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Die Troubadourgeschichten

Paul Ernst: Die Troubadourgeschichten - Kapitel 4
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typelegend
authorPaul Ernst
titleDie Troubadourgeschichten
publisherAlbert Langen-Georg Müller Verlag G. m. b. H.
illustratorErnst von Dombrowski
year1940
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Guillem von Cabestaing

Auf dem Schloß Cabestaing in der Provence wohnte ein alter Ritter, der mehrere Söhne hatte, von denen der jüngste den Namen Guillem trug.

Diesen Guillem ließ der Vater an einem Tag zu sich kommen und sagte zu ihm: »Du weißt, mein lieber Sohn, daß ich sein großes Gut habe. Dein ältester Bruder wird nach dem Recht einmal das Schloß mit den paar Hufen erben, die zu ihm gehören. Deine beiden andern Brüder haben sich Herrendienst gesucht, und vielleicht glückt es ihnen, daß sie ein Lehen bekommen. Dich, als den Jüngsten, dachte ich der Kirche zu geben. Aber ich sehe wohl ein, daß ich das nicht darf, denn du hast nicht die Natur eines Pfaffen, du bist ein Dichter, und deine Lieder werden von den Leuten gesungen. Auch ich habe gedichtet, als ich ein Jüngling war, aber das geschah nur so, weil ich sah, daß so viele andre Leute Verse machten, indessen nützt es mir doch heute, denn dadurch kann ich erkennen, daß du, mein liebes Kind, ein wirklicher Dichter bist. Ich alter Mann hörte heute früh den Knecht im Hof eines deiner Lieder singen, in dem sich deine Sehnsucht ausdrückt, da mußte ich weinen. Sieh, du mußt in die Welt hinaus, ich darf dich nicht bei mir behalten, obwohl ich dich sehr liebe und dein edles Gemüt mir in meinem Alter ein Trost ist. Deine Sehnsucht ruft dich in die Welt, und du bist jung, und so lange hast du bei mir altem, einsamem Manne verharrt.«

Nach diesen Worten gab der Vater dem Jüngling einen kleinen Beutel mit Geld und fuhr fort: »Nimm dieses Geld, es ist alles, über das ich verfüge. Du hast dein Roß und deine Waffen. Nun suche dir einen Herrn, den du ehren und achten kannst, und diene ihm treu, und vielleicht verschafft deine Gabe dir Freunde, welche dich weiter fördern in dieser Welt.«

Damit küßte der Vater seinen Sohn auf die Stirn und entließ ihn.

Nun gehörte das Schloß Cabestaing zur Grafschaft Roussillon. And als Guillem so weiter ritt, kam er in die Nähe des Schlosses, wo der Graf Raimund von Roussillon mit seiner jungen Gattin Sermonde wohnte. Vor dem Schloß war eine große und ebene Wiese, auf welcher Bänke geschlagen waren um einen runden Platz, und auf den Bänken saßen allerhand Leute, meistens Ritter mit ihren Frauen. In der Mitte aber war eine Bühne, auf der saßen der Graf und seine Gemahlin, und vor ihnen standen zwei junge, anmutige Ritter, ein jeder eine Harfe in der Hand, und sangen; wenn der eine einen Vers gesungen hatte, dann schwieg er, die schone Gräfin nickte ihm dankend und kindlich errötend zu, und dann sang der andere einen Vers, und so wechselten die beiden eine ganze Weile miteinander ab; die Leute auf den Bänken saßen still und ehrerbietig und hörten mit großer Aufmerksamkeit zu. Alle Leute aber, die Gräfin und die Sänger und die Zuhörer hatten Kränze von Wiesenblumen auf dem Haupt, nur der Graf nicht, denn er trug eine Krone in seinem leicht ergrauten Haar. So stieg nun Guillem von seinem Roß, nahm den Zügel in die Hand, stellte sich außerhalb des Kreises und hörte gleichfalls zu mit jugendlich bescheidener Miene. Und als die beiden Sänger geendet hatten und die Herrschaften aufstanden und dann auch die Leute auf den Bänken, da ging Guillem zu den Herrschaften, verbeugte sich vor ihnen und bat den Grafen, er möge ihn in Dienst nehmen. Der Herr machte ein finsteres und unentschlossenes Gesicht; da rührte die Gräfin leise an seinen Arm und flüsterte ihm eine Bitte zu; er zog die Stirn kraus, aber er sagte zu ihr: »Gut, wenn du es wünschest.« Dann sagte er zu Guillem: »Du kannst bei mir bleiben. Melde dich als Page bei dem Pagenmeister.«

Guillem verbeugte sich tief vor den Herrschaften. Der Graf sah nicht mehr auf ihn hin, aber die Gräfin nickte ihm errötend zu.

Guillem ging nun zum Pagenmeister. Der musterte ihn verdrießlich und sprach: »Da hat nun wieder so ein Grashüpfer ein unverschämtes Glück. Ich soll dir von unserm gnädigen Herrn sagen, daß du zum Dienst bei der gnädigen Frau bestimmt bist. Der Dienst ist leicht, du brauchst nicht die Nächte aufzubleiben und brauchst dich nicht wund zu reiten, du mußt ihr auf der Laute vorklimpern und Verse dazu sagen, und wenn sie ein Knäuel Garn wickelt, so mußt du das Bund halten. Nimm dich in acht, aus den Weiberknechten wird gewöhnlich nichts, die kann man später nirgends brauchen.« Der Pagenmeister sah so verdrießlich aus, und Guillem freute sich so über die Nachricht, daß er sich nicht halten konnte und dem griesgrämigen Mann ins Gesicht lachte. Da wurde der wütend und rief: »Packe dich aus dem Saal, marsch, stelle dich der Frau vor.« Guillem entschuldigte sich: »Ich war so glücklich über Eure Worte, mein Lachen war nicht böse gemeint«, und der Alte wiederholte seinen Befehl in gelinderem Ton.

Das war nun erlaubt damals, daß der Diener an seine Herrin dichtete, als sei er verliebt in sie, und so schrieb Guillem damals das schöne Lied, das beginnt:

Seit jenem Tag, da ich zuerst dich sah,
Da gnädig Ihr erlaubtet, Euch zu sehn,
Kein andrer Mensch mehr ist für mich noch da.

Er wußte nicht, als er seine Verse dichtete, was Spiel war und was Wahrheit; er suchte die schönsten Worte zusammen, welche er kannte, aber das Herz klopfte ihm, als er sie zusammenfügte, und als er das Lied sang, da spürte jeder, daß sein Herz geklopft hatte, als er das Lied dichtete.

Nun diente er seiner Dame: er stand hinter ihrem Stuhl beim Essen und reichte ihr die Speisen, er öffnete ihr die Türen, wenn sie durch das Haus ging, er hielt den Zügel des Pferdes, wenn sie reiten wollte, und sie setzte ihren kleinen Fuß auf die Hand, welche er hinhielt, um ihr in den Sattel zu helfen. Und wenn sie ihm sagte: »Nun laß mich, Guillem, ich will allein sein«, dann ging er fort und ging ins Freie, und Verse fielen ihm ein, und er dichtete wieder, wie er sich sehnte nach ihr, wie er sie liebte und wie glücklich er war über ihre Befehle. Diese Lieder sang er ihr vor, und sie hatte ihre Stickerei und hörte zu, und so lange er sang, fielen ihr die Hände untätig in den Schoß.

Alle Lieder, die Guillem dichtete, schrieb er auf und gab sie seiner Herrin, und die bewahrte sie in einem Kästchen. Aber auch andere hörten die Lieder und merkten sie sich und sangen sie weiter, und so kam es, daß in dem ganzen Lande die Lieder Guillems verbreitet wurden, und alle Leute sagten, daß sie auf seine Herrin Sermonde, die Gattin des Grafen Raimund, gedichtet seien.

An einem Tage nun sah der Graf, wie Guillem aus dem Haus ritt und in den Wald. Da ließ er schnell satteln und ritt ihm nach. Als er ihn angetroffen, sagte er zu ihm: »Deine Lieder werden im ganzen Lande gesungen, und es wird gesagt, daß sie auf meine Frau gedichtet sind und daß du meine Frau liebst. Ist das wahr?« Bei diesen Worten sah er ihn wild an, und die Ader auf seiner Stirn war geschwollen.

Guillem errötete bescheiden, senkte die Augen und erwiderte: »Eure Gattin Sermonde, meine Herrin, ist eine sehr schöne und edle Frau. Aber nicht an sie denke ich, wenn ich meine Lieder dichte, sondern an ihre Schwester Agnes, welche an den Grafen Robert von Tarascon vermählt ist.«

»Wenn das so ist, so folge mir. Wir reiten nach Tarascon, um die Dame zu befragen«, sagte der Graf.

So ritten die beiden denn zu dem Schwager des Grafen Raimund. Dort wurden sie wohl empfangen, und nachdem der Herr des Hauses Raimund begrüßt hatte, reichte er Guillem die Hand und sprach: »Du bist der Dichter, der so schöne Lieder gedichtet hat, sei mir vielmals willkommen.«

Unterdessen aber hatte der Graf Raimund die Frau Agnes auf die Seite genommen und hatte sie heimlich gefragt, ob jemand sie liebe außer ihrem Mann. Die schlaue Dame merkte wohl, um was es sich handelte; so erwiderte sie ohne Zögern: »Ja, mich liebt der Page Eurer Gattin, Guillem von Cabestaing, der die schönen Gedichte macht, den Ihr bei Euch habt.«

Der Graf sah sie mißtrauisch an und sagte: »Die Weiber halten bei ihren Liebschaften zusammen gegen die Männer. Aber ich muß Euch ja wohl glauben.« Und nach diesen Worten wendete er sich wieder zu seinem Schwager, der inzwischen mit Guillem weitergesprochen hatte.

Nun war es schon spät am Abend, und der Graf Raimund mit Guillem mußten über Nacht bleiben. Frau Agnes redete inzwischen mit ihrem Mann und berichtete ihm das Gespräch mit dem Schwager und sagte ihm, daß sie sofort alles verstanden habe, und daß der Schwager immer noch mißtraue. Ihnen allen aber sei seine wilde Gemütsart bekannt, und sie sorge sich sehr um ihre Schwester und auch um den Dichter; deshalb bitte sie ihren Gatten, ihr zu erlauben, daß sie dem Eifersüchtigen etwas vorspiele, um ihn völlig von seinem Verdacht abzubringen. Der Graf Robert lachte, als seine kluge Gattin ihm diese Worte sagte und sich dabei spitz die Lippen leckte, und sagte: »Ich gönne es dem rohen und unleidlichen Menschen, wenn er von euch Weibern hinters Licht geführt wird; tu, wie du willst.«

Da geschah es nun des Nachts, daß der Graf Raimund aufwachte. Er schlief aber mit dem Pagen Guillem zusammen in einem Zimmer. Er hörte, wie ein Stuhl gerückt wurde, und bewegte sich im Bett, indem er sich aufrichtete. Da war es plötzlich wieder ganz still und blieb so eine Weile. Aber indem der Graf in der Dunkelheit angestrengt weiterlauschte, hörte er endlich das Gehen von bloßen Füßen auf dem Boden, dann das leise Öffnen einer Tür; da stand er auf, tastete sich still zu der Tür und ging gleichfalls in den Gang hinaus; da hörte er das leise Gehen weiter im Gang und merkte, wie es vor dem Schlafzimmer der Frau Agnes Halt machte und wie die Tür dieses Zimmers vorsichtig geöffnet wurde.

Da lachte er in sich hinein und dachte bei sich: »Das geschieht ihm recht, dem Narren, der jedes Wort glaubt, das seine Frau ihm sagt«, ging leise wieder zurück zu seinem Lager, legte sich und schlief beruhigt ein und merkte gar nicht, wie nach einer langen Zeit Guillem wieder zurückkam und sich gleichfalls wieder legte.

Als Graf Raimund nun mit Guillem wieder nach Hause zurückgeritten war, da dachte Guillem seiner Dame weiter zu dienen wie vorher. Aber noch an demselben Abend geschah es, daß Frau Sermonde ihn zu sich rufen ließ und mit erzürntem Gesichtsausdruck und Tränen in den Augen ihm Vorwürfe machte über seine Untreue. Er fiel ihr zu Füßen und erzählte ihr, was ihr Gatte gesagt hatte und was dann in Tarascon geschehen war. Sie rief aus: »Ich glaube dir nicht, du belügst mich.« Da sagte er, daß er einen Eid schwören wolle, welchen sie verlange und auf welchem Heiligtum sie wünsche, daß jedes Wort wahr sei, das er erzählt. Sie erwiderte: »Ich glaube nicht solchen Eiden, aber noch morgen werde ich zu meiner Schwester reiten und sie fragen; und sie ist eine vornehme Frau, sie wird mir nichts vorlügen und mir die Wahrheit nicht verbergen.« Da wurde Guillem traurig und sprach: »Ich kann Euch ja nicht zurückhalten, denn Ihr seid von Eifersucht geblendet und glaubt mir nicht. Aber bedenkt, daß Euer Herr wieder argwöhnisch wird, wenn Ihr morgen Eure Schwester besucht, denn er hat Euch heute erzählt, was er glaubt, bemerkt zu haben, und nun wird er das denken, was auch wahr ist, daß Ihr eifersüchtig seid.« Sie erwiderte ihm aber heftig: »Mir ist es einerlei, was mein Gatte denkt, aber Ihr seid ein Verräter.«

So ritt sie denn am andern Tage früh fort nach Tarascon und nahm Guillem nicht mit, sondern befahl einem andern Diener, sie zu begleiten. In Tarascon erfuhr sie nun, wie alles gewesen war, und da wurde sie glücklich und weinte zärtlich und sagte: »So habe ich denn den armen Guillem beleidigt, ich will rasch zurückreiten, um ihn um Verzeihung zu bitten.« Und das tat sie auch.

Als sie aber nun wieder in Roussillon war, ließ sie gleich Guillem zu sich kommen und sagte zu ihm: »Ich bitte dich um Verzeihung, daß ich dir nicht geglaubt habe, und du mußt als Entschuldigung meine übergroße Liebe nehmen«, und da Guillem vor ihr, der Sitzenden, kniete, beugte sie sich und küßte ihn. Da faßte er an sein Herz, er wurde ganz blaß und sprang auf und wollte sprechen. Aber Frau Sermonde legte den Finger auf den Mund und sagte: »Nun schweige, schweige, halte dich still und sei nicht anders, als du warst, damit nicht wieder Argwohn kommt.«

Da ging Guillem, und als er aus dem Auge seiner Geliebten gekommen war, da dichtete er das Lied, das beginnt:

Es schlägt, es schlägt
Mein Herz so wild,
Es trägt, bewegt
In sich dein Bild.

Dieses Lied sang er am andern Morgen, indem er in dem kleinen Burggärtchen unter den Fenstern des Frauengemachs saß. Da ging der Graf Raimund vorbei und hörte in den Versen und in dem Gesang den unruhigen Pulsschlag des Liebenden, und da wurde ihm plötzlich klar, daß es doch Frau Sermonde war, welche er liebte, und auch das war ihm deutlich, daß Frau Sermonde ihn wiederliebte.

So ging er denn mit dachen auf Guillem zu, schlug ihm scherzend auf die Schulter und sagte: »Begleite mich, ich muß einen Gang auf den Mauern ringsum machen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.« Gehorsam stand Guillem auf und folgte ihm. Und als die beiden an eine einsame Stelle gekommen waren, da drehte sich der Graf plötzlich um, zog seinen Degen und durchbohrte den ahnungslosen Dichter.

Nicht einen Schrei konnte Guillem ausstoßen, das Blut war ihm gleich in die Kehle geronnen. So stürzte er hin, zappelte ein paar Augenblicke und lag dann tot.

Nun kniete der Graf nieder, schnitt ihm den Kopf ab und legte ihn neben sich, und dann schnitt er ihm den Leib auf und nahm ihm das Herz heraus, das noch ganz warm war. Beides wickelte er in ein Tuch und ging ins Haus und ging gleich in die Küche, und indem gerade das Mittagessen vorbereitet wurde, wickelte er das Herz aus, reichte es dem Koch und sagte: »Es ist das Herz eines Hirsches, den ich eben erlegt habe. Du fühlst, daß es noch warm ist. Bereite es gleich zu und schicke es in einer verdeckten Schüssel mit dem andern Essen nach oben.« Der Koch erwiderte: »Das soll geschehen, Herr«, nahm das Herz und richtete es.

Nun kam die Zeit des Mittagessens, und die Herrschaften gingen in das Eßzimmer. Frau Sermonde sagte: »Guillem ist nicht da, der doch immer hinter meinem Stuhl steht. Er hat seinen Dienst noch nie versäumt.« Der Graf erwiderte: »Warte nicht auf ihn, ich habe ihn fortgeschickt, auf einen weiten Weg.«

So setzten sich nun die Ehegatten, und der Diener brachte zuerst das verdeckte Gericht.

Der Graf nahm den Deckel ab, reichte die Schüssel seiner Gattin und sprach: »Ich habe heute ein hübsches Wild gejagt, dabei dachte ich an dich, nun habe ich dir das Herz zubereiten lassen als einen Leckerbissen. Nimm es und iß.«

Der Gräfin war die Freundlichkeit ihres Mannes ungewohnt, und sie wurde verlegen. Sie sah das Herz an und wurde rot. Da blickte sie auf und sah die Ader aus seiner Stirn schwellen. So nahm sie hastig Messer und Gabel zur Hand und sagte ihm, sie danke sehr für seine Freundlichkeit, daß er ihr habe eine Freude machen wollen, und schnitt ein Stück ab und aß es; und da der Graf ihr zusprach, schnitt sie noch mehr ab und aß; und dann goß ihr der Graf ein Glas Wein ein, und sie trank, und der Graf sagte ihr immerzu, dieses sei der beste Bissen, der ihr je gereicht sei, sie müsse ihn ganz essen, da fürchtete sie sich und die Bissen quollen ihr im Halse, aber sie wußte nicht, wovor sie sich fürchtete, und deshalb aß sie weiter auf sein Drängen, und der Graf ruhte nicht eher, als bis sie das ganze Stückchen gegessen hatte.

Da stand er auf und fragte: »Hat es dir gut geschmeckt?« Und das fragte er nun schon in solchem Ton, daß sie erbleichte. Dann nahm er aus dem Tuch den abgeschnittenen Kopf Guillems, stellte ihn auf den Tisch und sagte: »Es war das Herz deines Liebhabers, das du gegessen hast.«

Ihr war es, als ob ihr die Sinne schwinden wollten, doch sie bezwang sich und stand auf. Es ging aber das Fenster des Saals bis auf den Boden und war geöffnet, und das Schloß war auf einen hohen Felsen gebaut; sie trat in das Fenster und sprach: »So gut hat mir Guillems Herz geschmeckt, daß keine andre Speise mir wieder den Geschmack vertreiben soll, den es auf meiner Zunge gelassen.« Er zog sein Schwert und drang auf sie ein, aber sie stürzte sich aus dem Fenster in den tiefen Abgrund, und als sie unten auf die Steine fiel, da brachen ihr alle ihre Knochen.

 

Die beiden jungen Leute sahen erschrocken auf den Dichter, und ihr Herz klopfte. Der Dichter lächelte. »Wie ertappte Kinder«, dachte er.

Nun sprach er: »Ich habe den Grafen Raimund in meiner Erzählung roh genannt. Da habe ich aber so geurteilt, wie wir heute urteilen. Auch sein Schwager urteilte ja so und seine Schwägerin, darum konnte ich mein Urteil ihnen in den Mund legen.

Aber das war nun damals so, daß in dem Volk der Provenzalen sich neue Zustände entwickelt hatten und mit ihnen zugleich neue Gefühle. Nach dem Urteil der andern Menschen der Zeit mußten diese die Welt zerstören. Damals gab es noch Herren in der Welt, welche sich für die Menschheit verantwortlich fühlten. Auf dem Thron der Päpste saß ein großer Mann, er hieß Innozenz. Der predigte den Kreuzzug gegen die Provenzalen und ließ das Volk ermorden. Er wußte, daß er schlechte Menschen gebrauchte für seinen Zweck, wie ja auch Gott die Schlechten für seine Zwecke gebraucht; denn es ist nicht so, daß es einen Teufel gibt, welcher die Zwecke Gottes durchkreuzt, sondern alles Blut, das unschuldig vergossen wird, kommt auf Gottes Haupt. Und so hat Innozenz das Blut der Provenzalen auf sein Haupt genommen. Er hat das Volk der Dichter gemordet, die Acht und Freude in die Welt bringen wollten. Wie schön hat der alte Mönch das erzählt mit der kindisch ängstlichen Eifersucht Sermondens und der jünglingshaften Besorgnis Guillems! Er hat gefühlt: in diesen beiden ist reine Natur, ein Frühling ist in ihnen. Er lebte nun in einem Volk von Dichtern, deshalb konnte er so schon fühlen. Aber der Papst hat im Gebet mit Gott gerungen, dann ist er aufgestanden und hat gesagt: dieses Volk muß ermordet werden.«

Der Dichter schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er fort:

»Im Frühling paaren sich die Vögel. Da singt das Männchen und schmückt sich mit seinen schönsten Farben, und das Weibchen gibt sich ihm. Nun flattern sie und spielen umeinander im Sonnenschein, zwischen dem jugendlich hellen Laub der Bäume. Dann bauen sie ihr Nest, sie brüten und ziehen die Jungen auf. Und daß sie die Jungen aufziehen, das ist der Zweck ihres Liebesspiels gewesen.

Der Mensch aber ist kein Naturwesen. Er war nie ein Naturwesen, denn er ist von Gott am letzten Schöpfungstage geschaffen, als die ganze Natur schon geschaffen war. Er ist geschaffen, damit die Natur einen Herrn hat und er selber einen Diener. Aber er ist geschaffen in den Formen der Naturwesen, mit Hunger und Durst und Essen und Trinken, mit Liebesbedürfnis und Liebe, mit Zeugen und Gebären. Und da ist nun seine Aufgabe: in diesen Formen der Natur muß er gegen die Natur leben.

Damals hatten die Menschen für die Fortpflanzung des Geschlechts eine Form gefunden, welche nicht Natur war. Der Vater suchte für seine Tochter einen Mann, der ihm für die Erhaltung der Familie passend schien, und gab sie dem als Frau. Oft hatten sich die Eheleute vor der Verheiratung nicht einmal gesehen. Die Ehe wurde geschlossen, der Mann erfüllte die Pflichten seines Berufs und erzeugte mit seiner Frau seine Kinder.

Die Natur will das Frühlingsglück des singenden und flatternden Vogels. Dieses Glück versagten sich die Menschen damals. Und diese Entsagung war einer der Pfeiler, auf denen ihre gesellschaftliche Ordnung ruhte. Innozenz aber wußte, daß das ganze Gebäude einstürzt, wenn nur ein Pfeiler nachgibt; und die Provenzalen hatten sogar noch andere Pfeiler unterwühlt.

Was wir heute Liebe nennen, das ist ein Gefühl, welches von den provenzalischen Dichtern geschaffen ist, denn wenn etwas Geistiges erst einmal gesagt ist, dann kann es nicht wieder verlorengehen. Die Gedichte dieser Dichter klangen durch die ganze Welt, sie wurden von den ritterlichen Dichtern im äußersten Norden wiederholt, und dann kamen sie zu den Bürgern, und dann zu dem einfachen Volk. Es war wohl das die Aufgabe der Provenzalen gewesen, daß sie dieses Gefühl schufen, und als sie die Aufgabe gelöst hatten, da konnten sie ja sterben.«

Der Dichter hielt ein. »Da konnten sie ja sterben, als sie ihre Aufgabe gelöst hatten«, wiederholte er. »Der Mensch wird ja geboren, um zu sterben. Sein Leben ist ein Gang zum Tode. Nun muß man wissen, was die Lüge ist. Durch die Lüge können es die Menschen ermöglichen, daß sie leben. Das Gefühl, das die alten Dichter gedichtet hatten, das endlich im Volkslied bis in das einfachste Volk drang, ist naturgemäß nur wenigen erreichbar, sagen wir einem Menschen unter tausend oder auch zehntausend oder noch mehr. Die andern denken nur, daß sie es leben, weil von dem Gefühl gesprochen wird, weil sie das, was sie fühlen, nun mit dem Wort bezeichnen können; sie können ja nicht wissen, daß das etwas ganz anderes ist. Wenn aber einer unter tausend oder zehntausend das Gefühl wirklich hat -- ja, dann kann er vielleicht die ganze Welt zersprengen, wie der Papst Innozenz fürchtete, und mit Recht fürchtete. So wurde denn ein solcher auch späterhin irgendwie unschädlich gemacht; aber für die andern wurde das Gefühl in eine jener wohltätigen Lügen verwandelt, durch die sich die Menschheit in ihrem Leben erhält, denn die vielen müssen ja doch leben, damit der eine möglich ist, der dann -- ja, der dann das Ziel des Lebens im Tod sieht. So schuf man denn die Vorstellung, daß zwei junge Leute, die in dem Alter sind, da sie heiraten und auch die nötigen Mittel für den Unterhalt aufweisen könne, sich lieben und sich heiraten und sich dann weiter lieben. Das Gefühl, welches die alten Dichter geschaffen hatten, ging gegen die Ehe, denn es richtete sich auf die verheiratete Frau, wobei ich dahingestellt lasse, wie weit es aus einem Übereinkommen entstanden war, indem der Diener seine schuldige Verehrung so ausdrückte, als sei er verliebt: wenn man Stroh an Feuer legt, so brennt es, und viele Erscheinungen des Lebens haben mit ihrem Ursprung nichts mehr gemein. Das Gefühl ging ursprünglich gegen die Ehe. Nun wurde es so aufgefaßt, daß es die Ehe heiligte, daß eine Ehe ohne dieses Gefühl nicht hochgeschätzt wurde.

Ein großer Denker, der noch nicht vor einem Menschenalter gestorben ist, hat sich viel mit dem Umlügen der Gefühle beschäftigt. Er hat die Aufgabe gesehen, wenn auch nicht in ihrem ganzen Umfange. Aber er hat sie, glaube ich, nicht richtig gelöst. Die Dinge sind viel verwickelter, als er denkt. Vielleicht darf man sagen, daß diesen Lügen meistens der Lebenswille der Menge zugrunde liegt, die sich gegen den bedeutenden Einzelnen erhalten will, denn der ist wohl immer eigentlich ein Zerstörer. Dieser Lebenswille aber ist nötig, denn die Menge ist nötig, denn ohne sie gäbe es ja den Einzelnen nicht, der ja nun eben der Zweck der Menge ist, denn er ist Gottes Sohn. Deshalb, weil er Gottes Sohn ist, faßt er ja das Leben als einen Gang zum Tode auf. Das ist das letzte Geheimnis des Christentums, das freilich von der christlichen Menge nicht verstanden werden kann, die annimmt, daß Christus ihretwegen gestorben ist.

Jene Ehe, die man im ausgesprochenen Sinn die bürgerliche nannte, wo man glaubte, daß auf Grund des Gefühls, das Guillem und Sermonden einte, eine standesamtliche Eintragung erfolgte, scheint sich nun heute aufzulösen. -- Was kommt, weiß niemand.

Aber sie hat das Ergebnis gehabt, daß in seltenen Fällen sich zwei Menschen beiderlei Geschlechts fanden, die ganz eins wurden. Das ist ein großes Wunder. Wem es geschieht, der erlebt ein Glück, das nicht auszusprechen ist.

Das Glück aber ist zeitlos. Ob es eine Sekunde lang gefühlt wurde oder ein ganzes Leben lang, das macht keinen Unterschied. Nun will ich noch eine Troubadourgeschichte erzählen, die letzte, die ich erzählen werde.«

Der Dichter begann:

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