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Die Troubadourgeschichten

Paul Ernst: Die Troubadourgeschichten - Kapitel 1
Quellenangabe
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typelegend
authorPaul Ernst
titleDie Troubadourgeschichten
publisherAlbert Langen-Georg Müller Verlag G. m. b. H.
illustratorErnst von Dombrowski
year1940
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An einem Flüßchen, das mit klarem Wasser sich in Windungen zwischen schlanken Erlen, durch eine fruchtbare Ebene hinzog, lag ein kleines sauberes Dorf. Wo dessen letzte Häuser standen, da zog sich eine mäßig hohe buchenbewachsene Berglehne hin; über die Bäume erhoben sich die Dächer eines Schlosses, das in halber Höhe vor Jahrhunderten erbaut war. In dem Dorf hatte für einige Wochen ein Herr von etwa sechzig Jahren Aufenthalt genommen, von dem die Leute im Dorf sich erzählten, daß er ein berühmter Mann war und Bücher für den Druck schrieb. Er war ein Dichter.

Wenn die Wirtin ihm das Mittagessen in dem hellen und freundlichen Gastzimmer hergerichtet hatte, dann setzte sie sich wohl auf einen Stuhl zur Seite des Eßtisches, spielte mit dem Schlüsselbund und begann ein Gespräch. Sie sprach vom Weltkrieg, und wie da viele Leute aus dem Dorf gefallen waren, gerade die Besten, und sprach davon, wie manche sich damals ungerecht bereichert hatten, und dann kam die Revolution und die Geldentwertung, und der üble Reichtum ging wieder verloren, aber auch manche gute Leute kamen ins Unglück, und nun wurden die Zeiten immer schlimmer. Da seufzte sie wohl, wischte sich auch einmal eine unbegründete Träne aus den Augen, denn sie selber hatte ja eigentlich nicht zu klagen, gottlob! Das hatte sie nicht. Und so erzählte sie denn auch von dem Fräulein auf dem Schloß, von der jungen Gräfin, die lebte nun ganz allein in den großen Räumen, ihr Vater war ja in der Revolution umgekommen, auf so schreckliche Weise, das hatte man ja doch in der Zeitung gelesen, und die Mutter war schon lange tot, und Geschwister waren nicht. Richtig menschenscheu war das Fräulein, aber gut war sie dabei, überhaupt war die Herrschaft immer gut gewesen. Die volle und gesunde Frau strich sich wohl die Schürze glatt, faltete die Hände, legte den einen Ellbogen halb auf den Tisch und seufzte: Jeder hatte eben sein Leid, das Leid verschonte niemanden, und das hatte die neue Zeit auch nicht ändern können, wennschon man ja freilich im Geschäft nicht klagen konnte, Gott sei Dank, denn es kamen mehr Fremde im Sommer wie früher, denn warum? Hier war es noch billig, hier war man mit einem bescheidenen Gewinn zufrieden und gab sich Mühe, daß man es dem Gast behaglich machte, hier war es nicht, wie in den teuren Sommerfrischen, wo alles nur darauf aus war, zu verdienen. Der Dichter ging viel in der freundlichen Umgebung des Dörfchens spazieren: auf den Wegen zwischen den Feldern, wo es blau und rot zwischen dem gelben Korn blühte, auf der fast unbefahrenen Landstraße unter den breitästigen Obstbäumen an der Seite; er ging auch oft in den Wald, auf Wegen, welche für die Holzfuhren gerichtet waren und auf schmalen Wegen, welche zu einzeln verstreuten Gehöften führten. Er war ein stattlicher Mann. Haar und Bart waren weiß und voll, das Gesicht war bräunlich gesund.

An einem Vormittag ging er durch den Wald auf einem schmalen, halbverwachsenen Pfad. Er ging, die Hände auf dem Rücken, vor sich hinsehend, und es huschte ihm durch den Geist ein Gedicht, das er sich mühte, zu fassen. Plötzlich stand unerwartet die junge Gräfin vor ihm; er sah auf, da stand sie erschrocken. Er wollte grüßend den Hut abnehmen, da hörte er einen leisen Schrei und sah das junge Mädchen schwanken. Schnell sprang er zu und fing sie auf, sie hatte sich den Fuß vertreten.

Nun hielt er sie. »Ich kann nicht gehen«, sagte sie. »Ich kenne Sie, ich habe alle Ihre Bücher gelesen, alle Ihre Bücher«, fuhr sie nervös fort. »Sie wissen, ich wohne dort oben«, sagte sie. Er unterbrach sie: »Legen Sie den Arm auf meine Schulter, stützen Sie sich auf mich, ich führe Sie; es sind nur wenige Minuten zu Ihrem Schloß.« Sie nickte und preßte die Lippen zusammen. So führte der Dichter sie langsam nach ihrem Hause.

Dort kamen schnell Leute ihnen entgegen, er führte das junge Mädchen weiter, und sie ließ sich führen. Im Haus wurde sie auf einen Liegestuhl gebettet, es wurde nach dem Arzt gerufen. Der Dichter kam in das Zimmer zu der Liegenden und wollte sich verabschieden. Sie errötete, dann deutete sie auf einen Stuhl. »Ich bitte Sie, bleiben Sie. Es wird nur eine Sehnenzerrung sein, wahrscheinlich wurde die sich von selber geben, wir sind nur so vorsichtig heutzutage, wir sind so bürgerlich.« Sie lachte, etwas gezwungen. »Ich freue mich sehr, daß Sie da sitzen. Ich habe alle Ihre Bücher gelesen. Ich wußte, daß Sie im Dorf wohnen. Ich wollte Ihnen begegnen.«

Nun kam es, daß der Dichter die junge Gräfin jeden Tag besuchte. Die beiden saßen in der Hauslaube, das junge Mädchen bediente zierlich und freundlich ihren Gast, sie goß ihm den Tee ein und reichte ihm die Tasse. »Das war der größte Wunsch meines Lebens, daß ich Sie einmal sehen dürfte«, sagte sie; »nun sitzen Sie da mir gegenüber. Sie haben mich erzogen. Ich war kaum aus den Kinderjahren heraus, da bekam ich Ihr erstes Buch in die Hand. Da habe ich gleich alles gelesen, alles habe ich gelesen. Nun darf ich zu Ihnen sprechen.« Sie lachte. »Ich habe mir oft gesagt, wie schön es wäre, wenn ich zu Ihnen sprechen dürfte. Aber nun schwatze ich bloß. Ich weiß gar nicht mehr, was ich Ihnen sagen wollte. Vielleicht habe ich es überhaupt nie gewußt.«

An einem Tage, als der Dichter die Diele seines Gasthofes überquerte und den Anzug trug, in welchem er seine Gänge machte, hörte er, wie die Wirtin in der Küche zu dem Mädchen sagte: »Da geht der Alte wieder aufs Schloß zu der Gräfin auf die Freite.«

Er errötete, dann biß er sich auf die Lippen und ging schnell aus dem Haus. Er wußte ja wohl, wie solche Leute denken und sprechen und hatte das freundschaftliche Geschwätz der Wirtin, wenn sie an seinem Tische saß, nie besonders beachtet. Er wußte, daß diese Leute annehmen, dergleichen Freundlichkeit, wie sie sie verstehen, gehört zu ihrem Geschäft. Aber wenn nun plötzlich die wahre Meinung dieser Leute in ihrer richtigen Ausdrucksweise, die sie nur unter sich anwenden, zum Vorschein kommt, so verstimmt das doch, ja es kann auf das Tiefste verletzen, denn es wird die hoffnungslose Einsamkeit deutlich, in welcher sich jeder Mensch höherer Art befindet. Denn es ist wohl so, daß nicht nur eine Gastwirtin einem solchen Mann nach dem Munde redet und nachher dieselbe ist wie vorher; auch alle andern Menschen tun das, und so suchen sie ihn in eine Wolke von Lügen einzuhüllen.

Die Gräfin kam ihm im Park entgegen und führte ihn in eine Laube, in welcher alles für den Besuch hergerichtet war. Es war die Zeit der Rosenblüte. Das weitläufige Schloß war mit Kletterrosen bewachsen, die bis zu den oberen Fenstern gingen und tausend und abertausend weiße Blüten herniedersinken ließen. Ein Platz vor dem Schloß war mit Hunderten von hochstämmigen Rosen bepflanzt, der Duft der Rosen hatte die ganze Luft eingenommen. Die Laube war am Rand der Terrasse errichtet. Durch Rosen sah man über die fruchtbare Ebene hinweg auf den gegenüberliegenden Bergzug.

Sie hatte wohl gespürt, was der Freund dachte. Denn ehe er etwas gesagt hatte, sprach sie, als ob sie mit ihm schon in einem Gespräch wäre: »Ja, wir sind wohl einsam, ich habe das schon als Kind eingesehen. Als die Revolution war, da kam mein Vater auf das Schloß des Königs. Er stellte sich vor seine Tür, als der Pöbel die Treppe heraufstürmte. Mein Vater wurde umgeworfen und zertreten. Man brachte ihn mir sterbend in unser Haus. Als der Pöbel in das Zimmer drang, da war das leer. Der König war geflohen, mein Vater hatte ein leeres Zimmer bewacht.«

Sie barg das Gesicht in beide Hände, dann fuhr sie fort: »Mein Vater sprach zu mir: ›Wenn ich nicht dich allein ließe in dieser schlechten Zeit, dann würde ich gern sterben. Ich gehöre nicht in diese Welt, ich habe nie in sie gehört. Was kann ein König tun, wenn der Pöbel Aufruhr begeht? Wenn kein Mensch mehr treu ist, so kann er auf seinem Thron sterben. Ich habe ja gewußt, daß er fliehen wird, um das ehrlose Leben eines fortgejagten Herrn zu führen. Ich bin ein Diener. Was kann ich tun! Ich konnte ja nicht anders, als daß ich so tat, als ob mein König wirklich ein König wäre, der auf seinem Thron stirbt. Ich habe mein ganzes Leben ja nur immer so getan, als ob das wirklich wäre, was ich glauben mußte, weil ich nun ein Mensch bin, der das glauben mußte.‹«

Das Mädchen sprach, und ihre Augen blitzten. »Ja, mein Vater war ein Edelmann. Er war ein Diener, der einen Herrn haben mußte, und weil sein König kein Herr war, deshalb tat er so, als ob er einer sei. Aber ich kann auch diese Lüge der Verzweiflung nicht mehr leben. Ich kann nicht mehr so tun, als ob es über mir Menschen gibt, denen ich dienen muß, weil sie über mir sind.«

Der Dichter sprach: »Nun bin ich so alt, vor langen Jahren war ich jung. Mein Vater war ein Taglöhner in einer armen Hütte und war ein guter Mann. Ich war ein Knabe und hütete den Bauern das Vieh, dabei dachte ich mir Gedichte aus und sang sie mir vor. Da sagte mein Vater: ›Du kannst nicht hier bleiben, du mußt in die Stadt gehen.‹ Er gab mir alles Geld, das er hatte, das waren ein paar Silberstücke, ich machte ein Bündel aus meinen guten Kleidern, meine Schuhe band ich an einen Stock und trug sie auf dem Rücken, und so wanderte ich in die Stadt. Da bin ich durch das Leben gegangen wie ein Schlafwandler, und wenn meine Augen einmal gesehen hätten, wo ich ging, dann wäre ich vielleicht in einen Abgrund gestürzt.

Einmal machte ich eine weite Reise an die Südküste von Frankreich. Dort hat einmal ein Volk von Dichtern gewohnt, das nun verschwunden ist. Es wohnte auf Burgen und in Schlössern. Nun ist da verbranntes Land, Dorngestrüpp und Stein. Das Meer spült warm und blau an flache Ufer, hinter denen sich Felsen und Berge erheben. Eine Insel liegt da, an die schlagen die Wellen blau mit weißen Köpfen; heute ist sie ganz von Dornen überwuchert, nicht einmal ein Hirt kann da Schafe führen. Damals aber, als jenes Volk noch lebte, stand ein Kloster auf der Insel.

In diesem Kloster lebte ein Mönch, der ein Ritter und Dichter gewesen war in seinen jungen Jahren. Nun war er aber alt und hatte eine kleine Zelle, und aus seinem Fenster konnte er über das unendliche und ewig unruhige Meer sehen. Der dachte an seine Jugend und an die andern Dichter, die er gekannt, die seine Freunde gewesen waren, und es fiel ihm auf, wie merkwürdig deren Leben gewesen war; sie waren Menschen gewesen, und ihr Leben war so gewesen, daß man fast alle Möglichkeiten des Menschenlebens erschöpft hatte, wenn man ihrer aller Leben durchging, weil eben jeder ein Mensch gewesen und das Leben eines Menschen geführt hatte, nicht, wie die Leute gegenwärtig leben, welche nur das gleichgültige Leben des Pöbels führen, der nicht weiß, wozu wir auf der Welt sind.

Dieser Mönch schrieb nun die Lebensgeschichten der Dichter auf in seiner Sprache. Und dann kam die Zeit, wo das Volk ausstarb, wie jedes Volk einmal ausstirbt, und es blieben nur noch die Knechte der Leute übrig, die ja immer übrig bleiben, wenn ein Volk stirbt, und seine Sprache wurde vergessen, weil sie nur noch von knechtischen Leuten gesprochen wurde. Da war ein französischer Gelehrter in späteren Jahrhunderten, der lernte die Sprache und bekam die Handschrift in die Hand und teilte seinen Landsleuten daraus mit. Nur wenige verstanden das Mitgeteilte, aber an die kam es denn nun wenigstens, und dann kam noch ein späterer französischer Gelehrter, und dann ein Deutscher, und andere Deutsche und Italiener, immer nur Gelehrte; denn in barbarischen Zeiten wie die sind, in welchen wir seit Jahrhunderten leben, müssen ja die Gelehrten das Schöne und Gute aufbewahren, wie Museumsbeamte Glasschränke bewachen, zu denen sie allein die Schlüssel haben. Sie können es eben nur aufbewahren, weil sie nur Gelehrte sind, die freilich in solchen Zeiten wohl die Besten sein mögen, aber sie können es nicht mehr leben, sondern sie sitzen in ihren geheizten Stuben und schreiben.

Aus diesem Buch des alten Mönchs nun will ich eine Geschichte erzählen.«

So erzählte der Dichter die folgende Geschichte:

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