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Die Treibjagd

Emile Zola: Die Treibjagd - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEmile Zola
titleDie Treibjagd
publisherGustav Grimm's Verlag, Budapest
translatorArmin Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid22ce3e3b
created20070506
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I.

Bei der Heimkehr war das Gedränge der längs des Teichufers zurückfahrenden Wagen so stark, daß die Equipage im Schritt fahren mußte. Einen Moment lang war das Gewirr so arg, daß dieselbe anzuhalten gezwungen war.

Langsam sank die Sonne an dem Oktoberhimmel hinab, der von hellgrauer Farbe und an seinem Rande von leichten Wolken gestreift war. Ein letzter Strahl, der durch das ferne Dickicht am Wasserfall auf die Fahrstraße fiel, hüllte die lange Reihe der regungslos verharrenden Wagen in ein mattes, röthliches Licht. Die goldschimmernden Lichter und hellen Blitze, welche die Räder warfen, schienen an das strohgelbe Untertheil der Kalesche festgebannt, in deren dunkelblauen Feldern sich einzelne Stücke der umgebenden Landschaft widerspiegelten. Von dem röthlichen Lichte ganz umflossen, welches sie von rückwärts erhielten und die Messingknöpfe ihrer in faltenloser Glätte über den Sitz zurückgelegten Ueberröcke schimmern machte, verharrten Kutscher und Kammerdiener in ihrer dunkelblauen Livrée, ihren ockerfarbenen Beinkleidern und gelb und schwarz gestreiften Westen steif, gelassen und ernst auf ihrem erhöhten Sitze, wie es sich für die Dienstleute eines guten Hauses geziemt, die ein Wagengedränge nicht aus der Fassung zu bringen vermag. Ihre mit einer schwarzen Kokarde versehenen Hüte verriethen viel Würde. Nur die Pferde, herrliche Braune, zeigten eine große Ungeduld.

»Sieh 'mal!« sagte Maxime; »dort unten, in dem Coupé, sitzt Laura d'Aurigny. – – Sieh doch, Renée!«

Renée richtete sich ein wenig empor, wobei sie die Augen mit einer allerliebsten Grimasse zusammenkniff, um ihre schwache Sehkraft etwas zu unterstützen.

»Ich dachte, sie sei durchgebrannt,« erwiderte sie. »Sie scheint die Farbe ihrer Haare gewechselt zu haben, wie?«

»Ja,« bemerkte Maxime lachend; »ihr neuer Liebhaber mag die rothe Farbe nicht.«

Nach vorne geneigt, mit auf dem niedrigen Wagenschlag ruhender Hand blickte Renée in die angedeutete Richtung, nachdem sie das traurige Sinnen von sich geschüttelt, in welchem sie wohl über eine Stunde versunken gewesen, während sie wie in einem Krankenstuhle, in den weichen Kissen ihres Wagens gelegen. Ueber dem mit einer Tunique, einem Vorderbesatz und breiten gepreßten Falten besetzten grauseidenen Kleide trug sie einen kurzen Paletot aus weißem Tuch mit grauen Überschlägen, welcher ihr ein vornehm-keckes Aussehen verlieh, während ihre Haare, deren blaßgelbe Farbe am ehesten mit der der Butter zu vergleichen war, von dem mit bengalischen Rosen besetzten kleinen Hütchen kaum bedeckt wurden. Sie fuhr fort, gleich einem kecken Knaben mit den Augen zu zwinkern, wobei sich eine Falte über ihre glatte Stirne legte und die Oberlippe hervortrat wie bei einem schmollenden Kinde. Da sie schlecht sah, nahm sie ihr in Schildpatt gefaßtes Binocle, wie es Männer zu tragen pflegen, hervor und es in der Hand haltend, ohne es auf die Nase zu setzen, betrachtete sie gemächlich, mit vollkommen ruhiger Miene die dicke Laura d'Aurigny.

Noch immer kamen die Wagen nicht vorwärts. Inmitten der langen, dunkeln Linie, welche die Equipagen bildeten, die sich an diesem Herbstnachmittage überaus zahlreich im Gehölz eingefunden hatten, erglänzten die Ecke eines Spiegels, das Gebiß eines Pferdes, der silberne Griff einer Laterne, die Tressen eines auf erhöhtem Sitze thronenden Lakaien. Hier und dort gewahrte man in einem offenen Landauer ein Stück Stoff, ein Stück Frauen-Toilette aus Sammt oder Seide. Allmälig hatte sich eine große Stille über dieses regungslos gewordene Gewirr herniedergesenkt und man vernahm vom Wagen aus das Gespräch der Fußgänger. Man tauschte Blicke mit einander von einem Wagen zum andern; doch sprach Niemand ein Wort inmitten der allgemeinen Erwartung, welche blos von dem Reiben der Geschirre und dem Stampfen der Pferdehufe unterbrochen wurde. In der Ferne erstarben die verworrenen Stimmen des Gehölzes.

Trotz der vorgerückten Saison war ganz Paris da: die Herzogin von Sternich in ihrer Kalesche auf acht Federn; Frau von Lauwerens in einer tadellos bespannten Victoria; die Baronin von Meinhold in einem entzückenden braunrothen Cab; die Comtesse Vanska mit ihren Ponyschecken; Frau Daste und ihre herrlichen Rappen; Frau von Guende und Frau Teissière im Coupé; die kleine Sylvia in einem dunkelblauen Landauer. Weiterhin Don Carlos in Trauer mit seiner feierlichen, altmodischen Livrée; Selim Pascha mit seinem Fez und ohne seinen Erzieher; die Herzogin von Rozan in einem kleinen Coupé, mit ihrer weiß bepuderten Dienerschaft; der Graf von Chibray im Dog-Cart; Herr Simpson in tadellosem Jagdwagen, sowie die ganze amerikanische Kolonie. Und zum Schluß zwei Akademiker im Fiaker.

Endlich konnten sich die ersten Wagen in Bewegung setzen und allmälig, einer nach dem andern, kam die ganze Linie ins Rollen. Es war wie das Erwachen aus einem Traum. Tausend tanzende Lichter sprühten auf, blitzend drehten sich die Räder und die von den Pferden geschüttelten Geschirre sandten Funken nach allen Richtungen. Ueber den Boden und die Baumstämme glitten spiegelnde Flächen dahin. Dieses Geräusch der Räder und Pferdegeschirre, das Schimmern der lackirten Wagenwände, in welchen sich die sinkende Sonne spiegelte, die heiteren Töne der reichen Livréen und der durch die Kutschenschläge sichtbaren prächtigen Toiletten, – all' Dies versank sozusagen in einem fortgesetzt dumpfen Getöse, welchem das Stampfen der Pferdehufe etwas Taktmäßiges verlieh. Und so zog die Wagenreihe unter demselben Geräusch, bei demselben Licht, ohne Unterbrechung dahin, als würden die ersten Wagen die übrigen nach sich ziehen.

Renée war der leichten Erschütterung des sich wieder in Bewegung setzenden Wagens gefolgt und ihr Binocle sinken lassend, lehnte sie sich von Neuem in die weichen Kissen zurück. Ein wenig fröstelnd zog sie einen Theil des Bärenfells über ihre Kniee, welches das Innere des Wagens wie mit weißer Seide erfüllte. Ihre feinbeschuhten Hände verschwanden in den langen, krausen Haaren des Fells. Ein leichter Wind hatte sich erhoben. Der laue Oktobernachmittag, der dem Bois etwas Frühlingsartiges verlieh und die vornehmen Damen verleitet hatte, in offenem Wagen auszufahren, drohte mit einem empfindlich kühlen Abend zu enden.

Eine Weile verharrte die junge Frau in sich zusammengekauert, die angenehme Wärme ihrer Ecke genießend und sich dem wohlthuenden Gefühl überlassend, welches diese sich um sie her drehenden Räder in ihr erregten. Dann aber wendete sie sich zu Maxime, der kritischen Auges in aller Ruhe die Frauen entkleidete, die sich in den zahllosen Wagen seinen Blicken darboten.

»Ist es wahr,« fragte sie, »daß Du diese Laura d'Aurigny hübsch findest? Ihr habt sie ja neulich, als man von dem Verkaufe ihrer Diamanten sprach, in den Himmel gehoben! ... Beiläufig, Du hast das Halsband und die Haarkrone nicht gesehen, welche Dein Vater bei diesem Verkaufe für mich erstand?«

»Ja, er macht seine Sache gut,« sagte Maxime mit einem häßlichen Lachen, ohne auf ihre Frage zu antworten. »Er bringt es zu Wege, Laura's Schulden zu bezahlen und seiner Frau Diamanten zu schenken.«

Die junge Frau zuckte leicht mit den Schultern.

»Taugenichts!« murmelte sie lächelnd.

Der junge Mann aber hatte sich nach vorne gebeugt, um mit den Augen einer Dame zu folgen, deren grüne Toilette sein Interesse erweckte und Renée blickte mit zurückgelehntem Kopfe und halb geschlossenen Augen lässig um sich, ohne etwas zu sehen. Zur Rechten glitten Büsche und niedrige Hecken mit rothen und gelben Blättern und verdorrenden Zweigen an ihr vorüber, zuweilen auch, auf dem für die Reiter reservirten Wege schlanke Herren, deren Pferde im Dahinsprengen feine Staubwolken aufwirbelten. Zur Linken, am Fuße der abfallenden und mit Sträuchern und Blumen bestandenen Rasenflächen lag der Teich regungslos, spiegelglatt, ohne jede Falte da, als hätte der Gärtner mit der Harke seine Grenzen gezogen. Am jenseitigen Rande dieser Kristallfläche sah man die beiden Inseln, zwischen welchen die sie verbindende Brücke wie ein grauer Balken erschien und deren Bäume sich wie eine Theaterdekoration von dem bleichen Himmel abhoben, während der Wasserspiegel die Aeste derselben gleich einem gewandt angebrachten Vorhange erscheinen ließ. Dieser Winkel der Natur, der an eine frisch gestrichene Kulisse gemahnte, schwamm in leichtem Schatten, in einem bläulichen Dunst, der den köstlichen Reiz, die liebenswürdige Täuschung noch erhöhte. Auf dem anderen Ufer funkelte und glitzerte das Inselschloß gleich einem neuen Spielzeug, als hätte es gestern einen neuen Anstrich erhalten, während die mit gelbem Sand bestreuten Wege, die engen Gartenalleen, die sich über die Rasenflächen schlängelten und sich längs des Teiches hinzogen, dessen Uferränder mit einem Eisengitter umfriedet waren, sich zu dieser Stunde von dem zarten Grün des Wassers und des Rasens seltsam abhoben.

Renée, die an all' die wohlberechneten Schönheiten dieses Anblickes gewöhnt war und sich jetzt willenlos ihren Träumereien hingab, hatte die Lider ganz über die Augen gesenkt und sah nur mehr das Spiel der schlanken Finger, die die langen Haare des Bärenfells um sich wickelten. Doch wieder trat mit einem Ruck ein kleiner Aufenthalt ein, der die Wagen für einen Moment anzuhalten zwang. Sie hob den Kopf und begrüßte mit einem Neigen desselben zwei junge Frauen, die neben einander behaglich ausgestreckt, in einer herrlichen Equipage lagen, die mit gedämpftem Rollen vom Teichrand abwich, um sich durch eine Seitenallee zu entfernen. Die Marquise von Espanet, deren Gatte, Flügeladjutant des Kaisers, sich zur Entrüstung des schmollenden Adels dem herrschenden Regime angeschlossen hatte, war eine der hervorragendsten Damen der vornehmen Welt unter dem zweiten Kaiserreich; die andere, Frau Haffner, hatte einen ungeheuer reichen Industriellen aus Colmar geheirathet, der unter dem Kaiserreich zum Politiker wurde. Renée, die die beiden Unzertrennlichen, wie man sie mit schlauer Miene nannte, noch aus der Pensionszeit kannte, bezeichnete sie nur mit ihren Taufnamen Adeline und Susanne, und als sie nach dem begrüßenden Lächeln sich wieder zurücklehnen wollte, ließ sie das Lachen Maxime's diesem den Kopf wieder zuwenden.

»Nein, ich bin traurig, lache nicht, es ist Ernst,« sagte sie, als sie sah, daß der junge Mann sie spöttisch betrachte, belustigt über ihre sinnende Haltung.

»Wir haben also einen großen Kummer! wir sind eifersüchtig?« fragte er mit komischer Betonung.

Sie schien im höchsten Grade überrascht.

»Ich?« fragte sie. »Weshalb sollte ich eifersüchtig sein?«

Und mit verächtlicher Miene, als würde sie sich mit einem Male erinnern, fügte sie hinzu:

»Ach ja! die dicke Laura! Ich dachte gar nicht mehr an sie. Wenn, wie Ihr es mich glauben machen wollt, Aristide die Schulden dieser Person bezahlt und ihr derart eine Reise nach dem Auslands erspart hat, so beweist das blos, daß er sein Geld nicht in dem Maße liebt, wie ich gemeint. Dies wird ihn wenigstens wieder bei den Damen in Gunst bringen ... Ich beschränke ihn in nichts, den theuren Mann.«

Dabei lächelte sie und die Worte »den theuren Mann« sprach sie in einem Tone freundschaftlicher Gleichgültigkeit. Dann wurde sie wieder sehr traurig und mit dem verzweifelten Blick solcher Frauen um sich schauend, die nicht mehr wissen, welche Dinge ihnen noch Zerstreuung bieten können, murmelte sie:

»Oh, ich wollte schon ... Doch nein, ich bin nicht eifersüchtig, nicht im entferntesten eifersüchtig.«

Unsicher hielt sie inne, um dann plötzlich hinzuzufügen:

»Weißt Du, ich langweile mich!«

Darauf schwieg sie mit zusammengekniffenen Lippen still. Immer noch rollten die Wagen in gleichmäßigem Tempo längs des Teiches dahin, mit einem eigenthümlichen Geräusch, das dem eines seinen Wasserfalles gleicht. Nunmehr erhoben sich zur Linken, zwischen dem Teich und der Fahrstraße, kleine grüne Bäume mit schlanken, dünnen Stämmen, die an Säulenbündel erinnerten. Zur Rechten hatten die Gebüsche und niedrigen Hecken aufgehört; das Gehölz öffnete sich zu breiten Rasenflächen, zu einem mächtigen grünen Teppich, nur hier und dort mit einer Baumgruppe bestanden. Diese leicht gewellten grünen Flächen folgten einander bis zur Porte de la Muette, deren niedriges Gitter man gleich einem schwarzen Spitzenwerk schon von weitem emporragen sah. Auf den Abhängen, an solchen Stellen, wo zwei Wellenzüge des Hügellandes sich kreuzten, war der Rasen ganz blau. Starr blickte Renée vor sich hin, als brächte diese Erweiterung des Horizontes, diese von dem Abendthau benetzten Wiesenflächen sie noch deutlicher zum Bewußtsein der Leere ihres Daseins.

Nach einer Weile wiederholte sie mit dem Ausdrucke dumpfen Zornes:

»Oh! ich langweile mich, langweile mich zum Sterben!«

»Du bist heute gar nicht heiter,« sagte Maxime ruhig. »Du hast wohl wieder Deine Nervenzustände?«

Von Neuem warf sich die junge Frau in die Kissen zurück.

»Ja, ich habe meine Nervenzustände,« erwiderte sie trocken.

Darauf schlug sie eine mütterliche Saite an.

»Ich beginne alt zu werden, mein liebes Kind; bald werde ich meine wohlgezählten dreißig Jahre haben. Das ist schrecklich. Ich finde an gar nichts mehr Vergnügen ... Mit zwanzig Jahren kannst Du freilich nichts wissen ...«

»Hast Du mich mitgenommen, um eine Beichte abzulegen?« unterbrach sie der junge Mann. »Das würde lang dauern.«

Sie nahm diese freche Bemerkung mit einem matten Lächeln hin, wie die Ungezogenheit eines verhätschelten Kindes, dem Alles erlaubt ist.

»Du hast allen Grund, um Dich zu beklagen,« fuhr Maxime fort. »Für Deine Toilette gibst Du jährlich über hunderttausend Francs aus. Du bewohnst ein glänzendes Hotel, hast herrliche Pferde, Deine Launen sind Gesetze und über jede neue Toilette, die Du anlegst, berichten die Zeitungen wie über ein Ereigniß von höchster Wichtigkeit. Die Frauen beneiden Dich, die Männer gäben zehn Jahre ihres Lebens darum, wenn sie Dir die Fingerspitzen küssen dürften ... Hab' ich Recht?«

Sie nickte zustimmend mit dem Kopfe, ohne eine Antwort zu geben und gesenkten Blickes fuhr sie fort, mit den Fingern durch die langen Haare des Bärenfells zu streichen.

»Sei nicht so bescheiden,« nahm Maxime von Neuem auf; »gestehe rund heraus, daß Du eine der Säulen des zweiten Kaiserreiches bist. Wenn man unter sich ist, so kann man unbehindert über diese Dinge sprechen. Ueberall, in den Tuilerien, bei den Ministern, bei den einfachen Millionären, in der Tiefe und in der Höhe, – herrschest Du unbeschränkt. Es gibt kein Vergnügen, welches Du nicht genossen hättest und wenn ich den Muth hätte, wenn die Achtung, die ich Dir schuldig bin, mich nicht zurückhielte, so würde ich sagen ...«

Lachend hielt er während einiger Sekunden inne, um dann rückhaltslos hinzuzufügen:

»So würde ich sagen, daß Du von allen Früchten verkostet hast.«

Sie zuckte mit keiner Wimper.

»Und Du langweilst Dich!« Hub der junge Mann mit komischer Hast von neuem an. »Das ist ja himmelschreiend! Was willst Du denn? Wovon träumst Du?«

Sie zuckte mit den Achseln, wie um anzudeuten, daß sie es selbst nicht wisse. Obschon sie den Kopf gesenkt hielt, sah Maxime, daß sie ernst und düster vor sich hinblicke, so daß er es für gerathen hielt zu schweigen. Er beobachtete die Wagenreihe, die am Teichende angelangt, sich auflöste und zu verbreitern begann, den weiten Raum ganz erfüllend. Die sich jetzt freier bewegenden Wagen wendeten in tadellosen Kurven und der raschere Hufschlag der Pferde erklang lauter auf der harten Erde.

Die Equipage, die jetzt einen weiten Bogen beschrieb, wiegte, hob und senkte sich, was Maxime mit einem angenehmen Gefühl erfüllte. Etwas drängte ihn, Renée zu beschämen und so sagte er:

»Sieh, Du würdest verdienen, im Fiaker zu fahren! Das wäre nur gerecht ... Betrachte doch diese Leute, die nach Paris zurückkehren, diese Leute, die zu Deinen Füßen liegen. Man grüßt Dich, als wärest Du eine Königin und es fehlt wenig, so würde Dir Dein guter Freund, Herr von Mussy, sogar Kußhände zuwerfen.«

Tatsächlich grüßte ein Reiter die junge Frau. Maxime hatte in heuchlerisch spöttischem Tone gesprochen, Renée aber mit den Achseln zuckend, kaum den Kopf gewendet. Nun machte der junge Mann eine Geberde der Verzweiflung.

»So steht es also?« fragte er. »Du lieber Gott, Du hast ja Alles; was willst Du denn noch?«

Renée hob den Kopf empor. Ihre Augen hatten einen warmen Glanz, ein heißer Ausdruck unbefriedigter Neugierde lag in denselben, als sie halblaut erwiderte:

»Ich will etwas Anderes.«

»Da Du aber Alles hast,« entgegnete Maxime lachend, so bedeutet etwas Anderes gar nichts ... Was ist dieses Andere?«

»Was? ...« wiederholte sie.

Damit brach sie ab, Sie hatte sich ganz umgedreht und betrachtete das seltsame Bild, welches allmälig hinter ihr verschwand. Die Nacht war fast gänzlich hereingebrochen, langsam senkte sich die Dämmerung wie ein feiner Aschenregen herab. Bei dem noch auf dem Wasser schwebenden fahlen Tageslichte bot der von oben gesehene Teich den Anblick einer ungeheuren Zinnplatte; an seinen beiden Ufern nahmen die grünen Bäume, deren schlanke, dünne Stämme aus der schlummernden Erde emporzusteigen schienen, zu dieser Stunde das Aussehen violetter Säulen an, deren regelmäßige Architektur die wohlberechneten Krümmungen der Ufer schärfer hervortreten ließ; weiter im Hintergrund schlossen die dichten Baumgruppen gleich großen schwarzen Flecken den Horizont ab. Hinter diesen Flecken glühte die sinkende Sonne, deren Scheibe beinahe ganz versunken war und nur mehr eine Spitze des unendlichen Raumes erleuchtete. Ueber diesem regungslosen Teich, diesen niedrigen Hecken, diesem ganzen merkwürdigen Bilde wölbte sich das Himmelsgezelt in endloser Tiefe und Wette. Dieses große Stück Himmel über diesem Endchen Natur hatte etwas Trauriges an sich; aus diesen immer fahler werdenden Höhen senkte sich eine solch' herbstliche Melancholie, eine so sanfte, betrübende Nacht hernieder, daß das Bois, welches allmälig in ein graues Leichentuch gehüllt ward, seine vornehme Anmuth verlor, von dem mächtigen Reiz der Wälder erfüllt ward. Das Rollen der Equipagen, deren lebhafte Farben im Dunkel verblaßten, erinnerte an das ferne Rauschen der Bäume und das Plätschern der Flüsse. Alles Geräusch erstarb. Inmitten der allgemeinen Ruhe hob sich auf der Teichfläche blos das Segel der großen Promenadenbarke kräftig und deutlich von dem leuchtenden Hintergrunde des Sonnenunterganges ab. Und dann sah man nichts weiter als dieses Segel, dieses anscheinend übernatürlich vergrößerte dreieckige Stück gelber Leinwand.

In ihrer Uebersättigung empfand Renée eine Art unnennbaren Verlangens bei dem Anblicke dieses Landschaftsbildes, welches sie nicht mehr erkannte, dieser mit solcher Kunst verfeinerten Natur, aus welcher die anbrechende Nacht einen heiligen Forst, eine jener idealischen Waldlichtungen machte, in deren Tiefen die alten Götter ihren himmelstürmenden Liebesgefühlen, ihren ehebrecherischen und blutschänderischen Gelüsten fröhnten. Und in dem Maße, wie die Equipage weiterrollte, schien es ihr, als entführte die nächtliche Dämmerung hinter ihr, auf ihren zitternden Schwingen, das Traumland, den unzüchtigen, überirdischen Alkoven, in welchem ihr krankes Herz, ihr erschöpfter Leib endlich Befriedigung gefunden hätte.

Als der Teich und das kleine Gehölz im Schatten versanken und nur mehr als dunkler Streifen zu unterscheiden waren, wandte sich die junge Frau mit einem Male zurück und in einem Tone, in welchem Thränen des Zornes zitterten, nahm sie den unterbrochenen Satz von neuem auf:

»Was? ... etwas Anderes, ja! ich will etwas Anderes. Weiß ich denn was? Wenn ich Das wüßte! ... Allein, ich habe die Bälle, die Festlichkeiten, diese Soupers satt; die Sache bleibt sich immer gleich. Es ist zum Verzweifeln ... Und die Männer ... die Männer sind zum Sterben langweilig ...«

Maxime begann zu lachen. Die aristokratischen Mienen der Weltdame verriethen heftige Begierden. Sie drückte die Lider nicht mehr zu, scharf trat die Falte auf ihrer Stirne hervor; ihre Oberlippe schob sich gleich der eines schmollenden Kindes begehrlich vor, unbekannte Genüsse heischend. Sie sah das Lachen ihres Begleiters, war aber schon zu erregt, um noch an sich halten zu können; halb liegend, den wiegenden Bewegungen des Wagens folgend, fuhr sie in kurzen, abgebrochenen Sätzen fort:

»Ja, ja, Ihr seid zum Sterben langweilig ... Auf Dich, Maxime, hat Dies keinen Bezug, Du bist noch zu jung ... Doch wenn ich Dir berichten wollte, wie lästig mir Aristide im Anfange war! Und erst die Anderen! Jene, die mich geliebt haben ... Du weißt, wir sind zwei gute Kameraden; Dir gegenüber thue ich mir keinen Zwang an ... Nun denn, es ist wahr, ich habe Tage, da ich es derart müde bin, das Leben einer reichen, geliebten, respektirten Frau zu führen, daß ich eine Laura d'Aurigny, eine dieser Damen zu sein wünschte, die ein förmliches Junggesellenleben führen.«

Und da Maxime noch lauter lachte, fügte sie hinzu: »Ja, eine Laura d'Aurigny. Das muß weniger langweilig, weniger gleichmäßig sein.«

Sie schwieg eine Weile, als vergegenwärtigte sie sich das Leben, welches sie führen würde, wenn sie Laura wäre. Sodann nahm sie entmuthigten Tones von neuem auf:

»Uebrigens mögen auch diese Damen ihre Stunden des Ueberdrusses haben, – auch sie. Nichts ist kurzweilig. Es ist zum Verzweifeln ... Ich sagte allerdings, ich wünschte etwas Anderes; Du verstehst vielleicht, ich selbst errathe es nicht; etwas Anderes, was noch Niemandem widerfuhr, was man nicht alle Tage antrifft, was einen seltenen, einen unbekannten Genuß böte ...«

Sie hatte immer langsamer gesprochen und die letzten Worte wie in tiefes Sinnen versunken geäußert. Der Wagen rollte durch die Allee, die nach dem Ausgang des Bois führte. Die Schatten wurden immer länger; gleich einer grauen Mauer glitten zu beiden Seiten die Hecken dahin; die gelb gestrichenen Stühle, auf welche sich an schönen Abenden die feiernden Bürgersleute niederlassen, standen leer längs des Fußweges, in die schwarze Melancholie der Gartenmöbel versunken, welche vom Winter überrascht werden und das Rollen, das dumpfe, gleichmäßige Geräusch der heimkehrenden Wagen klang gleich einer traurigen Klage durch die einsame Allee.

Gewiß war sich Maxime bewußt, wie unziemlich es war, das Leben heiter zu finden. Wenn er auch noch jung genug war, um sich einer glücklichen Begeisterung zu überlassen, so war sein Egoismus doch entwickelt, seine Gleichgiltigkeit groß genug, sein Wesen von wirklichem Ueberdruß genügend erfüllt, um sich auch für übersättigt, für blasirt zu erklären. Gemeinhin legte er dieses Geständniß mit einiger Ruhmredigkeit ab.

Er streckte sich gleich Renée aus und schlug einen schmerzlichen Ton an, als er sagte:

»Ja, Du hast Recht; es ist abscheulich ... Auch ich amüsire mich nicht mehr als Du; auch ich habe häufig an etwas Anderes gedacht ... Nichts ist dümmer als das Reisen. Geld erwerben? Da ziehe ich noch vor, solches auszugeben, obschon dies auch nicht immer so kurzweilig ist, wie man anfänglich glaubt. Lieben, geliebt werden, – das hat man bald satt, nicht wahr? ... Ach ja, das hat man sehr bald satt!«

Die junge Frau gab keine Antwort und er fügte hinzu, in der Absicht, durch eine Gottlosigkeit ihr Staunen zu erregen:

»Ich möchte von einer Nonne geliebt werden. Das wäre vielleicht drollig genug ... Hast Du niemals davon geträumt, einen Mann zu lieben, an den Du nicht denken könntest, ohne ein Verbrechen zu begehen?«

Sie aber verharrte in düsterem Schweigen und da sie ihm keine Antwort gab, so glaubte Maxime, sie höre ihm nicht zu. Sie lehnte den Nacken gegen den gepolsterten Rand der Rückenlehne und schien mit offenen Augen zu träumen. Willenlos sann sie nach, den Träumen preisgegeben, die sie in ihrem Banne hielten und von Zeit zu Zeit erzitterten ihre Lippen nervös. Der Schatten der Abenddämmerung hielt sie weich umflossen; Alles, was diese Schatten an unbestimmter Traurigkeit, an uneingestandener Hoffnung und geheimer Wollust enthielten, bemächtigte sich ihrer und umgab sie mit einer erschlaffenden, schweren Atmosphäre. Während sie starr auf den runden Rücken des auf dem Bocke sitzenden Kammerdieners blickte, dachte sie an die Genüsse des gestrigen Tages, an diese Festlichkeiten, die ihr so inhaltslos dünkten und von denen sie nichts mehr wissen wollte. Ihr vergangenes Leben zog an ihr vorüber, die sofortige Befriedigung ihrer Wünsche, die bis zum Ekel gesteigerte Pracht, die ertödtende Gleichmäßigkeit der gleichen Zärtlichkeiten und desselben Verraths. Sodann tauchte gleich einer Hoffnung, von dem leisen Schauer des Begehrens begleitet, der Gedanke an dieses »Andere« auf in ihr, – dieses Andere, welchem ihr Geist keine Form zu geben vermochte. Bei diesem Punkte verwirrten sich ihre Träume. Sie erschöpfte sich in Anstrengungen, – doch immer wieder entschwand ihr das gesuchte Wort in der sinkenden Nacht, verlor sich in dem unablässigen Wagenrollen. Das weiche Wiegen der Kalesche vermehrte noch das Zögern, welches sie hinderte, ihr Verlangen in Worte zu kleiden. Und eine unendliche Versuchung stieg aus diesem Chaos auf, aus diesem Rollen der Räder, dieser wiegenden Bewegung des Wagens, welche sie in eine köstliche Betäubung hüllte, aus diesen Hecken und Sträuchern, welche der Abend zu beiden Seiten in dunkle Schatten hüllte. Zahllose kleine Schauer glitten über ihren Leib: unterbrochene Träume, ungenannte Wollust, verworrene Wünsche, – Alles, womit die Rückkehr aus dem Bois bei sinkender Nacht an köstlichen und ungeheuerlichen Empfindungen das übersättigte Herz einer Frau zu erfüllen vermag. Sie hatte beide Hände in das weiche Bärenfell vergraben und es war ihr sehr heiß unter dem Paletot aus weißem Tuch mit den grauen Sammtaufschlägen. Sie streckte einen Fuß aus, um sich behaglicher zu dehnen und dabei streifte ihr Knöchel das warme Bein Maxime's, der die Berührung gar nicht beachtete. Ein unerwarteter Stoß des Wagens riß sie aus ihrem Halbschlummer. Sie hob den Kopf empor und blickte den in voller Eleganz da liegenden jungen Mann eigenthümlich aus ihren grauen Augen an.

In diesem Augenblick verließ die Equipage das Bois. Die Avenue de l'Imperatrice dehnte sich schnurgerade in der Dämmerung hin; zu ihren beiden Seiten erstreckten sich die grün gestrichenen Holzbarrieren, die in weiter Ferne zu einem Punkte zusammenzufließen schienen. In der für Reiter bestimmten Seitenallee wurde ein weißes Pferd sichtbar, welches sich gleich einem lichten Fleck von den grauen Schatten abhob. Auf der anderen Seite, längs der Fahrstraße schritten verspätete Spaziergänger, Gruppen schwarzer Punkte vergleichbar, gemächlich der Stadt zu. Und ganz am Ende dieses Gewimmels von Menschen, Wagen und Pferden hob sich der schief gestellte Arc-de-Triumphe weiß vom schwarzen Nachthimmel ab.

Während der Wagen in rascherem Trabe dahinfuhr, betrachtete Maxime, dem der englische Anstrich des Bildes gefiel, rechts und links die niedlichen, bizarr erbauten und mit kleinen Vorgärten versehenen Hotels, die sich zu beiden Seiten der Avenue erhoben, während Renée sinnend die Gasflammen des Place de I'Etoile sich entzünden sah, die nach einander am Horizonte sichtbar wurden und in dem Maße, wie die flackernden Lichtblitze das Dunkel des sinkenden Tages durchbrachen glaubte sie geheime Stimmen zu vernehmen, schien es ihr, als erglänze dieses verführerische Paris für sie, als bereite es für sie die unbekannten Genüsse vor, nach welchen es sie verlangte.

Die Equipage schlug die Avenue de la Reine-Hortense ein und hielt am Ende der Rue Monceaux, einige Schritte vom Boulevard Malesherbes entfernt, vor einem zwischen Hof und Garten gelegenen großen Hotel. Die mit vergoldeten Verzierungen versehenen Flügel der Gitterthür, die in den Hof führte, waren zu beiden Seiten von je zwei Laternen flankirt, die die Form einer Urne hatten, gleicherweise mit goldenen Verzierungen beladen waren und in welchen mächtige Gasflammen brannten. Seitwärts von der Gitterthür hatte der Thorwart einen eleganten Pavillon inne, der an einen kleinen griechischen Tempel erinnerte.

Als der Wagen in den Hof rollen wollte, sprang Maxime leicht zur Erde.

»Du weißt,« sagte Renée, ihn an der Hand zurückhaltend, »daß wir um halb acht Uhr zu Tische gehen. Du hast also mehr als eine Stunde für's Umkleiden. Laß nicht auf Dich warten.«

Und mit einem Lächeln fügte sie hinzu:

»Wir haben die Mareuils zu Gast ... Dein Vater wünscht, Du mögest Luisen gegenüber sehr galant sein.«

Maxime zuckte die Achseln.

»Das ist Frohndienst!« murmelte er ärgerlichen Tones. »Ich bin ja bereit, sie zu heirathen; doch ihr den Hof zu machen, ist zu dumm, wahrhaftig! ... Ach, Renée, wie nett wäre es von Dir, wenn Du mir Luise heut Abend vom Halse schaffen wolltest.«

Er nahm seine drollige Miene, die Grimasse und den schmeichelnden Ton an, welchen er jedesmal ins Treffen führte, so oft er einen seiner gewohnten Scherze anbringen wollte und sagte:

»Willst Du, theure Stiefmama?«

Renée schüttelte ihm die Hand wie einem Kameraden und rasch, mit einer plötzlichen nervösen Kühnheit warf sie hin:

»Wahrlich, wenn ich nicht Deinen Vater geheirathet hätte, würdest Du mir, glaube ich, den Hof machen!«

Dem jungen Manne mochte diese Zumuthung offenbar sehr drollig dünken, denn er war schon um die Ecke des Boulevard Malesherbes gekommen, als er noch immer lachte.

Die Equipage rollte in den Hof und hielt vor dem Perron.

Die Stufen desselben waren breit und niedrig; den Perron selbst überragte ein mit goldenen Fransen und Troddeln besetztes Schutzdach. Die beiden Stockwerke des Hotels erhoben sich über Kellerräumlichkeiten, deren mit matten Scheiben versehene viereckige Fenster sich dicht über dem Erdboden befanden. Vom Perron führte eine Thür ins Vestibül, welche auf beiden Seiten von schmächtigen Säulen flankirt war, die eine Art Vorbau bildeten, der sich auf jedem Stock wiederholend, bis zum Dache fortgeführt ward, wo er mit einem Delta abschloß. Auf beiden Seiten hatte jedes Stockwerk fünf Fenster in gleichmäßiger Entfernung von einander, die von einem einfachen steinernen Rahmen umgeben waren. Das steile Dach war in breite Felder getheilt und mit Fenstern versehen.

Auf der Gartenseite aber entfaltete die Facade eine viel größere Pracht. Ein herrlicher Perron führte zu einer schmalen Terrasse, die sich längs des ganzen Erdgeschosses hinzog; die im Stile der Gitterarbeiten des Monceau-Parkes gehaltene Brüstung derselben war noch mehr mit Gold überladen, als das Schutzdach und die Laternen. Sodann kam das Hotel, zu beiden Seiten von zwei Pavillons wie von Thürmen flankirt, die zur Hälfte dem Gebäude eingefügt waren und in ihrem Inneren runde Gemächer bargen. In der Mitte ragte ebenfalls ein bescheidenes Thürmchen hervor. Die Fenster der Pavillons waren hoch und schmal, die der flachen Theile der Facade hingegen geräumiger und beinahe quadratförmig; im Erdgeschoß waren sie mit steinernen Ballustraden und in den oberen Stockwerken mit Gitterwerk aus vergoldetem Schmiedeeisen versehen. Es war das eine geschmacklose Verschwendung, eine prahlerische Schaustellung des vorhandenen Reichthums. Das Hotel selbst verschwand unter der Menge der sein Mauerwerk bedeckenden Skulpturen. Um die Fenster, längs der Gesimse zogen sich Laub- und Blumenguirlanden hin; die Balcone glichen Fruchtkörben, die von großen nackten Frauen mit gespannten Hüften und hervorspringenden Brustwarzen gehalten wurden. Des Ferneren waren hier und dort Phantasie-Wappen angebracht: Weintrauben, Rosen, all' das Pflanzenwerk, das in Stein gemeißelt werden kann. Und je höher das Auge kam, je blühender erschienen die Außenwände. Rings um das Dach zog sich eine Ballustrade hin, auf welcher in gleichmäßigen Abständen Urnen aufgestellt waren, in welchen Flammen aus Stein züngelten. Zwischen den Mansardenfenstern, um die sich eine unglaubliche Menge von Früchten und Blätterwerk schlängelte, breiteten sich die abschließenden Prunkstücke dieser erstaunlichen Verzierungsmanier aus: die Schlußkränze der Pavillons, zwischen welchen die großen nackten Frauen neuerdings zum Vorschein kamen, mit Aepfeln spielend oder sonstige Künste treibend. Das Dach, welches sich all' diese Ornamente, zwei Blitzableiter und vier ungeheure Rauchfänge die ihrerseits reich verziert waren, gefallen lassen mußte, schien gleichsam die Krone dieses architektonischen Feuerwerkes zu sein.

Zur Rechten befand sich ein geräumiges Gewächshaus, welches sich eng an das Hotel anschmiegend, durch die Glasthür eines Salons mit dem Erdgeschoß verbunden war. Der Garten, den ein durch eine Hecke verdecktes niedriges Gitter vom Park Monceaux schied, war ziemlich abschüssig. Zu klein für das Hotel, kaum groß genug, um einem Rasenplatz und einigen Baumgruppen Raum zu bieten, glich er einfach einem Erdhügel, einem grünen Sockel, auf welchem sich das Hotel stolz erhob. Vom Parke gesehen, über dieser tadellosen Rasenfläche, diesen Sträuchern, deren Blätterwerk leuchtete, erweckte dieses Gebäude, welches mit tausend Stimmen verkündete, daß es noch ganz neu sei, mit seinem schweren Schieferdach, seinem vergoldeten Gitterwerk und den überreichen Blumengewinden, ganz den Eindruck eines Emporkömmlings. Es war das ein neuer Louvre in kleinerem Maßstabe, eine der am meisten charakteristischen Stichproben des unter dem dritten Napoleon gebräuchlichen Stiles, welcher eben ein Bastard sämmtlicher Bauarten war. An den Sommerabenden, wenn die untergehende Sonne das Gold der Rampen, Gitter und Guirlanden erglänzen machte, blieben die Spaziergänger des Parkes stehen, betrachteten die rothen Seidenvorhänge an den Fenstern des Erdgeschosses und durch die Fensterscheiben, die so groß und glänzend waren, wie die Glasscheiben der modernen Verkaufsläden und nur vorhanden zu sein schienen, um von außen auch das Innere sehen zu lassen, gewahrten die kleinen Bürgerleute Theile einzelner Möbelstücke, Gardinen, Stücke reichverzierter Zimmerdecken und von Neid und Bewunderung erfüllt, blieben sie inmitten des Weges stehen.

Heute aber senkte sich bereits tiefe Dunkelheit hernieder, die glänzende Außenseite schlief. Auf der anderen Seite, im Hofe, hatte der Kammerdiener Renée respektvoll geholfen, den Wagen zu verlassen. Zur Rechten sah man die gebräunten Eichenthüren der Stallungen, einen weit geöffneten Wagenschuppen, zur Linken, gleichsam als Gegenstück, eine sich an die Mauer des Nachbarhauses lehnende reich geschmückte Nische, in welcher Tag und Nacht ein Wasserstrahl einer von zwei Amoretten gehaltenen Muschel entsprang. Einen Augenblick blieb die junge Frau auf dem Perron stehen, mit ihrer Toilette beschäftigt, die sich beim Absteigen vom Wagen ein wenig verschoben hatte. Der Hof versank wieder in seine, durch das Rollen des Wagens einen Augenblick unterbrochene aristokratische Stille, in welcher blos das ewige Geplätscher der Wassermuschel vernehmbar war. Von der schwarzen Masse des Hotels, in welchem das erste der großen Herbstdiners alsbald die Kronleuchter entzünden sollte, hoben sich vorerst nur die erleuchteten Fenster des Erdgeschosses ab, die einen blendenden Schimmer auf das Pflaster des regelmäßigen Hofes warfen.

Als Renée die Thür des Vestibüls öffnete, befand sie sich dem Kammerdiener ihres Gatten gegenüber, der mit einem silbernen Theekessel in den Küchenraum hinabgehen wollte. Der Mann hatte ein tadelloses Aeußeres; er war ganz in Schwarz gekleidet, groß, stark, hatte ein weißes Gesicht, mit dem korrekten Backenbart eines Engländers und der ernsten, würdevollen Miene einer Gerichtsperson.

»Baptiste,« sprach die junge Frau zu ihm; »ist mein Gemahl zu Hause?«

»Ja, Madame; er kleidet sich an,« erwiderte der Bediente mit einem Neigen des Kopfes, um welches ein Fürst, der die Menge grüßt, ihn hätte beneiden können.

Langsam stieg Renée die Treppe hinauf, während sie ihre Handschuhe auszog.

Im Vestibüle herrschte große Pracht. Beim Eintreten in dasselbe empfand man ein leichtes Gefühl der Dämpfung. Die dicken Teppiche, welche den Boden bedeckten und sich über die Stufen legten, die schweren Tapeten aus rothem Sammt, die Thüren und Wände verhüllten, verliehen der Atmosphäre etwas Dumpfes, die schwüle Stille einer Kapelle. Aus der Höhe senkten sich Draperien herab und die sehr hohe Decke war mit vorspringenden Rosetten geschmückt, die auf einem Geflecht von Goldstäben saßen.

Die Treppe, deren doppelte Marmorballustrade mit rothem Sammt überzogen war, theilte sich in zwei leicht geschweifte Arme; zwischen welchen sich die Thür des großen Salons befand. Auf dem ersten Treppenabsatz bedeckte ein mächtiger Spiegel die ganze Wand. Am Fuße der beiden Treppenarme erhoben sich auf Marmorsockeln zwei Frauen aus Goldbronze, die nackt bis zu den Hüften, große Kandelaber mit fünf Flammen trugen, deren helles Licht durch matte Glaskugeln gedämpft wurde. Und zu beiden Seiten reihten sich herrliche Majolikagefäße, in welchen kostbare exotische Gewächse blühten.

Mit jeder Stufe, die Renée emporstieg, wurde ihr Spiegelbild größer und von den Zweifeln bewegt, welche die am meisten bewunderten Künstlerinnen beschleichen, fragte sie sich, ob sie wirklich so reizend sei, wie man ihr sagte.

In ihrem Appartement angelangt, welches im ersten Stock lag und dessen Fenster auf den Park Monceaux gingen, klingelte sie ihrer Kammerfrau Céleste und ließ sich zum Diner ankleiden. Dies währte gute fünf Viertelstunden. Nachdem auch die letzte Stecknadel angebracht worden, öffnete sie, da es in dem Zimmer zu heiß war, ein Fenster, lehnte sich hinaus und versank in tiefes Sinnen. Hinter ihr bewegte sich Céleste geräuschlos hin und her, mit dem Forträumen der verschiedenen Toilettegegenstände beschäftigt.

Unten im Park herrschte tiefstes Dunkel. Die schwarzen Massen des Laubes, durch die zeitweilig ein Windstoß fuhr, rauschten geheimnißvoll mit dem Rascheln der dürren Blätter, welche an das Verspritzen der Wogen an einem kiesigen Strande erinnern. Nur die zwei gelben Laternen eines Wagens, der durch die von der Avenue de la Reine-Hortense nach dem Boulevard Malesherbes führende lange Allee rollte, unterbrachen mitunter die Finsterniß. Angesichts dieser herbstlichen Melancholie fühlte Renée all' die Bitterniß und Trauer ihres Herzens mit einem Male neuerdings erwachen. Sie sah sich wieder als Kind in dem Hause ihres Vaters, in diesem stillen Hotel der Insel Saint-Louis, in welchem die Béraud du Chàtels seit zwei Jahrhunderten ihre steife Richterwürde behaupteten. Sodann dachte sie an den Zauberschlag ihrer Verheirathung, an diesen Wittwer, der sich verkauft hatte, um sie heirathen zu können und der seinen Namen Rougon gegen Saccard vertauschte, gegen diesen Namen, dessen zwei trockenen Silben mit der Brutalität zweier Reichen, die Gold zusammenraffen, an ihr Ohr geschlagen hatten, als sie dieselben zum ersten Mal vernahm. Er nahm sie an sich und schleuderte sie in dieses aufreibende Leben, welches ihren armen Kopf mit jedem Tage mehr zerrüttete. Darauf dachte sie mit kindlicher Freude an die schönen Spiele, die sie einst mit ihrer jüngeren Schwester Christine gespielt. Und eines Morgens wird sie ja doch aus diesem Traume erwachen, welchen sie seit zehn Jahren träumt, beschmutzt, besudelt durch eine Spekulation ihres Gatten, welche ihm selbst noch den Untergang bringen wird. Es war das gleichsam ein flüchtiges Vorgefühl. Lauter wehklagten unten die Bäume. Verwirrt durch diese Gedanken der Schmach und Buße, gab Renée dem Instinkte der ursprünglichen und ehrbaren Bürgerin nach, der in ihr schlummerte und sie versprach der schwarzen Nacht, in sich zu gehen, nicht mehr so viel auf ihre Toilette zu vergeuden und nach einem unschuldigen Spiel zu suchen, welches sie zerstreuen könnte, gleichwie in den glücklichen Zeiten des Pensionats, als die Schülerinnen auf ihren unter der Obhut der Lehrerinnen unternommenen Spaziergängen sangen: »Wir gehen nicht mehr in den Wald.«

In diesem Augenblick kehrte Céleste, die hinabgegangen war, zurück und meldete ihrer Herrin mit gedämpfter Stimme:

»Der Herr läßt Madame bitten hinabzukommen. Es befinden sich bereits Gäste im Salon.«

Renée erschauerte. Sie hatte die scharfe Luft, die um ihre nackten Schultern spielte, gar nicht verspürt. Vor dem Spiegel blieb sie einen Augenblick stehen, um sich gleichsam unbewußt anzublicken. Sie lächelte unwillkürlich und stieg hinab.

Thatsächlich waren fast alle Gäste bereits angelangt. Da war vor Allem ihre Schwester Christine, ein Mädchen von zwanzig Jahren, in einer sehr einfachen Toilette aus weißer Mousseline; ihre Tante Elisabeth, die Wittwe des Notars Aubertot, in schwarzen Satin gekleidet, eine kleine alte Dame von sechszig Jahren und ausnehmender Liebenswürdigkeit; die Schwester ihres Gatten, Sidonie Rougon, eine magere, süßliche Frau in einem nicht näher zu bestimmenden Alter und mit einem Gesicht wie aus weichem Wachs, von welchem sich ihr verblaßtes Kleid kaum unterschied; sodann die Familie Mareuil: der Vater, Herr von Mareuil, der soeben die Trauer um seine Frau abgelegt hatte, ein großer schöner Mann, ernst, hohl, dessen Aehnlichkeit mit dem Kammerdiener Baptiste auf den ersten Blick auffiel; seine Tochter, die arme Luise, wie man sie gewöhnlich nannte, ein siebenzehnjähriges Kind, schüchtern, ein wenig buckelig und mit krankhafter Grazie ein weißes Seidenkleid mit rothen Punkten tragend; ferner eine Anzahl ernster Männer, lauter Herren die sich des Besitzes verschiedenster Auszeichnungen erfreuten, offizielle Persönlichkeiten, die nichts redeten und kahle Köpfe hatten; etwas entfernter von dieser Gruppe eine andere, von jungen Herren gebildet, die lasterhafte Mienen und tief ausgeschnittene Westen hatten und fünf oder sechs höchst elegante Damen umringt hielten, unter welchen sich auch die beiden Unzertrennlichen: die kleine Marquise vom Espanet in gelber und die blonde Frau Haffner in veilchenblauer Toilette befanden. Und inmitten der langen Schleppen auf dem Teppich promenirten zwei Unternehmer, zwei reich gewordene Maurermeister, die Herren Mignon und Charrier, mit denen Saccard am nächsten Tage eine Geschäftsangelegenheit erledigen sollte, mit schweren Stiefeln, auf den Rücken gelegten Händen auf und nieder und schienen sich dabei in ihren schwarzen Salonanzügen sehr unbehaglich zu fühlen.

In der Nähe der Thür stehend redete Aristide Saccard mit einer Gruppe ernster Männer in näselndem Tone und mit seiner ganzen südlichen Lebhaftigkeit, ohne dabei einen der ankommenden Gäste zu übersehen, so daß er jeden sofort begrüßen konnte. Er drückte den Leuten die Hand und richtete liebenswürdige Worte an sie. Klein, unansehnlich, bückte und verneigte er sich wie eine Marionette und was an seiner schmächtigen, schlauen, schwärzlichen Person am meisten ins Auge stach, war das rothe Band der Ehrenlegion, welches breit und auffällig an seiner Brust prangte.

Als Renée eintrat, erhob sich ein Gemurmel der Bewunderung. Sie war in der That göttlich schön. Ueber einem, rückwärts mit einer Fluth von Falten besetzten Mullrock trug sie eine Tunique aus zartgrünem Satin, welche eine hohe englische Spitze zierte, die von großen Veilchensträußen gehalten wurde; ein einziger Besatz befand sich am Vordertheil des Rockes, auf welchem mittelst Blumenguirlanden verbundene Veilchensträußchen eine leichte Mousselindraperie festhielten. Die Anmuth des Kopfes und des Busens war bewunderungswürdig und kam über dieser Toilette, die von einer königlichen Fülle, vielleicht sogar etwas überladen war, voll zur Geltung. Das Kleid war bis zu den Brustwarzen ausgeschnitten, die Arme nackt und nur an den Schultern mit Veilchen besetzt, welche die Befestigung des Leibchens maskirten und so schien die junge Frau förmlich nackt aus ihrer Wolke von Tülle und Satin hervorzugehen, einer jener Nymphen vergleichbar, deren Oberleib aus den heiligen Eichen hervorragt. Der weiße Busen, der üppige Leib schienen bereits so erfreut über diese halbe Freiheit, daß der Blick darauf zu warten schien, das Mieder und die Röcke herabgleiten zu sehen, gleich den Kleidern einer Badenden, die sich am eigenen Fleische berauscht. Ihre hohe Frisur, die emporgekämmten blonden Haare, durch die sich ein Epheuzweiglein schlang, erhöhten noch den Eindruck der Nacktheit, da dadurch der ganze Nacken blosgelegt wurde, den blos einige krause Goldhärchen beschatteten. Um den Hals schlang sich ein reiches Diamantband, dessen Steine von bewunderungswürdigem Glanz und Reinheit waren und die Stirne zierte eine mit zahlreichen Diamanten besetzte silberne Krone. Einige Sekunden verharrte sie auf der Schwelle stehend, ihre herrliche Toilette den bewundernden Blicken preisgegeben, die zarten Schultern von dem blendenden Lichte bestrahlt. Da sie rasch herabgekommen, hob und senkte sich der volle Busen. Ihre Augen, die so lange in die Dunkelheit des Monceaux-Parkes gestarrt, zwinkerten in diesem Meer von Licht und verliehen ihr jene unsichere Miene der Kurzsichtigen, die ihr so gut stand. ließ = stand. Übersetzungsfehler, im Original: "...lui donnaient cet air hésitant des myopes, qui était chez elle une grâce.

Bei ihrem Anblicke erhob sich die kleine Marquise lebhaft, eilte auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände und sie vom Kopf bis zu den Füßen einer scharfen Musterung unterziehend, murmelte sie süß wie Flötenton:

»Oh, meine Theure, wie schön sind Sie! wie schön ...«

Es war eine allgemeine Bewegung entstanden und Jedermann kam heran, um die schöne Frau Saccard zu begrüßen, wie Renée in der Gesellschaft genannt wurde. Sie reichte fast allen Herren die Hand. Sodann umarmte sie Christine und erkundigte sich nach ihrem Vater, der sich niemals in dem Hotel des Monceaux-Parkes blicken ließ. Und da stand sie nun aufrecht, lächelnd, mit dem Kopfe freundlich nickend, die Arme weich gerundet, vor diesem Kreise von Damen, die neugierig ihr Halsband und die Haarkrone musterten.

Die blonde Frau Haffner vermochte der Versuchung nicht zu widerstehen; sie trat dichter heran, betrachtete lange das Geschmeide und fragte neidischen Tones:

»Das ist wohl das Halsband und die Haarkrone, nicht wahr?«

Renée nickte zustimmend mit dem Kopfe und nun ergingen sich all' diese Frauen in Lobeserherbungen: die Schmuckgegenstände wären herrlich, göttlich; darauf kamen sie voll neidischer Bewunderung auf den Verkauf zu sprechen, welchen Laura von Aurigny veranstaltet und bei welchem Saccard das Geschmeide für seine Frau erstanden hatte. Sie beklagten sich darob, daß ihnen diese Dirnen die schönsten Dinge raubten; bald würde es für ehrbare Frauen Diamanten gar nicht mehr geben. Und in diesen Klagen verrieth sich der brennende Wunsch, auch auf ihrem nackten Leibe eines dieser Kleinode zu fühlen, welche ganz Paris an den Schultern und um dem Nacken einer bekannten Lebedirne gesehen und welche ihnen vielleicht einige Skandalgeschichten zuflüstern würden, die sich in den Schlafzimmern zugetragen und bei welchen ihre züchtigen Träume der ehrbaren Frau so gerne verweilen. Sie kannten die hohen Preise und führten ein herrliches Kaschmirtuch, wundervolle Spitzen an. Die Haarkrone hatte fünfzehntausend, das Halsband fünfzigtausend Francs gekostet. Frau von Espanet war hingerissen durch diese Zahlen. Sie suchte nach Saccard und rief ihm zu:

»Kommen Sie doch und lassen Sie sich beglückwünschen! Das ist ein guter Gatte! Ein seltener Ehemann!«

Aristide Saccard kam näher, verneigte sich und spielte den Bescheidenen, sein grinsendes Gesicht aber verrieth die lebhafte Befriedigung, die ihn erfüllte. Dabei schielte er aus den Augenwinkeln zu den beiden Unternehmern, den zwei reich gewordenen Maurermeistern hinüber, die einige Schritte weit entfernt standen und die Ziffern fünfzehn- und fünfzigtausend mit sichtlicher Hochachtung nennen hörten.

In diesem Augenblick lehnte sich Maxime, der soeben eingetreten war und sich in seinem schwarzen Anzuge vorzüglich ausnahm, vertraulich an die Schulter seines Vaters und flüsterte ihm wie einem Kameraden etwas ins Ohr, wobei er den Maurern einen Blick zuwarf. Saccard lächelte still, wie ein Schauspieler, dem Beifall gespendet wurde.

Es langten noch einige Gäste an. Im Salon waren etwa dreißig Personen versammelt. Die Unterhaltung wurde ziemlich lebhaft geführt und während der eintretenden kurzen Pausen vernahm man trotz der trennenden Zwischenwände das leise Klirren des Porzellans und Silberzeuges. Endlich öffnete Baptiste eine breite Flügelthür und sprach die althergebrachten Worte:

»Es ist aufgetragen, Madame!«

Nun begann langsam der Zug nach dem Speisesaale. Saccard reichte der kleinen Marquise den Arm; Renée nahm den eines alten Herrn, eines Senators, des Barons Gouraud, dem Jedermann mit größter Ehrfurcht begegnete; Maxime war genöthigt, seinen Arm Luise von Mareuil zu reichen und dann kamen die übrigen Gäste in langer Reihe, am Schlusse derselben die beiden Unternehmer mit lässig baumelnden Armen.

Der Speisesaal war ein geräumiges viereckiges Gemach, dessen dunkles Wandgetäfel Manneshöhe erreichte und mit dünnen Goldeinlagen verziert war. Die vier Wandfelder hätten ursprünglich bemalt werden sollen, dies war aber nicht geschehen, da der Eigenthümer des Hauses offenbar vor einer rein künstlerischen Ausgabe zurückgeschreckt war. Sie waren also leer geblieben und blos mit grünem Sammt überzogen worden. Die Möbel, Vorhänge und Portieren aus demselben Stoffe verliehen dem Raum ein ernstes Gepräge, welches den Zweck hatte, allen Glanz und Reichthum auf dem Tisch zu konzentiren.

Und in der That glich der Tisch zu dieser Stunde, inmitten des großen persischen Teppichs, der den Schall der Tritte dämpfte, unter dem blendenden Lichte des Kronleuchters und von den Stühlen umgeben, deren mit Gold eingelegte schwarze Lehnen ihn mit einer dunkeln Linie umrahmten, einem Altar, einer leuchtenden Kapelle, wo inmitten der schneeigen Weiße des Tafeltuches die lichten Flammen des Kristalls und des Silbers schimmerten. Oberhalb der geschnitzten Lehnen, in wogendem Halbdunkel gewahrte man kaum das Wandgetäfel, ein großes niedriges Büffet, einzelne Zipfel von grünem Sammtstoff. Die Augen waren gezwungen, zu dem Tische zurückzukehren und sich an dessen Glanze zu weiden. Ein herrlicher Aufsatz aus mattem Silber mit meisterhaften Ciselirungen nahm die Mitte desselben ein; der Aufsatz selbst stellte eine Anzahl Faune dar, die Nymphen rauben und über diese Gruppe fielen aus einem mächtigen Füllhorn ganze Strähne von Naturblumen herab. Auf den beiden Tischenden trugen Vasen gleichfalls Blumen; zwei Kandelaber, deren Motiv mit dem des Mittelaufsatzes übereinstimmte, indem jeder derselben einen laufenden Satyr darstellte, der in einem Arm ein ohnmächtiges Weib, in dem anderen eine Fackel mit zehn Flammen trug, vermehrten mit ihrem Lichte das des Kronleuchters. Zwischen diesen Hauptstücken waren in symmetrischer Anordnung die den ersten Gang enthaltenden großen und kleinen Aufwärmer aufgestellt, daneben kleine Muscheln mit den Vorspeisen und getrennt durch Porzellankörbe, Kristallvasen, flache Teller und hohe Compotschüsseln, die den sich bereits auf den Tisch befindlichen Theil des Desserts enthielten. Längs der in schnurgerader Linie stehenden Teller ganze Armeen von Gläsern, Wasser- und Weinkaraffen und kleine Salzfäßchen; das gesammte Kristallzeug war dünn und leicht wie ein Hauch, ohne jede Verzierung und so durchsichtig, daß es nicht einmal einen Schatten warf. Der Mittelaufsatz und die anderen großen Stücke glichen Feuerquellen; Blitze zuckten aus dem blank gescheuerten Kupfer der Aufwärmer; die Gabeln, Löffel und Messer warfen Funkengarben, die Gläser und Pokale schillerten in allen Farben des Regenbogens und inmitten dieses Regens von Licht und Feuer warfen die Weinflaschen rothe Schatten auf den Schnee des Tafeltuches.

Die Gäste, die den Damen zulächelten, die sie am Arme hatten, fühlten sich beim Eintritt in diesen Raum von einer behaglichen Empfindung erfaßt. Die Blumen verliehen der lauen Luft eine gewisse Frische. Schwacher Dunst vermengte sich mit dem Dufte der Rosen, mit dem herben Geruch der Krebse und der scharfen Säure der Zitronen.

Als Jedermann seinen am Rande der Speisekarte vermerkten Namen gefunden, gab es vorerst ein allgemeines Rücken der Stühle, ein helles Rauschen der seidenen Kleider. Die mit Diamanten bestreuten nackten Schultern, neben welchen sich der schwarze Frack blos als Folie ausnahm, die jene mehr hervortreten ließ, erhöhten durch ihre Milchweiße den Glanz der Tafel. Inmitten des zwischen einzelnen Nachbarn gewechselten Lächelns, unter halblautem Gespräch, welches das gedämpfte Klappern der Löffel übertönte, begann das Mahl. Baptiste kam seinen Verrichtungen als Haushofmeister mit der ernsten Würde eines Diplomaten nach; außer zwei Bedienten standen ihm noch vier Gehilfen zur Seite, die er blos bei großen Diners heranzog. Bei jedem Gange, welcher aufgetragen und im Hintergrunde des Saales auf einem Serviertische zerlegt wurde, schritten drei Bediente lautlos um den Tisch und boten die betreffende Speise bei ihrem Namen an. Die anderen gossen Wein ein und beaufsichtigten Brod und Flaschen. Auf- und Abtragen ging so geräuschlos von Statten, daß Niemand gestört wurde.

Die Gäste waren zu zahlreich, als daß die Unterhaltung eine allgemeine hätte werden können. Doch beim zweiten Gange, als Braten und süße Speise aufgetragen wurden und schwere Weine, wie Burgunder, Pomard, Chambertin an Stelle der leichteren Sorten, als Léoville und Chateau-Lafitte traten, nahm das Geräusch der Stimmen zu und das laute Lachen mochte den dünnen Kristall erbeben. Renée, die den Mittelsitz an der Tafel einnahm, hatte zu ihrer Rechten den Baron Gouraud, zu ihrer Linken Herrn Toutin-Laroche, einen ehemaligen Kerzenfabrikanten, späteren Munizipalrath und nunmehrigen Direktor des Credit Viticole, Mitglied des Aufsichtsrathes der marokkanischen Hafengesellschaft, ein magerer, ansehnlicher Mann, den der ihm zwischen Frau von Espanet und Frau Haffner gegenübersitzende Saccard mit schmeichelnder Stimme bald »mein lieber Kollege«, bald »unser großer Administrator« ansprach. Sodann kamen die Männer der Politik: Herr Hupel de la Noue, ein Präfekt, der acht Monate des Jahres in Paris verbrachte; drei Abgeordnete, unter denen auch das breite elsässische Gesicht des Herrn Haffner glänzte; sowie Herr von Saffré, ein sehr liebenswürdiger junger Mann und Sekretär eines Ministers; Herr Michelin, Chef der Straßenbau-Verwaltung und noch andere hohe Beamte. Herr von Mareuil, der ewig die Deputirtenwürde anstrebte, dehnte und reckte sich dem Präfekten gegenüber, dem er einschmeichelnde Blicke zuwarf. Was Herrn von Espanet betraf, so begleitete er seine Frau niemals in Gesellschaft. Die zur Familie gehörenden Damen waren zwischen den bedeutenderen Persönlichkeiten untergebracht: nur Saccard hatte seine Schwester Sidonie etwas entfernter zwischen den beiden Unternehmern – Herrn Charrier zur Rechten, Herrn Mignon zur Linken – wie auf einen Vertrauensposten gepflanzt, wo es sich darum handelte, den Sieg zu erringen. Frau Michelin die Gattin des Bureau-Chefs, eine hübsche, üppige Brünette, befand sich neben Herrn von Saffré, mit dem sie sich lebhaft und mit leiser Stimme unterhielt. An den beiden Enden der Tafel befand sich die Jugend: Auditore vom Staatsrathe, die Söhne einflußreicher Väter, angehende Millionäre, Herr von Mussy, der Renée verzweifelte Blicke zuwarf und Maxime mit Luise von Mareuil zu seiner Rechten, die ihn ganz in Anspruch zu nehmen schien. Allmälig fingen sie sogar an laut zu lachen. Von dieser Stelle ging die Heiterkeit aus.

Herr Hupel de la Noue fragte zuvorkommend:

»Werden wir das Vergnügen haben, heut Abend Seine Exzellenz zu begrüßen?«

»Ich glaube nicht,« erwiderte Saccard mit wichtiger Miene, die einen geheimen Aerger verbarg. »Mein Bruder ist ungemein in Anspruch genommen! ... Er schickte uns seinen Sekretär, Herrn von Saffré, damit er uns seine Entschuldigung überbringe.«

Der junge Mann, der Frau Michelin ganz in Beschlag genommen hatte, hob den Kopf empor, als er seinen Namen nennen hörte und in der Meinung, man habe zu ihm gesprochen, warf er auf gut Glück hin:

»Ja, ja; heute Abend um neun Uhr soll beim Justizminister eine Ministerkonferenz stattfinden.«

Während dieser Zeit fuhr Herr Toutin-Laroche, der unterbrochen worden, mit größtem Ernst zu sprechen fort, als hätte er bei gespanntester Aufmerksamkeit im Munizipalrath eine Rede gehalten:

»Die Ergebnisse sind vorzügliche. Diese Anleihe der Stadt wird stets eine der schönsten finanziellen Operationen unserer Zeit genannt werden. Ah! meine Herren ...«

Hier wurde seine Stimme abermals durch lautes Gelächter übertönt, welches mit einem Male an einem Ende der Tafel erscholl. Inmitten dieses Heiterkeitsausbruches konnte man die Stimme Maxime's vernehmen, der eine begonnene Anekdote vollendete: »Warten Sie doch, ich bin noch nicht fertig. Ein armer Wegarbeiter hob die kühne Amazone auf. Man behauptet, sie habe ihn einer vortrefflichen Erziehung theilhaftig werden lassen, um ihn später zu heirathen. Sie will nicht, daß sich außer ihrem Gatten noch Jemand rühmen könne, ein gewisses schwarzes Mal oberhalb ihres Kniees gesehen zu haben.« – Von Neuem erscholl lautes Lachen; auch Luise lachte unbefangen, lauter noch als die Herren. Und inmitten dieser Heiterkeit schob sich wie taub der ernste Kopf eines Bedienten neben jedem Gaste hin, um ihm leisen Tones getrüffeltes Huhn anzubieten.

Aristide Saccard war ungehalten über die geringe Aufmerksamkeit, welche man Herrn Toutin-Laroche zutheil werden ließ. Und um ihm zu beweisen, daß er ihm Gehör geschenkt, wiederholte er:

»Die städtische Anleihe ...«

Herr Toutin-Laroche aber war nicht der Mann, der sich aus dem Konzepte bringen läßt und als sich das allgemeine Gelächter ein wenig gelegt hatte, nahm er von Neuem auf:

»Oh! meine Herren, der gestrige Tag brachte uns einen großen Trost, da ja unsere Verwaltung so vielen unlauteren Angriffen ausgesetzt ist. Man beschuldigt den Magistrat, die Stadt zu Grunde zu richten und nun sehen Sie, daß sobald die Stadt ein Anlehen aufnehmen will, uns von allen Seiten, selbst von den ärgsten Schreiern, Geld in Hülle und Fülle angeboten wird«

»Sie haben ein Wunder vollbracht,« sagte Saccard. »Paris ist die Hauptstadt der Welt geworden.«

»Ja, das ist wirklich wunderbar,« unterbrach ihn Herr Hupel de la Noue. »Denken Sie doch, ich, der ich ein alter Pariser bin, erkenne mein Paris nicht mehr! Als ich gestern vom Stadthause nach dem Luxembourg-Garten gehen wollte, verirrte ich mich. Erstaunlich, in der That!«

Eine Pause trat ein. Alle ernsten Herren hörten jetzt aufmerksam zu.

»Die gänzliche Umänderung der Stadt,« fuhr Herr Toutin-Laroche fort, »wird der Regierung zum Ruhme gereichen. Das Volk ist undankbar; es sollte die Füße des Kaisers küssen. Ich äußerte mich heute Morgens in diesem Sinne auch in der Magistratssitzung, wo man von dem großen Erfolge des Anlehens sprach. »Meine Herren, sagte ich, lassen Sie diese oppositionellen Krakehler schreien; Paris umstürzen heißt dasselbe fruchtbar machen.«

Lächelnd schloß Saccard die Augen, wie um den geistreichen Sinn dieser Worte besser zu genießen. Er neigte sich hinter dem Rücken der Frau von Espanet zu Herrn Hupel de la Noue und bemerkte laut genug, daß es Jedermann vernehmen konnte:

»Er hat einen bewunderungswürdigen Geist.«

Seitdem von den öffentlichen Arbeiten der Stadt die Rede war, hielt Herr Charrier den Hals vorgestreckt, als wollte er an der Unterhaltung theilnehmen. Sein Verbündeter, Herr Mignon, der mit Frau Sidonie beschäftigt war, wurde von dieser entsprechend bearbeitet. Seit dem Beginn des Diners überwachte Saccard die beiden Unternehmer verstohlen.

»Die Stadtverwaltung hat viel guten Willen angetroffen,« sagte er jetzt, »Jedermann wollte das Seinige zu dem großen Werke beitragen. Ohne den ausgiebigen materiellen Beistand, welcher der Stadt von allen Seiten entgegengebracht wurde, waren diese Erfolge schwerlich erzielt worden.«

Er wandte sich zu den beiden Maurermeistern und fügte mit einer Art brutaler Schmeichelei hinzu:

»Die Herren Mignon und Charrier wüßten Einiges davon zu erzählen; sie, die ihren Antheil an der Mühe hatten, aber auch den Ruhm mitgenießen werden.«

Die reich gewordenen Maurer nahmen die Worte mit behaglichem Schmunzeln hin. Mignon, zu dem Frau Sidonie gerade gezierten Tones sagte: »Ach, mein Herr, Sie schmeicheln nur; die rosa Farbe wäre zu jugendlich für mich ...« wandte sich inmitten des Satzes weg von ihr, um Saccard zur Antwort zu geben:

»Sie sind sehr gütig; wir haben unser Geschäft dabei gemacht.«

Charrier aber ging schlauer ins Zeug. Er leerte sein Glas Pomard und brachte die Phrase zu Stande:

»Die öffentlichen Arbeiten haben dem Arbeiter Brod gegeben.«

»Aber auch den finanziellen und gewerblichen Angelegenheiten einen herrlichen Aufschwung,« fügte Herr Toutin-Laroche hinzu.

»Die künstlerische Seite nicht zu vergessen! Die neuen Straßenanlagen sind majestätisch!« bemerkte Herr Hupel de la Noue, der sich etwas darauf zu Gute that, daß er Geschmack hatte.

»Ja, ja, es ist ein schönes Stück Arbeit,« murmelte Herr von Mareuil, nur um auch etwas zu sagen.

»Und was die Ausgaben betrifft,« erklärte der Abgeordnete Haffner, der den Mund nur bei großen Anlässen öffnete; »so werden unsere Kinder für dieselben aufkommen und das wird nur recht und billig sein.«

Und da er bei diesen Worten Herrn von Saffré anblickte, mit dem die niedliche Frau Michelin seit einigen Minuten zu schmollen schien, so wiederholte der junge Sekretär, um zu beweisen, daß er dem Gespräche gefolgt war:

»In der That, das wird nur recht und billig sein.«

Unter der Gruppe, welche die ernsten Männer in der Mittelpartie des Tisches bildeten, hatte Jedermann seine Bemerkung gemacht. Herr Michelin, der Bureau-Chef, lächelte und wiegte den Kopf; dies war für gewöhnlich seine Art und Weise, an einer Unterhaltung theilzunehmen. Er lächelte um zu grüßen, zu antworten, um beizustimmen, zu danken, um Abschied zu nehmen; er hatte eine ganze Sammlung solcher Lächeln und diese enthoben ihn fast immer der Nothwendigkeit des Sprechens, was seiner Ansicht nach offenbar höflicher und für seine Beförderung vortheilhafter war.

Eine zweite Person verhielt sich gleichfalls schweigend: der Baron Gouraud, der langsam, mit halb geschlossenen Augen kaute, wie ein Ochs. Bislang war er von dem Inhalte seines Tellers vollkommen in Anspruch genommen worden und Renée, die ihm besondere Fürsorge zutheil werden ließ, hatte nichts als von Zeit zu Zeit ein Knurren der Zufriedenheit von ihm herauszubringen vermocht. Man war daher nicht wenig überrascht, als man ihn den Kopf erheben sah und – während er sich die Lippen vom Fett trocknete – sagen hörte:

»Ich bin Hauseigenthümer und wenn ich eine Wohnung renoviren und neu malen lasse, so erhöhe ich den Miethzins.«

Die Worte des Herrn Haffner: »Unsere Kinder werden zahlen,« hatten die Aufmerksamkeit des Senators erweckt. Jedermann gab seinen Beifall zu erkennen und Herr von Saffré rief aus:

»Ausgezeichnet! Dieser Einfall verdient, in den Zeitungen gedruckt zu werden.«

»Sie haben Recht, meine Herren, die Zeiten sind günstig,« sagte Herr Mignon inmitten der Lächeln und zustimmenden Bemerkungen, zu welchen die Worte des Barons Anlaß geboten. »Ich kenne so Manchen, der sich dank derselben ein nettes Vermögen erwarb. Ja, wenn sich Geld verdienen läßt, ist Alles schön und gut.«

Die letzten Worte wirkten peinlich auf die ernsten Herren. Die Unterhaltung brach jählings ab und Jedermann vermied es, seinen Nachbar anzublicken. Die Bemerkung des Maurers hatte die Herren erschreckt. Michelin, der Saccard gerade mit freundlicher Miene betrachtete, hörte auf zu lächeln, da er fürchtete, einen Augenblick den Anschein gehabt zu haben, als wollte er die Worte des Unternehmers auf den Hausherrn anwenden. Dieser warf einen Blick auf Frau Sidonie, die sofort wieder über Herrn Mignon herfiel, indem sie sagte: »Sie sind also ein Freund der rosa Farbe ...« Darauf richtete Saccard eine letzt« Schmeichelei an Frau von Espanet; dabei berührte sein schwärzliches, unansehnliches Gesicht beinahe die milchweißen Schultern der jungen Frau, die sich leise kichernd in ihren Stuhl zurücklehnte.

Man war beim Nachtisch angelangt. Rascher schritten die Bedienten um den Tisch. Man verzehrte Obst und Backwerk. An dem Ende der Tafel, an welchem Maxime saß, wurde das Gelächter immer lauter und man vernahm die etwas scharfe Stimme Luisens sagen: »Ich versichere Ihnen, daß Sylvia in ihrer Rolle als Dindonnette ein blaues Seidenkleid trug,« während eine andere Kinderstimme hinzufügte: »Allerdings; doch war dasselbe mit weißen Spitzen besetzt.« – Die Luft war heiß; die gerötheten Gesichter schienen ein innerliches Wohlbehagen auszudrücken. Zwei Lakaien schritten um den Tisch und gossen Alicante und Tokajer ein.

Vom Anbeginne des Diners schien Renée zerstreut. Mit einem mechanischen Lächeln kam sie ihren Hausfrauenpflichten nach. Bei jedem neuen Ausbruch der Heiterkeit, der von dem Tischende herüberschallte, an welchem Maxime und Luise saßen, die wie zwei gute Kameraden mit einander scherzten, warf sie einen funkelnden Blick hinüber. Sie langweilte sich; die ernsten Herren waren ihr in der Seele zuwider. Frau von Espanet und Frau Haffner warfen ihr verzweifelte Blicke zu.

»Und wie lassen sich die bevorstehenden Wahlen an?« wandte sich Saccard plötzlich an Herrn Hupel de la Noue.

»Vortrefflich,« erwiderte dieser lächelnd; »nur für mein Departement habe ich noch keinen bestimmten Kandidaten. Es scheint, daß die Regierung noch unentschlossen ist,«

Herr von Mareuil, der Saccard mit einem raschen Blick dafür gedankt, daß er diesen Gegenstand zur Sprache gebracht, schien auf glühenden Kohlen zu sitzen. Er erröthete leicht und machte eine verlegene Verbeugung, als sich der Präfekt an ihn wendend, fortfuhr:

»Man hat mir schon wiederholt von Ihnen gesprochen, mein Herr. Ihre ausgedehnten Besitzungen in meinem Departement haben zur Folge, daß Sie sich zahlreicher Freunde rühmen können und man weiß, wie ergeben Sie dem Kaiser sind. Sie haben viele Aussichten für sich.«

»Papa, nicht wahr, die kleine Sylvia verkaufte im Jahre 1849 Zigarretten in Marseille?« rief in diesem Augenblick Maxime vom anderen Tischende herüber.

Und da sich Aristide Saccard den Anschein gab, als hätte er nicht gehört, fügte der junge Mann leiser hinzu:

»Mein Vater hat sie genau gekannt.«

Ersticktes Lachen wurde hörbar. Da aber Herr von Mareuil noch immer lächelte, so bemerkte Haffner gemessenen Tones:

»In der gegenwärtigen Epoche selbstsüchtiger Demokratie ist die Treue und Ergebenheit für den Kaiser die alleinige Tugend, der einzige Patriotismus. Wer den Kaiser liebt, liebt Frankreich. Es würde uns mit besonderer Genugthuung erfüllen, wenn Sie, mein Herr, unser Kollege werden sollten.«

»Herr von Mareuil wird den Sieg ganz zweifellos erringen,« sagte nun auch Herr Toutin-Laroche. »Die großen Vermögen sollten sich ausnahmslos um den Thron schaaren.«

Nun hielt Renée nicht länger an sich. Die Marquise, die ihr gegenüber saß, unterdrückte ein Gähnen. Und als Saccard von Neuem das Wort ergreifen wollte, wandte sie sich zu ihm und sagte mit liebenswürdigem Lächeln:

»Um Gotteswillen, mein Freund, haben Sie Erbarmen mit uns! Lassen Sie doch Ihre häßliche Politik bei Seite.«

Worauf ihr Herr Hupel de la Noue, galant wie nur ein Präfekt, beistimmte und versicherte, daß die Damen Recht hätten. Er begann eine zweideutige Geschichte zu erzählen, die sich in seiner Kreisstadt zugetragen. Die Marquise, Frau Haffner und die anderen Damen lachten laut und herzlich bei gewissen Einzelheiten. Der Präfekt erzählte in sehr pikanter Weise, mit Andeutungen, hielt hier an und betonte dort eine Stelle, was den unschuldigsten Worten einen sehr schlüpfrigen Anstrich verlieh. Darauf sprach man von dem ersten Empfange der Herzogin, von einer Posse, die gestern zur Darstellung gelangt war, über den Tod eines Dichters und die letzten Herbstrennen. Herr Toutin-Laroche, der zu gewissen Stunden auch liebenswürdig sein konnte, verglich die Frauen mit Rosen; in seiner Verwirrung, in die ihn seine Kandidaten-Aussichten gestürzt, fand Herr von Mareuil sogar einige tiefsinnige Worte über die neuen Formen der Hüte. Renée aber blieb zerstreut.

Die Gäste aßen nicht mehr. Ein heißer Wind schien über den Tisch hinweg gefahren zu sein, der die Gläser leerte, das Brod zerbröckelte, die Obstschalen auf den Tellern schwarz anhauchte und die schöne Symmetrie des Geschirrs zerstörte. Welk hingen die Blumen in den großen ziselirten Silbervasen herab. Ermattet vergaßen sich die Gäste einen Augenblick angesichts dieser Ueberreste des Nachtisches, ohne den Muth zu haben, sich zu erheben. Einen Arm auf den Tisch gestützt, halb vornüber gebeugt, hatten fast Alle den hohlen Blick, die unbestimmte Abgespanntheit jener mäßigen und verschämten Trunkenheit der Leute der besseren Gesellschaftsklasse, die sich unmerklich, allmälig berauschen. Man lachte nicht mehr und nur spärlich wurden noch Worte gewechselt. Man hatte viel gegessen und getrunken und dies ließ die dekorirten Herren noch ernster dreinschauen. In der dumpfen, schwülen Luft des Gemaches fühlten die Damen, wie sich ihnen Stirne und Nacken mit feuchtem Schweiß bedeckten. Ernst, ein wenig bleich, als schwindelte es sie, harrten sie des Augenblicks, da man sich in den Salon begeben würde. Frau von Espanet war ganz roth, während die Schultern der Frau Haffner die Farbe des Wachses angenommen hatten. Indessen betrachtete Herr Hupel de la Noue den Griff eines Messers; Herr Toutin-Laroche warf Herrn Haffner noch vereinzelte abgerissene Sätze zu, welche dieser mit einem Nicken des Kopfes entgegennahm und Herr von Mareuil träumte, wobei er Herrn Michelin ansah, der ihm leise zulächelte. Was die hübsche Frau Michelin betraf, so sprach sie schon lange nicht; Hochroth im Gesichte ließ sie eine Hand herabhängen, welche Herr von Saffré unter dem Tafeltuch in der seinigen halten mochte, denn er hatte einen Arm linkisch auf den Rand des Tisches gestützt und dabei waren seine Brauen gerunzelt, seine Stirne in tiefe Falten gelegt, als dächte er über ein schwieriges algebraisches Problem nach. Auch Frau Sidonie hatte gesiegt; die Herren Mignon und Charrier stützten sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und ihr zugewendet, schienen sie mit besonderer Genugthuung ihre vertraulichen Mittheilungen entgegenzunehmen; die würdige Dame gestand ihnen, daß sie eine Freundin der Milchwirtschaft sei und sich vor Gespenstern fürchte. Aristide Saccard selbst, der mit halb geschlossenen Augen sich dem behaglichen Gefühl eines Hausherrn hingab, der sich bewußt ist, seinen Gästen in anständiger Weise einen gelinden Rausch beigebracht zu haben, dachte nicht daran, die Tafel zu verlassen; mit achtungsvoller Zärtlichkeit beobachtete er den Baron Gouraud, der schwerfällig, der behaglichen Beschäftigung der Verdauung hingegeben, auf dem weißen Tafeltuch seine rechte Hand ruhen hatte, – die Hand eines sinnlichen Greises, kurz, dick, mit blauen Flecken und rothen Haaren reich besäet.

Mechanisch trank Renée die wenigen Tropfen Tokajer aus, die noch in ihrem Glase geblieben. Siedend stieg ihr das Blut in die Wangen; die kurzen blonden Haare an der Stirne und im Nacken flatterten wie von einem feuchten Hauche bewegt. Ihre Nasenflügel, die Lippen zuckten nervös; ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines Kindes, welches ungewässerten Wein getrunken. Wenn ihr angesichts der Dunkelheit des Monceaux-Parkes gut spießbürgerliche Gedanken gekommen waren, so verschwanden dieselben zu dieser Stunde, unter der Aufregung, hervorgerufen durch die Gerüchte, den Wein, das blendende Licht, die betäubende Atmosphäre, inmitten dieses sinnverwirrenden Getriebes, welches den Athem heißer, das Blut rascher kreisen machte. Sie tauschte kein ruhiges Lächeln mehr mit ihrer Schwester Christine und ihrer Tante Elisabeth, die sich bescheiden und schüchtern verhielten und kaum zu sprechen wagten. Durch einen harten Blick hatte sie den armen Mussy gezwungen, die Augen niederzuschlagen. Obschon sie es jetzt vermied, sich umzuwenden und sich gegen die Lehne ihres Stuhles stemmte, was ein leises Knistern ihres seidenen Mieders zur Folge hatte, so erschauerten trotz ihrer scheinbaren Zerstreutheit ihre Schultern leise, so oft ein neuer Heiterkeitsausbruch von der Ecke her ertönte, an welcher sich Maxime und Luise inmitten der immer allgemeiner werdenden Stille noch immer laut genug unterhielten.

Und hinter ihr, halb vom Schatten verdeckt, stand die den in Unordnung gerathenen Tisch und die ermatteten Gäste hoch überragende Gestalt Baptiste's mit unbewegtem, bleichem Gesicht, ernster Miene und der verächtlichen Haltung eines Lakaien, der seine Gebieter gemästet hat. In der von Trunkenheit schweren Atmosphäre, unter dem grellen Lichte der Kronleuchter behielt er allein sein korrektes Aussehen bei, mit seiner silbernen Kette um den Hals, seinen kalten Augen, denen der Anblick der nackten Schultern der Frauen keinen wärmeren Strahl entlockte. Er glich einem Eunuchen, der den verlotterten Parisern des zweiten Kaiserreiches aufwartete und dabei nichts von seiner Würde verlor.

Endlich stand Renée mit einer nervösen Bewegung auf; Jedermann folgte ihrem Beispiel. Man begab sich in den Salon, wo der Kaffee aufgetragen wurde.

Der große Salon des Hauses war ein langer, weiter Raum, eine Art Galerie, die sich von einem Pavillon zum anderen erstreckte und die ganze Gartenfront des Gebäudes einnahm. Eine breite Glasthür führte auf den Perron. In dem weiten Raum schimmerte Alles in Gold. Die leicht gerundete Decke war mit zahllosen Schnörkeln bedeckt, die um große vergoldete Medaillons liefen, welche gleich Wappenschildern funkelten. Rosetten, Guirlanden zogen sich längs der Wölbung hin: Goldlinien erstreckten sich wie flüssiges Metall über die Wände und umrahmten die in rother Seide gehaltenen Wandfüllungen; Rosenbüschel hingen neben den Spiegeln herab. Ueber das Parquet breitete ein Aubussonteppich seine purpurnen Blumen aus. Die rothen Seidenmöbel, die Vorhänge und Portièren aus demselben Stoff, die mächtige Muscheluhr, die auf dem Kamin stand, die auf den Konsols stehenden chinesischen Vasen, die Füße der mit Florentiner Mosaik eingelegten zwei langen Tische bis zu den in den Fensternischen stehenden Blumenständern – Alles schimmerte in Gold, Alles war überladen mit Gold, In den vier Ecken standen vier große Lampen auf rothen Marmorsockeln, an welchen sie mit Ketten von Goldbronze befestigt waren, die in anmuthigen Bogen herunterhingen. Außerdem hingen von der Decke drei große Kronleuchter mit Kristallprismen herab, die in einem Meere von rothem und blauem Lichte schimmerten und deren blendendes Licht alles Gold des Raumes scharf hervortreten ließen.

Nach kurzer Zeit zogen sich die Herren in das Rauchzimmer zurück. Herr von Mussy nahm vertraulich den Arm Maximes in den seinigen, den er noch vom Colleg her kannte, obschon er sechs Jahre älter war als er. Er zog ihn mit sich auf die Terrasse hinaus und nachdem sie ihre Zigarren angezündet, begann er sich bitter über Renée zu beklagen.

»Was hat sie denn, sagen Sie es mir doch? Ich sah sie gestern, sprach sogar mit ihr und da war sie anbetungswürdig. Und nun behandelt sie mich in einer Weise, als wäre Alles zu Ende zwischen uns. Welches Verbrechen mag ich begangen haben? Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, bester Maxime, wenn Sie sie befragen und ihr sagen wollten, wie sehr ich unter dieser Kälte leide.«

»Das werde ich hübsch bleiben lassen!« erwiderte Maxime lachend. »Renée hat heute ihre Nervenzufälle und ich bin gar nicht begierig, den Ansturm derselben auszuhalten. Bitte, besorgen Sie derlei Dinge gefälligst selbst.«

Und nachdem er an seiner Havanna langsam einen Zug gethan, fügte er hinzu:

»Sie wollen mich da eine nette Rolle spielen lassen!«

Herr von Mussy aber sprach ihm von seiner lebhaften Freundschaft und erklärte dem jungen Manne, daß er blos auf eine Gelegenheit warte, um ihm zu beweisen, wie sehr er ihm ergeben sei. Er sei sehr unglücklich, er liebe Renée unbeschreiblich! »Nun gut!« sagte Maxime endlich; »ich werde es ihr sagen. Aber versprechen kann ich nichts; ich zweifle gar nicht daran, daß sie mich mit einer langen Nase fortschicken wird.«

Damit kehrten sie in das Nebenzimmer zurück und ließen sich in den bequemen Fauteuils nieder. Hier erzählte Herr von Mussy während einer geschlagenen halben Stunde seinem jungen Freunde alles Leid, welches ihn bewegte; zum zehnten Mal schilderte er ihm, wie er sich in seine Stiefmutter verliebt, wie ihn diese ausgezeichnet habe und während Maxime seine Zigarre zu Ende rauchte, ertheilte er ihm Rathschläge, erklärte er ihm, wie launisch Renée sei und unterwies ihn, wie er sich benehmen müsse, um sie zu beherrschen.

Saccard hatte sich in einiger Entfernung von den jungen Leuten niedergelassen, was Herrn von Mussy veranlaßte, in seinen Ergüssen innezuhalten, während Maxime seinen Vortrag mit den Worten beschloß:

»Ich an Ihrer Stelle würde nach Hußaren-Art zu Werke gehen; sie hat das gerne.«

Am Ende des Salons gelegen, nahm das Rauchzimmer einen jener runden Räume ein, welche die kleinen Thürme bildeten. Dasselbe war in reichem Styl gehalten. An den Wänden eine Tapete, die eine Nachahmung des Korduanleders war, Vorhänge und Portièren in algierischem Styl und an Stelle des Teppichs ein Mokade-Stoff mit persischem Muster. Die mit holzfarbenem Chagrinleder überzogene Einrichtung bestand aus kleinen Tabourets, Fauteuils und einem sich längs der runden Wand hinziehenden Divan. Der kleine Kronleuchter, der von der Decke herabhing, die Verzierungen der Rauchschränke, sowie die Kamingarnitur waren aus blaßgrüner florentiner Bronze.

Bei den Damen waren nur einige junge Leute und mehrere alte Herren mit weichen, blassen Gesichtern, die einen Abscheu vor Tabak hatten, zurückgeblieben. Im Rauchzimmer wurde gelacht und in sehr freier Weise gescherzt. Herr Hupel de la Noue trug ganz ungemein zur Erheiterung der Herren bei, indem er die Geschichte, die er schon bei Tische zum Besten gegeben, von Neuem vortrug, diesmal aber mit Details vermehrt und gewürzt, deren er sich zum ersten Mal enthalten. Dies war seine Spezialität; er verstand eine Anekdote stets auf zweierlei Weise vorzutragen, – einmal wie sie Damen, dann wie sie Herren aufgetischt werden durfte. Als Aristide Saccard eintrat, wurde er umringt und beglückwünscht und als er nicht zu verstehen schien, theilte ihm Herr von Saffré in sehr beifällig aufgenommenen Worten mit, daß er sich ganz ungemein um das Vaterland verdient gemacht habe, als er verhinderte, daß die schöne Laura d'Auriguy zu den Engländern übergehe.

»Nein, wahrhaftig, meine Herren, Sie befinden sich im Irrthum,« erklärte Saccard mit falscher Bescheidenheit.

»Ach, sträube Dich doch nicht!« rief ihm Maxime scherzhaft zu. »In Deinem Alter ist Das sehr schön gehandelt.«

Der junge Mann warf seine Zigarre weg und kehrte in den Salon zurück. Es waren noch viele Gäste gekommen. In dem weiten Räume wimmelte es von Herren in schwarzen Fräcken, die herumstanden und mit halblauter Stimme plauderten und von Damen, die in ihren Gesellschaftsroben breit auf den Causeusen saßen. Schon begannen die Lakeien Eis und Punsch auf silbernen Tassen herumzureichen.

Maxime, der mit Renée sprechen wollte, durchschritt den großen Salon der Länge nach, wohl wissend, wo er den Damenzirkel finden würde. Am anderen Ende des Saales, gleichsam als Gegenstück zu dem Rauchzimmer befand sich ein runder Raum, aus welchem man einen allerliebsten kleinen Salon zurechtgemacht hatte. Mit seinen Tapeten, seinen Vorhängen und Portièren aus golddurchwirkter Seide bot er einen Anblick, der ebenso wollüstig, als originell und einladend wirkte. Das zart vertheilte Licht des Kronleuchters wirkte wie eine Symphonie in Moll inmitten dieser sonnigen Umgebung. Es war wie ein Geriesel gedämpfter Strahlen über dem in phantastischem Muster gehaltenen Aubussonteppich. Ein mit Perlmutter eingelegter Ebenholzflügel, zwei niedrige Möbelstücke, deren Spiegel zahllose kleine Nippes sehen ließen, ein Tisch im Style Ludwigs XVI. und ein Blumentisch mit köstlichen Blumen genügten als Einrichtung dieses Raumes. Die Fauteuils, Tabourets und Divans waren mit blauem Seidenzeug überzogen, über welches sich breite, mit blühenden Tulpen bestickte schwarze Seidenbänder spannten. Außer diesen Sitzmöbeln waren noch andere kleine Schemel vorhanden, die in den verschiedensten Abwechselungen zum Sitzen einluden. Man sah das Holz dieser Möbel gar nicht; überall war dasselbe mit Seide und Polsterungen bedeckt. Die Kissen der Divans legten sich weich und schmiegsam zurück. Jeder derselben glich einem verschwiegenen Lager, auf welchem man nach Herzenslust lieben und träumen konnte, inmitten der Symphonie in Moll.

Renée liebte diesen kleinen Salon, der durch eine Glasthür mit dem herrlichen Treibhause in Verbindung stand, welches sich an das Hotel schmiegte. Während des Tages verbrachte sie ganze Stunden daselbst. Die in gelblichen Tönen gehaltenen Tapeten verdunkelten ihr blondes Haar nicht, sondern umgaben es mit einem goldenen Glorienschein; ihr Kopf hob sich weiß und rosig von der üppigen Umgebung ab, gleich dem einer blonden Diana, die im Morgenlichte erwacht und so liebte sie denn dieses Gemach zweifellos, weil es ihre Schönheit voll zur Geltung kommen ließ.

Heute Abend hatte sie sich mit ihren Vertrauten hieher zurückgezogen. Ihre Schwester und ihre Tante hatten sich bereits entfernt. Es waren nur mehr die Tollköpfchen da. In halb liegender Stellung nahm Renée in einem Fauteuil hingegossen die vertraulichen Mittheilungen ihrer Freundin Adeline entgegen, die ihr lachend und kichernd ins Ohr flüsterte. Susanne Haffner war stark umschwärmt; sie befand sich inmitten einer Gruppe junger Leute, die ihr hart zusetzten, ohne daß sich ihr deutsches Schmachten, ihre herausfordernde Frechheit, die nackt und kalt war wie ihre Schultern, verleugnet hätte. In einer Ecke unterwies Frau Sidonie mit leiser Stimme eine junge Frau, die züchtig und verschämt drein blickte. Etwas weiter plauderte Luise mit einem großen schüchternen Jüngling, der jeden Augenblick erröthete, während der Baron Gouraud ganz ungezwungen in einem Fauteuil schlummerte und sein Schmerbauch und feistes Gesicht sich inmitten der zarten Anmuth und schlanken Gestalten der Damen breit machten. Und über die wie Porzellan glänzenden seidenen Toiletten, über die Schultern, deren Milchweiße mit Diamanten bestreut war, breitete eine feenhafte Beleuchtung einen goldenen Schimmer aus. In dem Gemach herrschte eine drückende Hitze. Langsam bewegten sich die Fächer gleich ebensovielen Flügeln, mit jedem Schlag einen Hauch der den Leibchen entquellenden scharfen Parfüms in die Luft sendend.

Als Maxime im Thürrahmen erschien, richtete sich Renée, die der Marquise nur zerstreut Gehör schenkte, lebhaft empor, indem sie sich den Anschein gab, als müßte sie ihren Pflichten als Hausfrau nachkommen. Sie begab sich in den großen Salon, wohin ihr auch der junge Mann folgte. Dort machte sie einige Schritte, lächelte, theilte Händedrücke aus und sagte dann, indem sie Maxime zur Seite zog, halblauten Tones und ironisch lächelnd:

»Der Frohndienst scheint denn doch nicht so schlimm zu sein, ja, es ist wohl ganz angenehm, ihr den Hof zu machen?«

»Ich verstehe nicht«, erwiderte der junge Mann, der sich für Herrn von Mussy zu verwenden gedachte. »Es scheint aber, als hätte ich wohlgethan, Dir Luise nicht vom Halse zu nehmen. Ihr Beide macht die Sache schnell.«

Und gleichsam ärgerlich fügte sie hinzu:

»Das war bei Tische geradezu unschicklich.«

Maxime begann zu lachen.

»Ach ja! wir haben uns Geschichten erzählt. Ich kannte das kleine Ding gar nicht. Sie ist ordentlich drollig. Sie schaut aus wie ein Junge.«

Und da Renée noch immer die gereizte Miene einer in ihrem moralischen Gefühl verletzten Person zeigte, fügte der junge Mann, dem derlei Empfindeleien bei seiner Stiefmutter etwas Unbekanntes waren, mit lächelnder Vertraulichkeit hinzu:

»Denkst Du vielleicht, Stiefmama, ich hätte ihr unter dem Tische die Kniee gedrückt? Alle Wetter, man weiß ja, was man seiner Verlobten schuldig ist ... Ich habe Dir Wichtigeres zu sagen. Höre einmal ... Du hörst doch, nicht wahr?«

Und die Stimme noch mehr dämpfend, sagte er:

»Die Sache ist die ... Herr von Mussy ist sehr unglücklich; er hat es mir soeben gesagt. Es ist, wie Du Dir denken kannst, nicht meine Sache, Euch mit einander auszusöhnen, wenn Ihr Streit gehabt habt. Du weißt aber, daß ich ihn noch vom Colleg her kenne und da er wirklich sehr betrübt dreinblickte, so habe ich ihm versprochen, ein Wort für ihn bei Dir einzulegen ...«

Er hielt inne, denn Renée blickte ihn mit einer unerklärlichen Miene an.

»Du antwortest nicht?« fuhr er fort. »Gleichviel; ich habe das Meinige gethan und Ihr könnt nun thun, was Ihr wollt ... Offen gestanden, scheint es mir, als wärst Du sehr grausam. Der arme Junge flößt mir Mitleid ein. An Deiner Stelle würde ich ihm wenigstens ein gutes Wort bieten.«

Nun erwiderte Renée, die nicht aufgehört hatte, Maxime starren Auges anzublicken, in welchem ein brennender Ausdruck lag:

»Sage Herrn von Mussy, daß er mich langweilt.«

Damit ließ sie ihn stehen und schritt wieder lächelnd, grüßend, Händedrücke austheilend zwischen den Gruppen dahin. Maxime verharrte einen Augenblick regungslos, erstaunt; dann begann er leise zu lachen.

Da es ihn nicht sonderlich drängte, Herrn von Mussy von dem Resultate seiner Bemühungen in Kenntniß zu setzen, so begann er einen Rundgang durch den Salon. Die Festlichkeit, die ebenso gelungen und ebenso gewöhnlich war, wie derlei Festlichkeiten zu sein pflegen, war ihrem Ende nahe. Mitternacht war nicht mehr fern, die Gäste begannen sich zu entfernen. Er wollte nicht mit dem Gefühle des Aergers zu Bett gehen und beschloß, Luise aufzusuchen. Vor der Ausgangsthür vorüberschreitend, erblickte er im Vestibüle die hübsche Frau Michelin, die ihr Gatte zärtlich in einen blau-rothen Ueberwurf hüllte.

»Er war reizend, geradezu reizend,« sagte die junge Frau. »Während des Speisens sprachen wir immer nur von Dir. Er wird mit dem Minister sprechen; nur hängt die Sache nicht von ihm ab ...«

Und da zur selben Zeit ein Lakai unweit von ihnen den Baron Gouraud in einen warmen Mantel verpackte, flüsterte sie ihrem Gatten, während er ihr die Schnur des Capuchons unter dem Kinn zusammenband, leise ins Ohr:

»Dieser Dickwanst kann den Ausschlag geben. Er thut was er will, der Minister vertraut ihm rückhaltslos. Morgen, bei den Mareuils wird man trachten müssen ...«

Herr Michelin lächelte. Vorsichtig nahm er seine Frau mit sich, als hätte er ein gebrechliches, kostbares Spielzeug am Arme geführt. Nachdem sich Maxime mit einem Blick überzeugt hatte, daß Luise nicht im Vestibüle sei, begab er sich direkt in den kleinen Salon. Thatsächlich traf er sie dort an, beinahe allein, ihren Vater erwartend, der den ganzen Abend im Rauchzimmer, in Gesellschaft der politisirenden Herren verbracht hatte. Die Marquise und Frau Haffner waren nicht mehr zugegen. Nur Frau Sidonie war noch anwesend und erzählte mehreren ältlichen Damen, daß sie eine große Thierfreundin sei.

»Ah! mein kleiner Gatte!« rief Luise aus, als sie den jungen Mann erblickte. »Setzen Sie sich doch zu mir und sagen Sie mir, in welchem Fauteuil mein Vater eingeschlafen ist. Er wird gemeint haben, sich schon im Parlament zu befinden.«

Maxime antwortete in demselben Tone und dasselbe heitere Lachen, welches während des Diners so oft ertönt, erscholl neuerdings von den Lippen der beiden jungen Leute. Auf einem niedrigen Schemel zu ihren Füßen sitzend, nahm er ihre Hände in die seinigen, um mit denselben zu spielen, als hätte er einen Kameraden vor sich. Und in der That glich sie in ihrem rothgetupften weißen Seidenkleidchen, dem hohen Leibchen mit der flachen Brust und dem kleinen, schmächtigen, häßlichen Knabenkopfe einem als Mädchen verkleideten jungen Burschen. Von Zeit zu Zeit aber verriethen die dünnen Arme, die verbogene Taille eine gewisse Hingebung und ein heißer Ausdruck erschien in ihren noch voll Unschuld blickenden Augen, ohne daß sie im Entferntesten ob des Getändels ihres Gesellschafters erröthet wäre. Und Beide lachten, sich allein wähnend, ohne selbst Renée zu bemerken, die halb verborgen hinter einer Pflanze des Treibhauses, sie von Weitem beobachtete.

Vor einigen Sekunden war die junge Frau, als sie durch eine Allee des Treibhauses schritt, bei dem Anblicke Maximes und Luisens hinter einem Strauche stehen geblieben. Rings um sie her breitete das Gewächshaus, das einem Kirchenschiff vergleichbar war und dessen dünne, eiserne Säulchen kühn in die Höhe strebten, wo sie das mächtige Glasdach stützten, seine üppige Vegetation, seine mächtigen Pflanzenblätter, seine grünen Laubdächer aus.

In einem die Mitte des Raumes einnehmenden und sich in gleicher Höhe mit dem Boden befindlichen ovalen Bassin war das geheimnißvolle, meergrüne Leben der Wasserpflanzen, die ganze Wasserflora der heißen Länder vereinigt. Seine grünen Helmbüsche emporreckend, umgab der Cyclanthus gleich einem mächtigen Gürtel den Wasserstrahl, der dem verstümmelten Schaft einer cyclopischen Säule glich. An den beiden Enden des Bassins breiteten große Cornelias ihr absonderliches Strauchwerk über das Wasser, ihre trockenen, nackten, an kranke Schlangen gemahnenden Schäfte, deren Wurzelwerk gleich langen Angelschnüren in der Luft hing. Nahe am Rande entfaltete ein Java-Pendanus seine mit weißen Streifen durchzogenen grünlichen Blätter, die schmal waren wie Degenklingen und gezahnt und stachelig gleich einem malayischen Dolche. Und dicht oberhalb der Wasserfläche, in der lauen Temperatur des fortwährend erwärmten Wassers öffneten Nymphäen ihre rosenrothen Sterne, während die Eurnaden ihre runden, gleichsam aussätzigen Blätter herabhängen ließen, die dem Rücken ungeheurer, mit Pusteln bedeckten Kröten gleich auf dem Wasser schwammen.

Statt des Rasens umgab ein breites Band von Selaginelle das Bassin. Diese Zwergart der Farrenkräuter bildete einen dichten, zartgrünen Moosteppich. Und jenseits der großen Verbindungsallee strebten vier mächtige Gruppen in kräftigem Schwung bis zur Decke empor: die in ihrer Anmuth ein wenig gebeugten Palmen breiteten ihre Fächer aus, entfalteten ihre abgerundeten Wipfel, wobei ihre Blätter herabhingen, gleich erschöpften Rudern, die von ihrer ewigen Reise durch die Lüfte ermüdet waren; das große indische Bambus stieg schlank, hart, kerzengerade in die Höhe, von wo es seine dürren, leichten Blätter herunterhängen ließ; ein Ravenaca, der Baum des Reisenden, breitete seine ungeheuren ofenschirmartigen Blätter aus und in einer Ecke entsendete eine mit Früchten beladene Banane ihre langen horizontalen Blätter nach allen Richtungen, deren jedes so groß war, daß es zwei Liebende sehr leicht verdecken konnte, wenn sie sich eng an einander schmiegten. In den Ecken befanden sich verschiedene Arten abessynischen Euphorbus, der wie stacheliges Wachs aussehend, mißgestaltet, voll Höcker und Beulen ist und einen giftigen Saft absondert. Und unter den Bäumen bedecken die niedrigen Farrenkräuter den Boden; das Adiantum, die Ptériden breiten ihre zarten Spitzen, ihre feinen Blätterfranzen aus. Die etwas höhere Art der Alsophila hatte ihre kleinen sechswinkeligen Zweige mit solcher Regelmäßigkeit übereinander emporgeschichtet, daß sie großen Fayencegefäßen glichen, die bestimmt waren, die Bestandtheile eines Riesendesserts in sich aufzunehmen. Ferner umgab ein Saum von Begonien und Caladien die Baumgruppen : die zerzausten Blätter der ersteren reizend in Grün und Roth gefärbt, während die der Caladien breiten Schmetterlingsflügeln glichen, die mit allerlei Streifen und Schnörkeln bedeckt waren; bizarr geformte Pflanzen, deren Blätterwerk ein absonderliches Leben führt und blasse, kränkelnde Blüthen zeitigt.

Hinter den Bäumen zog sich eine etwas engere zweite Allee rings um das Treibhaus. Hier blühten auf stufenweise geordneten Ständern, welche zugleich die Verkleidung der Heizröhren bilden, die Maranta mit ihren sich wie Sammt anfühlenden Blättern; die Gloxinia mit violetten, glockenförmigen Blüthendolden; die Dracoena, deren Blätter lackirten Säbelklingen glichen.

Einen der größten Reize dieses Wintergartens bildeten die sich in den Winkeln vorfindenden, aus grünem Laub gebildeten Schlupfwinkel, die verborgenen Nestern vergleichbar, von einem dichten Vorhang von Lianen und anderen Ranken verdeckt wurden. Kleine dichte Wälder waren hieher versetzt worden; sie bauten hier ihre Mauern von Laubwerk auf, ihr Dickicht von Stengeln und Fäden, die sich an das Gezweige hängen, dann in kühnem Flug in die Höhe emporsteigen, um von der Decke niederzuhangen gleich den Franzen eines reichen Gezeltes. Ein Vanillenstrauch, dessen reife Blüthen einen durchdringenden Duft entsandten, rankte sich an einem moosumgebenen Portikus empor; Kockelskörner bedeckten die kleinen Säulchen mit ihren runden Blättern; die Bauhinia mit ihren rothen Blüthenkelchen, der Quisqualus, dessen Blätter gleich Schnüren aus Glasperlen herniederhingen, reckten, dehnten, schlangen und verknüpften sich gleich Nattern endlos und verwirrend unter dem dunkeln Schatten der Laubdächer.

Und unter diesen natürlichen Bögen, zwischen den Baumstämmen, hingen an dünnen, eisernen Ketten kleinere und größere Körbe, in welchen Orchideen gezüchtet wurden, jene bizarren Gewächse, die nach allen Seiten hin ihre knotigen, höckerigen, verstümmelten Gliedmaßen gleichenden Zweige ansetzen. Da gab es Venusstiefel, deren Blüthe genau die Form eines an den Fersen mit Libellenflügeln besetzten Pantoffels hat; zart duftende Aëriden und die Stanhopea mit ihren blassen, getigerten Dolden, die schon von Weitem gleich der bitteren Kehle eines Genesenden, einen starken, herben Geruch aushauchen.

Was aber die Aufmerksamkeit am meisten auf sich zog, war ein großer chinesischer Hibiscus, dessen ungeheure Blätter und Blüthen die ganze Mauer bedeckten, welche das Treibhaus mit dem Hotel verband. Die großen purpurnen Blüthen dieser gigantischen Pflanze leben blos einige Stunden und erneuern sich ohne Unterlaß. Man könnte dieselben mit den sinnlichen Lippen einer Frau vergleichen, die sich roth, feucht und weich öffnen und wieder schließen, mit den Lippen einer Riesen-Messalina, die von Küssen zermartert werden und mit ihrem lüsternen, blutigen Lächeln immer wieder zu neuem Leben erwachten.

In der Nähe des Bassins stehend, erschauerte Renée inmitten dieser herrlichen Vegetation. Hinter ihr starrte eine große Sphinx aus schwarzem Marmor, die auf einem Granitblock ruhte und den Kopf nach dem Aquarium gewendet hielt, mit einem verstohlenen, grausamen Katzenlächeln sie an; sie erschien hier mit ihren schimmernden Schenkeln gleich der dunkeln Gottheit dieses heißen Bodens. Aus matten Glaskugeln strömte zu dieser Stunde das Licht durch das Blätterwerk. Statuen, Frauenköpfe, deren Nacken sich im Lachen nach rückwärts neigten, schimmerten durch die Baumstämme, hier und dort von dunklen Schatten bedeckt, die das Lachen verzerrt erscheinen ließen. In dem dicken, schlummernden Wasser des Bassins spielten sonderbare Strahlen, die die meergrünen Wesen, die daselbst ihr Dasein fristeten und die ungeheuerlichsten Formen zeigten, in unbestimmte Schatten hüllten. Auf den glatten Blättern der Ravenaca, auf den lackglänzenden Fächern der Latanen lag eine Fluth weißen Lichtes, während von den Spitzen der Farrenkräuter seine Lichtstrahlen aufzugehen schienen. Hoch oben zwischen den dunklen Wipfeln der schlanken Palmen glitzerte der Widerschein des Glasfenster. Alles Andere ringsum war in Dunkel gehüllt und die grünen Schlupfwinkel mit ihren Vorhängen aus Schlinggewächsen und Lianen versanken in den tiefen Schatten gleich den Nestern schlummernder Reptilien.

Sinnend stand Renée da, von weißem Licht übergossen und betrachtete von Weitem Maxime und Luise. Dies war hier nicht mehr das schwankende Träumen, die unbestimmte Versuchung der anbrechenden Dämmerung, wie in den kühlen Baumgängen des Bois; ihre Gedanken wurden nicht mehr gewiegt und eingeschläfert durch den sanften Trab der Pferde, durch das angenehme Schaukeln der Wagenfedern, an den sorglich gepflegten Rasenplätzen und Gebüschen vorbei, wo am Sonntag Bürgerfamilien ihr Diner einnehmen. Ein klares brennendes Verlangen erfüllte sie nunmehr.

Ein unendliches Liebesbedürfniß, ein Durst nach Wollust wogte durch diesen weiten Raum, in welchem der heiße Lebenssaft der tropischen Pflanzen brodelte. Die junge Frau wurde eine Beute jener mächtigen Paarungen im Erdreiche, die dieses üppige Grün, diese ungeheure Vegetation rings um sie her zeugen und die heiße Umarmung dieses Feuermeeres, diese großartige Entfaltung der Natur, diese gewaltige Pflanzenwelt, völlig durchglüht von den Eingeweiden, die sie nährten, erfüllten sie mit einer Verwirrung, die an Trunkenheit grenzte. Zu ihren Füßen dampfte das Bassin, das von dem Safte der schwimmenden Wurzeln gesättigte heiße Wasser, welches schwere Dünste auf ihre Schultern niederschlagen machte, ihre Haut erwärmte, gleich der Berührung einer von Wollust geleiteten Hand. Ober ihrem Kopfe empfand sie das Spiel der Palmen, den Duft der dunkeln Blätter. Und mehr noch als der warme Hauch der Luft, mehr als das blendende Licht, als die großen, farbensatten Blumen, die lachenden oder grinsenden Gesichtern glichen, die zwischen den Blättern hervorleuchteten, überwältigten sie die von allen Seiten auf sie eindringenden Gerüche. Ein unerklärlicher, schwerer, aufregender Geruch schien aus tausend Düften zusammengesetzt: aus dem des Schweißes, des Frauenathems und der Haare; ein süßlicher und dennoch widerlicher Hauch, daß man von einer Ohnmacht angewandelt ward, wurde durch einen anderen verdrängt, der unerträglich, wie mit Gift geschwängert auf die Nerven wirkte. Doch das Leitmotiv, der einzigen Melodie vergleichbar, die in dieser absonderlichen Symphonie von Gerüchen immer wiederkehrte, die Süße der Vanille und die Schärfe der Orchideen besiegend und erstickend, war dieser menschliche Duft, dieser durchdringende, sinnliche Liebesodem, der des Morgens dem geschlossenen Zimmer zweier junger Ehegatten entströmt.

Langsam hatte sich Renée an den Granitsockel gelehnt. In ihrem grünen Seidenkleide, mit dem von den klaren Tropfen ihrer Diamanten bethauten, gerötheten Hals und Kopf glich sie einer großen rothen und grünen Blume, einer der durch die Hitze ohnmächtig gewordenen Nymphäen des Bassins. In diesen Augenblicken vollkommener Entnervung zerflatterten ihre guten Vorsätze für alle Zeit; die Trunkenheit des Diners drang ihr überwältigend, vermehrt noch durch die sinnberückenden Einflüsse des Treibhauses zu Kopfe. Sie dachte nicht mehr an die kühle Nacht, die sie beruhigt hatte, nicht mehr an die murmelnden Schatten des Parkes, deren Stimmen ihr den glücklichen Frieden angerathen. Die Sinne der begehrenden Frau, die Launen der übersättigten Frau erwachten in ihr. Und über ihrem Kopfe lachte die Sphinx grinsend, als hätte sie ihn errathen, diesen endlich erkannten Wunsch, welcher dieses todte Herz galvanisirte, das lange verkannte Begehren, dieses »Andere«, wonach Renée, von ihrem Wagen gewiegt, in der sinkenden Nacht vergebens gesucht hatte und das nun mit einem Male, im grellen Lichte dieses Feuergartens vor ihr stand, hervorgerufen durch den Anblick dieser beiden jungen Leute, – Luisens und Maximes – die Hand in Hand mit einander scherzten und plauderten.

In diesem Augenblick ertönten Stimmen aus einer nahen Laube, in welche Aristide Saccard die Herren Mignon und Charrier geführt hatte.

»Nein, nein, Herr Saccard«, sprach die tiefe Stimme des Letzteren; »wir können Ihnen nicht mehr als zweihundert Francs für den Meter geben.«

Dagegen protestirte aber die kreischende Stimme Saccards:

»Sie haben mir aber beim Verkaufe den Meter mit zweihundertfünfzig Francs berechnet!«

»Nun denn, hören Sie; wir wollen zweihundertfünfundzwanzig Francs sagen.«

Und weiter tönten die Stimmen, brutal, befremdend unter den wogenden Palmenkronen. Doch vermochten sie nicht das Sinnen Renées zu stören, die einen noch unbekannten Genuß voll verbrecherischer Lust vor sich auftauchen sah, heißer und verzehrender, als Alles, was sie bisher verkostet; das Letzte, was ihr die Wollust noch zu bieten vermochte. Sie war nicht mehr müde, nicht mehr erschöpft.

Der Strauch, hinter welchem sie halb versteckt stand, war eine giftige Pflanze, ein Tanghin aus Madagaskar, mit breiten Blättern und weißlichen Stengeln; die zartesten Fasern dieses Gewächses sondern einen giftigen Saft aus. Und in einem Augenblick, da Luise und Maxime in dem Dämmerlichte des Salons lauter als bisher lachten, erfaßte Renée wie von Sinnen, mit den harten vertrockneten Lippen einen Zweig des giftigen Strauches, welcher ihr gerade in Mundhöhe hing und biß in eines der bitteren Blätter.

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