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Die Trutze von Trutzberg

Ludwig Ganghofer: Die Trutze von Trutzberg - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Ganghofer
titleDie Trutze von Trutzberg
publisherTh. Knaur Nachfolger
addressBerlin
firstpub1915
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060526
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Vor dem Altarstein unter der alten Linde, deren Blätter noch feucht waren vom Tau des schönen Morgens, stand der Wanderpfaff in weißem Chorhemd und mit schwarzem Barett, sah entrückten Auges über die kleine andächtige Gemeinde hin, die sich im Burggärtlein des Trutzberges um ihn gesammelt hatte, und hielt die Sonntagspredigt.

»Wahrlich, ich sag' euch, ihr guten Christenkinder: alles vermag eine fromme Seel' zu erfechten mit festem Glauben, bloß mit dem Willen allein, wenn's nur der rechte ist! Wer mit bösem Willen den Höllenweg beschreitet, wird hinkommen, wo der Teufel hauset. Doch wer mit rechtem Willen hintrachtet zu Gott, wird eingehen in das liebe Himmelreich!«

Die Stimme des Predigers war rauh – und dennoch klang sie lind in Morgensonne und Frühlingsluft.

Eine wundersame Frühe schimmerte um die mächtige Linde her, überglänzte die Mauern des alten Edelsitzes und umfunkelte die Wetterfähnlein der steilen Giebel und die Kupferknäufe der spitzdächigen Wehrtürme. Dunkelblaue Schatten und gleißende Sonnenflecken woben sich auf dem Rasen zu einem zaubervollen Teppich ineinander. Jeder Blumenkelch war wie ein blitzender Edelstein, den ein farbiges Ringlein umschloß. An der tiefer liegenden Wallmauer hatten die Zinnenscharten strahlende Säume, und die Dächer des Schützenganges blinkten, als wären sie belegt mit goldenen Platten.

Immer krähte ein Hahn. Rauschende Taubenschwärme schwangen sich von den Türmen in das noch schattige Bachtal hinunter, aus dem der steile, von einem Buchenwald umschlungene Trutzberg emporstieg in das Blau. Und eine weite Ferne zitterte im Farbensegen dieser feiertäglichen Frühlingsfrühe. Gegen Süden stand, vom Gemäuer der Burg durchschnitten, die lange blaue Wand der Berge mit noch weißen Gipfeln. Den Ausblick gegen Westen verdeckte die von Sonne umbrannte Mauer des Söldnerhauses. Nach Osten – drüben über dem Wiesental, dessen Bach die Grenze zwischen den beiden nachbarlichen Edelsitzen bildete – stiegen aus sanft emporgebuckelten Wäldern die bescheidenen Mauern des Puechsteins auf, fast unerkennbar im blendenden Glanz der Morgensonne. Und gegen Norden sah man über Wiesen und flachgewordene Wälder weit hinaus zu bräunlichen Moorgefilden und zu einem dunklen Forst, hinter dem ein großer See gleich einem mächtigen Silberschilde funkelte.

»Nur wollen mußt du, gläubige Christenseele!« klang die Stimme des Predigers unter der alten Linde. »Nur wollen! Recht aus dem tiefsten Herzen wollen! Und das Wunder ist geschehen. Und eh noch deine blinden Erdenaugen des kostbaren Sieges merkhaft werden, hat dein frummer Wille dir ein goldenes Leiterlein gebaut bis hinauf ins erdürstete Himmelreich.«

Von den hundert Christen, zu denen dieser Verkünder des allmächtigen Seelenwillens redete, lauschten die meisten mit gläubiger Andacht. Ihre Gesichter brannten heiß. In jedem Auge war ein träumender Wunsch, ein dürstender Wille, der auf Erfüllung hoffte. Aber nicht alle von diesen Wünschen flogen dem Himmelreiche zu.

Vor dem Prediger waren sechs mit rotem Samt beschlagene Faltstühle in das blumige Gras gestellt.

An der einen Ecke dieser Stuhlreihe, in einem Sessel, der um ein Erkleckliches breiter war als die anderen, ruhte sehr bequem, doch mit angespannter Nachdenklichkeit der Burgherr Melchior Trutz von Trutzberg, eine klobige, schwer ins Breite rinnende Gestalt. Er war sonntäglich in seine Hausfarben Grün und Rot gekleidet, mit Samt und Seide; aber dieses kostbare Gewand sah unordentlich und gar nicht sauber aus. Das graue Langhaar struwelte sich wirr um das gutmütige, schon etwas schwammige Bartgesicht, dem man es anmerken konnte, daß Herr Melcher ein Freund von behaglicher Ruhe und guten Schüsseln war. Früher hatte der Trutzberger als ein gefährlicher Fechter gegolten. Das war anders geworden, seit er bei einem Fehdegang den Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand verloren hatte. Diesen Schaden pflegte er in einem ledernen Fäustling oder, wie eben jetzt, im Brustschlitz seines Wamses zu verstecken – wer diese Hand faßte, an der so viel Nötiges abgängig war, spürte immer ein gelindes Gruseln.

Reich begütert und wenig berührt von den Nöten der harten Zeit, in der die Christenheit an der fernen Donau drunten wider die Türken focht, zählte Herr Melcher das Denken nicht zu seinen Liebhabereien und ließ an seinen umfangreichen Gürtel immer nur jene Sorge herankommen, die eine Frage der nächsten Tage war und seine eigene Schüssel bedrohte. Eine solche Sorge lastete in dieser schönen Sonntagsfrühe auf seiner Seele. Seine nördlichen Nachbarn, die händelsüchtigen Brüder Peter und Heini von Seeburg, verursachten dem Trutzberger viel Verdruß. Gestützt auf ein altes, unklares Pergament, das sie durch Zufall aufgestöbert oder – nach Meinung von Herrn Melchers mißtrauischer Hausfrau – etwa gar gefälscht hatten, erhoben sie Anspruch auf den Jagdbann, den die Trutzischen in den wildreichen Seeforsten über die hundert Jahre als ritterliches Recht besaßen. Schon seit dem Winter wurde vor dem herzoglichen Gerichtshof zu München über diesen Streithandel hin und her geredet. Wohl hatte man die Brüder von Seeburg noch nie bei einem verfrühten Einfall in den Jagdbann der Seeforste betroffen; doch bei der letzten Netzjagd auf Rehwild und Butterhasen hatte Herr Melcher die unliebsame Entdeckung gemacht, daß des Gewildes ganz erschrecklich weniger geworden. Wenn diese heimliche Räuberei der Seeburger so weiterging, waren die Seeforste wildleer, bevor noch zu München ein Spruch in der strittigen Sache gefällt wurde.

Und als nun der Wanderpfaff so kraftvoll und überzeugend von der wunderwirkenden Macht des christlichen Willens redete, setzte Melcher von Trutz alle Stärke seines Willens nicht auf das Himmelreich, sondern auf dieses zunächst erstrebenswertere Ziel: daß er seinen Prozeß vor dem herzoglichen Gerichtshof gewinnen, oder daß ein hilfreicher Teufel die beiden Seeburger holen möchte. Ins Himmelreich hoffte Herr Melcher natürlich auch zu kommen. Später.

Neben dem Burgherrn saß mager, lang und steif seine Hausehre, Frau Angela, in einem apfelgrünen Kleid, mit kirschroter Haube und weißer Kinnbinde. Diese Tracht war vor zwanzig Jahren Mode gewesen, als man anno Domini 1425 geschrieben hatte. Doch dieses Kleid, das schon bei tausend Sonntagsfeiern und sonstigen Festlichkeiten seine Schuldigkeit getan hatte, sah noch immer aus, als wär' es erst kürzlich aus der Hand eines reinlichen Schneiders hervorgegangen. Kein Wunder, daß Herr Melcher an der Seite einer so sparsamen Hausfrau trotz seiner eigenen Schlamperei und Gefräßigkeit ein vermöglicher Burgherr geworden war und eine schier unzählbare Menge von jenen gelben Flöhen bewahrte, welche klingen, wenn sie hüpfen.

So unbeweglich Frau Angela während der langen Predigt saß, so ruhelos war sie als Hausfrau, war Tag und Nacht auf den Beinen, immer mißtrauisch, immer gereizt. Von der friedlos aufgerührten Galle hatte sie ein gelbes Gesicht bekommen. Frau Angela war alles, nur das eine nicht, was ihr Name besagte: ein Engel. Mit harten Händen meisterte sie das zahlreiche Gesinde und ärgerte sich täglich siebenmal über ihren Mann und über die Unordnung, die er im Haus verursachte. Sie liebte das Sprichwort: »Ein Fleck auf der Wad (Kleidung) ist ärgerer Schad als ein Teufelsrat.« Und während der Predigt von der Wunderstärke des rechten Willens lichtete Frau Engelein alle Kraft ihrer Christenwünsche nur auf dieses Ziel: ihrem Melcher die verschwenderische Unsauberkeit auf seine alten Tage noch abzugewöhnen und dann in Bälde herauszubringen, welcher Eierschlecker unter dem Burggesinde daran schuld wäre, daß die vierundsiebenzig Trutzbergischen Hennen in diesem Frühjahr weniger Eier legten, als es die fünfundsechzig Hennen des vergangenen Jahres löblicherweise getan hatten.

An der anderen Ecke der Sesselreihe saß als Flügelmann Herr Korbin zu Puechstein, mit Schwert und Dolchgehenk, mit blauem Stahl gerüstet; trotz der friedsamen Stunde trug er so viel Eisenzeug, daß von seinen Hausfarben Gelb und Grün, die darunterstaken, nicht viel zu sehen war. Nur den Helm hatte er abgelegt. Noch nicht alt, kaum ein paar Jährchen über die Vierzig, war er schon ergraut, geselcht und gerunzelt in einem abenteuerlichen Kriegsleben. Von Mittelgröße, sehnig und aus festen Knochen gebaut, hatte er einen kurzhaarigen Steinschädel und ein sonnverbranntes, spöttisches, glattrasiertes Gesicht mit klugen Augen. Die Predigt von der Macht des Willens begann ihn zu erheitern, weil er sah, daß der Prediger um so heftiger schwitzte, je leidenschaftlicher seine Worte klangen. Als Herr Korbin dieses Zeitvertreibes – den abspritzenden Schweißtropfen des Wanderpfaffen nachzugucken – schließlich müde wurde, dachte er wieder an die Botschaft, die er des Morgens bei seiner Ankunft auf dem Trutzberg vernommen hatte: daß man an der Donau erbittert kämpfte, und daß die von Johann Hunyady dem ungarischen Statthalter, geschlagenen Türken unter Mogul Murad mit verstärkten Heeresmassen gegen die österreichische Christenheit heranrückten. Der Puechsteiner dachte an diese Dinge, wie man Sperlinge fliegen sieht. Aber lieber wär' es ihm doch gewesen: an der Donau wider die Türken zu fechten, als im Trutzbergischen Gärtlein die lange Predigt hören zu müssen.

Neben ihm saß seine andächtig lauschende Gattin, Frau Scholastika, in blauem Reitgewande, bei aller Sparsamkeit sehr schmuck gekleidet, mit hoher Spitzhaube, von der die Schleierbänder lang herunterhingen. Obwohl sie nur um wenige Jahre jünger war als ihr Gatte, glich sie in ihrer lind gerundeten Gestalt und mit dem etwas vergrämten Schmalgesicht noch immer einem Mädchen, das durch ermüdende Zeit des fernen Bräutigams hatte warten müssen. Seit achtzehn Jahren war sie vermählt. Doch wenn sie die Tage zusammenzählte, die Herr Korbin seit der Hochzeitsnacht unter dem Dache der Puechsteiner Burg verbracht hatte, kamen keine anderthalb Jahre heraus. In diesem Frühling schien es aber, als wollte Herr Korbin seßhafter werden. Weil er des Reitens und Fechtens im Dienste wechselnder Fürsten müde geworden? Oder weil er bei den unruhigen Zeiten in Sorge war um die Sicherheit seiner verwahrlosten und spärlich begüterten Burg? Oder hatte ihn gelegentlich einer Heimkehr, die nicht lange dauern sollte, der muntere Liebreiz seines aufsprossenden Töchterleins im Bannkreis des Puechsteines festgehalten?

So oder so, Frau Schligga – wie Herr Korbin sein Hausehre zu nennen pflegte, für deren langen Namen Scholastika seine Zunge zu ungeduldig war – Frau Schligga befand sich in einem Zustande von gehobenem Glücksgefühl, weil sie sich der Einsamkeit und einer bitteren Haussorge halb entrissen sah. Sie vergötterte ihren Mann, ließ ihm die scharf gewürzten Speisen kochen, die er liebte, ließ ihn trinken als Zecher und Ehemann, solang er Durst hatte, und wagte nie von der drohenden Stunde zu sprechen, die Herrn Korbin wieder aus dem Burgfrieden des Puechsteins entführen würde. Drum vereinigte sie bei der Predigt des Wanderpfaffen heiß und seelenvoll alle Kräfte ihres Willens auf dieses einzige: daß der liebe, allmächtige Gott den Ritter Korbin für immer und ewig an der Seite seiner getreuen Hausehre festhalten möchte.

Zwischen den beiden ungleichen Müttern saßen ihre zwei Kinder: das verlobte Pärchen Eberhard und Hilde. Frau Schligga hatte nur diese einzige Tochter, die zehn Monate nach der Hochzeitsfeier der Puechsteinischen zur Welt gekommen war, während der Vater schon wieder bei einem Kriegshandel der bayerischen Herzöge als adeliger Söldner diente. Zur Beschaffung weiterer Mutterfreuden für Frau Scholastika hatte die knappe Zeit des Herrn Korbin nicht ausgereicht. Dagegen hatte Frau Angela von Trutzberg in dreißig Jahren wohl sieben Kinder geboren, doch sechse waren an Krankheiten gestorben, für deren Kur die Hausmittel dieser sparsamen Mutter nicht ausreichen wollten. Nur Jungherr Eberhard, der sich immer hartnäckig gegen den Gebrauch der mütterlichen Arzneien gesträubt hatte, war am Leben geblieben und zählte jetzt vierundzwanzig Jahre. Vor zehn Sommern, als er im Alter von vierzehn Jahren sein letztes Geschwister begraben und seinen ersten Hasen gehetzt hatte und Jungfrau Hilde von Puechstein als siebenjähriges Mägdlein das Lesen und Schreiben lernte, hatte man – um die beiden Edelsttze, die vor hundert Jahren ein ungeteiltes Herrengut gewesen, wieder zu vereinigen – die beiden Kinder verlobt und in geistlicher Ehe verbunden, mit der Bestimmung, daß diese Himmelsehe an Hildes achtzehntem Geburtstag auf irdische Weise vollzogen werden sollte. Dazu hatte man ein mit heiligen Eiden beschworenes und mit vielen Siegeln belastetes Testament errichtet: wenn Bräutigam oder Braut nach Gottes unerforschlichem Ratschluß das Zeitliche vor dem irdischen Vollzug der himmlischen Ehe segnen müßte, so sollte der überlebende Teil des Brautpaares das gemeinsame Kind der beiden zu Schutz und Wehr verbündeten Ehepaare sein und Erbe von Trutzberg und Puechstein werden.

Der Inhalt dieses unerschütterlichen Pergamentes zeitigte späterhin die üble Folge, daß in der mißtrauischen Seele der Frau Angela der Verdacht erwachte, als hatte ihr Söhnlein Eberhard von den Puechsteinischen die übelsten Gefahren für sein kostbares Leben zu besorgen. Aber Herr Korbin und Frau Scholastika waren redliche Leute, und Jungfrau Hilde benahm sich gütig und schwesterlich gegen ihren Bräutigam und Seelengatten. Der Verdacht, der sich im galligen Gemüt der Frau Engelein immer wieder bemerkbar machte, hatte seinen Urgrund nur darin, daß sie trotz aller Liebe zu dem ihr einzig verbliebenen Sohn den großen, für ein kommendes Eheglück bedrohlichen Unterschied nicht übersehen konnte, den jeder flüchtige Blick an den beiden Verlobten gewahren mußte.

Jungherr Eberhard – mit schiefen Tuchstreifen in Grün und Rot gekleidet – war eine sonderbare Mischung aus Vater und Mutter. Die untere Hälfte glich der langen, mageren Frau Angela, die obere Hälfte dem in die Breite wachsenden Vater. Ein hartgesträhntes, glanzloses Blondhaar umhing das gepolsterte Antlitz, das ihm Herr Melchior Trutz vererbt hatte. In diesem Gesichte funkelten die langwimprigen, unruhigen Augen der Mutter – Augen wie gelbbehaarte Hummeln, die immer davonfliegen wollten und nicht von der Stelle kamen, weil sie im Honig klebten.

Eberhard war herangewachsen wie andere Jungherren, mit der Peitsche in der rechten Hand, mit dem Sperber auf der linken Faust. Kein guter und kein böser Mensch, so einer von der Mittelstraße, fand er neben der ritterlichen Schulung im Waffengebrauch und Weidwerk noch reichliche Zeit für andere Dinge, bei denen die Mutter ihm allzu flinke Fortschritte nicht vergönnen wollte. Sonst ein fröhlicher, zu Streichen aufgelegter Kunde, war Eberhard vor einiger Zeit ein übelgelauntes Menschenkind geworden. Dieser bedauerliche Wandel hatte begonnen, seit Frau Angela, eine Gewohnheit ihrer ersten Ehejahre wiederholend, alle jungen Mägde aus der Burg entfernte und nur noch alte Jungfern und verwitwete Weiblein im Dienste behielt. Und des Schäkerspiels mit den drallen Bauerntöchtern in den Dörfern der hörigen Leute war der Jungherr überdrüssig geworden, seit ihn zwei vermummte Bauernburschen in einer Frühlingsnacht so unbarmherzig verprügelt hatten, daß er die Kratzwunden und blauen Male viele Wochen an sich herumtrug und zum erstenmal einiges Vertrauen zu den Salben der Frau Angela gewann.

Diese schmerzliche Lebenserfahrung fiel für Eberhard zusammen mit der Beobachtung, daß seine Brautgemahlin nach ihrem sechzehnten Lebensjahr aus einem hager aufgeschossenen Kind zu einem reizvollen und maienhaften Mägdlein zu erblühen begann. Und da bekehrte sich der mieselsüchtige Grobian plötzlich zu milden und freundlichen Sitten, nahm höfische Gebärden und zierlich gedrechselte Redewendungen an, trug hübsche Blumensträußchen zum Puechstein hinüber, drehte mit zärtlicher Geduld den Garnhaspel seiner heiteren Braut und machte in schlaflosen Mondscheinnächten Verse, die etwas feiner, doch sehr viel länger waren als die gesunden Vierzeiler der verliebten Bauernburschen. Bei jeder neuen Begegnung mit Fräulein Hilde hing ihm die Sehnsucht seines zum Besseren gewandelten Herzens mit gesteigerter Melancholie aus den dürstenden Hummelaugen heraus, mit jedem neuen Monat wurde der Hunger seines zur Karenz verdammten Blutes immer quälender. Und als er nun in dieser zaubervollen Frühlingsfrühe den Wanderpfaffen von der siegreichen Kraft des rechten Christenwillens predigen hörte und dabei immer die schmucke, reizumflossene Mädchenknospe an seiner Seite sah, richtete er alle Willensmacht nur auf den einen Gedanken: wie er den Tag der weltlichen Vermählung beschleunigen und das heiß ersehnte Himmelreich seines Lebens etwas rascher gewinnen könnte, als es ihm die gesiegelten Pergamente versprachen.

Während in der christlichen Seele des Jungherrn die Bilder solcher Himmelserfüllung glänzten, lauschte seine siebzehnjährige Brautgemahlin still und ahnungslos, andächtig und fröhlichfromm den feurigen Worten des Predigers. Sie dachte nur des wahren Himmelreiches da droben über dem schönen Blau, dem ihre Seele nach einem gottergebenen Leben dereinst entgegenfliegen würde. Von den kostbaren Gütern und Freuden der Erde wußte sie wenig. Die häusliche Knappheit, die auf dem Puechstein herrschte, hatte sie zur Genügsamkeit erzogen. Im Winter galt ihr das Schimmern der Schneekristalle als das schönste aller Dinge, und im Frühling und Sommer nahm sie jeden grünen Baum, jede Blume, jede schwergewordene Ähre und jeden Sonnenblitz auf gleitendem Wasser für das höchste Wunder in Gottes Schöpfung. Was ihr die Mutter, der selten heimkehrende Vater und die gealterten Puechsteinischen Knechte erzählten, das war alles, was sie vom Treiben der Welt erfuhr. Lesen und Schreiben, Reitschule und Kleidernähen, häusliche Arbeit, Sticken, Spinnen und Weben füllten ihre frohen Tage, ein fester Schlaf ihre Nächte. Brautstand und Himmelsehe hatten noch keinen Schatten auf ihre erblühende Jugend geworfen. Sie wußte: so war es, so ist es, und so wird es bleiben. Solcher Wahrheit, die als ein Gesiegeltes vor ihr stand, brauchte sie mit keinem aufgeschreckten Gedanken nachzuspüren. Jene Taten, mit denen Eberhard noch vor Jahresfrist die beiden Mütter in heftigen Zorn versetzt hatte, wurden vor Hilde verschwiegen. Zu beunruhigenden Vergleichen fand sie keine Gelegenheit – eine Braut bleibt sittsam zu Hause, geht nicht zu Hof und nicht zu Festen. Drum sah sie ihren Bräutigam und Seelengatten noch immer als den gleichen, den sie vor zehn Jahren gesehen hatte, damals in jener feierlichen Stunde, in der sie, scheu verlegen, mit halbem Verständnis und doch ein bißchen stolz auf das heilige Kränzlein in ihrem Haar, die zarte Kinderhand in die knochige Bubenfaust des reichgekleideten Jungherrn gelegt hatte. Damals trug er eine Goldkette um den Hals, einen toledanischen Degen am Gürtel, einen großen Siegelring am Zeigefinger der rechten Hand. Beim Hochzeitsmahl erzählte er von seiner ersten Hasenhetze und tat immer einen festen Trunk, sooft er dem Bräutlein, das nur Milch bekam, mit dem silbernen Becher zuwinkte. Darüber, daß ihm bald nach der Mahlzeit so entsetzlich übel geworden, war sie sehr erschrocken. Die Jahre hatten die Erinnerung an dieses unreinliche Bild in ihr verwischt. Und einer Frau muß doch ihr Mann gefallen! Nun hatte sie auch die hellen Mädchenaugen, mit denen sie sehen konnte, was sie früher als Kind nicht bemerkt hatte: wie höflich, wie galant und dienstbeflissen er war. Das gesiel ihr. Bei jedem Zusammensein war sie munter und schwesterlich gut zu ihm. Manchmal erschrak sie ein bißchen vor seinen sonderbaren Augen und wußte nicht, was diese Blicke ihr sagen wollten. Doch es war wohl so in der Welt: daß junge Frauen immer ein bißchen zittern müssen vor ihren Männern. War's nicht auch bei ihrer Mutter so? Freilich, auf dem Trutzberg schien Herr Melchior der Schwächere zu sein, und Frau Angela blieb ohne Furcht.

Den Trutzbergischen Farben zu Ehren trug Hilde ein grünes, kirschrot gesäumtes Reitkleid, das den knospenden, von ungelösten Lebenskräften flüsternden Mädchenkörper mit linder Glätte umschloß. Ein Kränzlein aus roten Nelken lag um das reiche, straffgezopfte Braunhaar, und viele braune Ringelchen überschatteten die Stirn und die dunkelblauen, in Ruhe fröhlichen Augen. Die schwellenden Kinderlippen waren beim Lauschen ein wenig geöffnet, und über dem zart gerundeten, bei allem Frohsinn seltsam strengen Gesichtchen spielten die Blätterschatten der Linde und die das Laub durchdringenden Sonnenlichter. Unbeweglich lagen die gefalteten Hände im Schoß, und das lauschende Köpfchen, einer von Tau beschwerten Blume gleichend, war nach vorne gebeugt. Gierig hingen die Hummelaugen des Jungherrn an der feingeschwungenen, reizvollen Nackenlinie, die sich unter dem roten Nelkenkranz hervorsenkte und umschleiert war von dunklen, im sanften Windhauch zitternden Löckchen. Ihres Verlobten und Seelengatten schien Hilde bei Gottes Wort vergessen zu haben. Während sie der Wunderbotschaft von der Macht des christlichen Willens lauschte, war in ihrem stillen Blick ein gläubiges Träumen von seligen Ewigkeiten eines Glückes, das ohne Körper, ohne irdisches Leben und ohne Namen war.

Fast der gleiche Blick einer ziellosen Sehnsucht, wie er in diesen gläubigen Mädchenaugen glänzte, war in den Augen der hörigen Leute, der Bauern und Bäuerinnen, die aus dem Burgdorf heraufgestiegen waren, um in ihrem harten Leben einen Trost und die Verheißung eines Himmels zu vernehmen, den sie sich so ähnlich vorstellten wie das Schlaraffenland mit unerschöpflichen Weinbrunnen und gebraten umherfliegenden Speckvögelchen. Steifknochig und in armseligem Sonntagsputze knieten sie an der Mauer entlang und in den Winkeln des Burggartens. Näher hatten sie sich an die Herrenleute nicht herangewagt.

Zwischen arm und reich, auf dem Rasen hinter den sechs Faltstühlen, knieten und saßen die vier grauköpfigen, in Grün und Gelb gekleideten, leicht gerüsteten Geleitsknechte des Puechsteiners und die vielen Burgleute des Herrn Melcher, unter Führung des langen, mageren Sergeanten Kassian Ziegenspöck, der, wenn Gott an ihm nicht ein Wunder wirkte, dem Säuferwahnsinn unaufhaltsam entgegenwandelte; er bot den Anblick eines grimmigen Kriegsmannes, hatte aber ein bitteres Schmerzensgesicht, wie Menschen, die von überschüssiger Magensäure gequält werden.

Sergeant, Söldner und Knechte des Herrn Melcher waren in Grün und Rot gekleidet. Nur ein einziger von den Trutzbergischen trug diese Farben nicht, trug ein grobes Hemd, einen rauhen, verblichenen Kittel, die kurze Berghose, verschnürte Lammfelle an den festen Waden und am Gürtel die lederne, vom Gebrauche vieler Jahre schon schwarzgewordene Salztasche. Das war der Schafhirt Lien, den die Leute, die ihn liebhatten, Liendl oder Lieni nannten.

Eigentlich hieß er Lienhard. Aber das ging nicht an, daß ein Scharfhirt zur Hälfte den gleichen Namen trug wie der edle Jungherr Eberhard. Drum hatte man dem Lien – der keines nennbaren Vaters Sohn, nur das Kind einer verstorbenen Mutter war – das ungebührliche Schwänzlein seines Namens abgezwickt, wie man ihm das Braunhaar wegschor von seinem harten, jungen, sonnverbrannten Schädel. Das Haar wollte heraus, wollte an die Sonne, sproßte wie dunkler Schatten auf der Oberlippe des braunen Gesichts und begann das Kinn und die Wangen zu umkräuseln, weil man es auf dem Kopfe nicht nach Belieben wachsen ließ. Unter der Stirne dieses derben und dennoch schmucken Kopfes glänzten zwei blanke Jünglingsaugen, die immer in aufmerksamer Spannung träumten, obwohl das Gehirn des Lien viel anderes nicht denken wollte, als wie er satt werden konnte und wie er seine dreihundertvierzehn Schafe vor Dieben und Wölfen sichern mußte.

Während der Wanderpfaff von der alles bezwingenden Macht des christlichen Willens predigte, hatte der junge Lien eine Sorgenfalte auf der Stirn, hörte kein Wort von der Predigt und spähte immer zu den fernen Moorflächen hinunter. In dieser braunleuchtenden Ferne, die von vielen Wassertümpeln blitzte, sah er einen kleinen, grauen, viereckigen Fleck. Das war der Pferch, in den er am vergangenen Abend seine Schafe getrieben hatte. Während er in der Haltung eines frommen Beters auf den Knien lag, streckte sich immer wieder der schlanke Körper mit dem kräftigen, langen Hals. Und wenn sich der Lien so streckte, preßte er das mürbe Hütl und die lange Schäferschippe mit dem blitzenden Eisenschäufelchen hart an seine Brust. Und dann hob auch der grau und schwarz gezottelte Schäferhund, der neben ihm lag, mit jähem Ruck den schlanknäsigen Kopf in die Höhe, ließ die Augen hinausblitzen gegen den fernen Pferch, bewegte unruhig die Spitzohren und peitschte mit dem buschigen Schweif das zerlegene Gras. Wie selbstverständlich und natürlich auch die beiden, der Lien und sein Wulli, anzusehen waren, so hatte ihr Bild doch auch etwas Fremdes, etwas schweigsam Heiliges, hatte etwas von jener biblischen Art, in der die frommen Täfleinmaler den jungen Sankt Johannes mit Hund und Schäferschippe zu konterfeien liebten,

»Wahrlich, ihr guten Christenkinder«, predigte der Wanderpfaff, der in der warm werdenden Sonne zu ermüden begann und über das ganze Gesicht bis in den Hals hinunter glänzte, »wer auf ein eilig Ding nit den rechten Willen hat, wird's nie und nimmer erringen. Das ist als wie mit einem Bauersmann. So er mit festem Willen zur Pflugschar greift und den Boden stürzet, wird er Segen in seiner Scheuer haben. So er aber nit pflügen will und die Fäust hinter den Rucken schiebt, wird sein Acker dürr bleiben, und der Bauer wird seinen Herren schädigen, wird selber Not erfahren und Hunger leiden in seiner Faulheit Ingeweid. Das ist als wie mit einem Kriegsknecht. So er mit herzhaftem Willen anrucket wider den Feind, wird er seinem guten Herren helfen und den eigenen Binkel fett machen mit kostbarem Kriegsgut. So er aber nit mutigen Willen haben, nit fechten und nit stechen mag, wird der Feind ihn überwerfen und ausrauben bis auf den letzten Faden. Das ist als wie mit dem Jäger. So er nit springen und hetzen und die Netz nit stellen will, fahet er nie ein Gewild, ist betrogen um sein Jägerrecht, und seines Herren Wildbretkeller muß trauern als ein ausgefressenes Ratzenloch. So er aber mit frischem Jägerwillen springt und hetzt und alles Haarwild und Federleinsvieh ins fängige Schlagnetz husset, wird seines Herren Tisch ein Paradies der irdischen Freuden sein, und des Jägers Pfann wird dampfen an jedem Abend. Was aber sind Netz und Schwert und Pflugschar neben dem rechten Himmelswillen einer sehnsüchtigen Christenseele? Gräslein sind sie neben dem Baum, Regentropfen neben dem See, ein Grillenloch neben der Herrenburg. Schauet den Baum! Grünet er nit dem Himmel zu? Schauet den See da draußen! Spiegelt er nit das Himmelsblau? Schauet die starke und stolze Burg, die mutig hinaufsteigt in das Himmelreich! Groß und stark wie Burg und See und Baum, so muß der rechte Himmelswillen in euren Seelen sein! Wahrlich, das Himmelreich ist euer, so ihr's wollet mit Kraft und Feuer! Die aber nit wollen fest und rein, bleiben draußen und gehen nit ein!«

Eine aufatmende Bewegung huschte über die Andächtigen hin. Sie wußten: wenn die Verse begannen, war die Predigt gleich zu Ende. Frau Angela schürzte mit ihren dürren Händen das Kleid, damit es beim Aufstehen sicher wäre vor der Nässe des Grases, Herr Korbin gähnte ein bißchen, Frau Schligga sah mit flehenden Augen zu Gott hinauf, Hilde erwachte lächelnd aus ihrem wesenlosen Traum von Glück und Seligkeit, Eberhard wandte die Hummelaugen zögernd von dem lieblichen Ziel seines aufgereizten Willens ab, und Herr Melcher nickte, als hätte er wider die Brüder von Seeburg einen heilsamen Entschluß gefaßt. Wulli, der Schäferhund, erhob sich lautlos, weil er sah, daß Lien einen raschen Blick hinüberwarf zum Pförtlein des Söldnerhauses und mit einem Ruck seiner nervigen Faust den Gürtel der Salztasche fester um die Hüften schnürte.

Schnaufend entraffte sich der Wanderpfaff seiner schweißperlenden Erschöpfung, steigerte die heiser gewordene Stimme und schüttelte die Hände mit gespreizten Fingern gegen das Blau hinauf:

»Nur wollen mußt du, o dürstige Seel', so wirst du finden und gehst nit fehl! Die da suchen, sind Kinder des Lichts, doch die nit wollen, die kriegen auch nichts. Sie fliegen nit auf zur seligen Ruh, Sankt Peter sperret das Türlein zu. Ausgestoßen von allen Freuden, müssen sie Glut und Hunger leiden, sind dem Teufel ein Höllensamen und müssen brennen in Ewigkeit, Amen!«

Nach einer devoten Verbeugung gegen den Burgherrn lüftete der Wanderpfaff das Barett, trocknete mit dem spitzenbesetzten Ärmel des Chorhemdes das erschöpfte Gesicht und ging auf die Tür der Burgkapelle zu, um sich zu kleiden für die heilige Messe.

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