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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Die Totenwacht - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzälungen
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1104-1
titleDie Totenwacht
pages152-182
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1894
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Sie gab keine Antwort, sie ergriff die Flucht, und der Hund bellte und sprang, und der Vater stolperte ihr nach und hatte sie bald eingeholt mit seinen langen Beinen. Das Tuch war ihr vom Kopfe herabgerutscht; er erwischte und zerrte sie an ihrem dicken Zopfe.

«Ich bin's, Vater, um Gottes willen, laßt mich!» schrie sie auf und wehrte sich, als er an dem Pack, den sie trug, gierig herumtastete.

«Was hast da? hast was g'stohlen?»

«Bekommen hab ich's! mein ist's, mein!»

«Her damit! Ich leid nicht, daß was g'stohlen wird. Ich bin ein ehrlicher Mensch. Her mit dem G'stohlenen!»

Er wollte alles auf einmal nehmen, aber das gelang ihm nicht. Sie kratzte und biß und verteidigte jedes einzelne Stück ihres köstlichen Eigentums mit verzweifeltem Mute. Aus den Händen, aus den Zähnen mußte der Vater es ihr reißen und tat's, und als sie sich an das letzte, das er ihr abrang, das große Tuch, festklammerte und im Kampfe niederfiel, schleifte er sie unbarmherzig hinter sich her, bis ihre Kraft versagte und sie das Tuch fahren ließ. Blutend und zerschlagen richtete sie sich auf die Knie auf, streckte den Hals und schaute. Der Vater stand wieder unter der Laterne vor dem Wirtshause, klopfte an und rief mit dem Selbstbewußtsein eines Kapitalisten:

«Heda, Jud, abrechnen! Ich bring was! Ich bezahl!»

Man öffnete, man ließ ihn ein, den Dieb und Räuber! Annerl stürzte ihm nach, sie schrie sich heiser, stieß dem Vater abgelernte Flüche vor, polterte in sinnloser Wut mit ihren kleinen Fäusten an die Tür, bis sie endlich aufging und ein Fußtritt, gut gezielt, einer von der wohlbekannten Art, das Kind zum Schweigen brachte. Aber nicht zum Weichen. Annerl blieb auf der Schwelle sitzen, an der Unglücksstätte, wo ihr höchstes, noch kaum genossenes Gut verschachert wurde. Empörung kochte in ihrem Herzen; ihr verzweiflungsvoller Schmerz schrie zum Himmel aus ihrem leisen Weinen, ihrem unterdrückten Schluchzen und wurde nicht gehört, nicht damals – und nie!

Erinnerungen ohne Zahl brachen über sie herein in dunkel wogenden Fluten. Sie preßte die Hände an ihre Stirn und an ihre Schläfen.

«Du hast's anders gehabt, Herr Jesus! wie gut hast du's gehabt», sprach sie tief aufseufzend, «und wie hast du mich drum veracht't!»

Er protestierte ziemlich lau: «Was dir einfallt – veracht't... Warum denn?»

«Frag nicht, was du weißt! Weil du reich warst, und weil ich arm war, darum. Weil du in Stiefeln gegangen bist von klein auf und ich bloßfüßig gelaufen bin. Weil deine Kleider ganz waren und die meinen zerlumpt. Weil du immer satt warst bis daher» – sie legte den Rücken der flachen Hand an den Hals – «und ich immer ausg'hungert... so ausg'hungert, daß ich... Heut noch, wenn ich's denk, schäm ich mich in die Haut hinein...»

Sie lächelte mit zuckenden, schmerzvoll verzogenen Lippen: «Daß ich aufgepaßt hab jeden Nachmittag, ob du herauskommst mit deiner Jausen. Du richtig gekommen, und ich gewartet und gehofft, jetzt und jetzt krieg ich einen Brocken; und du hineingebissen in dein Butterbrot, das dick beschmierte, und g'schwatzt und herumg'schaut, wer dich bewundert, daß du so reich bist und essen kannst, solang dir's schmeckt. Wenn ich das denk! Ich aber bin g'standen und hab mich nicht g'rührt, bis du g'nug und überg'nug g'habt hast und den lumpigen letzten Bissen übern Zaun hing'worfen hast auf die Straß'n. Der war für mich! über den bin ich herg'fallen wie ein hungriger Hund... Weißt noch?» fragte sie und maß ihn mit ruhigen Augen, in denen es blinkte, kalt wie Eis und unerbittlich wie Haß. «Ich weiß, und wenn ich mich drauf b'sinn, gibt's auf der weiten Welt unter die vielen schlechten Leut nicht zwei, die mir so völlig z'wider sind wie du und wie ich mir selber.»

Er war ein wenig verlegen geworden und versetzte: «No ja, wir sind halt Kinder g'west. Kinder sind alleweil ungut.»

«Daß ich nicht wüßt. Und du hast zur Ungutheit schon gar keine Ursach g'habt. Aber grad wenn ein'm zuviel Gut's g'schieht, tut man nix Gut's. Deine Eltern waren brav und haben sich geplagt von früh bis abends für dich. Meine Mutter hat sich freilich auch geplagt; aber was hat's g'nutzt? Wenn sie fünfzig Kreuzer verdient hat, hat der Vater sechzig vertrunken...»

Sie hielt inne, sann nach und fuhr dann eifriger und rascher fort:

«Wie unsre Eltern sich da angebaut haben an der Straß'n, da war, so heißt's, unser Haus das schönere, und das Feld war dabei, das meiner Mutter g'hört hat – g'hört und nicht g'hört; denn was g'hört einer, die einen Lumpen zum Mann hat? -, das Feld, auf das dein Vater immer neidisch war.»

«Neidisch?» rief Georg, «nit im Traum.»

«Warum denn nicht? Er hat's sein dürfen; das Feld is dernach. Du weißt am besten, was 's wert is.»

«Was 's wert is, is wert, und das hat mein Vater dafür 'geben und hat's auszahlt bei Heller und Pfennig.»

«Ich sag's auch nicht anders. Ich sag dein Vatern nix Schlecht's nach. Ich hab ihn gern g'habt; er hat mich oft in Schutz g'nommen, wenn du gedroht hast, du wirst mir's schon zeigen, ich soll nur probieren zu raufen mit einem, der so is wie du, der so eine Kraft hat wie du.»

«Ja, Schläg g'nug hab ich deinetwegen 'kriegt.»

«Hast auch allemal mit Steinen nach mir g'worfen.»

«Und du vielleicht nicht nach mir?»

«Schon auch. Aber ich hab g'fehlt, und du hast getroffen. Das war der Unterschied.»

Georg schmunzelte wohlgefällig: «Schon gar damal'n», sprach er, mit dem Zeigefinger eine Stelle an seiner Stirn bezeichnend, an der die ihre ein Mal trug, rötlich und spitz zulaufend wie ein Flämmchen.

«Grad das hat nix g'macht», entgegnete sie. «Nur was vorhergegangen is: deine Bosheit, garstiger Bub, der du g'wesen bist. Nix hast mir gegönnt. Die liebe Sonn hättst mir verhängt mit einem Kotzen, wenn du gekonnt hättst. Dein weißes Katzerl, nicht einmal anschaun hab ich's dürfen; wie wenn ich ihm was wegschaun könnt, so hast du's g'trieben.»

Auch diese Erinnerung an seine kindlichen Großtaten ergötzte ihn: «So hab ich's 'trieben?» fragte er.

«Da hat sie einmal mit einer Nuß g'spielt; das war zum Lachen. Immer drauf mit der Pfoten, und die Nuß weggekugelt, und das Katzerl einen Satz g'macht, ihr nach, und ein G'sicht, wie wenn sich's denken möcht: Was bist denn? bist am End lebendig? bist am End gar eine Maus? – Ich g'lacht, daß ich mich g'wunden hab, und höher hinauf gekraxelt auf unsern Zaun und mich g'streckt, daß ich nur gut seh. – Herr Jesus! da stehst auf einmal du hinter dein'm Zaun und schreist mich ganz pamstig an: ‹Was schaust? Hast nit zu schaun! Schau nit!›, und ich ärger mich: ‹Dummer Bub, jetzt just!› und seh noch, daß du den Arm hebst, und dann seh ich nix mehr, fühl nur, daß mir was Warmes über mein G'sicht lauft und daß ich hinfall wie ein recht Müdes in sein Bett.»

Georg strich sich ein paarmal über den Kopf mit seiner flachen Hand. Er erinnerte sich noch recht gut, wie ihm damals zumute gewesen war nach jenem Steinwurf, als es drüben unheimlich still wurde und er gerufen und keine Antwort bekommen und nichts andres geglaubt hatte, als daß sie etwas besonders Tückisches gegen ihn aushecke. Er war auf dem Bauche über die Straße gerutscht und hatte durch eines der vielen Löcher im Zaune des Nachbars unten durchgeguckt. Da hatte er die kleine Anna liegen gesehen, regungslos, blutüberströmt, und vor Entsetzen über den Anblick den Kopf verloren und ein Geschrei erhoben, daß die Leute zusammenliefen: «Sie is tot! Anna is tot, ich hab sie tot g'macht!»

«Das war weiter kein Schrocken», schloß er, und sie sprach:

«Wenn's nur wirklich so g'wesen wär, wenn du mich nur wirklich tot g'macht hättst damal'n, du hättst mir später das viel Ärgere nicht antun können...» Die Stimme wollte ihr versagen; schwer atmend fuhr sie fort: «Wenn das meine Mutter g'wußt hätt!... Aber sie hat's nicht g'wußt; ich hab ihr's nicht sagen können, die Scham hat mir's Wort in der Kehl'n zusammeng'würgt... So is 's auf mir sitzen'blieben wie ein Mühlstein. Ich hab's g'schleppt durch mein ganzes Leben. Wie mich jemand ein bissel lang ang'schaut hat, is mir's wie Feuer zum Kopf g'stieg'n: Meinst vielleicht das? Aufschrei'n hätt ich mögen: Menschen, Menschen, glaubt's nix Schlecht's von mir, ich bin nicht schlecht!... Verkriechen hätt ich mich mögen, so tief, so weit, daß keine Seel mir hätt nachkommen können... Was hätt ich nicht alles anfangen mögen? O mein Heiland, der du für uns g'litten hast, mir hast nix wegg'litten, mein Teil is ganz übrig'blieb'n!»

«Was für ein G'red! dös g'hört si nit, so ein G'red», ermahnte Georg, und das Mädchen brach aus:

«Dir war's freilich recht, daß ich g'schwiegen hab, und am liebsten wär's dir, ich schweiget noch. Aber nein! Einmal sag ich's; jetzt sag ich's meinem alten, lieben, kleinen Mutterl, weil sich's drüber nicht mehr zu Tod kränken kann und mich doch hört vom Himmel aus, in den's aufg'fahren is!... Hör mir zu, Mutter, und klag's dem allgerechten Herrgott, bei dem du bist.»

«Gib Ruh mit die alten G'schicht'n!» rief Georg; sie aber legte die Hand auf das Haupt der Toten:

«Ihr sind's nicht alt und mir auch nicht. Immer neu, immer brechen die versteckten Wunden auf, und einmal solln's ausbluten!»

Halb flehend, halb befehlend, stieß er hervor: «Sei still!»

«Aha, jetzt wird dir bang! – Wär dir damal'n bang worden. Aber vor der Sünd fürchtst dich leicht, nur vor der Straf, und das is sogar dumm; denn die Sünd muß nicht sein, aber die Straf muß sein und is! da verlaß dich drauf!»

«Gib Ruh!» wiederholte er. Seine Augen, die bisher die Tote scheu gemieden hatten, richteten sich flüchtig auf sie; ihm war, als runzle sie die Brauen. «Was ich g'fehlt hab, mach ich wieder gut», murmelte er.

«Meinst denn, das geht? 's geht nicht! B'sinn dich und dann sag, ob so was zum Gutmachen is! B'sinn dich, wie du mir in den Weg getreten bist droben im Wald auf dem einsamen Fußsteig!...» Sie beugte sich; sie suchte seinen Blick, der dem ihren auswich, festzuhalten. – «Abend is g'wesen und doch noch schwül zum Ersticken, und ich bin aus der Arbeit gegangen und war müd. Auf einmal stehst du da. Hast mir g'wiß aufgepaßt.»

«Nein!» unterbrach er sie, «das is mir bei Gott nit eing'fallen.»

«Du bist von einer Hochzeit gekommen und warst lustig und aufg'legt zu jeder Nixnutzigkeit und hast mich so freundlich ang'schaut und ang'redt wie dein Lebtag nicht.»

«Wirst mir das auch noch vorwerfen? Ich hab dich ang'schaut, weil ich mir denkt 'hab: So arm ang'legt, wie 's is, is schöner als andre im größten Putz.»

Sie schüttelte den Kopf: «Angetrunken wärst g'wesen, wenn du so was g'funden hättst. Du warst aber nicht angetrunken, und auch ich hab meine fünf Sinn beieinander g'habt und weiß heut noch jeden Gedanken, der mir damal'n durch den Kopf gegangen is. Daß d' ja im Grund kein übler Bursch bist, daß ich dich nur noch nie drauf ang'schaut hab und daß d' auch nicht bös bist gegen wen andern, außer gegen mich. Allerhand, was ich dir angetan hab, hat mich g'reut. Sogar leid hast mir getan, weil ich schon als Kind g'lernt hab: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelohr als ein Reicher durchs Himmelstor. Und wie du so gut und herzlich mit mir g'sprochen hast, ist mir ganz merkwürdig worden – völlig mit dir ausg'söhnt. Was liegt dran, wenn man als Kind noch so viel miteinander g'rauft hat, hab ich mich g'fragt. Später kann man doch gut werden. Wer weiß, vielleicht erst recht. So bin ich halt stehn'blieben und hab dir zug'hört und mir erzählen lassen von der Hochzeit. Ein Reicher hat eine Arme g'heiratet; sie haben einander gern gehabt und waren glücklich und froh. Und haben's nicht erwarten können, daß die Gäst fortgehn, damit sie allein bleiben und sich in die Arm fallen und küssen können nach Herzenslust, und hast mir zeigen wollen, wie. Im Spaß nur hast mir's zeigen wollen... O Herr Jesus, das war ein Spaß!... Was du wirklich im Sinn g'habt hast, bei Gott und der Allerheiligsten Jungfrau Maria, is mir nicht eing'fallen. Wie hätt ich mir vorstellen sollen, daß du willst, was sich nur einer verlangt, der einen gern hat?»

«Ich hab dich auch gern g'habt, schon lang, schon immer; ich hab dir's nur nicht zeigen wollen, daß du dir nix einbildst», erwiderte er. «Du warst mir lieber, wenn du noch so fuchtig g'wesen bist, als die andern, wenn's mir schön g'tan haben.»

«Geh! Geh!» rief sie aus und ballte die Faust gegen ihn. «Damal'n hast dich an mir versündigt, schrecklich, fürchterlich... nicht zum Sagen! Just wie ich Vertrauen g'faßt hab, just wie ich g'meint hab: so arg bös is er doch nicht, bist über mich herg'fallen wie ein wildes Tier, daß ich mir nicht hab helfen können, mich nicht hab retten können vor dir und deiner Kraft, deiner verfluchten Kraft, Verfluchter!»

«Hör auf, hör auf!» murmelte er; sie ließ sich aber nicht unterbrechen:

«Schandbub du, mit deiner Kraft! O Jesus! daß eins sich wehren kann, wie ich mich g'wehrt hab, und doch... Is das eine Gerechtigkeit? – Herr, mein Gott, für welche Sünd hast mich so g'straft? Warum hast du das zug'lassen?»

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