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Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 40
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typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XIX. Schrecken.

Die Familie Gradenigo war eine der ältesten und edelsten Familien Venedigs. Ihr Glanz rührte aus den Zeiten Falieros her, jenes Dogen, der ebenso weise und verständig wie unglücklich war! Alle Häupter dieser Familie, deren Wappenschilder an Alter und Ruhm mit den ältesten und berühmtesten wetteiferten, hatten nacheinander in dem Senate einen hohen Platz eingenommen. Es gab darunter selbst einige, welche, wenn sie auch die Mütze des Dogen nicht erlangten, doch unter den Mitbewerbern um dieses Zeichen einer Würde waren, welche darin bestand, in einem einzigen Manne die erhabene und imposante Gestalt der Republik zu symbolisieren.

Die Gradenigos waren noch mit einem gewissen Heiligenscheine des Ruhmes selbst zu der Zeit umgeben, in welcher dieser Roman sich zuträgt, obgleich der Charakter Venedigs das Ansehen vollkommen verändert hatte, und obgleich auch in dieser Stadt, die durch ihre historische Vergangenheit berühmt war, der Adel des Verdienstes höher als der der Geburt anerkannt wurde, wie dies jetzt überall der Fall ist. Die Gradenigos besaßen daher noch zum Teil vielleicht bloß durch Gewohnheit, die Achtung, die ehedem ihrem Wappenschilde gezollt wurde.

Die Pracht seines Palastes, der Glanz, mit dem er sich zu umgeben liebte, der Prunk seines öffentlichen Lebens, sein stolzes, aber höfliches Wesen, alles trug dazu bei, den Signor Gradenigo mit jener Ehrerbietung zu behandeln, welche in der höhern Gesellschaft dem Manne gewährt wird, dessen Wiege von glorreichen Erinnerungen umgeben ist.

Wenn die schönen geschnitzten Säulen im Palaste Gradenigo die Myriaden von Lichtern widerspiegelten, welche von den Alabasterlampen verbreitet wurden, wenn Blumengewinde die Treppen und die Galerien schmückten, wenn ein ausgewähltes Orchester seine Harmonien unter den hohen Gewölben ertönen ließ, dann fand niemand ein größeres Vergnügen daran, als der Signor Gradenigo, seine Säle zu betrachten, die mit der Elite der venetianischen Gesellschaft angefüllt waren, deren Aristokratie hierher eilte, das Lächeln auf den Lippen und sich glücklich schätzend, dem Vergnügen reichlich huldigen zu können, ehe sie sich dem Schlafe überließ.

Jetzt eben handelte es sich um die Vorbereitungen zu einer dieser glänzenden Versammlungen in dem Palaste Gradenigo. Die Schnelligkeit, mit der diese Vorbereitungen getroffen wurden, die Ordnung und die Leichtigkeit, die bei ihrer Ausführung walteten, deuteten hinlänglich an, daß diese Abendgesellschaften nichts Neues waren, und daß die, welcher die jetzigen Vorbereitungen galten, nahe sei. Der Graf Gradenigo wollte in der Tat einen Ball geben. Weshalb? Es mangelte nicht an Vermutungen darüber, aber die im allgemeinsten verbreitete Meinung war, der Graf beabsichtigte dadurch die Ankunft eines Freundes zu feiern, den er in hohem Grade achtete. Die Einladungen waren erlassen, und die venetianische Welt – das heißt die, welche dergleichen Bälle besucht – wartete voll Ungeduld auf den versprochenen Abend.

Wer war denn der hohe und mächtige Mann von so großer Wichtigkeit, daß der Signor Gradenigo sich für verpflichtet hielt, ihm einen so glänzenden Empfang zu widmen? Einen Empfang, der in den Annalen der eleganten Welt Aufsehen machen und nicht minder glänzende Erinnerungen zurücklassen mußte, wie ein wichtiges Ereignis der Politik.

Max, der von Frankreich einige Empfehlungsbriefe an den Grafen Gradenigo mitgebracht hatte, war in dessen nähern Umgang gezogen worden und befand sich folglich unter den zu dem Feste Eingeladenen.

Valentine war, wie wir sehen konnten, weit entfernt, der Mehrzahl jener reichen und eitlen Frauen zu gleichen, für welche Armut und Elend Mythen sind, deren Herz nie bei dem Gedanken an das Unglück klopfte, und sie sah daher auch diese Nacht prunkvoller Vergnügungen mit vollkommener Gleichgültigkeit heranrücken. Indes konnte sie sich nicht davon frei machen, in den Salons des Palastes Gradenigo zu erscheinen, und Max, der sich über die Zerstreuung glücklich fühlte, welche seine Gattin auf diesem Balle finden konnte, hoffte bei ihr die Absicht sich schwächen zu sehen, die berühmte Grotte der Insel Monte Christo zu vernichten.

Die Woche vor der, in welcher der Ball des Signor Gradenigo stattfinden sollte, genügten einige einfache Worte, um die geistige Aufregung Valentines neu zu beleben.

Eines Morgens erschien bei ihr eine Tochter des Volkes und bat um die Gunst, einige Augenblicke mit ihr sprechen zu dürfen.

Maximilians Gattin erteilte sogleich den Befehl, das junge Mädchen hereinzulassen, und sie trat ihr selbst entgegen, da sie fürchtete, sie möchte durch den Luxus und den Reichtum der Gemächer eingeschüchtert werden. Es würde schwer sein, den Ausdruck der Güte zu schildern, der bei dieser Gelegenheit über dem holden Gesichts Valentines verbreitet war.

Kaum trat sie ein, als das junge Mädchen den Schleier, der ihr Gesicht bedeckte, oder vielmehr die Mantille, welche sie vom Kopf bis zu den Füßen einhüllte, zurückwarf und vor ihr niederkniete.

»Aus Barmherzigkeit, Signora,« rief sie, »erbarmen Sie sich meiner; stehen Sie mir bei, denn ich bin verloren!«

Valentine gab dem Bedienten, der die Unbekannte hereingeführt hatte, ein Zeichen, sich zu entfernen. Er gehorchte und Maximilians Gattin, welche mit schmerzlichem Staunen den Ausdruck bittern Kummers bemerkte, der auf dem Gesichte des jungen Mädchens lagerte, beeilte sich, ihr zu sagen:

»Was sagen Sie? Wer sind Sie? – Stehen Sie auf, meine Tochter: nur vor dem Bilde der heiligen Jungfrau dürfen Sie so niederknien und nur von ihr auf eine so demütige Weise Schutz erflehen.«

»Ach, wie gut Sie sind, Signora – man hat mich nicht getäuscht, als man Ihre wohlwollende Güte und Ihre Sanftmut rühmte,« antwortete das junge Mädchen, indem es aufstand und Valentine die Hände küßte.

»Erklären Sie sich, mein Kind. – Dieser Zustand der Verwirrung, in dem ich Sie erblicke, betrübt mich. Ihre Tränen, die Trauer, die Sie tragen, verkünden mir ohne Zweifel, daß Sie Ihren Vater oder Ihre Mutter verloren haben; daß Sie in der Blüte der Jugend eine Waise sind,« fügte Valentine hinzu, indem sie einen Seufzer ausstieß, der wahrhaft aus der Seele kam.

»Ja, Signora, es ist unglücklicherweise nur zu wahr, daß ich eine Waise bin, eine vater- und mutterlose Waise, und zwar seit ungefähr sechs Monaten. Indes ist es nicht dieses Unglück, welches mich zwingt, Ihren Schutz anzuflehen!«

»Sprechen Sie!«

»Ich hatte einen Bruder,« sagte das junge Mädchen, »einen Bruder, welcher meine einzige Stütze, mein einziger Schutz in dieser Welt war; und dieser Bruder – ach ich fürchte, daß er als Opfer eines abscheulichen Verrates gefallen ist! – Und nun bin ich ganz allein – ohne irgend jemand, der mir beisteht.«

»Jesus, mein Kind, was sagen Sie mir da? – Und was ist denn Ihrem Bruder begegnet? – Welche Art des Schutzes soll ich Ihnen gewähren? – Sprechen Sie, und gleich jetzt übernehme ich die Verpflichtung, daß alles, was Sie von mir verlangen werden –«

»Ja, Signora,« unterbrach sie das junge Mädchen, »ja, ich will sprechen – ich will Ihnen alles sagen – alles – auch das, was ich von Ihnen erbitte.

»Ich heiße Rosa, aber ich bin in der Nachbarschaft der Giudecca und auf dem Rialto allgemein unter dem Namen Rosina bekannt,« sagte die Schwester Pietros, welche, nachdem sie einen flüchtigen, doch forschenden Blick rings um sich her geworfen hatte, also fortfuhr: »Mein Vater war Gondolier, und mein Bruder Pietro hat das Geschäft und die Gondel meines Vaters geerbt, wie dieser beides von meinem Großvater erbte. – Vor vier Tagen kam in unser Haus der Gondolier Giacomo. – Ach, Sie wissen nicht, wer dieser Giacomo ist? – Es ist gerade der Gondolier, der im Dienste Ihres Gemahls steht! – Dieser Giacomo nun hatte, wenn ich dem glauben darf, was er mir sagte, geheimnisvolle Verbindungen mit einer Bande von Missetätern, und er wollte, mein Bruder sollte ihm bezeichnen, wo eine gewisse nicht sehr bekannte und unbewohnte Insel liegt, auf welcher sich, wie Giacomo behauptete, ein ungeheuerer, aber verborgener Schatz befinden soll. – Diese Insel heißt Monte Christo,« fuhr Rosina fort, ohne die Unruhe Valentines zu bemerken, die eben in dem Grade zunahm, in welchem Rosina weitererzählte. »Die Insel Monte Christo gehört nun aber einem Manne, dem meine Familie ewige Dankbarkeit schuldig ist, und deshalb wollte ich nicht, daß mein Bruder Pietro sogleich mit Giacomo sprechen sollte. Was nützte mir das? Pietro hat doch mit ihm gesprochen, obgleich er fest entschlossen war, dessen schlechte Absichten scheitern zu machen. Er ließ ihn daher glauben, daß er ihm die Lage der Insel beschreiben würde. Alles ging bis dahin gut, aber vorgestern,« fuhr Rosina fort, die jetzt in heftiges Schluchzen ausbrach, »empfing ich von meinem armen Pietro einen Brief, dessen Inhalt Sie lesen können.«

Bei diesen Worten zog Rosina aus ihrer Tasche ein Papier und überreichte es Valentine.

Diese sammelte alle ihre Kräfte, um zu entziffern, was das Papier enthielt. Sie öffnete es und las folgendes:

»Meine teure Schwester!
»Ich bin das Opfer eines Verrats geworden, den Giacomo, der Gondolier, angezettelt hat. Ich bin als Gefangener an Bord des Sturmes zurückgehalten, eines unbekannten Fahrzeuges, dessen Kapitän mich zwingt, ihn nach der Insel Monte Christo zu führen, wo ohne Zweifel ein großer Raub begangen werden soll. Ich kann Dir nicht mehr sagen. – Eile, die Herrschaft Giacomos zu benachrichtigen, und laß ihn durch die Gerechtigkeit verhaften.

Dein unglücklicher Bruder
Pietro.«

Valentine stieß einen durchdringenden Schrei aus, als sie die Durchlesung dieses Briefes beendete, und Rosina beeilte sich, ihr Hilfe zu leisten, indem sie die Arme ausstreckte, um sie aufzufangen, obgleich sie nicht wußte, welcher Ursache sie diesen Schrei der Verzweiflung zuschreiben sollte.

»Was ist Ihnen, Signora?« rief sie, indem sie mit lebhafter Besorgnis die Todesblässe bemerkte, welche die Wangen Valentines überzog.

»O, es ist nichts!« erwiderte diese einen Augenblick darauf mit matter, stockender Stimme.

»Erbarmen Sie sich meiner um der Liebe Gottes willen! Stehen Sie mir bei!« rief Rosina, indem sie die Hände mit dem Ausdrucke der Verzweiflung und der entsetzlichen Angst faltete.

»Aber, mein armes Kind, was wollen Sie denn, daß ich tun soll, ich, eine arme Frau, gegen das Schicksal, das auf uns lastet?«

»Was ich will? Daß Sie und Ihr Gemahl sich dafür verwenden, Giacomo verhaften zu lassen. Vielleicht entdeckt er dann alles, vielleicht werden die Missetäter überfallen, festgenommen; vielleicht kehrt mein Bruder in meine Arme zurück und Sindbad der Seemann wird nicht das Opfer dieses Raubes, der auf der Insel Monte Christo ausgeführt werden soll.«

»Sie kennen Sindbad den Seemann?« fragte Valentine hastig.

»Die Wahrheit ist, daß ich ihn persönlich nie gesehen habe – aber er war, wie ich Ihnen bereits sagte, der Beschützer des gewagten Verkehres, welchen mein ganzes Geschlecht trieb – indem er auf seiner Insel ungestraft die Schiffe landen ließ –«

»Jesus! – Was ist denn das für ein Stamm, dessen Handel, wie Sie sagen, gewagt ist?«

»Ach, Signora, ich bin die Tochter von Schmugglern!« murmelte Rosina, indem sie aufs neue zu den Füßen Valentines niedersank, welche sie mit ihren Armen aufhob.

»Beruhigen Sie sich – beruhigen Sie sich, mein Kind. – Alles wird sich machen lassen! Ihr Bruder wird zurückkehren – was das übrige betrifft – was kümmert Sie das übrige? – Die Insel gehört schon nicht mehr dem ehemaligen Beschützer Ihrer Familie – man mag daher alles rauben, was in der Grotte vorhanden ist, – denn alle diese Reichtümer gehören den Armen, da sie die Frucht von dem Schweiße der Armen sind!«

»Was sagen Sie?« rief Rosina aus, welche durch die Worte Valentines von Staunen ergriffen wurde, denn es waren genau dieselben, die sie aus dem Munde des Gondoliers Giacomo vernommen hatte.

»Kehren Sie nach Haus zurück,« sagte Valentine. »Ich werde mit meinem Manne sprechen. Inzwischen verraten Sie von alledem kein Wort gegen irgend eine lebendige Seele.«

»Wird denn aber der Gondolier Giacomo nicht verhaftet werden?«

»Nein.«

»Und mein armer Bruder?«

»Wird zurückkehren.«

»Können Sie mir die bestimmte Versicherung geben, daß er zurückkehren wird?«

»Ich kann es, und ich bestätige es Ihnen,« flüsterte Valentine unwillkürlich, indem sie ihre Hand gegen Rosina ausstreckte, welche dieselbe zum Zeichen der Dankbarkeit küßte.

Nachdem Valentine den eigentümlichen Bericht Rosinas vernommen hatte, schloß sie sich in ihrem Oratorium ein, und vergoß dort reichliche Tränen, welche indes bald versiegten, denn Valentine fand in dem Gebet, in dem Vertrauen zu Gott, den Balsam, welcher sie von allen Leidenschaften läuterte, die nicht himmlische Dinge betrafen.

Valentine hatte beschlossen, ihrem Gemahl von diesem Abenteuer nichts zu sagen; indem sie sich von Rosine trennte, empfahl sie daher auch der Tochter des Schmugglers aufs neue das unverbrüchlichste Schweigen, indem sie ihr zugleich versprach, alles aufzubieten, um ihr ihren Bruder Pietro zurückzugeben.

In der Tat machte Valentine sich sogleich an das Werk.

Zu der Stunde, zu welcher die Sonne hinter den Bergen Tirols zu verschwinden begann, pflegte Max auf dem großen Viereck der Piazza die Frische der Abendluft zu genießen. Unter dem Vorwand eines leichten Unwohlseins lehnte Valentine es ab, ihn zu begleiten, und sicherte sich so einige Augenblicke vollkommener Freiheit, um über irgend einen Plan nachzudenken, wie sich die Verwirklichung des Versprechens, das sie Rosine gegeben hatte, beschleunigen lasse.

An dem Fenster ihres Zimmers sitzend, blickte sie hinab auf das Wasser des Kanals, auf dem sich nachlässig einige Barken schaukelten, ähnlich den Schwänen, die träge und langsam über die Oberfläche eines Sees dahingleiten.

Valentine beobachtete sie sorgfältig; dann, als sie einen der Gondoliere zu erkennen schien, machte sie ihm mit der Hand ein Zeichen, sich nicht zu entfernen.

Der Gondolier war Giacomo.

Einen Augenblick darauf warf Valentine über ihre Schultern einen großen Schal, in den sie sich dicht einhüllte, und ging in die Vorhalle des Palastes hinab, von wo einige Stufen von schwarzem Marmor zu dem Kanal der Guidecca hinabführten. Giacomo war dort in seiner Gondel, und kaum hatte ihn Valentine bemerkt, als er auf die Treppe sprang und seine Mütze herabzog.

»Tritt näher,« sagte Valentine mit leiser Stimme, indem sie sich nach allen Seiten besorgt umsah, als wollte sie sich überzeugen, daß niemand sie bemerkte.

Der Gondolier näherte sich Valentine, öffnete eine kleine Tür zur Rechten, und trat in ein Gemach, welches sich in allen Gebäuden Venedigs befindet, die einen Ausgang auf die Kanäle haben, und zur Aufbewahrung der Gerätschaften dient, deren man zu den Gondeln im gewöhnlichen Dienste bedarf.

Giacomo, der schon lange das Geschäft eines Gondoliers in Venedig betrieb, und seit seiner Jugend an die Launen der schönen Venetianerinnen gewöhnt war, wunderte sich nicht über die heimliche Art, in welche Valentine ihre Handlungen und ihre Worte hüllen zu wollen schien. Er blieb regungslos und stumm Valentine gegenüber stehen, und wartete darauf, daß sie spräche.

»Bist Du es,« sagte sie zu ihm, »den man Giacomo, den Gondolier des Rialto, nennt?«

»Ja, Signora,« erwiderte Giacomo. «Seit fünfzehn Jahren, wohlgezählt, bin ich von dem hohen Meere zurückgekehrt, auf dem ich an Bord eines Handelsschiffes war, und von der Stunde an bis zu der gegenwärtigen, konnte der heilige Marcus mich auf den Kanälen des Lido sehen und beschützen, auf dem mir sozusagen die Zähne gewachsen sind. Ja, Signora, ich bin Giacomo, durch die Gnade meines heiligen Schutzpatrons, und ich habe die Ehre, im Dienste Ihrer Exzellenz und Sr. Exzellenz, Ihres Gemahls, zu stehen.«

Valentine dachte einige Augenblicke über die Art und Weise nach, wie sie mit dem Gondolier das sonderbare Gespräch anknüpfen sollte, das wir hier folgen lassen.

»Da Du mir sagst, Giacomo, daß Du schon seit fünfzehn Jahren die Kanäle Venedigs und des Lido durchfährst, scheint es mir, als müßtest Du alle Fahrzeuge kennen, die hier vor Anker gehen?«

»Beinahe alle, Signora.«

»Und nicht nur die Schiffe, sondern auch die Kapitäne?«

»Wenigstens zum größten Teil.«

»Schön. Ich habe in Beziehung auf ein gewisses Schiff einige Fragen an Dich zu richten – und ich mache den Anfang damit, Dir zu sagen, daß Du Deine Zeit nicht verlieren sollst, Giacomo.«

» Per la Madre de Dio! ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen. – Alles, was ich weiß, werde ich Ihnen sagen, Signora.«

»Du wirst Dein Gedächtnis nicht zu sehr anzustrengen brauchen, um mir zu antworten; denn es handelt sich um ein Fahrzeug, welches noch vor acht Tagen in dem Lido war.«

»In diesem Falle kann ich Ihnen mit geschlossenen Augen antworten.«

»Es ist die Yacht, der Sturm

»Die Yacht, der Sturm!« rief der Gondolier unruhig.

»Wer war ihr Kapitän?« fragte Valentine, ohne ihm Zeit zu lassen, sich zu sammeln.

» Per baccho!« entgegnete Giacomo, indem er seine Kaltblütigkeit wiedergewann, und sich in seinen Erwartungen getäuscht stellte, »Sie sprechen da gerade von einem Schiffe, dessen Name mir beinahe gar nicht bekannt ist!«

»Nun, ich sehe wohl, daß ich Deinem Gedächtnis zu Hilfe kommen muß. – Diese Yacht, der Sturm, hat hier beigelegt, weil ihr Kapitän Erkundigungen über die Insel Monte Christo einzuziehen wünschte, auf der, wie man vermutet, ein verborgener Schatz liegt –«

»Der aber in Wirklichkeit nicht dort vorhanden ist?« unterbrach Giacomo sie auf eine Weise, daß er sich dadurch verriet.

»Das ist eine andere Frage, Giacomo, und zwar eine Frage, die Dich wenig kümmern wird. Begnüge Dich damit, auf das zu antworten, was ich Dich fragen werde.«

»Signora,« sagte der Gondolier, »nach dem, was Sie mir soeben sagten, besinne ich mich genau auf das kleine Schiff und seinen Kapitän, in dessen Gesellschaft ich, ohne genau zu wissen wo, ein Glas vortrefflichen Lacrymä Christi getrunken habe. Ich besann mich daher auch gar nicht mehr auf den Kameraden, und muß gestehen, daß er mir beinahe Furcht einflößte! Er war ein Mann von brauner Gesichtsfarbe, graugemischtem Haar, schwarzen Augen und finstrem Ausdruck. – Er hatte besonders eine solche Weise zu sprechen, daß darüber eine Dame, wie Ew. Exzellenz, welche ihm die Ehre erwiesen hätte, seinen Reden das Ohr zu leihen, vor Schreck beinahe gestorben sein würde.«

»Was sagst Du?« fragte Valentine mit leise bebender Stimme.

»O, Dinge, die der heilige Marcus nimmermehr in dem Munde des unwürdigsten Venetianers verzeihen würde! – Und seine Handlungen erst! – Seine Handlungen schienen, nach meiner demütigen Meinung zu urteilen, in allen Punkten mit seinen Worten eines Verfluchten übereinzustimmen! – Er sagte, daß er in einem Kästchen die Hand eines Toten bewahrte – ja, was noch mehr ist, er wollte sie mir sogar zeigen.«

»Hat er Dir denn den Zweck einer so sonderbaren Reliquie erklärt? fragte Valentine mit einem eigentümlichen Ausdrucke der Teilnahme und des Entsetzens.

»Er erklärte ihn mir in Ausdrücken, die nur ihm eigentümlich sind, und die der Teufel allein wiederholen könnte, z. B. daß die Hand des Toten gegen einen Lebenden erhoben sei, und daß er der Wille dieses Verstorbenen sei, der aus dem Grabe auferstände und durch Gott beschützt würde!«

Bei diesen Worten Giacomos fühlte Valentine kalten Schweiß über ihre Stirn rinnen; das Interesse jedoch, welches diese sonderbaren Worte in ihr erweckten, war so groß, daß sie sich nicht enthalten konnte, über den Kapitän der Yacht, der Sturm, noch einige Worte an den Gondolier zu richten. »Dieser Mensch,« sagte sie, »hat, wenn ich dem glauben darf, was man mir versicherte, hier einen Seemann, Namens Pietro, erkauft, damit er ihm die Richtung nach der Insel Monte Christo bezeichne.«

»Richtig! Das ist es,« erwiderte Giacomo, indem er sich beeilte, auf den Gedanken Valentines einzugehen. »Pietro hat sich mit Leib und Seele dem Kapitän der Yacht verkauft und ist mit ihm nach der Insel Monte Christo abgesegelt.«

»Der Kapitän hat dabei, wie man mir sagte, die Absicht, die Insel auszuplündern und –«

»Aber ich hoffe, daß er weiter nichts finden wird, als die ungeheuren Steinmassen, die dort liegen. Es sind natürlich diese Felsen, welche die unerschöpflichen Schätze bilden, von denen er sprach, indem er sagte, daß sie den Armen gehörten, weil sie dem Schoße der Armen entspringen!«

Valentine erbebte vor Entsetzen, indem sie die sonderbare Uebereinstimmung bemerkte, die zwischen den Worten Giacomos und dem Traume bestand, den sie in der Grotte Monte Christos hatte.

Sie war indes noch immer entschlossen, dem beabsichtigten Raube kein Hindernis entgegenzusetzen, und indem sie sich an das erinnerte, was sie Rosine versprochen hatte, änderte sie die Richtung des Gesprächs, indem sie fragte:

»Glaubst Du, daß Pietro nach Venedig zurückkehren wird?«

»Ach, was das betrifft, so würde ich darauf meine Hände in das Feuer legen!« entgegnete Giacomo. »Der Kapitän der Yacht wird ihm nichts Böses zufügen, und wenn der arme Bursche einmal seinen Auftrag an Bord des Sturmes erfüllt hat, dann wird er nichts Eiligeres zu tun haben, als zurückzukehren und seine Schwester Rosina aufzusuchen.«

»Und wann wird sein Geschäft an Bord des Sturms beendet sein?«

»Spätestens in vierzehn Tagen wird er zurück sein.«

»Bist Du davon überzeugt?«

»Signora,« sagte Giacomo, »wir stützen hier alle unsere Hoffnung auf das Wohlwollen und die Barmherzigkeit unseres heiligen Schutzpatrones. Ich kann Ihnen daher nicht sagen: ich bin überzeugt – wohl aber: ich hoffe es

Es entstand ein Augenblick des Schweigens, währenddessen Valentine einen neuen Plan zu fassen schien.

»Giacomo,« sagte sie endlich, »ich hörte oft die Verschwiegenheit und die Tätigkeit der Gondoliere von St. Marcus rühmen.«

»Und Sie hörten da nur die Wahrheit, Signora! Was mich betrifft, und obgleich ich mich nur als den unwürdigsten meiner Brüder und Genossen betrachte, besitze ich doch den Stolz, mir zu schmeicheln, daß ich das Vertrauen der Personen verdient habe, welche mich bis zu dem heutigen Tage verwendeten.«

»Kannst Du über ein Fahrzeug verfügen, welches imstande ist, das Mittelländische Meer zu beschiffen?«

»Ei gewiß, ja! Ueber ein Schiff, welches ebenso tüchtig ist, wie der alte Bucentaurus es war, wenn man der Chronik glauben darf,« erwiderte der Gondolier.

»Sehr gut. – Hier hast Du Gold. Morgen zu derselben Stunde, wie jetzt, kehrst Du hierher zurück, und ich werde Dir dann die nötigen Instruktionen zu dem Dienste geben, den ich von Dir verlange.«

Bei diesen Worten übergab Valentine an Giacomo eine gefüllte Börse und forderte ihn durch ein Zeichen auf, sich zu entfernen.

Dann erstieg sie die Treppe der Vorhalle zu den innern Gemächern, durchschritt die Salons und begab sich nach ihrem Boudoir.

Kaum war sie hier eingetreten, als sie eine Bewegung der Ueberraschung machte, indem sie Max bemerkte, der neben einem Gueridon stand und damit beschäftigt war, zu lesen.

Max machte nicht die leiseste Bewegung; als er Valentine neben sich erblickte, begnügte er sich damit, sie zu fragen: »Wie befindest Du Dich, Valentine? Besser, ohne Zweifel?«

Aber er sagte dies mit einem so trockenen Tone, ohne nur die Augen von den Blättern seines Buches zu erheben, daß in dieser gezwungenen Gleichgültigkeit eine ganze lange Geschichte lag. Obgleich die Kälte Maximilians ihr nicht entgangen war, schrieb sie Valentine ohne Zweifel nur dem Interesse zu, das er an seinem Buche empfand, denn sie machte in ihrer Antwort keine Anspielung darauf.

»Ja, mein Freund,« erwiderte sie mit dem herzlichsten Tone, »ich fühle mich wohler – und ich glaube, daß ich Dich bald wieder begleiten kann.«

»So! – Aber ich will nicht, daß Du Dich für jetzt der kühlen Luft auf den Kanälen und der Piazza aussetzest!« erwiderte Max, die Blicke noch immer auf die Blätter seines Buches gerichtet.

»Das ist wahr. Ich gestehe, daß die Luft Venedigs mir nicht ganz zusagt,« entgegnete Valentine, indem sie sich neben Max setzte und ihre Hand auf die seinige legte.

»Du wünschest also, Venedig zu verlassen?« fragte er.

Valentine antwortete nicht, aber mit der Spitze ihrer hübschen Finger den Deckel von dem Buche berührend, in welchem Max las, schloß sie es.

Max lehnte sich auf seinen Armsessel zurück, kreuzte die Arme und ließ den Kopf auf die Brust herabsinken.

»Was hast Du denn, mein Freund,« fragte sogleich Valentine, indem sie sich auf seine Schulter lehnte und ihm liebevoll ihre Wange bot.

»O, Verzeihung, Valentine! – Verzeihung!« rief Max, indem er hastig aufsprang und mit aufgeregtem Wesen in dem Zimmer auf und nieder ging.

»Was sagst Du?« fragte Valentine, indem sie ebenfalls aufstand, aber regungslos stehen blieb, die verwunderten Blicke auf ihren Mann gerichtet.

»Ich sage, daß es kein vollkommenes Glück in der Welt gibt! Begreifst Du das, Valentine? Als wir glaubten, glücklich zu sein, als unsere törichte Einbildungskraft bereits die äußersten Grenzen der höchsten Glückseligkeit erreicht zu haben glaubte, da kam ein Dämon und begann den Schleier zu zerreißen, der die Illusionen verhüllte, welche unsere Seele nährte!« rief Max, indem er seiner Gattin gegenüber stehen blieb und die rechte Hand auf die Brust preßte, als wollte er die heftigen Schläge seines Herzens beschwichtigen, während er mit der Linken die Haare, die ihm in die Stirn gefallen waren, zurückwarf.

»Ach,« fuhr er fort, »ich glaubte, ja ich glaubte mehr als irgend jemand von der Welt, an die Dauer des Glückes, das ich empfand.« Und ohne seiner Frau Zeit zu lassen, ein Wort zu sagen, fügte er hinzu: »Aber ich habe mich auch mehr als irgend jemand auf dieser Welt getäuscht! – und jetzt –«

»Und jetzt?« fragte endlich Valentine, deren Herz sich zu beunruhigen begann.

»Jetzt, Valentine? Jetzt – was soll ich darauf antworten?« sagte er, indem er seine Worte mit einem bittern Lächeln begleitete.

»Ich weiß mir auf keine Weise Rechenschaft von dem zu geben, was Du sprichst, mein Freund,« sagte sie im höchsten Grade verwundert. Dann fügte sie hastig hinzu:

»Findest Du, daß Dein – daß mein Glück durch das gegen Dich ausgesprochene Verlangen getrübt wird, den Armen die Schätze Monte Christos zu überlassen oder mich von Venedig zu entfernen –«

»O, das Dreifache, das Vierfache von dem, was wir auf der Insel Monte Christo besitzen,« unterbrach sie Max – »mit wie freudigem Herzen würde ich es hingeben, um, wenn es nur irgend möglich wäre, den heutigen Tag zu vernichten oder ihn Satan zum Geschenk zu machen!«

»Wie? Du lästerst Gott? – Du, mein Max?«

»Nein – nein – Gott möge es mir verzeihen, und Du auch. – Aber um der Liebe eben dieses Gottes willen befrage ich mich nicht weiter, Valentine.«

Es war das erste Mal, daß Max mit einem Nebengedanken zu seiner Gattin sprach.

Valentine erkannte die ganze Unmöglichkeit, seinen geheimnisvollen Gedanken zu erforschen, drang nicht weiter in ihn und verzichtete darauf, durch die Worte Maximilians eine Erklärung zu erlangen; aber sie weinte schweigend die ganze Nacht hindurch, die erste, während welcher zwischen den beiden Gatten nicht die vollkommenste Harmonie herrschte.

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