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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 48
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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VII. Von Mantua nach Florenz.

Meister Bertuccio, der Intendant des Grafen, hatte in der Tat die Weisungen Monte Christos genau befolgt und ihm eines der besten Hotels des prachtvollen Florenz gemietet, ungeachtet der lobpreisenden Vorstellungen, welche der Stellvertreter und Nachfolger des berühmten Poniatowsky, des ersten Gastwirts dieser Residenz, ihm gemacht hatte, um ihm von dem Vorsatz abzubringen. Er schwur ihm bei allen Göttern, daß der Herr Graf sich sehr schlecht befinden würde, wenn er ihn nicht zum Wirte hätte, da niemand in der Welt, nicht einmal Corsini Montfort, ihn besser aufnehmen könnte und um mäßigeren Preis.

Der eigensinnige Bertuccio hatte sich damit begnügt, lachend den Kopf zu schütteln, und war taub geblieben. Inzwischen nahm er den gemieteten Palast in Besitz und beeilte sich, in demselben alles zu dem Empfange seines Gebieters instand setzen zu lassen.

Ebenso wie in Venedig, verbreitete sich auch in Florenz schnell die Nachricht von der Ankunft Monte Christos. Dieser Mann, den ein Zufall in den Annalen des europäischen Reichtums berühmt gemacht hatte, unterhielt in der Tat Verbindungen in allen Hauptstädten der Welt; sein Name erweckte daher auch überall, wo er ausgesprochen wurde, ein Echo der lebhaftesten Teilnahme.

Indem der Graf Venedig verließ, sollte er sich zur See nach Mantua und von Mantua zu Lande nach Florenz in einem bequemen Reisewagen, für den er im voraus Relais hatte legen lassen, begeben. Dann wollte er sich in Pisa nach der Insel Monte Christo einschiffen.

Das war der Reiseplan, den der Graf in Venedig entworfen hatte, und an dessen Ausführung er unmittelbar ging.

Die Ueberfahrt von Venedig nach Mailand bot keinen bemerkenswerten Umstand. In dieser letzteren Stadt angelangt, machten Monte Christo und Haydee nur einen kurzen Halt, um dann sogleich den Weg nach Florenz einzuschlagen.

Verlassen wir sie einen Augenblick und sehen wir, was sich zu eben der Zeit auf dieser Straße zutrug.

Zwei Männer ritten jener Stadt zu; plötzlich hielten sie bei einem halb verfallenen Brunnen an, dessen Wasser auf einen gewaltigen Stein niederrieselte und sich dann in einem kleinen Becken sammelte.

Der Tag neigte sich zu Ende; ein leiser Lufthauch machte die Blätter der Bäume, welche diesen Teil des Weges einfaßten, erzittern, und der melodische Gesang der Vögel erhob sich gleich einem Abendgebet, das sie an den Schlummer richteten.

Kaum aber hatte das Echo den Schall der flüchtigen Tritte der Pferde zu wiederholen aufgehört, welche unsere beiden Reisenden ritten, als auch alles schon wieder in tiefes Schweigen versank. Die Vögel waren, erschreckt durch den Hufschlag der Pferde, verstummt, entfalteten ihre leichten Flügel und schwangen sich in die Luft empor.

Die Furcht der Tiere dauerte indes nicht lange, und als die befiederte Welt sah, daß keine Gefahr sie bedrohte, kehrte sie bald zu dem grünen Asyle zurück und begann aufs neue ihr melodienreiches Konzert oder vielmehr den erhabenen Dankgesang, durch welchen sie dem höchsten Herrn der Natur den unschuldigen Zoll für ihre Schöpfung darbrachten.

Die beiden Reisenden sowie ihre Pferde waren mit Staub bedeckt und die weit aufgerissenen Nüstern der letzteren, welche schäumten und keuchten, verrieten die Anstrengung eines schnellen und anhaltenden Rittes.

»Wollen Sie Wasser, Herr?« fragte einer der Reisenden, indem er sich zu dem andern umsah; »hier ist ein Brunnen.«

»Für mich? nein; für dieses unschuldige Wesen, ja,« antwortete der zweite, indem er den Mantel öffnete, unter welchem er den rechten Arm verborgen hielt, und einen Blick dahin warf.

»Nun?« fragte der andere mit lebhafter Teilnahme, indem er sich seinem Reisegefährten näherte.

»Er lebt,« antwortete dieser.

»Gott möge ihn beschützen!«

Ein Augenblick des Schweigens folgte, währenddessen der, welcher zuletzt gesprochen hatte und nach der Reinheit seines Dialektes ein Italiener zu sein schien, vom Pferde stieg und den Arm ausstreckte, als wollte er eine Last in Empfang nehmen, die sein Gefährte ihm zu überreichen hatte.

Dieser, welcher zu Pferde geblieben war, warf in der Tat den Mantel zurück und legte in die Arme dessen, der am Boden stand, ein Kind von drei bis vier Jahren, welches in einen schwarzen Schleier gehüllt war. Dann stieg auch er vom Pferde und ging nach dem Brunnen, an welchem die Pferde bereits soffen.

Die beiden Reisenden hielten die Augen auf das Kind geheftet, welches allmählich aus einem schweren Schlafe, der einer Art Betäubung glich, zu erwachen schien.

Der, welcher das Kind trug, erhob den rechten Fuß, stützte ihn auf den Stein des Brunnens, legte den Körper des Kindes auf seinen Schenkel und zog mit der linken Hand den schwarzen Schleier zurück, mit dem es sorgfältig eingehüllt war.

Es bot sich ein eigentümliches Bild!

Die unruhvollen Physiognomien der beiden Reisenden, ihr finsterer Blick, kontrastierten auf eine auffallende Weise mit dem sanften, engelgleichen Ausdruck, den das Gesicht des armen kleinen Geschöpfes trug, welches jetzt die Augen öffnete, als es aber die beiden Fremden, von denen es begleitet wurde, erblickte, sie schnell wieder schloß, wie um dem Schrecken zu entrinnen, den sie ihm einflößten.

Das Kind stieß dann einen leisen Seufzer aus, welcher einem jener Töne glich, die die Aeolsharfe von sich gibt, Wenn ein leiser Lufthauch durch ihre Saiten führt, ein Ton, der bei uns die Erinnerung an das erweckt, was wir auf Erden am meisten lieben, ein Ton, der sich auf wunderbare Weise mit den Harmonien mischt, die wir träumen, und uns das, was keine menschliche Stimme uns zu erklären vermöchte, sagt, enthüllt, begreiflich macht.

Der Seufzer hatte in seinem sanften Klange den Ausdruck des Verlangens und des Bedauerns: er schien sagen zu wollen: Vater, Mutter oder Gott! – Es war der natürliche Ausdruck, welchen die Lippen des Kindes dem Gefühle gaben, von welchem sein reines Herz erfüllt war, ein Herz, dessen Heiterkeit von den Leidenschaften noch nicht getrübt wurde!

»Ach, weshalb erhält Gott Dir das Leben?« murmelte einer der Reisenden, indem er den Lippen des zarten Wesens das Wasser bot. »Welche Zukunft ist Dir in dieser Welt der Intrigen, der Laster und Gemeinheiten, bestimmt, wo jede Blume in ihrem Wohlgeruche ein Gift birgt? – Besser wäre es für Dich, aus Deinem Schlafe nur zu erwachen, um zwischen den Engeln, Deinen Brüdern, an dem göttlichen Mahle teilzunehmen! – Ach ja, hundertmal besser wäre es für Dich, als auf Erden zu leben, ausgesetzt den Martern, welche die Menschen für sich selbst erfunden haben und für die, welche man die Kinder des Zufalls nennt! – Wie Du sorglos ruhest unter dem Gewicht einer großen Zukunft von Mühseligkeit und Leben! Mit welchem Vergnügen Du die Luft einatmest, die Dir einst verpestet erscheinen wird! – Ach, um wieviel besser wäre es für Dich, Du hörtest auf zu leben!«

Indem er sprach, legte er die rechte Hand an den Griff einer Pistole, die in seinem Gürtel steckte.

»Halt, Benedetto!« rief sein Gefährte, indem er diese Bewegung bemerkte. »Ich hoffe, Sie werden auf uns nicht das Verbrechen des Kindesmordes laden wollen.«

»Ein Verbrechen?« entgegnete Benedetto mit ironischem Lachen. »Du nennst das ein Verbrechen, Peppino? Wäre es denn etwa ein Verbrechen, einem unschuldigen Wesen das Märtyrertum einer peinlichen Existenz zu ersparen? Wäre es ein Verbrechen, Gott zurückzugeben, was Gott gehört? Denn noch hat die Verderbnis der Welt ihn nicht angesteckt. Glaubst Du denn, daß der Tod stets ein Uebel ist? – Flüstere dies Wort in das Ohr dieses unschuldigen Wesens und vielleicht dankt es Dir durch ein süßes Lächeln für diesen Gedanken! – Der Tod, mein Freund, ist ein Uebel für den Menschen, dessen unruhvolle Existenz die Reue birgt! – Er ist ein Uebel für die, welche in dieser Welt nichts erblicken als einen Blumengarten. Wer aber nicht über die Erinnerung an begangene Verbrechen zu zittern braucht, wer aber ruhig schlafen kann wie ein Kind, für den ist der Tod eine Wohltat.

»Was den Menschen, der den Tod am meisten herbeiwünscht, erschreckt, ist der Uebergang von dem Wachen zu dem ewigen Schlafe; es ist der kurze Augenblick, den die Stimme des Menschen uns nicht zu erklären vermag, wenn er einmal verflossen ist, den aber eben deshalb die Einbildungskraft uns vielleicht viel fürchterlicher schildert, als er es in der Tat ist. Dieses schwache Geschöpf nun zittert nicht bei dem Gedanken an diesen Augenblick des Uebergangs; deshalb leidet es also nicht, deshalb würde es nicht leiden, und ich wäre nicht strafbar, weil ich ihm keine Leiden bereitete. Wenn ich es aber im Gegenteil leben lasse, würde ich dann nicht verbrecherisch sein, daß ich es dem Leiden eines mühseligen Lebens und dem Mißgeschicke des Unglücks preisgab? Du weißt es, daß dieses Kind arm und verlassen in die Welt eintreten wird; keine befreundete Stimme wird seinen Namen nennen, keine schützende Hand sich gegen das arme Wesen ausstrecken, um es zu leiten und es zu führen; – es wird ohne Namen und Vermögen seinen Leib durch die Arbeit kasteien und den Becher der Bitterkeit bis auf die Hefe leeren, fern von Vater und Mutter und ohne daß eine einzige Träne die Galle mildere, welche der Becher enthält.«

»Vortrefflich!« entgegnete Peppino. »Aber welche Gewißheit haben Sie, daß Sie dieses Kind vom Leben zum Tode bringen können, ohne ihm die geringsten Leiden zu bereiten?«

Benedetto lächelte.

»Versuchen wir es!«

» Per Baccho! Das heißt ein großes Selbstvertrauen besitzen! – Nehmen wir an, daß durch einen jener tausend Zufälle, welche den Schuß einer Pistole mißglücken lassen, die Kugel von der bestimmten Richtung abweicht und nicht an einen Ort eindringt, der geeignet ist, das Leben aus dem Körper zu bannen! – Dann müßten Sie den Schuß erneuern, und während der Zwischenzeit von dem einen zu dem andern würde dieses unschuldige Wesen weinend und schreiend in den Qualen des Todes liegen. – Sie werden mir sagen, daß Sie es erwürgen können; aber das wäre ein doppelter Mord, verbunden mit grausamem Schmerz für das Opfer!

»Nein, Herr, lassen wir diesen barmherzigen Mordgedanken fahren und besteigen wir wieder unsere Pferde, denn in unserer Lage hat die Nacht nichts Gutes.«

»Du behauptest, alle Straßen von Italien so gut zu kennen?«

»Ich kenne sie vielleicht nicht so genau, aber Florenz ist noch sehr weit entfernt.«

»Und der Ort, wo wir diese lebendige Last niederlegen wollen?«

»Lassen Sie mich ein wenig orientieren,« erwiderte Peppino, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr. »Hinter dem ersten verfallenen Brunnen führt rechts ein Fußsteig in ein Tal; ungefähr fünfzig Schritte von dem Anfang dieses Fußsteiges liegt die Hütte eine Wildhüters; an die Tür desselben tun wir sieben Schläge.«

»Vorwärts!« rief Benedetto, indem er wieder in den Sattel sprang und das Kind in die Arme nahm.

»Vorwärts!« wiederholte Peppino, indem er ebenfalls sein Pferd bestieg.

Die beiden Reisenden verfolgten ihren Weg. Eine Viertelstunde darauf war es vollkommen Nacht geworden und sie befanden sich vor einer Hütte, deren Tür geschlossen blieb, ungeachtet des Geräusches, welches die Pferde machten.

Peppino sprang zu Boden und tat mit dem Griff seiner Reitpeitsche sieben Schläge an die Tür.

Einen Augenblick darauf wurde sie geöffnet und unsere beiden Reisenden standen einem hochgewachsenen, mageren Menschen gegenüber, dessen bleiches Gesicht, beschienen von dem flackernden Lichte, welches in dem Innern der Hütte brannte, einen finstern Ausdruck trug.

Da dieser Mensch sich daran gewöhnt hatte, in der Dunkelheit zu sehen, richtete er auf die Reisenden einen forschenden Blick und erwartete schweigend, daß sie sich über die Absicht ihres Besuches erklärten.

» Amico,« sagte Peppino, »habe die Güte, für unsere Pferde zu sorgen. Dann kehre zurück, um mit uns zu plaudern. Du kannst das mit völliger Gewissensruhe tun, denn ohne Dir die geringste Störung zu verursachen, kommen wir, um unsere Börse in Deine Tasche zu leeren.«

»Was soll das heißen?« fragte der Jäger, der bei dem Worte »Börse« die Augen groß aufriß.

»Nun, tue, was ich Dir sagte und kehre dann schnell zurück, Du wirst keine Ursache finden, es zu bereuen.«

Während dieses kurzen Gesprächs war Benedetto bereits vom Pferde gestiegen. Der Wildhüter nahm hierauf beide Tiere beim Zügel, zeigte mit der Hand gegen die Reisenden nach dem Innern der Hütte, machte außen einen kleinen Umweg um dieselbe und verschwand hinter dem ärmlichen Gebäude.

Benedetto und Peppino blieben einen Augenblick allein.

»Also diesem Menschen sollen wir den Sohn des Edmund Dantès anvertrauen?« fragte Benedetto.

»Dieser Mensch ist verheiratet, und seine Frau, nach dem, was man von ihr sagt, ein vortreffliches Geschöpf.«

»Was sie indessen ohne Zweifel nicht abhält, ihren Anteil an dem Verbrechen ihres Mannes zu nehmen.«

»Sind wir denn nicht alle auf dieser Welt dem Irrtum unterworfen?« entgegnete Peppino. »Uebrigens ist dieses Kind noch nicht in dem Alter, diese Verbrechen zu begreifen oder ihnen nachzuahmen. Still! – Ich höre Schritte!«

Peppino hatte diese Worte noch nicht ausgesprochen, als auf der Schwelle der Tür in dem Innern der Hütte eine Frau von etwa dreißig Jahren erschien, die ein Kind auf den Armen trug. Das Gesicht dieser Frau hatte nichts Abschreckendes; ihr Blick flößte im Gegenteil unbedingtes Vertrauen ein.

Diese Frau grüßte auf die zuvorkommendste Weise die beiden Reisenden und setzte sich dann auf eine Bank, ihr Kind in den Armen wiegend.

»Gute Frau,« sagte Benedetto, indem er kein Auge von ihr abwendete, »Sie müssen wissen, daß ich ungeachtet der Gerüchte, welche über Ihren Mann im Umlaufe sind, Sie für eine rechtschaffene und vortreffliche Person halte. Wenn ich von den Gerüchten spreche – so bin ich nur das Echo der Leute, welche behaupten, daß von Mantua bis Pisa kein Jäger seines Schusses sicherer sei –«

»Um der Liebe Gottes willen, Signor, glauben Sie nicht alles, was die Leute sagen! – Im allgemeinen blickt man mit Unwillen auf den armen Wildhüter – aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß mein Mann ein vortreffliches Herz besitzt.«

»Der Grund, der mich hierher führt, hat nichts damit zu schaffen. Mich kümmern die guten Eigenschaften Ihres Mannes wenig. Ich bringe Ihnen ein Kind zur Pflege.«

»Ein Kind?«

»Hier ist es!«

»Es scheint etwas leidend zu sein,« bemerkte die Frau, die aufgestanden war und bei dem matten Scheine einer kleinen Lampe das liebliche Geschöpf betrachtete.

»Es ist kräftig und gesund,« erwiderte Benedetto. »Der Zustand der Ermattung, in dem es sich befindet, rührt von der Anstrengung der langen Reise her, die es zurückgelegt hat, auf diesem Arm sitzend und an dieser Eisenbrust schlummernd. Einige Tage der Ruhe, und Sie werden sehen, wie es neben Ihrem eigenen Kinde lächelt und wie es ihm den Brudernamen gibt.«

»Das arme unschuldige Geschöpf! Wenn ich neugierig wäre, so würde ich fragen, ob es Ihr Sohn ist, Signor.«

»Eine schöne Frage! Aber nehmen wir an, ich wollte Ihnen darauf antworten, so würde ich sagen: Vergleichen Sie sein Gesicht mit dem meinigen.«

»Oh, oh – das ist sichtbar!«

»Was? – Sie sehen nichts, meine gute Frau,« erwiderte Benedetto.

»In diesem Alter –«

»Ist das größte Unglück, von dem man betroffen werden kann, seiner Mutter beraubt zu sein!«

»Das arme unschuldige Wesen!«

»Dieser verhängnisvolle Umstand muß ein Grund für Sie sein, meine gute Frau, dem Kinde Ihre Teilnahme zu schenken. Nun, nehmen Sie es auf den Arm und setzen Sie es an die Seite Ihres Sohnes.«

»Mein Kind ist kein Knabe; es ist ein Mädchen.«

»Desto besser,« erwiderte Benedetto, »dann wird es seine Schwester sein.«

Indem Benedetto so sprach, übergab er das Kind der Frau des Jägers und setzte sich an deren Seite.

Peppino blieb im Schatten stehen und schien aufmerksam auf ein fernes Geräusch zu horchen, das an dem Orte erstarb, an welchem er sich befand.

»Dieses Kind,« sagte Benedetto mit leiser Stimme zu der Frau, »hat, wie ich Ihnen bereits sagte, das Unglück, seiner Mutter beraubt zu sein. Ich kann es für den Augenblick nicht bei mir behalten, da unser Alter zu verschieden ist, und da es überdies, wenn es bei mir bliebe, der Gefahr ausgesetzt würde, für die Frucht eines Fehltrittes zu gelten. – Es muß fern von mir leben; es darf nicht wissen, wem es das Leben verdankt; es darf nichts von dieser falschen und verderbten Welt, in deren Mitte es geboren wurde, erfahren. –

»Ja, erziehen Sie den Knaben auf dieselbe Weise, wie Sie Ihre Tochter erziehen; lassen Sie beide miteinander durch Wald und Tal laufen, frei wie die Schmetterlings und die Vogel. Lehren Sie sie Gott in alledem erkennen, was sie umgibt, von dem Moose, das in den Spalten des Felsens wächst, von dem Grase, das die Wiesen schmückt, bis zu der prachtvollen Majestät der Sonne; von dem Wassertropfen, der erzitternd in dem Kelche einer Blume glänzt, bis zu dem unendlichen Ozean; von dem bescheidenen, vergänglichen Insekte bis zu dem stolzen Adler, der seinen kühnen Flug zu dem Gipfel der steilen Felsen nimmt! – Und wenn zufällig dieses Kind Sie fragen sollte, wem es seine Existenz verdankt, dann antworten Sie ihm, das sei ein Geheimnis, verloren in der Tiefe der Nacht, und es gebe auf dieser Welt keinen Menschen, der es ihm zu enthüllen vermöchte! – Jedem Fremden, der Sie fragt, sagen Sie, das arme kleine Geschöpf sei Ihr eigenes Kind.«

»Ihr Wille soll geschehen; das Kind kann für den Zwillingsbruder meiner Tochter gelten.«

»Wie Sie das wollen. Nehmen Sie dies Gold. Die Börse enthält 200 Piaster, und binnen jetzt und drei Monaten soll die Summe verdoppelt werden.«

»Gut, und seien Sie überzeugt, Signor, daß ich das unschuldige Wesen nach meinen Kräften behandeln werde. Ich will ihn für meine Tochter erziehen,« fuhr sie fort, indem sie den beiden Kindern, die sie auf den Armen hielt, zulächelte.

»Wie ist sein Name?« fragte sie dann.

»Eduard,« entgegnete Benedetto.

Kaum hatte dieser diesen Namen ausgesprochen, als man in der Nähe einen Flintenschuß hörte.

Die Frau erblaßte, und Benedetto murmelte:

»Das ist, wie ich vermute, Ihr Mann, der auf der Jagd ist. Holla, Peppino, in welcher Entfernung glaubst Du, daß der Schuß fiel?«

»Hundert bis hundertundzwanzig Schritt weit,« entgegnete Peppino mit der Zuversicht eines Menschen, der auf eine solche Frage gefaßt ist.

»In welcher Richtung?«

»In derselben, in welcher wir vor anderthalb Stunden Halt machten. Von dieser Hütte bis zum Anfang des Fußpfades sind fünfzig Schritt; von dem Fußsteige bis zu dem Brunnen werden es ebenfalls fünfzig Schritte sein; außerdem nehme ich noch etwa zwanzig Schritt jenseits des Brunnens an, und ich kann behaupten, daß ungefähr hundertzwanzig Schritt von dem Ort entfernt, an dem wir uns jetzt befinden, irgend ein Verbrechen vollzogen worden ist.«

»Wieso das?«

»Seit etwa einer Viertelstunde höre ich das Rollen eines Wagens, der sehr schnell fuhr. Jetzt vernahm ich einen Schuß und diesem folgte augenblicklich ein leiser Schrei, der von einem weiblichen Munde ausgestoßen zu werden schien. Der Wagen hat sogleich still gehalten, und sicher hat die Kugel die Brust eines der Pferde durchbohrt.«

Benedetto sah die Frau an; sie war noch immer sehr blaß.

»Entferne Dich von der Tür,« sagte Benedetto zu Peppino, »und schließe sie!«

»Ich glaube, es kommt jemand von der Seite hier auf das Haus zugelaufen,« murmelte Peppino.

»Das muß der Mann dieser guten Frau sein, der die Pferde in den Stall gebracht hat.«

In der Tat erschien einige Sekunden darauf der Jäger, die Hände in den Taschen, ganz ohne Waffen und mit vollkommen ruhigem Wesen.

»Guten Abend, Freund,« sagte Benedetto mit der größten Kaltblütigkeit von der Welt. »Ich bitte Sie, uns etwas zu essen zu geben, denn unsere Absicht ist, vor Tage wieder aufzubrechen. Ich sprach schon mit Ihrer Frau und hoffe, daß Sie einen Teil Ihrer väterlichen Liebe dem Gespielen Ihres kleinen Mädchens schenken werden.«

»Ach, das kleine Ding!« brummte der Jäger, indem er seiner Frau einen Seitenblick zuwarf. »Seien Sie ganz ruhig, mein Kavalier; ich gebe Ihnen mein Wort, wenn es ein Knabe ist, so werde ich ihm, wenn er kaum fest auf den Beinen stehen kann, zum Spielwerk die Ueberbleibsel eines alten Gewehres geben und ihm einen Sattel auf eine Bank schnallen, damit er sich im Reiten übt.«

»Vortrefflich! Ich wünschte sehr, daß es so geschähe. Das Kind muß auf eine Weise erzogen werden, um vor keiner schweren Aufgabe zurückweichen, um im Angesichte einer Gefahr nicht zu zittern.«

»Nun, Frau, bringe die Kleinen dort in dem Hinterstübchen unter und kehre dann zurück, um für die Herren ein Abendessen zu bereiten,« sagte der Wildhüter. »Sie werden sich wohl mit einem Wildviertel und einigen Gemüsen aus meinem Garten begnügen.«

»Wollen Sie nicht dem Kinde Lebewohl sagen, Signor?« sagte die Frau zu Benedetto, indem sie ihm das Gesicht des kleinen Knaben hinhielt.

»Gott verleihe ihm Kraft und Mut, um in die Welt einzutreten!« murmelte Benedetto, indem er mit der Hand sanft den Körper des Kindes zurückdrückte.

Die Frau beharrte nicht auf ihrem Willen und verschwand mit dem Kinde in dem Innern der Hütte.

Der Jäger schob den Riegel an der Tür vor und hing die eiserne Lampe an einen Nagel, der in der Brüstung des Fensters eingeschlagen war, so daß es schien, als wollte er, man sollte den schwachen Lichtschein schon in weiter Ferne sehen können. Dann setzte er sich schweigend an das Fenster und stützte den Kopf in die Hand.

Ungefähr eine Viertelstunde lang unterbrach kein Ereignis die tiefe Stille, welche jetzt in der ganzen Hütte herrschte.

Benedetto stand mit dem Rücken gegen die Mauer gelehnt und hatte die rechte Hand in die Brust gesteckt. Sein Blick war zu Boden geheftet, seine Stirn in Falten gezogen, und er schien sehr ernst über etwas nachzudenken.

Peppino, dessen Ohr beständig auf der Lauer lag, verriet die Teilnahme oder vielmehr die Ungeduld, mit welcher er den Erfolg dessen erwartete, was er beobachtet hatte.

Endlich hörte man den Ton einiger Schritte auf dem Fußpfade; einen Augenblick später wurde an die Tür geklopft und eine männliche Stimme sagte auf italienisch:

»Oeffnet! Oeffnet! Ihr guten Leute! Ihr werdet Euch dabei nicht schlecht befinden!«

Bei diesen Worten stand der Jäger rasch auf und wollte die Tür öffnen, als Benedetto schnell auf ihn zusprang und ihn zurückhielt.

»Ich will nicht gesehen werden,« sagte er mit leiser Stimme.

»Es ist keine Gefahr dabei vorhanden,« flüsterte der Jäger mit einem Lächeln des Einverständnisses.

»Gleichviel!«

»So kommen Sie!«

Benedetto und Peppino folgten dem Jäger, welcher sie nach einem Hinterstübchen der Hütte führte.

»Hier sind Sie ebensogut verborgen, als ob Sie zehn Meilen weit weg wären,« sagte der Wildhüter. »Die Tür, die Sie, meine Herren, im Hintergrunde sehen, führt nach der Kammer, wo die beiden Kinder schlafen; darüber ist ein anderes, kleines, aber unbewohntes Stübchen, Sie können also ganz ruhig sein.«

Bei diesen Worten wendete der Jäger sich um und eilte jetzt, den Riegel von der Tür zurückzuziehen, die er sogleich öffnete.

»Holla, mein braver Mann,« sagte ein Mensch, der es sehr eilig zu haben schien, »können Sie nicht meinem Herrn zu Hilfe kommen, dessen Postchaise nicht weiter kann, weil uns ein Pferd mangelt?«

»Ist denn das Pferd tot?«

»Meiner Treu, Sie hätten es nicht besser erraten können,« entgegnete der Mann. »Es ist wirklich tot, denn eine Kugel hat ihm die Brust durchbohrt, und zwar mit einer Geschicklichkeit, welche dem verfluchten Schützen alle Ehre macht! – Wißt Ihr wohl, ich hätte eigentlich darauf geschworen, daß es in dieser Gegend keine so boshaften Menschen gibt!«

»Ei, was, das sind Geschichten! – Nichts als Geschwätz! – Die Kugel trug doch nicht die Adresse des Pferdes?«

»Das ist wahr!« Vielleicht war sie für den Kutscher bestimmt! – Der Teufel hole diese Bemerkung.«

»Das sage ich nicht. Ich will damit nur sagen, daß es mir scheint, als wäre der Tod des Pferdes ganz eine Wirkung des Zufalls. – Es wird einem Jäger das Gewehr losgegangen sein. – Jedenfalls darf ich Ihnen die Versicherung geben, wenn man den Kutscher hätte treffen wollen, so würde man sicher nicht das Pferd getroffen haben, denn der ungeschickteste Schütze der ganzen Gegend kann auf fünfzig Schritt eine Orange mitten durchschießen.«

» Per Baccho! Was würde erst dann der Geschickteste tun?«

»Der würde aus einer Flasche auf gleiche Entfernung den Boden schießen, indem er die Kugel durch den Hals lenkte,« erwiderte der Jäger mit einer Art wilden Stolzes.

»Das ist eine Geschicklichkeit, über die man erstaunen muß; indes bestreite ich sie nicht und es ist auch jetzt nicht die Zeit dazu, uns darüber in einen Streit einzulassen. Bleibt mein Herr die Nacht hier, weil ein anderes Gespann geholt werden muß, so haben wir noch hinlängliche Muße, miteinander zu schwatzen, und wir werden dann weiter von dieser wunderbaren Geschicklichkeit reden.«

»Wer ist denn Ihr Herr?«

»Der Teufel, Sie sind sehr neugierig und scheinen viel Eile zu haben! – Er ist ein französischer Herr, der einige Zeit in Venedig sich aufgehalten hat und jetzt von Mantua nach Florenz geht.«

»Nun, in diesem Falle steht alles, was ich besitze, zu seiner Verfügung, und was ich besitze, ist alles, was Sie hier sehen. Will Se. Exzellenz mir die Ehre erzeigen, bei mir zu übernachten, so möge er nur kommen.«

»Schön. Ich eile Se. Exzellenz zu benachrichtigen: Währenddessen treffen Sie die Anstalten, ihn in dieser elenden Hütte so gut wie möglich zu empfangen.«

Der Bediente eilte in der Richtung nach der Landstraße davon. Der Jäger folgte ihm mit dem Blicke, lächelte geringschätzig und murmelte vor sich hin:

»Elende Hütte! – Er hat wohl recht, aber wie viele hohe und mächtige Exzellenzen haben schon mit Tränen in der Stimme und in den Augen in dieser elenden Hütte ein Obdach erbeten! – Alles wohl erwogen, ist es besser, ein Pferd zu töten, als einem Kutscher den Arm zu zerschmettern! – Es ist in Italien nicht üblich, Leute zu hängen, weil sie ein Pferd totschießen!«

Währenddessen brannten Benedetto und Peppino vor Verlangen, zu erfahren, was vorging. Peppino ging, um Erkundigungen einzuziehen, und Benedetto, der besorgt zu werden anfing, widmete dem Orte, an welchem er sich befand, die größte Aufmerksamkeit. Es war ein kleines Stübchen von acht bis neun Fuß im Quadrat; die linke Wand, welche aus dünnen Ziegelsteinen bestand, zeigte mehrere Risse, durch die man in das benachbarte Gemach blicken konnte, wo eine kleine Lampe brannte, deren rötlicher Schein eine Wiege beleuchtete, die mit Maisstroh angefüllt war, auf welchem zwei Kinder lagen. Durch diese Wand führte eine Türe, aber sie war von außen verschlossen.

Benedetto wollte rufen, damit diese Tür geöffnet würde, da erschien Peppino wieder.

»Still!« sagte dieser, indem er einen Finger auf den Mund legte. »Es sind soeben zwei Reisende angelangt, welche die Nacht hier bleiben werden, um auf frische Pferde zu warten, die für ihren Wagen geholt werden. – Ich bin der Meinung, unser Jäger tötet die Pferde aus Spekulation. – Nun, das ist ein Erwerbszweig, der nicht schlechter ist als viele andere, die ich kenne.«

»Wer mögen die Reisenden sein?«

»Meiner Treu, ich weiß davon nichts,« erwiderte Peppino. »Und was kümmert es uns übrigens auch!«

»Auf jeden Fall muß ich bleiben, um über das Kind zu wachen. Die Reisenden sind neugierig – und ich bin nicht Deiner Ansicht. Ich hege einige Besorgnisse in Beziehung auf diese Reisenden! – Peppino, Du mußt nach Florenz.«

»Was zum Teufel sagen Sie da? Fort! – Ich!«

»Es muß sein; ich habe Dir einige Instruktionen zu geben.«

»Brr! – Ich verlasse Sie nicht in diesem Augenblick – weil – nun weil die Reisenden Bediente bei sich haben, und weil zwei Männer gegen vier oder fünf besser sind als einer gegen drei.«

Benedetto antwortete nicht; er ging in dem Gemache auf und nieder, und als er Geräusch hörte, legte er das Ohr an die Wand, um zu horchen.

Der Ton mehrerer Stimmen, die alle zu gleicher Zeit sprachen, drang nur so verworren durch die Ritzen und Spalten des erbärmlichen Gebäudes zu ihm, daß er nicht ein einziges Wort deutlich zu verstehen vermochte. Indes erkannte Benedetto doch, daß in dem ersten Gemache sich eine Frau befand, denn zuweilen legte sich der laute Ton der verschiedenen Stimmen, und dann waren deutlich die letzten Silben einiger Worte zu verstehen, welche eine einzelne weibliche und schwache Stimme sprach.

Von allem übrigen war nichts zu verstehen.

Benedetto wartete.

Eine halbe Stunde später hörte er Tritte auf dem Fußboden des Gemaches über dem seinigen, und es schien ihm, als bereite man ein Lager, dann hörte er, wie die äußere Tür der Hütte geschlossen wurde, und nun trat wieder allgemeine Stille ein.

Dies war der Augenblick, den Benedetto erwartete, da er hoffte, nun durch einzelne Worte einige Aufklärung zu erlangen. In der Tat hörte er auch die Stimme der Frau des Jägers, welche mit einer anderen Person sprach, deren Stimme ihm nicht unbekannt zu sein schien, ohne daß er sich jedoch darauf zu erinnern vermochte, wem sie angehörte.

»Es ist so, wie ich Ihnen sagte, Exzellenz: außer Ihnen ist kein Mensch hier.«

»Indes läßt sich doch leicht erkennen, daß sich eine Stube unter der befindet, die Sie uns anbieten, und ich weiß, daß Sie nicht in dieser Stube schlafen. Aus welchem Grunde können Sie nicht über das Gemach verfügen?«

»Sie sind im Irrtum; es ist die Stube, in welcher meine beiden Zwillinge schlafen. Daran stößt ein anderes kleines Gemach, in welchem die Gerätschaften zum Gartenbau aufbewahrt werden und das sich anderweitig nicht benutzen läßt.«

»Hören Sie – Sie sprechen von Ihren Zwillingen, und Ihr Mann hat mir soeben erst gesagt, daß er nur eine Tochter hätte.«

»O, das wundert mich nicht. Mein Mann spricht niemals anders! – Der kleine Knabe ist in der Tat so schwächlich, so kränklich, daß wir nur wenig Hoffnung haben, ihn uns erhalten zu sehen.«

»Wie alt sind sie?«

»Sie werden drei Jahre.«

»Die armen unschuldigen Wesen! – Sie wissen nicht, wie sehr ich die Kinder liebe! – Ich wünsche, die Ihrigen zu sehen.«

Bei diesen Worten erbebte Benedetto und Peppino machte eine hastige Bewegung.

»Sie schlafen, Exzellenz.«

»Das tut nichts; ich werde sie betrachten, ohne sie aufzuwecken.«

»Sie sind Vater?« fragte die Frau des Jägers.

»Ich? Ja!« antwortete der Mann mit einem Seufzer.

»Mit welchem traurigen Ton Sie das sagen!«

»Weil das Wort Vater oft auf uns die Wirkung eines glühenden Eisens macht, mit dem unsere Lippen berührt werden!«

»Ei, und weshalb denn das?«

»Weil Gott es so will!« erwiderte der Mann und beeilte sich, das Gespräch kurz abzubrechen, indem er sagte: »Nun, zeigen Sie mir Ihre Zwillinge. – Ach, ich sehe vor mir das Glück, welches Sie empfinden, wenn Sie die Kinder mit dem Auge betrachten und sich, indem Sie sie mit Küssen bedecken, sagen: »Wie schön sie sind! – Das sind meine Kinder! – Nicht wahr, gute Frau, so ist es?«

»Es ist so wahr, wie das heilige Mysterium der unbefleckten Jungfrau!«

»So kommen Sie denn!«

»Aber wenn sie erwachten! Ja, sehen Sie, wenn sie geweckt werden, sind sie so unverschämt; sie würden uns dann für diese ganze Nacht hübsch zu schaffen machen.«

»Sie sind sehr ängstlich! Wie oft bin ich mitten in der Nacht an die Wiege meines Sohnes getreten, ohne daß er aufgewacht ist! – Nun, kommen Sie, ich will Ihre Zwillings beschenken.«

Bei dem Worte beschenken leistete die gute Frau nicht länger Widerstand. Sie führte augenblicklich den Reisenden in das Stübchen, wo die beiden Kinder schliefen, und dessen Tür wurde sogleich geöffnet.

Jetzt faßte Benedetto die Hoffnung, den Mann kennen zu lernen, der mit der Frau des Jägers sprach.

Peppino aber begann jetzt unruhig zu werden; er stand auf, ohne das geringste Geräusch zu machen und stellte sich an die Seite Benedettos, dessen glühendes Auge durch die Spalten in der Wand das Innere des anstoßenden Gemaches überblickte.

Kaum war der Reisende in dieses Zimmer getreten und kaum hatte der rötliche Schein der kleinen Lampe sein Gesicht beleuchtet, als der Körper Benedettos sich zusammenzog, wie der eines wilden Tieres, wenn es sich plötzlich einem Feinde gegenüber erblickt. Er fuhr schnell mit der Hand über die Stirn und preßte die Zähne aufeinander, als wollte er verhindern, daß sie klappernd gegeneinander schlügen. Er unterdrückte das Klopfen seines Herzens, um seine Atemzüge gleichmäßiger zu machen und seine Hand griff unwillkürlich nach dem Kolben der Pistole, die er im Gürtel trug.

»Da sind sie, Exzellenz,« sagte die Frau des Jägers, indem sie die Decke aufhob, unter welcher die Kinder ruhten, aber so, daß der Graf von Monte Christo – denn er war es, wie die Leser wohl schon erraten haben werden – die Kleinen nur undeutlich sehen konnte.

Der Graf tat einen Schritt gegen die Wiege.

Benedetto riß hastig eine der Pistolen aus dem Gürtel, zog geräuschlos den Hahn auf, drückte den Lauf gegen einen der Risse in der Wand und versuchte, auf den Grafen zu zielen.

»Was soll das heißen?« flüsterte Peppino, indem er seinen Arm zurückzuziehen strebte.

»Ich habe soeben den Grafen Monte Christo erkannt, und ich schwöre Dir, daß er in dem Augenblick, wo er seinen Sohn erkennt, nicht einmal so viel Zeit haben soll, seinen Namen auszusprechen,« raunte Benedetto Peppino in das Ohr.

»Aber – das wäre ein Mord!«

»Still, Peppino, oder wir sind verloren!«

»Warten Sie! – Die Frau hat die Decke wieder über die Kinder fallen lassen.«

»Ich sehe es wohl – aber ich sehe auch, daß der Graf einen Schritt gegen die Wiege tat.«

»Wollen Sie denn die ganze heilige Nacht hier bleiben, Exzellenz?« fragte die Frau des Jägers.

»Sie haben recht. – Ich habe Ihre Kinder gesehen – oder richtiger gesagt, ich habe sie zu sehen geglaubt.«

»Wieso das?«

»Das, welches zunächst an der Wand liegt, ist das der kleine Knabe oder das kleine Mädchen?«

»Es ist der kleine Knabe.«

»Er hat das Gesicht an dem Busen seiner Schwester verborgen; es war mir daher auch unmöglich, seine Züge zu erblicken. Was das kleine Mädchen betrifft, so ist das ganz allerliebst.«

»Die armen Engel!« rief die Frau. »Gott gebe, daß sie einst glücklich werden!«

»Welche Ansicht haben Sie von dem Glücke für sie?«

»Daß sie genug haben, um zu leben, ohne die Not fürchten zu müssen.«

»Die Arbeit verleiht dem Menschen dieses Glück,« antwortete der Graf. »Beten Sie zu Gott, daß er sie segne Wie heißen die Kinder?«

»Die kleine heißt Eugenie und der Knabe Eduard.«

Der Graf erbebte bei diesem letztern Namen; dann warf er noch einen Blick auf die Wiege und verlieh das Gemach, begleitet von der Frau des Jägers, die Benedetto einen Augenblick darauf rufen hörte:

»Ach, Signor, Sie sind sehr großmütig, und wenn die Kinder heranwachsen, werde ich sie lehren, Ihren Namen zu segnen. Wie heißt er?«

»Es ist nicht nötig, daß Sie dies wissen. Sie mögen sich damit begnügen, zu Gott um das Glück Eduards zu beten.«

Bei diesen Worten ging der Graf die Treppe hinauf und betrat das Zimmer über dem, in welchem Benedetto und Peppino sich befanden.

*

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