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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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X. Die Eitelkeit des Menschen.

Edmund Dantès zögerte keinen Augenblick, nach der Insel Monte Christo abzusegeln.

Haydee begleitete ihn, aber er wollte allein an das Land gehen und sich nach der Grotte begeben.

Nachdem er eine Nacht auf dem Meere zugebracht und die Insel Elba umschifft hatte, lief die kleine Barke, auf der er die Fahrt zurücklegte, ohne den geringsten Unfall erlitten zu haben, in eine von den felsigen Buchten der Insel ein.

Der finstere und majestätische Anblick der Felsen, deren Gipfel durch die Morgenröte vergoldet wurden und der einst dem Grafen von Monte Christo so schön und erhaben erschienen war, flößte ihm jetzt einen unbestimmten Schrecken ein und verursachte ihm eine unerklärliche Beklemmung, durch die er sich zu Boden gedrückt fühlte.

Die Insel kam ihm öder vor, wie jemals, die Felsen steiler, zerklüfteter und ihr Aussehen wilder.

Sobald die Barke ihren Kahn in das Wasser hinabgelassen hatte, wartete der Graf voll Ungeduld auf den Augenblick, der es ihm möglich machte, an das Land zu gehen. Inzwischen beobachtete er mit der größten Aufmerksamkeit, ob er nicht irgend eine menschliche Gestalt in dem Innern der Insel erblicken würde. Aber es ließ sich nicht der leiseste Schatten einer solchen sehen. Kaum zeigte sich der anmutige Körper einer wilden Ziege auf dem Gipfel der Felsen, um bei dem geringsten Hauche des Windes schüchtern wieder zu verschwinden.

Die Dunkelheit ließ nicht lange auf sich warten, und sogleich folgte auf den leisen Wind jene schweigende Ruhe, welche die Oberfläche des Mondes ebnet, als sollte der Mond sein falbes Antlitz aus einem Spiegel zurückscheinen sehen.

Wie der Graf beobachtet hatte, nahte kein anderes Fahrzeug der Insel; gleichwohl war diese nicht so sehr verödet, wie es den Anschein hatte.

Ungeachtet des herrlichen Mondscheines wurden auf der Insel mehrere Feuer angezündet. Das größte dieser Feuer schien auf dem Gipfel des höchsten Felsens zu brennen. Die anderen zeigten sich auf mehreren anderen Höhen in einer Linie bis zu dem Ufer herab. Im ganzen zählte der Graf sieben solche Feuer.

Indem der Graf die Flammenzeichen aufmerksamer betrachtete, erkannte er, daß sie so geordnet waren, um ihn zu dem Orte zu geleiten, wo die Loskaufung seines Sohnes erfolgen sollte.

Er nahm Abschied von Haydee und trennte sich dann von ihr, nachdem er sie drei- oder viermal umarmt hatte, als sollte er sie nimmer wiedersehen.

Die arme Frau war daran gewöhnt, blindlings dem Manne zu gehorchen, den sie liebte und der ihr Gatte war; sie wagte es daher nicht, ihm zu widersprechen, nachdem sie gleichwohl längere Zeit mit Bitten in ihn gedrungen war, ihn in das Innere der Insel begleiten zu dürfen. Der Graf bestand darauf, allein zu landen und entfernte sich.

Mit keinen andern Waffen versehen wie mit einem Paar guter englischer Pistolen, und ganz allein, begann er den schmalen Weg zu ersteigen, welcher zwischen den Felsen hindurchführte. Dabei richtete er sich nach dem Scheine der Feuer, welche hier und dort brannten.

Eine Viertelstunde darauf war er schon an vier von diesen Feuern vorübergekommen und da nur noch drei übrig waren, vermutete er, daß er den Ort, an welchem man ihn erwartete, bald erreicht haben würde. Er blickte ringsumher, als wollte er sich orientieren, und indem er mit dem Blicke maß, wie weit die Höhe, in der er sich befand, über dem Meere liegen möchte, und diese Höhe dann mit der verglich, auf welcher der Eingang zu der Grotte lag, glaubte er zu erkennen, daß er, nur noch eine geringe Strecke in gerader Linie fortgehend, zu eben jener Grotte gelangen würde, deren Eingang er einige Jahre zuvor mit solcher Angst aufgesucht hatte.

Nachdem er diese Berechnung angestellt hatte, richtete er sich nicht mehr nach den Feuern, sondern schlug einen ihm bekannten Fußpfad ein, welcher sich schraubenartig in die Höhe wand und einige Minuten später stand er vor dem Eingange der Grotte.

Der Graf wurde wirklich an diesem Orte erwartet. Das letzte Feuer, eben das, welches alle anderen überragte, brannte über dem rauchgeschwärzten Portale des unterirdischen Saales.

Der Graf blieb stehen, indem er mit besorgtem Blick den verfallenen Zustand bemerkte, in welchem sich das prachtvolle Portal befand, das er unter seiner eigenen Leitung im byzantinischen Stile hatte aufführen lassen.

Das Innere der Grotte war durch eine Harzfackel, die man an einer der Wände befestigt hatte, schwach beleuchtet.

Der Graf stieg die Treppe hinab, auf welcher das Moos in üppiger Fülle wuchs und die längere Zeit von keinem menschlichen Fuß betreten worden war.

Sein Staunen wuchs, indem er den Zustand der Zerstörung im Innern des Saales gewahrte. Die Wände waren nackt, die Decke vom Rauch geschwärzt; auf dem Boden lagen Stücke von halb verbranntem Holz, Trümmer und Reisig in wilder Unordnung ringsumher.

Drei schöne Statuen von orientalischem Marmor, die drei berühmten Courtisanen: Messaline, Kleopatra und Phryne darstellend, blickten, ebenfalls von Rauch geschwärzt, auf dieses Schauspiel der Zerstörung herab, in dessen Mitte sie an die verführerischen Auftritte ihrer Lust und ihrer Ueppigkeit erinnern zu wollen schienen.

Von alledem, was es ehedem in dieser Grotte Schönes und Prachtvolles gegeben hatte, blieben noch kaum diese verräucherten Bildsäulen übrig, als wollten sie zeigen, daß jeder Mensch durch das Feuer der Leidenschaften verzehrt wird, die er nicht in sich zu ersticken weiß.

Der Graf fühlte zum erstenmale in seinem Leben, daß ein von ihm begangener Fehler auf ihm lastete. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wollte er ein peinliches Gefühl verbannen. Dann ließ er die Blicke umherschweifen, als wollte er sich überzeugen, daß er allein sei und stieß einen Schrei aus, als er die folgenden Worte las, die mit schwarzen Buchstaben an die Hauptwand geschrieben waren:

Gebet den Armen zurück, was den Armen gehört. Die Hand eines Toten ist gegen Edmund Dantès erhoben, den falschen Freund, den grausamen Liebhaber, den unbarmherzigen Kindesmörder!

Einige Augenblicke stand er wie erstarrt, die Augen fest auf die sonderbaren Worte gerichtet, deren Sinn ihm nicht sogleich klar war, deren Bedeutung ihm aber fürchterlich schien.

Nach der ersten Regung der Ueberraschung las Edmund Dantes zum zweitenmale die verhängnisvolle Inschrift, indem er die moralische Wahrheit zu erforschen suchte, die in den Worten enthalten war; aber sein Geist war in diesem Augenblicke zu der kalten und strengen Prüfung nicht befähigt. Damit der Mensch mit Ruhe ein Urteil über sich selbst fällen könne, ist es unerläßlich, daß jede Leidenschaft welche sein Inneres verzehrt, vollkommen erloschen sei und daß er jeden Gedanken, jede Absicht gegen seine persönlichen Feinde abschüttele.

In einer solchen Gemütsstimmung befand sich Edmund Dantès indes nicht. Er war Vater, und man hatte ihm seinen einzigen Sohn geraubt, und ein solcher Schlag ist hart genug für die Vaterliebe. Er war folglich aufgeregt und sein Herz konnte nicht mit jener Regelmäßigkeit klopfen, welcher ein Mensch bedarf, wenn er ein tiefer Denker und ein unparteiischer Moralist sein will.

»O, mein Gott!« rief er aus. »Welch eine entsetzliche Täuschung! – Inwiefern bin ich denn ein grausamer Liebhaber, ein falscher Freund, ein –«

»Vollende, – vollende, wenn Du kannst!« rief eine scharfe Stimme, die aus dem Hintergründe der Grotte ertönte.

Der Graf legte unwillkürlich die Hand auf den Kolben einer seiner Pistolen; aber er ließ ihn augenblicklich wieder los und kreuzte mit so großer Ruhe, als er zu erzwingen vermochte, die Arme über der Brust.

Vor ihm stand Benedetto, in einen weiten, neapolitanischen Mantel gehüllt und das Gesicht mit einer schwarzen Seidenmaske bedeckt.

»Wer sind Sie?« fragte der Graf stolz.

»Darauf kommt wenig an, wenn ich nur auf Deine Fragen zu antworten imstande bin,« entgegnete Benedetto.

»Indes ist mein Gesicht unverhüllt,« sagte der Graf, »und ich bin überzeugt, daß Sie nicht mit mir eine Karnevals-Szene spielen wollen. Gleichwohl möge Ihr Wille geschehen. – Was ich Ihnen zu sagen habe, ist einfach, denn ich kenne die Sitten der Leute Ihrer Art in ganz Italien. – Wieviel verlangen Sie für die Rückgabe eines Kindes, welches auf dem Markusplatze in Venedig bei Gelegenheit eines Festmahles der Armen geraubt wurde?«

»Nichts, mein Herr Graf von Monte Christo!«

»Wie! Nichts? Wollen Sie mich etwa an eine Handlung seltener Großmut von Ihrer Seite glauben machen?« fragte der Graf mit dem Lächeln der höchsten Geringschätzung.

»Nein, Herr Graf,« entgegnete Benedetto. »Sie selbst könnten an eine solche Handlung der Großmut nicht glauben, denn Sie sind niemals großmütig gewesen. Man vermutet bei anderen die Tugenden nicht, die man selbst nie besessen hat. Ich will Sie davon überzeugen, daß Sie von Dünkel erfüllt sind, wenn Sie sich einbilden, das Lösegeld Ihres Sohnes bezahlen zu können.«

»Sie dürfen indes fordern, soviel Sie wollen,« sagte der Graf geringschätzig.

»Dann wären Sie ein Gott, der mir alles zu gewähren vermöchte.«

»Das bin ich nicht, wohl aber hat mich dieser Gott zu dem mächtigsten Menschen auf Erden gemacht, um über die anderen Menschen zu urteilen und sie zu bestrafen, wie sie es verdienen.«

»Gut! – In diesem Falle fordere ich –«

»Sprechen Sie.«

»Neunhundert Millionen!«

»Diese Summe überschreitet das Verhältnis, welches in der Ordnung der Welt eingeführt ist, um den Willen einer Nation nach der Laune eines einzelnen Menschen zu lenken. Ich sagte Ihnen, daß Gott mir die Macht verlieh, über die Menschen zu richten, nicht aber, eine Nation zu erkaufen.«

»Mit einem Worte: Sie erklären, daß Sie arm sind, nachdem Sie mir die Versicherung gegeben hatten, durch Gott allmächtig gemacht worden zu sein! – Genug der Illusionen, Edmund Dantès! – Wer bist Du, daß Du dir anmaßest, die anderen Menschen zu richten und zu bestrafen? Nenne mir einen einzigen Tag, an welchem Du nicht durch die Leidenschaft getrieben wurdest, die Dich beherrschte und die Dich durch die falschen Schlüsse, zu denen sie Dich veranlaßte, verblendete? – Der goldene Schlüssel den Gott in Deine Hand gelegt hatte, um ganz nach Deinem Gefallen in die Welt einzudringen, ist von Dir nur zu dem Bösen verwendet worden. – Das Schwert der Gerechtigkeit, das er Dir anvertraut hatte, um zu strafen, vermochten Deine zitternden Hände nicht zu regieren. Gott schmettert Dich jetzt zu Boden! – Beuge Deine stolze Stirn vor den unfehlbaren Beschlüssen der Vorsehung!«

Edmund Dantès erkannte, daß er es nicht mit einem gewöhnlichen römischen Banditen zu tun hatte.

»Sage mir,« fragte er nach einer Pause, »bist Du der Mensch aus dem Palaste Gradenigos in Venedig.«

»Ich weiß nicht, was Du damit sagen willst,« entgegnete Benedetto.

»Ich sage, daß ich Dich frage, ob Du der Mensch bist, der mich verfolgt hat, seitdem ich nach Europa zurückgekehrt bin? Bist Du die zudringliche Maske aus dem Palaste Gradenigo? Bist Du der Räuber meines Sohnes, der Brandstifter, der meinen Weg von Mantua nach Pisa mit Schrecken bezeichnete? Bist Du der Kapitän der Yacht, der Sturm? Sprich, im Namen des Himmels, dem wir hier miteinander gegenüberstehen! – Was willst Du von mir?«

»Ich will Dir erklären, was dort an der Wand geschrieben steht,« antwortete Benedetto und deutete mit dem Finger auf die Inschrift an der Mauer.

»Ach, mein Sohn!« murmelte der Graf in sich hinein, indem er die Hand gegen das Herz drückte und mühsam eine Träne zurückhielt.

»Edmund Dantès,« sagte Benedetto mit kalter Ruhe, »eines Tages, als ich in dem Hafen von Marseille landete, sah ich zu meinen Füßen eine Frau niedersinken, auf deren bleichem Gesichte man den fürchterlichen Ausdruck des Hungers und der Verzweiflung las. Diese Frau hob ihre Arme gegen mich empor und rief: »Geben Sie mir ein Almosen, um der Liebe Gottes willen.« – Die Unglückliche war die Gattin eines Mannes gewesen, der sie liebte und der zu den höheren Offizieren der französischen Armee gehörte. – Aus dieser Verbindung hatte sie einen Sohn, der fern von ihr lebte!

»Als diese Frau glücklich im Verein mit ihrem Gatten und ihrem Sohne lebte, machtest Du den Anfang dazu, das Unglück über ihrem Haupte heraufzubeschwören und nur zu bald wurde sie von demselben ereilt.

»Erinnerst Du Dich noch an Mercedes? Erinnerst Du Dich noch an Deine ehemalige Geliebte, Edmund Dantes? – Sie wurde Witwe; sie sah sich ihres Sohnes beraubt, der nach Afrika ging, um seinen Namen von einer Schmach zu befreien, welche den seines Vaters besudelte.

»Sie hat gelitten, diese Frau, sie hat so viel gelitten, wie eine Frau nur irgend zu leiden vermag! – Am Ende ihrer langen Leiden sah sie sich dem Elend, dem Hungertode preisgegeben, welche sie heimsuchten, um Dein verfluchtes Werk zu krönen!

»So bist Du grausam in der Liebe gewesen, Edmund Dantès. – Sieh, wohin Deine eitle Selbsttäuschung Dich führte!

»Jeder andere Mensch hätte verziehen, damit die Frau, die er liebte, glücklich leben könnte; jeder andere würde großmütig gewesen sein und das erhabene Wort Gottes zur Anwendung gebracht haben: Verzeihe Deinen Feinden, wenn Du willst, daß Dir selbst Gott verzeihe!

»Edmund Dantès, ich kann Dir die Versicherung geben, daß die Frau des Generals Morcerf Dich selbst noch an der Seite ihres Gatten liebte; daß sie noch an Dich dachte, wenn sie ihm den Kopf an den Busen legte. Für Dich hatte sie Tränen vergossen, mit denen sie ihren Brautkranz benetzte, ihren Schleier der Neuvermählten. – Sage selbst, welchen Preis sie für diese Liebe, für dieses Andenken, empfing!

»Verlangtest Du etwa,« fuhr Benedetto nach einer Pause fort, »selbst ohne Dir angehört zu haben, hätte das arme katalanische Mädchen sich zu einem ewigen Witwenstande verurteilen sollen? Sie hat jahrelang Dich beweint, auf Dich gewartet, aber Du kehrtest nimmer zurück. Sie hielt Dich für tot, sie konnte daher glauben, frei von jedem Bande zu sein und einem andern gehören zu dürfen. – Du bist eitel, unsinnig, grausam gewesen!

»Willst Du nun auch wissen, weshalb Du ein falscher Freund gewesen bist? – Erinnerst Du Dich an Albert von Morcerf? Erinnerst Du Dich der Zeit, wo Du, Dich stellend, als ob Du sein Freund wärest, ihn bezaubertest, wie die Schlange ihr Opfer durch ihren Blick bezaubert? Erinnerst Du Dich, daß Du während dieser Freundschaftsbezeugungen auf das Mittel sannest, ihn zu verderben, ihm seinen Vater zu rauben, ihn in das Elend zu stürzen, während er, voll Vertrauen auf Deine Freundschaft, an seinen Busen des Verräters Hand drückte, die ihm eine tödliche Wunde versetzen wollte.

»Erinnere Dich an jene Nacht im Theater, wo der Unglückliche von Dir eine Erklärung Deines Betragens forderte und die Art, wie Du ihm darauf antwortetest!

»Heißt das nicht der verräterischste von allen Verrätern sein? Edmund Dantès, wo waren da Deine Religion, Dein Gott, Dein Glaube?

»Welche Art von Lehre befolgtest Du bei Deinen Handlungen vorgeblicher Gerechtigkeit? Nach welchen göttlichen oder menschlichen Gesetzen könnte man Dich von Deinen Verbrechen freisprechen?«

»Elender,« rief der Graf voll Wut, »wer bist Du, daß Du so zu mir sprechen darfst? Wer bist Du, daß Du mich anklagst und verurteilst, als wärest Du ein Gott?«

»Ich bin der Erwählte Gottes, um auf Erden an Dir Gerechtigkeit zu üben. Ich bin der, welcher jetzt das göttliche Richtschwert ergreift, das er Dir gewährt hatte und das Du verachtetest, um zu dem Dolche und dem Gifte des Meuchelmörders zu greifen! – Höre mich also an, denn Du hast noch nicht alles vernommen, was ich Dir zu sagen habe. – Ich will Dir auch noch erklären, weshalb ich Dich beschuldige, ein grausamer Henker und ein erbarmungsloser Kindesmörder zu sein! – Erinnere Dich an Herrn von Villefort, erinnere Dich an den kleinen Eduard; – erinnere Dich an dessen Mutter.«

»Ja!« rief der Graf; »alle sind sie den Manen meines greisen Vaters geopfert worden, der durch den Verrat Villeforts in Hunger und Elend gestorben ist! – Kennst Du die innige Liebe, die tiefe Verehrung, die ich seinem weißen Haare zollte? Weißt Du, welche Verzweiflung sich eines guten Sohnes bemächtigt, wenn man ihm sagt: Dein Vater ist fern von Dir verhungert!? – Nun wohl; die Sache war noch fürchterlicher, denn er lebte nicht fern von mir, sondern nur zwei Schritt von dem Gefängnis entfernt, in welches mich der Prokureur des Königs eingesperrt hatte, wie man einen Leichnam in sein Grab verschließt! – Kennst Du alle diese Qualen oder kannst Du Dir wenigstens einen Begriff davon machen?«

»Ich habe noch viel größere erduldet,« entgegnete Benedetto. »Ich sah meinen Vater dem Wahnsinn preisgegeben. Ich sah ihn an meiner Seite leiden, nachdem er, von Entsetzen zu noch größerem Entsetzen übergehend, alle die Seinen rings um sich her hatte fallen sehen.«

»Mein Gott, wer bist Du?« rief Monte Christo ergriffen.

»Das kümmert Dich nicht! – Ich bin Dein Richter und ich werde Dein Henker sein. – Höre mich und zittere, denn Du wirst Deinen Urteilsspruch vernehmen.«

»Bist Du etwa ein anderer Mensch, wie alle übrigen, daß Du mich verurteilen darfst? – Ist Dein Busen frei von Leidenschaften, daß Du ruhig und unparteiisch über die meinigen zu richten vermagst?«

»Ja!« entgegnete Benedetto mit mitleidigem Lächeln. »Ja, ich bin ein Mörder, bin ein Gottesleugner gewesen, aber ich habe bereut. Ich bin gerecht geworden, denn ich glaube an Gott. – Meine Bekehrung wurde auf wunderbare Weise bewirkt.«

»Aber wie hast Du an Gott glauben gelernt? – Woher weißt Du, daß er Dir verziehen hat?«

»Das will ich Dir sagen!« entgegnete Benedetto mit feierlichem Tone.

Nach einer Pause, während welcher er sich auf das, was er sagen wollte, zu sammeln schien, begann er dann:

»Während eines furchtbaren Sturmes, der durch die Dunkelheit der Nacht und das Feuer des Himmels noch fürchterlicher gemacht wurde, befand ich mich auf den Wogen, die auf allen Seiten mein gebrechliches Fahrzeug umtobten.

»Von Schrecken über das erhabene Schauspiel der Natur ergriffen, sank ich nieder auf die Kniee und sprach die folgenden Worte, die sich unwillkürlich meiner Brust zu entringen schienen:

»Mein Gott, Du Erschaffer der Welt, – und Du Jesus, mein Heiland – Erstgeborener Gottes, heiliger Märtyrer, der Du für mich sowie für alle Menschen gekreuzigt wurdest, – ich glaube an Dich und an Deine Gerechtigkeit! – Sieh mich hier, fest in dem Glauben an Dich, rastlos Edmund Dantès aufsuchend, um ihm alles, was ihm teuer ist, eins nach dem andern zu entreißen! – Wenn Du mir nicht verzeihst, – wenn Du mein Beginnen verdammst, dann vernichte mich für immer in diesem erhabenen Aufruhr der Elemente!

»Nach diesen Worten sprang ich, nur von einem einzigen Menschen begleitet, in einen kleinen Kahn und gab mich so der ganzen Wut des Sturmes preis!

»Am nächsten Tage war ich von dem unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit meines Beginnens durchdrungen und in diesem Glauben stehe ich auch jetzt Dir gegenüber. – Ueberall, wohin ich kam, hörte ich einen Verdammungsruf gegen Dich aussprechen! – Auf dem Meere war es der Schmerzensschrei Alberts von Morcerf, den ich aus dem Schiffbruche errettet hatte! – Auf dem Lande war es der fieberhafte Wahnsinnsruf der unglücklichen Mercedes! – Erkenne daher, daß der Himmel Dich aufgegeben hat, als eine Wahrheit, welche so viele Tatsachen Dir beweisen!

»Als ich mich Dir in Deinem Palaste zu Venedig vorstellte, hast Du die Maske aus dem Palaste Gradenigo nicht wiedererkannt! – Du widersetztest Dich nicht, als ich den Rat erteilte, Deinen Sohn zu dem Festmahle der Armen zu bringen! – Als Du dann auf der Straße von Mantua nach Florenz die Nacht in jener Hütte zubrachtest, zu der ein bloßer Zufall Dich geleitet hatte, als ob Gott meinen Augen offenbaren wollte, daß Du von ihm verurteilt warst, standest Du an der Wiege, in welcher zwei Kinder schliefen, aber Du vermochtest es nicht, in einem derselben Deinen eigenen Sohn zu erkennen!«

»Ha!« rief der Graf wie niedergeschmettert durch diese Nachricht.

»Erkenne daher, daß der Himmel Dich verurteilt,« fuhr Benedetto fort, »und sei überzeugt, daß ehedem die Augenblickte, während welcher Du Dich für groß und begeistert hieltest, nichts waren, als Augenblicke törichter und menschlicher Eitelkeit! – Als ein erbarmungsloser Henker hast Du nie zu verzeihen gemocht! Bei den Handlungen Deiner abscheulichen Rache hast Du den Unschuldigen mit dem Strafbaren verwechselt und zugleich vernichtet! – Nun wohl, – der Verlust Deines Sohnes möge das Blut Eduards von Villefort bezahlen!«

»Aber bin ich es denn etwa gewesen, der dieses Kind ermordete?« rief Monte Christo außer sich.

»Ja; denn alle Verbrechen der Frau von Villefort fallen Dir zur Last!« entgegnete Benedetto mit strengem Tone.

»Weshalb?« – fragte der Graf tief ergriffen. – »Was weißt Du? – Sprich?«

»Ich kann es nicht, denn es besteht zwischen Dir und Gott ein Geheimnis, das ich nicht zu enträtseln vermag. Wenn ich indes nicht die Wahrheit gesprochen habe, – wenn die Verbrechen dieser Frau Dein Gewissen nicht belasten, dann strafe mich Lügen im Angesichte Gottes, der uns hört!«

Der Graf ließ den Kopf auf die Brust herabsinken und blieb stumm.

»Gut!« sagte Benedetto. »Du erkennst Deinen Irrtum an und daher die Gerechtigkeit Gottes ebenfalls! Die ungeheueren Reichtümer, die er in Deine Hände gelegt hatte, hättest Du den Armen zukommen lassen sollen, nicht aber Dich derselben zu dem niederdrückenden Luxus bedienen, den Du in Europa stets dem Elende gegenüber entfaltet hast! – Sieh! – Wirf einen Blick umher! – Alle Schätze, die hier angehäuft und tot lagen, hat meine Hand bereits unter die Armen verteilt, und mit denen, die Du noch besitzest, soll dies ebenfalls der Fall sein.

»Sei es!« sagte der Graf voll Ergebung. »Ihnen meine Reichtümer, mir aber mein Sohn!«

Benedetto brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Nie wirst Du Deinen Sohn wiedersehen!« antwortete er. »Die Hand des Toten hat ihn Dir geraubt! Ein Geheimnis, welches dem des Grabes gleich ist, lastet jetzt auf seiner Geburt!«

»Fluch Dir!« rief der Graf wütend. »Dein Leben haftet mir für das seinige!«

Und bleich, in der heftigsten Aufregung, indem die Haare auf seinem Kopfe sich sträubten, schritt er auf Benedetto zu, indem er den Hahn seiner Pistole spannte.

»Schieß!« rief ihm Benedetto ruhig entgegen, »ich vertraue mehr auf Gott als Du!«

»Unsinniger, der ich war!« schrie der Graf, indem er wechselweise lachte und weinte wie ein Wahnsinniger. Dann warf er seine Pistolen mit solcher Gewalt von sich, daß sie sich durch die Heftigkeit des Falles selbst entluden.

»Mensch oder Dämon,« rief er dann, wie außer sich, »Du bedenkst nicht alles, was ich erdulde, denn Du bist gewiß nicht Vater und kannst daher auch nicht wissen, was die Vaterliebe ist. – Verlange von mir alles, was Du willst, und ich werde es Dir geben, um meinen Sohn wiederzurückzuerhalten!«

»Es ist unmöglich,« sagte Benedetto mit schneidender Kälte, »denn Dein Vermögen wird der Preis für einen anderen Gegenstand sein.

»Denke Dir einmal, Deine Gattin, welche von Deinem Gange irgend ein Unglück für Dich fürchtete, hätte die Barke verlassen, wäre an das Land gegangen und, geleitet durch meine Feuer, in der Richtung nach dieser Höhle vorwärts geschritten. – Stelle Dir ferner vor, ein halbes Dutzend furchtloser Männer hätten die Barke erklettert und sie in Brand gesteckt, während vier kräftige Arme den zarten und leichten Körper der schönen Haydee umschlangen, als sie eben den Eingang dieser Grotte zu erreichen im Begriffe stand.«

Benedetto beendete kaum diese Worte, als von der Seite der Felsen her ein greller, durchdringender Schrei hörbar wurde. Der Graf antwortete darauf durch einen ebenso lauten Schrei, eilte in wilder Hast die Stufen der Treppe hinauf und blieb an dem Rande des Felsens stehen, um seine Blicke forschend über den weiten Raum, über das Meer den Himmel und die Felsen schweifen zu lassen.

»Haydee! Haydee!« rief er und das Echo wiederholte mit unheimlichem Klange den teueren Namen, den der Graf ausgesprochen hatte.

»Siehst Du dort unten die Flammen, welche der Wind über den Spiegel des Meeres hintreibt?« fragte eine Stimme dicht neben dem Grafen.

Es war Benedetto, der dem Grafen folgte und mit dem Tone des Hohnes fügte er hinzu:

»Für Dich ist alles vorbei!«

»Haydee! Haydee wo bist Du?« rief Monte Christo in wilder Verzweiflung. »In welchen höllischen Kreis sind wir aufs neue gerissen worden?«

Der Graf blickte mit verwildertem Auge ringsumher.

Benedetto war wieder verschwunden; die Feuer, welche den Weg des Grafen beleuchtet hatten, waren erloschen, und kaum schimmerten noch zwischen den Klippen hindurch die Flammen, welche die Barke verzehrten, während aus der Grotte auf die nächste Umgebung der matte Schein der erlöschenden Harzfackel fiel, die im Innern der Höhle brannte.

Das entschlossene und edle Angesicht des Edmund Dantès zeichnete sich wie ein phantastischer Schatten gegen den azurnen Spiegel des Mittelländischen Meeres ab.

Die Arme gekreuzt über der schwer atmenden Brust, die Haare in Unordnung und wild gepeitscht von dem Abendwinde, aufrecht stehend an dem Rande des höchsten Felsens der Insel, hätte man in ihm die Verwirklichung der wilden Phantasie des Dichters zu sehen glauben können. Er schien der Geist des Gebirges zu sein, auf seinem Felsenthrone sitzend dem Meere gegenüber und mit drohendem Blicke auf dasselbe hinabsehend.

»Hier ist es,« sagte Monte Christo nach einer Pause tief in sich selber hinein, »hier ist es, wo ich durch den Besitz der Schätze geblendet wurde, die ich hier an das Licht befördert hatte. O Erbärmlichkeit der Menschheit! O Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, wenn man ihn mit dem des allmächtigen Schöpfers vergleicht! Ich machte mich der törichten Eitelkeit schuldig, mich ebenfalls für allmächtig in dieser Welt zu halten, wie der Betrunkene auf einem mit Rosen bestreuten Teppich zu wandeln glaubt, wenn seine Füße durch die hervorragenden Spitzen steiler Felsen zerrissen werden. Ebenso wie der Rausch verschwindet und die Rosen sich unter dem Hauche der Wirklichkeit entblättern, ebenso erwache ich endlich aus dem Traume des Glückes, dem ich mich hingab! – Wo ist die glänzende Grotte geblieben, die sonst hier war? Wo ist die Tochter des Orients, die ich so sehr liebte? – Wo ist mein Sohn? – Was ist aus der Ruhe meines Herzens geworden? – Wo sind die innigen Freuden meiner Seele geblieben? – Alles ist entflohen, verschwunden wie der kindische Traum eines ehrgeizigen Knaben!

»Noch bin ich ungeheuer reich, aber wozu können alle meine Schätze mir nützen? Was soll ich in dieser Welt beginnen? Welche neuen Freuden könnten sie mir bieten, um mich zu zerstreuen?«

Der Graf schwieg einen Augenblick. Er sah mit einem flehenden Ausdrucke langsam umher. Dann eilte er zu der dem Erlöschen nahen Fackel und hob sie vom Boden auf. Er schwang sie, um sie neu zu beleben, aber sie ging nach einem letzten, matten Aufflackern gänzlich aus.

Der Graf stieß einen Schrei des Schreckens aus, als er sich plötzlich in vollständiger Dunkelheit befand.

»Haydee, meine geliebte Haydee!« rief er, »das Verhängnis, welches mich verfolgt, schmettert auch Dich zu Boden! – Ach, ich würde alles, was ich besitze, darum geben, daß Dir nichts Böses begegne!

»Man komme! Es steige vor mir irgend ein Mensch herauf, dem ich dies sagen kann, und sollte sogar dieser Mensch der Engel des Bösen selbst sein!«

Dann schwieg er, als erwarte er eine Antwort, aber es herrschte fortwährend das tiefste Schweigen rings um ihn her.

Der Graf wiederholte mit lauter Stimme, was er zuvor gesagt hatte und nun sah er in dem Innern der Grotte ein Licht funkeln, und wenige Augenblicke danach unterschied er die Gestalt Benedettos, dessen Gesicht noch immer unter der schwarzen Larve verborgen war.

»Graf von Monte Christo,« sagte er, indem er in einer gewissen Entfernung stehen blieb, »Deinen Reichtum im Austausch gegen Deine Frau!«

»Alles, was ich besitze, gehört Ihnen, wenn Sie sie mir zurückgeben,« entgegnete Monte Christo, ohne sich einen Augenblick zu besinnen.

»So begleite mich!« sagte Benedetto und schritt voran.

Der Graf folgte ihm nach einem von den innern Sälen der Grotte, wo sich ein Tisch mit Schreibgerät befand.

Benedetto deutete mit der Hand daraufhin gegen den Grafen, stellte sich demselben dann gegenüber und machte ein Zeichen, welches Monte Christo verstand.

Einige Augenblicke später hatte der Graf einige Worte niedergeschrieben und verschiedene Wechsel von einer ungeheuren Summe unterzeichnet. – Mit diesen übergab er Benedetto sein ganzes Vermögen.

»Ich bin jetzt arm,« sagte er, »so arm wie an jenem Tage, an welchem ich zum erstenmale diese Insel betrat, und morgen werde ich keinen einzigen Freund mehr haben. Dennoch fühle ich mich glücklich, denn ich konnte Haydee retten!«

»Gut!« erwiderte Benedetto. »Sie soll Ihnen zurückgegeben werden. Ich werde an die Südseite der Klippen ein kleines Boot bringen lassen, dessen Sie sich bedienen können. – Morgen werden Sie reisen.«

»Aber mein Sohn!« rief der Graf voll Verzweiflung »Mein Sohn!«

»Das Geheimnis des Grabes lastet auf ihm,« entgegnete Benedetto mit feierlicher Stimme.

Der Graf wollte sprechen, aber Haydee erschien an dem Eingange des Saales und eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

Benedetto zog sich zurück.

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