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Die Troika

Jakob Julius David: Die Troika - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Troika
pages119-175
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wir sind diesen Winter sehr viel zusammen gewesen. Nach jeder Vorstellung und sehr lang. Er hatte seine Flasche Bordeaux vor sich, und ich mußte geigen, oft, bis uns der Morgen in die Fenster geschienen hat. Er hörte zu und trank – denn er blieb immer mäßig, wenn ihm der Rausch nicht Bedürfnis war, bei großen Verstimmungen vielleicht – sehr bedächtig, und er war ganz Gefühl, und alle Gedanken und Besorgnisse in ihm haben geschwiegen. Ich habe, sah ich auf sein Gesicht oder seinen Ausdruck oder auf seinen nickenden Kopf, damals für Empfindung und wahrhafte Musik mehr gelernt als bei allen meinen Meistern und habe den Segen der Musik so recht tief und dankbar begriffen.

Es war ganz besonders eine Rolle, vor der sich mein Vater gefürchtet hat. Das war ähnlich, wie sich bei nervösen Menschen manchmal eine grundlose, aber vollkommen unbezwingliche Angst vor einem bestimmten Platz entwickelt, und zwar meist vor einem, über den sie oft gehen müssen. Da ist ihnen, als stünde in jedem Haustor ein Mörder, und in ihrem Rücken stünde einer mit der Büchse im Anschlag. Das Gefühl wird immer ärger, bis gerade auf dem Platz wirklich etwas geschieht. Und er konnte auch diese Rolle nicht vermeiden. Das wäre ihm wie Verzicht auf seine ganze Meisterschaft vorgekommen. Denn es war seine größte Rolle – der Mephisto.

Er hat sie nach seiner Art verstanden wie keiner. Nämlich, hat er gesagt, Mephisto ist doch kein dummer Teufel, der sich ohne Grund in Geschäfte einläßt, bei denen für ihn nichts zu holen ist als Plage und Blamage am Schluß. Er darf nicht meinen, der Kampf zwischen ihm und Gott sei entschieden für immer. Damals ist er unterlegen; aber der zahlende Tag kann bald kommen. Er muß sich somit für zwar augenblicklich schwächer, aber für viel gewitzter halten, als sein alter Widersacher ist, darf durchaus nicht an Gottes Allwissenheit glauben. Sonst ist die ganze Tragödie ein Unsinn und die Wette um Fausts Unsterbliches schon gar. Und Gott mißbraucht seine Überlegenheit in einer durchaus nicht zu billigenden Weise. Und dann ist Mephisto auch ein Elementargeist. Er wird also nicht einen Augenblick sein wie den andern, sondern immer bedingt von seiner Umgebung, gewissermaßen gefärbt von ihr wie das Meer, das allerdings immer gefärbt erscheint, aber immer und überall in andern Tinten aufleuchtet.

Die Rolle haben sie nun begreiflicherweise immer und überall von ihm begehrt. Sie hat ihn sehr angestrengt in ihren ewigen Sprüngen der Gedanken wie der Stimmung. Er hat sie unablässig überprüfen und nachlernen müssen, und immer hat er sich gefürchtet, sie könne ihm entgleiten, der Königsmantel ihm verloren gehen, den er sich selber um die Schultern geschlagen hatte. Es war sein Stolz und sein Ruhmestitel in seinen eigenen Augen, daß er den Faust ins Volk getragen hatte. Und mit seiner ganzen Zähigkeit, mit der er alle Hindernisse, ihm von der Natur selber in seinen Weg hineingeschmissen, überwunden, mit seiner wilden Leidenschaftlichkeit, ordentlich ingrimmig und mit knirschenden Zähnen verbiß er sich desto mehr in den Mephisto, je schwieriger er ihm geworden ist. Vordem hatte er sich in der Rolle gespart. Nun, wo es nur irgend gegangen ist, hat er ihn gegeben. Und zwar mit Vorliebe zu Beginn und am Ausgang eines längeren Gastspiels. Er hat, um gleich in der Stimmung zu sein, schon zu Hause Maske gemacht, alle Register seiner Stimme geprüft, ist den ganzen Tag in Maske geblieben, und wenn er zufällig jemand, ein dummes Stubenmädel oder eine ängstliche Frau, auf dem Hotelgange damit geschreckt hat, so hat er gelacht – ein heiseres, hämisches, böses Lachen aus seiner Rolle, das mir freilich so wenig wie solche Scherze gefallen hat.

Es ist in Darmstadt gewesen. An einem Faust-Abend. Und ich horche verwundert. Er spielt freilich alles wie sonst, aber es klingt anders. Er lispelt. Er stößt Konsonanten vor. Und da kommen manchmal gepreßte Gaumenlaute, und die Vokale sind anders gefärbt. So spricht doch kein Deutscher! Und die Zunge ist schwer und überhastet sich manchmal in den Läufen seiner Rede. Und es fällt mir aufs Herz: das eine Pferd lahmt – das in der Troika.

Ich habe ihn den Abend nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich muß ein wenig Luft schöpfen danach, obzwar niemand im ganzen Hause außer mir etwas merkt und der Jubel ist wie nur je. Er läßt sie unerhört lange pochen und klatschen, ehe er mit einem argwöhnischen und lauernden Gesicht erscheint. Sie nehmen das als aus seiner Rolle und werden nur noch toller begeistert. Zu Hause war er bereits zu Bett. Den nächsten Tag aber, wie die Zeitungen kommen, tritt er mit hastigen Schritten auf mich zu, reißt sie mir aus der Hand, überfliegt sie mit finsteren Brauen, wirft sie aufatmend hin und verläßt ohne Gruß oder Wort die Stube. Nur von der Schwelle aus nickt er mir zu, den Finger am Mund und rückwärtsschreitend.

Dann gehen wir nach Hamburg. Dort haben sie ihn grenzenlos verehrt. Denn sie wissen sich was damit, daß sie eigentlich in Deutschland die älteste Theaterstadt sind. Er beginnt natürlich mit Mephisto. Es geht vortrefflich. Nur daß er, wie um sich zu spornen, um einen guten Ton schärfer einsetzt wie sonst, um so wenig spitziger und schneidender, daß nur eben ich es merken kann. Das macht nichts. Vor einem Graben nimmt man eben einen Anlauf, obzwar es freilich besser ist, man setzt mühelos und mit gleichen Füßen darüber.

Aber – er schließt nach den vierzehn Tagen, die er Zeit für Hamburg hatte, auch damit. Und nun bin ich stutzig. Denn es kommt die Szene in der Hexenküche, sonst gewissermaßen sein Gipfelpunkt. Alle seine Gaben hat er in ihr gezeigt. Dämonischer Humor, eine grenzenlose Frechheit, ein Übermut, der, weil er keine Welt erschaffen kann, sie mindestens zertrümmern möchte, ein zischender Hohn sondergleichen, höllisches, also parodistisches Pathos – und dennoch gebändigt und gemäßigt alles durch das eiserne Band des Maßes. Das fehlt den Abend, und die Rolle zerbröckelt in gewissem Sinne. Es zucken grelle Lichter über die Gestalt. Aber Lichter, die nicht er angesteckt hat, die nicht mehr erhellen, die mir einen furchtbaren Brand verkündigen. Ich bin sehr niedergeschlagen. Und sie merken etwas, die ihn zu feiern gekommen waren, und es ist nicht mehr die Stimmung im Haus wie sonst. Man ist befremdet, und erst später, in der Szene in Marthes Garten, ist alles, wie es sein soll. Es weht wieder zwingend von der Bühne zu dem Hörer, und er ist mit allen Ehren von Hamburg geschieden.

›Wladimir – das war Nummer zwei‹, sagte er mir den Abend. Ich habe nicht den Mut zu einer Lüge, senke den Kopf und schweige verstört von dem, was ich sich nähern fühle. Sein Temperament, das er für die Bühne völlig bezwungen glaubte, war ihm durchgegangen...

So sind wir denn, ohne Station zu machen, nach Berlin zurückgekehrt. Er hat nichts von der Hamburger Sache gesprochen, obzwar sie an ihm gefressen hat. Nur sehr niedergeschlagen war er eine Zeit. Mit einem Entschluß kämpft er, und ich weiß doch, dieser Entschluß ist unmöglich bei einem Menschen von der Gesinnung meines Vaters, ganz abgesehen davon, daß die Absage des Berliner Gastspieles ein kleines Vermögen gekostet hätte. Nach einem letzten, großen Triumphe kann er der Bühne entsagen, nicht nach einer Niederlage. Und so wünsche ich denn einen großen Sieg und hoffe doch kaum mehr darauf.

Er ist ungemein teilnehmend zu mir. Seine ganze Liebenswürdigkeit entfaltet er. Er frägt mich um meine Sache und macht Pläne für die Zukunft. Nach Italien will er durchaus mit uns, und dann nach Paris, den Franzosen auch einmal zeigen, wie man in Deutschland Komödie spielt. Schreibe ich nach Wien, so muß ich einen Gruß von ihm beisetzen, oder er wirft gar mit ein Wort aufs Papier. Das freut mich und ist mir wieder recht unangenehm. Denn weil ich nie weiß, ob er nicht wird einen Brief sehen wollen, so muß ich doppelte Korrespondenz führen. An seine Rollen aber denkt er nicht. Er studiert nichts, er wiederholt nichts. Das beunruhigt mich einigermaßen, obzwar es mich auch im Grunde meines Herzens freut. Denn vielleicht gerade, wenn er an nichts denkt, überwindet er die Gefahr, die doch wohl stark nur in seiner Furcht vor ihr und in seiner Einbildung besteht.

Und so gehen die Tage. Er spielt nach seinem grandiosen Richard dem Dritten leichtes Geschütz, Rollen, die ihn gar nicht anstrengen, die er im Schlaf kann. Er ist frisch und angeregt.

Es kommt der Faust. Ich renne den Tag in der Stadt herum.

Ein überfülltes Haus. Jene Andacht in den Leuten, wie sie nur der Faust weckt, weil sie wissen, nun wird an jedes Geheimnis in ihnen gerührt werden, und so ein Abend bedeutet eigentlich eine Weihe. Nur ich sitze da in einer unerhörten Bangigkeit, und meine Zähne knirschen...

Es geht. Geht ganz nach Wunsch. Freilich – manchmal stutzt er und besinnt sich. Das nehmen sie noch für Nuance. Aber es geht immer weiter; die Flut trägt ihn, und es kommt in die Menschen jene Stimmung, die nur die Gelegenheit wünscht, damit sie losbrechen können. Und ich weiß: ist nur einmal der erste elementare Beifall um ihn geklungen, so ist die Entscheidungsschlacht gewonnen. Die Schülerszene bringt ihn nicht. Auch Auerbachs Keller noch nicht ganz. Es ist etwas Frostiges da, von dem ich nicht ahne, woher es kommt. Sie zaudern eben nach Berliner Art, und der Abend wird mir gar zu lange, der ich weiß, mit was für Ahnungen der Mann auf der Bühne steht und spielt...

Der Vorhang hebt sich wieder. Die Hexenküche. Mein Vater kommt mit Faust. Mühselig kommt er. Er spricht – es ist nicht seine Stimme. Er stottert in der Erregung. Es ist ein Stutzen auf der Bühne. Er hebt den Arm zu seiner herrischen Gebärde und sägt damit leer in der Luft herum. Er schneidet eine gräßliche Fratze. Sieht sich um mit einem ganz verlorenen Blick und ächzt – öffnet den Mund, und kein Ton dringt vor, und er sieht sich um und hebt wieder an, und wieder kein Laut...

Das dauert...! Und ich sitze da mit entsetzten Augen und presse die Hand an den Mund.

Der Vorhang fällt, und ich weiß es – er ist zum letztenmal gefallen für Wladimir Pozniánsky.

Es ist wie Panik im Hause. Ein schwarzgekleideter Herr, blaß wie ein Gespenst, kommt vor und stottert etwas Unmögliches. Ich stürze auf die Bühne. Hinter mir Tumult der Aufbrechenden und wirre Ausrufe des Entsetzens und Erstaunens.

Eine große Verstörung auf der Bühne. Er sitzt in einem Lehnstuhl hinter den Kulissen – brütend, verfallen. In seiner dämonischen Maske. Das rote Mäntelchen über der Brust, die man heftig arbeiten sieht, zerrissen in seiner Aufregung; der Hut mit der frechen Hahnenfeder tief in der Stirn. Und er sieht um sich mit einem wilden und wieder ängstlichen Blick, erkennt mich nicht, fährt auf, und gurgelnd mit einem unerhörten, gräßlichen Ton stöhnt, ächzt er hervor: ›Aufziehen, aufziehen! Ich will weiterspielen!‹

Der Ton! Es überläuft uns alle. Und inmitten meiner großen Bekümmernis muß ich mir denken: Der Ton! Wenn er den einmal auf der Bühne anschlüge! Das gäbe einen unerhörten Effekt. Ich schäme mich des Gedankens. Aber er ist nun einmal da...

Sein Ende kennen Sie. Ich selber habe ihn nach dem traurigen Hause gebracht, wo er noch lange Jahre gelebt hat, ohne zu rechtem Bewußtsein mehr zu kommen. Gesehen habe ich ihn nicht mehr. Ich hätte den Anblick nicht ertragen können. Die Mutter bestand ohne jede Rücksicht auf ihrem Vermögensanteil – es war Gütergemeinschaft bedungen gewesen, und sein Unglück stimmte sie nicht milder, die darin wohl nur eine verdiente Strafe sah. Sie ist dadurch nur noch frömmer geworden und hat alles an milde Stiftungen gegeben. Für ihn aber mußte doch auch gesorgt sein, so daß ihm dort, wo er war, nichts von der Bequemlichkeit und der Pflege gebreche, auf die er Anspruch machen konnte. Für mich ist also wenig geblieben. Eben so viel, daß ich als Einsamer bescheiden davon leben konnte.

An einen Erwerb habe ich nicht gedacht. Ich war auch nicht dafür erzogen. An ein Glück habe ich nicht mehr geglaubt seit seinem Ausgang, den das Glück so lange gehoben und getragen. An meine Fähigkeiten nicht – ich hatte den reichsten Geist, der mir je begegnet, zerstört im Gedächtnis. Ich habe ihr das alles geschrieben und auseinandergesetzt und keine Antwort von ihr mehr erhalten. Nur einmal schrieben mir ihre Eltern, eine weitere Verbindung zwischen uns hätte doch keinen Zweck, und sie bäten im Interesse ihrer Tochter, ich möchte nicht mehr rühren ans Vergangene. Sie mag mich für feig gehalten haben, daß ich nicht einmal den Versuch mehr machte, für unser Glück zu kämpfen. Mag sie's! Ich hab's nicht mehr können. Wie mich das zerstört hatte, was ich uns so lange in Schlangenringen nachschleichen sah, ehe es uns in seinen schrecklichen Ringen erdrückte, das kann sie nicht geahnt haben. Ich hoffe, sie hat mich nach ihrer gesunden Art bald und völlig vergessen.

Ich bin zunächst auf Reisen gegangen. Denn es war eine große Unruhe in mir, ich war immer vor etwas auf der Flucht. Alsdann habe ich mich mit gebesserter Gesundheit, die durch die Ereignisse jener Zeit angegriffen war, hier für die Dauer niedergelassen. Hier kommt man sich mindestens niemals überflüssig vor, kann mit Wenigem anständig und behaglich leben, und man ist nicht im Widerspruch zum Genius loci, wenn man die Trümmer in sich immer und immer wieder betrachtet. Eine moderne Stadt wäre mir schrecklich.«

Er sah nach der Uhr. »Es ist Zeit zur Bahn.«

Wir traten ins Freie. Fontana Trevi rauschte gewaltig. Über ihre Wirbel warf das elektrische Licht, streitend mit dem gleich blassen und fast gleich hellen Licht des vollen Mondes, seinen fahlen, zuckenden Schimmer, der manchmal geisterhaft wie aus dem tiefen Grund vorzuzüngeln schien. Mit gesponnenem Glas schienen die massigen Felsblöcke überglänzt. Ernsthaft und finster sahen die Statuen in dies leuchtende Spiel, und Roms Zauber rührte noch einmal an meine Seele. Mein Soldo klatschte ins Wasser. Unsere Hände fanden sich inniger als sonst zum letztenmal, und während ich mich der Bahn zuwendete, verschwand er mit langen und unhörbaren Schritten in der Dunkelheit, als wär' er ein Teil davon.

Ich muß seiner oftmals gedenken. Noch öfter freilich wird mir, als hörte ich die Troika. Harmonisch klingen die munteren Schellen im Dreiklang. Eine weite, weite Ebene. Nichts hemmt das Vorwärtsjagen der Rosse. Sie schnauben mächtig. Der Wind pfeift, und sie atmen ihn aus mit dampfenden Nüstern, mit ihm in die Wette eilend. Geheime Abgründe, verhohlen vom trügerischen Mondlicht, zuseiten, querüber der Fahrbahn. Und so stürmt das Gespann dahin und durch meine Seele – einem unbegriffenen Ziele zu, in die Dunkelheit, die die Troika und den Lenker geheimnisvoll verschlingt.

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