Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Joseph Conrad >

Die ?Tremolino?

Joseph Conrad: Die ?Tremolino? - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorJoseph Conrad
titleDie ?Tremolino?
translatorErnst Wagner
booktitleDas Joseph Conrad Buch
pages217-240
isbn3100113225
senderhille@abc.de
created20041003
Schließen

Navigation:

V

Unauffällig glitten wir in der Dunkelheit hinaus auf See, und während der ganzen Nacht ging alles gut. Der Wind war böig, und von Süden kam steife Brise auf. Dieser Wind war günstig für unsern Kurs. Ab und zu schlug Dominic ein paarmal die Hände zusammen, als wollte er dieser Darbietung der ›Tremolino‹ Beifall spenden. Die Balancelle flog summend und bebend dahin und tanzte federleicht unter unseren Füßen. Bei Tagesanbruch wies ich Dominic auf ein besonderes Fahrzeug unter den verschiedenen Seglern hin, die in Sichtweite vor dem anwachsenden Sturm dahinliefen. Das Schiff war unter vollen Segeln und sah daher von vorn gewaltig groß aus; wie eine graue Säule stand es unbeweglich genau in unserem Kielwasser.

»Sehen Sie sich den einmal an, Dominic«, sagte ich, »der scheint es eilig zu haben.«

Der Padrone äußerte sich nicht weiter dazu, zog aber seinen schwarzen Mantel eng um den Körper und stand auf, um sich das Schiff anzuschauen. Sein wettergebräuntes Gesicht, das die Kapuze umrahmte, sah herrisch und herausfordernd aus, seine tiefliegenden Augen spähten starr und unbewegt in die Ferne, wie die aufmerksamen, gnadenlosen, starren Augen eines Seevogels.

»Chi va piano va sano«, bemerkte er schließlich mit einem höhnischen Blick über die Reling, wobei er spöttisch auf unsere eigene ungeheure Fahrt anspielte.

Die ›Tremolino‹ gab ihr Bestes her und schien die mächtigen Gischtstreifen, über die sie hinwegschoß, kaum zu berühren. Ich duckte mich wieder hin, um hinter der niedrigen Verschanzung etwas Schutz zu suchen. Nachdem er über eine halbe Stunde lang in schwankender Reglosigkeit mit konzentrierter, atemloser Wachsamkeit dagestanden hatte, sank Dominic neben mir nieder. Unter seiner Mönchskappe glühten seine Augen so grimmig, daß ich erschrak. Alles, was er sagte, war:

»Er ist wohl herausgekommen, um die frische Farbe von den Rahen abzuwaschen, nehme ich an.«

»Was?« schrie ich und kam auf die Knie. »Ist es das Zollboot?« Die ewige Andeutung eines Lächelns unter Dominics piratenhaftem Schnurrbart schien sich noch stärker auszuprägen – es schimmerte jetzt ganz deutlich und fast sichtbar durch das feuchte, glatte Haar hindurch. Nach diesen Anzeichen zu urteilen, mußte er in rasender Wut sein. Aber ich sah auch, daß er verwirrt war, und diese Entdeckung berührte mich sehr unangenehm. Dominic verwirrt! Eine Zeitlang starrte ich über die Heckreling gelehnt auf die graue Säule, die leicht schwankend und, wie es schien, immer im gleichen Abstand über unserm Kielwasser emporragte.

Indessen saß Dominic mit untergeschlagenen Beinen, den Rücken dem Wind zugekehrt, an Deck, wie ein arabischer Anführer, der in seinem Burnus im Sande sitzt. Über seiner regungslosen Gestalt schwang die kleine Schnur mit der Troddel an der steifen Spitze seiner Kapuze sinnlos im Sturm hin und her. Ich gab es schließlich auf, mich dem Wind und dem Regen preiszugeben, und setzte mich neben ihn hin. Ich war überzeugt, daß der Segler ein Streifenboot war. Am besten sprach man gar nicht darüber, aber als dann bald zwischen zwei Hagelschauern ein Sonnenstrahl auf seine Segel fiel, entdeckten unsere Leute ganz von selbst, was es war. Ich stellte fest, daß sie von diesem Augenblick an weder einander noch irgend etwas sonst zu beachten schienen. Sie konnten weder ihre Augen noch ihre Gedanken von der schlanken Säulenform hinter uns abwenden. Deutlich konnte man jetzt sehen, wie sie hin und her schwankte. Einen Augenblick lang blieb sie strahlend weiß, dann löste sie sich in einer Böe langsam in Nichts auf, nur um dann wieder beinah schwarz zu erscheinen, wie ein Pfahl, der sich aufrecht gegen den schieferfarbenen Hintergrund der geschlossenen Wolkendecke abhob. Aber das Fahrzeug war uns nicht einen Fuß näher gekommen.

»Der kriegt die ›Tremolino‹ nie zu fassen«, sagte ich triumphierend. Dominic sah mich nicht an. Ganz geistesabwesend bemerkte er zutreffend, daß das schwere Wetter unsere Verfolger begünstige. Das Schiff war dreimal so groß wie unseres. Wir mußten versuchen, den Abstand bis zum Einbruch der Dunkelheit zu halten, was uns leicht gelingen sollte, und dann nach See zu steuern, um weiterzusehen. Aber seine Gedanken schienen im Dunkel eines ungelösten Rätsels umherzutappen, und bald verfiel er ganz in Schweigen. Mit weit abgefierten Bäumen liefen wir stetigen Kurs. Kap San Sebastian lag fast recht voraus und schien nach jeder Regenbö vor uns zurückzuweichen und nach dem Schauer deutlicher wieder herauszukommen, um unserm Ansturm zu begegnen.

Ich war für meinen Teil keineswegs sicher, daß dieser gabelou, wie unsere Leute das Zollboot beschimpften, überhaupt hinter uns her war. Verschiedene nautische Schwierigkeiten sprachen so sehr dagegen, daß ich der zuversichtlichen Meinung Ausdruck verlieh, das Zollboot wechsle in aller Harmlosigkeit lediglich seinen Standort. Daraufhin ließ sich Dominic herbei, den Kopf zu wenden. »Ich sage Ihnen, daß es uns verfolgt«, versicherte er mir verstimmt nach einem kurzen Blick achteraus. Ich hatte niemals seine Meinung angezweifelt, aber diesmal war ich mit allem Eifer eines Anfängers und dem Stolz eines gelehrigen Schülers ein großer, spitzfindiger nautischer Sachkenner.

»Was ich nicht verstehen kann«, beharrte ich mit leiser Ironie, »wie in aller Welt es bei diesem Wind fertiggebracht hat, gerade dort zu sein, wo wir es zuerst ausmachten. Es ist doch klar, daß es in der Nacht keine zwölf Meilen gegen uns aufgeholt hat. Und da gibt es noch andere Unmöglichkeiten...«

Dominic hatte regungslos wie ein lebloser schwarzer Kegel dagesessen, den man auf das Achterdeck neben den Ruderkopf gestellt hatte und auf dessen Spitze eine kleine Troddel flatterte. Eine Zeitlang verharrte er noch in diesem unbeweglichen Nachdenken, dann beugte er sich kurz auflachend vor und teilte mir das bittere Ergebnis seines Nachdenkens mit. Ihm war jetzt alles vollkommen klar. Das Zollboot war dort, wo wir es zuerst in Sicht bekamen, nicht weil es uns aufgeholt hatte, sondern weil wir in der Nacht an ihm vorbeigelaufen waren, als es sehr wahrscheinlich beigedreht schon genau in unserer Kursrichtung auf uns wartete.

»Schon wartete – verstehen Sie?« murmelte Dominic wütend. »Schon! Wir sind gut acht Stunden früher ausgelaufen, als man angenommen hat, sonst würde es rechtzeitig hinter dem Kap auf der Lauer gelegen und-« er schnappte dicht vor meinem Gesicht mit den Zähnen wie ein Wolf zu – »uns so geschnappt haben.«

Jetzt sah ich alles ganz deutlich vor mir. Die dort hatten Augen im Kopf und ihre fünf Sinne beisammen. Wir hatten sie in der Dunkelheit passiert, als sie langsam auf ihren Hinterhalt zuhielten im Glauben, wir seien noch weit achteraus. Als sie jedoch bei Tagesanbruch voraus eine Balancelle unter vollen Segeln sichteten, setzten sie alle Segel, um das Schiff zu verfolgen. Aber wenn sich das so verhielt, dann – Dominic ergriff meinen Arm.

»Ja, ja! Sie sind auf eine Information hin ausgelaufen – verstehen Sie? Auf Grund einer genauen Information... Man hat uns verraten – betrogen. Warum? Wie? Wofür? Wir haben die Leute an Land doch immer gut bezahlt... Nein! Aber mir zerspringt bald der Schädel.« Es schien, als stockte ihm der Atem, zerrend riß er den Knopf am Kragen seines Umhangs auf, sprang mit aufgerissenem Mund hoch, als wollte er Flüche und Verdächtigungen ausstoßen, beherrschte sich aber sofort, zog den Mantel enger und setzte sich so ruhig wie immer wieder an Deck.

»Ja, es muß das Werk irgendeines Lumpen an Land sein«, sagte ich. Er zog die Kapuze weit ins Gesicht, ehe er murmelte: »Ein Lump... Ja... Das ist klar.«

»Na ja«, sagte ich, »sie kriegen uns nicht, das ist auch klar.« »Nein«, stimmte er ruhig bei, »das können sie nicht.« Wir passierten das Kap ganz dicht, um eine gegenlaufende Strömung zu vermeiden. Andererseits gerieten wir dadurch so sehr in Lee des Landes, daß wir völlig abgedeckt waren und die beiden großen, stattlichen Segel der ›Tremolino‹ einen Augenblick lang träge an den Masten herunterhingen, während hinter uns im donnernden Aufruhr die Seen gegen die Küste brandeten. Als dann der Wind wieder mit voller Wucht einsetzte, sahen wir mit Schrecken die Hälfte des neuen Großsegels aus den Lieken fliegen. Wir fierten die Rah sofort an Deck und bargen den Rest, aber es war kein Segel mehr, sondern nur noch ein Haufen nasser Segeltuchstreifen, der das Deck versperrte und das Schiff belastete. Dominic gab Befehl, den ganzen Kram über Bord zu werfen.

»Ich hätte auch die Rah über Bord werfen lassen«, sagte er, als er mich nach achtern führte, »wenn es nicht so viel Aufsehen machte. Lassen Sie sich nichts anmerken«, fuhr er fort und senkte dabei die Stimme, »aber ich muß Ihnen etwas Furchtbares mitteilen. Hören Sie: Ich habe festgestellt, daß die Lieken am Segel angeschnitten waren! Verstehen Sie? An vielen Stellen mit einem Messer angeschnitten. Und doch hat es die ganze Zeit gestanden. Nicht genug geschnitten. Das Schlagen hat dem Segel erst den Rest gegeben. Aber kommt es darauf an? Passen Sie auf, hier an Deck ist Verrat am Werke. Zum Teufel, hier hinter unserem Rücken, da sitzt Verrat. Drehen Sie sich nicht um, Signorino.«

Wir standen mit dem Gesicht zum Heck.

»Was ist dabei zu tun?« fragte ich entsetzt.

»Nichts. Schweigen! Seien Sie ein Mann, Signorino.«

»Und was noch?« fragte ich.

Um zu zeigen, daß ich ein Mann sein konnte, entschied ich mich, keinen Ton zu sagen, solange Dominic selbst die Kraft aufbrachte, seine Lippen geschlossen zu halten. In gewissen Situationen ist nur Schweigen angebracht. Überdies schien die Erfahrung des Verrats eine hoffnungslose Müdigkeit über mein ganzes Sinnen und Denken zu breiten. Etwa eine Stunde oder noch länger beobachteten wir unseren Verfolger, wie er bei den Böen, die ihn manchmal vollkommen verbargen, näher und näher kam. Aber selbst wenn wir das Schiff nicht sahen, fühlten wir es wie ein Messer an der Kehle. Es kam beängstigend schnell näher. Die ›Tremolino‹ schwebte bei dem starken Wind in dem viel glatteren Wasser unter ihrem einzigen Segel leicht dahin, und in der jubelnden Freiheit ihrer Bewegungen lag eine ergreifende Sorglosigkeit. Eine weitere halbe Stunde verging. Ich konnte es nicht länger aushaken. »Sie werden unser armes Schiff zu fassen kriegen«, stammelte ich plötzlich, den Tränen nahe.

Dominic bewegte sich nicht mehr als eine Figur aus Holz. Ein Gefühl verhängnisvoller Einsamkeit überfiel meine unerfahrene Seele. Das Bild meiner Gefährten stieg vor mir auf. Die ganze Royalistengesellschaft war jetzt wohl in Monte Carlo. Und ganz klar sah ich sie sehr klein vor mir, mit affektierten Stimmen und steifen Bewegungen, wie eine Prozession unbeweglicher Marionetten auf einer Puppenbühne. Ich schrak auf. Was war das? Aus dem Innern der bewegungslosen schwarzen Kapuze neben mir flüsterte es unbarmherzig und geheimnisvoll: »Il faut la tuer.« Ich hörte es genau.

»Was meinen Sie, Dominic?« fragte ich und bewegte nur meine Lippen hierbei.

Und das Flüstern im Innern der Kapuze wiederholte geheimnisvoll:

»Sie muß sterben.«

Mein Herz begann heftig zu schlagen.

»Ja, ja«, äußerte ich stammelnd, »aber wie?«

»Sie lieben sie sehr?«

»Ja.«

»Dann müssen Sie auch den Mut dazu aufbringen. Sie müssen sie selbst steuern, und ich werde dafür sorgen, daß sie schnell stirbt, ohne mehr als einen Splitter zu hinterlassen.«

»Können Sie das?« murmelte ich, fasziniert von der schwarzen Kapuze, die unbeweglich über das Heck geneigt dastand, als stünde sie in unerlaubter Verbindung mit diesem alten Meer der Magier, Sklavenhändler, Verbannten und Krieger, dem Meer der Legenden und Schrecken, wo die Seefahrer des fernen Altertums noch den ruhelosen Schatten eines alten Wanderers im Dunkeln laut weinen hörten. »Ich weiß einen Felsen«, flüsterte geheimnisvoll die wissende Stimme in der Kapuze. »Aber – Vorsicht! Es muß geschehen, ehe unsere Leute merken, was wir vorhaben. Wem können wir jetzt noch trauen? Ein Schnitt mit dem Messer ins Fockfall, dann läge die Fock an Deck, und mit unserer Freiheit wäre es in zwanzig Minuten vorbei. Vielleicht haben sogar unsere besten Männer Angst vor dem Ertrinken. Wir haben zwar das kleine Boot, aber bei einer Sache wie dieser weiß niemand, ob er gerettet wird.«

Die Stimme verstummte. Als wir von Barcelona absegelten, hatten wir unser Dingi in Schlepp, und später war es zu riskant, es wieder einzuholen, so überließen wir es am Ende einer ziemlich langen Leine seinem Schicksal. Schon ein paarmal schien es uns von der See überwältigt, aber dann sahen wir es bald mit einer See flott und heil wie je plötzlich wieder auftauchen.

»Ich verstehe«, sagte ich leise. »In Ordnung, Dominic. Wann?« »Noch nicht. Wir müssen erst noch ein bißchen dichter unter Land kommen«, antwortete die Stimme in der Kapuze gespenstisch murmelnd.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.