Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dumas-Le Prince >

Die Totenhand

Dumas-Le Prince: Die Totenhand - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/dumas-le/totenhan/totenhan.xml
typefiction
authorDumas-Le Prince
titleDie Totenhand
publisherDumas-Le Prince
translatorK. Walther
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121227
projectideb7b626a
Schließen

Navigation:

III. Frau von Danglars.

Es war 8 Uhr morgens, als ein Wagen ohne Livree in die rue du Coq-Heron fuhr, und vor dem Hause des Staatsanwalts hielt, in dessen Tür sogleich ein alter Diener trat.

»Macht das Tor auf«, sagte der Kutscher, »denn es ist eine Dame in dem Wagen und diese kann schicklicherweise nicht hier auf der Straße aussteigen.«

Der Türhüter machte einen Einwurf, indem niemand, und vorzüglich nicht eine Dame, um diese Stunde den Staatsanwalt zu stören pflegte; indes das wiederholte Wort des Kutschers, eine Dame, errang zuletzt den Sieg über die Zweifel des Greises, der mit seinen abgemagerten Händen die Flügel des großen schweren Tores öffnete.

Der Wagen hielt vor dem Vestibül, und sogleich stieg eine Dame heraus, deren Formen wir schon jetzt als reizend schildern könnten, wenn sie sich nicht vom Kopf bis zu den Füßen in die Falten eines Kaschemirs gehüllt hätte.

Diese Dame wurde gemeldet und dann in das Arbeitskabinett Beauchamps geführt, wo sie etwa eine halbe Stunde wartete.

Endlich öffnete sich die Tür, und Beauchamp erschien.

»Frau Baronin Danglars!« rief er, den Ueberraschten spielend.

»Es ist wahr, mein Herr; verzeihen Sie mir, wenn ich Sie störe, aber ein unvorhergesehener Fall – Herr Staatsanwalt.«

»Setzen Sie sich, Frau Baronin«, fiel ihr Beauchamp in das Wort, indem er sich stellte, als bemerkte er die Aufregung der Frau von Danglars nicht.

Es entstand ein Augenblick des Schweigens, während dessen die Frau Baronin sich zwei oder drei Mal mit ihrem feinen Batisttaschentuch über das Gesicht fuhr. Es schien, als suchte sie ihre Kräfte zu sammeln, um ein wichtiges Wort auszusprechen.

»Mein Herr«, sagte sie endlich, »meine Anwesenheit hier – darf Ihnen nicht sonderbar erscheinen – um Gottes willen ersparen Sie mir die Verlegenheit, oder wenn Sie lieber wollen«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, »die Schande eines Geständnisses –«

»Ha«, dachte Beauchamp bei sich selbst, »um ihren ganzen Stolz zu brechen, haben einige wenige Worte hingereicht.«

»Ja, Frau Baronin«, fuhr er dann laut fort, »ja, und zwar ohne mich darum zu kümmern, auf welche Weise Sie ein Geheimnis erfahren haben, welches kaum dem Herrn Finanzminister bekannt ist.«

Die Baronin machte eine Bewegung, und der Beamte lächelte, indem er ihr einen Seitenblick zuwarf.

»Ich bin bereit, den Zweck Ihres Besuches zu erraten. Was wollen Sie, daß ich tun soll?«

»Sie können alles, mein Herr«, rief die Baronin heftig, »Sie können alles, als Beamter und als Freund.«

»Das sind zwei Dinge, die sich vor dem Gesetze sehr schwer vereinigen lassen!« murmelte Beauchamp.

»Meine Ruhe, mein Glück, meine Ehre, alles hängt in diesem Augenblick von Ihnen ab«, fuhr Frau von Danglars fort. »Ach, ich komme jetzt, um Sie mit aufgehobenen Händen anzuflehen, mich zu retten. Erzählen Sie mir alles!«

Beauchamp stand auf, ging an seinen Schreibtisch, zog ein Fach auf und nahm daraus einen Brief, der zwar versiegelt, aber bereits erbrochen war. Dann zu seinem Platz zurückkehrend, traf er Anstalt, den Brief zu lesen. Die Baronin verhüllte sich das Gesicht mit ihrem Taschentuch. Der Beamte las:

»Benedetto, ein Eid, den ich nicht verletzen durfte, soll Dir enthüllt werden. Ich will Dich nicht in der Welt zurücklassen, ohne daß Du eines Tages die Hand Deiner Mutter küssen kannst, indem Du ihr für die Tränen dankst, mit denen sie Dich benetzte, für den Schmerz, den ich ihr durch meine Unbesonnenheit verursachte! Wenn das Geschick sie eines Tages von ihrem Manne trennen sollte, dann suche sie auf und diene ihr zur Stütze, wenn sie im Elend lebt oder eines befreundeten Busens bedarf, um ihr durch die Leiden erschöpftes Haupt daran auszuruhen. Erinnere Dich meiner Worte und wisse, daß Du der Baronin Danglars das Leben verdankst.

Empfange den Segen Deines Vaters.
Villefort.«

Die Baronin stieß einen Schrei des Schmerzes aus, der Beamte aber blieb kalt.

»Ach, und mein Sohn kannte dieses entsetzliche Geheimnis nicht?« fragte sie mit bebender Stimme und die Wangen von dem Feuer der Scham und der Demütigung bedeckt.

»Nein, gnädige Frau«, erwiderte Beauchamp.

»Mein Gott, mein Gott, steh mir bei!«

»Genug, Frau Baronin,« sagte Beauchamp, »beruhigen Sie sich, man könnte Sie hören und möchte daraus schließen, Sie ständen als Verbrecherin vor Ihrem Richter!«

»Indes, was soll ich tun, um das Aergernis zu vermeiden, – oder vielmehr, was haben Sie die Absicht zu tun!« fragte sie, noch viel mehr beunruhigt. »Ach, weshalb mußte dieses Geheimnis eines begangenen Fehltrittes wieder in das Leben zurückgerufen werden!« fügte die arme Frau voll Bitterkeit hinzu.

»Wollten Sie etwa zufällig, der Unschuldige wäre für immer in der Grube geblieben, in die man ihn lebend eingesenkt hatte? – Gnädige Frau, die Erde besitzt nicht genug Kraft, um ein Verbrechen der Art zu verbergen!« sagte der Beamte, ohne seinen Blick von dem dunkelroten Gesichte der Frau von Danglars abzuwenden.

»Mein Sohn!« murmelte sie. »Ach, ich wußte wohl, daß Du atmetest – aber meine Tränen – meine Klagen konnten den Mann nicht andern Sinnes machen! Das Verbrechen war nicht das meinige – verzeihe mir! Und Sie, mein Herr«, fuhr die Baronin fort, indem sie sich unmittelbar an Beauchamp wendete, »retten Sie ihn, – wenn auch die Bitten einer Frau, die Sie ohne Zweifel verachten, in Ihren Augen nur wenig Gewicht haben, erfüllen Sie mein Flehen – retten Sie ihn! – Doch nein, vergessen Sie die Baronin Danglars, die nicht mehr den Anspruch auf Ihr Mitleid hat, vergessen Sie sie, doch bei den Manen Ihres unglücklichen Vorgängers, im Namen des Herrn von Villefort beschwöre ich Sie, retten Sie seinen Sohn!«

»Gnädige Frau, ich antworte Ihnen, was er selbst Ihnen geantwortet haben würde: Ich werde die Pflicht erfüllen, die das Gesetz mir auferlegt!« sagte der Beamte voll Würde.

»Wie! Ist das glaublich?« rief die Baronin außer sich. »Dieses Papier sollte öffentlich vor Gericht vorgelegt werden?«

»Vermeiden Sie das Aergernis!«

»Wie das, mein Herr: wie?«

»Indem Sie Frankreich verlassen.«

»Und wohin soll ich gehen – allein – verlassen von allen!« rief unbesonnen Frau von Danglars.

»Verlassen von allen?« wiederholte Beauchamp verwundert. »Und Ihr Gatte – und Ihre Tochter?«

»Ach«, rief die Baronin mit einem unbeschreiblichen Ausdruck der Wut, indem sie in ihrer Heftigkeit fortfuhr, »ich sehe wohl, daß ich Ihnen alles sagen muß! Sie sind wie alle Beamten, kalt, teilnahmlos, ohne Mitleid! Nun wohl, ich muß den Becher bis an die Hefe leeren. So erfahren Sie denn, mein Herr – mein Mann hat mich verlassen, – meine Tochter ist entflohen! Ich stehe allein in der Welt. Ich werde Frankreich verlassen – ich werde reisen, aber um Gottes willen – wenn es für Sie einen Gott außer dem Gesetze der Menschen gibt – retten Sie meinen Sohn!«

Bei diesen Worten verließ Frau von Danglars hastig das Kabinett des Staatsanwalts, sprang mit unglaublicher Leichtigkeit in ihren Wagen, fuhr nach ihrer Wohnung und machte sich hier sogleich daran, ihren Schmuck und ihr Geld in eine Reiseschatulle zu packen. Während dieser Arbeit rannen Tränen schweigend ihre Wangen herab und fielen auf ihre zitternden Hände; ihr ganzer Körper bebte krampfhaft, so sehr war ihr Nervensystem schmerzhaft erschüttert.

Sie sah jetzt Stein bei Stein das ganze Gebäude zusammenstürzen, welches sie für stark genug gehalten hatte, um selbst dem Blitze Widerstand zu leisten! Und dieses Gebäude sank in Staub, ohne daß ihr die geringste Hoffnung blieb, es wieder aufführen zu können.

»Ach, Villefort«, rief sie, indem sie mit dem Fuße stampfte und sich die Haare ausraufte, »nie hätte dieses Geheimnis über Deine Lippen kommen sollen!«

Dann trocknete sie die Tränen, die gegen ihren Willen ihren Augen entstürzten, öffnete die Fächer ihrer Schränke, wählte aus, was sie an Wäsche und Kleidungsstücken zu einer Reise von einigen Tagen bedurfte, und setzte diese geheimnisvollen Vorbereitungen mit dem festen Entschlusse fort, unverweilt Paris zu verlassen, wo ihr Verderben durch einen unbekannten und mächtigen Feind, dessen Schlägen sie nicht zu widerstehen vermochte, geschworen zu sein schien. Für eine Frau, wie Frau von Danglars, die angebetet, eitel und reich war, konnte es nicht unbedeutend oder gleichgiltig sein, den Mittelpunkt ihres Reiches zu verlassen, um sich im fremden Lande zu einer unbekannten Touristin herabzusetzen. – Je schöner der Traum, desto grausamer ist das Erwachen. Das empfand Frau von Danglars. Auf rohe Weise von ihrem Manne verlassen, einem dünkelvollen Kapitalisten, der es vorzog, mit den letzten Geldern, die er in der Kasse hatte und die ihm schon nicht mehr gehörten, zu entfliehen, statt seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären, hatte sie, die überaus stolze und hochmütige Frau, sich in den Augen der Welt mit dem ganzen Luxus und dem ganzen Glanze, von denen sie bisher umgeben gewesen war, erhalten wollen, indem sie über das Benehmen des Barons täuschte.

Dieser Plan, der ohne Zweifel deshalb sehr schwierig auszuführen gewesen wäre, weil die Gläubiger an der Hand des Gesetzes erscheinen mußten, das Besitztum des Barons Danglars in Beschlag zu nehmen, wurde durch einen sehr ungewöhnlichen Umstand unterstützt.

Einige Tage nach der unerwarteten Abreise des Barons wurden in Paris alle Papiere desselben eingelöst und das Haus der Frau von Danglars so der furchtbaren Schuldenlast von fünf bis sechs Millionen entledigt!

Dank diesem Wunder des Glückes konnte die Baronin ihren Rang in Paris aufrecht erhalten, und alle Welt glaubte, Danglars sei abgereist, um seine Tochter auf eine Reise zu begleiten, welche die junge Dame zu ihrer Ausbildung unternommen hatte. Gleichwohl gab die verlängerte Abwesenheit der Reisenden schon Grund zu unbestimmten Gerüchten unter denen, welche den rohen Charakter des Herrn von Danglars und die Ueberspanntheit des Fräulein Eugenie kannten. Dann trugen das unerwartete Erscheinen Benedettos, der durch den ehemaligen Geliebten der Frau von Danglars geschriebene Brief, die Geschichte von dem überlegten Kindermord, dazu bei, die arme Baronin zu bestimmen, dem Beispiele der Flucht des Herrn Barons und ihrer interessanten Tochter zu folgen.

Der Baron Danglars war aus Paris entflohen, weil er nicht arm sein wollte, obgleich er, um dies nicht zu sein, stehlen mußte.

Eugenie war aus Paris entflohen, weil sie sich nicht verheiraten wollte.

Frau von Danglars stand im Begriffe, ebenfalls zu fliehen, weil über Paris eine schwarze Wolke schwebte, die den Sturm verkündete. Ihre Vergangenheit stand auf dem Punkte, enthüllt und den begierigen Blicken eines stets neugierigen Publikums bloßgestellt zu werden. Ihr Entschluß war daher schnell gefaßt. Schon weinte die Baronin nicht mehr. Die Wangen wie gewöhnlich blaß, und mit festem Wesen, setzte sie sich an ihren eleganten, mit Elfenbein ausgelegten Schreibtisch, faltete schnell zwei Blätter Papier, und begann zwei Briefe zu schreiben. Mit fester Hand und sicherer Schrift richtete sie den ersten an Herrn Lucian Debray, ihren Associé aus der Zeit, wo auch er auf Steigen und Fallen spielte, und zwar auf Kosten des armen Baron Danglars; aber plötzlich erhob sie, als besänne sie sich anders, die Hand, schob das Blatt beiseite und begann einen zweiten Brief, an Benedetto adressiert.

Das kam daher, weil die Baronin vor allem Mutter war, und weil das Muttergefühl stets auf erhabene Weise durch alle Leidenschaft durchbricht, wie mächtig sie auch sein mag, wie fest sie auch in dem Herzen des Weibes wurzelt. Einige Minuten darauf war der Brief beendigt. Die Baronin überlas ihn, und zum zweiten Male füllten ihre Augen sich mit Tränen.

»Mein Herr!
Sie sind verlassen, in der Gewalt der Justiz, arm und elend, ohne andere Hilfe als Ihre eigene Beredsamkeit, um Ihre Freiheit wiederzugewinnen, wenn Ihr Richter gefühlvoll genug ist, sich durch die aufrichtige Auseinandersetzung des Verhängnisses rühren zu lassen, das seit Ihrer Geburt auf Ihnen zu lasten scheint. Ich weiß nicht, welches Ihr Los sein wird; indes erwarte ich alles von Gott. Vertrauen auch Sie auf seine unendliche Güte. Nun aber gestatten Sie mir, zu Ihrer Verfügung eine geringe Summe zu stellen, welche Ihnen dazu dienen kann, die Strenge Ihrer Kerkermeister zu mildern, und glauben Sie, daß es nicht ein demütigendes Almosen ist, welches ich Ihnen biete, sondern nur die Gabe, zu welcher sich eine Person verpflichtet fühlt, der Sie teuer sind.«

Als die Baronin gelesen hatte, öffnete sie ihre Brieftasche, nahm daraus für 60,000 Franks Bankbillets, schloß sie in den Brief, siegelte ihn und schrieb darauf: »Benedetto«. Dann umgab sie ihn mit einem zweiten Kuvert mit der Adresse: An den Herrn Generalstaatsanwalt.

Die Baronin ruhte sich einen Augenblick aus, und als sie ihre Tränen versiegen fühlte, gewann sie die erforderliche Ruhe zu der Fortsetzung der Vorbereitungen, welche ihre plötzliche, fluchtähnliche Abreise nötig machte. Wieder ergriff sie die Feder und schrieb an dem an Lucian Debray gerichteten Briefe weiter.

Diesem Manne teilte Frau von Danglars ihre Abreise mit, indem sie ihn bat, die Aufsicht über ihr Haus zu übernehmen, bis sie ihm neuerdings schreiben würde, um ihm ihre Absichten über dasselbe sowie über das Mobiliar und über das Silberzeug auszusprechen.

Als sie diese Arbeit beendet hatte, öffnete sie das nach dem Hofe hinausgehende Fenster und blieb in der Brüstung desselben liegen, bis sie ein Individuum bemerkte, das sich nach allen Seiten umzusehen schien. Sie gab demselben mit der Hand ein Zeichen, über eben die Seitentreppe heraufzukommen, über die Lucian Debray gewöhnlich in ihr Zimmer gelangte.

»Tretet ein, Thomas«, sagte sie zu einem Manne, der in eine blaugestreifte Bluse gekleidet war, rote Beinkleider und große Stallstiefel trug, und der verwundert auf der Schwelle der Tür stehen blieb.

»Wie, in diesem Zustande, Frau Baronin?« entgegnete er verlegen, indem er einen Blick über seine Bluse gleiten ließ.

»Tretet nur näher; ich muß mit Euch sprechen.«

Der Kutscher faßte Mut und trat ein, wobei er mit Staunen bemerkte, daß die Baronin die Tür der Treppe sorgfältig hinter ihm verschloß.

»Als ich Euch in meinen Dienst nahm«, sagte sie dann, »geschah es, weil ich Euch als einen verständigen und verschwiegenen Menschen betrachtete.«

»Sonst könnte ich kein guter Kutscher sein.«

»Schön. Für den Augenblick handelt es sich um eine längere Spazierfahrt, um eine Spazierfahrt, die sogar einer Reise gleicht: Abwechslung, Veränderung der Straße, ohne großen Aufenthalt an einem oder dem andern Ort, verschiedene Länder –«

»Ich verstehe, Frau Baronin«, unterbrach sie der Kutscher, indem er den Kopf mit dem Ausdrucke eines Menschen emporrichtete, der vollkommen begreift, was man ihm mit halben Worten auseinanderzusetzen sucht. – »Ich war es, der den Kutscher in die Schule nahm, welcher die Ehre hatte, den Herrn Baron zu fahren. Er war mein Kamerad und ein Bursche mit offenem Kopf.«

»Und Ihr könntet auch bei einer andern Gelegenheit für einen ebenso klugen sorgen?«

»Ich würde selbst gehen, Frau Baronin. Ich bin Nummer Eins, und mich kümmert es wenig, ob ich hier oder anderwärts bin.«

»Wirst Du morgen bereit sein?« fragte die Baronin in noch vertraulicherem Tone.

»Noch heute, wenn Sie es befehlen.«

»Eine Postchaise mit guten Pferden, die mich an irgend einem abgelegenen Orte erwartet; wir fahren von hier in meiner gewöhnlichen Equipage ab; Du besorgst die Pässe; das Gepäck wird leicht sein; hier ist das meinige.«

Der Kutscher warf die Augen auf einen kleinen Lederkoffer und machte ein Zeichen des Einverständnisses.

»Dann Straße nach Brüssel, Lüttich, Aachen –«

»Sehr gut. Alles soll bereit sein, Frau Baronin, und was die Pferde betrifft, so dächte ich, die Braunen zu nehmen, die kräftig und rasch sind. – Die armen Schäfchen haben mich freilich eines Tages aus dem Sattel geworfen, aber sie werden schön ruhig werden; das ist eine Geschichte, um darüber zu lachen. – Nun aber von wegen der Pässe?«

»Versteh mich wohl. – Es ist ein ganz junger Mensch, der reist; klein, mit blauen Augen, blondem Haar, blaß, regelmäßige Nase, dünne Lippen; – er ist kränklich und reist, um sich von einer moralischen und physischen Niedergeschlagenheit zu befreien.«

»Ich verstehe vollkommen!« rief der Kutscher mit dem Ausdruck der Verwunderung.

»Besonders sei verschwiegen! Hier hast Du Gold!«

Der Kutscher empfing die Börse aus den Händen der Baronin und eilte fort, indem er vor Lustigkeit beinahe große Sätze machte.

Am folgenden Tage bestieg die Baronin ihre Equipage, die ihrer auf dem Hofe wartete, und ein sonderbarer Zufall fügte es, daß sie eben die Treppe hinabging, über die ein Jahr zuvor Fräulein Eugenie mit ihrer Freundin Luise d'Armilly entflohen war.

*

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.