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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 52
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XI. Gift.

Mehrere Minuten hielten Monte Christo und Haydee sich umschlungen, als sähen sie sich nach einer langen Trennung zum erstenmale wieder.

»Armes Kind!« rief der Graf, indem er ihr fromm einen Kuß auf die Stirn drückte. »Das Unglück, welches mich erreicht, verschont auch Deine Unschuld nicht.«

»Glaubst Du, daß ich leide, mein teurer Freund?« fragte Haydee mit der ganzen Unbefangenheit ihrer reinen Seele. – »O nein! – Ich fühle mich noch allzuglücklich, denn ich bin an Deiner Seite.«

Der Graf antwortete nichts. Er preßte sie an seine Brust, nahm dann ihren Kopf zwischen seine beiden Hände und betrachtete sie schweigend, als dächte er über die Zukunft nach, die ihrer wartete. Der sanfte, schmachtende Ausdruck in dem Gesichte Haydees verriet ihm das Gefühl der innigsten Liebe.

Haydee regelte dies Gefühl nicht nach den Lagen des gesellschaftlichen Lebens. Der Graf hatte es ihr eingeflößt und sie erfaßte es mit dem ganzen göttlichen Glauben der wahrhaft Liebenden. Alles übrige war für sie ohne Bedeutung.

Das Leben und die Gegenwart des Mannes, den sie mit der ganzen Glut des orientalischen Charakters anbetete, waren für Haydee alles. Deshalb hielt sie das Glück selbst noch nach diesem unerwarteten Schlage für möglich, von dem sie beide zugleich getroffen wurden.

Der Graf teilte indes diese Ansicht nicht: nachdem er in der Welt eine ungeheure Zaubermacht geübt hatte, wußte er wohl, wie seine Zukunft nach dem Verschwinden dieser Zauberwelt beschaffen sein würde. Er würde keinen Freund mehr finden, keine Tür würde sich mehr für ihn öffnen, um ihm ein Obdach zu gewähren und überall würde man mit dem Gelächter des Spottes den Mann empfangen, der ehedem als der König der Millionäre erschien und folglich als der unumschränkte Gebieter aller Herzen.

»Haydee,« sagte der Graf, nachdem er sie schweigend und die Augen von Tränen erfüllt, betrachtet hatte. »Deine Illusionen müssen einer verhängnisvollen Wirklichkeit weichen. Noch gestern schmeichelte ich mir, genug Schätze zu besitzen, um die Habgier der Boshaften befriedigen zu können, welche uns unser teures Kind raubten; heute aber weiß ich nicht, ob es mir möglich sein wird, Dich nur noch einen einzigen Monat zu ernähren. Ich kenne zu gut diese Welt des Elends, des Hasses, der Intrigen, und unser Weg ist von jetzt an mit Dornen und Qualen besäet; Deine unschuldigen Tränen werden hinfort reichlich über die Leiden fließen, die meiner warten.«

»Und wenn wir auch arm sind,« fragte Haydee unbefangen, »sollten wir deshalb nicht das geringste Glück finden können? – Was mich betrifft, so würde ich mich glücklich schätzen, mit Dir, – mit unserem Sohne leben zu können und –«

»Nein! Nein!« unterbrach der Graf sie heftig. »Das arme Wesen ist rettungslos für uns verloren! – Wir werden es nie wiedersehen!«

Haydee stieß voll Verzweiflung einen herzzerreißenden Schrei aus und raufte sich ihr schönes Seidenhaar.

Der Graf verbarg sein Gesicht in beiden Händen.

Es entstand ein tiefes Schweigen, welches einige Minuten andauerte.

Dann richtete Haydee auf den Grafen einen leidenschaftlichen Blick und sagte mit bitterem Lächeln:

»Ich erinnere mich, daß ich Dich schon oft fragte, ob der Tod ein Uebel sei! – Wenn ich das abscheuliche Gespenst sah, das fleischlose Gesicht, die entsetzliche Knochenhand, die erbarmungslos das Leben entreißt, zitterte ich vor dem Gedanken, daß eines Tages auch mein Ende kommen würde. Jetzt aber erscheint der Tod mir anders, indem ich annehme, daß seine Erscheinung minder abschreckend, seine Hand minder hart ist, und daß er statt die Sense zu zeigen, welche die Seele von dem Körper trennen soll, auf die erhabenen Mysterien eines ganz neuen Glückes hinweist!«

»Haydee!« murmelte der Graf, welcher voll Schrecken ihre Gedanken zu erraten glaubte.

»Nun wohl, mein teurer Freund,« fuhr sie fort, »wenn die Welt unedel ist, elend, von Schrecken erfüllt, was ist sie dann dem Tode gegenüber wert?

Denke wohl darüber nach,« sagte sie feierlich nach einer kurzen Pause – »und erwarte mich; – ich kehre sogleich zurück.«

»Nein, Haydee!« rief der Graf, indem er sie zurückhielt. »Ich lasse Dich in diesem Augenblick nicht allein!«

»Und weshalb denn nicht, mein teurer Freund?« fragte sie mit himmlischer Ruhe.

»Weil ich Deine Gedanken errate.«

»Nun? – Was weiter!«

»Nimmermehr!« murmelte der Graf.

»Gut! – Jetzt weichst Du vor dem Tode zurück, wo er allein Dir noch bleibt. – Oft habe ich Dich von dem Tode wie von einem wohltätigen Schlafe sprechen hören, auf den Du nach einem aufgeregten Tage hofftest! – Während solcher Augenblicke habe ich es gelernt, ihn ohne die geringste Furcht in das Auge zu fassen, und jetzt fühle ich mich glücklich, indem ich ihn sich mir nahen sehe. – Wo ist denn nun die Entschlossenheit geblieben, die Du damals besaßest? Als Deine Reichtümer ungeheuer waren, als sich Deinen Blicken eine Zukunft zeigte, zittertest Du nicht bei dem Gedanken an den Tod; jetzt wo Du arm bist, wo Du nicht weißt, wovon wir morgen leben sollen, jetzt, wo die Hand des Schicksals mit einem Schlage alle Deine teuersten Hoffnungen vernichtet zu haben scheint – weshalb zitterst Du denn jetzt vor dem ewigen Schlafe? – Mein teurer Freund, wenn für uns hier auf Erden kein Glück mehr möglich ist, laß uns mit dem Leben abschließen.«

»Nun wohl, Haydee,« sagte der Graf, indem er sie fest ansah, »Du, die Du mehr als einmal in Deinem Leben, man könnte sagen, sogar von der Wiege an, das höchste Unglück kennen lerntest und den Tod als ein Mittel betrachtetest, es von Dir abzuwenden, Du zitterst nicht bei dem Gedanken an das ungeheure Opfer, welches Du beabsichtigst; – aber mit welchem göttlichen oder menschlichen Rechte dürfen wir dies Opfer vollbringen? Wenn das Geschöpf das Recht haben sollte, nach seinem eigenen Willen zu sterben, müßte es auch nach seinem eigenen Willen in das Leben eingetreten sein. Glaubst Du, es hieße einen starken Geist und eine strenge Tugend beweisen, wenn man Gift nimmt oder sich eine Kugel durch den Kopf jagt, um sich das Leben in eben dem Augenblicke zu nehmen, wo man alle Greuel des Elends zu empfinden anfängt? – Eine solche Handlung würde in den Augen des göttlichen Tribunals kaum etwas anderes sein als eine Tat der Schwäche oder des Wahnsinns! Die Ergebung, welche wir zeigen, indem wir uns unserem Schicksal unterwerfen, der Friede des Geistes, mit dem wir unser Elend und die Plackereien dieser Welt ertragen, werden an dem Tage des Gerichtes einen ungleich höheren Wert haben.«

»Aber,« entgegnete Haydee, »ich habe oft gehört, daß Du eben solche Gründe wie die, welche Du mir jetzt auseinandersetztest, Sophismen nanntest. Um Gift zu nehmen oder sich einen tödlichen Schuß zu versetzen – so sagtest Du damals – müßte man einen festen, kräftigen, unerschütterlichen Willen haben und den fände man nicht bei jedem, er müßte denn vollständig wahnsinnig sein. Das Meer zu sehen, die Erde zu bewundern, die Blumen, die glänzende Welt; – in sich das Blut mit dem Bewußtsein ungeschwächter Gesundheit kreisen zu fühlen und die Augen zu schließen, um sich mit voller Ruhe sagen zu können: Ich will für immer schlafen gehen – ich will sterben! – Oh, es hat nicht alle Welt die Kraft dazu, sich diese Worte zu wiederholen, um die Augen zu diesem langen Schlafe zu schließen, dessen Erwachen ein fürchterliches Geheimnis zwischen Gott und der Ewigkeit ist!

»Mein Freund,« fuhr Haydee nach einer kurzen Pause fort, »wo ist denn jetzt die Kraft Deines Willens? – Wohin ist jene Tatkraft, jene lebendige Flamme Deines Geistes entflohen, die Du sonst zeigtest?«

»Haydee,« erwiderte der Graf, indem er erblaßte und sich das Haar, welches ihm in das Gesicht gefallen war, zurückstrich, »solltest Du die Kraft haben, die letzten Worte, die Du mir sagtest, zu wiederholen, nachdem Du das Meer, die Erde, die Blumen der glänzenden Welt, die uns umgab, erblickt hast?«

»Wir wollen es versuchen,« murmelte Haydee. »Einstweilen laß mich dies Wasser bereiten.«

Der Graf blieb regungslos.

Haydee zog aus ihrer Tasche ein kleines Kästchen, das aus einem einzigen Smaragd geschnitten und mit einem Deckel von Gold versehen war. Sie öffnete es und nahm daraus sechs kleine schwärzliche Pillen. Dann goß sie Wasser in einen Becher und warf in diesen die sechs Pillen, welche sich auslösten.

»Eine einzige dieser Pillen,« sagte der Graf, während Haydee dieselben in das Wasser warf, »verursacht drei Stunden eines festen Schlafes – zweie sechs Stunden – dreie zehn, viere dreizehn bis vierzehn Stunden, fünf zwanzig – sechs! Die sind der Tod!«

Haydee gab ihm keine Antwort. Sie setzte sich an den Tisch, neben welchem ihr Gatte bleich und erschüttert stand und sie mit glühendem Blicke betrachtete.

Als die ersten Strahlen der Morgenröte durch die Spalten des Felsens in diesen unterirdischen Saal drangen, saß Haydee noch so da und schien mit ihrem Blicke das finstere Gesicht des Grafen von Monte Christo zu verschlingen, der neben ihr saß.

Sie stand auf, nahm ihn sanft bei der Hand und zwang ihn, ebenfalls aufzustehen.

»Auf!« sagte sie sanft. »Das Licht des Tages beleuchtet schon die Welt – laß uns zu dem Felsen hinauf, gehen. Da ist das Gift, mein Freund, und – glaube mir – es ist das einzige Mittel, durch welches Du das Unglück vermeiden kannst, das für Dich in eben dem Augenblick begann, in welchem Du Dein ungeheures Vermögen verlorst. – Aber wir werden einen gleichen Teil nehmen, mein Freund,« fuhr Haydee fort, indem sie die Flüssigkeit in zwei Becher verteilte und diese an die beiden Enden des Tisches stellte. – »Laß uns jetzt hinaufgehen!«

Indem sie dies sagte, führte sie den Grafen zu der Grotte hinaus und beide blieben längere Zeit auf dem Gipfel des Felsens stehen.

Das Meer war ruhig; die Sonne stieg an dem Horizonte empor und ihre leuchtenden Strahlen glitten weithin über die Fläche des Wassers. Ein Schiff, das alle Segel, welche von dem Morgenwinde gebläht wurden, aufgespannt hatte, fuhr an der Insel vorüber. Alles rings um den Grafen her schien einen Anblick des Lebens, des Reichtumes, der Ruhe zu bieten, welcher ihm die Seele zerriß.

Während er und Haydee so aufrecht auf dem steilen Felsen standen, der aus der Mitte des Mittelländischen Meeres aufstieg und von hier aus der Welt ein letztes Lebewohl sagten, schlüpften zwei Männer durch eine der Spalten, welche das Licht in die Grotte fallen ließen, in das Innere derselben hinein und lauschten dann aufmerksam, ob ihre Schritte auch von keinem Menschen vernommen worden wären.

Ueberzeugt, daß sie nicht bemerkt wurden, gingen sie auf den Tisch zu, auf welchen Haydee die beiden kleinen Becher mit dem Gifte hatte stehen lassen.

»Aber wie kannst Du wissen, welchen von beiden sie nehmen wird?« fragte der eine.

»Ich glaube, es wird dieser sein,« entgegnete der andere, indem er auf den Becher deutete, welcher dem Eingange der Grotte am nächsten stand.

»Woher vermutest Du das?«

»Haydee wird sicher den wenigst entfernten nehmen,« meinte jener, »und das ist dieser hier.«

Indem der Mann so sprach, setzte er den bezeichneten Becher, den er in die Hand genommen hatte, wieder an seine Stelle, ergriff den andern, schüttete den Inhalt desselben in eine Ecke des Gemaches, goß etwas anderes hinein und stellte ihn dann wieder auf seinen Platz.

»Ganz gut!« sagte der andere. »Aber wenn der Graf zufällig nicht diesen Becher nimmt, sondern jenen?«

»Dann stürze ich mich auf ihn, um ihm denselben zu entreißen.«

»Du willst ihn also auf jeden Fall retten?«

»Ja!«

»Wenn aber seine letzte Stunde geschlagen hat?«

»Ich werde sie verzögern!«

»Ei,« sagte sein Gefährte mit spöttischem Lächeln: »Du hältst Dich also für stärker als das Schicksal?«

»Ich werde meine Schuld der Dankbarkeit bezahlen. Der Graf hat mir das Leben gerettet, ich werde ihm das seinige erhalten. – Gehen wir! – Sie kommen!«

Mit diesen Worten traten die beiden Männer in den anstoßenden Saal und verbargen sich hier schnell, denn der Graf, welcher Haydee die Hand gab, stieg bereits die Treppe herab.

Schweigend durchschritten sie den ersten Saal und traten in den zweiten, in welchem sie vor dem Tische stehen blieben.

»Nun, Haydee,« fragte der Graf, »willst Du noch immer die Welt verlassen, die uns so schön erschienen ist?«

»Mein Freund,« entgegnete Haydee, indem sie eine Träne trocknete, »verzeihe meiner Schwäche – ich besitze in mir nicht die nötige innere Kraft, um aus freiem Willen zu sterben.«

»Ach, Haydee! – Haydee!« rief der Graf, indem er sie in seine Arme schloß. »Armes Kind! – Wie ich Dich liebe!«

»Dank, mein Freund!« entgegnete sie. »Ich bin Dir dankbar für dieses Gefühl und ich glaube wohl, daß auch ich Dir eine innige Liebe weihe – eine heftige Liebe! – Komm! Gib mir einen Kuß!«

Der Graf preßte seine Lippen auf die Haydees; aber sie entfernte ihn von sich, indem sie ihre Hand an ihre Stirn legte und ihre Augen zum Himmel erhob. Dann streckte sie mit einer raschen Bewegung ihre Hand gegen den Tisch aus und ergriff den auf demselben stehenden Becher.

»Mein Gott!« rief der Graf wie vernichtet.

Haydee hatte das Gift ausgetrunken.

»Lebewohl!« sagte sie lächelnd. »Ich gehe! – Auf – komm – begleite mich, mein Freund!«

Der Graf ging zu dem anderen Ende des Tisches, nahm den zweiten Becher und leerte ihn mit der größten Ruhe in einem Zuge. Dann wendete er sich wieder gegen Haydee.

»O mein Gatte!« rief sie, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang, »ich habe Dich sehr geliebt, und ich fühle das Leben aus meinem Herzen bei dem Gedanken entschwinden, daß Du mich überleben würdest; – bei dem Gedanken, Dich zu verlieren, – bei dem Gedanken, daß eine andere Frau Dich lieben, Dich umarmen würde, wie ich Dich umarme und wie ich Dich liebe. – Ach, dieser Gedanke ist nicht geschaffen für die Töchter meines Landes, welche sich mit Leib und Seele dem Manne hingeben, dem sie den ersten Kuß gewähren! Verzeihe! Dieses Gefühl steigerte sich bei mir bis zum Wahnsinn! Ich habe Dich so sehr geliebt, wie ein Weib einen Mann nur immer lieben kann! Du bist mein Heil, mein Leben gewesen und nach mir soll keine andere Dich besitzen! – Die Eifersucht ist tausendmal schlimmer als der Tod! – Ich sterbe – und Du stirbst mit mir!

»Was ist für die, welche die Welt so genossen haben wie wir, – für die, welche sich so innig liebten, wie wir einander geliebt haben – was ist für die der Tod? Er entreißt uns keinem Vergnügen, er hindert uns nicht, das Glück zu genießen! Laß uns daher ruhig sterben, denn wir können uns sagen, daß wir genossen und das vollkommene Glück gekannt haben.«

Haydee schwieg plötzlich. Ihre Wangen wurden leichenblaß, ihr Blick starr. Ihre Lippen verzogen sich krampfhaft und bedeckten sich mit einem gelblichen Schaume, der ihr aus dem Munde quoll.

Der Graf kniete neben ihr nieder und schloß sie in seine Arme.

»Graf – Graf –« stammelte Haydee, indem sie ihn umarmte, »der Tod hat keine Schrecken für mich! – Ich sprach von der besonderen Art, wie ich ihn ansehe; ich will diese jetzt auseinandersetzen und Du wirst mich verstehen. – Sieh, ich umschließe Dich mit meinen Armen und presse Dich an meine Brust, die allmählich kalt zu werden beginnt! – Der Tod ist ein hübsches Weib, das Dich an seine eiskalte Brust schließt und Dir das Leben durch jeden Augenblick des Vergnügens, welches es Dir gewährt, durch jeden Kuß, welchen es Dir gibt, entreißt. – Und Du schläfst leise ein, gewiegt durch die Liebkosungen des schönen, kalten Weibes. – So also, mein Geliebter – mein Gatte –! – Ach, ich werde ganz kalt – mein Herz erstarrt – ich sterbe – ich sterbe mit Dir, mein Gatte, – nimm meinen letzten Kuß, – meinen letzten Seufzer – meinen letzten Gedanken. – Sie gehören ganz Dir – nur Dir – allein!«

Indem sie dies sagte, ließ sie ihren Kopf auf den Arm des Grafen sinken. Ihre Augen blieben offen. Sie schienen noch voll Eifersucht auf den Grafen von Monte Christo zu blicken.

»Sie ist tot!« murmelte der Graf, indem er die Hand auf die Brust Haydees legte. »Und weshalb lebe denn ich noch? Weshalb macht das entsetzliche Feuer, welches die Eingeweide zu verzehren scheint, sich noch nicht fühlbar? – Eine Stunde ist verflossen – mehr ist nicht erforderlich, daß das Gift seine Wirkung tue!

»O, ich werde Dich nicht überleben!« schrie er plötzlich, indem er den leblosen Körper Haydees auf seine Arme nahm.

»Komm, meine gute, meine sanfte Freundin!« sagte er dann. »Wir werden ein Grab haben, das unserer würdig ist!«

Indem der Graf dies sagte, ging er rasch die Treppe der Grotte hinauf, erkletterte den Gipfel des Felsens, und die Leiche Haydees fest an seine Brust pressend, eilte er dem Abgrunde zu, indem er rief:

»Allmächtiger Gott, nimm meine Seele gnädig auf!«

»Nein!« rief hinter ihm eine laute Stimme, und der Graf fühlte sich von dem Rande des Abgrunds durch den kräftigen Arm eines Mannes zurückgerissen.

Der Leichnam Haydees verschwand in der Tiefe, von Fels zu Fels rollend.

»Unsinniger, wer bist Du?« fragte der Graf.

»Es ist keineswegs nötig, Millionen zu besitzen, um das Leben eines Menschen zu retten, Herr Graf. – Ich bin Peppino, genannt Rocca-Priori.«

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