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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 50
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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IX. Von Ueberraschung zu Ueberraschung.

Der Graf von Monte Christo hatte vierzehn Tage voraus seinen Intendanten nach Florenz geschickt und ihm den Befehl erteilt, dort ein Hotel für ihn instand zu setzen.

Meister Bertuccio hatte wie immer diesen Befehl buchstäblich und mit ebensoviel Pünktlichkeit als Umsicht erfüllt.

Eine der reizendsten Wohnungen war gemietet und eingerichtet worden. Es blieb nur noch eine einfache Formalität zu erfüllen, damit der Graf bei seiner Ankunft sein Hotel sogleich in Besitz nehmen könne.

Diese Formalität war so einfach, daß Meister Bertuccio, ungeachtet seiner großen Lebenserfahrung und seiner ausgezeichneten Klugheit, sich nicht einmal damit beschäftigte.

Er hatte berechnet, daß der Graf frühestens in drei Tagen eintreffen würde und er legte eben die letzte Hand an das Werk, alles zu ordnen und den Dienst des Hauswesens zu regeln, als der Eigentümer des Hauses zu ihm eintrat.

»Sie haben dies Hotel für den Grafen von Monte Christo gemietet,« sagte er zu Meister Bertuccio, »und ich war auch schon geneigt, Ihnen die Schlüssel zu übergeben; allein jetzt hat sich das Ansehen der Dinge geändert und nach gewissen Mitteilungen, die mir über ihren Herrn zugekommen sind, möchte ich um keinen Preis mein Haus an den Herrn Grafen von Monte Christo vermieten. Deshalb weigere ich mich ausdrücklich und auf das entschiedenste, den Mietskontrakt zu unterzeichnen, den wir nach unserer mündlichen Verabredung miteinander abschließen sollten.«

Vergebens beharrte Bertuccio auf der Erfüllung des mündlichen Vertrages; vergebens eiferte er über die Wortlosigkeit des Hausbesitzers; vergebens drohte er damit, seine Rechte geltend zu machen. Der Hausbesitzer blieb fest auf seiner Weigerung bestehen und war unerschütterlich in seinem Entschlusse, in sein Haus unter keinen Umständen den Grafen von Monte Christo aufzunehmen, da derselbe ein höchst gefährlicher Gast sei.

Als Bertuccio ihn fragte, was er mit diesen Worten sagen wollte, begnügte der Wirt sich damit, ihn mit einem eigentümlich blinzelnden Seitenblicke anzusehen, welcher zu sagen schien:

»Nun, das wissen Sie besser, als ich es Ihnen sagen kann.«

Dann drehte er sich kurz auf dem Absätze um und entfernte sich kopfschüttelnd.

Meister Bertuccio blieb in großer Verlegenheit zurück, denn er hatte nur noch so wenig Zeit vor sich, daß er nicht wußte, wie er es möglich machen sollte, während derselben alles zu besorgen.

Bald jedoch erinnerte er sich der dringenden Anerbietungen, welche der rühmlichst bekannte Poniatowski ihm gemacht hatte. Er suchte ihn daher ohne Zögern aus, indem er entschlossen war, jetzt auf dessen Vorschläge einzugehen. Aber – o Wunder – der vor wenigen Tagen noch so eifrige Poniatowsky war jetzt eiskalt. Er hatte keine passenden Zimmer mehr zur Verfügung; – sein ganzes Haus war inzwischen vom Keller bis zum Boden besetzt worden und was dergleichen Ausflüchte mehr waren.

Bertuccio beharrte mit einem Eifer und einer Ausdauer, die eines besseren Erfolges würdig gewesen wären, auf seinem Willen: da erklärte der in die Enge getriebene Poniatowsky endlich ganz offen, er hätte nicht die geringste Lust, den Grafen von Monte Christo in seinem Hotel aufzunehmen, da über seine Exzellenz gewisse Gerüchte in Umlauf wären, so sonderbarer Art, daß es danach zur vollständigen Unmöglichkeit würde, denselben irgendwo zuzulassen.

»Aber was waren denn das alles für Gerüchte?«

Dies zu wissen war für Bertuccio von der höchsten Wichtigkeit. Er drang daher mit den eifrigsten Fragen in Poniatowsky, aber dieser zuckte die Achseln und wendete ihm den Rücken.

Wütend lief Bertuccio zu den Corsini-Montfort. Gleich Poniatowsky häuften auch diese Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten, bis sie endlich erklärten, sie könnten den Herrn Grafen von Monte Christo nur gegen eine bestimmte, sehr bedeutende Summe aufnehmen und unter gewissen Bedingungen, die sie im Interesse der allgemeinen Sicherheit stellen müßten.

Bertuccio wußte nicht, ob er wache oder träume. Da indes die Zeit drängte, entschloß er sich, die Summe zu bezahlen und die Bedingungen kennen zu lernen.

Eine derselben bestand darin, daß alle Lichter mit einer Glaskugel umgeben werden müßten, und daß um diese wieder eine Kapsel von Drahtgeflecht gelegt würde; auch daß Se. Exzellenz, der Herr Graf von Monte Christo, keine Streichhölzchen zu seiner Verfügung bekäme.

»Das ist eine sonderbare Bedingung!« rief Meister Bertuccio verwundert aus. Dann fragte er: »Aber weshalb denn diese Forderung!«

»Es geht in Florenz das Gerücht,« lautete die Antwort, »daß es mit dem Verstande des Herrn Grafen nicht ganz richtig bestellt ist und daß sein Wahnsinn sich zuerst dadurch zeigte, daß er mit eigenen Händen einen Palast, den er auf der Insel Monte Christo besaß, in Brand steckte! – Die Manie des Herrn Grafen soll darin bestehen, alle Häuser, in denen er wohnt, anzuzünden!«

Vergebens bot Meister Bertuccio alle Hilfsmittel seiner Beredsamkeit auf, um dem Florentiner zu beweisen, daß der Graf von Monte Christo seines Verstandes vollkommen mächtig sei. Der Florentiner wollte davon nichts hören und blieb hartnäckig bei seiner Bedingung.

Am Tage vor der Ankunft des Grafen sah Meister Bertuccio nicht ohne die lebhafteste Verwunderung, daß ein eigentümliches Ereignis dazu beitrug, die Behauptung des Florentiners zu bestätigen.

Es erzählte nämlich in der Stadt jemand, der Graf Monte Christo hätte aus dem Wege nach Florenz eine Nacht in einer ärmlichen Hütte zugebracht, und dies Obdach kurz vor seiner Abreise in Brand gesteckt.

Während diese Gerüchte in Umlauf waren, langte der Graf an.

Einige Personen seiner früheren Bekanntschaft beeilten sich, ihn zu begrüßen; aber sie taten dies auf eine Weise, welche deutlich zeigte, daß auch sie den Gerüchten Glauben schenkten und daß die vorgebliche geistige Zerrüttung des reichen Fremden sie in Verlegenheit setzte.

Haydee war niedergeschlagener als je. Auf ihrem lieblichen Gesichte, das sonst anmutig und frisch war wie eine Rose des Orients, zeigten sich jetzt nur allzudeutlich die Spuren eines bitteren Kummers, der sie verzehrte.

Wegen dieses traurigen Gesundheitszustandes seiner Gattin konnte der Graf nicht, wie er es gewünscht hätte, sogleich nach der Insel Monte Christo abreisen. Er sah sich daher gezwungen, einige Tage länger, als er eigentlich beabsichtigt hatte, in Florenz zu bleiben, indem er hoffte; daß sich der Zustand Haydees dadurch bessern würde. Aber die unglückliche junge Frau wurde immer schwächer, immer angegriffener, und die Aerzte erklärten, daß die geringste Anstrengung ihr verderblich werden könnte.

Das Abenteuer mit dem Wildhüter hatte auf den Geist Haydees ebenso wie auf den des Grafen einen lebhaften Eindruck gemacht. Aber die arme Mutter, welche unter dem grausamen Schmerze litt, ihr Kind verloren zu haben, legte diesem Ereignisse nicht ebenso große Wichtigkeit bei wie der Graf, der aus der Ueberlegenheit seines Geistes die erforderliche Kraft schöpfte, um mit kaltem Blute der Gefahr oder dem Verhängnisse in das Auge zu blicken, wie ungeheuer groß auch die eine oder das andere sein mochten, wie entschieden und unabänderlich sie sich darstellten.

Der Graf brachte ganze Nächte an dem Lager Haydees zu, über die Worte nachdenkend, welche der Wildhüter an ihn gerichtet hatte.

Wer konnten denn die geheimnisvollen Menschen sein, die ihn verleumdeten? Was war das für ein Kind, welches einen Teil ihres Gepäckes zu bilden schien?

Ebenso fragte er sich, ohne auf diese Frage eine nur einigermaßen vernünftige Antwort finden zu können, wer der unbekannte Feind sei, der ihn so unverkennbar verfolgte?

Sollte er wirklich dem, was ihm der Maskierte auf dem Balle des Grafen Gradenigo in Venedig gesagt hatte, Glauben schenken?

Der Graf verlor sich in Vermutungen. – So viel schien ihm jedenfalls klar zu sein, daß das Unglück auf ihm zu lasten begann.

Er richtete seinen klugen Blick fest auf das Gesicht Haydees, deren Augenlider der Schlaf geschlossen hatte, und zum erstenmale in seinem Leben erbebte er unter der Gewalt eines inneren Gefühles, dessen Bezeichnung durch Worte der gewöhnlichen Sprache vielleicht unmöglich wäre.

Wie oft ist es uns schon begegnet, daß wir von einem Gedanken bestürmt werden, der unser ganzes Wesen einnimmt. Wir wollen ihn in Worte der gewöhnlichen Sprache kleiden, aber die Worte mangeln uns, weil der Gedanke unbestimmt, undeutlich ist und sich nicht auf ein entschiedenes oder bekanntes Bild bezieht. Gleichwohl verstehen wir ihn sehr gut; wir wissen, welcher Ursache er entsprang, welchen Gegenstand er umfaßt.

Der Graf zitterte daher unter der Herrschaft eines solchen unwillkürlichen Gedankens – und dieser Gedanke – war der der Reue.

Er fühlte, wie das Unglück ihn auf eine solche Weise bedrohte, daß es ihm unmöglich sein würde, sich den Schlägen desselben zu entziehen. Er fühlte sich groß und mächtig, ein furchtbarer Koloß, den Gott zwischen die Menschen gestellt hatte, und er berechnete, wie furchtbar sein Sturz sein mußte. Dann bereute er es, an sein Los das unschuldige Weib, seine schöne Haydee, gefesselt zu haben!

Das war es, was der Graf empfand, deshalb hätte er keine Worte zu finden vermocht, hätte er es versucht, seine Gedanken auszusprechen.

Der Graf faßte indes einen Entschluß.

Obgleich das Unglück, das ihn bedrohte, das ihn zum Teil bereits getroffen hatte, ungeheuer groß und fürchterlich war, erkannte er es doch für seine Pflicht, gegen dasselbe anzukämpfen und ihm Widerstand zu leisten, solange er noch einen Atemzug in der Brust hatte!

Das wollte er denn auch tun: nicht aus Liebe zu seiner eigenen Erhaltung, sondern wegen seiner reinen, unschuldigen Frau, deren Existenz mit der seinigen verschlungen war.

Schon war es spät in der Nacht. Der Graf stand auf, drückte der schlafenden Haydee einen Kuß auf die Stirn und entfernte sich dann von dem Bett, auf welchem sie lag.

Er befand sich bereits seit acht Tagen in Florenz, und während dieser ganzen Zeit hatte er noch nicht ein einziges Mal den Rauch des Tabaks genossen. Er kam daher aus den Gedanken, seinen prachtvollen Schibuk anzuzünden und sich jenen süßen Träumereien zu überlassen, welche der Geruch dieses Krautes bei den Orientalen hervorruft und die denselben so teuer ist.

Nachdem er selbst seine Pfeife instand gesetzt hatte, blickte er rings umher, ein Licht zu suchen. Aber die Kerze war sehr hoch angebrannt, und überdies von einer Glaskugel umgeben, welche wieder noch eine Umhüllung von feinem Eisendraht hatte. Da er bemerkte, daß er auf diese Weise nicht zu der Flamme gelangen konnte, öffnete er die Tür und trat in das anstoßende Zimmer, wo er einen seiner Leute zu finden hoffte, denn er hatte ein- für allemal den Befehl gegeben, daß in dem Gemache, zunächst dem, in welchem er selbst sich befand, beständig ein Bedienter zugegen sein sollte.

Er fand auch in der Tat einen seiner Neger, der halb schlafend in orientalischer Weise auf einem Teppich saß.

Der Graf weckte ihn und im Nu stand der Schwarze auf den Beinen.

»Feuer, Ali!« sagte er ihm.

Der Schwarze nickte mit dem Kopf und ging, um den Befehl zu befolgen; aber nach einigen Augenblicken kehrte er zurück und gab durch Zeichen, aus denen sich erkennen ließ, daß er stumm war, seinem Herrn zu verstehen, daß er auf Hindernisse gestoßen sei.

»Sie wollen Dir kein Feuer geben?« fragte der Graf, die Pantomime des schwarzen Ali deutend. »Vielleicht haben sie Dich nicht recht verstanden!«

»O, doch!« deutete der Neger an.

»Nun, in diesem Falle werde ich selbst gehen, es zu verlangen. Wenn ich in Europa bin, füge ich mich in die Grobheit, mit welcher ein Fremder gewöhnlich in den Gasthöfen behandelt wird.«

Bei diesen Worten verließ der Graf den Salon und, schritt vor demselben einen Gang entlang, an dessen Ende er in der Entfernung weniger Schritte ein Licht in einem kleinen Kabinett schimmern sah. Er drückte auf den Griff der Tür und diese öffnete sich.

»Verzeihung!« sagte der Graf auf italienisch, indem er in das kleine Gemach eintrat, das als Kontor möbliert war und in welchem einer von den Dienern des Hotels wachte.

»Was wollen Sie?« fragte der Diener, ohne von dem Stuhle aufzustehen, auf welchem er saß.

»Sie sind, wie ich vermute, einer von den Dienern des Hauses?« fragte der Graf.

»So ist es,« entgegnete der Mensch. »Es besteht bei uns der Gebrauch, daß während der Nacht immer einer von uns wacht – namentlich wenn dazu besondere Gründe vorhanden sind.«

»Diese Maßregel ist an und für sich ganz vortrefflich und ich suche keineswegs die Ursachen der besonderen Gründe kennen zu lernen, durch die Sie bewogen wurden, den Gebrauch einzuführen. – Ich komme lediglich, um meine Pfeife anzuzünden, da meine Bedienten vergessen haben, mir Licht und Feuerzeug in das Zimmer zu geben.«

»Und Sie wollen hier, unter meinen Augen, rauchen?«

»Weshalb tun Sie diese Frage?«

»Weil ich außerdem nicht erlauben würde, daß Sie Ihre Pfeife anzünden.«

»Sie würden mir das nicht erlauben?« sagte der Graf Monte Christo im höchsten Grade verwundert. – »Nun, ich will glauben, daß Sie die Bedeutung Ihrer Worte nicht kennen.«

»Ich kenne sie sehr gut!« entgegnete der Diener, indem er sich erst jetzt von seinem Stuhle erhob.

»Wie! – Und was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß Sie dies Kabinett nicht mit brennender Pfeife verlassen werden.«

»Ist es denn hier in Florenz verboten, zu rauchen?«

»Keineswegs, mein Herr. Ich habe nichts dagegen, daß Sie Ihre Pfeife rauchen; ich dulde es nur nicht, daß Sie sich von hier entfernen, bevor Sie dieselbe ausgelöscht haben.«

»Ich schwöre Ihnen,« sagte der Graf, indem er seine Pfeife anzündete und rauchte, »daß mich noch nie ein Gespräch so sehr unterhalten hat. – Gute Nacht! –Ich werde mich zu Bett legen!«

»Sie werden nicht hinausgehen!« rief der Diener und stellte sich vor die Tür.

»Unverschämter!« rief der Graf mit mühsam unterdrücktem Zorne.

»Sie werden nicht hinausgehen! – Ich bitte Sie deshalb um Verzeihung,« sagte der Diener, »aber ich wiederhole Ihnen: Sie werden nicht hinausgehen!«

»Ei, Sie sind wahrscheinlich schlaftrunken; der Schlaf macht Sie verrückt – er äußert zuweilen die Wirkung des Weines. – Indes ermüdet Ihr Zustand meine Geduld – er wird mir lästig. – Entfernen Sie sich von der Tür, sage ich Ihnen!«

Bei diesen Worten faßte der Graf mit einer Hand sehr sanft den Menschen an der Schulter und versuchte ihn von der Tür fortzuschieben; aber der Florentiner klammerte sich mit beiden Händen an den Kranz der Tür und hielt standhaft fest.

»Ich sehe wohl, Sie haben darauf geschworen, mich in Hitze zu bringen.«

»Und Sie – Sie wollen die Bedingungen verletzen, die Ihnen durch uns auferlegt worden sind, als Sie die Zimmer mieten ließen, die Sie in diesem Hotel bewohnen.«

»Ich! – Und was sind das für Bedingungen?«

»Die erste ist, in Ihrem Zimmer kein Feuer zu haben, nicht einmal, um Ihre Pfeife anzuzünden.«

Der Graf brach in lautes Gelächter aus.

»Und wenn Sie darauf bestehen, sich mit brennender Pfeife von hier zu entfernen,« fuhr der Diener fort, »dann ziehe ich an der Glocke und es eilen mir sogleich Menschen zu Hilfe.«

Der Graf hörte mit dem lebhaftesten Staunen die Worte des Florentiners an und die Neugier trieb ihn, seine Fragen fortzusetzen.

»Und der Grund zu diesen Bedingungen soll ein Geheimnis bleiben?«

»Ich kenne ihn selbst nicht,« versicherte der Diener. »Ich vollziehe ganz einfach die mir erteilten Befehle.«

»Geschieht es aus Furcht vor Feuer?«

»Ich glaube, ja. – Es geschieht zuweilen, daß durch eine kleine Nachlässigkeit ... – Ich habe mir sagen lassen, durch bloße Nachlässigkeiten der Art sei erst vor wenigen Tagen auf der Straße von Mantua eine Hütte abgebrannt, in welcher Sie übernachtet hatten.«

»Und woher wissen Sie das?« fragte der Graf, durch diese Worte heftig erschüttert.

»Der Eigentümer jener Hütte ist Wildhüter und er liefert das Wild für unsere Küche.«

»Indes muß man Vertrauen zu den Menschen haben, wenn –«

»Vertrauen!« unterbrach ihn der Florentiner. – »Zu dem einen, ja; – aber zu andern? – Nein!«

»Also mißtrauen Sie mir?«

»Keineswegs, Signor! – Indes kann Vorsicht nie etwas schaden.«

Der Graf begriff alles. Er erkannte, daß man ihn heimlich beschuldigte, ein Brandstifter zu sein; da ihn aber die Justiz nicht belästigte, gelangte er leicht zu dem Schlusse:

»Sie halten mich nur für verrückt und behandeln mich demgemäß!«

»Sehr gut,« sagte der Graf darauf ruhig und indem er seine Pfeife ausklopfte; »ich werde morgen nähere Erklärungen über das fordern, was mir heute begegnet ist. Inzwischen wünsche ich Ihnen eine gute Nacht!«

Der Florentiner verneigte sich ehrerbietig und der Graf ging. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen, denn er erkannte, daß das Verhängnis ihn verfolgte.

»Ha!« murmelte er mit unterdrückter Wut, »ich muß den Feind kennen lernen, der sich so an meine Schritte heftet!«

Am nächsten Tage berief der Graf seinen Intendanten vor sich und aus seinem Munde vernahm er mit erzwungener Gleichgültigkeit alles, was der treue Diener ihm bisher aus Ehrfurcht und Zurückhaltung verschweigen zu müssen geglaubt hatte. Es gab kein anderes Mittel, die öffentliche Stimme zum Schweigen zu bringen, als sich dem unbestreitbaren Beweise der Zeit zu unterwerfen. Diese rückte unaufhaltsam vorwärts und der Graf nährte die Hoffnung, die Intrige zu hintertreiben, die auf so geheimnisvolle Weise gegen ihn angesponnen worden war.

Nach Verlauf eines Monats fühlte Haydee sich wohler und der Graf beschloß, nach Pisa abzureisen, wo Haydee bleiben sollte, während er sich nach der Insel Monte Christo begeben wollte.

Die Vorbereitungen waren, wie immer, sehr bald getroffen. Bertuccio war schon vier Tage zuvor abgereist, nachdem er alle Rechnungen bezahlt hatte. Der Graf gab Haydee den Arm und führte sie die Stufen der Treppe hinab zu dem Wagen, der ihrer wartete, um sie zu dem Quai zu bringen, wo für sie eine Barke bereit lag, auf der sie den Fluß abwärts fahren wollten.

Eine Stunde darauf befand sich Monte Christo an der Seite Haydees auf der Barke schon weit von der Stadt entfernt, als plötzlich der finstere Ton der Glocken, welche Feuerlärm läuteten, an sein Ohr schlug.

Der Graf wendete den Kopf in der Richtung gegen die Stadt zurück und sah mit Entsetzen eine schwarze Rauchwolke sich erheben, die aus einem ansehnlichen Gebäude aufzusteigen schien, welche sie teilweise verhüllte.

»Wo glaubt Ihr, daß das Feuer ist, meine Freunde?« fragte er die Bootsleute.

»Ich möchte darauf schwören,« antwortete der eine von ihnen, nachdem er einige Zeit aufmerksam in der Richtung nach den Flammen hingesehen hatte, »daß es das Hotel Corsini ist!«

Haydee, welche entsetzlich blaß war, blickte den Grafen an, dessen Züge den Ausdruck bitterer Verzweiflung trugen.

»Ach!« flüsterte Haydee mit erstickter Stimme, »man könnte glauben, daß wir überall, wo wir gewesen sind, das Verhängnis hinter uns zurücklassen!«

Indes traf Bertuccio in Pisa auf beinahe unübersteigbare Hindernisse, für seinen Gebieter eine Wohnung zu bekommen. Es blieb ihm bald kein anderes Mittel mehr, als zur Aufnahme des Grafen ein Haus zu kaufen.

Er blieb auch in der Tat diesem Plane treu, allein die Formalitäten, die dabei zu beobachten waren, nahmen mehr Zeit in Anspruch, als er erwartet hatte, und als der Graf von Monte Christo in Pisa landete, hatte er, ungeachtet des Zaubers, welchen sein ungeheurer Reichtum ausübte, kein Dach, unter dem er ruhen konnte.

Ihm blieb nur noch eine Ausflucht: In irgend einem Hotel unter einem angenommenen Namen abzusteigen!

Aber die Pässe bezeichneten ihn ganz deutlich als Graf von Monte Christo und überdies war auch die Beschreibung seiner Person so allgemein bekannt! – Jedermann wußte im voraus, er sei: Ein Mann von Mittelgröße, ziemlich wohlbeleibt, mit melancholischem Gesicht, schwarzen Augen und Haaren, lebhaftem und feurigem Blick und beinahe horizontal-gespaltenem Munde, der in Begleitung einer jungen Dame reise, die schön und zart wie eine türkische Rose; und daß dieser so beschriebene Mann weder mehr noch weniger sei als der Graf von Monte Christo.

Folglich war es ganz unmöglich, das Auskunftsmittel einer solchen Namensverleugnung zu ergreifen.

Der Graf und Haydee standen auf dem Quai, Bertuccio gegenüber, der sie hier erwartet hatte.

»Also gibt es in Pisa gar keine Unterkunft für mich, Meister Bertuccio?« fragte der Graf, der seinen Haushofmeister beiseite genommen hatte.

»Ich schwöre Ihnen, daß ich die äußersten Anstrengungen gemacht habe –«

»Boten Sie das Doppelte?«

»Das Dreifache, das Vierfache sogar!« versicherte Bertuccio.

»Der Teufel, Sie sind sehr freigebig, mein Herr Intendant – das ist schlimm!« entgegnete der Graf, als wollte er scherzen, und indem er mit zerstreutem Wesen umherblickte.

»Nun, mein Freund,« fragte Haydee, zu ihm tretend, »wohin gehen wir?«

»Darauf hat Herr Bertuccio zu antworten, denn er allein weiß es; – er hatte mir schon das Haus bezeichnet, aber ich muß ihm sagen, daß ich durchaus vergessen habe –«

»Herr Graf!«

»Nun, Herr Bertuccio, ziehen Sie bessere Erkundigungen ein, und während wir einen kleinen Spaziergang machen, um uns die Stadt zu besehen, treffen Sie Ihre Maßregeln so, daß alles in Ordnung sei, wenn wir zurückkehren. Ich will, daß Sie mich binnen einer Stunde hier an eben diesem Orte erwarten.«

Mit diesen Worten machte der Graf mit der Hand ein Zeichen und entfernte sich von Bertuccio, um Haydee den Arm zu reichen.

Bertuccio blieb ganz verdutzt zurück. Er wußte, daß er um jeden Preis gehorchen mußte, wenn der Graf sagte: »Ich will!« Aber er wußte diesmal durchaus nicht, wie er den Befehl seines Herrn erfüllen sollte.

Bertuccio drehte sich endlich kurz auf den Absätzen um und verschwand in einer der zunächst gelegenen Straßen. Dreiviertelstunden darauf kehrte er ganz außer Atem zu dem Orte zurück, den der Graf ihm bezeichnet hatte. Auf dem aufgeregten aber zufriedenen Gesichte des Haushofmeisters las man, daß er seine Sendung erfüllt hatte – wenn auch freilich nur mit der größten Mühe.

Der Graf und Haydee zögerten nicht, sich zu zeigen. Bertuccio beeilte sich, sie zu einem kleinen Gebäude zu führen, das nicht weit von dem Quai lag, und in welchem es ihm gelungen war, für Haydee und deren Gatten drei Zimmer zu mieten.

Der Graf wollte sich ohne Zögern nach der Insel Monte Christo einschiffen und er hatte zu diesem Zwecks sogar schon ein kleines Fahrzeug gemietet; aber ein unerwartetes Ereignis zwang ihn, noch früher, als er es beabsichtigt hatte, unter Segel zu gehen und zwar gleich am folgenden Tage.

Es war mitten in der Nacht, als der Graf erschrocken aus dem Schlafe emporfuhr, erweckt durch den gewaltigen Lärm, der dicht unter seinen Fenstern auf der Straße herrschte.

Er stand auf und eilte, sich nach der Ursache dieses Lärms zu erkundigen.

In eben dem Augenblick, als er zu diesem Zwecke die Tür seines Zimmers öffnete, ertönte aus dem Munde zahlreicher Bewohner des Hauses der Schreckensruf:

»Feuer! Feuer!«

Kalter Schweiß bedeckte die Stirn Edmund Dantès; er sprang zu dem Bette Haydees, weckte sie hastig auf und ermahnte sie, sich eiligst zu der Flucht instand zu setzen.

Während Haydee sich zitternd in aller Hast anzog, füllte sich das Zimmer mit einer Menge Menschen, welche mit Aexten und Beilen bewaffnet waren. Der Boden schien sich überall zu öffnen, um die bleichen, keuchenden Gestalten heraufzulassen, welche das Entsetzen einer jeden Szene des Brandes erhöhen.

Die Türen, welche diesen verstörten Banden gegenüber noch geschlossen waren, wurden durch die Schneiden der Aexte eingeschlagen. Alle liefen, schrieen, arbeiteten, ohne Zweck und Ordnung in wildem Tumult, nur mit dem unbestimmten Gedanken, die weitere Ausbreitung des Brandes zu verhindern.

Eine von den Türen in den Zimmern des Grafen Monte Christo war unter den Beilhieben gefallen und man sah nun den Fußboden in Flammen. Diese teilten sich schnell der Decke mit. Das Feuer war sehr heftig und griff mit reißender Schnelligkeit um sich. Es zeigte sich mit furchtbarer Gewalt auf zwei verschiedenen Punkten des Gebäudes.

In dem ersten Augenblicke dieses Auftrittes der Unordnung und der Verwirrung, in der Glut dieses furchtbaren Bildes, welches von der Hand des Satans entworfen zu sein schien, kümmerte sich niemand um den Grafen, niemand suchte ihn und niemand nannte seinen Namen.

Er nahm jetzt Haydee auf seine kräftigen Arme und eilte mit ihr die Treppe hinab, umwogt von Flammen und Rauch.

»O mein Gott!« rief er, »welches ist denn die feindliche Hand, die so ohne Unterlaß und ohne Barmherzigkeit auf mich niederfällt? Er trete vor mich hin, dieser Mensch oder vielmehr dieser Dämon, der mich so unerbittlich verfolgt!«

Der Graf war auf der Straße. Nachdem er sich durch die lebende Masse, die sich vor dem brennenden Gebäude drängte, einen Weg gebahnt hatte, gelangte er zu einem kleinen Platze, der ganz verödet war und dessen Häuser durch den Widerschein des nahen Feuers beleuchtet wurden.

Hier blieb er stehen, stemmte ein Bein gegen einen Eckstein und stützte mit diesem Beine den Körper der ohnmächtigen Haydee.

»Mensch oder Dämon,« murmelte er wütend, »wer Du auch seiest – zeige Dich! – Sprich und sage, was Du von mir verlangst! – Bei dem Gotte, der die Welt erschaffen hat – bei dem Geiste des Abgrundes – bei allem, was es für Dich Heiliges oder Verfluchtes geben kann – erscheine und sprich!«

»In der Grotte Monte Christo!« rief ganz in seiner Nähe eine schneidende Stimme, deren Ton den Grafen mit einem unheimlichen Frösteln durchrieselte.

*

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