könntest es gar nicht halten, so würde es strampeln«, sagte Vrene. »Und dann sind das überhaupt keine Stubengäste.«

Mama kam jedoch selbst in den Stall, um die Schweinchen zu bewundern und die Kinder zum Aufbruch zu nahmen.

Die alte Frau brachte Marianne ein Büschelchen fein duftender trockener Lavendelblüten.

»Leg's in deine Kommode. Es riecht noch nach Jahren gut, und du kannst dabei manchmal an die alten Leute im ›Finkenbaum‹ denken. So kommet denn gut heim und kehret wieder einmal ein bei uns!«

Der Heimweg war weit. Sophie und Hans trugen abwechselnd den kleinen Werner, der das lange Gehen nicht gewöhnt war, auf dem Rücken.

»Wie früh es dunkelt!« sagte Mama, als man bei einer Biegung der Strasse auf die Stadt hinuntersah, wo die Lichter angezündet wurden. »Mich hat es fast traurig gemacht, wie ich droben am Walde eine Buche gesehen habe, die schon anfing sich bräunlich zu färben.«

Mama begann, mit Sophie über den Umzug zu sprechen, und die Kinder wurden ganz ernsthaft, als sie hörten, dass man in etwa drei Wochen schon die Seeweid verlasse. Ja, der kleine Werner, den die Müdigkeit etwas verdriesslich machte, fing plötzlich an zu weinen:

»Ich will nicht in die Stadt – huhuh –! Ich will in der Seeweid bleiben bei Frau Völklein – huhuh –«

»Ja, die würde eine Freude haben!« sagte Hans, der ihn gerade auf dem Rücken hatte. »Besonders, wenn du heulst wie jetzt. Überhaupt, wer so schreien kann, der kann auch wieder ein wenig gehen. Da –«, Hans stellte den Kleinen hin und nahm ihn an der Hand. Marianne fasste die andere.

»Links, rechts – links, rechts –!« kommandierte Hans. »Brust heraus, Leib hinein –! links, rechts – links, rechts –!«

Und halb lachend, halb weinend, schritt das Wernermännchen zwischen den beiden her, so weit er nur ausschreiten konnte mit seinen kleinen Beinen.

Am andern Morgen wurden sie Kinder in aller Frühe geweckt. Vom See tönten laute, tiefe Hornstösse, dazwischen schrille Pfiffe, dann wieder Glockenschläge und ein lang gezogenes Heulen. Das setzte an, hörte auf und begann aufs neue.

»Marianne! Nebel! Nebel –!« rief Lotti und lief zum Fenster. Wie seltsam das war: Vom Berge, von den Dörfern drüben, vom See und dem Himmel sah man nichts. Ein weisser, dichter Dunst verhüllte alles. Gerade dass man den nahen Birnbaum und die junge Tanne im Garten noch erkennen konnte.

Die beiden Mädchen zogen sich schnell an. Hans war schon auf der Gartenmauer.

»Tüh, tütüh –« tönte ein Horn draussen. Es klang ganz unheimlich. »Bing, bing, bing –« antwortete eine helle Glocke.

Das Horn kam von einem Steinschiff, der Glockenklang von einem kleinen Schraubendampfer. Langsam, mit der grössten Vorsicht mussten die Schiffe durch den dichten Nebel fahren, der heute über See und Land lag. Alle Augenblicke konnte ein Zusammenstoss geschehen.

Die Kinder horchten hinaus; es war so geheimnisvoll, alle die Töne zu hören und nichts zu sehen. Einen Augenblick tauchte ziemlich nahe vor der Mauer riesenhaft mit schlaffem Segel am hohen Maste ein Steinschiff auf und verschwand im nächsten Augenblick wie ein Gespensterfahrzeug.

»Wenn wir nur hinausrudern dürften!« sagte Hans. »Ich würde meine kleine Pfeife mitnehmen; mit der müsstest du dann Zeichen geben, Marianne. Eigentlich sollte man das auch üben, wenn man am See wohnt!«

Da er aber wohl wusste, dass Mama für diese Art von Probefahrten nicht zu gewinnen wäre, begnügte er sich, mit den Schwestern den Nebel auf dem festen Lande zu durchstreifen. Es war ein Glück, dass Hans gerade heute erst um acht Uhr in der Schule sein musste. So konnte man zu dritt auf dem Wege ein lustiges Versteckspiel machen. Man lief auf dem freien Felde davon, bis in dem dichten Nebel keins das andere mehr sah. Man wirbelte sich ein dutzendmal im Kreise herum, stand dann still und wusste nun nicht mehr, ging es rechts oder links, vor- oder rückwärts zur Strasse hinauf.

Das war ein solcher Spass, dass man ihn etwas zu lange trieb. Von dem unsichtbaren Kirchturm schlug es schon viertel vor acht. Hans fing an zu rennen und rannte bis in die Stadt, so dass er gerade noch recht in die Klasse kam. Marianne und Lotti liefen auch, was sie konnten; aber als sie in ihr Schulhaus kamen, war's in den Korridoren schon ganz still. Glücklicherweise war Mariannes Lehrerin aufgehalten worden und trat eben erst aus dem Lehrerzimmer; so konnte Marianne noch hineinschlüpfen. Lotti öffnete etwas zaghaft die Türe ihres Zimmers. Fräulein Matthias stand schon vor der Klasse. Aber sie schaute Lotti freundlich an.

»Sieh, sieh! Hat Lotti Turnach doch auch den Weg durch den Nebel gefunden –! Du bist wohl froh, wenn ihr nun bald in die Stadt zieht?«

»Nein«, sagte Lotti. »Wir mögen den Nebel furchtbar gern. Er riecht auch so gut!«

Da lachte Fräulein Matthias und fing an, mit den Kindern vom Nebel zu sprechen. Über den Gassen der Stadt lag er ja auch. Alle, die etwas vom Nebel zu sagen wussten, hielten die Hand auf; aber so viel wie Lotti Turnach konnte keines erzählen.

Es folgten nun eine Reihe solcher Herbstmorgen, aus denen die schönsten, hellsten Tage wurden. Wenn die Kinder aus der Schule heimkamen, stand die Sonne am blauen Himmel; vom Nebel war keine Spur mehr zu sehen. Wohin war er geschwunden? Am Sonntag konnten die Kinder zusehen, wie das ging. So etwa um neun, zehn Uhr kam eine Bewegung in die weisse stille Luft. Sie wallte auf und nieder. Es wurde lichter und wieder trüb. Plötzlich sah man ein Stück vom Ufer drüben, eine Linie des Berges oder etwas Himmel. Alles wurde wieder verhüllt und erschien von neuem, wurde grösser – und dann auf einmal brach der helle Sonnenschein durch. Der blaue See wurde weit und das andere Ufer klar. Ein streifen feinen Dunstes zog noch da übers Wasser, dort an der Waldhöhe entlang; dann zerfloss und verging auch er.

»Fräulein Matthias hat gesagt, die starke Sonne mit ihren warmen Strahlen schlucke den Nebel auf«, erklärte Lotti, als die Kinder gegen Mittag auf den See hinausfuhren. »Jetzt scheint sie auf uns. Wenn sie uns nur nicht auch verschluckt!«

Hans und Lotti lachten.

»O, seid einmal beide ganz still, und Hans, hör' auf zu rudern!« bat Marianne und sah ringsum.

Hinter ihr lag die Seeweid mit der grauen Mauer, über die das purpurrote Laub des wilden Weines herunter hing. Drüben am Ufer blinkten die weissen Häuser aus ihren Gärten. Und fern ragte hinter den bläulichen Vorbergen das schimmernde Schneegebirge auf, so klar wie man es im Sommer selten sah. Es war, als ob jetzt zum Abschied noch alles sich doppelt prächtig zeigen wollte.

Am schönsten aber war es beim Sonnenuntergang, wenn die Schneegipfel in roter Glut sich vom reinen Himmel abhoben.

»Das ist unser liebes, schönes Heimatland, Kinder«, sagte Papa, als er am Abend mit ihnen draussen sass. »Ihr wisst noch nicht recht, was ihr besitzt. Erst wer einmal lange fort gewesen ist, fühlt ganz, wie er sein Vaterland liebt –«

Papa sah über den See zu den verglühenden Bergen hin, und die Kinder merkten, dass er an jene Zeit dachte, wo er viele Jahre in der fremde gewesen war und bitteres Heimweh nach seiner lieben, schönen Heimat gehabt hatte.

Der Fackelzug.

»Papa«, sagte Hans eines Montags nach dem Mittagessen, »wir haben in der Klasse ausgemacht, dass wir Herrn Altschmid einen Fackelzug bringen.«

Herr Altschmid, Hansens Lehrer, war seit einiger Zeit krank.

»Schön«, sagte Papa. »Woher bekommt ihr Fackeln?«

»Ja, wir machen es mit Rübenlichtern. Herr Altschmid hat einmal in der Naturkundstunde uns erzählt, er möge sie so gern; er habe als Bube im Herbst immer Rübenlampen geschnitzt.«

»Wenn aber Herr Altschmid krank ist, kann er euern Fackelzug nicht sehen«, warf Lotti ein.

»Vom Fenster aus schon. Es geht ihm jetzt besser. Nach den Herbstferien kommt er wieder in die Schule, und wir sind sehr froh; wir mögen Herrn Moosrang gar nicht.«

»Das ist ein schnelles Wort«, sagte Papa, »aber eines, das mir nicht gefällt, Hans!«

»Papa, keiner hat ihn gern, nicht einmal Karl Binder und Walter Schürmann, und das sind doch die Besten in der Klasse. Er macht auch alles ganz anders als Herr Altschmid und hat gar keine Ordnung. Und er zankt beständig, schon wenn er hereinkommt. Aber die Buben hören nicht auf mit Lachen und Schwatzen. Letzthin hat der Wohlkomm ganz laut mit dem Lineal auf den Tisch geschlagen, und dann, wie man gemeint hat, es werde endlich ruhig, läuft der Beschel bis zur vordersten Bank und gibt dem Adolf Kurz eins. Da hat alles gelacht, und der Lärm ging noch einmal von vorn an.«

»Ihr seid aber unartige Buben!« rief Marianne.

»Hoffentlich sind nicht alle so? Hoffentlich sind einige, die sich schämen mitzumachen –?« sagte Papa und sah Hans scharf an.

»Ja, schon –«, antwortete Hans etwas verlegen. Er gehörte nicht zu den Schlimmen; aber ein ganz gutes Gewissen hatte er doch nicht. Um abzulenken, fing er wieder an, vom Fackelzug zu sprechen.

»Frau Altschmid hat gesagt, am Samstag dürften ein paar von uns Herrn Altschmid sehen. Also wählen wir einige aus dem Fackelzug, die hinaufgehen. Vielleicht komme ich auch dazu. Dann erzählen wir Herrn Altschmid, wie es bei Herrn Moosrang ist und dass wir gar nicht mehr gern in die Schule gehen.«

»Hans«, sagte Papa, »die ganze Geschichte gefällt mir nicht.«

»Aber doch das mit dem Fackelzug?«

»Nein, das mit dem Fackelzug auch nicht. Ich finde, dass es unter diesen Umständen gar nicht geht, Herrn Altschmid einen Fackelzug zu bringen.«

Hans und die Schwestern sahen Papa erstaunt an.

»Wenn er nun von euch hört, dass ihr unartig und unfolgsam seid und Herrn Moosrang die Arbeit so schwer als möglich macht, wie kann er da Freude haben an euerm Fackelzug –? Herr Altschmid ist krank; jetzt bereitet ihr ihm noch Sorge und Ärger dazu. Er hoffte, ihr würdet bei Herrn Moosrang tüchtig lernen, so dass er sich zu Hause ruhig erholen könnte; statt dessen hört er, dass die Zeit verloren geht. Denn wo keine Ordnung ist, da ist auch kein Vorwärtskommen. Nein, erst müsst ihr euch bei Herrn Moosrang wacker halten, bevor ihr da grossartig mit Lichtern zu Herrn Altschmid ziehen könnt. Das ist meine Meinung, Hans, und ich wollte, sie wäre auch die deine.«

Papa zog seine Uhr heraus.

»Es ist höchste Zeit, dass ihr zur Schule geht, Kinder!«

Als Papa Hans die Hand reichte, sah er ihm noch einmal ernsthaft ins Gesicht. –

Von zwei bis drei war Schreibstunde. Hans sass still über seinem Heft, während es um ihn her flüsterte und herumrutschte. Herr Moosrang zeigte an der Wandtafel das grosse P und schrieb darunter: Paris, Paul, Po, Petersburg. Er machte schöne, grosse Buchstaben; aber beim g brach ihm die Kreide.

»Au weh!« rief Wohlkomm über die Klasse hin, so dass alles laut lachte. Herr Moosrang kam und schüttelte den Wohlkomm am Arm; aber Wohlkomm machte ein sehr unartiges Gesicht.

»Schreibt jetzt –!« rief Herr Moosrang ärgerlich.

Hans versuchte, ob er einen recht schönen Bogen auf seinem P herausbringe. Da stiess ihn sein Nachbar, der kleine Haubinger, der absichtlich einen grossen Tintenfleck auf ein Stück Papier gemacht und dies gefaltet hatte. Nun war ein greuliches Gebilde entstanden, einem Gesicht ähnlich mit struppigen Haaren. Haubinger setzte Arme und Beine an.

»Gib's weiter, Turnach!«

Aber Hans rückte weg.

»Lass mich in Ruh!« sagte er.

»Puh –!« machte der andere und schnitt eine Grimasse. »Wie tust denn du auf einmal tugendhaft –!« Er bot sein Kunstwerk in die hintere Bank und verfertigte dann ein neues.

In der Pause ging Hans mit Karl Binder und Walter Schürmann unter den Kastanienbäumen des Hofes auf und ab.

»Wisst ihr – eigentlich ist das nichts, wie es bei und jetzt zugeht. Neben dem Haubinger kann man gar nicht arbeiten, wenn man noch möchte«, sagte er.

»Ja, und erst neben dem Kurz –!« erwiderte Karl Binder. »Es ist wirtlich zu arg, wie sie's machen.«

»Wenn das Herr Altschmid erfährt, ist es ihm gewiss nicht recht«, sagte Hans. Er redete jetzt wie sein Papa; aber er durfte; denn er hatte die ganze Stunde über die Sache nachgedacht. »Der Fackelzug ist mir jetzt fast verleidet.«

»Ja, dumm wär' es schon, wenn Herr Altschmid dann früge, was wir in der Schule treiben«, sagte Karl Binder.

»Aber was wollt ihr tun, wenn die ganze Klasse so ist!« meinte Walter Schürmann.

»Ho, man braucht wenigstens nicht mitzumachen«, antwortete Karl Binder. »Ich gebe dem Kurz nie Antwort, wenn er mit seinen Dummheiten kommt.«

»Ich dem Haubinger jetzt auch nicht mehr!« rief Hans eifrig.

Um vier Uhr trafen die drei wieder zusammen und gingen die Treppe hinunter. Da rannte Haubinger an ihnen vorbei, tat einen scharfen Pfiff und schrie, indem er sich gegen die andern wandte:

»Die Tugendbündler – da gehen die Tugendbündler –!« Das Wort lief gleich durch die ganze Schar auf der Treppe:

»Seht, seht, das ist der Tugendbund! Das ist die Kompanie der Tugendhaften – die Gesellschaft der artigen Büblein –!«

Binder, Schürmann und Hans Turnach gingen weiter und antworteten vorerst nicht auf die Spottreden. Als aber einer den Karl Binder grob in die Seite stiess, stellte sich dieser:

»Komm her, wenn du Mut hast –!« rief er.

Vogelberger, ein grosser Bub, zögerte. Doch als er sah, dass etwa zehn oder zwölf andere Lust hatten, mit ihm den Tugendbund anzugreifen, warf er die Schulmappe in die Ecke und wandte sich mit einem kriegerischen »Hoh – hoh!« gegen die drei.

Hans erhielt den ersten Schlag von der Faust des Vogelberger und gab ihn gehörig zurück. Da kam um die Ecke Herr Späth, der Lehrer der sechsten Klasse, ein alter weisshaariger, aber noch sehr handfester Herr, den man im Schulhaus fürchtete. Die Knaben fuhren zurück.

»Ihr Erzschlingel –!« rief er mit dröhnender Stimme. »Ihr heillosen Kerle! Muss denn immer geprügelt sein –? immer geprügelt? Kennt ihr gar keine andere Art, euch mit einander zu verständigen? Schämt euch, und macht, dass ihr heimkommt! ...«

So weitersprechend trieb Herr Späth die Buben durch den Schulhof und draussen über den Platz. Es war keine Möglichkeit, den Streit fortzusetzen.

Dafür ging es am andern Morgen wieder an. Die drei Freunde setzten sich ruhig an ihre Plätze; aber die andern trieben es um so toller. Die waren heute besonders ungebärdig, um die »Tugendbündler« zu ärgern. Herr Moosrang kam gar nicht aus dem Schelten heraus.

In der Geometriestunde hatte die Klasse spitze und stumpfe Winkel zu zeichnen und zu messen. Da sah Hans auf einmal, dass Julius Beschel etwas in den Seitengang warf. Karl Binder bemerkte es auch; er bückte sich und hob ein Knallplätzchen auf. Weiter hinten sah er noch eins und ein drittes. Sie mussten losgehen, sowie Herr Moosrang daherkam.

»Lass liegen –!« wisperte Vogelberger. »Das geht dich nichts an!« Damit warf auch er zwei Knallplätzchen hin.

Karl Binder lob sie auf, und Hans bückte sich nach einem in seiner Nähe.

»Ihr seid dumme, langweilige Spielverderber!« sagte Haubinger, der dem Treiben zusah.

Als Beschel wieder warf, musste Karl Binder um drei Bänke zurückschleichen, bis er zu dem Knallplätzchen kam.

Herr Moosrang sah auf. Was war das wieder für ein Hin und Her, ein Flüstern und Lachen –?

»Karl Binder! Wie kannst du dich unterstehen –! Was ist das! Nicht fünf Minuten könnt ihr euch anständig benehmen!« Herr Moosrang war so böse wie noch nie. Wenn nun dieser Binder auch anfing, der doch sonst einer der Besten war –!

Herr Moosrang stand hart vor Karl Binder.

»Was hattest du da hinten zu tun –? Ich will es wissen!«

Karl Binder sah zu Beschel und Vogelberger hinüber; aber die rührten sich nicht.

»Nun? Wird's bald –?« rief Herr Moosrang scharf.

Es war Karl Binder leid, so trotzig zu scheinen; aber verklagen wollte er die beiden nicht und eine Lüge sagen auch nicht.

»Kannst du nicht reden? nicht –? Nun, dann besinnst du dich vielleicht da draussen auf eine Antwort – marsch –!« Herr Moosrang riss die Türe auf.

Alle Knaben sahen gespannt zu. Das war noch nie erlebt worden, dass der Binder vor die Türe musste. Hans hätte bei einem Haare geschrien: »Er ist unschuldig –!«

Aber Karl Binder winkte ihm mit den Augen und ging ruhig hinaus. Nur als er bei Beschel und Vogelberger vorbeikam, machte er ein verächtliches Gesicht.

Herr Moosrang hatte die Türklinke in der Hand behalten und wollte hinter Karl Binder schliessen; da rief ihn ein Lehrer hinaus, der etwas mit ihm zu besprechen hatte.

So war jetzt die Klasse allein. Statt aber, wie sonst bei solch einem Anlass, Lärm anzufangen, waren die Buben still und sahen einander verblüfft an. Beschel und Vogelberger beugten sich über ihre Hefte, als ob sie eifrig ihre Winkel messen würden.

Da stand Herrmann Villeiner in der ersten Bankreihe auf, drehte dich gegen die Klasse um und sagte laut:

»Eigentlich ist das gemein.«

Villeiner war ein blondhaariger Bube mit dicken Backen und galt für etwas faul. In der Klasse hatte man ihn aber nicht ungern.

»Eigentlich ist das gemein«, sagte er noch einmal und setzte sich auf seinen Tisch vor alle hin. »Wenn einer etwas tut, sann soll er dazu stehen. In rechten Klassen macht man es immer so. Aber bei uns sind ein paar, die keinen Mut haben und keine Ehre, ein paar miserable Tröpfe –«

Alle sahen auf Beschel und Vogelberger, und es gab ein lautes Gemurmel durch die Klasse:

»Der Villeiner hat recht! Karl Binder gehörte nicht vor die Türe! Von ihm war's fein, dass er sie nicht verklagen wollte! In der sechsten Klasse verklagen sie auch nie. Wenn etwas auskommt, so muss der, der es getan hat, selber bekennen; oder er gilt als ehrlos –«, so hiess es durcheinander unter den Buben.

Da kam Herr Moosrang zurück und liess auch Karl Binder hereintreten.

»Um elf Uhr reden wir dann miteinander!« sagte er kurz.

Alle waren neugierig, was Karl Binder für ein Gesicht mache. Er ging aber ruhig an seinen Platz und nahm sofort Bleistift und Transporteur zur Hand. Das war wie ein Zeichen für die andern. Die Stunde ging ohne weitere Störung zu Ende.

In der Pause aber gab es viel zu reden, und die Parteien standen wieder abgesondert in zwei Ecken des Hofes. Während jedoch gestern der »Tugendbund« bloss drei Mitglieder gezählt hatte, traten jetzt fast drei Viertel der Klasse zu Karl Binder hinüber. Auf der andern Seite waren nur noch Beschel, Vogelberger, Kurz, Wohlkomm und sonst ein paar »Nichtsnutzige«, wie Villeiner verächtlich sagte. Er, der sonst so bequem war, ging als Vermittler zwischen beiden Parteien hin und her. Zuerst verlangte man, die Werfer von Knallplätzchen sollten bei Karl Binder abbitten und dann Herrn Moosrang alles sagen. Sie sträubten sich, und Karl Binder erklärte, er begehre keine Abbitte und bei Herrn Moosrang könne er die Sache vielleicht selbst abmachen; sie sollten aber versprechen, nie mehr Knallplätzchen zu werfen und sich überhaupt nicht so miserabel aufzuführen. Villeiner ging hinüber, das auszurichten.

»Und wenn ihr wieder anfangt, so prügelt euch die ganze Klasse durch!« setzte er aus eigenem Gutdünken seiner Botschaft hinzu. Die Partei Beschel und Vogelberger fügte sich.

Als nach der Pause Herr Moosrang hereinkam, war er ganz erstaunt, alle so ordentlich und still an ihren Plätzen zu finden. Auch im Verlauf der Stunde, da ein Lesestück durchgenommen wurde, gab es fast nichts zu tadeln. Es war von einem Seehafen die Rede. Da fing Herr Moosrang an von Marseille zu erzählen, von dem Schiffverkehr dort und dem Treiben im Hafen, von den mächtigen Dampfern und den Drei- und Fünfmastern mit Flaggen aus aller Herren Ländern, von den kleinen Seglern, die mit Orangen beladen von Spanien herüberkommen, und von den winzigen Motorbooten, die wie Wasserspinnen im Hafen herumschnurren.

Er erzählte so lebhaft, dass die Knaben meinten, dabei zu sein. Es läutete elf Uhr, ehe man sich's versah.

Da fiel Herrn Moosrangs Blick auf Karl Binder.

»Komm her, du dort!« sagte er und sah wieder ärgerlich aus.

Es bildete sich ein Kreis Neugieriger um Karl Binder, als er vor Herrn Moosrang stand; aber bescheiden sagte er:

»Herr Moosrang – wir haben etwas gegen einander gehabt. Drum bin ich schnell vom Platz gegangen. Ich hab' nicht anders können. Aber wir haben es unter uns ausgemacht in der Pause; es ist eine Art Streit gewesen. Jetzt ist alles in Ordnung.«

Herrn Moosrangs Gesicht hellte sich auf; es lag ihm offenbar nichts an einer Untersuchung.

»So – nun, wenn ihr die Sache selbst in Ordnung gebracht habt –! Nehmt euch aber in acht, dass ihr nicht eine neue anfangt!«

Er nahm seine Mappe und verliess das Zimmer.

»Famos!« sagten die Buben, als sie die Treppe hinunter gingen. »Fein war das vom Binder! Er hat sie nicht angegeben und doch ganz die Wahrheit gesagt –«

Am Nachmittag in der Geschichtsstunde ging wieder alles in Frieden, und um drei Uhr kam Herr Moosrang mit ganz fröhlichem Gesicht in die Turnhalle:

»Weil ihr euch so gut gehalten habt, Bursche, gibt's eine Spielstunde draussen!«

Die Buben jubelten, aber manierlich. Herr Moosrang liess sie im Hofe die alten Ballspiele spielen und lehrte sie ein neues, das ihnen sehr gefiel. Er selbst schleuderte den Ball ausgezeichnet und war lustig und freundlich. Einmal lobte er den Beschel für einen besonders guten Schlag und wählte den Kurz zum Führer, als ob er gar nicht mehr an all den Ärger denke, den ihm die zwei schon gemacht –

»Papa«, schloss Hans, als er am Abend die Schulgeschichte erzählte, »seit heute haben wir Herrn Moosrang ganz gern!«

»So«, sagte Papa, »das ist schnell besser geworden! Wenn's jetzt nur dabei bleibt!«

Und wirklich, auch die folgenden Tage verliefen gut. Nicht, dass nun die ganze Klasse auf einmal sich tadellos aufgeführt hätte; es musste hie und da einer gestraft werden. Aber der ganze Ton war doch ein anderer.

So fingen denn die Buben wieder an, vom Fackelzug zu sprechen.

»Wir dürfen Herrn Altschmid jetzt schon einen bringen«, meinte Walter Schürmann. »Herr Moosrang hat gesagt, wenn etwa einer von und zu Herrn Altschmid gehe, so sollen wir ihn grüssen und ihm ausrichten, Herr Moosrang sei jetzt recht zufrieden mit uns.«

Der Fackelzug wurde auf Samstag halb sieben festgesetzt, und am Freitag abend brachte Hans aus der Schule etwa zwölf Buben mit, darunter Karl Binder, Walter Schürmann, Villeiner und sogar den Haubinger, mit dem er wieder Frieden geschlossen hatte.

»Wir brauchen alle recht grosse Rüben, Jakob« sagte Hans, als er mit den Kameraden zum Stall kam. »Bitte, geh mit uns zum obern Acker; Frau Völklein hat es erlaubt.«

Jakob wusste schon vom Fackelzug und nahm grossen Anteil an dem Unternehmen. Er hatte es wie Herr Altschmid: die Rübenlichter erinnerten ihn an seine Kindheit.

Jeder der Buben bekam zwei oder drei Rüben für den Fall, dass ein Stück misslinge. Dann ging's ans Aushöhlen. Marianne und Lotti, die mit einem Korb voll Brotstücke und Äpfel gekommen waren, blieben da und halfen; denn es stellte sich heraus, dass einige Buben noch nie eine Rübenlampe gemacht hatten.

»Innen muss alles sauber heraus«, erklärte Lotti dem Haubinger, der heute sehr artig war. »So – die Wand muss ganz dünn werden; aber es darf kein Loch geben. Oben kommen dann die Einschnitte für die Schnüre –«

Marianne half dem Villeiner, der etwas ungeschickte Hände besass.

»Fertig!« sagte er zufrieden, als Marianne seine Rübe ausgehöhlt hatte.

»Nein, du! die ist noch nicht fertig!« erwiderte Marianne. »Du wirst doch nicht an den Fackelzug wollen mit einer Lampe ohne Verzierung –? Sieh dort dem Karl Binder und dem Hans zu –«

Karl Binder hatte eine hübsche Bordüre von Zacken und Ringen in Arbeit, Hans eine Reihe von Bäumchen, immer ein kugelrundes und dann ein spitziges. Es war nicht leicht, so aussen die oberste Schicht der Rübe abzulösen, ohne durchzustechen. Aber alle Buben versuchten nun, Figuren einzuschneiden oder dann die Anfangsbuchstaben ihres Namens mit der Klasse und der Jahreszahl. Walter Schürmann, der gut zeichnete, brachte auf seiner Lampe drei grosse Hähne an mit zackigem Kamm. Und ebenso hübsch wurde Mariannes Rübe mit zwei Kindern, die sich an der Hand hielten.

Die meisten Knaben machten zwei Lampen; denn es liess sich ganz gut ein Paar an einem Stock befestigen.

»Du«, sagte Lotti leise zu Hans, »Marianne und ich, wir möchten furchtbar gern auch mit an den Fackelzug.«

»Das geht nicht«, antwortete Hans. »Wir können keine Mädchen brauchen.«

»Warum nicht?« sagte Karl Binder. »Sie können Ehrenjungfrauen sein. Ich habe das einmal bei einem Sängerfestzug gesehen. Sie waren weiss gekleidet und trugen Blumen.«

Lotti lief voll Freude zur Schwester hinüber:

»Du, Marianne – Karl Binder hat gesagt, wir dürften Ehrenjungfrauen sein!«

»Wenn aber die andern nicht wollen –?« warf Hans ein.

»Man muss es ihnen nur recht sagen«, antwortete Karl. »Wir haben ja auch noch die Abgeordneten zu wählen morgen.«

Die Wahlen nahmen zwei Pausen in Anspruch. Zuerst und einstimmig wurde Karl Binder gewählt, dann ebenfalls mit schönem Mehr Hans Turnach und Walter Schürmann; als vierter und fünfter Villeiner und sein Freund Kolb. Alles war erstaunt, dass Karl Binder noch den Wohlkomm vorschlug.

»Aber, Karl – den Wohlkomm!« sagte Hans leise.

»Eben gerade! Wir müssen einen von den früheren Feinden wählen. Sie haben uns auch ihre Stimmen gegeben.«

Wohlkomm bekam vor Überraschung einen ganz roten Kopf, als er wirklich gewählt wurde.

Dann folgte die Frage wegen der Ehrenjungfrauen. Ein paar von den Buben wollten zuerst nichts davon wissen und sagten, sie begehrten nicht hinter Mädeln herzuziehen.

»So bleibt daheim!« rief Haubinger, dem Lotti gestern bei seiner Rübenlampe geholfen, und versetzte einem der Gegner einen festen Puff, der erwidert wurde. Fast wäre um die Ehrenjungfrauen eine regelrechte Prügelei entstanden, wenn nicht Karl Binder erklärt hätte, an jenem Sängerfest seien sehr viele Herren und sogar Präsidenten hinter den Ehrenjungfrauen gezogen.

Am Samstag versammelte die Klasse sich unten bei der stillen Vorstadtstrasse, an der Herr Altschmid wohnte. Von allen Seiten kamen die Knaben daher mit ihren Lampen, in denen das Lichtstümpchen schon brannte. Sie zeigten sich gegenseitig ihr Schnitzwerk, das, von innen beleuchtet, hell und hübsch schimmerte. Dann ordnete man sich zum Zug. Er wurde eröffnet durch drei Doppellampenträger, die in gleichmässigem Abstand neben einander herschritten. Ihnen folgten die Ehrenjungfrauen, zu denen als dritte noch Emma Schürmann gekommen war. Lotti ging in der Mitte mit einem Rübenlicht, rechts Emma Schürmann mit einem Blumenstrauss, links Marianne mit einem Körbchen Birnen. Statt weisser Kleider hatten sie weisse Schärpen, die Marianne aus Seidenpapier verfertigt hatte. Es sah sehr festlich aus. Nach den Ehrenjungfrauen kamen mit ihren Lichtern die sechs Abgeordneten, welche als Zeichen Zweige an den Hüten stecken hatten. Hinter ihnen marschierten die übrigen Buben, eine Dreierreihe nach der andern, in Abständen, damit der Zug möglichst lang werde.

Es war schon ziemlich dunkel, und die vielen Rübenlichter schimmerten die Strasse hinauf wie ein Schwarm Leuchtkäfer. Die Leute standen und hatten ihre Freude an dem Zug.

»Oha –!« sagte auf einmal Villeiner. »Dort kommt ein Polizeidiener –«

Die Buben hielten verdutzt an. Ein Polizeidiener und eine Schar Fünftklässler, das gab sehr oft ein unerfreuliches Zusammentreffen. Aber Karl Binder und Hans Turnach erklärten dem Manne, dass es ein Fackelzug sei, der dem Herrn Lehrer Altschmid gebracht werde. Der Polizeidiener lachte gutmütig und folgte in einiger Entfernung, um zu sehen, wie sich die Sache abspiele.

Es verlief alles sehr schön. Bei Herrn Altschmid angelangt, der im ersten Stockwerk wohnte, stellten sich die Knaben rasch und leise zusammen und stimmten dass Lied an:

»Im schönsten Wiesengrunde
liegt meiner Heimat Haus ...«

Die Fenster öffneten sich; Frau Altschmid und ihre Tochter sahen heraus.

»Vater, Vater!« rief Fräulein Altschmid ins Zimmer zurück.

»Da ist deine ganze Klasse mit Rübenlichtern! Wie nett, alle die kleinen Lampen! Und wie die Buben schön singen –«

Am Ende der dritten Strophe wurde auch Herr Altschmid sichtbar.

»Guten Abend, Herr Altschmid! guten Abend –« riefen die Buben und streckten ihre Stöcke mit den Lampen zum Gruss in die Höhe.

Die sechs Gewählten gingen hinauf in die Wohnung. Walter Schürmann trug die Blumen, Hans Turnach den Birnenkorb. Herr Altschmid bewunderte die Lampen mit den hübschen Verzierungen.

»Also einen Fackelzug bringt ihr mir –? Denk' doch Mutter, so eine Ehre!« wandte er sich lächelnd an seine Frau. »Das habt ihr nett ausgedacht; das macht mir Freude!«

Dann aber kam gleich, was die Buben erwartet hatten:

»Nun, Bürschlein, und wie geht's in der Schule? Macht ihr mir Ehre? Ist Herr Moosrang zufrieden?«

Da waren denn alle sehr froh, dass sie mit einem Ja antworten konnten.

»So, so, das ist ja schön, Wohlkomm!« sagte Herr Altschmid und sah den Wohlkomm, der fast verlegen wurde, etwas ungläubig aber freundlich an.

Herr Altschmid sprach mit müder Stimme; die Knaben merkten, dass er noch leidend war, und verabschiedeten sich. Drunten aber stimmte die Klasse ein zweites Lied an, wieder ein sanftes, wie die Buben es passend fanden für ihren kranken Lehrer.

»Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin ...«

Überall an den Fenstern und vor den Häusern standen Leute und sagten, das sei ein netter Einfall von den Knaben. Am meisten aber freute es diese, als Herr Altschmid noch einmal ans Fenster trat und einen herzlichen Dank herunterrief.

Die Buben schwenkten ihre Mützen und Lampen.

»Gute Besserung, Herr Altschmid! Hoch, hoch, Herr Altschmid! Gute Nacht –!« riefen sie wieder und wieder, stellten sich dann aber auf Anordnung von Karl Binder in Reih und Glied; die Ehrenjungfrauen, zu denen Fräulein Altschmid heruntergekommen war, um sie zu begrüssen, huschten an ihre Plätze, und stramm marschierte die Schar zum Takte eines Turnerliedes die Strasse hinab. Herr Altschmid schaute nach, bis die letzte leuchtende Rübenlampe verschwunden war.

»Schön ist es gewesen, Papa –!« berichteten die Turnachkinder zu Hause.

»Ja«, sagte Marianne, »und am Anfang der Woche hat man gemeint, es könne gar nichts werden aus dem Fackelzug!«

»Wenn Papa nicht gewesen wäre«, erklärte Hans, »so wäre auch alles gar nicht so gegangen.«

»Wir wollen sagen, der gute Wille hat's gemacht«, antwortete Papa. »Der gute Wille allerseits. Zuerst in einigen wenigen, und dann, als die tapfer und fest bei der Sache blieben, wurden auch die andern herumgebracht, und es haben sogar Leute wie dieser Beschel und Haubinger und Vogelberger ihre vernünftige und ordentliche Seite herausgekehrt. Ich freue mich darüber, Hans.«

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