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Die tückische Straße

Walter Serner: Die tückische Straße - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorWalter Serner
titleDie tückische Straße
publisherdtv
editorThomas Milch
year1982
isbn3423017910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20121206
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Das Rendez-vous mit dem Goldzahn

Möglichkeiten verpflichten.

Diesen Satz hatte Eiermann insgeheim seiner Lebensführung vorangestellt. Schon in jungen Jahren. Was zur Folge hatte, daß seine Biographie durchaus nicht so schematisch geblieben war wie die anderer, sondern streckenweise ganz ungewöhnliche Höhepunkte aufwies. Allerdings nur in venere. Auf anderen Gebieten pflegte Eiermann, wenn seinem Auge Möglichkeiten sich boten, es im Bewußtsein der ihm mangelnden Fähigkeiten zu schließen. In venere aber war es vor jeder Möglichkeit weit offen und schloß sich erst, wenn sie zur süßen Wirklichkeit geworden war.

Dieses offene Auge, mit dem er jederzeit spazieren ging, verursachte nicht selten, daß Möglichkeiten, die andernfalls gar keine geworden wären, plötzlich vor ihm sich auftaten. Denn so manche Dame, die nur so für sich hinwandelte, ließ im Anblick seines groß auf sie gerichteten Auges, das ihre zur selben Größe sich ausdehnen. Damit war für Eiermann die verpflichtende Möglichkeit da.

Eines Abends aber fiel ihm, als er bereits heimkehren wollte, schon von ferne etwas Glänzendes auf, das bei näherem Zusehen als ein durch das konstante Lächeln seiner Besitzerin entblößter, abnormal großer Goldzahn sich erwies.

Eiermann war dermaßen von diesem Anblick gefesselt, daß er das Gesicht der Goldzahn-Besitzerin gar nicht gesehen hatte. Erst als das hypnotisierende Glänzen seinem Auge fehlte, bemerkte er, daß jene Dame bereits an ihm vorbeigegangen war. Er machte stracks kehrt, sah aber nichts mehr. Da, ein kurzes Aufblitzen: der Goldzahn bog um die Ecke. Diesmal blieb Eiermann auf der Fährte. Denn als er an die Ecke kam, wandelte vor ihm eine einzige Dame. Er hatte, weit ausschreitend, sie fast schon eingeholt, als sie in die Grennegade einbog und daselbst ein Haus betrat.

Ihr dahin zu folgen, wagte er nicht: sie konnte verheiratet sein, einen strengen Vater haben, eine Megäre zur Tante ... Eiermann hatte da so seine Erfahrungen. Nachdem er auf dem gegenüber befindlichen Trottoir noch etwa fünf Minuten auf und ab gegangen war, ohne den ersehnten Goldzahn am Fenster zu erblicken, beschloß er, da einen solch abnormal großen schwerlich zwei Personen zugleich in einem Hause besitzen konnten, einen Brief nach Grennegade sechs zu adressieren und zwar ›An die Dame mit dem Goldzahn‹. Zudem mußte der Briefträger diesen sicherlich längst bemerkt haben, so daß ein also adressierter Brief zweifellos richtig bestellt werden würde. Eiermann stürzte in ein Restaurant, verfaßte eine ebenso energische wie vorsichtige Liebesepistel und warf sie ungesäumt in einen Briefkasten.

Am folgenden Abend begab er sich zwischen fünf und sieben Uhr wohl ein Dutzendmal an den Poste-restante-Schalter. Vergeblich. Erst als er tagsdarauf zum zehnten Mal wiederkehrte, empfing er einen großen blauen Brief, auf dem in barok gemalten Buchstaben die Worte ›Rendez-vous mit dem Goldzahn‹ prangten. Eilends setzte er sich auf eine Bank und seine vor Neugierde feucht gewordenen Augen lasen alsbald:

Kaere Herre, ik haben gehabt nigt det Vergnügen zu haben Ires Bekanntschaften. Ik hofen es zu werden. Copenhague c'est en Stadt en lille langweiliges og es ist zu winschen det die Heiterkeiten widerkert. Vieleichd Sie sind morgen Soendag klokken drei précis zu den Langelinie pavillon sur la terrasse. J'aurai mon petit chapeau blanc. Og werden ik zeigen immer men goden Goldzahn welcher Sie hat gemacht en solches impression.

Au revoir, kaere Herre.
Dédette.

Eiermann, der bei der Wahl der Krawatte subtilen Überlegungen sich hingegeben hatte, erschien sonntags erst um drei ein Viertel vor dem Langelinie-Pavillon. Langsam betrat er dessen Terrasse: er erblickte etwa ein Dutzend kleiner weißer Hüte, aber von einem Goldzahn nichts. Fürchtend, zu spät gekommen zu sein, erbleichte er fast vor Ärger, ließ sich schließlich an einem runden Tischchen nieder und bestellte ein Glas Bier. Dann blickte er verzweifelt um sich: es wimmelte nur so von kleinen weißen Hüten, glücklicher Weise aber nicht von Goldzähnen, so daß immerhin noch Hoffnung bestand. Wieder und wieder mit jähen Blicken nach einem Goldzahn jagend, leerte er sein Glas und vergaß, so sehr meditierte es in ihm, den Schaum sich vom Mund zu wischen.

Es war vier Uhr, als er, unweit hinter sich, die Worte hörte: »Non, non. Ik haben det nigt gehabt. Sie haben gemacht en Irrtum, garçon. Mais certainement.«

Eiermann riß den Kopf herum: die Dame, die mit dem Kellner also disputierte, trug einen kleinen weißen Hut, aber, so viel von dem nur wenig entblößten Gebiß zu sehen war, keinen Goldzahn. Dennoch war Eiermann überzeugt, Dédette vor sich zu haben. Er eilte auf sie zu, drängte den Kellner zur Seite und verneigte sich: »Habe ich das Vergnügen, das Rendez-vous mit dem Goldzahn ...?« Er vollendete nicht: auf der ihm abgekehrt gewesenen Seite des Gebisses erglänzte der obere Eckzahn voll eitel Gold. »Ich sehe, daß ich es habe.«

»Setzen Sie!« Dédette lächelte verschwenderisch. Plötzlich aber spannten sich ihre Züge mokant. »Sie haben Gelberes ... sur la bouche.«

»Ah, Sie haben recht.« Eiermann fuhr sich ärgerlich mit beiden Händen an den Mund, ihn mit schnellen Griffen säubernd. »Aber was für ein Zufall, daß Sie mit dem Kellner ... Ich wollte schon fortgehen.« Und während er jene Banalitäten äußerte, welche in solchem Fall die Mehrzahl der Männer Europas zu produzieren pflegt, wunderte er sich, daß er nicht französisch sprach. Da fiel ihm ein, wie ergötzlich es wäre, so zu tun, als verstünde er diese Sprache nicht. Sofort war er dazu entschlossen.

Nach einer Konversation von krampfhaftester Lebhaftigkeit, die durch Dédettes lückenhaftes Deutsch allein ein wenig vergnüglich wurde, verließen die beiden den Pavillon und promenierten auf der Langen Linie.

Eiermann, der inzwischen erfahren hatte, daß sein Brief verspätet übergeben worden war, weil der Briefträger erst am zweiten Nachmittag Dédettes Tür hatte geöffnet erhalten, kam jetzt darauf zurück: »Da haben Sie also dem Briefträger Ihren Goldzahn gezeigt und er hat Ihnen ...«

»Naturellement«, zirpte Dédette. »Wir haben noch gelachen og ik haben ihn gegeben en Pourboire.« Sie zupfte mit sechs Fingern ihre bräunlichen Schläfenhaare zu Locken. »Aber jeg haben gehabt difficultés med Ihre Briefen og nigt gewollt nehmen en fremden personnage ... forcément.«

»Ja, ja.« Eiermann war ein wenig verwirrt: Dédette, die sehr gut angezogen war und noch besser geschminkt, machte es ihm schwer, sie einzuordnen. Deshalb versuchte er, sie auf die Probe zu stellen: »Und dann eine Dame von Ihrer Stellung ... Mein Brief war nicht bloß in der Adresse gewagt.«

»Comment?« Dédette blinzelte zu ihm empor. Als sie seine großen Augen sah, glaubte sie zu verstehen, welch außergewöhnliche Chance sie habe. Augenblicks änderte sie den bereits sehr aufmunternd gewordenen Ton. »Oui, gewagt. Jeg hätten schon nigt dürfen ...« Sie dehnte die Vokale nasalst. »Aber ik war si curieuse og wi ik haben studiert Ihre Briefen, jeg haben sehr geschwanken. Doch de Soendag c'est si ennuyeux og ik haben mir gesagt, du wirst dich diese Herre bloß anschauen. Denn ik bei mene Stellung ...«

»Erlauben Sie mir bitte eine Frage.« Eiermann schnappte absichtlich in ihren seriösen Ton ein, eine fast ehrerbietige Haltung einnehmend.

Dédette hob arrogant das Kinn. »Jeg bin seit zwei Monate zu die Fru Landraten von de Pillingende ... pour la lécture et la conversation.«

»Ach so.« Eiermann glaubte es ihr sofort: das war weniger, als er für möglich gehalten, und mehr, als er gefürchtet hatte. Seine sehr üppigen Hoffnungen schienen sich zu verflüchtigen.

»Oui. Avant ik waren à Berlin. Drei Jahren. Zu en riche dame israélite.« Dédette verdünnte ihre Stimme noch mehr. »Weil ma famille durch de Krieg haben ganz verarmten.«

Eiermann blieb stehen, sich verbeugend. »Richard Eiermann mein Name.«

»O, merci.« Dédette nickte ein bißchen. »Jeg heißen Dédette de la Fournichon. Mon père ... men Vatern war Colonel og ist gefallen zu Verdun.«

Eiermann neigte, zum Zeichen des Mitgefühls, wenn auch völlig gleichgültig, das Haupt. Als er es wieder hob, fing Dédette an, ihre Familienverhältnisse und die der Familie, die sie gegenwärtig beherbergte, des Breiten zu detaillieren. Hierauf ging sie zu ihren Wünschen über, welche zwischen einer unabhängigen Situation und einer Verheiratung nach ihrem Geschmack pendelten, und schließlich zu ihren Bedürfnissen, zu denen vor allem ein lieber Freund zum Promenieren gehöre. Obwohl Eiermann lediglich ihre drollige Ausdrucksweise gefiel, pflichtete er ihr in allem bei, nicht ohne kurz zu bemerken, daß sie, was das Promenieren betreffe, durchaus auf ihn zählen könne. Dédette nahm es beifällig auf, begann aber, von ihrem vielfältigen und deshalb anspruchsvollen Innenleben zu sprechen: sie sei orthodoxe Katholikin und kurz vor Antritt ihrer Stellung nach Lourdes gefahren zur Basilique de Notre Dame du Rosaire, da sie nach deren Besuch sich stets besonders gefeit fühle gegen die Schändlichkeiten des Lebens und seine trügerischen Verlockungen.

All dies erstaunte zwar Eiermann leise, betrübte ihn aber nur insoferne, als es seine Befürchtungen bezüglich der von ihm gehegten Hoffnungen sattsam zu begründen geeignet war. Rasch jedoch kehrte sein Skeptizismus wieder und ließ ihn auf seine Routine und seine Reize bauen, die er, sobald es dunkler geworden war, auf unbegangeneren Wegen mit äußerster Entfaltung einzusetzen willens war. Nachdem er die erwähnten Themen etwa eine Stunde noch zu variieren gezwungen worden war, begann es zu dunkeln und er deshalb, Dédette den einsamen Pfaden um das alte Kastellet zuzuführen. Dort wählte er eine idyllisch gelegene Bank mit dem Ausblick auf den Hafen und ließ, als man saß, seine Hände gelinde um die Hüften Dédettes spielen, welche diese schwülen Attacken wie mechanisch abwies, so daß er zu ernstlicheren Handgriffen überzugehen wagte. Als sie nunmehr aber unwillig sich sträubte, überfiel er sie mit seinem hitzigen Mund und durchstürmte den ihren, lediglich seinen Lüsten dienend, zehn Minuten lang.

Als er Dédette endlich freigab, saß sie wie benommen: wessen er sich erdreistet hatte, war ihr in Anbetracht der vorhergegangenen Konversation allzu unerwartet gekommen.

»Habe ich Sie verletzt?« Eiermanns Unterlippe stand, ironisch und noch feucht, ein wenig vor.

»Oui, Sie haben mich ...« Dédette hielt ratlos inne, dann es aber doch für angezeigter, die Sachlage anzuerkennen und einzulenken. »Aber Sie haben mich zu viel, kaere Herre Eiermann. Vous m'avez fait un bleu. Là. C'est dégueulasse.«

Eiermann sah gar nicht hin, schloß aber ob der letzten Vokabel grinsend die Augen: Dédette hatte, auf seine Unkenntnis ihrer Sprache sich verlassend, seinen Skeptizismus entscheidend fundiert und seinen Hoffnungen ihre Üppigkeit wiedergegeben.

Dédette verschob angesichts dieser intransigenten Haltung und der immer dichter werdenden Dunkelheit die Restaurierung ihrer Züge, eine neuerliche Attacke überdies sowohl vorhersehend als auch bereits wünschend.

Sie kam denn auch. Und zwar ebenso abrupt wie die erste, nur noch um ein Erkleckliches intensiver. So daß Dédette sich nicht mehr zu beherrschen vermochte und ihre Linke zitternd auf das Zentrum ihrer Erregung drückte. Als Eiermann dies sah, bereitete er sich vor, den Sieg ohne Zögern zu erzwingen. Denn wie oft war nicht so manch Eine, die im Bann der Dunkelheit und seiner Küsse ihm bereits halb erlegen war, später unter dem warnenden Eindruck des Straßenlebens zurückgewichen und seinen Klauen entschlüpft. Einmal aber völlig besiegt, stand einer unmittelbaren Wiederholung in seiner Wohnung, deren Milieu derartige Entschließungen ohnedies günstig zu beeinflussen pflegte, kein Argument mehr im Wege. So schuf denn Eiermann eine Zwangslage und opferte Aphroditen.

Dédette hatte nicht eigentlich Widerstand geleistet. Nur so viel, daß Eiermann glauben konnte, sie sei nicht durchaus willig. Hinterher aber gehabte sie sich um so empörter: es entspreche keineswegs ihren Familienverhältnissen, auch nicht dem Bilde, das sie sich von einem guten Freund gemacht habe; ganz abgesehen von ihrem Innenleben, dem er einen schweren Stoß versetzt habe; sie werde sogleich morgen zur Beichte gehen und der Madonna von Lourdes zwei Kerzen stiften; das Leben sei voll von trügerischen Verlockungen und Eiermann ein Schändlicher.

Dieser überhörte es resolut und schickte sich an, viel und verheißungsvoll von dem holden Wirrsal seiner Wohnung und deren parfümierten Ecken zu plaudern und, mit heuchlerischem Ernst, von seiner Absicht, sein ödes Junggesellenleben mit Hilfe einer Gefährtin zu beenden, die Ausländerin wäre und durch ihren größeren Gesichtskreis charmanter und vielseitiger als das nordische weibliche Element.

Dédette erwies sich daraufhin schnell verändert. Sie drängte, zu Eiermanns innigem Ergötzen von ›décamper‹ sprechend, zum Aufbruch, restaurierte unter der ersten Bogenlampe der Bredgade eilig ihr arg verschmiertes Gesicht und ließ sich nach zahlreichen, wenn auch um so kürzeren Weigerungen in seine Wohnung führen.

Daselbst verbrachte Eiermann, auf Dédettes unabänderlichen Befehl hin, den sie mit ihrer Keuschheit rechtfertigte, unter Ausschluß jeder Beleuchtung eine überaus eifrige Liebesnacht, die bis gegen fünf Uhr morgens währte, um welche Zeit man dem wohl verdienten Schlaf sich überließ.

Um sieben Uhr erwachte Eiermann zufälliger Weise und mußte eine sehr überraschende Entdeckung machen: Dédette lag nicht mehr neben ihm. Er beruhigte sich jedoch schnell: sie hatte ihren Dienst antreten müssen und ihn nicht wecken wollen.

Stolz und freudetrunken durchthronte er den Tag im Café Paraplyen auf dem Rathausplatz. Abends freilich, als er heimkam, wartete seiner die zweite, unliebsame Überraschung: seine Brieftasche mit achthundert Kronen, die in einem Schreibtischfach sich befunden hatte, war verschwunden, desgleichen, als er mißtrauisch geworden, kontrollierte, elf Taschentücher, ein silbernes Zigarettenetui und ein alter goldener Ring.

Nachdem Eiermanns Gehirn eine außerordentlich turbulente Nacht hinter sich hatte, eilte er in die Grennegade, um nach Dédette zu fragen. Aber niemand im ganzen Hause, in dem überdies keine Frau von Pillingende wohnte, wußte etwas von einer Französin. Nun fuhr er in die Stampesgade zum Briefträgersaal. Der Briefträger der Grennegade erinnerte sich sehr wohl an jenen blauen Brief: er habe, nachdem er in allen Etagen mit ihm abgewiesen worden war, eine junge Dame, die ihm tagsdarauf auf der Treppe entgegenkam, gefragt, ob dieser Brief an sie gerichtet sei; denn sie habe einen Goldzahn gehabt und er deshalb angenommen, daß sie im Hause wohne, obwohl es freilich auch bloß eine Besucherin gewesen sein könnte; aber wenn ein Brief eine solche Adresse habe, könne man nicht verlangen, daß er es allzu genau nehme.

Zwei Tage später erfolgte die dritte Überraschung: Eiermann hatte Läuse und mußte zu einer gründlichen Rasur schreiten und der ausgiebigen Verwendung von grauer Salbe. Dieser Prozedur lag er am andern Morgen eben wieder mißlaunig ob, als ihm vom Teppich her etwas entgegenglitzerte. Und alsbald hielt er eine winzige ovale Silberplaquette in der Hand, auf der als mattes Relief die Madonna von Lourdes sich abhob und die Inschrift: ›Je suis l'immaculée conception‹.

Eiermanns nicht unsympathische Züge schmückte ein schlechthin mongolisches Grinsen, während er sich zuhöhnte: »Möglichkeiten verpflichten.«

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