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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 7
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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VI. Die Kulissen des Theaters Argentino in Rom.

In den ersten Tagen des Januars 1838 trafen zwei Freundinnen, indem sie sich umarmten, ihre Vorkehrungen, um die artistische Laufbahn der Malibran, Sontag, Damoreau-Cinti zu betreten, indem sie in Rom auf dem schönen Theater Argentino ihr erstes Debüt haben sollten. Beide waren jung, schön, hatten ihre musikalischen Studien in Paris begonnen und durch eine öffentliche Prüfung in der italienischen Akademie gekrönt.

Luise und Eugenie d'Armilly verfolgten seit ihrer zartesten Kindheit den Gedanken an eine Zukunft der Freiheit und Unabhängigkeit, wie das Genie sie träumt, außerhalb des engen Kreises unserer Leidenschaften und unserer Vorurteile. Diese lachende Zukunft, der die beiden Freundinnen mit sicherem Fuße zuschritten, ist die, welche die erhabene Krone der Künstlerin in Aussicht stellt, eine Krone, welche sich in der Welt nicht für Geld kaufen läßt, welche aber dem verliehen wird, der sich ihr als begeistert von dem heiligen Feuer offenbart.

Wieviel Zeit war verflossen, seitdem Eugenie, ihre kräftige, ausdrucksvolle Stimme den Klängen von Luisens Piano vermählend, ganze Tage bei ihren Studien zubrachte, während die sorgfältig verschlossene Tür jeden Unbescheidenen von dem Eintritt in das kleine Heiligtum abhielt, in welchem das Genie seine Flügel versuchte, um sich zu dem riesigen Fluge, den es beabsichtigte, vorzubereiten!

Dann wieder hatte Eugenie ihre beweglichen Finger über die Tasten des Instrumentes gleiten lassen, um die Stimme Luisens zu begleiten, und statt der kräftigen, ausdrucksvollen, leidenschaftlichen Musik Eugeniens ertönten die zärtlichen Melodien Luisens. Diese bestimmten Charakterzüge unterschieden die beiden Freundinnen wesentlich. Stolz und entschlossen, glich Eugenie der majestätischen Zeder, welche ihren erhabenen Wipfel dem Toben des Sturmes beut: schüchtern und sanft war Luise, das demütige, bescheidene Wintergrün, welches sich unter dem leisesten Hauche der Luft beugt. Schon ein unverschämter Blick machte sie erbeben.

Obgleich in Paris die Gesellschaft, welche die Familie Eugeniens empfing und besuchte, eine der gewähltesten und reichsten der Hauptstadt war, hatte sie dem überspannten und enthusiastischen Geiste der Sängerin nichts geboten, was dieselbe zu fesseln vermochte. Musik und Theater waren die einzigen Leidenschaften dieses Herzens, in welchem die Harmonien Rossinis, Bellinis, Meyerbeers, Verdis und Donizettis ein tiefes Echo fanden. Nachdem Luise ihre Lehrerin gewesen war, wurde sie ihre einzige Freundin, ihre Gefährtin, ihre Schwester des Ruhmes, der Arbeit und des Glückes. Luise war es, welche die Schwüre der neuen Priesterin der Kunst empfing, nachdem sie dieselbe in allen Mysterien dieses göttlichen Kultus eingeweiht hatte. Eugenie trat mit jener Selbstverleugnung, oder, wenn man lieber will, mit jener aufrichtigen Verirrung, welche großen Seelen eigentümlich ist, jedes profane Gefühl mit Füßen, indem sie alles aufgab und verachtete, was die Welt für ein junges Mädchen ihres Alters Schönes und Anziehendes zu bieten hat, das heißt, Vater, Mutter, hohe Stellung, Reichtümer und Bewunderung, um in jene Familie einzutreten, deren Oberhaupt einst durch die Menschen zu dem Range der Götter und dem Namen Apollo erhoben wurde.

Nachdem die beiden Freundinnen Frankreich verlassen hatten, begannen sie mit dem, was sie ihren kleinen artistischen Ausflug nannten. Sie bereisten einige der vorzüglichsten Städte Italiens. Sie hatten nach und nach in Mailand, Genua, Venedig Konzerte gegeben, um durch den Ertrag derselben die Lücken auszufüllen, welche die unvermeidlichen Reiseausgaben in ihrem kleinen Geldvorrat hervorbrachten. So waren sie endlich nach Rom gelangt, um sich hier einer öffentlichen Prüfung zu unterwerfen, damit nach ihrem richtigen Werte die Eigenschaften ihrer Stimme, die Vervollkommnung ihres Gesanges und ihr Verständnis der dramatischen Kunst gewürdigt werden könnten.

Diese Prüfung war vorüber, und sie hatten durch dieselbe einen vollständigen Sieg errungen. Deshalb sahen sie auch bald darauf vor sich die goldenen Tore des Paradieses geöffnet, von dem sie so lange geträumt hatten. Schon an dem Tage, welcher jenem wichtigen Ereignis folgte, begann der Traum der Wirklichkeit zu weichen, denn bereits am Morgen empfingen sie die Karten mehrerer Theaterdirektoren, unter andern auch die des Impressario vom Theater Argentino, bei welchem das Engagement der Primadonna soeben zu Ende ging.

»Nun, Luise, was meinst Du?« fragte Eugenie, indem sie aus dem Bette sprang und nach der Uhr sah, die Mittag andeutete. »Sollen wir den Antrag des Impressario vom Argentino annehmen?«

»Ich meine es, wenn er nämlich einwilligt, daß wir unsere Opern für das Repertoire wählen.«

»Das muß offenbar die erste Bedingung sein,« erwiderte Eugenie, indem sie sich ankleidete, zitternd vor Frost. »Die Semiramis, der Attila –«

»Die Nina, die Parasina,« fügte Luise hinzu. »Aber laß uns jetzt frühstücken und plaudernd unsern Plan feststellen. Denn wir müssen daran denken, daß die Herren Direktoren bald erscheinen werden.«

»Sie mögen kommen,« entgegnete Eugenie, indem sie umhersprang, um sich zu erwärmen. »Wir sind da, das heißt, wir werden da sein, denn es handelt sich um die Zukunft. Wenn ich meine Strumpfbänder binde, ist es nicht gut, von der Gegenwart zu sprechen.«

»Wenn der arme Mensch das hörte, so wäre er imstande, vor Furcht zu sterben!« sagte Luise lachend, indem sie auf ihre Freundin die schönen blauen Augen richtete, die einem feurigen Blicke Eugeniens begegneten.

»Ohne Zweifel,« erwiderte sie stolz, »ohne Zweifel. Ich bin ein halber Mann, wie Du mir oft gesagt hast, und die Kniebänder eines Mannes sind nicht nach dem Geschmack jener Herren! Erinnerst Du Dich noch, wie ich meine Rolle als Lion gespielt habe, als ich mit Dir aus Paris entfloh? Ich nannte mich damals Leon d'Armilly, und glaubte ich, daß Du in irgend einer Gefahr schwebtest, so fehlte mir nicht der Mut, um sehr laut das Wort »Pistolen« auszusprechen!«

»Ach, was das für eine Zeit war!« seufzte Luise.

»Ha, wenn ich so dastand in meinen Männerkleidern, Dich in meine Arme schließend und Dich mit meinen Küssen bedeckend, wenn irgend eine Gefahr überstanden war! Als wir die Barrieren hinter uns hatten, damals zittertest Du nicht, wie Du jetzt zu zittern scheinst.«

»Ja, siehst Du, das kommt daher, weil unser erstes Debüt so nahe ist, und das könnte doch wohl schlecht aufgenommen werden.«

»Ei so geh doch! Und hat etwa in Mailand, in Genua, besonders aber in Venedig, unser Gesang mißfallen? Ueberdies scheint es mir, als hätte der Erfolg der Prüfung nichts Entmutigendes für uns gehabt!«

»Das ist wahr; aber unter den gegenwärtigen Umständen ändert sich das Ansehen der Sache! Es kommt jetzt darauf an, auf der Bühne zu erscheinen, mit Wahrheit zu spielen. Was nun mich z. B. betrifft, so kann ich zwar die große Arie der Parisina recht gut singen, aber heißt das auch schon, daß ich überzeugt sein darf, Parisina zu sein

»Und ich, nun, habe ich etwa die Gewißheit, den Charakter der Semiramis zu besitzen, alles das, was sie empfand, auf eine solche Weise zu fühlen, daß das Publikum sich einbildet, die edle Königin der Assyrier vor sich zu haben, gedemütigt, zitternd, niedergeschmettert durch die Reue, indem sie die Stimme des Ninus vernimmt? Oder von Torheit ergriffen, durch die Liebe berauscht, außer sich, in der Gegenwart des Arsaces?« fragte Eugenie, »Sieh aber, ob ich gleichwohl bei der Annäherung unseres ersten Debüts zittere. Ich besitze zuviel Vertrauen auf den Unterricht, den Du mir gegeben hast, auf die Studien, die wir miteinander machten, um vor einer Aufgabe zu erschrecken, welche andere Frauen unter enthusiastischen Beifallsbezeugungen eines verständigen und unparteiischen Publikums erfüllten.«

»Jedenfalls, meine teure Eugenie,« erwiderte Luise, »ist das Los geworfen, und jene Zukunft mit dem weiten Horizont, die wir in Paris träumten, soll sich für uns verwirklichen. Bald wird das Echo des Rufes unsere Namen nach Paris tragen, in den Schoß unserer Familien, nachdem sie in das goldene Buch des Künstleradels eingetragen worden sind! – Ha! wie dieser Adel mir zulächelt! Er ist nicht um eine Handvoll elender Goldstücke zu erkaufen. Er erwirbt sich nur durch die Arbeit und durch persönliches Verdienst! Welch ein herrlicher Wappenschild ist der des Künstlers! Dieser Schild wird nicht durch den Staub des Alters verdunkelt! – Sieh vielmehr, wie er glänzt, wie er seine Strahlen auf die folgenden Generationen wirft, die sich vor ihm beugen.«

»Luise, Luise,« rief Eugenie lachend, »das nenne ich Enthusiasmus! So liebe ich Dich!«

Und Arm in Arm gingen die beiden Freundinnen nach dem Speisezimmer.

Kaum hatten sie das Frühstück beendigt und die letzte Hand an ihre elegante Toilette gelegt, als sie den Besuch des Impressario vom Theater Argentino empfingen, der in der Furcht, sich die köstliche Acquisition der beiden jungen Künstlerinnen entgehen zu sehen, allen seinen Kollegen zuvorgeeilt war. Beide Teile einigten sich schnell; der Impressario nahm alle Bedingungen an, welche die jungen Künstlerinnen ihm stellten, und ehe der Tag verflossen war, hatte er unter allen üblichen Formen die beiden jungen Mädchen als Prime Donne assolute engagiert.

Einen Monat später wurden in dem Theater Argentino die Proben zu der Oper Rossinis: Semiramis, gehalten, und jeden Morgen eilten die ungeduldigen Dilettanten nach dem Foyer, um voll Enthusiasmus noch vor der Zeit den beiden Debütantinnen zu applaudieren und dem Impressario zu seiner vortrefflichen Erwerbung Glück zu wünschen. Denn die beiden Künstlerinnen versprachen Wunderdinge, obgleich sie zum erstenmale die Bretter der Bühne betraten, welche noch die Spuren von den Fußtritten zweier großer Talente trugen.

Endlich erschien der Tag der Vorstellung, und kaum war das Theater beleuchtet, als auch schon alle Logen sich mit Zuschauern füllten, die sprachen, stritten und lärmend die Verdienste der beiden Damen d'Armilly rühmten.

Während dies in den Salons und den Gängen des Theaters stattfand, drängte sich ein junger Mann von 22-23 Jahren, von hohem Wuchse, vorteilhaftem Aeußern und anständiger, doch keineswegs auffallender Kleidung, mit aller Gewalt durch die Menge, die vor sämtlichen Ausgängen des Gebäudes sich angesammelt hatte. Mit großer Mühe gelangte er durch die verzweifelten Anstrengungen eines geschickten Cicerone, der ihn sich nachzog, durch die wogenden Fluten des bewegten Zuschauerraumes bis zu dem Billetverkauf.

»Ein Billet, ein Billet, amico!« rief der Cicerone, indem er einen kräftigen Faustschlag auf das Kontor des Verkäufers führte.

»Ein Billet?« entgegnete dieser, – »ein Billet, jetzt noch? Das ist schön! Komm morgen wieder, mein Junge und dann übermorgen mit Tagesanbruch, wenn Du eins für den Abend haben willst. Alles ist verkauft, Freund, alles; ich habe nicht mehr den Schatten von einem einzigen.«

»Es gibt kein Billet mehr,« sagte der Cicerone, sich zu dem jungen Manne zurückwendend.

»Ha!« rief dieser, »ich muß aber um jeden Preis hinein.«

Er sagte dies in gutem Französisch.

»Es gibt aber keine Billets mehr,« wiederholte der Cicerone.

»Nun, dann führe mich in die Kulissen. Ich muß durchaus zusehen! – Hörst Du wohl, Dummkopf, ich muß sehen! –«

»Ja, was soll ich dabei tun, Herr? Sie hätten früher sprechen müssen. Maestro Pastrini hätte Ihnen wohl dienen können; aber so im letzten Augenblick, da ist das ganz unmöglich. Ich will Ihnen indes das Gebäude zeigen und die Architektur erklären. Folgen Sie mir nur!«

»Hol Dich der Teufel mit Deiner Sucht, alles zu zeigen und zu erklären! – Ich sage Dir, ich muß durchaus der Vorstellung beiwohnen, ich muß alles sehen, was vorgeht, und Du sprichst mir nun hier von Mauern und Decken und Säulen! – Du bist verrückt!«

»Mein Herr, der Argentino ist prachtvoll,« erwiderte der unermüdliche Cicerone. »Da es übrigens keine Billets mehr gibt, müssen wir wohl die Zeit dazu anwenden, zu sehen, was hier Gutes vorhanden ist! – Folgen Sie mir daher, mein Herr, und Sie werden bald an den Fingerspitzen alle Vorzüge eines Gebäudes herzählen können, welches zu den ersten in seiner Art gehört.«

»Daß Dich die Pest!« rief der junge Mann, indem er ungeduldig den Arm des Cicerone schüttelte: »nach den Kulissen, sage ich Dir!«

»Aber Sie werden nicht hinein gelangen!«

»Sag, daß ich ein Fremder bin, und daß ich sehen will. Hast Du mir nicht gesagt, wenn ein Fremder nach Rom käme, so geschähe es, um alles zu sehen, was es Gutes und Schönes in dieser großen Stadt gibt?«

» Per la Madonna, jawohl,« rief der Cicerone, »aber die Kulissen und die Maschinerie des Argentino werden am Tage gezeigt, und nicht an den Abenden der Vorstellungen.«

»Du bist entsetzlich langweilig. Führe mich zu der Tür, und ich werde mit dem Schließer sprechen. – Ich muß hinein, und ich werde hineinkommen.« Bei diesen Worten faßte er kräftig den Arm des Cicerone, drehte ihn auf den Absätzen herum, und indem dieser mit den Ellenbogen arbeitete, als nehme er eine Schwimmübung vor, gelang es ihm, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Einige Augenblicke darauf erreichte er mit dem Fremden, der sich ihm gewissermaßen auf den Rücken gehängt hatte, die Türe des Bühneneingangs.

»Wer da?« rief der Portier, indem er sich dem Cicerone entgegenstellte, um ihm den Durchgang zu verwehren.

»Ha!« rief der Fremde, erblassend bei dem Anblicke des runden roten Gesichts des dicken Portiers, welches von den Strahlen einer seitwärts hängenden Lampe hell beleuchtet wurde.

Der Cicerone flüsterte dem Cerberus geheimnisvoll ein Wort in das Ohr.

»Unmöglich, mio caro, unmöglich!« erwiderte derselbe. »Es ist der unbedingte Befehl erteilt worden, niemand auf die Bühne zu lassen. Die Vorschriften sind sehr entschieden, und heute geht es weniger als jemals – außerordentliche Vorstellung, zwei Debüts.«

Der Portier blieb indes stehen, indem er mit dem Auge blinzelte und sich hinter dem Ohr kratzte. Dann fuhr er fort:

»Der Herr brennt also vor Verlangen, einzutreten? Er würde alles in der Welt dafür geben?« fügte er mit pfiffigem Tone hinzu: »Ich weiß dazu nur ein Mittel: er müsse die besondere Erlaubnis des Herrn Direktors erlangen. Ich will sehen, ob es sich tun läßt.«

Bei diesen Worten richtete der Portier die Augen auf den Fremden, welchem keine einzige seiner Bewegungen entgangen war, wich überrascht einen Schritt zurück und rief:

»Oh! Oh! Wäre es möglich?«

»Sie sehen mich ebenso verwundert, wie Sie selbst sind, mein Herr,« sagte der Fremde, »und ich bin geneigt zu dem Glauben, daß die Luft Roms ganz außerordentliche Metamorphosen hervorzubringen geeignet ist.«

»Und ich,« sagte der Portier, »ich war in diesem Augenblicke fest überzeugt, daß ich, ohne mich zu täuschen, Ihren Namen mit dem des beklagenswerten Ibus in Verbindung bringen könnte, und wie Sie gestehen werden, hatte ich hinreichenden Grund, zu vermuten, daß Sie auf dem Boden liegen geblieben wären, niedergeschmettert durch den kräftigen Faustschlag eines neuen Ulysses.«

»Es ist in der Tat wahr,« entgegnete der Fremde, daß ich einigermaßen wie der arme Bettler gehandelt habe, indem ich mich um die Hand Ihrer Penelope bewarb; aber was wollen Sie, mein Lieber; eine geheimnisvolle Diana und ein wohlwollender Aeskulap haben sich meiner erinnert, und dank ihrer wohltätigen Einmischung ist der Sturm über meinem Haupte dahingebraust.«

Während dieses Zwiegesprächs ließ der Cicerone seine Blicke verwundert von einem der Sprechenden auf den andern gleiten, ohne den Sinn ihrer Worte zu verstehen, gleichwohl aber an ihren Bewegungen erratend, daß der Gegenstand ihrer Unterhaltung von der höchsten Wichtigkeit sei.

Der Fremde bemerkte dies.

»Mein Herr,« sagte er, sich wieder zu dem Portier des Theaters wendend, »ich glaube, es ist hier nicht der Ort dazu, die Frage zu erörtern.«

»Sie haben recht,« entgegnete der Portier. »Ich will Sie in meine Loge führen und Ihnen dort beweisen, daß ich die Vergangenheit zu vergessen weiß. Treten Sie ein.«

Der junge Mann verabschiedete den Cicerone und trat in das kleine Gemach des Portiers.

»In der Tat, Herr Baron,« sagte er dann, »das ist höchst sonderbar.«

»Um Gott, Herr Andreas Cavalcanti, wollen Sie mich denn bloßstellen? Sehen Sie denn nicht, daß ich meinen Titel in die Tasche gesteckt habe?«

»Ich glaubte, Sie wären hier, um aus Laune Komödie zu spielen, wie ein gewisses Mitglied Ihrer Familie.«

»Ei, das wäre eine sehr überspannte Laune!«

»Erzählen Sie mir doch, was Ihnen begegnet ist, mein lieber Baron Danglars?«

»Still! Ich nenne mich hier nicht mehr Danglars! Der Portier des Theaters Argentino kann und darf sich nicht Danglars nennen! – Aber sagen Sie mir doch, wie zum Teufel sind Sie den Polizeiagenten entgangen, die Sie als entsprungenen Galeerensklaven in eben dem Augenblicke verhafteten, als Sie den Heiratskontrakt mit Eugenie unterzeichnen wollten?«

»Auf die allerprosaischste Art von der Welt. Ja, ich kann sogar noch mehr sagen, denn, um offen zu sprechen, ist mein Leben bis zum heutigen Tage nichts als eine lächerliche Verkettung von Verhaftungen und Flucht gewesen! – Aber wie steht es denn um Ihre Flucht, Herr Baron?«

»Das ist eine verdammte Gewohnheit!« rief Danglars, indem er dunkelrot wurde und sich den Schweiß von der Stirn wischte.

»Verzeihung, Herr von Danglars!«

»Nun, das wird immer schlimmer und schlimmer!«

»Wie soll ich Sie denn aber nennen?«

»Ach, was weiß ich! Nennen Sie mich Dings oder Nichts! Wenn man arm ist, hat man keinen Namen mehr.«

»Sie sind also zu Grunde gerichtet?«

»Vollständig! Bis zum letzten Centime!« murmelte Danglars finster. »Ohne die kleine Anstellung, die ich hier habe, wäre ich schon verhungert, ja verhungert,« wiederholte er bitter.

»Das wäre wirklich ein abscheulicher Tod für einen berühmten Baron! Und wer hat Sie denn in eine so erbärmliche Lage versetzt?«

»Wer?« rief Danglars, indem er bleich wurde wie ein Leichentuch. »Wer? Ein Mensch, der aus den Eingeweiden der Erde oder des Meeres durch eine unwiderstehliche Macht heraufbeschworen zu sein scheint, um meinen Traum des Glücks zu zerstören.«

Benedetto – denn ihn werden die Leser bereits erkannt haben – erzitterte unwillkürlich, indem er diese Worte Danglars hörte. »Und wie heißt dieser Mensch?« fragte er.

»O,« sagte der Baron Danglars, indem er die Blicke verwirrt um sich her schweifen ließ, »schon seit längerer Zeit spreche ich diesen entsetzlichen Namen nicht mehr aus, weil ich fürchte, sein drohendes Bild möchte aus der Dunkelheit oder aus der Mauer hervortreten, um mich zu martern.«

»Wie? Wäre es möglich, daß das Entsetzen, welches er Ihnen einflößt, so weit geht? – Ha!« fuhr Benedetto fort, »wie schwach und feig doch die Menschen sind!«

»Unsinniger!« sagte Danglars; »wenn Sie ihn kennten, so würden Sie voll Entsetzen vor seiner geheimnisvollen Nähe zurückweichen! – Wissen Sie zufällig, wer der Graf von Monte Christo ist und woher er kommt?«

Benedetto stieß ein schallendes, geringschätziges Lachen aus, bei dem der arme Theaterportier des Argentino erstarrte.

»Ich habe eine heilige Schuld gegen ihn zu tilgen. Eine Blutschuld!« sagte Benedetto, »und die Totenhand ist geöffnet, um den Preis dieser Schuld zu empfangen.«

Danglars riß die Augen weit auf, ohne den Sinn dieser Worte zu verstehen, die ihm gleichwohl ein fürchterliches Geheimnis anzudeuten schienen.

»Ich verstehe Sie nicht,« murmelte er.

»Die Sache ist ganz einfach. Weshalb zittern Sie denn so, wenn Sie den Namen aussprechen, den der Seemann Edmund Dantès angenommen hat?«

»Ha! Und woher wissen Sie –?«

»Das ist mein Geheimnis. Jetzt antworten Sie mir.«

»Hier ist nicht der Ort zu dem, was ich Ihnen darüber zu sagen habe,« entgegnete der Portier; »wenn Sie mich anhören wollen, so werde ich Sie morgen aufsuchen, und wir können dann darüber sprechen. Wo wohnen Sie?«

»In dem Hotel des Maestro Pastrini.«

»Ah, ich weiß schon, wo das ist.«

»Nun gut; wenn Sie inzwischen einiges Geld bedürfen, so verfügen Sie über meine Börse.«

»Was soll das heißen? Fahren Sie etwa fort, hier in Rom den Prinzen Cavalcanti zu spielen, oder werden Sie wieder durch den Grafen Monte Christo beschützt? Wäre dies der Fall, was ich übrigens nicht glaube, so hätte ich großes Unrecht begangen, so, wie ich es tat, vor Ihnen zu sprechen.«

»Beruhigen Sie sich, Herr Baron; es ist nicht so. Habe ich Ihnen nicht soeben gesagt, daß ich an Edmund Dantès eine Blutschuld tilgen muß? Ich bin nicht der Prinz Cavalcanti, sondern ein Räuber, ein Fälscher, ein Mörder, ein Bandit ohne Namen, ohne Vaterland, ohne Gott!«

»Ha, was sagen Sie da?« rief Danglars entsetzt, indem er unwillkürlich die Hände auf die Taschen legte und eine Bewegung rückwärts machte, als wollte er sich gegen einen Messerstoß in Sicherheit bringen. »Und wohin hoffen Sie denn zu gelangen,« sagte er, »indem Sie so, gleich dem ewigen Juden, vorwärts rennen?«

»Geführt durch die Hand eines Toten, der noch vor Zorn und Wut in seinem Grabe zittert, werde ich bis zu Edmund Dantès gelangen.«

»Aber wissen Sie wohl, Herr André – wissen Sie wohl, daß Sie mir etwas verdreht erscheinen?«

»Das ist eben nicht sehr schmeichelhaft, mein Lieber, indes lassen Sie mich jetzt hinauf, und glauben Sie mir, daß ich Ihnen sehr nützlich sein kann, um Ihre Angelegenheiten wieder in Ordnung zu bringen. Ich kann Ihnen den Dienst dreifach vergelten, wenn Sie wollen.«

»O!«

»Nun, zuerst lassen Sie mich nur hinauf, denn ich muß mich überzeugen, ob die beiden Sängerinnen dieses Abends die sind, welche ich in ihnen vermute.«

»Die beiden Armilly?«

»Wenn ich mich nicht täusche, so war das der Name der Erzieherin Ihrer Tochter Eugenie.«

»Das ist auch wahr; aber was wollen Sie damit sagen?«

»Ihre Tochter hatte eine ganz besondere Leidenschaft für das Theater und die Musik, und ich glaube daher ganz bestimmt, daß Fräulein Eugenie dort oben ist, in eben dem Augenblicke, in welchem ich jetzt mit Ihnen spreche, vor dem Schatten des Ninus zitternd.«

»O, dazu ist es noch zu früh. Die Vorstellung kann kaum begonnen haben!«

»Genug. Was Sie mir gesagt haben, bestätigt mich in meinem Argwohn in Beziehung auf die beiden Armilly, und ich wünsche Ihnen aufrichtig Glück dazu. Herr Baron, daß Ihr Fräulein Tochter an die Wiedergewinnung des Ihnen gestohlenen Vermögens denkt.«

Danglars seufzte.

»Also auf morgen, Herr von Danglars. Ich denke, Sie werden unser Rendezvous nicht vergessen: Hotel des Maestro Pastrini, Via del Corso.«

Bei diesen Worten entfernte sich Benedetto und ließ den armen Portier ganz starr vor Staunen zurück, und in der Ueberzeugung, daß er durch ihn Dinge von der höchsten Wichtigkeit in Beziehung auf Edmund Dantès erfahren würde.

*

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