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Die Turnachkinder im Sommer

Ida Bindschedler: Die Turnachkinder im Sommer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorIda Bindschedler
titleDie Turnachkinder im Sommer
sendernoname@abc.de
created20020811
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Indianerleben.

Schon am Anfang der Ferien hatten Hans, Marianne und Lotti davon gesprochen, im Schilf eine Indianerhütte zu bauen. Aber dann fiel ihnen ein, dass sie damit warten wollten, bis die Doktorskinder von Larstetten kämen.

»Mit ihnen muss man doch lauter Spiele am See machen«, sagte Hans. »Man bringt sie ja nie vom Wasser weg. Otto will sowieso dies Jahr schwimmen und rudern lernen.«

Otto war der Vetter und Trudi das Cousinchen der Turnachkinder. Die Ferien in Larstetten begannen später, und erst am Montag der dritten Ferienwoche langten die kleinen Gäste an, begleitet von Tante Doktor. Hans, Marianne und Lotti durften sie mit Mama am Bahnhof abholen. Das war schon sehr nett. In der grossen Halle, wo es pfiff, toste und rauchte und die Leute hin und her eilten, kam es den Turnachkindern fast vor, als ob sie selber auf Reisen gingen.

Als Otto mit der Tasche und Trudi mit den Schirmen zwischen den grossen Leuten hindurch auf die Turnachkinder zukamen, lachten sich alle Fünfe an und schüttelten sich die Hand, wussten aber im ersten Augenblick gar nichts zu reden; denn sie hatten sich lange nicht gesehen. Nur dem Trudi, das neben Lotti vorausging, fiel gleich etwas ein.

»Mama«, rief sie zurück, »Lotti hat kurze Haare! Darf ich auch kurze Haare haben?«

Die Mütter lachten. Es war eine bekannte Sache, dass Trudi alles haben und tun wollte wie Lotti. Die beiden waren fast gleich alt und liebten einander zärtlich. Man behauptete auch, sie glichen sich.

»Dann wird man euch gar nicht mehr von einander kennen!« sagte Tante Doktor. »Aber meinetwegen, weil's so heisser Sommer ist!«

»Unser Haarschneider wohnt nicht weit von Mischa«, fing Lotti an. »Aber von Mischa wisst ihr ja noch nichts! Also auf dem Schulweg –«

»Nein, den Seesturm müssen wir zu allererst erzählen –«

»Oder das von den Vetterchen aus Martinique, von Tatschi und Muschi –«

So tönte es jetzt auf einmal lebhaft durcheinander, und den Doktorskindern fiel auch alles Mögliche ein. Als man aber dem Fluss entlang gegen den See kam, ging Otto, ein fester blonder Bub im Alter zwischen Hans und Marianne, immer rascher und sah nur noch gerade aus.

»Hans,« sagte er, »wenn dir doch gleich ein Dampfschiff sehen würden! Ich freue mich so schrecklich auf den See. Ich habe die letzte Woche gar nicht mehr gut rechnen können in der Schule, weil ich immer an euere Seeweid habe denken müssen.«

Die beiden Vettern liefen voraus. Zum Glück steuerte gerade der »Delphin« mit starkem Rauschen und Wellenschlagen hinaus. Otto stand entzückt und unbeweglich. Auch ein schwer beladenes Steinschiff kam heran, das drei Männer mit ihren Stachelstangen zum Hafen lenkten.

Die andern sassen schon lang in Steppingers Schiff, das die ganze Gesellschaft in die Seeweid hinausbringen sollte. Man musste Otto dreimal rufen und ihn endlich am Arm nehmen.

»Mama«, sagte er mit einem tiefen Atemzug, »es ist traurig und eine furchtbare Schande, dass Larstetten keinen See hat. Wenn ich einmal –«

»Wenn du einmal ein berühmter Ingenieur bist, gräbst du den Larstettern einen grossen See zwischen dem Weissberg und dem Bassenkopf; dann errichtet man dir ein Denkmal auf dem Marktplatz«, sagte seine Mama.

Otto schaute sie an, ob das ernst gemeint sei. Aber Mama hatte ihn nur necken wollen. Da lachte er denn mit den andern und dachte nicht mehr an die schlechte Lage von Larstetten, sondern an die schöne Seeweid, wo er zwei Wochen verbringen durfte.

Schon am zweiten Morgen ging das Indianerspiel an. Es war kaum halb sieben Uhr, als die drei Mädchen durch ein lautes Klopfen geweckt wurden. Marianne lief ans Fenster.

»Lotti! Trudi! Es sind die Buben! Sie arbeiten schon im Schilf –«

Trudi besann sich noch ein wenig. Es war so hübsch, da zu liegen in dem ungewohnten und doch traulichen Zimmer mit den weissen, dicken Blumen an der Tapete. Als sie aber sah, dass Lotti schon zum Waschtisch ging, machte sie sich auch auf.

Sowie sie angekleidet waren, liefen die drei hinaus und stiegen auf die Mauer.

»Sollen wir kommen und euch helfen?« riefen sie hinunter.

»Ja, natürlich!« schrie Hans. »Die Pfähle zum Wigwam haben wir eingerammelt. Nun werden Latten darangenagelt und mit Schilf bedeckt. Das Dach wird am schwierigsten zu machen sein ...«

Als er hörte, dass die Mädchen an der Mauer entlang zum Schilfe kamen, rief er:

»Gebt acht, dass ihr keinen breiten Weg tretet! Wenn die Mingos nahen, um uns zu überfallen, sollen sie keinen Zugang finden.«

Trudi sah Lotti fragend an.

»Die Mingos sind ein feindlicher Stamm«, erklärte diese. »Wir sind Delawaren; das sind sehr edle Indianer.«

Trudi guckte sich um. Sie standen in einem ganzen Walde hoher Schilfhalme auf einem kleinen freien Platz. Hinter ihnen ragte die Gartenmauer auf; an drei Seiten waren sie von Schilf und See umgeben.

»Nun könnt ihr Schilf brechen«, ordnete Hans an. »Aber recht lange Halme!«

Trudi brachte zuerst nichts Ordentliches zu stande. Doch Marianne zeigte ihr, wie die Halme an der Knotenstelle, wo ein Blatt angewachsen war, sich leicht knicken liessen. Da wurde Trudi sehr eifrig. Nur wenn sich ein recht langer Stengel fand mit besonders schöner rotbrauner Blütenrispe, spielten Lotti und Trudi ein wenig damit, schlichen hinter Hans und Otto und wedelten ihnen mit den langen Halmen um die Ohren.

Hans schüttelte dann bloss den Kopf.

»Das ist natürlich wieder einmal Lotti. Man kann sie fast nicht brauchen bei einer wichtigen Arbeit. Sie will immer nur lachen.«

»Trudi ist nicht viel besser!« sagte Otto. »Jetzt, glaub' ich, haben wir genug Latten; jetzt kommt der Schilf drüber –«

Marianne war schon mit einem Knäuel starkem altem Strickgarn zur Hand. Während sie aber mit Hans und Otto beriet, wie der Schilf zu befestigen sei, ertönte Sophies Stimme:

»Wo seid ihr denn alle –? Zum Frühstück! Die Milch steht schon seit einer Viertelstunde auf dem Tisch!«

»O, jetzt haben wir gewiss nicht Zeit!« antworteten Hans und Marianne.

Otto aber, der immer einen guten Appetit hatte und das bräunliche Roggenbrot bei Tante Turnach sehr liebte, rief:

»Doch, doch! wir kommen! – Weisst du, Hans, wir müssen ja auch hinauf wegen den Waffen und den Federbüschen, und unsere Namen wollen wir ausmachen.«

Beim Frühstück unter dem Birnbaum erhob sich schon ein echtes Indianergeschrei. Alle sprachen zu gleicher Zeit, und Werner lief von einem zum andern und schrie mit.

»Ich heisse Chingachgook!« rief Otto. »Bitte, Hans, lass mich Chingachgook heissen! Ich habe schon die ganze Nacht davon geträumt. Chingachgook oder die Grosse Schlange!«

»Also ja, wenn du es so furchtbar gern willst und schon davon geträumt hast!« sagte Hans. Er musste sich ein wenig zusammennehmen; denn er hätte selbst gern Chingachgook geheissen. »Dann wähle ich für mich Schwarze Feder; es passt zu meinem Kopfschmuck.«

»Otto, ich will auch Grosse Schlange heissen!« bat Werner und zog Otto, da er nicht hörte, am Arm.

Otto und Hans lachten laut auf.

»Ja, du wärest eine schöne Grosse Schlange!« sagten sie.

»Du kannst höchstens die Kleine Blindschleiche sein, wenn du überhaupt mitmachen darfst!«

Werner lief zu Marianne, um ihr seinen neuen Namen mitzuteilen. Aber diese hatte mit ihrem eigenen zu tun.

»Hans«, wandte sie sich zum Bruder, »mir gefällt Wildtaube so gut! Mama hat uns einmal eine Zigeunergeschichte erzählt; da hiess das Mädchen Wildtaube. Eine Indianerin kann gewiss auch –«

Weiter verstand man Marianne nicht. Lotti machte einen zu argen Lärm.

»Wah-ta-wah, Wah-ta-wah!« schrie sie beständig. »Im Lederstrumpf kommt eine Wah-ta-wah vor, und die bin jetzt ich!«

»Lotti, du solltest eigentlich Schnatterente heissen!« sagte Hans.

Nun versuchte auch Trudi zu Wort zu kommen:

»Und ich? Ich habe' noch keinen Namen!«

»Weisst was, Trudi? Nimm du Junge Schildkröte! Eine Schildkröte würde etwa so rasch wie du an die Schulaufgaben gehen!« zog Bruder Otto sie auf.

»Ja! Heiss' du Junge Schildkröte!« rief Lotti. »Schildkröten sind nett. Onkel Alfred hatte letztes Jahr eine.«

Mit den neuen Namen liefen dann alle die Treppe hinauf zur Bodenkammer, wo die Turnachkinder in einer alten Kiste eine Federnsammlung hatten.

Marianne besass schöne bläulichgraue Taubenfedern. Sie steckte sich den Zopf hoch auf und befestigte die Federn in dem Knoten. Lotti und Trudi banden sich Bänder über die kurzen Haare, um ihrem Federschmucke Halt zu geben. Lotti hatte einen ganzen Büschel Perlhuhnfedern und ein paar breite weiss und braun gestreifte. Die waren von ihrem Bekannten, von dem zornigen Truthahn an der Langstrasse. Lotti hatte dort einmal der Magd, die eine schwere Schüssel trug, die Hoftüre aufgemacht und dafür nachher die Federn erhalten.

»Du, Marianne, wenn der Truthahn wüsste, dass ich jetzt seine Federn mir auf den Kopf stecke, der würde erst recht wild!« lachte Lotti, während Marianne auch Werners Kopf schmückte.

Jetzt traten Hans und Otto aus ihrer Ecke vor die Mädchen. Die beiden gewährten einen wirklich überwältigenden Anblick, schrecklich und schön zugleich. Hans hatte schon eine Woche zuvor mit Draht, Schnüren und allerlei Gefieder hantiert, so dass er und Vetter Otto die kunstvoll verfertigten kronen- oder hahnenkammartigen Gebilde nur aufzusetzen brauchten. Auf Hansens Kopf sträubten sich eine Reihe grosser schwarzer Rabenfedern, an beiden Seiten verziert mit bunten Hühnerfedern. Otto trug zwei weiss-graue Flügel; zwischen ihnen schaute ein Büschel roter Federn heraus, die Hans aus Sophiens altem Flederwisch erbeutet hatte.

»Ihr seid noch schöner als wir!« sagte Trudi anerkennend.

»Das muss auch sein«, antwortete Hans. »Wir sind Häuptlinge. Ihr als Frauen brauchtet, genau genommen, überhaupt keinen Federnschmuck. Jetzt kommt noch das Tätowieren.«

»Was ist das?« fragte Lotti, während sie den andern die Treppen hinunter folgte.

»Das ist eine Sitte der Indianer«, erklärte Marianne. »Sie stechen und schneiden sich in die Haut mit Dornen und Muscheln und reiben dann Farbe hinein.«

»Aber das tut weh!« meinte Trudi etwas ängstlich.

»Ach, weisst du, wir machen es bloss mit dem Pinsel!« tröstete Marianne. Sie lief zu ihrem Schränkchen und holte die Farbenschachtel.

Hans stand schon vor dem Spiegel und malte sich mit braunroter Farbe allerlei seltsame Zacken und Bogen auf sein Gesicht. Otto bekam eine dunkelgrüne Schlange quer über die Stirne und auf jede Backe einen Stern, Marianne etwas, das eine Taube darstellen sollte und links und rechts eine Sonne. Trudi und Lotti verzierten sich mit gelben und blauen Schneckenlinien und Halbmonden.

Werner lachte so über das wunderbare Aussehen all der Gesichter, dass er gar nicht stillhalten konnte, während ihm Marianne zwei kleine violette Blindschleichen auf seine dicken Backen malte.

Mama und Sophie entsetzten sich, als sie die wilden Indianer mit den tätowierten Gesichtern und den starrenden Federbüschen sahen.

»Macht jetzt nur, dass ihr in euern Schilf kommt«, sagte Mama. »Ihr passt wirklich kaum zu kultivierten Leuten. Marianne, gib auf Werner acht!«

Drunten ging es mit Eifer an die Vollendung der Hütte oder des Wigwam, wie Hans sagte. Über den Dachfirst breitete er das Rehfell, das sonst vor seinem Bett lag.

Lotti und Trudi beschäftigten sich hauptsächlich damit, durch den engen Eingang hin und her zu schlüpfen, und der kleine Werner kroch ihnen nach und verlor beständig seinen Kopfschmuck.

Als der Wigwam endlich fertig war, griffen Chingachgook und die Schwarze Feder zu ihren Jagdgewehren – es waren Stöcke, die man an Schnüren über die Schulter werfen konnte – und verabredeten, dass sie zuerst zur Biberinsel – so wurde heut' das Färberschiff genannt – fahren und nachher auf die Jagd ziehen wollten. Die Frauen sollten inzwischen den Platz vor dem Wigwam säubern und für Hausgerät und Geschirr sorgen.

Die beiden Häuptlinge entfernten sich, indem sie nach Indianerart hinter einander schlichen und umherspähten, ob von keiner Seite Gefahr drohe. –

»Tische und Stühle können wir nicht machen«, sagte Marianne, »und das wäre auch gar nicht indianisch. Aber wir holen Heu bei Jakob und häufen es in den Ecken zu Ruhebänken auf. Das Geschirr muss auch ganz grob sein, Lotti –«

»Ich heisse ja Wah-ta-wah!«

»Also, Wah-ta-wah – im Waschhaus sind Blumentopfuntersätze; die putzen wir; dann können es unsere Teller sein.«

Die Delawarenfrauen gingen mit der Kleinen Blindschleiche das Geschirr holen und dann zum Stall hinauf.

Jakob sah sie kommen und machte schnell die Türe zu, als ob er sich fürchte.

»Nein«, rief er durch die Spalte, »das ist ja noch ärger als die Negerin damals! Solch ein Gesindel –«

»Wir sind kein Gesindel!« rief Marianne und drückte gegen die Türe. »Wir sind Delawarenfrauen. Die Delawaren sind ein sehr edler Stamm. Unsere Häuptlinge sind auf die Jagd gezogen. Wir sollen Heu haben für den Wigwam.«

Endlich liess Jakob sich erbitten, und jede Delawarenfrau durfte einen Armvoll Heu nehmen. Dafür wurde Jakob eingeladen, sich später das Delawarenlager im Schilfe anzusehen.

Der Wigwam wurde bestmöglich eingerichtet und das Geschirr mit Seesand gescheuert.

Plötzlich hörte man Schritte auf der Mauer. Lotti guckte hinauf.

»Es ist Fritz Völklein! – Guten Morgen, Fritz!« rief sie.

Aber Fritz tat gar nicht, als ob das sein Name wäre. Er hatte, als er vorhin wegen Fischen bei Lienhards gewesen war, Hans und Otto getroffen, und es machte ihm Spass, ein wenig mitzuspielen.

»Der Lederstrumpf grüsst die Delawarenfrauen«, sagte er und sah ernsthaft auf die vier herunter, die vor ihrem Wigwam standen. »Warum haben die Häuptlinge die Frauen allein gelassen? Mingos schleichen umher und werden das Lager überfallen, wenn die Männer sorglos sind.«

Trudi fasste Lotti am Arm. Das klang so seltsam und fast etwas unheimlich.

Marianne aber fand es prachtvoll, dass Fritz so redete, so echt indianisch. Sie bemühte sich, im richtigen Ton zu antworten.

»Die Wildtaube grüsse den Lederstrumpf«, rief sie hinauf. »Die Schwarze Feder ist mit Chingachgook auf die Jagd gegangen. Wir warten, ob sie Beute heimbringen.«

»Die Jagdgründe sind nicht mehr wie ehedem«, gab Lederstrumpf zur Antwort. »Blassgesichter durchstreifen sie in Scharen. Ich fürchte, die Delawarenmänner kehren leer zurück. Wollen die Frauen drei von diesen Fischen haben, so sollen sie sprechen.«

Dabei schwenkte Lederstrumpf drei Fische, durch deren Kiemen er eine Schnur gezogen hatte.

»O, Fritz! bitte, ja – wirf sie uns herunter!« rief Lotti. In ihrer Lebhaftigkeit vergass sie, auf indianische Weise zu sprechen. Sie packte Trudi.

»Trudi, denk' doch, Fische –! Vielleicht machen wir ein Feuer und braten sie –«

Aber Lederstrumpf schüttelte den Kopf.

»Es sind schöne Fische«, sagte er. »Wenn ich sie zu den Blassgesichtern bringe, kaufen diese sie gerne. Die Delawarenfrauen sollen sich besinnen, was sie für die Fische geben wollen.«

Die Delawarenfrauen sahen sich verlegen an. Was konnte man dafür bieten –?

»Die Delawaren wohnen am grossen See«, hub Lederstrumpf wieder an. »Das Ufer ist reich an Muscheln. Für dreimal acht Muscheln sollen die Frauen die Fische erhalten. Wenn die Sonne auf jenen Stein im Wasser scheint, kehrt Lederstrumpf zurück; dann sollen die Muscheln hier auf der Mauerecke liegen.«

Lederstrumpf sprang von der Mauer hinunter und verschwand.

»Wenn die Sonne auf jenen Stein im Wasser scheint – das ist, glaub' ich, ganz bald!« rief Marianne aufgeregt.

Es fiel ihr ein, dass sie zum Glück einen Vorrat von dreizehn Muscheln hatten. Also noch elf –! Barfuss patschten nun die Wildtaube, Wah- ta-wah und die Junge Schildkröte am Ufer entlang. Die Blindschleiche sass auf einem Stein und hielt die Muscheln.

»Da – und da –!« rief die Junge Schildkröte. Aber die Wildtaube nahm ihr die aufgehobenen Muscheln aus der Hand und warf sie in den See zurück.

»Zerbrochene gelten beim Tausche nicht«, sagte sie ernsthaft. »Lederstrumpf wird die Fische nur für schöne Muscheln geben.«

Endlich waren elf Stück beisammen, und als die Delawarenfrauen zurückkehrten, stand Lederstrumpf wieder auf der Mauer und bot die Fische herunter.

»Die Wildtaube sage den Männern«, rief er, »dass Lederstrumpf ihr Freund ist. Er wird, wenn die Sonne im Westen steht, kommen und mit ihnen am Feuer sitzen.«

Lederstrumpf war kaum fort, als es im Schilfe knackte und die Schwarze Feder mit Chingachgook erschien. Sie hatten grosse Abenteuer erlebt; aber auch die Frauen hatten zu erzählen und zeigten ihre Fische. Lederstrumpf hatte recht gehabt: die Jagd war nicht gut gewesen. Aber die beiden Männer brachten wenigstens Kartoffeln, die sie unter vielen Gefahren von den Feldern eines Blassgesichtes – dieses Blassgesicht war die gute grau Völklein – erbeutet hatten. Sie hatten zudem Speere und hölzerne Schilde verfertigt auch für die Frauen.

Der Ruf zum Mittagessen unterbrach das Treiben im Delawarenlager. Mama hatte aber erlaubt, dass die Kinder als Indianer an den Tisch kamen. Schade nur, dass Papa auf einer Geschäftsreise war und sie nicht sehen konnte.

Die grosse Frage war nun, ob man am Nachmittag wirklich ein Feuer machen dürfe, um die Fische und Kartoffeln zu braten. Ein Feuer im Freien war so etwas Wundervolles, und es gehörte doch zum Indianerleben. Wie Mama hörte, dass Fritz als Lederstrumpf im Lager der Delawaren erscheinen werde, gab sie die Erlaubnis.

»Die Kleine Blindschleiche aber bleibt bei mir«, sagte sie, »und sieht sich die Sache von der Mauer aus an.«

Am Nachmittag, als »die Sonne im Westen stand«, brannte denn wirklich ein hellen Feuer, von dem der bläuliche Rauch aufstieg. Die Delawaren hatten am Ufer Holz gesammelt, das, vom See angeschwemmt und von der Sonne getrocknet, da lag. Sie hatten Steine zusammengetragen, aus denen Lederstrumpf einen Herd baute, und die Wildtaube hatte ein paar lange, gerade Haselruten geholt, die man zuspitzte, um die Fische daran zu stecken. Die Fischbraterei war über alle Massen schön. Jedes wollte den Spiess halten und langsam über dem Feuer drehen, damit der Fisch von allen Seiten gleichmässig geröstet würde. Die Kartoffeln legte man in die heisse Asche.

Nun tauchte Jakobs Gesicht über der Gartenmauer auf. Er lobte den Wigwam und den Feuerherd.

»Komm herunter!« rief die Schwarze Feder. »Du musst Blassgesicht heissen oder Europäer, was du lieber willst.«

Jakob entschied sich für »Europäer«; »Blassgesicht«, sagte er, komme ihm zu kränklich vor.

Gerade waren die Fische fertig und wurden in den Untersätzen, die die Wildtaube schön mit Blättern belegt hatte, aufgetragen.

Jakob bekam auch einen Teller. Er schüttelte zwar den Kopf und sagte, er habe seiner Lebtage noch nie nachmittags um vier Uhr Fisch und Kartoffeln gegessen. Aber sein Sträuben half ihm nichts; er musste mithalten.

Das Mahl schmeckte den Delawaren ausgezeichnet.

»Europäer, du findest den Fisch doch auch gut?« fragte Wah-ta-wah.

»Er ist eigen. Er schmeckt ein wenig nach verbranntem Haar. Aber wenn man sich daran gewöhnt, ist er nicht übel.«'

Nach beendetem Essen bedankte sich der Europäer Jakob und ging wieder an seine Arbeit. Lederstrumpf ging mit.

Die Delawarenfrauen räumten ab, während die Schwarze Feder und Chingachgook am verglimmenden Feuer sassen. Plötzlich wurden sie aus ihrer Ruhe aufgescheucht durch ein Geräusch, das vom See her kam. Die Schwarze Feder spähte durch den Schilf.

»Es ist ein Kanoe!« flüsterte er. »Es sind vielleicht Mingos! Chingachgook, wir müssen uns auf einen Überfall gefasst machen –!«

Sie griffen zu den Waffen und benachrichtigten die Frauen. Chingachgook löschte die Glut des Herdfeuers, damit der Rauch sie nicht verrate.

Aber das Kanoe kam näher. Man vernahm Stimmen, ein lautes, kriegerisches: »He! Holla –!« Dann hörte man leise sprechen; das feindliche Kanoe suchte offenbar einen Weg durch den Schilf.

Die Delawaren gaben keinen Laut. Die Wildtaube langte nach Schild und Speer und reichte auch Wah-ta-wah und der Jungen Schildkröte Waffen.

Jetzt hörte man das Kanoe ganz nah; die Ruder streiften schon den Schilf.

»Alle zurück in den Wigwam –!« flüsterte die Schwarze Feder, und rasch schlüpfte eins nach dem andern in die Schilfhütte. Die Schwarze Feder legte das Brett, das als Türe diente, hinter sich an. Es war ganz dunkel im Wigwam. Von draussen hörte man das Knacken des Schilfs ...

»Fahr' rechts, wo's weniger dicht ist –!« schrie eine Stimme.

»Könnten wir nicht weglaufen?« flüsterte die Junge Schildkröte.

»Nein!« sagte die Wildtaube, die neben ihr kauerte. »Hinter uns ist die Mauer; um die obere Ecke kann man nicht herum; da ist das Wasser zu tief. Und an der untern sind sie.«

Die Schwarze Feder spähte durch eine Spalte hinaus.

»Jetzt haben sie die Stelle gefunden, wo man landen kann!« rief er leise und aufgeregt.

Da begann die Junge Schildkröte plötzlich zu schluchzen: »Ich will hinaus –! Ich fürchte mich! Ich will zur Tante –«

»Still!« flüsterte Chingachgook empört. »Wie kannst du sagen ›zur Tante‹, wo wir Delawaren sind –«

»Ich will kein Delaware mehr sein – ich will hinaus –«

Chingachgook rückte hinüber, um die feige Schildkröte zum Schweigen zu bringen.

»Jetzt –!« schrie auf einmal die Schwarze Feder, die unverwandt hinausgesehen hatte. »Sie sind aufgefahren! Jetzt brechen wir los –«

Polternd flog die Türe hin. Mit hochgeschwungenem Speer und Schild stürmte die Schwarze Feder hervor, hinter ihm Chingachgook. Unter fürchterlichem Kampfgeschrei drangen sie gegen das Schiff. Die Delawarenfrauen folgten. Der Jungen Schildkröte kam der Mut wieder; sie lief hinter Wah-ta-wah tapfer gegen den Feind.

In dem Schiffe waren drei grosse Bursche, von denen einer am Ruder stand. Sie wussten gar nicht wie ihnen geschah, als plötzlich diese seltsame federngeschmückte und buntbemalte Schar auf sie eindrang. Die zwei Bursche vorn machten Miene auszusteigen; doch die Schwarze Feder und Chingachgook begannen, mit ihren langen Speeren auf das Wasser zu schlagen, so dass die Bursche über und über bespritzt wurden. Die Delawarenfrauen halfen wacher.

Die Bursche versuchten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und es entstand ein wildes Streiten, halb See-, halb Landgefecht. Aber da die Bursche keine Sitzruder hatten und die Stehruder festgemacht waren, dauerte ihre Gegenwehr nicht lange. Unter Schimpfen und Lachen stiessen sie vom Land ab und ruderten davon.

Es war ein glänzender Sieg der Delawaren. Sie trieften zwar vor Nässe, und ihr Federschmuck hatte bedeutend gelitten; aber jubelnd priesen sie ihre Heldentat, während sie dem wegfahrenden Schiffe nachsahen. Dann liefen sie in übermütigen Sprüngen an der Mauer entlang zum Garten hinauf. In ihrer Siegerfreude hatten sie das Bedürfnis, jemand die Geschichte zu erzählen.

Mama sass unter dem Birnbaum und hörte staunend von dem Überfall der Mingos, von ihrem schmählichen Rückzuge und auch, dass die Junge Schildkröte auf einmal angefangen habe zu weinen.

»Ja, so gar wilde Spiele, wie ihr sie treibt, ist Trudi vielleicht doch nicht gewöhnt.«

Frau Turnach legte den Arm um ihre kleine Nichte.

»Einen Kuss geb' ich dir dann nachher, mein Kind, wenn deine Bäcklein wieder rot sind statt grün und blau.«

Die Junge Schildkröte sah wirklich bedenklich aus. Ihre Tränen waren in das Tätowierte gelaufen und hatten da ganz wunderliche Wolken und Striemen gebildet. Aber auch die Gesichter der andern Delawaren zeigten die Spuren des nassen Kampfes.

»Es wird das beste sein, ihr geht jetzt alle baden und erscheint dann als gesittete Europäer wieder. Otto und Hans fangen an, und ihr Mädchen kommt nach.«

»Ja, ja!« rief Otto. »Und ich darf wieder deine Schwummel haben, Hans. Das ist etwas Feines! Mit der könnte ich über den ganzen See schwimmen!«

Es gab nun ein sehr lustiges Baden. Sogar Trudi wagte, sich auf die Schwummel zu legen, und strampelte mit Armen und Beinen, um vorwärts zu kommen.

»Ui –!« rief Marianne, »du machst ein Gespritze, wie wenn die Mingos noch da wären und du sie bekämpfen müsstest!«

Noch den ganzen Abend und bis zum Einschlafen sprachen und lachten die Kinder über den ereignisreichen Indianertag, den sie verbracht hatten.

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