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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 43
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
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II. Der Ball des Herrn von Gradenigo.

Eine große Neuigkeit setzte alle Gemüter in Venedig in Bewegung.

Es handelte sich um einen Maskenball, aber um einen Ball, der alles verdunkeln sollte, was man bis zu diesem Tage der Art gesehen hatte. Jeder machte in Beziehung darauf seine Glossen; es fehlte nicht an Vermutungen. Inzwischen gingen die Vorbereitungen ihren Gang, und Näherinnen und Modistinnen hatten alle Hände voll zu tun.

Ein Freund, reich wie Krösus, war aus dem Orient bei dem Grafen Gradenigo angekommen, und der Graf öffnete beide Flügel der Türen seines Palastes, beleuchtete seine glänzenden Salons, seine prachtvollen Gärten, bevölkerte sie mit allem, was es in Venedig Schönes, Edles und Reiches gab, und traf Anstalten, in der Mitte dieses Glanzes einer allgemeinen Lustbarkeit den Freund zu empfangen, dessen Name in jedermanns Mund war: Graf von Monte Christo. Aber wer war denn dieser Graf von Monte Christo? Ein übermäßig reicher Mensch, ein Nabob, von Geburt ein Franzose, aber seit langer Zeit schon hatte er den Orient zu seinem Vaterlande gewählt und dort die einzige Tochter eines ehemaligen Paschas von Janina geheiratet.

Jedermann erzählte sich seine Geschichte – und jedermann vervollkommnete die Erzählung seines Nachbars! Es gab einen wahren Strom von Anekdoten, die mehr oder minder wahr, mehr oder minder wahrscheinlich waren.

Von dem Broglio bis zum großen Kanal, von dem öffentlichen Platze bis zu dem Boudoir der schönen Frauen hörte man nichts als die Wiederholung des Namens von dem berühmten Reisenden, dem zu Ehren der Ball gegeben werden sollte und auf den sich die ganze Bewunderung und das ganze Interesse des Augenblicks lenkte. Nicht eines von allen Familienhäuptern, von allen Erben oder Verwandten der besten Familien Venedigs, vergaß, dem Herrn Grafen von Monte Christo die Huldigungen darzubringen, indem sie eine elegante Visitenkarte auf den Präsentierteller von Gold und Elfenbein legten, der zu diesem Zwecke bestimmt war und in einem Salon seinen besonderen Platz auf einem Tischchen von Ebenholz hatte. Denn der Graf von Monte Christo enthob sich der Mühe, persönlich die Besucher zu empfangen, die nicht zu seinem vertrauten Umgange gehörten.

Ehe wir ausführlicher von dem Ball des Grafen Gradenigo sprechen, müssen wir zwei Worte über den Mann sagen, den man Graf von Monte Christo nannte und welcher seinen Namen dem Roman gab, von welchem der vorliegende nur die Fortsetzung ist.

Haben wir irgend einen Menschen einmal gesehen und kennen gelernt, sind wir ihm durch alle Handlungen seines öffentlichen Lebens gefolgt, und dieser Mensch hat in uns auch nur ein einfaches Gefühl der Neugier erweckt – dann empfinden wir stets eine lebhaftere Bewegung, wenn wir ihn nach einer langen Trennung wiedersehen.

Wir finden Gefallen daran, ihn zu beobachten, zu analysieren, alle seine Bewegungen, seine Worte und Handlungen mit den früheren zu vergleichen und sie zu besprechen, weil wir bei jedem Schritte eine Veränderung, eine Umwandlung, einen Unterschied, kurz irgend ein Etwas zwischen dem bemerken, was er damals war und was er jetzt ist.

Das Alter, neue Verbindungen, welche der Mensch anknüpfte, seine Art, zu sehen und zu denken, seine leichtfertige oder ernste Unterhaltung, alles trägt dazu bei, um unsere natürliche Neugier anzuregen.

Der Graf von Monte Christo war einer von jenen Männern, bei denen die Zeit eine wahre Revolution hervorbringt und sie denen beinahe unkenntlich macht, welche sie seit längerer Zeit nicht sahen. Als der Graf von Monte Christo auf der Szene erschien, nahm er, wenn meine Erinnerungen mich nicht täuschen, eine jener Stellungen ein, welche die Natur ganz besonders für ein Wesen geschaffen zu haben scheint, das Entschlossenheit besitzt und in das berühmte Buch der Schicksale eingetragen ist, in welchem wechselweise, oder oft zu gleicher Zeit, Gott, der Mensch und der Teufel schreiben, ausstreichen und verwischen. Der Graf von Monte Christo hatte beinahe noch unter seinen Augen die ganze Vergangenheit des unglücklichen Edmund Dantès vor sich ausgebreitet, wie das furchtbare Leichentuch, das sein langes Märtyrertum verdeckte, und auf welches mit seinem Blute und seinen Tränen die Namen seiner Henker geschrieben waren. Die Stimme des alten Abbé von Faria, diese Stimme, welche ihn lehrte, die Geheimnisse des menschlichen Wesens zu entdecken, tönte noch in seinem Ohr und legte ihm die nichtswürdigen Gesinnungen seiner Henker bloß. Der Graf von Monte Christo besaß Blutdurst! – Als Mensch konnte er seine Philosophie nicht hoch genug steigern, um ihn den unersättlichen Durst vergessen zu machen, der ihn verzehrte; er traf ohne Barmherzigkeit und ohne Mitleid! Er lachte, wenn er weinen Hörte! Er lästerte, wenn er den Namen des Gottes aussprechen hörte, welcher ihn selbst groß und mächtig gemacht hatte! – Es gab in seinem Leben nichts, wodurch der Becher der Bitterkeit versüßt wurde, an den er seine Lippen beständig setzte.

Jetzt aber, wo die Zeit ihren kalten Mantel über dieses Bild gebreitet hatte, wo unter diesem Mantel die Lava der entfesselten Leidenschaft schon nicht mehr rauchte – wo die Liebkosungen einer Gattin und eines unschuldigen Kindes ihm eine neue Existenz boten, so mit Blumen bestreut, daß unter denselben die rauhen Wurzeln verschwanden, die den Weg, welchen wir verfolgen, durchschneiden, den wir von der Wiege bis zum Grabe zurückzulegen haben – jetzt war der Graf von Monte Christo schon nicht mehr derselbe Mensch. Das ruhige Glück, die Häuslichkeit, diese höchste Glückseligkeit, die in den Städten so sehr von denen gering geschätzt wird, welche nie das wahre Unglück kennen lernten, war jetzt sein größtes, ja was noch mehr ist, sein einziges Vergnügen, und wenn nicht in seine ruhige Existenz ein außerordentliches Ereignis eingedrungen wäre, so würde er nimmermehr wieder das tobende Leben der großen Städte Europas aufgesucht haben. Seine Gemahlin Haydee war von einer gänzlichen Erschöpfung der physischen Kräfte befallen worden und litt an den Anfällen eines jener geheimnisvollen und langsamen Fieber, deren Heilung nach dem Ausspruch der Aerzte gebieterisch die Veränderung des Klimas fordert. Der Graf von Monte Christo verließ daher den Orient, um sich nach dem Occident zu begeben, wo er die Wiederherstellung der leidenden Gesundheit seiner Frau zu erlangen hoffte.

Es war Venedig, welches die junge und schöne Haydee vermöge seiner geographischen Lage zuerst besuchen mußte, und da der Graf von Monte Christo sich an seinen Freund, Signor Gradenigo, erinnerte, schrieb er ihm, um ihn auf seinen nahe bevorstehenden Besuch vorzubereiten.

Wie aufrichtig und dringend die Bitten auch gewesen waren, welche der edle Venetianer an den Grafen Monte Christo richtete, um denselben zu bestimmen, in seinem Palaste abzusteigen, so hatte dieser doch, einem alten Gebrauche folgend, nach Venedig einen seiner Diener mit dem Auftrage vorausgeschickt, ein Hotel für ihn in stand setzen zu lassen, und er lehnte daher die Bitten unter Beobachtung der größten Höflichkeit ab.

Der Graf von Monte Christo sollte in der Giudecca, in eben jenem Palaste wohnen, den früher Max und Valentine inne gehabt hatten.

Haydee, die noch immer jung war, hatte nichts von ihrer Schönheit verloren. Auf ihrem Gesichte sprach sich zwar ihre physische Ermattung aus, aber es zeigte doch noch immer jenen milden, sanften Ausdruck, welcher die so innig ergriffen hatte, die sie einige Jahre zuvor in Rom oder Paris sahen.

Sie hatte einen Sohn, der kaum drei ein halb Jahre alt war, bei dem man aber ungeachtet dieses zarten Alters in den kindischen Zügen bereits den Ausdruck der Entschlossenheit und Verwegenheit des Grafen Monte Christo, vereinigt mit der Sanftmut Haydees, erkennen konnte. Der Knabe war in der Tat ein Engel an Schönheit und später sollte er in sich alle Schätze der vollkommensten Erziehung vereinigen. Haydee verließ ihr Kind nicht einen einzigen Augenblick; der Graf hatte daher auch die größte Mühe von der Welt, ihre Einwilligung zu erlangen, ihn auf den Ball des Signor Gradenigo zu begleiten. Da indes ihr Nichterscheinen eine offenbare Beleidigung des edlen Venetianers sein würde, vertraute Haydee ihren Knaben zum ersten Male der Obhut einer Frau an, die aus dem Orient mit ihr gekommen war, und traf Anstalten zu ihrem Eintritt in die Salons des Grafen Gradenigo.

Der Palast sowohl als die Gärten des berühmten venetianischen Grafen waren prachtvoll beleuchtet, die vorzüglichsten Orchester darin zweckmäßig verteilt.

Sobald der Abend anbrach, füllte sich der große Kanal, gegen welchen die Fassade des Palastes lag, mit Gondeln, auf denen Eingeladene und Neugierige sich den Weg streitig machten. Ueberall, von wo man den Palast und die Gärten sehen konnte, entstanden gewaltige Anhäufungen menschlicher Köpfe, die hin und her wogten wie die Wellen des Meeres, die der Wind vor sich her treibt.

Myriaden von Lichtern funkelten durch die Gebüsche der Gärten; Ströme von Feuer drangen durch die geöffneten Fenster und ergossen sich auf die Menge; es war ein wahrhaft feenhaftes Schauspiel!

Der Ball war, wie wir bereits erwähnten, ein Maskenball.

Der Reichtum und die Mannigfaltigkeit der Kostüms gewährten den prachtvollsten Anblick. Es gab zuerst ein Gewirr und Getreibe sondergleichen – es wich indes einer Art von Windstille, als einer der Gäste mit dem geheimnisvollsten Wesen von der Welt verkündete, der Graf von Monte Christo und seine reizende Gemahlin, die schöne Haydee, seien soeben eingetroffen.

Damen und Kavaliere eilten sogleich den Angekommenen entgegen.

Haydee, welche eine reiche orientalische Tracht trug, gab ihren Arm dem Grafen, der als Beduine gekleidet war.

Seine Haltung, sein natürliches Wesen, die Anmut und die Zartheit Haydees, alles trug dazu bei, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Signor Gradenigo, welcher von der Anwesenheit seines Freundes benachrichtigt worden war, bot Haydee galant die Hand, und nachdem er dem berühmten Beduinen die Hand gedrückt hatte, führte er sie nach den Tanzsälen.

Der Graf blieb allein, und um der Langweile der albernen Gespräche zu entrinnen, die um ihm her begannen, verlor er sich in der Mitte eines Schwarmes maskierter Damen, indem er bemüht war, irgend eine derselben zu erkennen. Bald indes überzeugt, daß ihm die Verwirklichung seiner Absicht unmöglich sein würde, entfernte er sich und ging nach den Gärten, wo ebenfalls getanzt wurde. Hier blieb er neben einem Gebüsch stehen, aus welchem Frauenstimmen ertönten, die ihm zwar vollkommen unbekannt waren, indes von solchen Dingen sprachen, daß dadurch die Aufmerksamkeit des Grafen bald gänzlich in Anspruch genommen wurde.

Er hüllte sich in seinen Burnus, lehnte sich gegen den Stamm eines hundertjährigen Baumes und widmete dem Gespräch seine ganze Aufmerksamkeit.

»Also bist Du überzeugt, daß die d'Armillys in Venedig sind?«

»Ob ich davon überzeugt bin? – Was noch mehr ist –«

»Was denn, Laura?«

»Sie sind hier auf dem Ball.«

»Wie, sie wären hier? Das ist nicht sehr wahrscheinlich nach dem Streite, den der Graf Gradenigo mit meinem Vater über das Altertum gewisser Punkte des Adels unserer beiden Familien gehabt hat. – Wie kann man glauben, daß, wenn er solche Begriffe im Kopfe hat, er die beiden Sängerinnen einladet?«

»Ich habe mir sagen lassen, meine liebe Freundin, daß gegenwärtig die theatralische Laufbahn in großer Achtung steht. Welch ein Uebel ist denn allenfalls auch dabei?«

»Keines, Laura; aber es gibt Leute, welche so empfindlich sind! – Was mich betrifft, so fühle ich mich keineswegs verletzt durch die Anwesenheit dieser Damen – indessen –«

»Uebrigens gibt es auch einen andern Umstand, der zu Gunsten der d'Armillys spricht. Man sagt und versichert, daß sie sehr guten Familien angehören, besonders die jüngere, welche Eugenie heißt, und die von einer französischen Familie abstammen soll, welche unter dem Namen Servières bekannt ist.«

»Oh, in diesem Falle wollen wir nichts weiter über die Einladung sagen, welche der Graf ihnen zukommen ließ! – Geburtsadel und Adel des Talents vereinigt – das muß selbst die Anspruchvollsten befriedigen.«

»Du sprichst die Wahrheit!«

»Aber wie soll man sie unter so vielen Masken herauserkennen?«

»O, das ist nicht so schwierig!«

»Aber ich denke doch! – Nun, wie denn?«

»Giovanni Gradenigo ist einer von den Anbetern der beiden d'Armillys. Als sie hierher kamen, ehe sie nach Rom gingen, war er unerschöpflich in ihrem Lobe; es war sogar mehr als Lob – Leidenschaft, Wahnsinn! – Du darfst also überzeugt sein, daß er sie diese Nacht nicht einen einzigen Augenblick verlassen wird. Giovanni wirst Du aber gewiß trotz seiner Verkleidung erkennen.«

»Ich denke wohl – ich sehe ihn ja täglich – meinen lieben Vetter!«

»Nun wohl, die Dame, bei der er sich befindet und den Galanten spielt, ist sicher eine der beiden d'Armillys.«

»Sehr richtig geurteilt. – Beeilen wir uns nun, unsere Masken wieder vorzunehmen, meine teure Laura, und gehen wir auf unsere Rekognoszierung aus. Apropos, hast Du von dem Grafen Monte Christo sprechen hören?«

»Er ist hier.«

»Und seine Frau?«

»Ist eine Griechin von hohem Adel, wie man behauptet; ich habe sie noch nicht gesehen.«

»Was ist denn aus jener Französin geworden, die vor kaum einigen Tagen hier in Venedig war, die Frau des Max Morel, des Herrn und Gebieters über die Insel Monte Christo?«

»Darf man dem Gondolier Giacomo glauben, der jetzt in unserem Dienst steht, so haben der Mann und die Frau Venedig verlassen, um die Einsamkeit ihrer wüsten Insel aufzusuchen, wo sie einen schönen Palast besitzen.«

»Wenn ich Eigentümerin dieser Insel wäre, so sollte sie nicht lange wüst bleiben,« rief lachend die Freundin Lauras, »besonders wenn sie, wie Du sagst, einen schönen Palast enthält. Ich würde mich beeilen, sie mit den glänzendsten und schönsten Kavalieren zu bevölkern – um dort Bälle zu geben. – Dort, in der Mitte wilder Felsen zu tanzen, an deren Fuße das Meer sich tobend bricht, das ist wahrlich, um den Kopf zu verlieren, wenn man nur daran denkt! – Aber einstweilen maskiere Dich, meine liebe Laura, und laß uns die d'Armillys aufsuchen.«

Als die Freundinnen das Gebüsch verließen, war der Graf Monte Christo bereits wieder verschwunden, um seinerseits ebenfalls Giovanni Gradenigo aufzusuchen.

In dem Augenblick, als man ihm den Erben des berühmten italienischen Grafen zeigte, verlor Monte Christo ihn aus dem Auge, da er durch einen Domino aufgehalten wurde, der sich ihm gerade gegenüber in den Weg stellte und durch eine schwarze Larve auf ihn seinen starren Blick richtete, aus dem Flammen zu sprühen schienen.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?« fragte Monte Christo ihn stolz.

»Sie sehen!« erwiderte der Domino mit einer Stimme, deren Klang Monte Christo unwillkürlich erbeben machte.

»Ich danke Ihnen,« entgegnete Monte Christo; »doch, da ich nichts von Ihnen will, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie Ihre Zeit verlieren und mich auch um die meinige bringen.«

Er tat einen Schritt, um sich zu entfernen, aber der Mann stellte sich ihm abermals entgegen.

»Wenn Du auch nichts von mir willst,« sagte er, »so will ich dagegen viel von Dir – denn Du bist ein Mann, von dem man viel verlangen kann – und Du weißt das sehr wohl.«

»O, das artet in Zudringlichkeit aus. Ich bitte Sie, den Ton und das Wesen zu ändern. Wenn Sie mich kennen, so nennen Sie mich bei meinem Namen!«

»Gern! – Aber welchen Namen soll ich Dir geben?«

»Die Frage ist sonderbar! – Nenne den meinigen.«

»In diesem Falle werde ich Dich Edmund Dantès nennen.«

Bei diesen Worten wich der Graf von Monte Christo einen Schritt zurück und maß mit besorgtem Blicke den sonderbaren Redner vom Kopf bis zu den Füßen.

»Erkennst Du an, daß ich weiß, wer Du bist?« fragte der Domino.

»Das ist sehr gleichgiltig,« erwiderte der Graf, indem er sorgfältig seine Unruhe verbarg. »Wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, Ihren Namen zu sagen –«

Der Domino stieß ein gellendes Lachen aus.

»Geben Sie mir nur eine Andeutung, ein Zeichen,« fuhr Monte Christo fort, ohne die Neugier überwinden zu können, welche der Unbekannte in ihm erregte.

»Es sei,« entgegnete der Domino und fügte sogleich hinzu: »Erinnerst Du Dich an Mercedes?«

»Mercedes!« murmelte Monte Christo mit dumpfer Stimme, welche der Widerklang des tiefen und schmerzlichen Echos zu sein schien, das dieser einfache Name in seinem Herzen erweckte. »Wer sind Sie denn? Entfernen Sie sich nicht – sprechen Sie – ich kenne Sie!«

»Wer bin ich dann?«

»Albert von Morcerf.«

»Du irrst; Du mußt Dich daran erinnern, daß er größer ist als ich.«

»Das ist wahr,« sagte der Graf, indem er den Kopf senkte und nachdenklich vor dem geheimnisvollen Manne stehen blieb, der so peinliche Erinnerungen in ihm wach rief.

»Guten Abend, Edmund! Auf baldiges Wiedersehen!«

Und ohne ihm Zeit zu lassen, nur ein einziges Wort an ihn zu richten, verschwand der Domino unter der lärmenden und lustigen Menge der andern Masken.

Der Graf versuchte vergebens, ihm mit den Augen zu folgen; er schien sich unsichtbar gemacht zu haben. Um sich von dem Unwillen zu zerstreuen, den dieses kurze Gespräch ihm verursacht hatte, das zu erwarten er so weit entfernt gewesen war, bemühte der Graf von Monte Christo sich aufs neue, die beiden jungen d'Armillys aufzusuchen.

Nach einem halbstündigen vergeblichen Suchen traf er mit seinem alten Freunde, dem Grafen Gradenigo, zusammen, mit dem er einige alltägliche Worte wechselte, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich sind, um das Gespräch, welches man einzuleiten beabsichtigt, ohne daß der andere den Gegenstand, für welchen man sich interessiert, ahnt.

»Die Gesellschaft ist in der Tat prachtvoll!« sagte Monte Christo, »und wie es scheint, teilt Ihr Sohn mit seinem berühmten Vater das Vorrecht, mit jenem Zartgefühl, das ihn in so hohem Grade charakterisiert, die Honneurs des Hauses gegen die Eingeladenen zu machen.«

»O, Giovanni tut, was er kann,« erwiderte der alte Patrizier. »Er will sich nicht die Mühe nehmen, mehr davon zu wissen – deshalb ist er auch – aber pah! Das Alter wird seine Erziehung vollenden, so hoffe ich wenigstens! Haben Sie ihn schon erkannt?«

»Man zeigte ihn mir, aber ich habe ihn aus dem Auge verloren, und ich glaube, daß ich ihn jetzt wieder mit den andern Masken verwechseln würde.«

»Sehen Sie dort rechts hin,« sagte plötzlich der Signor Gradenigo; »er reicht einer edlen Cirkassierin den Arm.«

Der Graf wollte den Sohn Gradenigos anreden, als sich in demselben Augenblicke eine Maske vor ihn hinstellte und ihm sagte:

»Seien Sie willkommen, Graf von Monte Christo. Sie haben unrecht getan, Ihr Gesicht zu verlarven, weil hier jemand auf Sie wartet.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Für den Augenblick nur wenig, doch eines Tages Werde ich Ihnen viel sagen.«

»Ich kenne Sie nicht und habe nicht die geringste Lust, Sie kennen zu lernen. Guten Abend!«

»Einen Augenblick, Graf! – Es ist nicht Gebrauch, jemanden so zu behandeln, von dem man solange Zeit erwartet wird.«

»Aber wie es mir scheint, besteht durchaus nicht die geringste Verbindung zwischen uns.«

»Für den Augenblick, nein, aber es hat eine bestanden und meine Erinnerung dafür bleibt sich gleich.«

»Sprechen wir nicht von der Vergangenheit, die schon weit hinter uns liegt. Beschäftigen wir uns nur mit der Gegenwart. Wer sind Sie? Sagen Sie dies offen, denn Sie sehen wohl, daß ich nicht die geringste Anstrengung mache, Ihren Namen zu erraten.«

»Das ist alles lächerlich, mein lieber Seemann des Pharao. – Ich bin ein Passagier, durch den Ihnen Herr von Villefort seine Grüße sendet.«

»Ha!« rief Monte Christo, indem er sich mit der Hand über die bleiche Stirn fuhr. »Wer Sie auch sein mögen, haben Sie den Gegenstand Ihres Scherzes sehr schlecht gewählt: Ehren Sie die, welche vielleicht ihren ewigen Schlaf schlafen!«

Kaum hatte der Graf von Monte Christo diese Worte ausgesprochen, als der, an welchen er sie richtete, verschwunden war.

Monte Christo fühlte sich durch dieses grausame Spiel lebhaft erregt; er faßte indes mutig seinen Entschluß und begann von neuem sein Aufsuchen Giovanni Gradenigos. Lange waren seine Bemühungen vergeblich, und endlich bemerkte er, wie derselbe der anmutigen Cirkassierin seinen Arm reichte, und er wollte ihn eben berühren, als wieder eine Maske sich ihm näherte und ihn auf solche Weise intrigierte, daß sie seine Aufmerksamkeit sofort in Anspruch nahm.

Die Maske hatte den vollständigen Anzug eines richterlichen Beamten in der Ausübung seiner Funktion und sprach das Französische mit der ganzen Reinheit und Gewandtheit eines Mannes von Stande.

»Guten Abend, Graf von Monte Christo,« sagte er. »Kommst Du nach Europa in der Absicht zurück, Dich an einigen Familien zu rächen? – Man sollte wirklich glauben, Du wärest von Geburt ein Korse, denn das Wort vendetta hat für Dich eine unwiderstehliche Macht.«

Der Graf von Monte Christo betrachtete mit einem unaussprechlichen Gefühl der Neugier den Gerichtsbeamten, der mit so vieler Vertraulichkeit die Rede an ihn richtete.

»Wie befindet sich Deine schöne Gemahlin Haydee?« fuhr der verkleidete Beamte mit dem reinsten Accent fort. »Bist Du imstande, auf die erhabenen Gesinnungen dieser unschuldigen Seele einzugehen? Arme Haydee! Ich zweifle, daß sie lange glücklich sein wird.«

»Oho!« rief der Graf mit gezwungenem Lachen. »Sie fallen in die lächerliche Rolle eines Unglückspropheten, mein interessanter Gerichtsbeamter: geschähe das vielleicht, um sich von der Langweile zu zerstreuen, welche Ihre ernsten Funktionen Ihnen bereiten?«

»Meine Funktionen als Staatsanwalt langweilen mich nie, mein Herr!« erwiderte die Maske mit wichtigem Tone. »Ich finde sogar einen unaussprechlichen Reiz in der Erfüllung der Pflichten des Amtes, das ich schon seit langer Zeit in Paris auf solche Weise ausübe, daß ich dadurch die Billigung und die Achtung aller derer, welche mich kennen, erworben habe. Ich bin jetzt in Erwartung eines sehr interessanten Falles, der meinen Namen unsterblich machen soll!«

»Sie sind ziemlich anmaßend,« bemerkte der Graf.

»Dann wissen Sie den Fall nicht, um den es sich handelt, noch den Namen des Mannes, der verurteilt werden wird?«

»Erklären Sie sich deutlicher.«

»Ueber Sie soll gerichtet und das Urteil gesprochen werden, mein lieber Graf von Monte Christo. Begreifen Sie jetzt meine Prophezeiung über Haydee? Wie?«

»Sehr gut! Aber wessen bin ich angeklagt?« fragte Monte Christo, indem er die Rolle annahm, welche der Unbekannte ihm zuzuweisen schien, um seinen Maskencharakter aufrecht zu erhalten.

»Sie sind angeklagt, bei der Entwerfung eines furchtbaren Dramas, welches Sie schrieben, das erhabene Wort Gottes vergessen zu haben! Ueber dem kalten Grabe der Familien St. Méran und Villefort erhebt sich ein furchtbares Geschrei gegen Sie, und einer der Toten streckt seine entfleischte Hand aus, um Sie der Welt zu bezeichnen! Sehen Sie sich vor, Herr Graf! Das Blatt des Buches der Geschicke, welches Sie verurteilt, ist unter dem Hauche des Sturmes umgewendet worden! Ich bin es, der damit beauftragt wurde, die furchtbaren Worte der Gerechtigkeit Gottes auszulegen, und ich werde gegen Sie unerbittlich sein.«

»Mit Ihrer Erlaubnis,« erwiderte kalt der Graf, »werde ich Ihre eifrige Rede für den plötzlichen Einfall des Wahnsinns halten.«

»Mögen Sie,« fuhr die Maske fort. »Sammeln Sie indes Ihre Erinnerungen. Denken Sie darüber nach, an welches Ihrer Opfer ich Sie erinnere! Sie sind vergeßlich, Herr Graf! – Als ich Sie nach dem Schlosse von If bringen ließ, angeklagt, ein Agent Bonapartes zu sein, sprachen Sie in dem finsteren Kerker, in den Sie geworfen wurden, meinen Namen aus! Ich bin Villefort!«

»Vortrefflich. Ich bin entzückt, Sie wiederzusehen, mein Herr! Darf ich vielleicht von Ihnen die Ehre einer längeren Unterhaltung fern von dem Lärm und Tumulte dieser Säle erbitten?«

»Ich stehe Ihnen zu Befehl; aber ich erkläre Ihnen gleich jetzt, daß diese Unterhaltung sehr kurz sein wird. Ich habe Ihnen nur wenig zu sagen: folgen Sie mir daher, wenn Ihnen dies genehm ist.«

Nach diesen Worten durchschritt der vorgebliche Villefort die Säle und Gänge zu dem Garten hinab; dann wendete er sich durch eine Allee schattiger Bäume, gerade einem ähnlichen abgelegenen freien Platze zu, zu dem kaum die fernen Töne von dem Lärmen des Festes, dem Orchester und dem Gelächter der Gäste drangen.

Hier blieb er stehen und stellte sich dem Grafen gegenüber, den er vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Blicke zu messen schien, aus dem das Feuer des Hasses blitzte.

»Sie sehen,« sagte der Graf, »daß ich das Gesicht nicht mit einer Larve bedeckt habe; ich darf daher verlangen, daß Sie auch die Ihrige abnehmen.«

»Hinter dieser Larve, Herr Graf, ist nicht ein menschliches Gesicht gleich dem Ihrigen verborgen!« antwortete die Maske mit dumpfer Stimme.

»Genug des Scherzes! Wer sind Sie?« fragte der Graf, indem er eine heftige Bewegung machte.

»Ich habe es Ihnen schon gesagt, Edmund Dantès. Sie wissen, wer ich bin.«

»Ich wiederhole Ihnen, daß es genug des Scherzes ist! Kommen wir zum Ziele, und weichen wir davon nicht ab! Ich bin Edmund Dantès. Wer sind Sie?«

»Ihr Richter, mein Herr!«

»Ich sehe, daß es Ihre Absicht ist, dieses lächerliche Possenspiel zu verlängern,« erwiderte Monte Christo. »Sie haben unrecht, mein Herr Unbekannter. Sie zeigen dadurch, daß Sie nicht wissen, wer und was der Graf von Monte Christo ist!«

»Es ist mir nicht unbekannt! Sie sind ein Mensch, der sich durch den Durst einer barbarischen Rache beherrschen und fortreißen ließ, und der auf wahnsinnige Weise das Schwert der Gerechtigkeit mißbrauchte, welches Gott in Ihre mächtige Hand gelegt hatte! – Der Frau, welche Sie aus dem tiefsten Grunde ihrer Seele liebte, der Frau, welche noch jetzt blutige Tranen vergießt, wenn sie Ihrer gedenkt, haben Sie zum Dank für ihre Liebe und für ihr langes Märtyrertum die Witwenschaft und eine Zukunft des Elends gegeben! – Dem Freunde, der sich Ihnen anvertraut hatte, der keine Geheimnisse vor Ihnen hegte, verliehen Sie zum Lohne dafür Verzweiflung und Schmach. Sie haben ihn verraten, doch damit noch nicht zufrieden, haben Sie in dem verdorbenen Herzen einer neuen Locuste die Flamme erhalten und genährt und dann gelacht, wenn Ihre Opfer fielen! Das Blut eines kaum neunjährigen Kindes hat Ihrer verbrecherischen Stirn einen unauslöschlichen Flecken aufgeprägt, und nach allen diesen Missetaten glauben Sie, daß eine einzige Handlung der Großmut genügte, um Ihr Gewissen in Ruhe zu wiegen, und Sie leben friedlich, indem Sie sagen, daß Sie den Willen Gottes erfüllt haben.

»Das drückt in wenigen Worten aus, Sie sind, Graf von Monte Christo: ein erbarmungsloser Mörder, ein Betrüger, der vergebens suchte, seine Irrtümer und Torheiten mit dem pomphaften Namen der Gerechtigkeit Gottes zu bedecken!

»Zittern Sie daher, Heuchler, das Märtyrertum wartet Ihrer und das Grab ist nicht weit entfernt, in welches Sie taumelnd hinabstürzen werden, verflucht von Gott und von den Menschen!«

»Wer Sie auch sein mögen,« sagte mit bestimmtem Tone Monte Christo, nachdem er einige Augenblicke einem tiefen Sinnen gewidmet hatte, »ich nehme Ihre Beschuldigung an und hoffe, daß Sie mir das Recht der Verteidigung gewähren. Sehen wir von allen finsteren Ideen, von allen sinnreichen Mythen ab, deren Sie sich bedient haben, um Ihre Worte in Uebereinstimmung mit dem von Ihnen angenommenen Kostüm zu erhalten, so erkenne ich, daß Sie, nachdem Sie alle Handlungen meines Lebens in Paris analysiert haben, das Gefühl verdammen, welches mich damals beherrschte. Sei es; das steht Ihnen frei. Ich behaupte nicht und habe nie behauptet, daß die Menschen die Gerechtigkeit meiner Handlungen als einen Glaubensartikel annehmen sollten. In eben diesem Augenblicke würde ich ein gewisses Vergnügen darin finden, Ihnen die Gerechtigkeit einiger der Handlungen zu beweisen, welche Sie am meisten zu verurteilen scheinen und in Ihren Augen mein Gewissen als frei von jedem Schatten der Reue darzulegen; aber es hier nicht der Ort zu einer solchen Auseinandersetzung.

»Indes, da Sie sich einmal die Mühe genommen haben, mich aufzusuchen, nachdem ich kaum aufs neue den Fuß auf den Boden Europas gesetzt habe, würde es für Sie keine große Störung verursachen, wenn Sie mich ausdrücklich in der Guidecca aufsuchten, wo Sie zu jeder Stunde mit allem möglichen Eifer empfangen werden sollen. Sie können, wenn es Ihnen gut dünkt, Ihr Inkognito beibehalten.«

Der falsche Justizbeamte lächelte trübe.

»Ja,« sagte er, »eines Tages wird diese Unterhaltung stattfinden, Herr Graf; allein so dringend, so richtig auch Ihre Argumente sein mögen, gibt es in der christlichen Welt keine Philosophie, welche sie sanktioniert!«

»Das werden wir sehen!« sagte Monte Christo.

»Bis zu jenem Tage denn!« erwiderte die Maske und reichte dem Grafen die rechte Hand.

Monte Christo schlug unwillkürlich in die Hand ein, die der seinigen geboten wurde, aber er stieß einen leisen Schrei der Ueberraschung aus und wich einen Schritt zurück, indem er totenbleich wurde.

»Ihre Hand ist eiskalt!«

»Es ist die Kälte des Grabes,« murmelte die Maske, indem sie ihre Hand den Strahlen des Lichtes bloßstellte.

»Ha – die Hand einer Leiche!« rief Monte Christo, indem er unwillkürlich erbebte.

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