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Die Troika

Jakob Julius David: Die Troika - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Troika
pages119-175
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Erfolg des Gastspiels übertraf alle Begriffe und Erwartungen, es mußte verlängert werden. Nicht einmal für teures Geld ein Platz im Hause. Sie können sich denken, mir war's ganz recht, daß wir blieben. Denn den nächsten Tag hatte sich Fräulein Marie Klemperer in einem sehr artigen und an Wladimir Pozniánsky junior adressierten Brief für die Aufmerksamkeit und die große Freude bedankt, die ich ihr bereitet hätte. Und das übernächste Mal habe ich ihr einen Ecksitz geschickt, und wie sie an mir vorbeigeht – denn ich war natürlich zeitig im Theater – so grüße ich, und sie verneigt sich förmlich genug, aber mit einem gewissen Lachen in den Augen, und ich muß mich bei mir wundern und kann es kaum glauben, daß ich dasselbe Mädchen vor mir so ganz fassungslos gesehen habe. Und einmal stellt man sich der Mutter, mit der sie gekommen ist, vor und wird als Freudenspender natürlich freundlich aufgenommen, und einmal, ganz zufällig, trifft man sich in der Praterstraße und bummelt zusammen, und sie hat gar keine Furcht vor mir, und ein andres Mal, diesmal nicht mehr ganz zufällig, begegnet man sich auf dem Minoritenplatz und geht in die Kirche, in der doch gar nie ein Mensch ist...

Wissen Sie, mir war die Sache ganz was Neues. Und ihr auch, und erst recht. Sie war aus gutem Haus. Aber schrecklich nüchtern und sparsam waren ihre Leute. Deutschböhmen, in sehr anständigen Vermögensverhältnissen, die eigentlich nur fürs Geschäft gelebt haben. Vor der Bildung haben sie einen großen Respekt gehabt, somit auch vor dem Theater, weil das dazu gehört. Aber es mußte so billig sein wie nur möglich, zum Beispiel kurze Stücke, wegen des lieben Sperrgeldes. Und sie war so garnicht so. Munter, vergnügt und dennoch eine Enthusiastin. Aber von der gewissen braven Anständigkeit war sie, innerlich brav und rein, daß man nichts Unsauberes bei ihr dachte, desto minder, je mehr man sie kennen lernt und lieb hat. Wie zwei Kinder waren wir manchmal, die Verstecken spielen, nur nicht in einem Hof, sondern in der großen Stadt. Hat man einmal aus alter Gewohnheit etwas vor ihr geredet, was ihr nicht paßte, so hat sie die Stirn kraus gemacht und einen ordentlich erschreckt angesehen, daß es einem in die Seele ging und man sich über sich ärgerte. Man mußte sich sehr in Acht nehmen bei ihr.

Und endlich – hier war ich endlich selber wer. Nicht wie immer und durch mein Leben nur ein Anhängsel des großen Wladimir Pozniánsky mit ganz demselben Namen. Denn nicht einmal mehr hat sie nach meinem Vater gefragt oder seine Bekanntschaft gefordert. Gewünscht freilich hat sie sich's immer noch. Aber der war der große Künstler, den sie bewundert, und mich hat sie ehrlich gern gehabt.

Ich habe damals schon bei ihnen verkehrt im Hause. Und da hab' ich das Mädel erst recht verstanden. Nämlich, es waren wirklich schreckliche Leut', ihre Leute. Ganz eingetrocknet bei lebendigem Leib, wie die türkischen Zwetschgen, in denen er ein schwunghaftes Geschäft getrieben, und nach denen es auch immer so sehr süß gerochen hat bei ihnen. So eine steife Feierlichkeit in allem und eine gegenseitige Hochachtung, und kein lautes Wort und kein Lachen. Und bei allem, was geschehen ist, hat man den möglichen künftigen Nutzen berechnet. Und Erholung muß sein, weil sonst der Mensch zur Arbeit untauglich wird, aber vernünftig muß sie sein, sonst schadet sie seiner Arbeitsfähigkeit. Und jedes Vergnügen ist nachgerechnet und vorgekaut worden, bis es einem in den Zähnen geklebt hat. Klavier muß sein – ich bitte Sie, die Musik als bildende Erholung! Und Französisch, wenn man's kann, empfiehlt sehr. Für beides war ich sehr zweckdienlich zu gebrauchen. Sonst aber – einmal haben sie die Karten fürs Theater ganz gern genommen, und dann haben sie sich wohl gedacht: noch ein paar Tage und alles ist vorbei. Ich habe meinem Vater gegenüber kein Wort über meinen Verkehr verloren. Er nach seinem Verstand wußte sicherlich, was das bedeutete, und befahl mir eines Abends ganz unerwartet, ich solle ihm das Mädchen zeigen. Von der Bühne herab hat er sie dann beobachtet, was er bei leichten Rollen gern tat, wie um seine volle Freiheit auszuprüfen. Und wie ich dann zu ihm in die Garderobe gekommen bin, so sieht er mich groß an, spitzt vergnügt den Mund und nickt, so recht mit sich und der Welt zufrieden. Und ich kann nicht anders, und ohne daß ich's will, lacht mein ganzes Gesicht, und ich nicke ihm auch mit meiner ganzen Herzlichkeit zu. Dabei haben wir zwei, nämlich das Mädchen und ich, niemals von Liebe gesprochen, und ich hatte ihr damals höchstens einen Kuß auf die Stirn gegeben, aber wir haben uns insgeheim geduzt – ohne jede Abrede ist das ganz von selber gekommen, – und es war uns recht weit um die Brust, wenn wir einander gesehen haben, als müßte das sein und immer so bleiben, aber ohne jede Aufregung und in der guten Überzeugung, das kann niemals schlechter sein, als es nun ist, und wird mit der Zeit immer nur besser werden können. Ich meine, Sie werden verstehen, wie das gewesen ist. Es läßt sich gar nicht glauben, wie hübsch.

Einmal – ich hatte Geld genug, um mir das leisten zu können, verstand überhaupt zu wirtschaften, weil ich doch immer Verantwortlichkeiten hatte – einmal nehme ich also eine Opernloge. Es war ein guter Wagner-Abend, und wir sitzen und horchen und schwelgen. Mitten darin geht die Tür auf. Ich kenne diesen Schritt und sehe mich also dankbar um. Er winkt mir ab. Sie aber spürt, daß wer da ist und wer es sein muß, der sich so still verhält, und sie wird so aus sich heraus rot, erst leise, dann wie sie ihre Neugierde und Befangenheit zugleich bekämpfen will, so wird das Rot immer stärker und glüht ihr bis in den zierlichen Hals hinein, aber sie zwingt sich und wendet keinen Blick von der Bühne. Erst im Zwischenakt wendet sie sich und verneigt sich und sieht ihn an. Ich habe in keinem Auge mehr einen solchen Ausdruck gesehen: so stolz und so innig und so schämig. Mein Vater ladet sich ihre Leute zum Abendessen ein; wir haben zusammen gespeist, und er war ihr gegenüber ritterlich und vornehm und artig, wie nur er es sein konnte, wenn ihm daran gelegen war.

Sie muß ihm sehr gefallen haben, denn er hat von der Zeit an öfters von der Zukunft gesprochen. Niemals direkt. Das war nicht seine Gewohnheit, denn er wollte sich nicht daran erinnern, daß auch er älter werde. Aber er meinte gelegentlich, es müsse sich zu dritt ganz gut reisen. Und man könne sich anderwärts eine neue Wirtschaft einrichten, wo es wärmer und heimeliger als in Dresden. Man werde doch wohl bald nach Wien zurückkommen müssen, und er habe eine Vorliebe für die Wienerinnen, denn sie taugten entweder garnichts, oder sie seien vortrefflich. Ich habe mir jeden Satz gemerkt und recht ausgelegt, den er so hingeworfen hat, hab's aber ihr nicht wieder zugetragen, weil ich mich gefreut habe, ein Geheimnis, das uns beide angegangen hat, für mich allein zu haben, wie um sie einmal überraschen zu können mit einer Tatsache. Und so haben wir denn auch Abschied genommen ohne Rederei und ohne Getue. Aber wie zwei, die nun einmal wissen, sie gehören für immer zusammen, und sie trennen sich wohl, aber auf ein schönes und beständiges Wiedersehen. ›Zum Frühjahr‹ habe ich gesagt, und habe sie zum erstenmal auf den Mund geküßt, und sie hat den Arm um mich gelegt und hat mir den Kuß wiedergegeben, unbefangen und ganz ohne Ziererei. Das hat es überhaupt nicht bei ihr gegeben. Und weil sie ihrer selbst so gewiß war, so war sie auch immer und bei jedem sicher.«

Er verstummte und sah in sein Glas. Ein trüber Bodensatz war darin – das Fäßchen ging zur Neige. Über seiner Stirn lag ein Nachglanz der Jugend; das Mephistophelische war verschwunden, und eine stille Versunkenheit war an ihm. Er war hübsch und gut, wie wohl einmal in den fernen Tagen, da er jenes Herz gewonnen. Nach seiner Brieftasche langte er und tat sie vor sich auf den Tisch. Seine Finger spielten nervös und wie verlangend damit; alsdann mit einem Entschluß verbarg er sie wieder. Er sah nach seiner Uhr und seufzte.

Ich wollte nicht stören. Aber die Pause währte lange und wurde peinlich, bis er wieder anhub: »Also das Ende...

Wir gingen fort. Zunächst nach Breslau. Dann über Weihnachten nach Dresden. Und wenn mir etwas passiert ist, was mich freute oder wovon ich meinte, sie solle es wissen, so hab' ich's ihr geschrieben. Gutes und Schlimmes, wie sich's eben gefügt hat. Regelmäßig ist die Antwort gekommen. Einfach und ehrlich, ohne jede Kunst, aber ich freute mich über jeden Zettel. Und immer war ein Schnörkel da, daß man erkannte, ihr sei vom Grund des Herzens so sehr bang um mich, und sie zähle die Tage bis nach Ostern, das ihr und uns noch so ferne war, und es sei wieder grau und eintönig um sie.

Mein Vater war nicht mehr der alte. Ich weiß nicht, habe ich ihn nun erst mit andern, mit den richtigen Augen angesehen, nun, seitdem ich wußte, ich werde nicht mehr lange ausschließlich für ihn sorgen dürfen? Oder hat sich wirklich erst damals ausgesprochen, was sich schon lange in ihm vorbereitet hat, was er mit seiner großen Kraft des Willens in sich bezwungen hat, wie man Rebellen niederschlägt, bis sie endlich in einer letzten Erhebung ihre Sache gewinnen?

Er hat mir Sorgen gemacht.

Nicht eigentlich auf der Bühne. Da war er immer noch der Meister und tiefer denn je. Aber nachher ist er immer erschöpft und müde gewesen. Und etwas Fahriges ist in ihm gewesen und hat seinen Ausdruck gesucht. Er hatte keine Geduld mehr mit andern, und sein Urteil war schneidend und von oben herunter und hat böses Blut gemacht. Es kam unerwartet und wegwerfend wie ein Peitschenhieb in viele Gesichter. Wenn ich ihm aber zuredete, er solle sich Ruhe gönnen und ausspannen, so hat er mich angeherrscht: ›Was, die Troika in die Remise, und die Pferde laufen lassen?‹, und ich hatte ihm gegenüber niemals Mut und die nötige Entschiedenheit. Er war schon damals krank, und ich hätte entschlossen sein müssen, wie ein Arzt es ist gegenüber seinem Patienten. Er aber hatte sich niemals meistern lassen und war von Kindesbeinen gewohnt, zu gebieten. Und als wollt' er die Stimmen in sich übertönen, die ihn zur Ruhe riefen, so fing er mit Projekten an. Er selber wollte sich seine Truppe bilden, wie sie in Deutschland noch nicht da war. Die Besten und die Ersten in einem Haufen. Denn die Zeit des stehenden Theaters sei vorüber, und man müsse endlich eine Musterbühne schaffen, ein Vorbild für die übrigen, an der man nichts Wertloses spielen dürfe, sondern nur in jeder Gattung das Beste in vollendeter Darstellung, und wo man keine Rücksicht zu nehmen brauche auf das Publikum, weil man immer wieder vor einem neuen Publikum stünde.

Geglaubt hat er selber nicht daran. Denn ein andermal, den Tag bin ich wirklich erschrocken, hat er alle Rollen verbrannt, die er noch studieren wollte, und alle Stücke ohne ein Wort zurückgehen lassen, die man ihm zur Prüfung übergeben hatte. Er habe davon genug. Er habe es nicht nötig, jedes Narren, der sich an ihn mache, Vertrauensmann und Berater zu sein. Und wie ich ihn ganz ohne Fassung ansehe, weil ihm die rastloseste Arbeit doch immer Bedürfnis gewesen ist, so legt er mit seinem großen Gestus die Hand auf meine Schulter: ›Wladimir, mein Sohn, der Kutscher darf einmal müde werden. Und ich wollte, ich könnte ausspannen und wäre zu Hause. Zu Hause...‹ Er wendet sich, und ich war eigentlich froh damit, denn ich hätte nicht mehr an mich halten können, so weh war mir bei dem Ton.

Immer öfter hat er von der Troika gesprochen. Nun stieß sie so sehr. Nun ging sie nach Wunsch. Fast, als wäre das eine fixe Idee geworden bei ihm, als hätten sich seine Gedanken in dieses eine quälende Bild verfangen, als hingen sie an den Strängen dieses Wagens, hilflos und unfähig, sich davon zu befreien. Und die Hatz über Stock und Stein gehe dabei mörderisch weiter. So habe ich mich denn auch immer mehr damit beschäftigt und es langsam ergründet. Denn, was er immer unter den Pferden gemeint, hat er niemals ausgesprochen, und ich mußte so selber hinter ihre wechselnde Bedeutung kommen.

Nämlich der Wagenlenker, der mit eiserner Faust die drei Rosse meistert und in der richtigen Linie erhält, das war sein Wille und sein Verstand, der nicht einen Augenblick nachlassen oder die Zügel verlieren darf. Alle drei müssen sie ihn ohne Erbarmen spüren. Und das eine Roß, das er sich vorgespannt hat, ungebärdig wie ein Füllen und scheu, das war sein ungezügeltes Temperament. Das mußte niedergehalten sein, ihm nicht durchgehen und, wenn es stieg, so nur, damit man erkenne, wie feurig es sei. Das andre aber, das am meisten im Geschirr gehen mußte, das war sein Gedächtnis, dem er gerade bei seiner Art zu arbeiten und zu gestalten Übermenschliches zugemutet hat. Denn sein Repertoire war sehr groß und umfaßte die umfänglichsten und die verschiedensten Rollen. Er anerkannte kein Fach – man könne Komödie spielen, oder man könne es nicht. Alles andre sei daneben gleichgültig. Und nun durfte auf der Bühne nichts um ein Stücklein anders kommen, als er sich's ausgedacht hatte. Das fordert eine niemals ermüdende Selbstüberwachung. Und der dritte Gaul, der gerne stolpert und nicht mehr weiter will, das war seine Zunge. Er war ein Meister der Sprache, und mit ihr allein, wenn er losging, hat er manchmal Wunder vollbracht. Aber das ist ihm sauer geworden, und nur durch viele Mühe hat er es dazu gebracht. Denn er war kein Deutscher und hatte in seiner Heimat schon einen großen Ruf, ehe er deutsch lernte. Und so mußte er fürchten, er falle wieder einmal ins Lispeln oder in den gewissen Singsang der Polen oder ins Vorstoßen einzelner Buchstaben, ließe er sich nur einmal gehen. Und er konnte eine Niederlage nicht heil überstehen...

So fährt man von Stadt zu Stadt. Und es ist eine immer steigende Angst in mir. Nämlich, es steckt mich die Art meines Vaters langsam an. Es kommt der Abend, und er hat den ganzen Tag eine Aufregung bemeistert und seine Furcht vor dem, was dieser Abend bringen kann. Mit allen möglichen Mitteln hat er seine Ahnungen bekämpft. Und es ist ihm dennoch nicht geglückt, nicht völlig geglückt, und seine Beklommenheit macht sich Luft und sucht sich einen Ausweg, gegen wen immer und in welcher Weise immer. Das gibt natürlich Zusammenstöße und Explosionen, über die sich der Mann natürlich später Vorwürfe macht. Und er verträgt nicht das Gefühl, im Unrecht zu sein.

So gibt es endlos und in jedem Sinne Szenen. Auch mit mir, und es gehört viel Liebe dazu, sich in ihn zu finden. Viel Liebe und viel Geduld, und er darf sie nicht einmal bemerken, sonst fühlt er sich krank und bevormundet und geht zechen, nur aus Trotz. Und ich denke mir oftmals: ein Mann ist nicht fähig, diese gewisse Komödie um einen Menschen in meines Vaters Verfassung so zu spielen, wie es sein sollte. Da gehörte ein Weib von der besten Sorte her. Und an solchen Tagen habe ich dann längere Briefe als sonst nach Wien geschrieben. Länger und so voll verschleierter Sorge.

Dabei muß man über jede Eruption eigentlich noch froh sein. Denn nach einem Ausbruch, der manchmal ziemlich ins Geld geschnitten hat und den vorzeitigen Abbruch eines Gastspieles veranlaßte, war er wieder ruhiger und wie befreit von einem Druck, der auf ihm gelegen hatte. Bezwang er sich aber, so war gegen Abend das Fieber besonders schlimm, und es hat hinter den Kulissen gewiß Sturm gesetzt. Dann ist er nicht einmal zu einem Spaziergang zu bringen gewesen. Er will sich nicht auch den Tag über angaffen lassen wie ein Kamel mit Höckern. Auch zu sonst nichts war er zu bringen gewesen, was ihn sonst aufgeheitert hat. Vor seinem Spiegel ist er gestanden und hat seine Rolle geübt, und ich mußte den Atem an mich halten, weil ihn unter Umständen sogar der stören konnte.

Also, es wird endlich Abend, und ich muß ins Theater. Nicht mehr mit der Freude, wie noch vor kurzem – begreiflich. Und man sitzt da, abgemüdet von unbenannten Sorgen, und es ist die mir vertraute Spannung in der Luft, die ich mitfühle. Natürlich. Und in mir ist noch etwas, etwas Schlimmeres. Ein Fieber ist es oder eine atemlose, neugierige Erwartung, gegen die ich mich nicht wehren kann. Die Komödie beginnt, und das verflüchtigt sich, und sie packt mich und reißt mich mit, und ich bin ganz Auge, Aufmerksamkeit, Beobachtung, wie ich es sein muß. Aber sie hat mich nicht allein. Das ist meine Aufgabe, die ich pflichtgemäß erfülle, in der ich lebe, weil ich das seit Jahren gewohnt bin. Aber ich bin nicht mehr ganz hingegeben an sie; denn das andre steckt tiefer, weicht durchaus vor nichts, und es ist da und wartet mit einem grausamen Kitzel, bis es das Seinige bekommen wird, und es hofft und fürchtet etwas Unerhörtes, von dem die andern, diese stumpfe und träge Menge, die mein Vater aufrütteln soll, noch nichts ahnen, und ich habe ganz für mich meine neue und beispiellose Erregung.

Kommt's? Wann kommt's? Wie kommt's? Und wenn der Vorhang endlich unten ist und die Menge zerstreut sich: dieser, umkehrend noch vor dem Ausgang, zu einem letzten Beifallsklatschen, andre stumm, alle erhitzt, befriedigt oder zweifelnd, denn er hat manchmal gerne auf den Widerspruch gespielt – und immer sie allesamt in seinem Bann und beherrscht von seiner Meisterschaft. Denn er ist niemals besser gewesen, als wenn er sich zwingen und bändigen und eigentlich erst freispielen mußte. Niemals gewaltiger als diesen selben Winter, wo ihm die Pferde immer härter in die Hand gingen und ihn immer dorthin zu reißen drohten, wovor es ihm gegraut hat. Denn ich selber habe eigentlich nur noch in diesem Bilde gedacht, und es ist mir Nüchternem manchmal gewesen, als stünde ich hinter ihm auf dem Karren, und wir würden fortgehastet in einer unerhörten und nicht mehr zu dämmenden, in einer ganz außerordentlichen Eile.

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