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Die Totenhochzeit

Nathaniel Hawthorne: Die Totenhochzeit - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorNathanael Hawthorne
titleDie Totenhochzeit
publisherSüdbayerische Verlagsanstalt
printrun1.-6. Tausend
year1922
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid1fce402b
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Der große Karfunkel

Es ist lange her, als sich eines Tages beim Einbruch der Nacht eine Gesellschaft Abenteurer nach mühseligem und vergeblichem Suchen nach dem großen Karfunkel an dem schroffen Absturz der Kristallberge sammelte, um zu rasten. Nicht als Freunde oder als Teilnehmer in der Unternehmung waren sie dort zusammengekommen, sondern ein jeder von ihnen, ein junges Paar ausgenommen, war einzeln ausgezogen, getrieben von seinem Verlangen nach dem kostbaren Juwel. Ihr geselliges Gefühl war aber hinreichend, sie zu gegenseitiger Hilfe zu veranlassen, eine rohe Hütte aus Baumrinde zu errichten und ein Feuer aus zersplitterten Fichten anzuzünden, die der reißende Amonusuck mit sich führte, an dessen Ufer sie die Nacht verbringen wollten.

Es war vielleicht nur einer unter ihnen, der durch den mächtigen Zauber des vorgesteckten Zieles allen menschlichen Gefühlen so entfremdet worden war, daß er selbst in dieser fernen einsamen Gegend, zu der sie gestiegen waren, keine Freude beim Anblick menschlicher Gesichter zu empfinden schien. Eine weite Wildnis lag zwischen ihnen und der nächsten Siedlung, während kaum eine Meile oberhalb ihrer Häupter jene schwarze Grenze war, wo die Berge ihren bunten laubigen Mantel abwerfen und nackt oder nebelverhüllt gegen den Himmel ragen. Das wilde Tosen des Amonusuck machte die schaurige Musik dieser Öde.

Die Abenteurer gaben sich gastfreundliche Grüße und luden sich gegenseitig in die Hütte ein, wo jeder der Wirt und alle die Gäste der ganzen Gesellschaft waren. Jeder breitete, was er an Lebensmitteln besaß, auf ebene Felsen aus, gemeinschaftlich wurde gegessen und am Ende des Mahles gab sich ein Gefühl guter Kameradschaft zu erkennen, wenn auch schüchtern und verdrängt von dem Gedanken, daß sie am andern Morgen erneutes Nachforschen nach dem großen Karfunkel sich einander wieder fremd machen müßte. Sieben junge Männer und ein junges Weib lagen sich wärmend am Feuer, starrten sich an im flackernden Licht, unsicher einander und fremd, und nur von Nacht, Rast und Wärme zueinander in Freundlichkeit gebunden.

Der älteste, ein großer magerer Mensch mit verwittertem Gesicht, mochte ungefähr sechzig Jahre alt sein, und war in Felle wilder Tiere gekleidet, deren Tracht er nicht mit Unrecht nachahmte, da Hirsch, Wolf und Bär schon seit langer Zeit seine vertrautesten Gefährten waren. Er war einer jener Unglücklichen, die, wie die Indianer erzählen, von früher Jugend ab ihr Leben im Suchen des großen Karfunkel verbrachten, und man kannte ihn in diesen Gegenden nur unter dem Namen des Suchers. Im Tale des Saco war über ihn seit langem die Fabel verbreitet, er sei wegen seiner unmäßigen Begierde nach dem Steine verdammt worden, bis ans Ende der Zeiten in den Bergen zu wandern.

Neben dem Sucher saß eine kleine ältliche Person. Unter dem Namen eines Doktor Cacaphodel kam er von jenseits der See her und war durch sein Brüten vor Schmelzöfen und das Einatmen giftiger Dünste seiner Goldmacherküche zu einer Mumie eingetrocknet. Von ihm wurde erzählt, ob wahr oder nicht, daß er im Anfange seiner Studien das beste und kräftigste Blut aus seinem Körper gezogen und es in einem unglücklichen Versuche mit noch andern unschätzbaren Ingredienzen verschwendet habe und seitdem nie wieder gesund geworden sei.

Der dritte dieser Abenteurer war Ichabod Pigsnort, ein gewichtiger Kaufmann und Stadtverordneter aus Boston und zudem Kirchenältester der berühmten Northonskirche. Seine Feinde erzählten von ihm die lächerliche Geschichte, daß er gewohnt sei, sich abends und morgens nach dem Gebete eine volle Stunde lang auf einer ungeheuren Menge von Fichten-Schillingen, dem ältesten gemünzten Silber von Massachusetts, nackt herumzuwälzen.

Der vierte hatte keinen seinen Gefährten bekannten Namen und zeichnete sich insonders durch ein ständiges höhnisches Lächeln aus, das sein Gesicht, welches ganz mager war, verzerrte, und durch eine ungeheure Brille, von der man sagte, daß sie der Wahrnehmung ihres Trägers die ganze Außenseite der Natur verstellte.

Auch der fünfte Abenteurer hatte keinen Namen, was um so mehr zu bedauern, als er ein Dichter zu sein schien. Es war ein sehr abgezehrter Mann mit funkelnden Augen, der seine Nahrung, wie man sagte, aus Dunst, Nebel und einer dicken Wolkenscheibe bestritt, die er im Mondschein tränke. Sicher schmeckte seine Poesie stark nach diesen Leckerbissen.

Der sechste der Gesellschaft, ein junger Mann mit sehr stolzer Miene, saß abgesondert von den Übrigen. Dieser war der Lord de Vere, von dem es hieß, daß er zuhause den größten Teil seiner Zeit im Grabgewölbe seiner Ahnen zubringe und dort die modrigen Särge nach allen unter Staub und Knochen verborgenen irdischen Stolze und Hochmut durchwühle, so daß er zu seinem eigenen Stolze auch den aus der ganzen vorelterlichen Linie in sich aufgesammelt habe.

Endlich befand sich unter der Gesellschaft auch ein hübscher Jüngling in bäuerischer Tracht, und an seiner Seite ein blühendes kleines Wesen, in welchem ein leichter Schatten mädchenhafter Scheu sich gerade mit der liebenden Glut eines jungen Weibes verschmolz. Ihr Name war Hanna und der ihres Mannes Matthäus; schlichte Namen, jedoch für das einfache Paar wohl passend, welches in dieser wunderlichen Gesellschaft, deren Begierden durch den großen Karfunkel angeregt worden waren, schlecht an seinem Platze zu sein schien.

Unter dem Schutze einer gemeinsamen Hütte und im hellen Scheine eines gemeinsamen Feuers saßen diese so verschiedenartigen Abenteurer, alle von einem einzigen Gegenstande so in Anspruch genommen, daß, wovon sie auch immer zu sprechen anfangen mochten, ihre Schlußworte sicherlich von dem großen Karfunkel erleuchtet wurden. Einige unter ihnen erzählten die Umstände, die sie bis hierher geführt hatten. Der Eine hatte in seiner eigenen fernen Heimat die Erzählung eines Reisenden von diesem merkwürdigen Steine gehört, und war augenblicklich von einem solchen Durste, seiner ansichtig zu werden, ergriffen worden, daß dieser nur von dem durchdringenden Glanze des Juwels gestillt werden konnte. Ein Anderer hatte vor langer Zeit, als der berühmte Kapitän Smith diese Küste besuchte, den Glanz in weiter Ferne auf der See wahrgenommen und seitdem nicht eher wieder Ruhe empfunden, als bis er jetzt die Nachforschung begonnen hatte. Ein Dritter war, während er sich volle vierzig Meilen südlich von den weißen Bergen in einem nächtlichen Lager auf der Jagd befunden, um Mitternacht erwacht und hatte den großen Karfunkel gleich einem Meteore glänzen sehen, so daß die Schatten der Bäume von seinem Lichte zusammen fielen. Sie sprachen von den zahllosen Versuchen, die gemacht worden waren, um den Ort zu erreichen und von dem wunderbaren Mißgeschick, welches bis jetzt die Anstrengungen aller Abenteurer vereitelt hatte, obgleich es so leicht schien, ein Licht, dessen Glanz den Mond verdunkelte und beinahe dem der Sonne glich, bis an seine Quelle zu verfolgen. Es war bemerkbar, daß Jeder über die Torheit der Andern verächtlich lächelte und mehr Glück als er bisher gehabt von der Zukunft erwartend die kaum verhehlte Überzeugung hegte, daß er selbst der begünstigte Finder sein werde. Wie um ihre zu sanguinischen Hoffnungen etwas zu mäßigen, kamen sie auf die indianischen Traditionen zurück, daß ein Geist vor dem Juwele Wache halte und die Suchenden dadurch verwirre, daß er entweder jenes von einer Bergspitze zur andern fortbewege, oder einen Nebel des bezauberten Sees zu Hilfe rufe, über dem es hänge. Allein diese Erzählungen wurden für unglaubwürdig gehalten, indem alle ihre Ansicht dahin ausdrückten, daß die Nachforschungen nur aus Mangel an Klugheit und Ausdauer seitens der Abenteurer oder durch solche Umstände vereitelt worden seien, die sich in der Wirrnis von Wald, Berg und Tal sehr natürlich auf jedem Wege hindernd entgegenstellen mußten.

Während einer Pause in der Unterhaltung schaute sich der Träger der ungeheuern Brille rundum in der Gesellschaft und machte der Reihe nach eine jede Person darin zum Gegenstande des höhnischen Lächelns, das unveränderlich auf seinem Gesichte lag.

»So,« sagte er, »Genossen auf dieser Pilgerfahrt, hier sind wir sieben weise Männer und ein schönes Weibsbild, das ohne Zweifel ebenso weise ist, wie alle Graubärte in der Gesellschaft; hier sind wir, sage ich, alle in derselben glücklichen Unternehmung begriffen. Ich sollte meinen, es wäre jetzt nicht unrecht, wenn jeder von uns erklärte, was er mit dem großen Karfunkel zu tun beabsichtige, wenn er das Glück haben sollte, ihn zu erringen. Was sagt unser Freund im Bärenfell? Wie gedenkt Ihr, guter Herr, Euch des Preises zu erfreuen, den Ihr, der Himmel weiß wie lange, in den Kristall-Bergen gesucht habt?«

»Mich erfreuen?« rief der bejahrte Sucher mit bitterem Tone. »Ich rechne auf keinen Genuß davon, die Torheit hat längst aufgehört! Ich setze die Suche nach diesem verfluchten Steine fort, weil der eitle Ehrgeiz meiner Jugend zum Schicksale meines Alters geworden ist. In der Suche allein finde ich meine Stärke, die Energie meiner Seele, die Wonne meines Blutes und das Mark meiner Knochen. Müßte ich ihr den Rücken wenden, so würde ich schon diesseits des Engpasses, wo die Pforte zu dieser Berggegend ist, tot niederfallen. Aber auch nicht um den Preis, mein verlorenes Leben zurück zu erhalten, würde ich meine Hoffnungen auf den großen Karfunkel aufgeben. Hab ich ihn gefunden, so will ich ihn nach einer Höhle tragen, die ich kenne, und ihn dort in meine Arme schließen und mich niederlegen und sterben und ihn für immer mit mir begraben halten.«

»Elender, der die heiligen Interessen der Wissenschaft verachtet!« rief Doktor Cacaphodel mit philosophischer Entrüstung. »Du bist nicht wert, selbst von fern den Glanz dieses kostbaren Juwels zu schauen, das je im Laboratorium der Natur bereitet wurde. Meine Absicht ist die einzige für die ein weiser Mann den Besitz des großen Karfunkels wünschen darf. Sobald ich ihn erlangt haben werde, denn ich habe ein Vorgefühl, gute Leute, daß der Preis mir vorbehalten ist, um meinen wissenschaftlichen Ruf zu krönen, kehre ich nach Europa zurück und will dann den Rest meiner Jahre dazu anwenden, ihn auf seine ersten Elemente zurück zu führen. Einen Teil des Steines werde ich zu allerfeinstem Pulver zermahlen; andere Teile sollen durch Säuren oder welche Auflösungsmittel es sonst für eine so bewunderungswürdige Komposition der Natur gibt, zerlegt werden, und den Überrest beabsichtige ich im Tiegel zu schmelzen oder mittelst des Lötrohrs abzubrennen. Auf diesen verschiedenen Wegen werde ich eine genaue Analysis erlangen und endlich das Resultat meiner Arbeiten in einem Werke der Welt zum Besten geben.«

»Vortrefflich!« bemerkte der mit der Brille. »Auch braucht Ihr, sehr geehrter Herr, an der notwendigen Zerstörung des Juwels keinen Anstoß zu nehmen, da das Studium Eures Werkes ohne Zweifel jedem Sohne seiner Mutter unter uns lehren wird, einen großen Karfunkel in eigener Fabrik zu bereiten.«

»Wahrlich,« sagte Ichabod Pigsnort, »ich für meinen Teil muß mich durchaus gegen derartige Verfälschungen erklären, weil der gangbare Preis des Juwels im Handel dadurch verringert werden würde. Ich gestehe offen, meine Freunde, ich habe ein Interesse dabei, den Preis aufrecht zu erhalten. Seht, ich habe meine bestehenden Handelsgeschäfte verlassen, meine Warenlager der Sorgfalt meiner Angestellten übergeben, meinen Kredit in große Gefahr gebracht und überdies mich selbst der Gefahr ausgesetzt umzukommen oder in die Gefangenschaft jener verfluchten Heiden zu geraten   und dieses alles ohne gewagt zu haben, die Gebete der Gemeinde für mich zu erbitten, weil das Suchen nach dem großen Karfunkel für nicht viel besser als ein Verkehr mit dem Bösen gehalten wird. Glaubt Ihr nun also, daß ich meiner Seele, meinem Körper, meinem Rufe und meinem Vermögen diesen erheblichen Nachteil ohne eine vernünftige Aussicht auf Gewinn zugefügt haben würde?«

»Ich gewiß nicht, Master Pigsnort,« sagte der Mann mit der Brille. »Ich habe Euch nie eine solche Torheit zugetraut.«

»In der Tat, ich hoffe nicht,« sagte der Kaufmann. »Was nun den Karfunkel betrifft, so muß ich gestehen, daß ich bis jetzt noch nie einen Schimmer davon gehabt habe; aber wenn sein Glanz auch nur zum hundertsten Teil so groß ist, wie die Leute sagen, so muß er dennoch einen bei weitem größern Wert, als der beste Diamant des Großmoguls haben, den dieser zu einem unberechenbaren Preise hält. Deshalb bin ich willens, den großen Karfunkel auf ein Schiff zu laden und damit nach England, Frankreich, Spanien, Italien und nach den heidnischen Reichen zu reisen, wenn die Vorsehung mich so weit sollte gehen lassen, und mit einem Worte das Juwel dem besten Bieter unter den Potentaten der Erde zu überlassen, damit er es unter seinem Kronschmuck aufbewahre. Wenn einer von Euch einen bessern Platz hat, so mag er ihn hören lassen.«

»Den habe ich, Du schmutziger Mensch!« rief der Dichter. »Strebst Du denn nach nichts Höherem, als nach Geld, daß Du all diesen ätherischen Glanz in denselben Unrat verwandeln willst, in dem Du Dich bereits umher wälzest? Was mich betrifft, so werde ich das Juwel unter meinem Rocke verbergen, und damit nach meinem Dachstübchen in einem der dunklen Gäßchen Londons eilen. Dort will ich es Nacht und Tag anschauen, meine Seele voll seinem Glanze einsaugen und ihn durch alle meine geistigen Kräfte verbreiten, auf daß er helleuchtend aus jeder dichterischen Zeile hervorscheine, die ich niederschreibe. Auf diese Weise wird noch Jahrhunderte lang der Glanz des großen Karfunkels meinen Namen umstrahlen.«

»Wohl gesprochen, Dichter!« rief der mit der Brille. »Unter Deinem Rocke verborgen, sagst Du? Aber es wird durch die Löcher scheinen und Dich wie ein Irrlicht erscheinen lassen.«

»Nur zu denken,« rief Lord de Vere, mehr zu sich selbst als zu seinen Gefährten sprechend, von denen er auch den besten als seiner unwürdig erachtete, »nur zu denken, daß ein Kerl mit einem zerrissenen Rock davon schwatzt, den großen Karfunkel nach einer Dachstube in Grubstreet schleppen zu wollen! Bin ich nicht zu der Überzeugung gelangt, daß die ganze Erde keinen passenden Schmuck für die große Halle meines Ahnenschlosses besitzt? Dort soll er Jahrhunderte lang glänzen, Sonnenhelle um Mitternacht verbreiten und seine Strahlen auf die Rüstungen, Banner und Wappen werfen, die rings an den Wänden hängen und das Gedächtnis der Helden lebendig halten. Deshalb haben alle Abenteurer nach dem Preise vergeblich gesucht, nur damit ich ihn gewinnen und zum Symbole des Ruhmes unseres erhabenen Geschlechtes machen solle. Und nimmer nahm der große Karfunkel im Diademe der weißen Berge einen halb so ruhmvollen Platz ein, wie der in der Halle der de Vere für ihn aufbewahrt ist.«

»Es ist ein edler Gedanke,« sagte der Zyniker mit einem untertänigen Lächeln. »Aber wenn mir diese Äußerung erlaubt ist, so sollte ich denken, das Juwel würde eine vortreffliche Leichenlampe abgeben und den Ruhm von Ew. Herrlichkeit Vorfahren in dem Begräbnisgewölbe besser als in der Schloßhalle beleuchten.«

»Nein wahrlich,« sagte Matthäus, der junge Bauer, welcher Hand in Hand mit seiner Frau saß. »Der Herr hat sich einen recht passenden Nutzen des glänzenden Steines ausgedacht. Hanna und ich suchen ihn zu einem ähnlichen Zwecke.«

»Wieso, Kerl?« rief Se. Herrlichkeit voll Erstaunen. »Welche Schloßhalle besitzest du, um ihn darin aufzuhängen?«

»Kein Schloß,« entgegnete Matthäus, »aber eine so reinliche Hütte, wie nirgends eine im Umkreise der Kristallberge zu finden ist. Ihr müßt wissen, daß Hanna und ich, nachdem wir vorige Woche ehelich verbunden worden sind, das Aufsuchen des großen Karfunkels deshalb unternommen haben, weil wir sein Licht in den langen Winterabenden nötig haben werden, und was werden die Nachbarn sagen, wenn sie ihn sehen! Er wird das ganze Haus so erleuchten, daß man eine Stecknadel in einer Ecke aufnehmen kann; und durch die Fensterscheiben wird er einen solchen Glanz werfen, als wenn ein großes Feuer von Kienäpfeln auf dem Herde brennen täte. Und dann, wie hübsch wird es sein, wenn wir in der Nacht aufwachen, und gegenseitig unsere Gesichter sehen können!«

Ein allgemeines Lächeln lief durch die Abenteurer über die Einfachheit der Pläne, welche das junge Paar mit jenem wunderbaren und unschätzbaren Stein hatte, mit dem der größte Monarch der Erde stolz gewesen sein würde, seinen Palast schmücken zu können. Besonders verzerrte der Mann mit der Brille, der der Reihe nach über alle in der Gesellschaft höhnisch gelacht hatte, jetzt sein Gesicht zu einem Ausdrucke von so boshafter Freude, daß Matthäus ihn etwas empfindlich fragte, was er selbst mit dem großen Karfunkel zu tun gedenke.

»Der große Karfunkel!« antwortete der Zyniker mit unaussprechlichem Hohne, »Du Dummkopf, solch ein Ding gibt es nicht in rerum natura. Ich bin dreitausend Meilen weit hierher gekommen und bin fest entschlossen, meinen Fuß auf jede Spitze dieser Berge zu setzen und meinen Kopf in jede Spalte derselben zu zwängen, nur um jeden Menschen, der um etwas weniger dumm ist als Du, den überzeugenden Beweis liefern zu können, daß der große Karfunkel nichts als Erdichtung ist.«

Eitel und töricht waren die Beweggründe, welche die meisten der Abenteurer nach den Kristallbergen geführt hatten, aber am meisten waren diese es und gottlos außerdem die des Spötters mit der ungeheuren Brille. Er war einer jener bösen Menschen, deren Bestrebungen abwärts und der Finsternis zu, statt himmelwärts zu gehen, und die, wenn sie nur das von Gott für uns angezündete Licht auslöschen könnten, das mitternächtliche Dunkel für ihre größte Glorie halten würden. Während der Zyniker sprach, wurden mehrere unter der Gesellschaft durch den Strahl eines roten Scheines aufgeschreckt, welcher die gewaltigen Massen der umgebenden Berge und das mit Felsstücken bestreute Bett des brausenden Stromes, sowie die Stämme und Zweige der Waldbäume mit einer ihrem Feuer unähnlichen Helle erkennen ließ. Sie warteten horchend auf das Rollen des Donners, aber hörten nichts und waren froh, daß ihnen das Ungewitter nicht näher kam. Die Sterne, jene Uhrziffern des Himmels, mahnten jetzt die Abenteurer, ihre Augen vor den glühenden Holzscheitern zu schließen und sie im Traume vor dem Glänze des großen Karfunkels wieder zu öffnen.

Das junge Ehepaar hatte seine Lagerstätte in der entferntesten Ecke der Hütte genommen und war von dem übrigen Teil der Gesellschaft durch einen Vorhang eigentümlich verflochtener Zweige geschieden, dem ähnlich, der vielleicht in üppigen Blumengewinden von der bräutlichen Kammer Evas gehangen hatte. Das züchtige kleine Weib hatte diese Tapete während des Gespräches der übrigen Gäste geflochten. Sie und ihr Gatte sanken mit zärtlich verschlungenen Händen in Schlaf, und erwachten durch Erscheinungen eines überirdischen Glanzes, nur um in das noch heiligere ihrer Augen gegenseitig zu schauen. Sie erwachten zugleich, während in ihren Zügen ein Lächeln strahlte, das mit ihrem zunehmenden Bewußtsein der Wirklichkeit ihres Lebens und ihrer Liebe immer leuchtender wurde. Allein sobald die junge Frau sich dessen erinnerte, wo sie waren, schaute sie durch die Lücken des Blättervorhangs und gewahrte, daß der äußere Raum der Hütte leer und verlassen war.

»Auf, lieber Matthäus!« rief sie mit eiligem Tone. »Die fremden Leute sind alle fort! Auf, schnell, schnell, oder wir verlieren den großen Karfunkel!«

In der Tat, so wenig verdiente dieses junge Paar den hohen Preis, der sie hierher gelockt hatte, daß sie die ganze Nacht ruhig und friedlich geschlafen hatten, bis die Spitzen der Berge im Sonnenschein glänzten, während die übrigen Abenteurer ihre Glieder in fieberhafter Wachsamkeit umhergewälzt oder vom Erklimmen steiler Felswände geträumt hatten und mit dem ersten Tagesgrauen ausgezogen waren, um ihre Träume zu verwirklichen. Aber Matthäus und Hanna waren nach ihrer sanften Ruhe leicht wie zwei junge Rehe und verweilten nur, um sich im kühlen Wasser des Amanusuck zu waschen und dann einen Bissen Nahrung zu sich zu nehmen, ehe sie ihre Gesichter der Bergseite zuwendeten. Es gewährte ein zartes Bild ehelicher Liebe, als sie den steilen Pfad mühsam emporklommen und Kraft aus gegenseitigem Beistand sammelten. Nach mehreren kleinen Unfällen, wie eines zerrissenen Kleides, eines verlorenen Schuhes, gelangten sie an den höhergelegenen Kamm des Waldes und hatten von nun an einen abenteuerlicheren Lauf zu verfolgen. Die zahllosen Zweige und das dichte Laub der Bäume hatten bisher ihre Gedanken und Aufmerksamkeit gefangen gehalten, die jetzt erschreckt vor dieser Region von Wind und Nebel und nackten Felsen zurückbebten, die sich zu unermeßlicher Höhe über ihnen erhoben. Sie schauten rückwärts auf die finstere Wildnis, die sie durchwandert hatten und sehnten sich darnach, lieber in ihren Tiefen wieder begraben zu werden, als sich in diese weite, endlose Wüste zu stürzen.

»Sollen wir weitergehen?« sagte Matthäus, seinen Arm um Hannas Leib schlingend, um sie sowohl zu schützen, als auch sein eigenes Herz durch ihr näheres Heranziehen zu beruhigen.

Allein die kleine junge Frau hatte, so einfach sie war, eine ganz weibliche Vorliebe für Juwelen und konnte sich, aller drohenden Gefahren ungeachtet, nicht von der Hoffnung losmachen, den glänzendsten Edelstein der Welt zu besitzen.

»Laß uns noch etwas höher klimmen,« flüsterte sie, obgleich zitternd, während sie ihr Gesicht der öden Himmelsdecke zuwendete.

»So komm!« sagte Matthäus, seinen männlichen Mut sammelnd und sie mit sich fortziehend; denn sie wurde in demselben Augenblicke wieder furchtsam, wo sein Mut wuchs.

Und weiter aufwärts stiegen die Pilgrime des großen Karfunkels, jetzt über die Spitzen und dicht verschlungenen Zweige von Zwergfichten schreitend, welche, obgleich Jahrhunderte alt und moosbewachsen, dennoch nur die Höhe von drei Fuß erreicht hatten.

Sodann kamen sie zu den Massen und Bruchstücken nackter Felsen, welche, gleich Denkmälern, die von Riesen zum Andenken ihrer Häuptlinge errichtet worden, in wilder Unordnung übereinander lagen. In diesem kalten Reiche der oberen Lüfte atmete nichts und wuchs nichts; kein anderes Leben war dort vorhanden, als was sich in ihren beiden Herzen eingeschlossen befand; und so hoch waren sie gestiegen, daß selbst die Natur ihnen nicht mehr Gesellschaft zu leisten schien. Sie weilte unter ihnen innerhalb der Grenze der grünen Waldbäume und sandte ihren Kindern einen Abschiedsblick nach, als diese sich dahin verloren, wo ihre eigenen grünen Fußtritte nie gewesen waren. Aber bald sollten sie ihrem Auge entschwinden. Dichte und schwarze Nebel begannen sich unter ihnen zu sammeln, dunkle Schattenflecke auf die weite Landschaft werfend, und alle schwerfällig nach demselben Mittelpunkte zusegelnd, als ob die höchste Bergspitze einen Rat ihrer verwandten Wolken berufen habe. Endlich schienen sich Dünste gleichsam zu einer Masse zu schmieden und boten das Bild eines gepflasterten Weges dar, über welchen die Wanderer hätten gehen können, aber wo sie vergeblich nach einer Straße gesucht haben würden, die sie zur gesegneten Erde zurückführte. Und die Liebenden sehnten sich jetzt mehr nach der grünen Erde zurück, als sie je unter einer Wolkendecke sich nach dem blauen Himmel gesehnt hatten. Es gewährte ihnen sogar einen Trost in ihrer Verlassenheit, wenn die den Berg allmählig hinaufziehenden Dünste seine Spitze verhüllten und auf diese Weise, wenigstens für sie, die ganze Region sichtbaren Raumes vernichteten. Aber sie schlossen sich mit einem zärtlichen und traurigen Blicke dichter aneinander an, aus Furcht, daß der allgemeine Nebel sie trennen und ihrem gegenseitigen Blicke entführen möchte.

Dennoch würden sie vielleicht entschlossen gewesen sein, so weit und so hoch zwischen Himmel und Erde zu steigen, als ihr Fuß auf festen Boden treten konnte, wenn Hannas Kräfte und mit ihnen ihr Mut nicht zu weichen angefangen hätte. Ihr Atem wurde kurz. Sie weigerte sich, ihren Mann mit ihrer Last zu beschweren, aber fiel oft wankend gegen seine Seite und sammelte ihre Kräfte wieder mit immer schwächer werdender Anstrengung. Endlich sank sie auf eine der felsigen Stufen des Berghanges nieder.

»Wir sind verloren, teurer Matthäus,« sagte sie traurig. »Wir werden nimmer unseren Weg auf die Erde zurückfinden. Ach, und wie glücklich hätten wir in unserer Hütte sein können!«

»Liebes Herz, wir werden dort auch jetzt noch glücklich sein,« sagte Matthäus. »Sieh, dort unterbricht der Sonnenschein den unglücklichen Nebel: mit seiner Hilfe werden wir den Weg nach dem Engpaß finden können. Laß' uns umkehren und nicht mehr an den großen Karfunkel denken!«

»Das kann die Sonne dort nicht sein,« sagte Hanna mit großer Niedergeschlagenheit. »Es muß jetzt um Mittag sein. Wenn der Sonnenschein hierher gelangen könnte, so müßte er oberhalb unserer Köpfe herabkommen.«

»Aber sieh doch!« wiederholte Matthäus mit etwas verändertem Tone. »Es wird jeden Augenblick immer heller. Wenn es nicht Sonnenschein ist, was kann es dann sein?« Auch die junge Frau konnte nicht länger in Abrede stellen, daß ein Glanz durch den Nebel breche und seine dämmerige Farbe in ein trübes Rot verwandle, welches immer lebhafter wurde, als wenn glänzende Stäubchen sich in seine Düsterkeit mischten. Jetzt begannen auch die Nebel sich vom Berge langsam wegzuwälzen, während ein Gegenstand nach dem andern ganz mit der Wirkung einer neuen Schöpfung aus dem undurchdringlichsten Dunkel in das Licht trat, ehe noch die Verworrenheit des alten Chaos gänzlich verschwunden war. Sie gewahrten jetzt den Schein von Wasser dicht vor ihren Füßen und befanden sich am Ufer eines tiefen, klaren, hellen und ruhigschönen Bergsee's, welcher seinen Spiegel über ein Bassin ausspannte, das aus dem massiven Felsen gehöhlt worden war. Ein Strahl von Glorie schoß über seine Fläche hin. Die Pilger schauten um sich, woher dieser geflossen sei, aber schlossen augenblicklich die Augen wieder mit einem Zucken schauernder Bewunderung, um den glühenden Strahlenglanz abzuhalten, der von der Höhe einer Klippe herabfloß, welche über dem bezauberten See hing. Denn das schlichte Paar hatte jenen geheimnisvollen See erreicht und den langgesuchten Schein des großen Karfunkels gefunden.

Sie schlangen ihre Arme umeinander und zitterten vor ihrem eigenen Glück; denn alle Sagen dieses sonderbaren Juwels drängten sich in ihr Gedächtnis zurück, sie erkannten in sich Auserwählte des Schicksals   und das Bewußtsein davor war schrecklich für sie. Oft, von ihrer Kindheit an, hatten sie das Juwel wie einen fernen Stern scheinen sehen; und jetzt warf dieser Stern seinen durchdringendsten Glanz auf ihre Herzen. Sie kamen sich gegenseitig verändert vor in dem rötlichen Glanze, der auf ihren Wangen glühte und der denselben Feuerschein auf den See, die Felsen, den Himmel und die vor seiner Macht zurückweichenden Nebel warf. Aber mit ihrem nächsten Blicke gewahrten sie einen Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit selbst von dem mächtigen Steine abzog. Am Fuße der Klippe, dicht unter dem großen Karfunkel zeigte sich die Gestalt eines Mannes, dessen Arme in der Beschäftigung des Emporklimmens ausgestreckt und dessen Gesicht nach oben gerichtet war, als wolle er den vollen Strom des Glanzes einsaugen. Aber er bewegte sich nicht, und es schien, als wäre er in Marmor verwandelt.

»Es ist der Sucher,« flüsterte Hanna, krampfhaft den Arm ihres Mannes fassend. »Matthäus, er ist tot!«

»Die Freude des Erfolges hat ihn getötet,« entgegnete Matthäus, heftig zitternd. »Oder vielleicht war gerade das Licht des großen Karfunkels sein Tod!«

»Des großen Karfunkels,« rief eine boshafte Stimme hinter ihnen, »des großen Unsinns! Wenn Ihr ihn gefunden habt, bitte, seid so gut, mir ihn auch zu zeigen.«

Sie wandten sich um, und da stand der Zyniker, seine ungeheure Brille auf die Nase gesetzt, ringsum nach dem See und den Felsen und den fernen Nebelmassen und dem großen Karfunkel selbst schauend, ohne jedoch, wie es schien, seines Lichtes gewahr zu werden, als wenn die zerstreuten Dünste sich um seine Person gelagert hätten. Obgleich der Glanz des Steines den Schatten des Ungläubigen vor seine eigenen Füße warf, als er dem kostbaren Juwel den Rücken wandte, so wollte er sich doch nicht davon überzeugen lassen, daß auch nur der schwächste Schein sichtbar sei.

»Wo ist der große Unsinn?« wiederholte er. »Ich fordere Euch heraus, ihn mir zu zeigen!«

»Dort,« sagte Matthäus, aufgebracht über eine so verstockte Blindheit und den Zyniker nach der erleuchteten Klippe zu herumdrehend. »Nehmt diese abscheuliche Brille ab und Ihr werdet ihn sehen müssen!«

Diese dunkle Brille verdunkelte wahrscheinlich des Zynikers Gesicht mindestens in einem ebenso großen Grade, wie das rußige Glas, durch welches die Leute nach einer Sonnenfinsternis zu schauen pflegen. Er riß sie indes mit entschlossener Prahlerei von der Nase und richtete einen dreisten, vollen Blick auf die rötliche Glut des großen Karfunkels. Aber kaum war er ihr begegnet, als er mit einem tiefen, schaudernden Stöhnen den Kopf sinken ließ, und beide Hände auf seine unglücklichen Augen preßte. Von diesem Augenblicke an gab es in Wahrheit für den Zyniker kein Licht des großen Karfunkels mehr, noch sonst ein anderes irdisches oder selbst ein Licht des Himmels. Indem er so lange gewöhnt gewesen war, alle Gegenstände nur durch das Medium zu betrachten, welches ihm jeden Schimmer von Glanz raubte, hatte ein einziger Strahl eines so glänzenden Phänomens, der sein unbewaffnetes Auge getroffen, ihn auf immer erblinden lassen.

»Matthäus,« sagte Hanna, sich an ihn hängend, »laß uns von hier fortgehen.«

Matthäus sah, daß sie ohnmächtig war, und indem er deshalb niederkniete, legte er sie in seine Arme und sprengte einige Tropfen des schneidend kalten Wassers aus dem bezauberten See auf ihr Gesicht und ihren Busen. Es belebte sie wieder, aber nicht ihren Mut.

»Ja, Liebste,« rief Matthäus, ihre zitternde Gestalt an seine Brust drückend, wir wollen fort gehen und nach unserer bescheidenen Hütte zurückkehren. Der gesegnete Sonnenschein und das stille Mondlicht soll durch unser Fenster leuchten. Wir wollen die behagliche Glut unseres Herdes zur Abendzeit anzünden und in ihrem Scheine glücklich sein. Aber nimmer wollen wir wieder nach mehr Licht streben, als die ganze Welt mit uns teilen kann.«

»Nein,« sagte die junge Frau, »denn wie könnten wir in dieser schreckbaren Gluthitze des großen Karfunkels bei Tage leben oder bei Nacht schlafen!«

Mittels ihrer hohlen Hand tranken sie einen Zug aus dem See, der ihnen sein noch von keiner menschlichen Lippe entweihtes Wasser darbot, und begannen sodann den Berg hinabzusteigen, indem sie den erblindeten Zyniker unter ihre Leitung nahmen, der kein Wort mehr äußerte und selbst das Stöhnen seines elenden Herzens unterdrückte. Als sie jedoch das bis dahin unbetretene Ufer des Geistersees verließen, warfen sie noch einen Abschiedsblick auf die Klippe und sahen, daß die Dünste sich wieder in dichte Masse ansammelten, durch die das Juwel nur noch trübe hindurchstrahlte.

Was die andern Pilgrimme des großen Karfunkels betrifft, so erzählt die Sage weiter, daß der würdige Ichabord Pigsnort bald die Suche als eine verzweifelte Spekulation aufgab und als ein weiser Mann beschloß, sich nach seinen Waffenlagern zu Boston am Stadthafen zurück zu begeben. Allein als er durch den Engpaß des Gebirges ging, nahm eine kriegerische Abteilung Indianer unseren unglücklichen Kaufmann gefangen und schleppte ihn nach Montreal, wo er so lange in Haft gehalten wurde, bis er durch die Zahlung eines schweren Lösegeldes die aufgehäufte Masse seiner Fichten-Schillinge auf schmerzliche Weise vermindert hatte. Überdies waren durch seine lange Abwesenheit seine Geschäfte in eine solche Unordnung geraten, daß er während seines übrigen Lebens, statt sich im Silber zu wälzen, selten den Wert eines halben Schillings in Kupfer besaß. Doktor Cacaphodel, der Alchimist, kehrte nach seinem Laboratorium mit einem ungeheuren Stücke Granit zurück, welches er zu Pulver zermahlte, in Säuren auflöste, im Tigel zerschmolz und mit dem Lötrohre abbrannte, worauf er das Resultat seiner Experimente in einem der schwersten Foliobände jener Zeit veröffentlichte.

Und zu allen diesen Zwecken wäre das Juwel selbst von keinem größeren Nutzen gewesen, als das Stück Granit. Der Dichter nahm aus einem ähnlichen Irrtume ein großes Stück Eis mit sich, welches er in einer nie von der Sonne beschienenen Bergspalte fand, und schwur, daß es in allen Beziehungen mit seiner Vorstellung vom großen Karfunkel übereintreffe. Die Kritiker sagen, wenn seiner Poesie auch der Glanz des Juwels fehle, sie mindestens alle Kälte des Eises bewahrt habe. Der Lord de Vere kehrte nach seiner Ahnenhalle zurück, wo er sich mit einem mit Wachslichtern versehenen Armleuchter begnügte, und im Laufe der Zeit einen neuen Sarg im Ahnenbegräbnisse füllte. Als die Leichenfackeln in diesem dunklen Ruheorte glühten, bedurfte es nicht mehr des großen Karfunkels, um die Eitelkeit alles irdischen Pompes zu zeigen.

Der Zyniker wanderte, nachdem er seine Brille abgelegt hatte, als ein elendes Wesen in der Welt umher, und wurde für die absichtliche Blindheit seines früheren Lebens durch ein unaufhörliches, marterndes Verlangen nach Licht gestraft. Die ganze Nacht hindurch pflegte er seine geblendeten Augenhöhlen nach Mond und Sterne aufzuheben; er wandte sein Gesicht östlich beim Sonnenaufgang, wie der eifrigste persische Sonnenanbeter; er machte eine Pilgerfahrt nach Rom, um die prächtige Beleuchtung der St. Peterskirche zu sehen und kam endlich in dem großen Feuer zu London um, in dessen Mitte er sich gestürzt hatte, um einen schwachen Strahl jener Glut aufzufangen, welche damals Erde und Himmel in Flammen setzte.

Matthäus und seine Frau verlebten noch viele friedliche Jahre, und pflegten gern die Sage vom großen Karfunkel zu erzählen. Allein gegen das Ende ihres langen Lebens hatte die Erzählung nicht mehr den vollen Glauben, welcher ihr von denjenigen beigemessen worden war, die sich selbst noch des ehemaligen Glanzes des Juwels erinnerten. Denn es wird versichert, daß von dem Augenblicke an, wo zwei Sterbliche so schlicht und weise gewesen waren, das Juwel, welches alle irdischen Dinge verdunkelt haben würde, zu verwerfen, sein Glanz verschwunden sei. Als spätere Pilger die Klippe erreichten, fanden sie nichts als einen dunklen Stein, auf dessen Oberfläche kleine Teilchen Katzensilber schimmerten. Man erzählt sich auch die Sage, daß, als das jugendliche Paar den Ort verließ, das Juwel sich von der Spitze der Klippe ablöste und in den bezauberten See fiel, und daß um Mittagszeit des Suchers Gestalt noch jetzt gesehen werden könne, wie sie sich über den unauslöschlichen Glanz hinab beuge.

Einige andere glauben, daß der unschätzbare Stein jetzt noch wie früher strahle und behaupten, daß sie seinen Glanz wie das Leuchten des Blitzes im Sommer tief hinein im Tale Saco wahrgenommen haben. Und endlich muß ich selbst zugestehen, daß ich in weiter Ferne von den Kristallbergen ein wunderbares Licht um ihre Gipfel schweben sah, und durch meinen Glauben an die Poesie verleitet wurde, der letzte Pilger nach dem großen Karfunkel zu sein.

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