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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 59
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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XVIII. Der Büßer.

Eugenie und Luise d'Armilly zogen sich nach dem Hotel des Maestro Pastrini zurück und erwarteten hier das Ende der letzten Tage des Karnevals, um Italien zu verlassen, denn während dieser drei Tage ist der Zufluß von Fremden nach Rom so groß, daß jedem, der die große Stadt verlassen will, schwer wird, besondere Wagen zu finden.

Während das Publikum in wildem Taumel die Straßen durchzog, die zu den Orten führten, welche für die öffentlichen Spiele bestimmt waren, entwarfen die beiden Freundinnen miteinander das neue Programm ihres Künstlerlebens. Eugenie lag jetzt die heilige Pflicht ob, das künftige Brot ihrer Tochter zu gewinnen, und Luise, die stets gut und fügsam, stets eine aufrichtige und uneigennützige Freundin war, erfüllte die nicht minder heilige Pflicht, die, deren Geschick mit dem ihrigen so innig verknüpft war, bei ihren angestrengten Arbeiten zu unterstützen.

Mitten unter den schmeichelhaftesten Hoffnungen bedrückte indes eine schmerzhafte Erinnerung den Busen Eugenies. Unwillkürliche Tränen bezeugten, wie sehr dieses Gefühl sie beherrschte, und Luise strebte vergebens, ihr einige Worte des Trostes zu sagen. Es gibt so tiefe Schmerzen, daß niemand sie zu mildern vermag, niemand – nur die Zeit allein – und oft verrinnt sogar die Zeit vergebens. Die letzte Stunde des Geschöpfes kommt, und es stirbt mit demselben innigen tiefen Gefühle.

Während dieser Augenblicke des Sterbens oder der Todesqual finden wir zuweilen ein unaussprechliches Vergnügen an dem Schmerze selbst! Wenn man uns zerstreuen will, so regen wir uns selbst durch die alltäglichen Worte auf: »Sogar die Gegenwart unseres besten Freundes ist uns verhaßt!« – Und wir suchen dann die Einsamkeit auf, in welcher wir im Schatten und Schweigen das Bild des geliebten Wesens finden, das uns für immer entfloh.

Unglücklich der, welchen die Reue begleitet! Er wird in der Welt niemand finden, der ihn mit jener religiösen Stille zu umgeben vermag, die uns dann so sehr gefällt! Deshalb flüchtete Eugenie sich zuweilen allein nach ihrem Zimmer, in welches kaum ein Strahl des Lichts durch die Ritzen des fest verschlossenen Fenstervorhanges drang. Dort ließ sie in diesem einzelnen Lichtstrahl den goldenen Ring blitzen, den der Büßer ihr in dem Auftrage des verurteilten Vampa übergeben hatte. Dort schien Eugenie sich mit diesem Unglücklichen zu unterhalten und betete zu dem Ewigen, ihr die Gnade zu gewähren, daß ihre Seele mit der seinigen in der Ewigkeit verbunden werden könnte.

Luise wagte es nicht, sie zu unterbrechen; sie kniete vor dem Bilde der heiligen Jungfrau nieder und begleitete im Geiste ihre Freundin auf der Pilgerfahrt, auf welcher sie mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien.

*

Schon hatten die langsamen dumpfen Schläge der Glocken mit majestätischem Klange den Beginn der heiligen Woche verkündet. Nachdem die beiden Freundinnen ihre Rechnungen durch den gewissenhaften Maestro Pastrini hatten ordnen lassen, trafen sie Anstalt, Italien zu verlassen, als die Tür ihres Gemachs sich öffnete und sie vor sich das Gesicht eben jenen Büßers erblickten, dem Luise ein Almosen gegeben hatte und der am Tage der Hinrichtung Vampas Eugenie den Ring überbrachte.

Der Büßer hatte die Kapuze seiner Kutte aus das Gesicht herabgezogen und die Hände in den weiten Aermeln verborgen.

Eugenie und Luise sahen einander gegenseitig an, als wollten sie sich um die Ursache dieser Erscheinung befragen, aber der Büßer nahm zuerst das Wort und sagte:

»Meine Damen, ich komme, um eine Pflicht zu erfüllen, die ich für heilig halte: – ich komme, um einer Tochter den Segen ihrer Mutter zu überbringen.«

»Mein Gott!« murmelte Eugenie.

»Erklärt Euch, mein Bruder,« sagte Luise.

»Eugenie Danglars,« entgegnete der Büßer nach einem Augenblick des Zögerns, »Du willst Italien verlassen, ohne Wenigstens den Versuch zu machen, den Segen derjenigen zu empfangen, die Dir das Leben gab!«

»Guter Bruder,« sagte Luise, »Eure Worte sind ernst, indes habt Ihr einen Namen ausgesprochen, den in Rom niemand kennt. Seid Ihr derselbe, der uns an dem Tage der verhängnisvollen Hinrichtung aufsuchte?«

»Ja.«

»So kommt Ihr also mit einer neuen Sendung beauftragt?«

»Ja.«

»Und was ist das für ein Auftrag?«

»Luise d'Armilly,« erwiderte der Büßer, indem er sich ihnen näherte, »es ist gut, daß Ihre Freundin den Segen ihrer armen Mutter aus Italien mit sich hinwegnehme.«

»Ja, ja!« rief Eugenie, indem sie ihn unterbrach und die Hände faltete. »Wo ist sie? Ich muß –«

»Die Gnade des Herrn erleuchte Dich, meine Tochter,« erwiderte der Büßer. »Möchte sie auch mich nicht auf dem Wege der Buße verlassen, den ich betreten habe!«

»O mein Gott,« flüsterte Luise, indem sie einen forschenden Blick auf den Büßer warf, »diese Stimme – wo habe ich sie schon gehört?«

»Kommt, guter Bruder,« sagte Eugenie, indem sie niederkniete. »Kommt, und da ich den Segen meiner Mutter nicht von ihrer eigenen Hand empfangen kann, segnet Ihr mich in ihrem Namen, denn sie hat Euch großmütig damit beauftragt, dies zu tun.«

»Ja, meine Tochter,« sagte der Büßer, »ich komme zu Dir, beauftragt von ihr, Dir ihren Segen zu bringen, und ich segne Dich in ihrem Namen und in dem Namen Gottes.«

Bei diesen Worten streckte der Büßer seine beiden Hände über den Kopf Eugenies, und Luise kniete an der Seite ihrer Freundin, als wollte auch sie ihren Teil von dem Segen empfangen.

»Das Weib, welches die Leidenschaften dieser Welt ergriffen hatten,« fuhr der Mönch fort, »Frau von Servières und von Meran, Baronin Danglars, lebt jetzt demütig und ergebungsvoll unter dem Gewande der frommen barmherzigen Schwestern.«

»Was sagt Ihr?« rief Eugenie, indem sie aufsprang.

»Höre mich an, Eugenie Danglars, und versuche nicht, mit der weltlichen Eitelkeit, die noch in Dir vorwaltet, das Geschick Deiner Mutter zu ändern.«

»O arme Mutter! Meine arme Mutter!« rief sie, indem sie die Hände rang; »was sagt Ihr? Wo ist meine Mutter?«

»Nachdem sie hier in Rom in die fromme Schwesterschaft des heiligen Lazarus eingetreten ist, wird sie binnen kurzer Zeit nach Frankreich gehen, wo sie ihre Tage zu beendigen wünscht. Bete für sie, Eugenie, bete für sie und folge Du Deinem Geschick. Das Verhängnis hat auf Deiner Familie gelastet, und Du bist die einzige, welche noch eine heitere Zukunft vor sich erblicken kann, denn Du bist die mindest Strafbare gewesen. Deine Eltern haben die Strafe ihrer Irrtümer gelitten! Dein Vater ist für immer in dem unbekannten Stande verschwunden, aus dem er sich durch Intrigen erhoben hatte; Deine Mutter, von der Höhe ihres Stolzes herabgestürzt, gezwungen, auf ihre Eitelkeit zu verzichten, seufzt über ihre vergangenen Irrtümer unter dem demütigen Gewande, das sie zu ihrer Buße angelegt hat. Lebe wohl, Eugenie. Hast Du Feinde, so verzeihe ihnen von Grund Deiner Seele und verfolge Deinen Weg!«

»Mein Gott!« flüsterte Luise, ohne den Blick von dem majestätischen und strengen Gesicht des Büßers abzuwenden. »Ich habe diesen Menschen schon irgendwo gekannt! Es scheint mir, als hätte ich schon öfters diese wohlklingende Stimme gehört, die bis in die Tiefe unserer Seele dringt!«

»Gott möge auch mir verzeihen!« fuhr der Büßer fort. »Ich erkenne seine unfehlbare Gerechtigkeit!«

»Guter Bruder,« sagte Luise, »da Ihr die Sendung vollbracht habt, wegen welcher Ihr uns aufsuchtet, gestattet mir, einige Fragen an Euch zu richten.«

»Sprich!«

»Habt Ihr vielleicht die Beichte der Frau von Servières empfangen?«

»Nein, denn ich bin ein zu großer Sünder, um die Beichte irgend eines andern empfangen zu können! Ich bin zu schwachen Geistes, um Gott zu vertreten.«

»Wie konntet Ihr aber dann von der Familie Danglars so sprechen, wie Ihr es tatet? Ihr habt ohne Zweifel ehemals diese Familie gekannt?«

»Ja, Luise d'Armilly, zu der Zeit, wo Du Deiner Freundin Unterricht in der Musik erteiltest: zu der Zeit, zu welcher in der Familie Danglars der Mann erschien, der ihr seinen Zauber raubte und ihren Ruf herabdrückte. Der Mann, der eine unbeschränkte Macht über den Baron Danglars ausübte.«

»Der Graf von Monte Christo?«

»Ja; ein Tor! ein Uebermütiger!« fuhr der Büßer mit ruhiger Stimme fort, »ein Elender, der sich von Gott erleuchtet wähnte, während er nur durch das heftige Feuer einer einzigen Leidenschaft, der Rachgier, belebt wurde! Ein Wahnsinniger, der vorgab, dieses Gefühl zu heiligen, ohne sich daran zu erinnern, daß alle göttlichen und menschlichen Gesetze es verdammen! Ein Ehrgeiziger, der gegen alle diese Gesetze kämpfen wollte und der zu seinem eigenen Gebrauche ein neues Gesetz der Rache zu erlassen meinte, das Gott annehmen sollte, um durch dasselbe die Menschen zu vernichten.«

»Was sagt Ihr?« rief Luise aufgeregt. »Weshalb sprecht Ihr so von einem Manne, dessen Namen niemand nennt, ohne von tiefer Achtung durchdrungen zu sein?«

»Du verwechselst Achtung mit Furcht, Luise d'Armilly, oder mit dem Staunen, welches die Reichtümer des Grafen von Monte Christo hervorriefen! Aber Achtung! Nein! niemand achtete den Grafen von Monte Christo; man bewunderte nur seine Schätze. Glaube mir, Luise, der Graf war ein schwacher und eitler Mensch wie alle andern Menschen. Seine vorgebliche Größe und die Erhabenheit seines Geistes bestanden nur dem Namen nach; er besaß sie damals in geringerem Grade als jetzt!«

»Mein Gott, wer seid Ihr denn? Welchen Grund habt Ihr, um ihn zu verdammen?«

»Ich verdamme ihn, weil ich aus einem langen Schlafe erwacht bin, aus einem Traume, währenddessen ich mich den andern Menschen überlegen wähnte! Ich verdamme ihn, weil ich endlich das Schwert der Gerechtigkeit Gottes sich auf das stolze Haupt niedersenken sah, das durch den Wahnsinn ergriffen war! Ich verdamme ihn, Luise, weil er sich selbst verdammt! Ach, wenn Du das fortwährende Verhängnis berechnen könntest, welches begonnen hat, ihn niederzudrücken, wenn Du wüßtest, daß ein niederer, unbekannter Mensch, ein Unwissender, es vermocht hat, die Größe des Grafen von Monte Christo zu vernichten, indem er ihm den Busen mit spitzen Nadeln durchbohrte; wenn Du gesehen hättest, wie er in einem Augenblicke von dem Reichtum zu dem Elend herabsank, von dem Stolz zur Demut, von dem Glück zur Verzweiflung, ja dann, Luise, dann würdest Du ebenso wie ich es tue, glauben, daß der Graf von Monte Christo von Gott gezüchtigt wurde!«

Es entstand ein Augenblick tiefen Schweigens, währenddessen der Büßer regungslos stehen blieb. Luise verbarg das Gesicht in die Hände und schien nachzusinnen, während Eugenie, neben einem Tische sitzend, die Stirn in die Hand gelegt, ihren Tränen freien Lauf ließ.

Ein Diener des Hotels klopfte an die Tür und meldete, daß der Wagen, der die beiden Damen fahren sollte, bereit sei.

»Meine Freundin,« sagte Luise, indem sie sich Eugenie näherte, »hast Du es gehört?«

»Ja,« erwiderte diese maschinenmäßig und indem sie aufstand: »ich bin bereit. Latz uns gehen!«

»Eugenie, Eugenie,« rief plötzlich der Büßer, indem er niederkniete, »verzeihe mir! Ich bedarf auch Deiner Verzeihung!«

»Ihr! Ihr bedürft meiner Verzeihung? Wodurch habt Ihr mich beleidigt? Wer seid Ihr denn?«

Bei der Heftigkeit, mit welcher der Büßer niedergekniet war, hatte seine Kapuze sich auf die Schulter zurückgeworfen und sein Gesicht zeigte sich so offen den Blicken der beiden Freundinnen.

»Himmel!« rief Eugenie.

»Der Graf von Monte Christo!« stammelte Luise.

»Still! Still, Luise!« sagte Edmund Dantès. »Sprich nie diesen Namen hier aus, denn der, welcher ihn trug, ist nicht mehr, was er war! – Du siehst es wohl – das ist alles, was von ihm blieb! – Ach, Eugenie, gewähre mir Deine Verzeihung?«

»Stehen Sie auf, mein Herr! Wodurch können Sie mich beleidigt haben, damit ich Ihnen verzeihe! Ha, ich kann nicht an das glauben, was ich sehe! Es ist ein Traum! – Luise, Luise, laß uns gehen!«

»Nein,« rief Edmund Dantès, indem er sie zurückhielt, »Du wachst und Du wirst nicht weggehen, ohne mir um der Liebe Gottes willen verziehen zu haben! – Ich bedarf Deiner Verzeihung! – Verzeihe mir, denn ich habe Dich gekränkt!«

»Aber worin? Womit? Sprechen Sie!«

»Ehre das Geheimnis und erwecke nicht bittere Erinnerungen an die Vergangenheit in einem Herzen, welches ohnehin schon durch das Märtyrertum so zerrissen ist! Eugenie, Gott züchtigt mich, aber dennoch hoffe ich von Grund meiner Seele, in meiner letzten Stunde seine Verzeihung zu erlangen. Verzeihe auch Du mir, wie er mir verzeihen wird; das Gewicht meiner Leiden wird dann erleichtert, und Du, die Du ebenfalls leidest, Du die Du auch erfahren hast, was Martern sind, was Verzweiflung und Verhängnis ist – verzeihe mir! Verzeihe mir!«

»Ja, wenn Sie es wollen, verzeihe ich Ihnen, sollten Sie mich wirklich beleidigt haben,« sagte Eugenie, indem sie ihm die Hand reichte, die er fromm an seine Lippen preßte.

»Jetzt kannst Du gehen, Eugenie,« sagte er, »und aus meinem demütigen Asyl werde ich zu Gott aus dem Grunde meiner zerrissenen Seele flehen, daß er Dich beschütze, wie ich für die Seele Haydees und für das Glück meines armen Sohnes bete. – Ach, das alles ist zu Ende,« fügte Edmund Dantes hinzu, indem er sich mit dem bitteren Gefühle eines Mannes erhob, der die höchsten Todesqualen empfindet und der sieht, daß für ihn alles vorbei ist.«

»Mein Herr,« sagte Luise, indem sie sich ihm näherte, »wenn Ihre Worte nicht die Wirkung des Wahnsinns sind, so enthüllen Sie mir ein so großes Unglück, daß mein Herz dadurch zerrissen wird. Glauben Sie indes, daß Eugenie und ich ein lebhaftes Vergnügen empfinden würden, könnten wir Ihnen nützlich sein.«

Ein bitteres Lächeln überflog die verzerrten Lippen Edmunds.

»Gehen Sie,« murmelte er, »und das Glück begleite Siel Mir genügt die Geduld des Lammes Gottes! Gehen Sie, gehen Sie, meine Damen!«

Bei diesen Worten schlug er seine Kapuze wieder über das Gesicht herab und entfernte sich langsam von den beiden Freundinnen, die einige Augenblicke stehen blieben, ohne die Augen von dem strengen und ergebungsvollen Gesichte des Mannes abwenden zu können, der langsam in dem Korridor des Hotels dahinschritt.

Eine zweite Mahnung des Postillons entriß sie ihren Gedanken, und nachdem sie die Treppe hinabgegangen waren, stiegen sie schnell in den Reisewagen, der ihrer wartete.

*

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