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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 44
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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III. Der erste gegen den Koloß geführte Streich.

Als der erste Augenblick der Ueberraschung vorüber war, gewann der Graf von Monte Christo seine gewöhnliche Geistesgegenwart wieder, aber vergebens sah er sich nach dem Menschen um, der so zu ihm geredet hatte. Er war in dem dichten Gebüsch verschwunden, ohne die geringste Spur seiner Schritte zurückzulassen.

Es war dem Grafen, als fühlte er noch die eisige Berührung der vertrockneten Hand, die er unwillkürlich mit der seinigen gedrückt hatte! – Wie vollständig unsere Philosophie auch sein möge, welche Verachtung wir auch gegen die Vorurteile des Mittelalters, oder richtiger gesagt, des Fanatismus hegen, so gibt es dennoch Augenblicke, in denen wir uns durch einen gewissen unerklärlichen Schrecken beherrschen lassen, ohne daß wir deshalb eine geistige Schwäche zeigen! Das kommt daher, weil es in dem Leben Augenblicke, unerklärliche Gelegenheiten gibt, in denen das Studium, die Wissenschaft, der Gedanke nichts sind gegenüber gewissen Tatsachen, welche das Studium nicht zu ergründen, die Wissenschaft nicht zu erklären, der Verstand nicht zu fassen vermag.

Obwohl der oben beschriebene Auftritt nicht eben genau zu einem oder dem andern dieser Fälle paßt, wenigstens nicht für uns, die wir der Handlung dieser Art von Drama von seinem Ursprung an in allen Einzelheiten gefolgt sind, so war es dennoch für den Grafen von Monte Christo eine der eigentümlichsten, vielleicht der sonderbarsten Lagen, in denen er sich jemals befunden hatte, seitdem er auf so wunderbare Weise aus dem Kerker erlöst worden war.

Wer war der geheimnisvolle Mensch, der so genau die Geschicke des Edmund Dantès kannte und vor ihn hintrat, um beinahe alle seine Gefühle und seine Handlungen anzuklagen? – Was war das für eine Hand, die sich aus dem Grabe erhoben hatte, um sich in die seinige zu legen, als er eben am allerwenigsten an die Vergangenheit dachte?

Alle diese beunruhigenden Betrachtungen drängten sich in Masse ihm auf und folgten einander ohne Ruh und Rast in der Einbildungskraft Monte Christos, obgleich auf seinen Lippen das stete Lächeln der Geringschätzung sichtbar blieb.

Ein gemeiner Spaßmacher hätte sich nicht auf eine so außerordentliche Weise ausgedrückt! Ein niederer Feind würde nicht mit der Kaltblütigkeit und der Ruhe des Unbekannten gesprochen haben!

Wer aber konnte dieser Feind sein?

Der Baron Danglars war unbedingt nicht fähig zu einem solchen Gedanken.

Albert von Morcerf hatte dem Grafen von Monte Christo öffentlich an dem zu einem Duell auf Leben und Tod bestimmten Tage Genugtuung gewährt.

Villefort war wahnsinnig geworden und lebte wahrscheinlich schon nicht mehr.

Wer also war dieses Individuum?

Vergebens ließ der Graf alle Personen, die irgend ein mehr oder minder begründetes Recht zu haben glauben konnten, ihn zu verfolgen, eine nach der andern vor seinem innern Auge vorübergleiten.

Vergebens rief sein Gedächtnis alle Lagen seines vergangenen Lebens zurück.

»Niemand kann sich jetzt in solchem Grade als meinen Feind betrachten,« sagte er zu sich selbst, »daß er genötigt wäre, zur Rache zu greifen! Keine von allen Lagen meiner vergangenen Existenz hat mir den Schatten der Neue hinterlassen.

Wer also kann dieser Mensch sein?«

Das war die Frage, die abermals auf die Lippen des Grafen trat, nachdem er lange und reiflich nachgedacht hatte, eine Frage, auf welche er keine Antwort fand.

Am Tage nach dem Balle, welchen der Signor Gradenigo gegeben hatte, erwartete der Graf von Monte Christo den Besuch seines Anklägers.

Dieser Mann erschien nicht.

Die Tage folgten einander, schon war eine Woche verflossen und der Graf wußte noch immer nicht, wer jener Mensch gewesen sein konnte. Durch sein beständiges Sinnen ermüdet, strebte er, sich zu zerstreuen: er erinnerte sich jetzt der jungen d'Armillys, die er von Paris aus kannte und für welche er stets eine aufrichtige Zuneigung gehegt hatte.

Er beschloß, sie zu besuchen.

Die beiden jungen Freundinnen hatten ihr Engagement mit dem Unternehmer des Argentino aufgehoben, indem erwiesene Krankheit ihnen dazu den Anlaß gab, und hatten sich dann von Rom entfernt. Sie waren jetzt in Venedig und lebten beide miteinander in einem französischen Hotel.

Monte Christo ließ sich unter einem angenommenen Namen melden und wurde nach einiger Schwierigkeit empfangen.

Luise d'Armilly trat ihm zuerst entgegen.

»Mein Gott,« sagte sie, indem sie den Grafen erblickte, »es ist der Herr Graf von Monte Christo, mit dem ich das Vergnügen zu sprechen habe?«

»Ja, mein Fräulein, ich wollte Ihr Gedächtnis auf die Probe stellen, und bitte Sie deshalb um Verzeihung – aber wenn wir in uns selbst nicht das notwendige Verdienst fühlen, um die Aufmerksamkeit anderer in Anspruch zu nehmen, dann glauben wir nicht, nach einer langen Abwesenheit wiedererkannt werden zu müssen.«

»Sie sollten nie so sprechen, Herr Graf; meine Freundin Eugenie und ich wissen vollkommen den Adel Ihrer Gesinnungen zu würdigen, selbst wenn die ganze Welt Sie verurteilte –«

»Halten Sie ein, mein Fräulein! Wenn die ganze Welt einen Mann verurteilt, dann sind wir wohl gezwungen, der allgemeinen Meinung zu folgen!« unterbrach der Graf von Monte Christo sie mit einem wohlwollenden Lächeln und beeilte sich dann hinzuzufügen:

»Ich glaube von den Rosen, welche auf Ihren Wangen glänzen, auf die Gesundheit Ihrer Freundin Eugenie schließen zu dürfen.«

»Ach, ja,« entgegnete Luise, »Eugenie befindet sich viel wohler, und Sie sehen mich sehr heiter über ihre Herstellung. Ich hatte so oft gezittert, als ich ihre Niedergeschlagenheit sah.«

»Ich glaube gehört zu haben, daß Sie von Rom kommen – sollte Ihre Freundin sich vielleicht dort unwohl befunden haben?«

»Ein tiefer Widerwille hatte sie erfaßt,« sagte Luise mit sichtbarer Verlegenheit. – »Sie war das Opfer eines entsetzlichen Verrates – der unglücklicherweise an die Oeffentlichkeit gelangte. – Doch verzeihen Sie, Herr Graf; sie würde mir sehr zürnen, wenn ich noch eine Minute zögerte, ihr den Besuch zu melden, durch den Sie uns ehren. Ich eile, sie zu suchen.«

Einige Minuten darauf erschien Eugenie Danglars in dem Salon.

Monte Christo bemerkte mit schmerzlicher Teilnahme die Veränderung, die in den Zügen Eugenies vorgegangen war, deren Gesicht die deutlichen Spuren jener ätzenden Tränen verriet, welche ein schneidender Kummer uns entreißt.

Die Rosen der Jugend und einer ruhigen, glücklichen Existenz waren verschwunden von den Wangen, die das Leiden höhlte, und die unter den Einflüssen einer finsteren Melancholie erbleicht waren.

Ihr Blick, einst glänzend durch jene Flamme, welche das Genie entzündet, war matt und trübe.

Das entschlossene Wesen, welches sie sonst auszeichnete, war einer schmachtenden Haltung, einem trüben Ausdrucke gewichen, wie man sie in den Gesichtern derer sieht, die am Rande des Grabes stehen.

Alles war stumm bei Eugenie Danglars, und der Graf würde sie nicht wiedererkannt haben, wäre er nicht davon benachrichtigt gewesen, daß sie die Tochter der hochmütigen und dünkelvollen Frau von Servières war.

Eugenie hörte die Begrüßungen des Grafen mit zerstreutem Wesen an und antwortete kaum auf die Fragen, die er direkt an sie richtete.

Nach etwa einer halben Stunde einer Unterhaltung, welche Monte Christo beinahe allein führte, und während der er sich vergebens nach einigen Personen erkundigte, die er während seines Aufenthaltes in Paris gekannt hatte, nahm er Abschied von den beiden Freundinnen, indem er ihnen sagte, daß er die Absicht hätte, sich nach Rom zu begeben.

»Nach Rom?« fragte Luise rasch, indem sie einen bedeutungsvollen Blick auf Eugenie richtete.

»Ich hoffe, dort einige Zerstreuung zu finden,« sagte der Graf. »Die Langeweile ist das größte aller Uebel, die wir empfinden können.«

»Dann, Herr Graf, gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß sich in Rom die Langeweile, von der Sie sprechen, vielleicht noch steigern wird.«

»Wieso das?«

»Es schwebt dort ein Prozeß, in welchem Ihr Name oft genug genannt wird.«

»Was ist denn das für ein Prozeß?« fragte er mit jenem ruhigen Lächeln, welches anzudeuten scheint, daß das Gewissen schweigt.

»Oh, vielleicht werden Sie das nicht glauben, was ich Ihnen sagen will; erfahren Sie indes, daß man in Rom einen furchtbaren Prozeß gegen den berüchtigten Banditen Luigi Vampa angefangen hat, und daß dieser entsetzliche Räuber dem Gerichtshof erklärt hat, mit Ihnen in Verbindung gestanden zu haben.«

»In der Tat! – Das ist eine liebenswürdige Galanterie von dem Herrn Luigi Vampa!« sagte der Graf mit dem kältesten Wesen von der Welt und fügte dann sogleich hinzu: »Uebrigens haben diese Verbindungen in der Tat stattgefunden und ich bin der Freund dieses Menschen. Ich darf daher keine Zeit verlieren, um seinen Kopf zu retten – und ich werde dies nicht unterlassen.«

Während der Graf so sprach, rannen zwei Tränenbäche schweigend über die hohlen Wangen Eugenies. Er wollte fortfahren zu sprechen, doch Luise gab ihm ein Zeichen, dies nicht zu tun; er verstand sie und hielt inne. Dann eilte Luise zu ihrer Freundin, die auf ein Sofa niedergeglitten war, und umarmte sie.

Der Graf nahm Abschied von den beiden jungen Mädchen und entfernte sich, innig gerührt über den Zustand des Hinwelkens und des Schmachtens, in welchem er Eugenie gefunden hatte, und fest entschlossen, alle in seiner Macht stehenden Mittel anzuwenden, um ihr ihre frühere Frische zurückzugeben. Um indes zu diesem Resultate zu gelangen, mußte er vor allen Dingen die erste Ursache der Krankheit kennen und erforschen, gegen welche nach dem Urteile Monte Christos die gewöhnlichen Aerzte nichts auszurichten vermochten.

Er überließ es der Zeit, ihn mit alledem bekannt zu machen, was Luigi Vampa betraf; er betrachtete diese Angelegenheit als von geringerer Wichtigkeit als die Aufgabe, die er sich gegen Fräulein Danglars gestellt hatte. Er entwarf daher seinen Feldzugsplan, indem er bei dieser letzteren anfing.

Nach wenigen Tagen erlangte er es, daß Eugenie und Luise d'Armilly Haydee besuchten. Die Damen fanden gegenseitig aneinander Gefallen, und der Graf hatte die Genugtuung, sich jenen kleinen häuslichen Kreis inniger Vertraulichkeit bilden zu sehen, auf den er einen so hohen Wert setzte.

Als hätte der Graf von Monte Christo Stein bei Stein das Gebäude seines inneren Friedens, seines Glückes, zusammenstürzen sehen sollen, machte er bald die Bemerkung, daß auf den klaren Horizont seines Lebens sich eine finstere, geheimnisvolle Wolke niedersenkte, ohne daß es in seiner Macht lag, sie abzuwenden.

Seit einigen Tagen weigerte sich Haydee, unter dem Vorwande eines Unwohlseins, beständig, persönlich Eugenie Danglars und Luise d'Armilly zu empfangen, und je mehr kleine Aufmerksamkeiten der Graf beiden erwies, um so mehr steigerte sich das vorgebliche Unwohlsein Haydees.

Obgleich Haydee in den europäischen Gebräuchen erzogen war, bewahrte sie dennoch jenes heftige Feuer, welches die Leidenschaft in dem Herzen eines orientalischen Weibes entzündet, und bald entwickelte sich die verzehrende Glut, welche die Eifersucht erregt und unerträglich macht! Oft schon hatte sie ihr Auge glühend, wie das der Löwin ihres Vaterlandes, auf den Grafen gerichtet, während er an der Seite Eugenies auf dem großen Balkon auf- und niederschritt. Der Graf schien sich mit ihr von einer höchst wichtigen Angelegenheit zu unterhalten, von der sie, Haydee, nichts wußte; allein sie fand ein bitteres Vergnügen darin, diesen Unterhaltungen einen Beweggrund unterzuschieben, der ebenso weit von der Wahrheit entfernt war wie von den Gefühlen, welche zwischen dem Grafen und Eugenie bestanden.

Es war übrigens nicht Haydee allein, welche diese Gänge auf dem großen Balkon des Palastes beobachtete; auch auf dem Kanal oder in dem Häuschen, dem Palaste gerade gegenüber, gab es jemand, dessen Blick nicht von dem interessanten und blassen Gesichte Eugenies, die neben dem Grafen herging, abgewendet wurde.

Eines Abends, als Eugenie niedergeschlagener zu sein schien als gewöhnlich, wollte der Graf um jeden Preis die geheimnisvolle Ursache dieser geistigen Erschlaffung kennen lernen und sagte deshalb zu ihr:

»Meine Tochter, in Ihrem Alter darf man an diesem Leben noch nicht verzweifeln. An welchem Uebel leidet denn Ihre Seele, daß Sie nicht in alledem, was Sie umgibt, einen heilenden Balsam erblicken? Sie sind schön, Sie sind jung, es offenbart sich in Ihnen eines jener Talente, welche die Welt würdigt, weil sie es als eines höherer Art erkennt – weshalb entziehen Sie sich also jener glänzenden Welt, die Ihnen zu Füßen liegt und Sie zum Gegenstand ihres Kultus erhebt?«

»Ihre Worte, Herr Graf, sind, wie immer, von der aufrichtigsten Sympathie eingeflößt, ich weiß das und ich danke Ihnen dafür – aber jene Welt, von der Sie sprechen – was könnte sie mir bieten, um die Reue, die Liebe, die Qualen, die ich empfinde, aufzuwiegen?« sagte Eugenie, indem sie mit schmerzlichem Ausdruck die Augen gen Himmel erhob.

»Mut! Sie sprechen heute, meine Tochter, in etwas deutlicheren Ausdrücken,« entgegnete der Graf. »Sie sprechen von Reue, von Liebe, von Qualen, drei Worte, welche ein lebhafteres Gefühl in der Stufenleiter menschlicher Empfindungen ausdrücken.«

»Ja, ja, Herr Graf, würdigen Sie, wenn Sie es vermögen, das unendliche Gefühl, welches dieses Herz umschließt – und dann beklagen Sie mich!« sagte Eugenie, indem sie ihre Stirn senkte und eine Träne trocknete.

»Ganz im Gegenteil, meine Tochter; ich habe Ihnen nur eine Zukunft zu prophezeien, die mit Glück und Freuden durchwebt ist.«

»Ach nein, nein!« sagte Eugenie mit einem Seufzer, welcher dem harmonischen Flüstern glich, das die Seiten einer Aeolsharfe hervorbringen, wenn sie von dem Hauche des Abendwindes sanft berührt werden. »Alles wird für mich zu Ende gehen!«

»Hören Sie,« sagte der Graf mit seinem sanftesten, freundlichsten Lächeln des Wohlwollens, »geben Sie zu, daß ich mich für vollkommen glücklich halten darf? – Ich habe eine Gattin, die mich liebt und die ich anbete, eine Gattin, deren Liebkosungen für mich der süßeste aller Genüsse sind; ich habe ein Kind, von dessen unschuldigen Lippen ich beständig meinen Namen ertönen höre, als wäre es ein Engel, dessen Segenssprüche ich vernehme! – Nun wohl, während eines Zeitraumes von fünfzehn Jahren, fünfzehn langen Jahren der Verzweiflung, der Einsamkeit – fünfzehn Jahren, hören Sie wohl, mein Kind? sagte ich ebenso, wie Sie in diesem Augenblick: für mich ist alles zu Ende! – Damals war ich so alt wie Sie jetzt, und gleich Ihnen wendete ich die Augen von der Zukunft ab, um sie gegen die Erde zu senken, in welcher ich, wie ich mich überredete, bald meinen ewigen Schlaf schlafen sollte! – Aber ich hatte in mir eine Stimme, welche rief: Glaube und hoffe! – Ach ja wohl, glauben und hoffen, das ist es, worauf die ganze menschliche Weisheit sich beschränkt, wie ich später erkannte, indem ich glaubte und hoffte!«

»Aber es ist möglich, daß die Lagen sehr von einander verschieden sind!« sagte Eugenie.

»Ich war eingesperrt zwischen den Mauern eines Turmes, der auf allen Seiten von den Wogen des Ozeans umspült wurde! Ein finsteres Gewölbe war mein einziger Horizont! – Vater, Freund, Geliebte, wo waren sie? Die entsetzliche Nacht des Leidens hatte mich von ihnen für immer getrennt! Meine teuersten Hoffnungen waren zertrümmert! Aber mein Glaube, einen Augenblick wohl geschwächt, stärkte sich in der Finsternis und der Todesqual, und ich erblickte die Welt, das Glück, durch die Mauern und das Gewölbe meines Kerkers hindurch.«

Eugenie schien einen Augenblick nachzudenken.

»Herr Graf,« sagte sie dann, »Sie sind ein Mann und ich bin ein Mädchen. Die Stufenleiter unserer Gefühle ist sehr verschieden in unseren Herzen! – Sie – Sie konnten Ihr Glück für immer auf dieser Erde für vernichtet halten und dennoch auf den kostbaren Trümmern aufrecht stehend für die Zukunft eine Hoffnung hegen! – Ich dagegen – ich muß aus der Welt verschwinden, denn hinfort ist die Welt für mich nur noch das lebende Bild der Hölle! – Ach, Herr Graf, niemals – nein, niemals – konnten Sie den Gedanken hegen, daß mit dem Kopfe Ihrer Geliebten die einzige Hoffnung Ihrer Seele hinabstürzen würde!«

»Eugenie!« rief der Graf, plötzlich aufgeklärt durch die furchtbaren Worte, die er vernommen hatte, »ach, sprechen Sie, sprechen Sie, denn die Zeit vergeht – sprechen Sie! – Gott ist barmherzig! – Unendlich ist die Macht Gottes! – Sprechen Sie!«

»Ich kann es nicht,« murmelte Eugenie. »Ich kann es nicht – Schmerz und Scham ersticken mich.«

Bei diesen Worten stützte sie sich gegen die Brüstung des Balkons und ihr Blick schien zu erlöschen wie der Glanz eines Sternes am Horizont.

Der Mond ging über dem Lido auf.

Zwei Gondeln glitten schweigend dem Palast gegenüber vorbei.

Die beiden Barken hielten einen Augenblick an, weil die beiden Ruderer die Gewässer des kleinen Kanals nicht mehr mit ihren Rudern schlugen, und es erhob sich nun eine sanfte, melancholische Stimme und begleitete die schmelzenden Töne einer Guitarre. Es war eine Männerstimme, welche in schlechtem Italienisch die folgenden Strophen sang:

Es sanken Schlösser stolzer Hallen,
Es hob manch nied're Hütte sich,
Viel Mächt'ge, Stolze sind gefallen,
Und vor dem Glück die Armut wich.

Es hat ein jeder sein Geschick,
Und mir ist jedes wohl bekannt;
Für wenig Geld wahrsag' ich Glück,
Drum reichet offen mir die Hand.

Den lieben, unschuldsvollen Kleinen,
Den Männern, nicht die Treue wert
Der Frauen, die im stillen weinen,
Weil Eifersucht ihr Herz verzehrt;

Den Menschen allen künd' ich das Geschick,
Mir ist die Zukunft wohl bekannt.
Für wenig Geld wahrsag' ich Glück,
Drum reichet offen mir die Hand.

Die Stimme erlosch, aber es tönte ein Nachspiel der von gewandter Hand gespielten Guitarre.

Einen Augenblick darauf wiederholte dieselbe Stimme dieselben Worte, und ein Mann, der in einer der beiden Gondeln aufrecht stand, schwenkte ein Tuch gegen den Balkon, auf welchem der Graf und Eugenie standen.

Indem der Graf sich auf die Marmorbrüstung niederbeugte, um deutlicher zu hören, was man sang, fühlte er, daß seine Schulter leise berührt wurde.

Er wendete sich um und sah Haydee, welche ihr Kind auf den Armen hielt.

»Rufen Sie sie,« sagte sie dringend.

Der Graf machte eine Bewegung und wollte ihr antworten, aber sie unterbrach ihn, indem sie sagte:

»Sobald ich sie hörte, nahm ich meinen Sohn auf die Arme, weil in mir der Wunsch erwachte, mir prophezeien zu lassen. Rufen Sie sie – ich wünsche, sie zu hören.«

»Du willst es, Haydee? Wie oft sagen diese Abenteurer aber nicht die Wahrheit! Für die, welche noch nicht durch die verdoppelten Schläge des Schicksals geprüft worden sind, ist es stets eine Torheit, dergleichen Leuten das Ohr zu leihen.«

»Fräulein Danglars,« sagte Haydee, indem sie sich zu Eugenie wendete, »würden Sie nicht auch sehr gern diese Leute hören?«

Der Graf bemerkte mit einem peinlichen Staunen die Art von Heftigkeit, mit welcher seine Frau zu Eugenie sprach, und um eine unangenehme Auseinandersetzung zu vermeiden, zog er sein Taschentuch und gab den Leuten in der Gondel ein Zeichen, näher zu kommen.

*

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