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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 47
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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VI. Der Brief.

Alle Zeitungen waren mit Berichten über den eigentümlichen Auftritt angefüllt.

Der Polizei gelang es, ungeachtet aller ihrer Nachforschungen nicht, den wahren Grund des Tumultes zu entdecken, noch den Räuber in ihre Hände zu bekommen, der den Sohn des Grafen von Monte Christo gestohlen hatte.

Haydee erzählte, daß sie, nachdem sie das Kind den Händen der Bettler übergeben, einen Fremden bemerkt hätte, der schnell näher getreten wäre, sich des unschuldigen Geschöpfes bemächtigt hätte und dann unter der vor ihm sich öffnenden Menge verschwunden wäre.

Man mußte jetzt zu einer anderen Art der Nachforschungen und Untersuchungen seine Zuflucht nehmen. Alle Tatsachen erwägend und die Ereignisse vergleichend, gelangte man zu der Hypothese, daß der Zigeuner mit dem Kindesräuber im Einverständnis gewesen sein müsse, wenn nicht etwa gar beide nur eine und dieselbe Person waren. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, stellten die Polizeibeamten eine allgemeine Durchsuchung aller schlechten Orte der Stadt an, indem sie hofften, dabei den Zigeuner zu finden.

Beinahe kein Mensch hatte ihn gesehen.

Das Geheimnis, in welches er sich gehüllt zu haben schien, war in den Augen der menschlichen Gerechtigkeit undurchdringlich.

Der Graf empfing Beileidsbesuche von beinahe allen ersten Familien Venedigs. Die Ruhe, die Ergebung, mit welcher er sein Unglück trug, gewannen ihm allgemeine Teilnahme.

Was Haydee betrifft, so war sie Mutter – das heißt, untröstlich und unfähig der Ergebung ihres Gatten! Sie weinte blutige Tränen über den Verlust ihres Kindes, und die Aerzte rieten daher Monte Christo, sie von dem Orte zu entfernen, wo alles dazu diente, ihren Schmerz stets neu zu beleben.

Es gibt Verhältnisse, welche so gewaltig sind, daß sie selbst die festesten Ueberzeugungen erschüttern können. Der Graf von Monte Christo konnte dem verhängnisvollen Gewichte dieses ebenso plötzlichen als unerwarteten Unglücks nicht entgehen.

Wer war denn der geheimnisvolle Feind, der sich so an seine Schritte heftete, um ihn zu verfolgen?

Welches Verbrechen hatte er denn begangen, um auf sein Haupt diese Züchtigung, diesen fürchterlichen Streich zu laden, dessen Größe nur der allein zu begreifen vermag, der Vater ist, der, welcher täglich unter seinen Augen und unter dem Einfluß seiner Liebe die Frucht einer glücklichen Ehe, welche der Himmel bis dahin gesegnet zu haben schien, heranwachsen und sich entwickeln sah!

Gleich allen Menschen, für welche das Vaterland die ganze Welt ist, welche bis auf die Hefe den Becher des Unglücks leerten und sich ebenso an dem der Glückseligkeit berauschten, besaß der Graf von Monte Christo jene Kaltblütigkeit, jene Geistesgegenwart, jene Ruhe, welche unerläßlich sind, um dem Geschick die Stirn zu bieten und es zu bekämpfen. Aber was konnte er unter den gegenwärtigen Umständen tun? Woher sollte er die genügenden Grundlagen nehmen, um daraus die Folgerungen zu ziehen? Wie sollte er von der Wirkung zur Ursache zurückkommen!

Es gibt manchen Kummer, der so ungeheuer, so tief ist, daß der Geist sich dabei verliert und darin aufgeht, wie die Luft in dem Chaos.

Es war durchaus unmöglich, zu der Kenntnis des Menschen zu gelangen, der das Kind geraubt hatte, durchaus unmöglich, die Ursache dieser Handlung zu erraten. Mit einem Worte, es war alles unmöglich, ausgenommen die Träume der Illusion. Die Illusion erhielt daher bei dem Grafen von Monte Christo die Hoffnung.

Gleich dem Schiffbrüchigen, der, nachdem er lange vergebens mit dem Blick nach der Spitze eines Felsens gesucht hat, auf den er sich retten kann, gleichwohl doch den Gedanken an den Tod verwirft und auf den Wogen umherzuschwimmen hofft, bis irgend eine unerwartete Hilfe ihm wird, suchte der Graf von Monte Christo sich zu überzeugen, daß eine Bande von Missetätern sich seines Kindes in der Absicht bemächtigt hätte, es gegen ein großes Lösegeld zurückzugeben.

Als der Graf sich einmal in diesem Gedanken befestigt hatte, beeilte er sich mit dem Versuche, ihn Haydee teilen zu lassen, indem er sie überredete, daß nichts natürlicher sei als diese Annahme, denn er kenne ganz genau den Geist und den Charakter der italienischen Banditen.

Lange, sehr lange dauerte diese Hoffnung.

Haydee verging sichtlich, niedergebeugt unter dem Gewichte eines Verhängnisses, welches der Graf von Monte Christo mit all seinen Schätzen nicht abzuwenden vermochte.

Er erkannte nun, daß, wenn alles in dieser Welt der Macht eines unermeßlichen Reichtums weicht, der Mensch doch nie genug Gewalt hat oder jemals haben wird, um auch nur ein Jota an den Bestimmungen jenes allmächtigen Wesens zu ändern, das man Gott nennt!

Er erkannte, mit welcher Leichtigkeit das Schicksal die Menschen einander gleich macht, wie groß auch der Unterschied des Reichtums sein mag, der sie von einander trennt.

»Ach,« sagte der Graf zu sich selbst, »sollte ich denn etwa zum Bösen die Macht angewendet haben, die Gott mir über die andern Menschen verliehen hatte? – Ich muß mich selbst prüfen! – Habe ich nicht die menschliche Gesellschaft in Paris von ihrem Auswurfe gesäubert? – Habe ich nicht die Waisen beschützt, indem ich den Raub der Kapitalien verhinderte, die ihnen gehörten? – Habe ich nicht zwei Herzen vereinigt, welche Bosheit und Intrige von einander zu trennen versuchten? – Habe ich nicht stets die Tugend belohnt? – Bin ich nicht stets unerbittlich gegen das Laster gewesen? – Als ich aus den Wogen emporstieg, trat ich arm und allein in das Leben ein, aber unterrichtet und geistig gebildet, um es zu verstehen! Gott hat mich groß und mächtig gemacht, als wollte er mich über die menschlichen Gesetze erheben! – Mein Gang war daher auch sicher und fest – ich trat gerade vor mich hin, trat eine Menge alberner Gesetze unter die Füße, spie auf manchen erschlichenen Ruf, schwang stets nur das Racheschwert einer reinen und wohlüberlegten Gerechtigkeit, während der langen Jahre meiner Studien. – Wann hat jemals unschuldiges Blut dies furchtbare Richtschwert besudelt?«

Plötzlich erbleichte der Graf, als ob eine geheime und unheimliche Stimme ihm die Antwort auf die einfache Frage in das Ohr flüstere.

Von diesem Augenblick an konnte er, der stets bei allen seinen Handlungen die Gerechtigkeit zur Richtschnur und zum Wahlspruch den Grundsatz des Evangeliums genommen hatte, daß Blut der Preis des Blutes ist, seine Gedanken nicht mehr mit der schmeichelhaften Hoffnung nähren, die er anfangs gehegt hatte.

»Mein Gott,« sagte er, »in den Grabgewölben der Familien Villefort und St. Meran ruht die Leiche eines armen kleinen Geschöpfes, dessen Tod mein Werk ist! – Ach, sollte denn mein Sohn der entsetzliche Preis für dieses durch mich vernichtete Leben sein? Oh ich Unsinniger – ich glaubte, erleuchtet über der Erde zu schweben und ich irrte – ich irrte wie ein Mensch von beschränktestem Verstande! – Ich hielt mich für groß in der Welt, und ich fühle mich jetzt so klein! – Wie schwach bin ich bei dem ersten Streiche, den die Gerechtigkeit des Himmels auf mich führt!

»Mein Sohn! Mein Sohn! Sollst Du denn den Irrtum Deines Vaters bezahlen? – Ach, sollte es denn wahr sein, daß die Sünden der Väter auf ihre Kinder fallen, bis zum vierten, fünften Gliede? – Ja – ja – das war meine Lehre! – Indem ich das Glück der Kinder opferte, rächte ich mich für das Verbrechen der Väter! Mein Gott, willst Du mir denn jetzt die Unhaltbarkeit dieses Gesetzes beweisen, welches von den Menschen ersonnen wurde? – Ich erkenne sie – ach ja, ich erkenne sie!«

So beugte der Graf von Monte Christo als Philosoph sein Haupt unter dem Streiche der göttlichen Gerechtigkeit; aber als Mensch und als Vater vernachlässigte er keines der Mittel, welche sich seinem Geiste darboten, um seinen Sohn wiederzufinden.

Er schrieb nach Paris an Maximilian Morel, mit der Weisung, ihm den Brief überallhin nachzuschicken, wo er sich befinden möchte. Er benachrichtigte ihn von der Katastrophe, welche bei dem Festmahl der Armen stattgefunden hatte, und flehte ihn an, keinen Augenblick zu verlieren, um alles aufzubieten, eine Spur aufzufinden, die ihn auf die Fährte des Ortes leiten könnte, wo der Sohn Haydees sich befände.

Vierzehn Tage darauf empfing er einen Brief von den Händen Rosinas, der Tochter des Schmugglers, die ihn bat, nach der Guidecca zu kommen.

Monte Christo trat vor sie mit jener scheinbaren Seelenruhe, welche ihn selbst unter den mißlichsten Umständen charakterisierte.

»Sind Sie wirklich der Graf von Monte Christo, Exzellenz?« fragte das Mädchen.

»Ich bin es selbst, mein teures Mädchen,« entgegnete der Graf.

»Ach, dann gestatten Sie mir, Ihnen die Hand zum Beweise meiner tiefsten Ehrfurcht zu küssen.«

»Weshalb denn? Und auf welche Art habe ich einen Anspruch auf diese Ehrerbietung?«

»Sie kennen freilich die arme Rosina nicht, das ist wahr – aber sie, sie kennt Sie schon seit langer Zeit, zuerst dem Namen nach und dann durch die Großmut, die Sie gegen alle ihres Stammes gezeigt haben.«

»Sprechen Sie.«

»Was mich betrifft, Signor, so bin ich die Tochter des Bando, welcher seine Waren auf der Insel Monte Christo landete. Sie müssen sich erinnern, mit welcher Großmut Sie den Handel meiner Eltern Ihres Schutzes würdigten.«

»Sie irren sich, mein Kind,« unterbrach sie der Graf voll Strenge. »Ich habe nie den unrechtmäßigen Handel Ihrer Schmugglerfamilie beschützt. – Was ich tat, war stets nur, daß ich mich darauf beschränkte, mich nicht in diese gefährlichen Angelegenheiten zu mischen.«

» Santa Madre!« rief die Venetianerin, »das ist ja ganz dasselbe, Signor Graf!«

»Nun, wenn dem so ist,« sagte der Graf lächelnd, »so fahren Sie fort.«

»Alle wir Kinder des Bando haben Ew. Exzellenz eine aufrichtige und unwandelbare Dankbarkeit geschworen und ich mehr als irgend jemand anders, denn mein armer Vater hat aus Ihrer großmütigen Hand ausgezeichnete und ganz besondere Gunstbezeugungen empfangen, während er von den Douaniers des Lido verfolgt wurde.«

»Nun wohl, was wollen Sie von mir?«

»Ihnen einen Brief übergeben, Exzellenz.«

»Wo kommt er her?«

»Das ist eine Frage, auf welche St. Markus allein eine Antwort zu erteilen vermöchte. Mein armer Pietro hat ihn mir geschickt, und alles, was ich tun kann, ist, Ihnen die traurige Geschichte Pietros zu erzählen. Vielleicht werden Sie daraus erkennen, woher der Brief kommt. Hier ist er.«

»Erzählen Sie mir zuerst die Geschichte,« sagte der Graf von Monte Christo, indem er sich weigerte, den Brief zu empfangen.

»Nun, so hören Sie mich denn an, Herr Graf. – Vor nicht gar langer Zeit ankerte in unserm Hafen eine Jacht, der Sturm genannt, deren Kapitän ein sehr sonderbarer Mensch war.«

»Ich möchte darauf wetten,« sagte der Graf mit einem leisen Lächeln, »daß er einen gespaltenen Fuß hatte!«

»Nein, Signor; aber wenn man dem glauben darf, was nach dem Schwure, den Pietro mir leistete, die Wahrheit ist, so besitzt er die Hand eines Toten, und durch diese Hand vermag er alles auszurichten!«

Bei diesen Worten nahm die Physiognomie des Grafen den Ausdruck der Unruhe an; er richtete einen durchbohrenden Blick auf das Gesicht der Venetianerin, welches Einfachheit und Aufrichtigkeit zeigte.

»Dieser Mensch,« fuhr sie fort, »bemächtigte sich meines armen Bruders Pietro, in der Absicht, sich durch ihn nach der Insel Monte Christo führen zu lassen, und als er im Besitz seiner war, segelte er, ihn mit sich nehmend, von dem Lido vor etwa zwei und einem halben Monat ab. Ich habe geweint, mich betrübt, mich in Anstrengungen erschöpft, um die Freiheit Pietros zu erlangen, aber es ist mir bis zu diesem Tage nicht gelungen, ausgenommen, daß ich von Zeit zu Zeit Nachrichten von ihm erhalte.«

»Welches Amt versieht denn Ihr Bruder an Bord des Sturms?«

»Er ist Pilot, glaube ich. Pietro kennt alle Landungsplätze der Insel Monte Christo, und deshalb haben sie ihn mit Gewalt an Bord der verfluchten Jacht geschleppt.«

»Und was weiter?«

»Er schrieb mir gestern, um mir anzuzeigen, daß sie die Insel verlassen hätten, auf der alles ruhig war, und er schickte mir diesen Brief, den der Kapitän der Jacht geschrieben hat, um Ihnen überliefert zu werden. Wollen Sie ihn jetzt nehmen?«

»Geben Sie.«

»Hier ist er.«

Der Graf öffnete den Brief und zog sich in die Vertiefung eines Fensters zurück, um ihn zu lesen, indem er sich so stellte, daß Rosina sein Gesicht nicht sehen konnte.

Der Brief war in folgenden Ausdrücken abgefaßt:

»Edmund Dantès!
»Dein Sohn wird am letzten Tage des Juli in der Grotte der Insel Monte Christo sein, wo Du allein zu erscheinen hast, um über sein Lösegeld zu verhandeln.

Der Kapitän des Sturms.«

»Nun, Herr Graf?« fragte Rosina, als die Durchlesung des Brieses beendet war.

Der Graf sah sie starr an, ohne ihr zu antworten.

»Heilige Mutter Gottes!« rief Rosina heftig erzitternd unter dem Blicke, der sie mit Entsetzen erfüllte.

»Was erwarten Sie?« fragte er sie.

»Ich, Signor? – Ich erwarte Ihre Befehle.«

»Wollen Sie nicht die Antwort auf diesen Brief an Ihren Bruder Pietro senden?«

»Keineswegs: das wäre mir durchaus unmöglich, da ich kein Mittel kenne, ihm meine Briefe zukommen zu lassen.«

»Also Sie wissen nicht, wer seine Briefe übergibt?«

»Oh, was das betrifft, so weiß ich es wohl: es ist Giacomo.«

»Wer ist dieser Giacomo?«

»Der Gondolier des Rialto, welcher von Zeit zu Zeit die Briefe aus den Spalten einer Steinmauer im Kanal Orfano holt, ohne zu wissen, wer sie dorthin legt.«

»Wenn ich also auf diesen Brief antworte und durch das gleiche Mittel die Antwort übersenden wollte, so würde man sie ganz bestimmt an jenem Orte holen?«

»Nein, Herr Graf, denn ich selbst habe dazu mehrmals den Versuch gemacht, und mein Brief ist dort geblieben, ohne daß irgend jemand ihn berührte, so daß ich gezwungen war, ihn zuletzt selbst wieder zu nehmen.«

»Sehr gut! Und ich wünsche Ihnen Glück, indem ich hoffe, daß nicht, wenn Sie dieses Hotel verlassen, zwei Sbirren Sie in ihre Gewalt bekommen.«

»Ach, Blut Christi,« rief das arme Mädchen zitternd, aber ohne zu erblassen, und indem es seinen flehenden Blick auf das regungslose Gesicht des Grafen richtete. »Weshalb sollte ich denn aber verhaftet werden?«

»Sie sind wirklich von einer köstlichen Einfalt, mein gutes Mädchen,« entgegnete Monte Christo. »Wie! Sie unterhalten Verbindungen mit einer Bande Missetäter, die Venedig unsicher machen, wo sie alle Arten von Verbrechen begehen, und finden, daß dies noch kein hinlänglicher Grund ist, Sie festzunehmen?«

»Herr Graf, ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen. – Ich sollte Verbindungen mit Banditen haben? – Ach nein, nein, nein, Signor, glauben Sie mir im Namen Gottes, daß das nicht der Fall ist. Kommen Sie mit und sagen Sie den Sbirren, daß ich unschuldig bin, daß ich die Banditen nicht kenne.«

»Das genügt. Gehen Sie immerhin in Frieden,« erwiderte der Graf, indem er das Mädchen abhielt, sich ihm zu Füßen zu werfen. »Niemand wird Ihnen etwas Böses zufügen. Indes ist es unerläßlich, daß Sie mich mit dem Gondolier Giacomo zusammenbringen, ohne daß er eine Ahnung davon hat, wer ich bin.«

»Nichts ist leichter, Exzellenz.«

»Und wie das? Ich kenne ihn nicht.«

»Bei mir in meinem Hause, weil es nicht weit von der Giudecca liegt.«

Sie bezeichnete hierauf die Lage ihres Hauses, so gut sie konnte, und entfernte sich dann in aller Eile, indem sie ungeachtet der Versicherung des Grafen, daß ihr nichts Böses widerfahren würde, ängstliche Blicke rings umher nach beiden Seiten des Kanals gleiten ließ.

Kaum war sie gegangen, als der Graf zum zweiten Male den Brief las, den er durch sie erhalten hatte.

Vergebens trachtete er, sich der Handschrift zu erinnern. Sie war klein, fest und sicher, als sollte sie andeuten, daß der Entschluß dessen, der ihn geschrieben harte, unerschütterlich sei.

Der Graf mußte sich nach der Insel Monte Christo begeben, um die Loskaufung seines Sohnes zu bewirken, der sich ohne Zweifel in der Gewalt von Banditen befand. Monte Christo kannte den Charakter dieser Menschen sehr genau, und er zauderte daher nicht bei dem Gedanken, mit ihnen zu unterhandeln.

Indes, ehe er diese kleine Reise unternahm, wollte er sich von der Art der Verbindungen überzeugen, welche zwischen Giacomo und den Banditen bestanden. Er ging daher, wie es verabredet worden war, nach dem Hause Rosinas, um dort mit dem Gondolier zu sprechen, aber Giacomo wiederholte ihm nur die Erläuterung, die Rosina selbst ihm schon gegeben hatte, und der Graf mußte auf jede Hoffnung verzichten, weiter in das Geheimnis einzudringen.

Es war nichts anderes zu tun, als ohne Zeitverlust nach der Insel Monte Christo abzureisen.

Die Vorbereitungen wurden, wie immer, nach dem unwandelbaren Gebrauche des Grafen getroffen; das heißt, sie waren mit der größten Schnelligkeit beendigt.

Nachdem er daher Abschied von all den Familien genommen hatte, die ihm ihre Teilnahme bewiesen, und nachdem er mit der ihm eigenen edlen und anmutigen Art dem Signor Gradenigo für die glänzende Aufnahme, die er ihm zuteil werden ließ, gedankt hatte, brach Monte Christo mit Haydee nach der edlen und schönen Stadt der Mediceer auf, wo er, dem Eifer seines Intendanten vertrauend, eine prachtvolle Wohnung bereit zu finden hoffte.

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