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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 60
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIX. Die Schwester des heiligen Lazarus.

Nach den unerwarteten Ereignissen, welche die künstlerische Laufbahn Eugenies und Luise d'Armilly unterbrochen hatten, wie wir dies dem Leser mitteilten, standen sie im Begriff, dieselbe wieder zu beginnen, indes weit entfernt von dem Schauplatz ihrer Abenteuer. Die schöne Stadt Rom, in welcher die beiden Freundinnen sich so oft einen dauernden Aufenthalt gewünscht hatten, konnte ihnen in der Tat nur noch sehr traurige Erinnerungen bieten, die sich an die beiden Hauptaugenblicke ihrer künstlerischen Laufbahn hefteten.

Nachdem Edmund Dantès den Wagen hatte abfahren sehen, schritt er traurig und nachdenklich die Straße hinab und ging mit großen Schritten seiner neuen Wohnung zu, die er geräuschlos betrat.

Es ist notwendig, dem Leser den Anblick zu beschreiben, den damals diese einfache und ärmliche Wohnung gewährte.

Zunächst müssen wir erwähnen, daß Bertuccio, der seinen Herrn, den Grafen von Monte Christo, wiedergefunden hatte, durch den Anblick der veränderten Lage des, selben eine so gewaltige Erschütterung empfing, daß er wenige Tage darauf von einer sehr schmerzhaften Krankheit ergriffen wurde, die ihn nicht wieder verließ. Bertuccio war zu weit davon entfernt, zu glauben, daß seinem Gebieter, den edlen Grafen von Monte Christo, das geringste Mißgeschick getroffen haben könnte, um eine Ahnung davon zu haben, wie er ihn in dem Hotel des Maestro Pastrini wiederfinden sollte; seine Nerven wurden daher durch das Unerwartete im höchsten Grade erschüttert.

Der arme Haushofmeister lag am Boden auf einer elenden Strohmatratze und bedeckt mit einer leichten wollenen Decke; neben ihm stand eine Frau von mittlerem Alter, mit edlem Gesicht, offenen Zügen und in dem Gewande der barmherzigen Schwestern.

Sobald Bertuccio krank geworden war, hatte Edmund Dantès die Pflege einer jener heiligen und großmütigen Krankenwärterinnen erbeten, und diese, welche erst seit kurzer Zeit in den Orden eingetreten, wurde zur Wartung des Kranken bestimmt.

Als Edmund Dantès das Zimmer betrat, lag Bertuccio in einem unruhigen Schlafe, und seine Seufzer erfüllten das mattbeleuchtete Gemach mit unheimlichen Klängen.

Die barmherzige Schwester hatte den Arm auf das Kopfkissen des Kranken gestützt, das Gesicht in die Hand gedrückt, und man bemerkte an dem schwachen, aber häufigen Schluchzen, welches die Seufzer des Kranken begleitete, daß sie weinte.

Edmund Dantès blieb auf der Schwelle der Tür stehen, und ergebungsvoll und schweigend die Hände gegen die Brust gepreßt, als wollte er die Schläge seines Herzens hemmen, betrachtete er das Bild, welches sich seinen Blicken bot; dann trat er einige Schritte näher und sagte mit leiser Stimme:

»Ehrwürdige Frau, Eugenie ist fort; Euer Segen begleite sie; Ihr dürft daher ruhig sein.«

»Ach,« murmelte die barmherzige Schwester, indem sie den Kopf erhob und den Arm, der denselben gestützt hatte, sinken ließ; »die Barmherzigkeit Gottes sei mit Dir!«

Es entstand eine Pause des Schweigens.

Edmund richtete den Blick auf den Körper Bertuccios und schüttelte den Kopf mit dem Ausdrucke des Zweifels.

»Guter Bruder,« sagte die barmherzige Schwester, »da Ihr versprochen habt, zu dem Herrn für mich zu beten, hoffe ich, daß Ihr es nicht vergessen werdet, denn ich bedarf sehr der Gebete.«

»Ja, ehrwürdige Frau,« erwiderte Edmund Dantès, dessen Gesicht ganz in die Falten der Kapuze seines wollenen Gewandes verborgen war. »Ich war ein großer Sünder und kann daher nicht glauben, daß meine Gebete durch Gott erhört werden; indes will ich mich stets in den Augenblicken meiner Sammlung Eurer erinnern. Inzwischen will ich Euch noch einen Dienst leisten, gleich dem, den Ihr bereits von mir empfingt.«

»Was sagt Ihr?«

»Ich habe Euren Segen Eurer Tochter überbracht – ich könnte es auch so einrichten, daß Ihr Euren einzigen Sohn zu segnen vermöchtet!«

»Mein Gott, mein Gott, was sagt Ihr?« rief sie, indem sie sich erhob.

Edmund Dantès blieb regungslos.

»Ja, ehrwürdige Frau,« sagte er, »nie senkte Euer mütterlicher Segen sich auf dies verfluchte Haupt. – Vielleicht hatte der Unglückliche eben dadurch verderbliche Gedanken! Indes jetzt müßt Ihr von Eurem Irrtum zurückkommen und Ihr werdet den segnen, dem Ihr unter Tränen und Qualen das Leben gegeben habt!«

»Wer seid Ihr?« murmelte sie erschrocken, indem sie einen Schritt zurücktrat. »Gott, wer ist dieser Mensch – der ein verhängnisvolles Geheimnis meines Lebens zu kennen scheint?«

»Erinnert Ihr Euch an den Sohn Villeforts?« entgegnete Edmund Dantès. – »Beruhigt Euch; ich habe nicht die Absicht, Euch Leiden zu bereiten, indem ich diese Erinnerung in Euch erwecke! Ich will nur Eure Reue mildern, indem ich Euch den Rat erteilte, den Unglücklichen zu segnen, dessen einzige Taufe Tränen und Blut waren!«

»Ach, aus Barmherzigkeit, sagt, wer seid Ihr? Eure Worte haben etwas Entsetzliches; sie machen mich erbeben! Aus Barmherzigkeit – sagt, ob Ihr ein Gespenst seid, heraufgestiegen auf die Erde, um mich durch die Reue zu töten. – Ich beschwöre Euch, habt Mitleid mit einer armen Büßenden!«

»Ich, nein, ehrwürdige Frau, ich bin nur ein armer Sünder, der jetzt seine ungeheuren Vergehen dadurch büßt, daß er seinen Feinden verzeiht und durch Wohltaten das Böse vergilt, das sie ihm zufügten! – Frau von Danglars, Ihr Sohn heißt Benedetto und befindet sich in diesem Augenblick in Frankreich.«

»Benedetto! Benedetto!« wiederholte Frau von Danglars voll Entsetzen. »O sagen Sie mir im Namen Gottes, was macht der Unglückselige?«

Ein krampfhaftes Lachen machte die wollene Kapuze zittern, welche das Gesicht Edmund Dantès bedeckte.

»Was er macht, kann ich vielleicht binnen kurzer Zeit wissen! Was er getan hat, kann ich Ihnen schon jetzt sagen.«

»Ich zittere, sprecht!«

»Verflucht durch alle Welt, seit seiner Geburt dem Tode und der Hölle gewidmet, wurde er auf wunderbare Weise durch einen Arm gerettet, der sich rächte und der später einen verderblichen Plan der Vernichtung entwarf! – Benedetto begegnete einem Manne, der durch Stolz und Eitelkeit geblendet, dahinschritt, und wurde unter den Fußtritten dieses Mannes zu einem Berge, der zusammenstürzend jenen in den Abgrund riß! – Der Mann, den er vernichtete, werden Sie das glauben? – der Mann war der mächtigste auf Erden; sein Wille traf auf kein Hindernis, und gleich dem allmächtigen Gotte wollte er erbarmungslos das Verbrechen entlarven und züchtigen! – Ach, dieser Mann täuschte sich dennoch – er trachtete nur danach, sich ohne Gnade und Barmherzigkeit zu rächen! Mit einem Worte: Es war der Graf von Monte Christo! Ja!« fuhr Edmund Dantès fort, indem er hoch aufatmete, »Benedetto vernichtete diesen kühnen Riesen, den die Menschen mit Staunen betrachtet hatten, wie einst der einfache Hirt den berühmten Riesen der Schrift niederwarf! – Blut und Tränen waren es, die Benedetto auf seinem Wege hinterließ. An den Grafen von Monte Christo sich heftend, entriß er ihm mit seiner mörderischen und rächenden Hand all sein Teuerstes. –

»Benedetto war das Werkzeug Gottes und er bereitet sich vielleicht in diesem Augenblicke in Frankreich vor, die öffentliche Strafe für seine begangenen Verbrechen zu empfangen! Baronin Danglars, das ist das Werk Deines Sohnes!«

Indem Edmund Dantès dies sagte, warf er seine Kapuze zurück.

Frau von Danglars stieß einen Schrei des Schreckens aus und sank auf die Knie neben dem Bette, auf welchem Bertuccio sterbend lag.

»Ja, hier,« fuhr Edmund fort, »hier können Sie den Menschen sehen, dem Ihr Sohn das Leben verdankt! – Dieser Mensch war es, der ihn dem Grabe entriß, in welches Villefort ihn lebend eingesenkt hatte!«

»Barmherzigkeit!«

»Und wissen Sie, auf welche Weise Benedetto diesen großmütigen Menschen belohnte? Er ermordete seine Schwester, zündete sein Haus an und bestahl ihn! – Ha! Das kam daher, weil er von Gott und den Menschen verflucht war!

»Gehen Sie, Frau von Danglars,« fügte Edmund Dantès nach einer Pause hinzu; »erfahren Sie, daß Ihr Sohn Sie aufsucht, um Ihren mütterlichen Segen zu erbitten; gehen Sie und gewähren Sie ihm diesen Segen, damit er ruhig sterbe und auf solche Weise auch Ihr Gewissen in Ruhe komme!«

Einige Augenblicke darauf verließ Frau von Danglars, in ihren Schleier gehüllt, das Haus und erlangte aus Barmherzigkeit eine freie Fahrt an Bord eines kleinen Fahrzeuges, das nach Marseille segelte. Sie hatte die Absicht, nach Paris zu gehen.

Wir wollen jetzt wieder von Benedetto sprechen, welcher, wie der Leser sich erinnern wird, in der Gewalt der Gerechtigkeit geblieben war, die ihn von dem Gottesacker des Père Lachaise nach dem Gefängnisse von La Force brachte.

*

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